26. Her Past

The past beats inside me like a second heart."

John Banville

Die Para-Magier waren verschwunden. Draco war sich nicht sicher, warum, aber noch immer befand er sich etwas unschlüssig in ihrem Haus. Und sie hatten ihn gefragt. Die Para-Magier hatten ihn gefragt, ob er mit ins Mungo wollte. Allerdings war ihm das einen Hauch zu real gewesen.

Bisher hatte er sich damit abgefunden, dass er Vater sein wollte. Allerdings wollte er weder dabei sein, wenn Granger schreiend, mit hässlich rotem Kopf das Kind rauspresste, noch wollte er in irgendeinem Wartezimmer sitzen, falls es keine Wehen waren.

Dann müsste er sie womöglich noch nach Hause bringen?

Und deshalb hatte er den Para-Magiern gesagt, er hätte kein Interesse, mit ins Mungo zu kommen. Und er nahm an, das war es auch, was Granger bevorzugte – dass er nicht mitkam.

Allerdings war er noch nicht verschwunden. Er hätte seit fünfzehn Minuten das Haus verlassen können, denn wenn er wirklich ehrlich war – dann wollte er nicht länger hier bleiben. Er wollte schon nicht hier sein, wenn Granger da war. Ohne sie… gab es überhaupt keinen Grund, weshalb er in ihrem Wohnzimmer stehen sollte.

Es war aufregend gewesen heute. Und es reichte erst mal an gezwungenem Kontakt zu der Frau, die seinen Sohn bekommen würde. Sicher, er hatte es sich anders vorgestellt. Er hatte sich vorgestellt, sie würde ihm zu Füßen sinken, sich glücklich schätzen, dass er sich dazu herabließ, ein Teil davon zu sein. Denn er glaubte immer noch, er wäre ein verdammt guter Fang. Zwar nicht wortwörtlich in diesem Sinne für Granger, denn wenn er alleine ihre Gestalt sah, kribbelte es ihn vor Ekel in den Fingern.

Sie war nicht unbedingt seine Vorstellung einer Traumfrau. Klar, sie war wirklich fett. Aber er nahm an, wenn er sich richtig erinnerte, war sie für gewöhnlich sehr dünn. Also… wenn sie nicht gerade schwanger war. Aber dennoch war sie nicht sein Typ. Überhaupt nicht. Er bevorzugte… den gutaussehenden Typ.

Unschlüssig sah er sich. Wanderte zum einen Fenster, dann zum anderen. Knipste einige Lampen an, dann schlenderte er zurück zu ihrer Couch, wo sie gesessen hatte, und der Streit klingelte noch in seinen Ohren.

Er war zuvorkommend gewesen, und sie war eine Schreckschraube.

Tee. Er hatte Lust auf Tee, dachte er plötzlich und ging in ihre kleine Küche. Sie wohnte wirklich beengt, fiel ihm stirnrunzelnd auf. Konnten sich Kriegshelden kein größeres Haus leisten? Oder gefiel es ihr so beengt? Aber er verwarf seine Gedanken, denn es interessierte ihn nicht wirklich, ob die Schreckschraube gerne im kleinsten Haus der Welt wohnen wollte.

Er öffnete beiläufig die Türen, fand eine Teekanne und tatsächlich schrecklich gewöhnliche Teebeutel, anstatt löslichem Tee. Merlin, wie lebte sie eigentlich? Teebeutel! Nagte sie bereits jetzt am Hungertuch? Er schüttelte sanft den Kopf, als er Feuer auf dem Herd entfachte und einen Kessel mit Wasser aufsetzte.

Er lehnte sich gegen die Küchentheke und lauschte in die Stille. Er gab zu, es war nicht ganz so übel. Godric's Hollow war ruhig. Es gab keinen Straßenlärm, den die Muggel verursachten, es gab nicht so viele Flugeulen mit ständigen Pakten und Briefen. Es war fast… erholsam. Nicht dass er darauf Wert legen würde! Er mochte es laut und wild. Er brauchte Leben!

Granger konnte auf einem Friedhof wohnen, wenn sie wollte.

Er sah sich um, bedachte ihre verschiedenen bunten Tassen argwöhnisch und fragte sich, ob sie kein passend zusammenhängendes Service hatte. Er würde seinen Tee wohl aus einer unförmigen, hässlichen Ministeriumstasse trinken müssen.

Dass sie nicht mal Auror war, dachte er kopfschüttelnd, als er sich eine der Tassen vom Haken nahm. Abteilung für Öffentliche Arbeit und Einrichtungen. Er würde einschlafen, müsste er dort arbeiten. Was tat sie den ganzen Tag? Nahm sie tatsächlich nur den Reinblütern das Gold weg und steckte es in die öffentliche Elfenrechte-Organisationsanstalt oder so etwas?

Und er wusste, er würde früher oder später seinen Eltern sagen müssen, dass er wieder in England war, fiel ihm nachdenklich ein.

Er wollte nicht. Sein Vater würde wollen, dass er endlich für die Vereinigung arbeitete, worauf es hinauslaufen würde, würde er beschließen, hier zu bleiben, denn etwas Lukrativeres bot sich ihm nicht.

Und wo würde er wohnen? Nicht auf Malfoy Manor, soviel stand fest. Würde er weiter in Hotels leben oder würde er sich ein Haus kaufen müssen? Für sich und das Kind, wenn es ihn jeden zweiten Tag besuchte. Oder von ihm aus jeden dritten, wenn Granger von dem unappetitlichen Thema ihrer Brüste anfing.

Ja, er hatte keine Ahnung von Babys. Aber er nahm an, das hatte sie auch nicht. Und eigentlich wusste er nicht, was er wirklich wollte.

Aber es reichte für ihn erst mal, dass er Vater sein wollte. Was auch immer das bedeutete…!

Der Kessel pfiff, und er goss heißes Wasser über seinen schrecklichen Teebeutel. Aber es würde erst mal ausreichen müssen. Er schaltete den Herd aus und stellte stirnrunzelnd fest, dass sie einen Kühlschrank besaß. Keinen magischen, nein. Einen Muggelkühlschrank. Granger verfügte über erstaunlich viel Strom in einem Haus in einem reinmagischen Dorf.

Aber er zog die Tür auf und schmunzelte über das Licht, das die Glühbirne verströmte. So künstlich. Aber die Temperatur war angenehm. Nicht so schwankend wie bei magischen Kühlungen, bei denen man alle paar Stunden nachsehen musste, ob die Lebensmittel tatsächlich nicht verdarben.

Stirnrunzelnd stellte er fest, dass einige durchsichtige Dosen im Kühlschrank standen, mit kleinen Notizzetteln.

‚Wärm dir die Frühlingsrollen auf. Ich dachte mir, du wirst Hunger haben, wenn du aus dem Krankenhaus kommst. – Mum'

Draco öffnete die quadratische Dose, und tatsächlich lagen dort einige Frühlingsrollen, die verführerisch dufteten. Er hatte Hunger. Verdammt großen Hunger. In der nächsten Dose befand sich eine scharfe Soße, und in der letzten weitere asiatische Spezialitäten, die er allesamt auf einen Teller packte und mit dem Zauberstab erhitzte.

Zu trinken hatte sie nichts, stellte er kopfschüttelnd fest. Und Elfen hatten sie anscheinend auch keine. Er füllte sich zu seinem Tee noch ein Glas mit Leitungswasser und setzte sich an ihren Küchentresen.

Während er das – tatsächlich unglaublich leckere – Essen aß hob er den Blick zum offenen Regal über sich. Er saß auf einem hohen Hocker und konnte das Regal mit einem Griff erreichen. Er zog sich ein seltsames Buch hervor. Es wirkte wie ein Kochbuch, aber der Einband war aus Stoff.

Und er stellte kauend fest, dass es sich um ein Fotoalbum handelte. Er blätterte die erste Seite um. Und er verzog den Mund, als er Diggory erkannte. Es war anscheinend ein Hochzeitsalbum. Merlin, er hasste diesen Kitsch! Überall lachten und winkten ihm Potter und Weasley entgegen. Er blätterte gereizt weiter, bis sein Blick an einem Bild von ihr hängen blieb. Sie stand vor einem Spiegel, und die kleine Weasely hatte das Foto gemacht, denn er erkannte sie im Spiegel, mit der Kamera in der Hand.

Grangers Spiegelbild lächelte im zu. Sie trug scheinbar ihr Hochzeitskleid, aber es war kein traditionelles Kleid, wie er sie von Reinblüter-Hochzeiten kannte. Es war kurz, ging ihr nur bis zu den Knien, und es war wohl Sommer, denn er ihre Haut wirkte dunkel gebräunt.

Ihre Haare lockten sich tief ihren Rücken hinab. So lang waren sie jetzt nicht mehr, dachte er abwesend. Und ihre Figur in dem Kleid war… relativ ansprechend. Ihre Augen waren dunkel geschminkt, und ihre Lippen leuchteten rot.

Er blätterte knapp weiter, ehe er zu lange starrte. Er stach sich Gemüse auf die Gabel und betrachtete die belebten Fotos von Grangers Hochzeit. Sie und Diggory wirkten… fast lächerlich glücklich. Es folgten Bilder der langweiligen Torte, Bilder von den langweiligen Gästen, und Draco klappte das Buch zu. Er schielte nach oben, und tatsächlich entdeckte er im nächsten Fach ein weiteres Fotoalbum.

Kurz fühlte er sich etwas schlecht dabei, hier rumzustöbern, aber dennoch schlug er das nächste Album gespannt auf.

Er runzelte die Stirn und fuhr sanft mit dem Finger über das Foto. Es wirkte kaputt, denn niemand bewegte sich in diesem Bild. Es war völlig starr. Und es zeigte ein kleines Mädchen mit einem Wust an braunen Locken auf dem Kopf, das in einer Sandkiste saß.

Er nahm an, es waren Grangers Kinderfotos. Muggelfotos, die sich nicht bewegten.

Seine Mundwinkel zuckten ab und, wenn er Babyfotos von ihr sah, wo sie in Windeln durch einen fremden Garten marschierte.

Es folgten eine Menge Fotos von Hogwarts, von einem pickligen Weasley und einem schmalen Potter. Draco musste grinsen. Ja, so haben die Helden ausgesehen. Genussvoll aß er alle Frühlingsrollen auf, sah sich alle Fotos an, auch die von Granger und der kleinen Weasley, als sie wohl im Schlafsaal Modenschau gespielt hatten, und furchtbare Röcke und Kleider trugen.

Die Alben stapelten sich langsam auf dem Tresen, denn er hatte sich ein weiteres gegriffen.

Diese Fotos waren wieder magisch. Scheinbar zeigten sie wie Granger und Diggory das Haus hier renoviert hatten. Granger trug eine Latzhose. Nicht sehr vorteilhaft. Und überall waren Farbklekse auf ihrem Gesicht verteilt. Draco schob den leeren Teller beiseite, stützte sich entspannt auf den Ellbogen auf und blätterte weiter.

Und gespannt zog er seinen Zauberstab, denn er entdeckte ein aktives Foto. Er tippte es an, und die magische Vision zeigte sich vor seinen Augen, hob sich aus dem Album hervor, schwebte praktisch darüber.

Diggory schien diese Vision von Granger aufgenommen zu haben, denn er schlich sich langsam heran, während sie auf mühsame Muggelart ein Zimmer oben zu streichen schien.

‚Und hast du Spaß?', fragte die männliche Stimme in der Vision. Es klang schon ein wenig verzerrt, als hätte jemand diese Vision schon tausend Mal angesehen. Granger wandte sich erschrocken um. Sie trug in dieser Vision eine weite Hotpants, ein helles Trägershirt und über den Locken eine Kappe der Sheffield Shooters. Wahrscheinlich Diggorys. Draco nahm nicht an, dass Granger ein Quidditchfan war.

‚Erschreck mich nicht, hilf lieber!", lachte Granger jetzt, klang sorglos und schien nicht aufhören können zu lächeln. Draco konnte helle Farbklekse auf ihren bloßen Oberschenkeln ausmachen. Diggory kam mit der Kamera näher, richtete sie direkt auf Grangers Gesicht.

‚Meine schöne Frau kann es besser alleine', hörte Draco Diggory sagen, und Grangers Gesicht lag halb unter der Kappe verborgen. ‚Ich bin sehr ungeschickt', fuhr Diggory lachend fort, als Granger mit der Farbrolle ausholte. Ein Farbklecks traf die Linse. Draco sah ihn vor sich. ‚Das bedeutet Rache!", lachte Diggory, stellte die Kamera mit einem Ruck ab und kam ins Bild. Draco sah ihn nur von hinten. Er tauchte beide Hände in den Farbeimer, und Granger quietschte auf, als er ihr folgte. Schon an der Tür hatte Diggory sie eingeholt, und Draco wandte den Blick nicht, als Diggory sie in seine Arme zog, gegen den Türrahmen lehnte, und sie küsste, während seine Hände ihr Oberteil in Farbe tränkten.

Die Vision war vorbei, flackerte kurz, und dann starrte Draco nur noch ins Leere.

Er blätterte weiter. Irgendwann war das Haus fertig, und es folgten Gartenbilder. Granger in der Hängematte, Granger beim Kräuterpflanzen. Granger, Potter und Weasley im Garten beim Kartenspielen. Etliche Bilder von Granger und Digggory zusammen, aber Draco hielt immer nur inne bei Bildern von ihr. Es war bemerkenswert wie anders sie heute aussah.

Er glaubte nicht, dass sie noch lachte. Er hatte es noch nicht erlebt.

Ein Bild erregte besonders seine Aufmerksamkeit, denn Granger trug nichts weiter als einen knallroten Bikini. Scheinbar waren sie und Diggory irgendwo in Urlaub am Meer.

Verdammt. Das war ein netter Anblick. Draco wunderte es nicht, dass Diggory davon ein Foto hatte haben wollen. Granger lachte, steckte ihre Locken immer wieder zurück und drehte sich im Kreis. Ja, definitiv nicht übel.

Dann hatte Granger wohl ihre Haare geschnitten. Sie waren wesentlich kürzer als jetzt, aber sie wirkte direkt jünger. Auf den Fotos gingen sie ihr bis zum Kinn. Die Locken wirkten noch wilder. Draco erinnerte sich, heute waren sie ihr bis knapp über die Schulter gegangen.

Es folgten einige Bilder von Granger und Diggory zusammen mit einem Kind. Potters Kind, nahm Draco scharfsinnig an. Es hatte genauso dunkle Haare.

Und dann waren die Seiten leer. Draco blätterte noch einige Seiten weiter, und ein paar lose Bilder fielen auf den Tresen. Sie waren neuer.

Und er erkannte Potters Haus. Granger saß im Wintermantel neben dem Mann, den Draco bei Gringotts getroffen hatte. Wie hieß er? Dermont? Das war dann wohl Grangers neuer Typ, dachte er und verzog den Mund. Er betrachtete sich das nächste Bild. Granger hatte sich wohl selber fotografiert vor dem Spiegel. Und sie trug nur Jeans und BH und besaß bereits einen beachtlichen Babybauch. Sie lächelte, streichelte über ihren runden Bauch, und Draco legte die Bilder wieder zurück.

Kurz kam er sich so vor als dränge er in ein Leben ein, wo er nichts verloren hatte.

Aber das stimmte ja nicht. Es war sein Kind. Es war sein Leben.

Er stellte seufzend die Alben zurück, und sein wohlwollender Blick stieß auf eine bauchige Flasche Schnaps auf dem Regalbrett. Es war wohl immer so, dass jeder irgendwo irgendwelchen Alkohol bunkerte. Und er empfand kaum Reue als er ihn hervorzog und das Etikett las, was um den Hals der bauchigen Flasche hing.

‚Fröhliche Weihnachten! Selbstgebrannter Weasley Wiesenschnaps! Nach der Schwangerschaft kannst du ihn probieren! Molly Weasley'

Draco entkorkte den Deckel und roch vorsichtig an dem Getränk. Es roch würzig und verdammt verführerisch. Und ja, Granger war schwanger und durfte ihn ohnehin nicht trinken.

Er angelte sich ein Glas aus dem Schrank rechts von ihm und goss es sich halb voll.

Nach dem ersten Tropfen schüttelte er den Kopf, denn es war schärfer als er gedacht hatte, aber es war nicht unangenehm. Er nahm noch einen tiefen Schluck und nickte dem Glas zu. Es war verflucht lecker. Er kippte es sich erneut halbvoll und schritt damit durch das Erdgeschoss, zurück durch den Flur und schließlich die Stufen nach oben.

Oben waren zwei Zimmer und ein Bad. Erneut fragte er sich kopfschüttelnd, wie Granger und Diggory zusammen in diesem winzigen Haus hatten leben können. Unten hatte er zwar noch eine Art Bücherzimmer ausgemacht, aber das war es auch schon. Und er schritt den Flur hinab und stieß die angelehnte Tür auf. Auch hier entfachte er das Licht.

Sein Blick wanderte über das Kinderbettchen, über den bunten Teppich, die gelben Wände, die Kuscheltiere, die schon vorsorglich in den Regalen warteten, und er betrachtete den Schaukelstuhl, der mit weichen Kissen gepolstert war.

Hier würde das Kind wohl wohnen. Gut, Granger hatte sich ein Zimmer mehr Gedanken gemacht als er, stellte er mürrisch fest, während er noch einen Schluck Wiesenschnaps trank. Seine Finger fuhren das Geländer des Kinderbetts entlang.

Aber ihn überkam ein beklemmendes Gefühl, wenn er darüber nachdachte, dass dieses Bettchen nicht für immer leer sein würde, und er beeilte sich, das Zimmer zu verlassen.

Er schritt weiter ins Schlafzimmer. Alles war so ordentlich hier, wie er es von Granger erwartete. Das Bett war akkurat gemacht. Es war groß und verfügte über zwei Kopfkissen und zwei Bettdecken. Wahrscheinlich schlief dieser Dermont mittlerweile hier, überlegte Draco knapp. Super. Sein Kind würde mit dem perversen Verständnis von zwei Vätern aufwachsen, nahm er dumpf an.

Er schlenderte zu ihrer Seite, setzte sich auf die Bettkante und betrachtete ihren Nachttisch, wo sich endlos viele Krimis stapelten. Erkannte er da eine Vorliebe? Mit gerunzelter Stirn nahm er eine Box in die Hand. Sie war verpackt wie ein Geschenk. Und er nahm an, es lag an Mrs Weasleys Wiesenschnaps, dass ihn keine Hemmungen überkamen, als er die Box auspackte. Er war interessiert, und das Haus war ansonsten ziemlich langweilig.

Es war eine rote Samtbox. War es ein Geschenk von Dermont an Granger? Er klappte achtlos den Deckel hoch. Seine Augen weiteten sich kurz. Das war ein verdammt großer Diamant. War das ein Verlobungsring, fragte er sich unwillkürlich, und betrachtete den filigranen Ring mit dem immensen Stein anerkennend. Wieso hatte Granger die Box noch nicht ausgepackt?

Interessiert öffnete er ihre Schulblade. Er war in Stöberlaune. So rechtfertigte zumindest sein Unterbewusstsein sein Verhalten. Er musste schließlich wissen, was die Frau, die sein Kind bekam, so trieb. In ihrer Nachttischschulblade befand sich eine Mappe mit Zeitungsberichten.

Draco überflog das Datum. Es war ein Zeitungsausschnitt von vor fünf Jahren. ‚Auror bei Außeneinsatz ums Leben gekommen. Ehemalige locken Auroren in Hinterhalt!'

Ja, er erinnerte sich dunkel. Irgendwelche ehemaligen Todesser hatten ein altes Lager in die Luft gejagt, nach dem sie einen Trupp Auroren des Ministeriums auf eine falsche Fährte geführt hatten. Granger hatte scheinbar alle Zeitungsartikel von diesem Unglück aufgehoben. Er legte die Mappe zurück und erkannte ein neueres Exemplar des Tagespropheten zusammengerollt auf dem Boden der Schublade.

Er holte es hervor und überflog den Artikel, der aufgeschlagen war.

Merlin, konnte das sein?

‚Mienengräber und englischer Angestellter von Gringotts bei Grabungen in Bulgarien abgestürzt – gilt als verschollen! Harry Potter persönlich auf der Suche!'

Die Zeitung sank in seinen Händen. Er erinnerte sich, dass Granger den Para-Magiern gesagt hatte, sie wäre heute aus dem Mungo gekommen und hätte bis vorhin unter Einfluss von Glückszaubern gestanden. Kombinierte sein Verstand hier richtig? War Dermont abgestürzt und galt als verschollen?

Und selbst er musste zugeben, dass das… relativ furchtbar war. Wenn man denn bedachte, dass Granger schon einmal einen Mann verloren hatte. Und bestand die Chance, dass Potter ihn fand?

Draco legte die Zeitung seufzend zurück. Das war ihm etwas zu viel Drama, gab er zu. Fast tat es ihm leid, dass er die Box augepackt hatte. Und fast tat es ihm leid, dass er sich heute mit ihr gestritten hatte – aber nur fast, denn schließlich ging es auch um sein Leben.

Er stellte enttäuscht fest, dass sein Schnaps alle war. Er erhob sich seufzend von ihrem Bett.

Beim Rausgehen spähte er noch in ihren begehbaren Kleiderschrank. Aber er konnte weder den roten Bikini, noch ihr kurzes, enges Hochzeitskleid entdecken. Schade. Sonst hätte er ihr bei Gelegenheit vorschlagen können, diese Sachen zu tragen, wenn sie sich mit ihm stritt. Denn dann hätte er wenigstens etwas Nettes zum Ansehen, während sie ihm kostbare Minuten seines Lebens raubte.

Erleichterung kroch über Ginnys Gesicht, nachdem sie Hermine gründlich untersucht hatte und diese vor Schmerzen fast vergangen war. Fast ängstlich saß Hermine auf dem Behandlungsstuhl, und sie konnte nicht fassen, schon wieder im Mungo zu sein.

„Schwangerschaftswehen", klärte sie Hermine schließlich mit einem beruhigenden Lächeln auf. „Die meisten Frauen bemerken sie gar nicht. Es fühlt sich an wie Wehen, aber… es ist falscher Alarm. Alles ist in Ordnung", schloss Ginny, und Hermine würde ihr gerne erklären, dass absolut gar nichts in Ordnung war!

Und das begann schon damit, dass Draco Malfoy ihr erklärt hatte, dass er Vater sein wollte.

„Ok?", erwiderte Hermine, und ihre Hand lag immer noch auf ihrem Unterleib.

„Wirklich, Hermine. Alles in Ordnung", bestätigte Ginny erneut. „Vielleicht regst du dich ein bisschen weniger auf. Weißt du, dagegen helfen die Glückszauber nämlich-"

„-nein!", fuhr Hermine sie an. „Keine Drogen mehr, Ginny!", sagte sie barsch. Sie atmete langsam aus. Gott, sie wollte da nicht raus. Und Ginny schien es ihr anzusehen.

„Draco Malfoy ist also… wieder da?", bemerkte Ginny, während sie den Zauberstab desinfizierte, alles wieder aufräumte und schließlich Hermine direkt ansah.

„Hm", machte Hermine unglücklich, denn sie wusste nichts anderes zu sagen. Malfoy wollte ihr Kind wegnehmen. Alle zwei Tage am besten. Sie bekam Kopfschmerzen. „Was soll ich nur tun?", flüsterte Hermine.

„Na ja, du darfst jetzt gerne wieder nach Hause gehen. Und beim kleinsten Anzeichen von Depressionen oder Traurigkeit empfehle ich dir dennoch die Glückstabletten. Auch wenn du zu wütend wirst. Denn Stress ist deiner Schwangerschaft nicht zuträglich, Hermine", ermahnte Ginny sie. Oh wirklich? Als hätte sich Hermine den Stress ausgesucht.

„Und die Schmerzen kommen nicht mehr wieder?", vergewisserte sich Hermine, als sie sich erhob.

„Ich habe sie jetzt mit einem Zauber gehemmt. Es kann sein, dass du wieder Schwangerschaftswehen spürst, aber dann ist es höchstwahrscheinlich wieder falscher Alarm. Aber zur Sicherheit kommst du dann zu mir", schloss Ginny freundlich.

„Ok", murmelte Hermine erschöpft.

„Willst du bei Harry und mir übernachten?", schlug Ginny ihr dann vor, aber Hermine schüttelte den Kopf.

„Nein, schon gut. Ich will nach Hause."

„Die Kutsche wird dich bringen", versprach Ginny. „Und wenn irgendetwas ist, meld dich einfach." Ginny zog sich den Kittel aus, und Hermine quälte sich wieder in ihren Mantel. „Leider habe ich noch ein wenig Papierkram zu erledigen. Du kannst auch warten, dann komme ich mit und bringe ich dich", bot Ginny ihr an.

„Nein, nein. Ich schaffe es schon. Aber morgen könnten wir vielleicht noch etwas Zeit verbringen?", fragte sie hoffnungsvoll, denn sie wollte nicht alleine sein. Und sie wollte zu Ginny und Harry, denn sie wollte ihn fragen, ob sie schon irgendwelche Hinweise gefunden hatten. Sie wusste nicht, ob Ginny ihre Hintergdanken erraten konnte, aber immerhin tat sie so, als könne sie es nicht.

„Aber natürlich! Und hier, schaffst du das?" Ginny holte eine Tasche hervor. Hermine erkannte ihre Sachen und die Wolldecke, die sie mit im Mungo hatte.

„Klar", sagte Hermine nur, und Ginny drückte sie zum Abschied.

„Du bist ganz tapfer. Noch einen kleinen Monat, und dein Baby ist da", versprach Ginny ihr lächelnd, und Hermine fiel auf, dass sie seit einer Weile nichts mehr zu lächeln hatte. Und heute war keine Ausnahme davon gewesen.

„Ja, ich weiß", erwiderte Hermine.

„Geh runter, ich bestellte schon mal die Kutsche", verabschiedete sich Ginny von ihr, und Hermine verließ wieder einmal Ginnys Station.

Es kam ihr vor, als wäre eine Endlosigkeit vergangen, bis die Kutsche heute schon zum zweiten Mal vor ihrem Vorgarten anhielt. Sie gähnte beim Aussteigen, und konnte nicht erwarten, einzuschlafen.

Sie wunderte sich mäßig darüber, dass Licht brannte. Hatte Ginny ihrer Mutter Bescheid gegeben? Oder Narzissa? Denn außer ihrer Mutter besaß niemand einen Schlüssel zu ihrem Haus. Es war so ein anstrengender Tag. Hermine konnte gar nicht fassen, dass all das heute an einem Tag passiert war, als sie ihre Tür aufschloss.

Merlin, es brannte ja fast jedes Licht!

„Hallo?", rief sie in die Stille des Hauses. „Mum?"

Sie sah sich im Flur um, hing ihre Jacke auf und trug die Mungo-Tasche ins Wohnzimmer. Sie würde ihre Wäsche schon mal aussortieren können. Vielleicht übernahm das ihre Mutter. Sie räumte doch scheinbar so gerne hier-

Hermine hatte ihr Wohnzimmer betreten und erkannte zwei Füße, die über ihre Sofalehne hingen. Viel zu große Füße, als dass sie ihrer Mutter gehören konnten!

Sie hatte die Hand am Zauberstab liegen, aber… vielleicht… war es Alec?

Sie kam eilig näher und spähte über die Sofalehne.

Nein.

Es war… nicht Alec, stellte sie mit offenem Mund fest. Ihre Stirn runzelte sich. Auf ihrer Couch lag Draco Malfoy. Seine Schuhe lagen unordentlich davor, und seine Beine waren zu lang, deshalb lugten seine Füße in dunklen Strümpfen über ihre Armlehne. Auf ihrem Couchtisch stand der Wiesenschnaps, den Molly zu Weihnachten gebraut hatte. Allerdings war er… so ziemlich leer. Sie roch asiatisches Essen, stellte sie verwirrt fest und erkannte auf dem Küchentresen leere Tupper Dosen ihrer Mutter.

Malfoy hatte ihr Essen gegessen?! Viel wichtiger – Malfoy war nicht gegangen, nachdem er sie den Para-Magiern übergeben hatte?!

Ihr Mund öffnete sich, als sie erkannte, dass er mit ihrem Fotoalbum eingeschlafen war!

Was hatte er hier getrieben? Er hatte ihr Haus durchsucht und alles gegessen, was er gefunden hatte? Sie hatte immerhin nicht wirklich Hunger, stellte sie müde fest. Also war das das kleinere Problem.

Sie kam langsam um die Couch herum. Er schlief mit tiefen Atemzügen.

„Malfoy?", sagte sie fast ruhig. Obwohl sie wütend war. Aber sie war heute einfach zu müde. Er reagierte nicht. „Malfoy", wiederholte sie und bückte sich etwas tiefer. Sein Mund bewegte sich im Schlaf.

„Mh", machte er, aber sie glaubte nicht, dass er tatsächlich wach war.

„Was tust du hier?", fragte sie ihn ruhig.

„Mh", machte er wieder, ohne die Augen zu öffnen. Dann drehte er sich auf der schmalen Couch zur Seite, und sein Atem ging wieder tief.

Meine Güte! Sie war nicht mehr in der Lage, zu schreien. Kopfschüttelnd löschte sie nur noch das Licht und die niedrigen Flammen im Kamin und ließ ihn, wo er war. Ihr Fotoalbum zog sie ihm allerdings noch aus den Händen und legte es auf den Couchtisch. Vielleicht wachte er morgen Früh beschämt auf und verließ ihr Haus stumm und leise. Merlin, dass ihn da liegen ließ! Unfassbar. Aber sie wollte ihn schon gar nicht anrühren und wecken! Und sie wollte nicht mehr mit ihm reden heute. Oder irgendwann.

Sie schlurfte in den Flur, löschte das Licht ebenfalls und ging nach oben. Sie machte Licht in ihrem Schlafzimmer, und bemerkte, dass er wohl auf ihrem Bett gesessen hatte, denn ihr –

Sie starrte auf ihren Nachttisch. Er hatte ihre Box geöffnet! Der Mistkerl hatte ihre Box geöffnet! Wie konnte er es wagen?! Sie eilte zu ihrem Nachttisch, wo das rote Papier lag, daneben ihre Box. Und ihr Atem ging schneller vor Wut. Was erlaubte er sich eigentlich?

Und müde hin oder her! Das war genug! Sie griff sich zornig ihre Box und entfachte wieder Licht im Flur als sie die Treppe runterging – vorsichtig, denn sie konnte ihre Füße schon lange nicht mehr erkennen. Im Wohnzimmer machte sie auch wieder Licht, ging um die Couch und rüttelte ihn unsanft an der Schulter wach. Und er besaß die Frechheit, nicht zu reagieren!

„Malfoy!", rief sie laut und wütend. Er regte sich. „Wach auf, du Mistkerl!", ergänzte sie, und er träge blinzelte er, als er wohl endlich aufwachte.

„Mh- Granger?", entkam es ihm rau und deutlich angetrunken, stellte sie entnervt fest.

„Was zur Hölle tust du hier? Was fällt dir ein, mein Haus zu durchsuchen, mein Essen zu essen – und was erlaubst du dir, in mein Schlafzimmer zu gehen und meine Sachen auszupacken?", schrie sie ihn nun an und hielt ihm die Box vor die Nase, die er blinzelnd zu betrachten schien. Und er schien ihr nicht wirklich zuzuhören, schien nicht einmal sonderlich beeindruckt von ihren Worten zu sein.

„Mh… Potter wird ihn schon finden", murmelte er tatsächlich, und seine Augen schlossen sich wieder.

„Was?", entkam es ihr tonlos.

„Potter… findet alles", sagte er abwesend und war wieder eingeschlafen, sein Gesicht völlig entspannt. Und sie wusste nicht, was es war, aber seine Worte – die Worte von diesem Mega-Mistkerl – hatten etwas Tröstliches an sich.

Selbst Malfoy glaubte, Harry würde ihn finden. Und Hermine ignorierte irgendwie, dass Malfoy ihre Sachen durchstöberte hatte – warum auch immer. Und scheinbar in ihrem Schlafzimmer ihre Zeitungsausschnitte gefunden hatte.

Und sie beschloss, die Box einfach wegzustellen. Sie wollte nicht hineinsehen. Und sie würde ignorieren, dass Malfoy das getan hatte. Und auch, wenn er es nicht wusste, aber diese eine Sache hielt sie ihm tatsächlich zu gute. Er glaubte nicht, dass er tot war.

Sagten Betrunkene nicht immer die Wahrheit?

Und weil sie müde war, und weil er vielleicht ein einziges Mal etwas Nettes von sich gegeben hatte, überwand sie ihren Zorn und Abscheu. Sie griff in die Mungo-Tasche und zog seine Decke hervor. Es war… ein wenig ironisch, oder nicht?

Denn mit der weichen Babydecke deckte sie ihn zu. Er regte sich nicht mehr, atmete tief und entspannt, und es wirkte so passend, wie er da lag, die furchtbare Slytherindecke über sich ausgebreitet.

Sie hatte die kleine Box in ihrer Hand fest umschlossen.

„Warum bist du nur hier?", flüsterte sie, während sie ihn ansah. Gab es irgendeinen Grund, warum Draco Malfoy in ihr Leben gekommen war, fragte sie sich, und müde wandte sie sich ab, löschte alle Lichter erneut und ging zurück nach oben.

In ihrem Schlafzimmer versteckte sie die Box tief in ihrer Bettlakenschublade.

Sie wollte heute nicht mehr daran denken. Es machte sie zu traurig. Nicht dass es besonders erheiternd war, dass ein betrunkener Malfoy auf ihrer Couch schlief, und sich einen Spaß daraus gemacht hatte, ihr Haus zu durchsuchen.

Aber sie fiel praktisch ins Bett. Zähneputzen war ein zu schwieriges Konzept heute Abend, dachte sie gähnend, zog lediglich ihren Pullover und ihre Hose aus und kuschelte sich in beide Bettdecken. Sie konnte mit ihrem riesigen Bauch nur noch auf der Seite schlafen. Aber sie hatte sich gewöhnt. Man gewöhnte sich an alles, dachte sie dumpf.

Und dann war sie eingeschlafen.