„Kein Interesse, wie?"

Wie hatte Astoria auch nur auf die Idee kommen können, dass sie in einen ruhigen Schulalltag übergehen könnte? Vielleicht lag es daran, dass sie in einem so gut wie leeren Hogwartsexpress angereist war. Vielleicht lag es auch daran, dass ihre Mutter die angekommen Briefe fortlaufend verbrannte. Vielleicht aber lag es auch nur an ihrer Naivität.

Mit genervtem Blick wandte sich sie sich zu Lauren Riley um.

„Hast du ein Problem damit, Riley?"

Die Lust dieses Mädchen beim Vornamen zu nennen, war ihr schon seit längerem vergangen. Da war ihr Valentine noch lieber. Bei ihr wusste man wenigstens, dass immer irgendetwas hinter ihren Worten steckte, was nur sehr wenig mit purer Freundlichkeit zu tun hatte.

„Ja habe ich. Dass du eine kleine Lügnerin bist. Ich dachte du willst keinen Todessern? Oder hat sich da schnell jemand anders besonnen?"

Ihre Stimme war viel zu hoch und zu hysterisch. Als hätte sie sich irgendwelche Hoffnungen gemacht, dass Draco ihr jemals mehr Aufmerksamkeit zuwenden könnte. Astoria sah sie gelangweilt an. Es war nicht, dass die Worte sie nicht irgendwo berührten, doch sie wollte Riley nicht die Genugtuung geben, das zu zeigen. Als Letztes wollte sie, dass Riley etwas dachte oder gar wusste, was sie nicht sollte. Gerüchte, die von diesem Mädchen verbreitet wurden, gingen um wie ein Lauffeuer, das nicht zu löschen war. Also besann sie sich darauf ruhig zu bleiben und Riley das zu geben, was sie sich doch eigentlich tief in ihrem Herzen wünschte.

„Sagt dir das Wort Slytherin etwas?"

Lügnerin. Eine so simple Aussage. Als ob man etwas anderes erwarten konnte, von jemandem aus dem Haus der Schlangen. Damals hatte sie zwar nicht gelogen, doch Dinge konnten sich ändern und es war die perfekte Ausrede. An Rileys zornerfüllten Gesicht sah sie, dass sie ihr Ziel erreicht hatte. Astoria wandte sich gelassen von Riley ab und ging an ihr vorbei. So gelassen wie sie sich gab, war sie aber nicht annähernd. Doch alles was zählte, war der Eindruck. Es war immer alles was zählte. Die Menschen konnten so viel sagen, wie sie wollten, dass es mehr brauchte als Aussehen, doch Schluss und endlich war es doch Alles, was es brauchte. In einer Welt, in der in Foto mehr zählte als ein Wort. In einer Welt in der, ein Wort aus einem Klatschblatt mehr wert war, als die Wirklichkeit. In solch einer Welt war der Eindruck, den man hinterließ Alles.

Um die nächste Ecke holte Astoria tief Luft. Sie war am Tag zuvor nach dem Abendessen angekommen und direkt in den Slyhterin Gemeinschaftsraum gegangen. Die Slytherins hatten nicht viel dazu gesagt. Einige Bemerkungen, im Großen und Ganzen aber war es nicht schlimm gewesen. Draco hatte noch immer seinen Stand in dem Haus. Schließlich war er auch ihr Hauslehrer. Nun war sie auf dem Weg zum Frühstück. Riley musste bei der Treppe auf sie gewartet haben. Kindisches Mädchen. Aber sie hatte nicht das Gefühl, dass es besser werden würde, wenn sie in die große Halle kommen würde. Nicht, dass sie eine Wahl hatte. Sie wollte sich gerade in Bewegung setzten, als schon das Übel auf sie zukam. Jonathan. Mit langen Schritten und wildem Blick kam der Quidditchtreiber auf sie zugelaufen, dass Astoria automatisch in ihrem Schritt wieder abbrach und in defensiver Haltung stehen blieb. Statt der erwarteten Standpauke aber, wurde sie in eine harte Umarmung gerissen. Widererwarten war es ein gutes Gefühl sich von diesen starken Armen halten zu lassen. Es war befreiend. In einer eigenen Art und Weise. Nach der kalten, abweisenden Art, welche sie von Draco erfahren hatte nach der Verlobung, tat es gut, jemanden zu haben, der einfach nur für sie da war.

„Jon. Ich krieg keine Luft."

„Mir doch egal", war die einzige Antwort, die sie dazu bekam. Er entlockte ihr damit ein Grinsen und begann sich frei zu kämpfen. Ein erfolgloses Unterfangen, hätte Jon nicht langsam locker gelassen. Schließlich stand sie wieder auf dem Boden und erst jetzt erkannte Astoria, dass auch Sumi bei ihnen war.

„Siehst du, ich hab dir gesagt es geht ihr gut."

Die kleine Japanerin drängte sich an Jon vorbei und umarmte Astoria ebenfalls. Jedoch ungemein kürzer und leichter.

„Schön dich zusehen Kleine. Unser grosser Gryffindor Held hatte sich schon am ersten Tag mit Malfoy angelegt, weil er das Gefühl gehabt hatte, Malfoy hätte dich dazu gezwungen."

Nun das stimmte eigentlich ja auch. Niemals aber hätte Astoria das zugegeben. Stattdessen setzte sie ein Grinsen auf ihre Lippen. Ein Fehler und sie hätte es wissen müssen.

„Siehst du. Da ist es schon wieder, dieses falsche Lachen. Ich kenne dich Tori. Wenn du glücklich bist, siehst du anders aus."

Fast augenblicklich verdüsterte Astoria ihre Züge und sie musste einen Moment überlegen, was zu sagen war, dass sie Jon beruhigen konnte. Der Gedanke an Dracos ausgestrahlte Kälte machte es dabei nicht einfacher, glaubhaft zu wirken. Nun lastete auch Sumis Blick auf ihr. Sie hatte es genauso gemerkt. Toll.

„Naja." Astoria sah sich kurz um. Natürlich waren sie umgeben von anderen Schülern und Astoria war sich sicher, dass alle ihre Ohren offen hatten, um etwas aufzuschnappen. Kurzum packte sie ihre beiden Freunde an den Armen und zog sie gegen den Strom hinaus ins Freie. Sie hatte sowieso keinen Hunger. Sollte Draco sich wundern, wo sie blieb. Was kümmerte es ihn? Was sollte sie es kümmern?

Jonathan und Kasumi liessen sich ohne Widerrede mitziehen und kurz darauf verliessen sie das Schloss. Schnee empfing sie draußen. Der Erste des Jahres und er zwang sie, sich nicht zu weit zu entfernen. Im Innenhof des Eingangs, war jedoch alles ruhig. Niemand war da.

„Ich war nicht gerade begeistert, dass er die Verlobung schon an diesem Abend bekannt gegeben hat. Ich hab nichts davon gewusst", gab sie nun zu und Jon setzte ein besserwisserisches Gesicht auf.

„Warum hast du dich nicht gewehrt? Du hättest einfach nein sagen können."

Schöne Vorstellung. Nein sagen lag leider nicht einfach drin. Außerdem hatte sie das ja eigentlich getan.

„Ich hab ihm eine Ohrfeige gegeben. Hat leider nichts gebracht."

Sumi war wieder einmal so eine große Hilfe wie ein pfeifender Spatz, als sie bei der Erzählung zu kichern begann und selbst Jon brauchte einen Moment um das amüsierte Grinsen aus seinem Gesicht zu streichen und wieder zum Punkt zu kommen.

„Wirklich?", selbst jetzt schien er sich noch über die Vorstellung zu amüsieren. „Ich meine, er hat es nicht beachtet?", fügte er ernster an.

„Und du hattest was dagegen, dass ich Malfoy vermöble."

Sumi konnte nicht einmal einen schuldbewussten Blick aufsetzen. Man sah ihr das Vergnügen zu sehr an. Kein Wunder fühlte sich Jonathan von allen Seiten im Stich gelassen.

„Toria ich bitte dich. Lass es sein. Er wird dir nur wehtun!"

Astoria schluckte. Seit einigen Tagen hatte sie tatsächlich das Gefühl, dass Jon Recht haben könnte mit dieser Prophezeiung.

„Das will ich nicht glauben und selbst wenn. Jetzt ist es zu spät", beschloss sie. Ihre Worte waren endgültig. Selbst Jon stand einfach nur da und sah zu, wie sie wieder hineinging und sich dem Mob an neugierigen Schülern entgegenstellte.

Der erste Tag sollte in einer Katastrophe enden. Die Eulen warteten bereits auf sie, als sie sich an den Frühstückstisch setzte und es kamen noch einige mehr. Dabei hatte Astoria weder den Nerv noch die Geduld jeden der Briefe durch zu sehen, ob etwas Wichtiges darunter war. Stattdessen verbrannte sie alle auf einmal in einem gezielten Zauber. Sie wagte es nicht einmal, den Blick zum Lehrertisch hinauf zu heben und Dracos Blick entgegenzusehen. Bestimmt war er nicht gerade gut gelaunt. Wie sollte er auch. Wahrscheinlich hatte ihn das Foto nur weiter aufgeregt. Auch wenn irgendwo die Hoffnung in ihr schlummerte, dass er es als Zeichen ihres guten Willens betrachten würde.

Mit ihrer Aktion in der sie die Briefe verbrannt hatte, brachte sie erst mal schweigen an den Tisch, doch es hielt nicht sehr lange an. Bald kamen die Fragen auf sie gestürmt.

„Wie hat er um deine Handangehalten." – „Ja, Astoria erzähl schon", und für einmal war Astoria froh eine Slytherin zu sein.

„Ich wüsste nicht, warum ich euch das erzählen sollte."

Erstaunlicher Weise wurde diese Antwort angenommen, wohl mit einem Brummen, aber sie liessen die Frage sein. Dafür kam die Nächste. Zeig uns den Ring. Ist es wahr, dass ihr den ganzen Abend der Verlobung kaum da gewesen seid? Über diese Frage war sie etwas erstaunt, gab aber genauso wenig Auskunft wie über sonst etwas. Dennoch war sie das ganze Frühstück über mit reden beschäftigt und kam selbst nicht zum Essen. Die Erleichterung kam als sie sich selbst in den Alte Runen Unterricht flüchten konnte. Dort waren all die Fragen wenigstens schon durch. Sie rannte förmlich aus der Großen Halle hinaus.

Die Pause, welche ihr die Doppelstunde verschaffte, währte allerdings nicht lange. Zu schnell schallten die Glocken durch das ganze Schloss und Babbling entließ sie hinaus. Es würde alles nichts bringen. Sie musste zurück hinaus. Ab in Verwandlung. Vielleicht konnte sie Kasumi und Valentine als Schutzschild missbrauchen und Grey würde sicher keine Störungen im Unterricht erlauben.

Ihre Präsenz im Schloss veränderte Alles. Was zuvor noch ein stummes Summen gewesen war und nur als Flüstern durch Schloss zog, war nun zu einem Schwarm tobender Wespen geworden die alles attackierten, was ihnen in den Weg kam. Draco war nicht umhingekommen ihr einen Augenblick seiner Aufmerksamkeit zu schenken, als sie viel zu spät zum Frühstück erschienen war. Er hatte auch gesehen, wie sie dabei seine Notiz mit all den anderen Briefen verbrannt hatte. Ihre pragmatische Handhabung der Situation, hatte ihm dabei ein Schmunzeln entlockt. Danach hatte er sich abgewandt. Er mochte sich noch genau an McGonagalls Worte erinnern und in diesem Moment fragte er sich ein weiteres Mal, ob es wirklich richtig gewesen war. Grundsätzlich war die Frage überflüssig. Es war bereits vorbei und nicht mehr zu ändern. Gut das stimmte nicht ganz, doch derart schlimm, dass er sich zum illegalen Gebrauch eines Zeitumkehrers gezwungen gesehen hätte, war die Situation doch nicht. Außerdem hätte erst noch an einen Zeitumkehrer rankommen müssen und das war selbst für einen Malfoy mit viel Geld nicht so einfach möglich.

„Ich finde es dennoch nicht klug. Du vergisst, dass sie noch ein Mädchen ist."

Draco hob eine Augenbraue. Er war nur zwei Jahre älter als Astoria und Simone war gerade mal sieben Jahre älter. Nicht, dass es alles besser machte. Dennoch fand er, dass man Astoria nicht mehr als Mädchen bezeichnen konnte. Er wollte es nicht. Er sah sie als gleichwertig.

„Es ist jetzt zu spät und sie macht ihre Sache gut."

Er sah, wie Simone fast ungläubig die Stirn runzelte. Es schien, als wäre sie anderer Meinung. Aber war es verwunderlich? Sie war auch mit ihm uneins, dass er keine andere Wahl hatte. Sie verachtete arrangierte Ehe und hatte ihm das gerade ins Gesicht gesagt. Genauso wie sie ihn dafür verurteilt hatte, dass er Astoria dem Schwall an Leuten ausgesetzt hatte.

„Ehrlich gesagt, lasse ich lieber eine Horde Schüler mit ihren Fragen auf sie los, als die erwachsenen Hexen und Zauberer die sich auf jede Schlagzeile stürzen, wie halbverhungerte Hunde seit dem Ende des Kriegs. Mit diesen Schülern wird sie fertig. Die Schlagzeile wäre nicht besser gewesen zwei Monate nach ihrem Abschluss, aber die Gesellschaft, der sie sich hätte stellen müssen."

Simone schwieg auf seine Worte hin. Schließlich aber nickte sie mit einem Seufzen. Es schien Draco, als hätte sie ihren Gefallen an Astoria gefunden. Nicht umsonst hatte sie wohl in die Animagus Klasse gelassen.

„Mag sein, dass du Recht hast. Dennoch." Sie schüttelte wieder den Kopf. Sie stand bei seinem Tisch und nahm den schweren Bilderrahmen vom Pult.

„Sie scheint dich wirklich gern zu haben."

Ihr Blick lag auf dem Foto. Es war das Foto, welches Astoria ihm aus Ägypten geschickt hatte. Er hatte es den Hauselfen zum Rahmen gegeben, seither stand es auf dem Tisch. Seit zwei Tagen. Doch Draco zweifelte, dass Simone Recht haben sollte.

„Da bin ich mir nicht mehr so sicher."

Er richtete seinen Blick in die Ferne. Und wenn? Was würde passieren, wenn er ihr auch die letzten Dinge noch erzählte? Er wusste nicht einmal, ob er es ihr erzählen konnte. Noch nie hatte er mit jemanden darüber geredet. Jene, die es wussten, wussten es. Alle anderen hatten es nicht zu wissen. Er spürte Simones Blick auf sich ruhen und riss sich zusammen.

„Ich denke du solltest jetzt gehen."

Simone respektierte seinen Wunsch. Sie verabschiedete sich und ließ Draco allein in Gedanken zurück.

Es war zwei Wochen später, als Draco in einen Streit hinein lief. Die Lage hatte sich nach und nach beruhigt. Nicht zuletzt deswegen, weil die Schule alle Anfragen von Reportern zurückgewiesen hatte. Draco selbst hatte nur offizielle Aussagen in Rücksprache mit seiner Familie gehalten, genauso hielten es die Greengrass'. Selbst Daphne hielt ihren Mund. Er hatte bereits das Gefühl gehabt, dass es vorbei war, Aber die Worte die er nun gerade hörte, sagten ihm, dass man als Lehrer halt doch nicht alles mitbekam. Schon gar nicht alles, was man gerne gewusst hätte.

„Oh komm schon Greengrass. Bist du dir jetzt sogar zu gut, um dich mit uns abzugeben? Nur weil du mit Malfoy verlobt bist, bist du noch lange nichts Besseres! Sowieso, wer will schon mit einem Todesser verlobt sein?"

Die Mädchen mussten irgendwie herausgefunden haben, dass Astoria geradezu allergisch auf das Wort Todesser war. Draco musste nur noch einen Schritt machen, um die Situation zu erblicken. Doch er wartete. Was für eine Wirkung würde es haben, wenn er nun zu der Szene hintrat? Er würde sie nur demütigen. Die Mädchen würden sich daran hängen, dass er sie verteidigt hatte. Egal was er tun würde.

„Offensichtlich du, Riley. Sonst würdest du dich nicht annähernd so sehr aufregen."

Es war nicht Astorias Stimme, die erklang. Es war Avery. Die kleine Schwester von Caylos Avery. Sie war damals selbst kurz davor gewesen eine Todesserin zu werden. Es hätte nur noch wenige Monate gedauert. Der Fall des dunklen Lords war früher gekommen und ihr Bruder gehörte zu den Gefallenen des Krieges. Sie wusste von seinem Mal. Die nächsten Worte bestätigten, dass sie Astoria nichts davon erzählt hatte.

„Gibst du immer so viel auf Gerüchte? Vielleicht warst du darum so erpicht darauf sie zu verbreiten? Weil du denkst, dann glaubt sie jemand." Astorias Stimme war kalt. Draco war bereits aufgefallen, dass sie, seit sie wieder an der Schule war, das erste Mal seit Jahren das Gesicht eines Slytherins zeigte. Sie war sonst immer ein offener Mensch gewesen. Etwas wofür er sie oft genug zu Schulzeiten zu seinem Opfer gemacht hatte. Ihr Hass gegen ihr war schließlich nicht von sonst wo gekommen. Nun aber, gab sie sich mehr und mehr mit den Mädchen ihres Hauses ab. Sie nutzte sie als Schutzschild gegen alle anderen, genauso wie die kalte Maske, die man früher nur selten auf ihrem Gesicht gesehen hatte. Sie so zu beobachten war ein Gefühl zwischen Stolz und Besorgnis. Das war nicht das Mädchen, welches ihm seine Gefühle zurückgegeben hatte. Nichtsdestotrotz war er stolz darauf, dass sie lernte, mit der Situation umzugehen. Lernte sich zu wehren.

„Oh Merlin, Greengrass fängst du schon wieder damit an." Rileys Stimme wurde schneidend unterbrochen.

„Sei still Riley. Ich müsste wohl wissen von was ich rede."

Draco schluckte leise bei der Aussage. Sie verteidigte ihn in Unwissenheit. Das Gespräch war beendet und er hörte, wie sich eine Gruppe in Bewegung setzte. Er schloss sich dem Geräusch an und setzte seinen Weg fort. Mit starrem Gesicht ging er vorbei an den Mädchen von Slytherin, genauso wie an der Gruppe Ravenclaws. Er achtete nicht auf ihre Gesichter. Er achtete nicht auf ihre Blicke. Stattdessen ging er starren Schrittes hinauf zum Besprechungszimmer der Lehrerschaft.

Er musste ihre Worte gehört haben. Es war unmöglich, dass er es nicht gehört hatte und er hatte sie keines Blickes gewürdigt. Er hatte sie die letzten beiden Wochen nie angesehen. Sie hatte nichts gehört von ihm, nichts bis auf die kleine Notiz, die am Abend auf ihrem Nachtisch gelegen hatte.

‚Danke', und darunter war seine Unterschrift gewesen. Seither hatte sie nichts von ihm gehört. Sie war nicht ganz unglücklich darüber, aber es war ein bedrückendes Gefühl. Sie wusste nicht was tun. Sie wusste nicht was sagen, wenn er abends im Haus vorbei schaute. Sie wusste nicht was denken und schon gar nicht, was sie anderen auf ihre Fragen erwidern sollte. Die Wahrheit war unmöglich. So hatte sie sich die plötzliche Freundlichkeit der Mädchen aus ihrem Jahrgang, zu nutzten gemacht und scharte sie um sich, wann immer sie konnte. Auch wenn es hieß kaum mehr mit Jon und Sumi zu sprechen. Es würde bestimmt vorbei gehen, doch bis dahin brauchte sie diese Mädchen. Sie waren ihr einziger Schutz gegen die andern Schüler.

Was er nun wohl dachte? Ob er ihre Worte guthieß? Oder ob er sich darüber aufregte, dass sie über Dinge sprach, über die sie keine Ahnung hatte? Sie hatte noch nie seine Unterarme gesehen. Wenn das nicht genug über ihre „Beziehung" aussagte.

Sie bekam die Bestätigung, dass er sie gehört hatte, einige Zeit später. Sie hätte sich schon gar nicht mehr daran erinnert, als sie an diesem Abend eine Einladung von ihm erhielt. Wieder war es nur eine kleine Notiz und wieder lag sie auf ihrem Nachtisch. Säuberlich gefaltet, in seiner eleganten Handschrift.

‚Komm heute Abend in mein Büro. Draco' Sie spürte, wie ihr Herz einen Satz machte bei den kurzen Worten. Andererseits waren sie in einem schrecklichen Befehlston geschrieben, dass die Hoffnung auf ein klärendes Gespräch schwindend klein schien. Nur glaubte sie nicht, etwas falsche gemacht zu haben in den letzten Wochen. Nichts was er ihr hätte vorwerfen können. Wer wusste das schon? Hatte er nur eine kleine Ader an Kreativität, wie sie ihr Vater in guten Zügen besaß, so könnte er wohl hunderte Dinge finden, die an ihr nicht gut waren. Dennoch hoffte sie darauf, dass die Art der Aufforderung keinen Ausblick auf die Art des Treffens hatte.

Nervös hatte sie sich von den anderen Mädchen verabschiedet. Wenigstens blieb ihr erspart durchs halbe Schloss zu gehen, um zu Dracos Büro zu kommen. Es war genauso in den Kellern wie der Gemeinschaftsraum der Slytherins. So brauchte sie kaum zwei Minuten, um zu seiner Tür zu kommen. Den Rest der Zeit brauchte sie, um sich mit klopfendem Herzen dazu zu überwinden anzuklopfen. Sie stand gefühlte fünf Minuten vor dieser Tür, bevor sie zitternd den Arm hob und anklopfte.

Einen Moment später schwang die Tür auf und sein vertrautes Gesicht blickte ihr entgegen. Draco. Da stand er mit ruhigem Gesicht und aufmerksamem Blick. Sie spürte ihr Herz bis hin zu ihrem Hals schlagen. Es fiel ihr schwer, zu atmen, es fiel ihr schwer, sich zu konzentrieren und sein Schweigen machte es nicht besser. Er trat einen Schritt zur Seite und ließ sie eintreten. Astoria hatte das Gefühl, dass ihre Beine unter ihr nach gegeben wollten. Sie fühlten sich so schwer an, als hätte man sie mit Blei gefüllt. Sie musste sich zwingen sich selbst ruhig zu halten. Wenn er nur etwas sagen könnte. Doch er schloss nur die Tür hinter ihr und wies sie an ins Zimmer neben seinem Büro zu gehen. Ohne ein Wort. War er noch immer wütend? Wahrscheinlich. Wahrscheinlich hatte er ihr den Ausbruch noch immer nicht verziehen. Daran konnte auch ein albernes Foto nichts ändern. Wahrscheinlich hatte es alles nur schlimmer gemacht. Sie hätte es niemals schicken sollen. Sie… Ihre Gedanken nahmen abrupt ein Ende. Auf Dracos Tisch stand ihr Bild. Sie hätte es nicht gesehen, hätte er sie angewiesen wie ein Schüler auf dem Stuhl vor seinem Pult Platz zunehmen. Doch das hatte er nicht. Er hatte sie in sein persönliches Wohnzimmer eingeladen. Astoria blieb wie angewurzelt stehen und ließ ihren Blick auf dem Bild ruhen. Sie sah sich selbst zu, wie sie sich lachend umdrehte. Die Stille war so durchdringend, dass sie über Dracos Worten erschrak.

„Es ist wunderschön."

Er war direkt hinter ihr. Abermals machte ihr Herz einen Sprung. Sie war so aufgeregt, dass ihr beinahe übel wurde. Sie schluckte einmal schwer, bevor sie sich wieder in Bewegung setzte. Auf wackligen Beinen ging sie in das kleine Wohnzimmer hinüber, welches zu den Räumen des Lehrers gehörte, während ihre Gedanken noch schwirrten. Er hatte ihr Bild rahmen lassen und nicht nur das, es stand auch auf seinem Pult. Entweder wollte er unglaublich Eindruck schinden oder aber… es wäre ein schöner Gedanke, doch sie wagte ihn nicht zu denken.

„Bitte." Er wies auf einen der beiden Sessel, die im Zimmer nebenan standen. Auch hier schien es eine Tür nach draußen in den Gang zu geben. Erst jetzt bemerkte Astoria, dass sie hier hereingekommen war, als Draco sie das erste Mal hier runter gebracht hatte. Sie ließ sich, so elegant wie es ihr möglich war, in den Sessel nieder. Sie wollte nicht den Eindruck einer verschreckten Henne hinterlassen. Nun, da er sich endlich wieder mal dazu hernieder ließ mit ihr zu sprechen. Dennoch kam sie nicht umhin ihren Blick durch den Raum schweifen zu lassen. Alleine, um ihn nicht ansehen zu müssen. Erst stand er an der Vitrine, dann ging er hinter seinen eigenen Sessel und dabei schien es, als hätte er sich am liebsten gleich wieder zurückbewegt.

Sein Verhalten ermutigte Astoria, doch noch aufzusehen. Es war die Neugierde, welche sie trieb. Sie hatte trotz der Widersinnigkeit des Gedankens, das Gefühl, dass er nervös war. Sein Blick sprach Bände. Die grauen Augen, welche sie unruhig ansahen, wie seine Brust sich schwer hob und senkte. Was würde jetzt kommen? Was war los? Mit einem Seufzen schloss er die Augen und Astoria machte sich auf die schlimmsten Dinge gefasst.

„Wir müssen reden. Denke ich."

Allein die Wahl seiner Worte zeigte ihr die Unsicherheit. Es waren nicht die Worte die sie von einem Draco Malfoy erwartete, doch sie gaben ihr den Mut etwas zu erwidern.

„Denke ich auch", kam es leise über ihre Lippen. Einen Augenblick später senkte sie ihren Blick wieder. Sie wollte ihm nicht jetzt schon vor den Kopf stoßen. Wieder herrschte schweigen. Sie hörte, wie Draco um seinen Stuhl herum ging. Seine Beine kamen in ihr Blickfeld und sie sah wie er ein kleines, ledergebundenes Buch auf den Beistelltisch legte. Er setzte sich auf den Sessel, hinter dem er gerade noch gestanden hatte und Astoria sah langsam wieder auf. Er hatte sich in seinen Sessel gelehnt. Die Augen geschlossen. Er sah angespannt aus, doch Astoria war froh, dass seine Augen für einen Moment geschlossen waren und sie nicht so durchdringend beobachten konnten. Ihr blieb eine Augenblick Zeit, ihn einfach nur zu betrachten, bevor er sich wieder aufsetzte und die Augen aufschlug. Erst betrachtete er nur das kleine Buch vor sich und Astoria folgte seinem Blick interessiert. Was war das für ein Buch? Es musste irgendeine Bedeutung haben. Es war wohl kaum nur das Buch, dass er gerade am Lesen war.

„Es war unfair von mir, dich nicht in meine Pläne einzuweihen. Dafür entschuldige ich mich."

Fast automatisch zog Astoria die Augenbrauen zusammen. Die Worte kamen so stoisch über seine Lippen, dass sie an seiner Ehrlichkeit zweifelte, doch sie wollte ihn nicht unterbrechen. Stattdessen nickte sie nur mehr oder weniger dankend. Er sah sie zwar inzwischen direkt an, doch Astoria hatte nicht das Gefühl, dass sein Blick wirklich auf ihr ruhte. Es war, als wäre er irgendwo in Gedanken weit weg.

„Es gibt Dinge die du wissen solltest."

Die Art wie er sprach und seine Worte kitzelten langsam den Trotz in ihr. So wie er sprach, wie er es sagte. Er redete, als wäre es ihm vollkommen zu wider, sie in irgendwas einzuweihen, was ihn betraf. Dinge, die sie wissen musste. Auf was genau wollte er heraus? Die riesigen Pausen zwischen seinen Worten machten es nicht einfacher für sie. Nur nervenaufreibender.

„Möchtest du etwas trinken?"

Vielleicht waren seine Worte freundlich gemeint, im Moment erschienen sie aber mehr als Ausflucht, um nicht weitersprechen zu müssen und Astoria war kurz davor, aus der Haut zu fahren und ihm an den Kopf zu werfen, dass er einfach ausspucken sollte, was er zu sagen hatte. Wenn sie später an diesen Punkt zurückdachte, hatte sie das Gefühl bereits gewusst zu haben, was kommen sollte. Irgendwo tief in ihrem Innern, war eine kleine Stimme, die es ihr sagen wollte, doch Astoria schob sie weit zur Seite. Genauso wie die Stimme, welche Draco einfach anschreien wollte. Stattdessen verhielt sie sich manierlich.

„Ja gerne, Wasser bitte."

Sie bekam kein Wasser. Es war, als hätte er sie gar nicht gehört. Er war aufgestanden und hatte zwei Gläser gefüllt mit goldbrauner Flüssigkeit. Eines der Gläser stellte er vor sie hin. Astoria musste nicht daran riechen, um zu wissen, dass es sich um Whiskey handelte.

„Ich hab Wasser gesagt!"

„Oh, du kannst das brauchen", kam die ruhige Antwort und Astoria war sich nicht sicher, ob ihr das Gefallen sollte. Sie entschied sich dagegen.

„Ich bin deine Schülerin", gab sie empört zurück. Sonst konnte er sich doch auch immer so gut auf die Schulregeln besinnen, wenn es darum ging, sie nicht zu beachten.

„Das hat dich bis anhin auch nie gestört."

Es war das verwunderte, leicht amüsierte Schimmern in seinen Augen, welches endlich die Spannung brach. Sie sah ihn von unten herauf an mit einem Blick, der mit den Worten ‚Ich bitte dich!', hätte übersetzt werden können. Wie immer schien ihr Blick ihn nicht weiter zu beeindrucken. Er setzte sich wieder auf seinen Sessel. Die Stimmung aber hatte sich gewandelt. Sie schien irgendwie gelöster. Auch wenn Draco nochmals tief durchatmete, schien es weit weniger schwer zu sein, als gerade noch zuvor.

„Was weisst du über mich Astoria?" Er sah sie forschend an, was Astoria dazu brachte misstrauisch die Augen zusammen zu kneifen.

„Dass du ein narzisstisches, kaltes, arrogantes Ekel bist?"

Die Antwort war schon lange nicht mehr korrekt, doch sie kam nicht umhin der Verlockung nachzugeben und ihm ihre alte Meinung über ihn an den Kopf zu werfen. Sie erreichte, was sie wollte damit. Mochte sein, dass er nicht darüber lachte, doch die Erheiterung lag in seinem Blick.

„Einverstanden. Weiter?"

Sie konnte nicht anders als grinsend den Kopf zu schütteln. Da war er wieder. Der Draco, den sie vermisst hatte. Der zynische Humor und die indirekte doch irgendwie offene Art, die ihn prägte.

„Nicht viel", gestand sie sich ein. Sie kannte ihn seit geraumer Zeit. Doch sie hatte tatsächlich nie den Versuch unternommen, mehr über ihren Verlobten heraus zu finden. Er schwieg und sie nahm es als unausgesprochene Aufforderung weiter zu sprechen.

„Du bist mit meiner Schwester zur Schule gegangen. Deine Eltern haben den Todessern angehört. Pansy und Blaise sind deine besten Freunde. Du magst es kleinere Kinder zu drangsalieren und ältere wenn sich die Gelegenheit ergibt. Und du kannst gut Tanzen."

Sie sah ein leichtes Aufschimmern von Heiterkeit in seinen Augen. Wie seine Mundwinkel kurz nach oben zuckten, doch es war bald wieder verschwunden. Stattdessen ging sein Blick wieder kurz zu dem Buch zwischen ihnen und er nahm einen Schluck aus seinem Glas. Kurz kam in Astoria der stupide Gedanke hoch, ob er Alkoholiker war, doch sie verdrängte ihn schnell. Nicht zuletzt weil Draco wieder das Wort ergriffen hatte.

„Das ist wirklich nicht viel", gab er zu und seine Mundwinkel hoben sich ein weiteres Mal kurz. „Mein Vater war ein Todesser richtig. Meine Mutter hatte sich ihnen niemals angeschlossen. Ein Grund warum sie immer in Gefahr war. Jeder Schritt den sie tat, wurde von den anderen überwacht und man drängte sie immer, zu sich anzuschliessen. Ich bewundere sie für ihre Stärke, die sie damals bewiesen hatte."

Es war ein seltsames Gefühl Draco so über seine Familie sprechen zu hören. Sie glaubte nicht, dass er solche Dinge leichtfertig preisgab. Sie hörte einfach nur zu und eine sanfte Gänsehaut legte sich über ihre Arme, während sie das Gefühl hatte, dass sich ihre Brust in einem leisen Prickeln zusammenzog..

„Kleine Kinder zu quälen ist recht langweilig geworden. Falls es dir nicht aufgefallen ist, bin ich seit längerem davon abgekommen. Heute bestrafe ich nur noch Dummheit, die kommt genug oft vor. Allerdings ist der Spassfaktor darin eher gering. Und danke, das letzte Kompliment kann ich nur erwidern."

Sie errötete. Ihre Wangen waren heiß und sie musste sich zusammenreißen, um seinem Blick standzuhalten. Dann lächelte er. Eines dieser Lächeln die ihren Körper mit einem warmen Kribbeln erfüllte und in ihrem Kopf nichts zurückließ außer Watte. Eines dieser Lächeln, die ihr den Atem raubten. Eines dieser Lächeln, die sie nur erwidern konnte. Wie machte er das? Wie konnte er sie mit so einer simplen Geste so einfach in seinen Bann ziehen?

Er wurde wieder ernst und erlaubte ihren Gedanken zurückzukehren.

„Auf was willst du hinaus?"

Vielleicht hätte sie nicht fragen sollen, doch nun war es zu spät. Zumindest zeigte ihr Drängen Wirkung.

„Ich habe dich letzthin gehört Astoria. Du hast Unrecht."

Sie wusste genau, was die Worte bedeuteten. Sie wollte sich dämlich anstellen. Wollte sich einreden, dass die Worte alles bedeuten könnten. Doch alles in ihr zog sich zusammen. Ihr wurde übel. Sie hörte seine nächsten Worte wie durch einen Schleier. Dumpf und doch so klar. Die Gewissheit, die sie niemals haben wollte.

„Mein Vater war nicht der einzige Todesser in unserer Familie."

Mehr brauchte sie nicht zu hören. Mehr wollte sie nicht hören. Sie hatte das Gefühl, sich in jedem Moment Übergeben zu müssen. Sie war totenbleich.

Monster. Sie war mit einem Monster verlobt. Sie war einem Todesser versprochen. Wie konnte er nur? Er war so jung. Es gab kaum so junge Todesser. Warum hatte er ihr das nicht schon lange gesagt? Vor ihr sass ein Mörder, ein Schänder. Jemand der Spaß am Foltern hatte!

Ihre Gedanken drehten sich in einem wilden Sturm, bis sie eine klare Idee aufschnappen konnte.

Sie musste hier raus. Raus aus den Fängen dieses… dieser…

Mit einem panischen Blick sprang Astoria auf. Sie merkte nicht, wie sie den Tisch halb umwarf und dabei das Glas umkippte. Sie hörte Dracos Worte nicht mehr. Sie rannte nur noch zur Tür. Hinaus in die Nacht.

Sie würde einen Mörder heiraten.