I found a pen and I outlined a life
Möglichst leise, um das schlafende Ingleside nicht zu wecken, schloss Gilbert die Haustür hinter sich. Er schüttelte den Schnee aus dem Mantel, bevor er ihn aufhängte und streifte die dicken Stiefel von den Füßen, um sie neben der Tür zum Trocknen hinzustellen. Er wusste, was er sich von seinen drei Frauen würde anhören müssen, wenn er Schneematsch durch den Flur verteilte.
Er legte den Hut ab und stellte zuletzt seine Arzttasche an ihren angestammten Platz im Flur, wo er sie jederzeit schnell greifen konnte, sollte sich irgendwo ein Notfall ereignen. Dann wollte er sich gerade auf den Weg nach oben machen – es lag schon einige Zeit zurück, dass es vom Kirchturm Mitternacht geschlagen hatte – als er den leichten Lichtschimmer bemerkte, der durch die angelehnte Tür zum Wohnzimmer drang.
Kurz überlegte Gilbert, zu klopfen, entschied sich aber, zunächst einen Blick in das Zimmer zu werfen. So hatte er noch die Möglichkeit, sich unbemerkt zurückzuziehen, wenn er das Gefühl hatte, seine Anwesenheit könnte unerwünscht sein. Also gab er der Tür nur einen vorsichtigen Stups, so dass der Spalt breit genug würde, um ihn in den Wohnraum sehen zu lassen.
Das Zimmer wurde nur durch das flackernde Kaminfeuer erhellt und er braucht einen Moment, bis er die Figur bemerkte, die sich im Sessel zusammengerollt hatte. Sie war ihm abgewandt, blickte in Richtung des Feuers, aber er wusste auch so, dass es seine jüngste Tochter war. Die Silhouette passte nur zu ihr oder seiner Frau und Anne erkannte er unter allen Umständen.
„Hallo Daddy", begrüßte Rilla ihn da auch schon, ohne den Kopf in seine Richtung zu drehen. Sie musste ihn gehört haben.
„Hallo meine Kleine", erwiderte Gilbert und trat näher an sie heran, „warum bist du noch auf?"
Er stand jetzt neben ihr und endlich sah sie zu ihm hoch. Ein etwas reuevolles Lächeln lag auf ihrem Gesicht und sie hob kurz die Schultern: „Weiße Nacht, fürchte ich."
„Zu viele Gedanken?", fragte Gilbert und strich ihr übers Haar. Es hatte weder das leuchtende Rot, das Anne an Jem und Di vererbt hatte, noch das Braun, das er mit Nan und Shirley teilte. Vielmehr waren Rillas Haare über die Jahre zu einem Rotbraun nachgedunkelt, nicht unähnlich den Kastanien, die Anne und er während ihrer Europareise vor vielen Jahren für die Kinder gesammelt hatten. Wie Walter hatte Rilla eine Haarfarbe, die nur ihr eigen war und doch gefiel Gilbert der Gedanke, dass sich in ihrem jüngsten Kind die Haarfarben beider Eltern vereinten. Aus der Ferne wirkte sie brünett, wie er, aber das flackernde Feuerlicht brachte die schimmernden Rottöne hervor, die keinen Zweifel daran ließen, dass sie eine Tochter von Anne war.
„Dad?", riss ihn Rillas Stimme aus seinen Überlegungen, „alles in Ordnung?"
Gilbert wurde sich bewusst, dass er ihr reichlich komisch vorkommen musste, wie er neben dem Sessel stand, eine Hand noch immer auf ihrem Haar liegend und dabei doch vollkommen in Gedanken versunken. Er lächelte entschuldigen: „Verzeih deinem alten Vater. Ich bin da wohl ein bisschen weggedämmert."
„Du bist nicht alt, Daddy", erwiderte Rilla loyal und drückte kurz seine Hand, „aber es war vermutlich ein langer Abend. Wie geht es Mrs. MacAllister?"
„Gut, gut", gab Gilbert zurück, während er hinüber zum Sofa ging und sich schwer darauf sinken los, „oder zumindest so gut, wie es zu erwarten ist. Es hat sie ganz schön erwischt, aber sie wird durchkommen."
Rilla nickte: „Das ist schön."
„Und du? Wie geht es dir?" fragte Gilbert nach einem kurzen Moment des Schweigend.
„So gut wie es zu erwarten ist", antworte Rilla und warf ihm ein schiefes Lächeln zu.
Gilbert lachte leise und nickte ihr leicht zu. Sie hatte ihm seine eigenen Worte einfach wieder zurückgeworfen.
Rillas Blick glitt wieder hinüber zu dem Feuer, das friedlich vor sich hin glühte. Kurz überlegte ihr Vater, sie erneut zu fragen, worum sich ihre Gedanken drehten, entschied dann aber, dass sie es ihm sagen würde, wenn sie wollte, dass er es wusste. Also ließ er sich einfach noch etwas tiefer in das Sofa sinken und wartete ab.
Es war still und gemütlich in Inglesides Wohnraum. Das Feuer verbreitete angenehme Wärme und wirkte beruhigend. Die ganze Situation war so einschläfernd und Gilbert hatte einen so langen Tag gehabt, dass es ihn kaum verwunderte, wie schnell seine Augen begannen, sich schwer anzufühlen. Er war gerade dabei, tatsächlich wegzudämmern, als er Rillas zaghafte Stimme hörte: „Daddy?"
„Ja, meine Kleine?", Gilbert setze sich auf dem Sofa wieder gerader hin und schüttelte den Schlaf ab.
Seine Tochter drehte den Kopf und sah ihn an. „Glaubst du, dass Shirley jemals wieder wird laufen können?", fragte sie stockend.
Gilbert seufzte.
Es war entschieden zu spät für solcherlei Gespräche und er musste morgen wieder früh raus. Aber er kannte seine Tochter gut genug, um zu wissen, dass sie dieses Gespräch morgen nicht mehr würde führen wollen. Anne hatte schon vor einer Weile zu ihm gesagt, wie still und verschlossen die früher so redselige Rilla geworden war und er wenn sie ihm jetzt ihre Gedanken anvertrauen wollte, würde er gerne für sie da sein, auch um fast ein Uhr nachts.
„Ich will nicht sagen, dass es nie mehr gehen wird", antwortete er jetzt also langsam auf ihre Frage, „einfach, weil ich nicht weiß, was in Zukunft sein wird. Die Medizin entwickelt sich mit riesigen Schritten und vielleicht werden wir irgendwann in der Lage sein, beschädigtes Rückenmark zu heilen – nicht heute oder morgen, aber in zehn oder zwanzig Jahren… wer weiß das schon? Aber mit den heutigen Mitteln…"
„…kann man nichts für ihn tun", vervollständigte Rilla, als er abbrach. Sie nickte, als habe sie keine andere Antwort erwartet, auch wenn sie vielleicht etwas anderes erhofft hatte.
Gilbert nickte ebenfalls langsam. Er hatte lange mit Shirleys Ärzten geredet, hatte befreundete Kollegen angeschrieben und sogar einige sehr teure Telegramme mit einem Koryphäen in England getauscht. Aber auch er hatte eigentlich von Anfang an gewusst, dass niemand etwas für Shirley tun konnte.
„Warum fragst du das? Hat Shirley…", Gilbert stockte, „hat Shirley etwas gesagt?"
Er erntete ein trockenes Lachen von seiner Tochter: „Wann sagt Shirley jemals irgendetwas?"
„Leider nur sehr selten", gab Gilbert zu und unterdrückte ein weiteres Seufzen. Denn wo Rilla still geworden war, war Shirley nunmehr beinahe stumm.
Statt Gilbert war es Rilla, die seufzte. Sie zog ein Bein an und legte die Arme darum. Zwischen ihren Augenbraunen hatte sich eine Falte eingegraben.
„Warum fragst du?", erkundigte sich Gilbert erneut, als ihm auffiel, dass sie ihm nicht geantwortet hatte.
Rilla zuckte mit den Schultern, erwiderte aber trotzdem: „Ich habe mich nur gefragt, was aus ihm werden wird."
„Ich habe mit ihm darüber geredet, ob er im September wieder studieren möchte", Gilbert schüttelte leicht den Kopf, „oder zumindest habe ich versucht, mit ihm darüber zu reden. Aber er… nun, er war nicht sehr entgegenkommend."
„Das ist er bei mir auch nicht", stimmte Rilla resigniert zu.
„Ich habe sogar versucht, seinen ehemaligen Professor zu erreichen, Liebermann. Shirley hat sehr zu ihm aufgesehen und Liebermann scheint viel von ihm gehalten zu haben. Ich dachte, vielleicht könnte er mal mit ihm reden, aber…", Gilbert brach ab.
„Aber?", hakte Rilla nach, als ihr Vater nicht weitersprach.
„Aber am Redmond haben sie mir nur gesagt, er habe seine Professur dort niedergelegt. Und sie wollten mir nicht sagen, wo er hingegangen ist", erläuterte Gilbert.
Er wirkte niedergeschlagen, so dass Rilla sich vorbeugte und kurz seinen Arm berührte. „Aber die Idee war gut", bemerkte sie.
Es gab nichts mehr dazu zu sagen, also verfielen sie wieder in Schweigen. Lediglich das leise Knacken des Feuers klang durch den Raum und manchmal hörte man die dumpfen Geräusche des alten Hauses, als würde es sich im Schlaf umdrehen.
„Würdest du eigentlich gerne studieren?", fragte Gilbert irgendwann. Er hatte sich das schon öfter gefragt, aber nie den Moment gehabt, seine Tochter danach zu fragen.
Rilla sah überrascht auf. Der Gedanke schien ihr neu zu sein und für einen Moment dachte sie offensichtlich darüber nach, zuckte dann aber mit den Schultern.
„Ich weiß es nicht", antwortete sie langsam, „ich vermute, die Frage hat sich mir nie richtig gestellt. Als ich am Queen's fertig war, kam die Sache mit Tante Millie und außerdem war Krieg und als ich wieder hier war, haben sie mich wegen der Schule gefragt und irgendwie… es hat sich nicht ergeben, vermute ich."
„Aber würdest du gerne?", beharrte Gilbert, „wir würden einen Weg finden. Ich hoffe, das weißt du. Du könntest im September gehen, wenn du möchtest. Nan und Di haben noch ein Jahr, sie könnten dir alles zeigen. Vielleicht würde ja auch Shirley… Und auch sonst wärst du nicht alleine. Walter ist fertig, aber wenn Jem zurückkommt, hat er auch noch zwei Jahre Medizinstudium vor sich."
Sie sagten immer ‚wenn'. Niemals ‚falls'.
Rilla lächelte ihren Vater an. „Ich weiß, dass ich gehen könnte, wenn ich wollte. Daran habe ich nie gezweifelt. Aber ich schätze, einer muss der Dummkopf bleiben." Sie lachte kurz, um ihren eigenen Worten die Spitze zu nehmen.
„Kein Kind von Anne könnte jemals ein Dummkopf sein", widersprach Gilbert vehement und dieses Mal lachte Rilla wirklich.
„Kein Dummkopf, dann", gab sie zu, „aber im Moment habe ich trotzdem das Gefühl, dass College nicht das richtige für mich ist. Ich mag das Unterrichten – ich hätte das nie gedacht, aber es macht mir Freude. Nicht alles und nicht jeden Tag, aber mir gefällt es, zu sehen, wie viel ich bei den Kindern erreichen kann. Zum Beispiel Myra Levinson, die kaum ihren Namen schreiben konnte, als sie vorletzten Sommer hierhingezogen ist, und sich jetzt jeden Freitag ein neues Buch bei mir ausleiht. Und Charlie Crow, der früher gegen alles und jeden rebelliert hat, ist einer meiner besten Schüler geworden. Oder Ellie Elliot, die geweint hat vor Freunde, als ich es geschafft habe, ihren Vater zu überreden, sie im Frühling die Aufnahmeprüfung für das Queen's machen zu lassen. Es tut gut, das zu sehen."
Sie sah ihren Vater an, ein kleines bisschen außer Atem nach der langen Rede, und erwiderte das Lächeln, mit dem er sie bedachte. „Außerdem", fügte sie hinzu, „kann ich Mum und Susan unterstützen, wenn ich hier bin, und das ist mir auch wichtig. Sie würden die Arbeit zwar vermutlich auch ohne mich Schaffen, trotz Susans Augen, aber…"
Gilbert nahm den Faden auf als Rilla abbrach: „…aber es bedeutet ihnen beiden – und mir auch – eine Menge, dass du hier bei uns bist. Das kann ich dir versichern."
Rilla nickte, lächelte dankbar. „Ich habe das Gefühl, dass ich da bin, wo ich sein sollte", erklärte sie, „und ich schätze, das ist tatsächlich mehr als die meisten Menschen von sich sagen können."
Womit sie, reflektierte Gilbert, vermutlich tatsächlich Recht hatte.
„Ich freue mich, dass du das so empfindest. Aber wenn du jemals das Gefühl hast, dass du gerne etwas anderes machen würdest…", begann er.
„…dann werde ich dir Bescheid geben", versicherte Rilla.
„Das wollte ich hören", erwiderte Gilbert, während er sich vom Sofa hochstemmte, „und jetzt werde ich meine müden Knochen aus dem Bett bewegen. In der Hoffnung, dass nicht heute Nacht noch irgendwo Drilling geboren werden."
Er zwinkerte Rilla zu und sie lachte: „Falls jemand wegen Drillingen anruft, sage ich ihnen, die Babys müssen sich eben noch bis morgen früh gedulden, in Ordnung?"
„So lobe ich mir das", nickte Gilbert, „kommst du auch hoch?"
„Gleich. Ich muss noch…", Rilla suchte kurz nach Worten, setze dann neu an, „ich habe eine Idee, glaube ich, und muss darüber noch mal nachdenken."
Sie hob den Kopf, damit ihr Vater ihr einen Kuss auf die Stirn geben konnte, erwiderte seinen Gute-Nacht-Gruß und sah ihm hinterher, wie er das Zimmer verließ und im Schatten verschwand. Dann drehte sie sich wieder zum Feuer um und überlegte, wie sie ihren Plan am besten in die Tat würde umsetzen können.
Es dauerte einige Tage, bis sie ihren Plan durchdacht und in die Tat umgesetzt hatte. Und noch einige Wochen mehr, bis ihre mit großem Bedacht verfassten Briefe schließlich Früchte trugen und sie endlich die Antwort auf ihre Mühen in der Hand hielt.
Sie brauchte nur einen kurzen Blick auf den Brief zu werden, der den Namen ihres Bruders und eine Absenderadresse in Montreal trug. „Vielen Dank, Mr. Morris", strahlte sie den alten Briefträger an, der sichtlich verdattert über sie viel Überschwang war.
Rilla hielt sich jedoch nicht lange mit ihm auf, sondern ging sofort auf die Suche nach ihrem Bruder. Sie fand ihn im Esszimmer, die Zeitung vor sich auf dem Tisch ausgebreitet.
„Und, was gibt es neues?", erkundigte sie sich. Zwar hätte sie ihm lieber direkt den Brief übergeben, aber sie ahnte, dass sie bei einem so sensiblen Thema nicht mit der Tür ins Haus fallen durfte.
Shirley sah hoch. „Die Kommission hat erklärt, dass die Besatzung der Mont-Blanc alleinschuldig für die Halifax-Explosion war. Sie war mit Munition beladen und ihre Besatzung hätte deswegen besondere Vorsicht walten lassen müssen, heißt es", antwortete er und verzog das Gesicht.
Rilla zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf fallen. „Glaubst du, das stimmt nicht?", hakte sie nach.
Stirnrunzelnd sah Shirley wieder auf die Zeitung hinab. „Ich halte es insgesamt für fehlerhaft, einem Schiff die Alleinschuld zu geben", führte er seine Gedanken aus, „die Imo hat meines Erachtens mindestens Mitschuld gehabt. Wenn sie auf der richtigen Seite im Kanal gewesen wäre, wäre es vermutlich nie zum Zusammenstoß gekommen".
Und mehrere Hunderte Menschen hätten nicht ihr Leben verlieren müssen.
Rilla schüttelte seufzend den Kopf. Sie hatte in den letzten Wochen die Nachrichten über die Entwicklungen in Halifax mitverfolgt und konnte sich trotzdem kaum vorstellen, wie diese lebendige, wuselnde Hafenstadt nun aussehen musste, nach der großen Explosion und dem Feuer. Beides hatte große Teile der hafennahen Gebiete zerstört, Hunderte Menschen getötet und Tausende verletzt.
Hätte es auch Mr. Breckenridge getroffen, hätte sie ihren Plan vermutlich vergessen können, aber wie er ihr in der Antwort auf ihren ersten Brief geschrieben hatte, war er vor kurzem in größere Räumlichkeiten weiter oben in der Stadt umgezogen und somit verschont geblieben. Entsprechend war es ihm selbstverständlich möglich, sich um das Anliegen von Mrs. Ford zu kümmern und sich auf die Suche nach der gewünschten Person zu machen. Und so war ihr Plan ein voller Erfolg gewesen – zumindest bis hierhin.
„Wolltest du irgendetwas?", riss Shirley sie aus ihren Gedanken. Er betrachtete sie prüfend über die Zeitung hinweg.
Sein Ton war wie üblich etwas abgehackt und wie üblich hätte man ihm seine Direktheit als Unfreundlichkeit auslegen können. Aber nach Unas Besuch im Dezember hatte Rilla sich bemüht, ihrem Bruder mehr Toleranz entgegen zu bringen und im Gegenzug hatte scheinbar auch er mehr Überlegung in seine Worte fließen lassen. Sie waren immer noch vorsichtig im Umgang miteinander, aber langsam spürte man wieder etwas von der alten Vertrautheit.
„Ich wollte dir das hier geben", erwiderte Rilla jetzt und schob ihm den Brief hin.
Shirley griff danach, betrachtete stirnrunzelnd die Aufschriften auf dem Umschlag und legte ihn dann sehr umsichtig wieder auf den Tisch. Er sah zu Rilla hoch und sie konnte an seinem Gesicht erkennen, dass er sich seine Worte vorher zurechtlegte.
„Wie kommt Professor Liebermann dazu, mir zu schreiben?", fragte er, seine Stimme möglichst neutral.
Rilla holt tief Luft, bevor sie antwortete: „Ich habe ihn ausfindig gemacht und ihm geschrieben. Ich habe ihm von dir erzählt, zumindest das wichtigste. Und ihn gefragt, ob er dir vielleicht schreiben würde."
Shirley nickte langsam, immer noch sehr beherrscht: „Und was schreibt er mir?"
Seine Schwester zuckte mit den Schultern: „Hoffentlich bittet er dich, zu ihm an die McGill Universität zu kommen und dein Studium zu beenden. Aber genau weiß ich das nicht. Er hat ja dir geschrieben und nicht mir."
„Und was führt dich zu der Annahme, dass ich weiterstudieren wollen würde? Oder überhaupt könnte? Gerade du, die keine noch keine Universität von innen gesehen hat?", erkundigte Shirley sich. Während er sprach, faltete er mit großem Bedacht die Zeitung zusammen, aber in seinem Ton lag jetzt eine gewisse Schärfe.
Kurz schluckte Rilla, entschied dann aber, seinen letzten Kommentar zu übergehen. Er schlug um sich, weil er verletzt war. Das kannte sie und auch wenn es wehtun mochte, wenn er solche Dinge sagte, wusste sie doch, dass es nicht persönlich gemeint war. So zwang sie sich, es zu übergehen, auch wenn ein Teil von ihr am liebsten zurückgefaucht hätte. Aber das hatten sie im September schon einmal gehabt und es brachte keinen von ihnen weiter, wenn sie sich im Kreis drehten.
Als holte sie ein weiteres Mal Luft, arrangierte ihre Gesichtszüge zu einem neutralen Ausdruck und informierte ihn: „Du bist irgendetwas machen. Studieren scheint naheliegend zu sein. Und ich sehe nicht, warum du das nicht können solltest."
Shirleys Blick war vernichtend. „Ich sitze im Rollstuhl, falls dir das entgangen sein sollte", gab er scharf zurück. Seine linke Hand schlug auf die Armlehne des Stuhls und krallte sich dann dort fest.
Langsam nickte Rilla. „Das weiß ich sehr wohl", bestätigte sie ruhig, „und wenn du Fischer oder Farmer hättest werden sollen, würde das natürlich jetzt nicht mehr gehen. Aber darum geht es nicht, oder? Du hast Physik studiert und ich sehe keinen Grund, warum du kein Physiker werden solltest. Du bist einer der intelligentesten Menschen, die ich kenne – vermutlich der intelligenteste Mensch – und deine Verletzung hat daran nichts geändert. Es wird nicht leicht werden, zurück ans College zu gehen, schätze ich. Es wird sogar ziemlich sicher schwerer werden als es früher war – aber es ist nicht unmöglich! Nicht, wenn du es nicht unmöglich machst, aus Angst oder Starrköpfigkeit oder Resignation."
Ein paar Sekunden lang sah Shirley sie an. Öffnete den Mund, schloss ihn dann wieder, ohne einen Laut hervor zu bringen.
„Es liegt nur an dir, Shirl", fuhr Rilla fort und griff nach der linken Hand, deren Griff um die Lehne sich unter ihrer Berührung langsam lockerte, „und ich vermute, Professor Liebermann wird dir das gleiche sagen."
Shirley nickte und betrachtete den Brief, der vor ihm lag. Plötzlich hob er jedoch den Kopf und sah seine Schwester misstrauisch an: „Wenn das wegen Una ist… ich habe ihr gesagt, sie soll Walt heiraten! Und egal, was in diesem Brief steht –"
„Es geht nicht um Una", unterbrach Rilla ihn und konnte einen etwas genervten Unterton nicht unterdrücken, „Una kann heiraten, wen sie möchte und ich vermute, nichts anderes wird sie tun."
Für einige Augenblicke hielt Shirley seinen forschenden Blick aufrecht, aber als er sah, dass Rilla sich davon nicht aus der Ruhe bringen ließ, sah er wieder zu dem Brief hinab. Vorsichtig, als könne er plötzlich in Flammen aufgehen, nahm er ihn in die Hand.
„McGill, ja? Montreal, also", bemerkte er leise, mehr zu sich selbst.
Rilla zuckte mit den Schultern. „Tapetenwechsel", erwiderte sie, „aber es ist ja auch noch nichts entschieden. Lies einfach den Brief und denk darüber nach, in Ordnung?"
Shirley nickte, den Blick immer noch auf den Brief in seiner Hand gerichtet. Rilla wiederum erhob sich und verließ leise das Zimmer. Ihre Arbeit hier war getan – den nächsten Schritt konnte nur Shirley selbst tun. Vielleicht mit etwas Hilfe des unbekannten Professor Liebermann.
Der Titel ist dem Lied „Draw me" der Band Sonata Arctica entnommen.
