Nun bekommt ihre Umwelt mit, was mit den Beiden los ist, und wir können gespannt sein, wie das wohl ansieht...

In den Augen der Anderen

Ich hielt die Augen geschlossen, die Lider waren schwer und ich würde sie eh noch nicht aufbekommen. Schwere umfing auch meinen ganzen Körper, drückte ihn tief in das weiche Bett, hielt ihn gefangen unter den flauschigen Laken, und mein Verstand war noch in den samtigen Tiefen des letzten Traumes verfangen. Ich konnte noch keinen rechten Gedanken fassen, wusste noch nicht so recht, wer ich war und was ich wollte, ich spürte nur diese Schwere und eine reine Körperlichkeit, ein Wesen ohne Willen. Der Abend zuvor war lang gewesen, ich war immer noch müde und hatte keine rechte Lust, diese schöne, warme Höhle zu verlassen.
Erinnerungen formten träge ein Bild, da war ein Junge mit dunklen Augen und einem schiefen Grinsen… ein hübscher Junge, und er sah mich an…

Was ich sofort wusste, und was mein Herz gleich schneller schlagen ließ, das was die Gewissheit, dass ES passiert war. Gestern Abend… in meinem alten Transporter… da hatten wir ewig gesessen, dieser Junge und ich, und nicht nur gesessen… meine Lippen fühlten sich immer noch geschwollen an. Und wenn ich nur daran dachte, wie ewig wir uns geküsst hatten, dann fuhr mit ein so wunderbares Gefühl kribbelnd den Rücken entlang, dass ich meinte, ich wäre immer noch in einem intensiven Traum gefangen.
Aber es war wahr.

Wirklich wahr.

Endlich.

Wir waren jetzt ein Paar.

Ich lächelte im Halbschlaf, drückte den Kopf tiefer in das Kissen und gab mich der Erinnerung hin…

oOo

Er hatte mir den kleinenWolf gegeben, und er hatte dazu das Leselicht anmachen müssen, denn es war inzwischen vollkommen dunkel geworden. Das bemerkte ich erst, als ich mir die Schnitzerei genauer angesehen hatte.
„Ups, es ist ja schon finster", rutschte es mir heraus und ich glitt von seinem Schoß, hinüber auf die andere Seite der Sitzbank, wo meine Tasche lag mit dem Handy. „Ich muss Charlie Bescheid geben, sonst macht er sich Sorgen", teilte ich Jacob mit und angelte schon nach dem Telefon.
„Charlie? Entschuldige, es ist spät geworden…", stammelte ich in das Mikro hinein und wischte mir eine lange Strähne aus dem Gesicht.
„Hat alles geklappt?", wollte er gleich wissen, er war viel zu aufgeregt, als dass er sich groß über mich ärgern würde.
„Ja, Dad, ich bin jetzt Studentin am College in Port Angeles. Nächste Woche kann ich anfangen." Dass ich ohne Jacobs Geld die Anmeldung gar nicht verbindlich hätte machen können, verschwieg ich einfach.
„Na prima, das hat gut geklappt. Und was treibst du dich jetzt noch draußen herum?"
„Ähm… ich hab Jacob unterwegs getroffen." Mehr als die Wahrheit fiel mir einfach nicht ein, und bei seiner Vorliebe für den Indianerjungen war das bestimmt eine gute Erklärung für mein Zuspätkommen.
„Ah, na dann kann dir ja nichts passieren. Komm dann langsam mal nachhause, Schatz."
„Ja, mach ich", versprach ich, wusste aber nicht, ob ich seinem Wunsch so schnell Folge leisten könnte. Meinen Beschützer, bei dem er mich in sicheren Händen wähnte, würde mich wohl erst noch eine Weile in Beschlag nehmen.
Ich steckte das Handy wieder weg und krabbelte zu meinem neuen, alten Freund zurück, der mich grinsend beobachtet hatte.
„Braves Mädchen, musst du nach Hause?" Er schaute mich fragend an, das Telefonat hatte er ja eh mitbekommen. Ich nickte verlegen, eigentlich hatte ich noch keine Lust, ihn schon zu verlassen.
„Na dann fahren wir mal", meinte er nur grinsend und ließ den Motor an.

Die ganze Fahrt hatte ich dann an seiner Seite verbracht, wir hielten uns an der Hand fest, wenn er nicht schalten musste, und manchmal sogar dann, und wir fuhren zusammen durch den verwunschenen, dunklen Wald. Es war wie in einem Traum, so unwirklich und verheißungsvoll, der schmale Grat der Straße lag vor uns, die Wipfel sausten vorbei und das Mondlicht ließ den glänzenden Asphalt silbrig glühen. Ich konnte ihn überreden, dass er bis nach La Push fuhr, wo er sich dann lange bei mir verabschiedete, bevor ich mich endlich von ihm los reißen musste, um die restlichen Kilometer noch nachhause zu fahren. Aber er musste am nächsten Tag noch in die Schule, den einen Tag noch, bevor das Wochenende losging, mein letztes in Forks vor Beginn des Studiums. Aber wir würden es zusammen verbringen, und so war es nicht gar so schwer, sich endlich voneinander lösen zu müssen. Es würde noch viele Tage geben, die uns gehörten…

oOo

Jetzt lag ich in meinem Bett und dachte an ihn, den großen. hübschen Jungen mit den dunklen Augen, meinen neuen Freund. Es war schon lange hell, er war bestimmt längst in der Reservatsschule, und ich würde ihn gleich an diesem Nachmittag wieder sehen. Dabei hatte ich vorher noch so schrecklich viel zu erledigen.
Es war Freitag, ich wollte das Haus noch ein wenig auf Vordermann bringen, mir ein paar Sachen für mein Studium kaufen, Blöcke, Stifte, was man halt so benötigte, und natürlich wollte ich auch zu Jacob gehen. Die Sachen könnte ich aber auch am Samstag zusammen mit ihm einkaufen, also erst einmal aufstehen und das Haus putzen.

Entschlossen riss ich die Decke weg und sprang aus dem Bett, auf dem Weg zum Bad legte ich gleich meine Lieblings-Linkin Park-CD ein, denn ohne Musik konnte ich gar nicht mehr sein. Ich war viel zu gut aufgelegt, und ohne dass ich mich versah, sang ich schon wieder mit. Gut dass Charlie schon weg war, sonst hätte ich ihm meinen Gute-Laune-Ausbruch erklären müssen. So blieb er noch eine Weile mein Geheimnis. Aber wie lange wohl? Was würden die anderen sagen, wenn sie merkten, dass Jake und ich jetzt zusammen waren? Charlie würde ich freuen, wie ich ihn kannte. Endlich hatte seine Tochter einen Freund aus den richtigen Kreisen erwählt… aber was würden die Leute aus dem Stamm sagen? Billy? Der würde sich auch freuen… und Emily? Sam? Seth? Ich sah ihre Gesichter vor meinen Augen und wusste, dass wie eine Menge Aufruhr erzeugen würden. Das Vampirmädchen war jetzt endgültig zum Wolfsmädchen geworden. Ich lächelte recht selig in mich hinein.

Als ich aus der Dusche zurück kam und mir meine Wäsche für den Tag zusammen suchte, erblickte ich den kleinen Wolf, den Jacob mir geschnitzt hatte. Ich nahm ihn und suchte nach seinem kleinen Bruder, der immer noch an dem silbernen Armkettchen hing, das Jacob mir zum Schulabschluss geschenkt hatte. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und zog die Schublade auf, wo ich das kleine Schmuckstück verwahrt hielt, denn ich hatte vermeiden wollen, dass ich die Kette nochmals bei einer Verwandlung im Wald verlieren würde. Und es war nicht nur der hübsche, kleine Wolf, um dessen Verlust ich bangte. Da war auch noch der kleine, glitzernde Anhänger, den Edward mir geschenkt hatte, und der nun in meine Hand baumelte. Das Licht brach sich in seinen Facetten, und er schillerte in allen Regenbogenfarben. Dieser Stein musste sehr teuer sein, wenn er aus dem bestand, was Alice meinte: einem Diamanten. Dann war er ein Vermögen wert, denn er war ganz schön groß, weit üppiger als die üblichen Splitter, die sonst in einem Ring gefasst wurden. Er war ein Geschenk, ein Erinnerungsstück an Edward, und da wir nun nicht mehr zusammen waren, hatte ich nicht mehr das Recht, einen so wertvollen Gegenstand von ihm zu besitzen. Ich fühlte mich äußerst unwohl dabei und beschloss, gleich mit Alice Kontakt aufzunehmen und die Rückgabe dieses wertvollen Stückes anzuleiern. Aber erst wollte ich frühstücken…

Ich rannte die Treppe hinunter, hüpfend und mehrere Stufen auf einmal nehmend und stopfte meine CD unten in die große Anlage im Wohnzimmer, wo ich dann mit meinen Lieblingsmusikstücken versorgt klappernd am Herd stand und mit ein deftiges Frühstück zauberte. Schade, dass Paps nicht da war, ich hätte ihn heute mit meinen Kochkünsten beeindruckt, aber er war schon längst wieder auf Streife oder in seinem Büro. Daher war ich allein und grübelte dann bei einer Scheibe Toast mit Ei, wie ich es Alice am besten beibringen konnte, dass ich ihren Bruder bereits verschmerzt hatte. Eigentlich wollte ich es ihr gar nicht erzählen, sondern diese Sache erst einmal nicht aufs Tablett bringen. Ich musste es ihr ja nicht gleich unter die Nase reiben, dass ich bereits einen neuen Freund hatte, Edward war immerhin ihr Bruder, und ich wollte sie nicht damit verletzen. Also beschloss ich, die Sache geschickt zu umgehen. Bestimmt konnte ich das Gespräch auf etwas anders lenken.
Schon bald saß ich vor dem aufgeschlagenen Laptop und wartete gespannt auf die Verbindung. Alice war wie meist tagsüber zuhause, und schaute mich gespannt an, als ich ihr Abbild vor der Kamera erblickte. Sie war ein wenig zerzaust, und wenn sie ein Mensch gewesen wäre, hätte ich gedacht, sie wäre gerade erst aus dem Bett gestiegen wie ich.

„Alice, ich brauch deine Hilfe", legte ich auch sofort los und ließ das Kettchen durch meine Finger gleiten. „Ich will Edward den Stein zurückgeben, aber ich kann ihn doch nicht einfach in einen Briefumschlag oder ein Päckchen stecken."
Alice nickte verständnisvoll und versprach, mit Edward zu reden um eine Lösung zu finden, dann erzählte sie mir begeistert über die neusten Renovierungserfolge im Haus und das Ergebnis einer Shoppingtour, die sie sich die letzten Tage geleistet hatte. Die Einkaufsmöglichkeiten seien an ihrem neuen Wohnort deutlich besser als in dem abgelegenen Forks, und sie schwärmte von all den schicken Klamottenläden, die sie heimgesucht hatte. Ich konnte ihr hingegen von meinem neuen Studienplatz erzählen, und wie begeistert ich war, dass ich nun bald Studentin sein würde und doch in Forks bleiben konnte. Dass es nicht nur Charlie war, der sich darüber sehr freute, ließ ich einfach außen vor. Ich würde später noch sehen, wie ich es ihr am schonendsten beibringen könnte. Dabei wusste ich nicht einmal, ob sie wirklich empört sein würde, dass ich so schnell einen Nachfolger für ihren Bruder gefunden hatte. Wenn Jacob Recht hatte, dann hatte sie ja schon viel früher als ich gewusst, dass ihr Bruder nicht mehr mit mir zusammen sein wollte und sie müsste froh sein, dass ich es so gut verwunden hatte. Aber jetzt gerade war mir das vollkommen egal, wer hier den Anfang gemacht hatte, es erschien mir alles so weit weg. Für mich zählte nur noch Jacob, und ich brannte darauf, ihn wiederzusehen. Aber noch musste ich mich gedulden, dafür konnte ich die Zeit nutzen, um noch ein paar andere meiner engsten Vertrauten über mein neustes Schicksal aufzuklären. Daher verabschiedete ich mich von Alice, denn ich wollte unbedingt noch Renée anrufen, um ihr die gute Neuigkeit von meinem Studienplatz zu erzählen.

„Was? Ist das wirklich wahr? Das ist ja super. Gratuliere!"
Mam war vollkommen entzückt, als sie hörte, dass ich es doch noch geschafft hatte, mir einen Platz zu ergattern. Wie schwierig das gewesen war, wollte ich ihr gar nicht so genau erzählen, und dass ich kurz davor beinahe doch noch gescheitert wäre, wenn Jacob nicht mit dem Geld aufgetaucht wäre, verschwieg ich daher lieber. Aber über Jacob wollte ich bei ihr kein Stillschweigen bewahren müssen. Ich barst beinahe vor Freude und musste es unbedingt jemandem erzählen dürfen, sonst würde es mich noch zerreißen.
„Mam? Du, ich hab einen neuen Freund", platzte ich deswegen einfach heraus.
„Oh, wer ist es denn? Ist es ein Indianer?"
Diese Frage hatte sie schon einmal gestellt, damals, als ich mich für Edward entschieden hatte. Für sie war es so naheliegend, dass ich wie ihr Exmann ständig mit den Leuten aus dem Reservat rumhing, und dass meine Wahl daher auf einen von ihnen fallen würde. Und diesmal hatte sie sogar damit Recht gehabt.
„Ja, du kennst ihn. Es ist Jacob Black" Und ich war so überglücklich, als ich seinen Namen nannte.
„Ach, aber das ist doch der Junge, mit dem du Schlammkuchen gebacken hast." Na toll, an das erinnerte sie sich also noch.
„Ja, das ist er. Aber er… ist jetzt ziemlich groß geworden… und hübsch", kicherte ich vor mich hin.
„Ach, das freut mich aber für dich. Seid ihr glücklich?", wollte Mam gleich wissen. Auch wenn sie sonst ein sehr verwirrter Mensch sein konnte, sie wusste, worauf es ankam.
„Ja, sehr, Mam." Ich kam mir vor wie ein Teenager, der von der Mutter ausgefragt wurde, ob auch alles in Ordnung sei. Immerhin hatte ich gerade eine Verlobung gelöst, und es war ihr gutes Recht, sich um mich zu sorgen. Aber dazu hatte sie gar keinen Anlass.
„Weiß dein Vater schon davon?", bohrte Renée weiter. Damals bei Edward hatte ich lange gewartet, bis ich ihm etwas gesagt hatte. Wie lange es diesmal dauern würde, bis Charlie es mitbekommen würde, war eine andere Sache. Jacob war nicht der Mensch, der groß etwas verheimlichte, und schon gar nicht vor meinem Vater, der quasi mit zur Familie gehörte. Ich konnte mir auch gut vorstellen, dass der sich auf der Stelle mit meinem neuen Freund verbrüdern würde. Diesmal würde es sehr viel einfacher werden…
„Nein, Mam, er weiß es noch nicht, ich weiß es ja selbst erst seit ein paar Stunden. Und ich bin so glücklich…"
„Ach, und da hast du es mir gleich gesagt? Das ist aber lieb von dir, meine Süße. Ich freu mich sehr für euch und wünsch euch beiden alles Gute. Wir sehen uns ja an Thanksgiving, es ist jetzt nicht mehr lange bis dahin, und dann kannst du mir deine neue Eroberung gleich vorstellen."
Eroberung… wie das klang. Als ob man diesen zwei Meter großen Hünen erobern könnte…
Ich musste lächeln bei der Vorstellung, und doch wusste ich, dass ich das schon längst getan hatte, ihn hatte ihn erobert… schon vor Monaten. Nur war die Sache damals noch so kompliziert gewesen. Jetzt war es endlich einfach geworden und ein gerader Weg lag vor uns, den wir zusammen gehen konnten. So einfach wie atmen würde es sein, ganz so, wie Jacob es gesagt hatte. Ich war erleichtert, fröhlich, ausgelassen und überglücklich, und ich versprach Renée, dass ich sie mit seiner Familie bekannt machen würde, mit dem ganzen Stamm, wenn sie in ein paar Wochen zu Besuch kommen würde. Aber zuerst hatte ich noch ein paar andere Dinge zu erledigen…

Emily wollte ich unbedingt noch besuchen, bevor ich mich wieder mit Jacob traf, denn ich wollte ihr die verschwundene Narbe zeigen und mit ihr über eine mögliche Operation an ihren Wunden reden. Ich war so aufgekratzt, dass es vielleicht eine Lösung geben könnte, Emily wieder zu ihrem alten, nicht entstellten Aussehen verhelfen zu können, dass ich mich mit dem Putzen furchtbar beeilte, um schneller fertig zu werden.
Bald saß ich schon in meinem Transporter und brauste wohlgelaunt in Richtung La Push, wo ich den schmalen Waldweg zu Sams Hütte einbog. Ich warf schwungvoll die dicke Autotüre zu und hüpfte hinüber zu der hölzernen Veranda, jedoch ohne den typischen Wolfsruf auszustoßen, wie es die Jungs immer taten. Viele Blumentöpfe zierten wie immer den hölzernen Boden der Veranda, als ich auf ihm entlang schritt, durch die weit offene Türe trat und direkt in die Schwaden herrlichen Gebäckgeruchs eintauchte. Emily hatte Schoko-Brownies gebacken, und sie winkte mich lachend her und bot mir gleich einen an. Nach einer kurzen Umarmung setzte ich mich zu ihr an den großen, groben Esstisch und machte mich zusammen mit einer Tasse Kaffee genüsslich über das leckere Gebäck her. Wenn die Jungs kamen, würde nicht mehr viel übrig bleiben, und so genossen wir die Ruhe und das gute Essen.

„Schau mal, wie perfekt sie in dem Krankenhaus gearbeitet haben. Meine alte Narbe ist vollkommen verschwunden, nichts ist mehr zu sehen." Und ich streckte ihr da Handgelenk hin, an dem der Biss gewesen war, den der Vampir James mir dort verpasst hatte.
„Ich wusste gar nicht, dass du da eine Narbe hattest, bis sie mir sagten, dass du deswegen
im Krankenhaus warst und fast gestorben bist. Wie lange ist das jetzt her? Doch erst ein paar Tage… und schon springst du wieder herum, als ob nichts gewesen wäre. Ihr Werwölfe habt wirklich eine beneidenswerte Konstitution…", lachte sie mir entgegen. „Das ist wirklich prima verheilt, man sieht absolut nichts, nur da" – und sie strich sanft mit dem Zeigefinger über eine Stelle- „ist noch ein ganz leichter Schatten. Das ist alles." Sie beugte den Kopf tief über mein Handgelenk, um sich selbst zu überzeugen.
„Und so könnten sie bei dir auch zaubern, Emily. Ich würde gerne Carlisle bitten, dass sie dich untersuchen und ebenfalls operieren. Dann könntest du wieder studieren und leben, als ob es die Verletzung nie gegeben hätte."
Emily sah mich lächelnd an.
„Ach Bella, meinst du nicht, wir hätten das nicht schon zigmal durchgesprochen? Sam hatte es gleich vorgeschlagen, als es damals… passiert ist. Aber meine einfache Krankenversicherung hat nur die Kosten für die direkte Behandlung der Wunde übernommen. Eine plastische Operation würde ein Vermögen kosten, mehr als Sam und ich in unserem ganzen Leben verdienen könnten. Lass nur, das geht schon so, ich habe mich daran gewöhnt, und ich bin auch so glücklich mit Sam."
So schnell wollte ich mich nicht geschlagen geben.
„Aber ich kann Carlisle fragen, ob sein Bekannter dir nicht einen guten Preis machen würde. Dazu wäre er bestimmt bereit."
„Ich will aber keine Almosen. Und meine Narben sind umso vieles länger als deine, das wäre ein sehr hoher Aufwand, die alle wieder weg zu operieren. Ne, lass mal, das ist schon in Ordnung so. Ich habe das akzeptiert, es macht mir nichts aus."
Sie lächelte aus vollstem Herzen, als sie das sagte, aber ich wusste auch, dass es ein fauler Kompromiss war, und auch wenn sie Sam so sehr liebte, dass dies alles überwog, so scheute sie sich doch, vor die Augen anderer Leute zu treten mit ihrer Entstellung. Sie gab lieber ihre Ausbildung auf, als sich jeden Tag dem neugierigen Blick Fremder zu stellen. Ich fand das nicht richtig, aber ich merkte, dass ich sie nicht überzeugen konnte. Trotzdem wollte ich mich mit dieser Aussage noch nicht zufrieden geben und beschloss, Carlisle noch einmal darauf anzusprechen und vielleicht doch noch eine Lösung zu finden, die ihrem Stolz standhielt.

Wir beiden Mädels saßen weiter an dem riesigen Tisch und ratschten, tranken Kaffee und knabberten an unseren Brownies, während die Zeit verging. Ich hatte Emily sehr liebgewonnen, anders als Alice war sie ein sehr bodenständiger Mensch, der sich mehr um die häuslichen Dinge wie Backen und Kochen und ihren Haushalt kümmerte, während Mode und Kleidung ihr so ziemlich egal waren. Sie trug meist einfache Shirts und eine Jeans oder im Sommer kurze Hosen, aber die Begeisterung, die sie beide teilten, war die, wieder eine schöne Ecke in ihrem Heim neu gestaltet zu haben. Und darin waren sie beide Meister, wobei Emily dabei eher die Mittel ihrer Umgebung einsetzte und auch mal einen Farn aus dem Wald malerisch auf ihrer Veranda platzierte, wohingegen Alice und Esme hier eher mit teureren Mitteln arbeiten. Schön fand ich beide Ergebnisse, und ich nahm mir wieder einmal vor, Charlie zu bitten, unser Haus weiter umgestalten zu dürfen und dort auch einmal Pinsel und Tapetenrolle schwingen zu dürfen. Aber erst musste ich mich auf mein Studium vorbereiten.

Wie auf ein Stichwort hin kam Sam herein gestürmt, wie immer mit nacktem Oberkörper. Bestimmt war er Patrouille gelaufen, er konnte es nicht lassen und sorgte sich immer um die Grenzen seines Gebietes, und er nickte mir freundlich zu, während er zu Emily eilte und sie fest in seinem Arme nahm und ihre Narben wie immer mit Küssen bedeckte, die sie kichernd annahm, bis er ihre Lippen fand und ihr einen langen Willkommenskuss gab. Ich betrachtete sie beide verstohlen, inzwischen fühlte ich mich nicht mehr so unwohl in der Gegenwart ihres Glückes wie früher, ich freute mich einfach nur für sie. Ich betrachtete Sams breiten Rücken mit den vielen Muskeln und seine kräftigen Arme, die er um das schlanke Mädchen geschlungen hatte. Sam sah durchaus gut aus, aber sein Gesicht wirkte doch recht herb, und seine Gestalt wirkte immer ein klein wenig gebückt, zumindest wenn man sie mit einer anderen verglich, einer sehr, sehr großen, die sich immer sehr aufrecht und stolz hielt und für mich die schönste war, die La Push aufzuweisen hatte. Ich seufzte und knabberte weiter an meinem kleinen Kuchen, während Sam seine Emily immer noch sehr intensiv begrüßte. Er scherte sich nicht das Geringste darum, dass ihm jemand beim Küssen zusah, und auch Emily hatte mich total vergessen, doch gleich als sie fertig waren, setzten sie sich an den großen Tisch und unterhielten sich, als ob nichts gewesen wäre. Sam griff beherzt zu und holte sich einen duftenden Brownie aus dem Korb, und Emily schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein, die er mit Genuss leerte. Von der Operation fing ich nicht mehr an, ich wollte erst mit Carlisle beratschlagen, bevor ich noch mal einen Vorstoß wagte.

Sam war auch so recht aufgekratzt, er teilte mir mit, dass er bald ein Stammestreffen einberufen wolle, um abzustimmen, ob ihn seine Wölfe noch weiter brauchten, oder ob er wieder sein Studium aufnehmen konnte. Es sollte schon an diesem Wochenende stattfinden, wahrscheinlich gleich morgen am Samstagabend, wenn das Wetter hielt und wir uns draußen im Freien versammeln konnten, denn es gab keinen Raum, in den wir alle reinpassten. Je nachdem, wie alle entschieden, konnte er dann vielleicht den Weg zum College gemeinsam mit mir antreten. Wir saßen gerade am Tisch und überlegten, wie wir das mit der gemeinsamen Fahrt angehen könnten, als ein schriller Pfiff ertönte, der Warnruf des Rudels, und dann eine große, dunkle Gestalt durch die Türe huschte. Wir blickten alle auf, und bevor ich überhaupt genau mitbekam, wer da gekommen war, wurde ich schon von meinem Sitz hochgerissen und befand mich in zwei sehr kräftigen Armen wieder. Dunkle Augen blitzen hoch erfreut, aber ich hatte keine Zeit, Jacob mit Worten zu begrüßen, denn er hatte schon längst seine Lippen auf meine gelegt und gab mir einen tiefen Kuss. Ich schloss die Augen und war völlig weggetreten, fühlte nur noch die Muskeln seiner Arme, mit denen er mich durch den kleinen Raum trug, spürte seine warme Haut und das Kitzeln seiner Haare auf meinem Kinn, und ich riss die Arme hoch und schlang sie um seinen Nacken, und diesmal war es mir vollkommen egal, wie das in den Augen unserer beider Gastgeber aussah, wenn wir uns hier so hemmungslos in ihrem Haus küssten. Ich hatte sie schlicht und einfach vergessen und spürte nur noch die Weichheit seiner Lippen, die stürmische Begierde, mit der Jake mich hielt und an sich presste, und ich begrüßte ihn genauso freudig wie er mich, als ob wir uns Tage nicht mehr gesehen hätten anstatt nur die paar Stunden, die wie getrennt hatten sein müssen. Wir konnten lange nicht voneinander lassen, und erst als wir uns wieder lösten, fiel uns auf, dass die beiden uns erstaunt anstarrten.
Emily durchbrach zuerst die Stille und machte eine schmunzelnde Bemerkung.
„Na, da ist wohl endlich das Traumpaar zusammen gekommen. Das freut mich aber für euch."
Sam nickte nur, und Jacob grinste frech, als er sich einen Stuhl angelte und sich einfach mit mir auf dem Schoß dort hinsetzte. Er war anscheinend nicht mehr bereit, mich wieder loszulassen, aber ich hatte nichts dagegen so zu sitzen und schlang ihm einfach nur den Arm um die Schulter, um es mir gemütlich zu machen. Es war schön so zu sitzen, so nah bei ihm, fast ein Teil von ihm zu sein, ihn zu riechen und zu spüren, während wir gemeinsam am Tisch saßen und uns unterhielten, und trotzdem war es auch sehr ungewohnt. Aber ich dachte nicht weiter nach, ich war so glücklich, dass er da war und das war alles, was mich interessierte.
„Wie hast du mich denn gefunden?", wollte ich nur kurz wissen.
„Ich habe dich gerochen, und drum bin ich gleich hergekommen, nachdem die Schule aus war. Und die hier habe ich auch gerochen…", lachte er und griff in der große Schale nach einem Gebäckstück, dass er sich gleich begeistert in den Mund schob.

Sam teilte Jacob daraufhin kurz mit, wovon wir gerade gesprochen hatten, damit er auf dem Laufenden war.
„Wir waren gerade dabei, wegen dem Weg zum College zu beraten. Je nachdem, was morgen Abend entschieden wird, nehme ich vielleicht mein Studium wieder auf, und ich könnte dann zusammen mit Bella nach Port Angeles fahren."
„Dann müsste sie nicht alleine fahren, das wäre auch nicht schlecht." Jacob schien es recht zu gefallen, dass er mich immer in guter Gesellschaft wusste, und ich fragte mich, ob er mich jetzt auch immer beschützen wollte, so wie Edward damals, wobei es mir durchaus gefiel, die einstündige Fahrt nicht immer alleine antreten zu müssen.
„Und Sprit könntet ihr auch sparen", ergänzte Emily.
„Aber nicht mit dem alten Kübel", meinte Jacob und nickte zur Türe, wo mein alter Transporter stand.
„Da wollte ich dir eh einen Vorschlag machen. Lass uns tauschen und nimm meinen Golf, der fährt bedeutend sparsamer und ist technisch auf einem weit besseren Stand. Dafür lässt du mir den guten, alten Chevy da. Den kann ich eh gut gebrauchen, wenn ich Motorteile abhole, da ist die Ladefläche Gold wert. Na, wie wär's?" Und er schaute mich kauend an. Sein Vorschlag war gut, der schicke, rote Golf brauchte bestimmt weit weniger Benzin als das alte Ungetüm verschlang. Zwar würde er mir fehlen, aber dafür Jacobs Auto zu fahren, wäre ein schöner Ersatz, es würde sein, als ob ein Teil von ihm bei mir wäre.
Ich nickte, und er schien zufrieden zu sein und langte gleich hinüber zum Korb, um sich noch einen Brownie zu sichern.
„Ich könnte ja auch Motorrad fahren, oder wir könnten als Wölfe bis Port Angeles laufen, das kostet gar nichts" feixte ich noch ein bisschen und spielte dabei mir den Haarfransen in seinem Nacken, während er schon wieder gefräßig den nächsten Kuchen verdrückte.
„Pah, mit einer ganzen Schultasche ans Bein gebunden? Vergiss es… und mit dem Motorrad würdest du nur dauernd nass werden."
„Da hat er Recht", stimmte Sam bei. „Dein Golf wäre eine gute Lösung, und wenn du wirklich auf ihn verzichten könntest, wäre es sehr nett, wenn ich auch mitfahren könnte. Wir könnten uns mit dem Fahren abwechseln, und den Sprit könnten wir gemeinsam zahlen, wie auch die Versicherung."
Wir einigten uns schnell, das würde eine prima Sache werden, und ich freute mich schon, die Strecke nicht mutterseelenalleine jeden Tag fahren zu müssen. Aber Jake wollte mir unbedingt gleich noch die tolle Stereoanlage von Emmet in den Golf einbauen, und so brachen wir auf zu seiner Werkstatt, wo er das gleich erledigen wollte. Ich überlegte noch, ob ich Charlie erst fragen sollte, aber es war ja mein Auto, und so konnte ich es ja auch tauschen, wenn ich das für angebracht hielt. Also brachen wir auf, Jacob setzte sich sehr selbstverständlich an das Steuer meines roten Pickups und wir fuhren die kurze Strecke zu Billys Hütte, wo er schnell ausstieg und die breiten Türen seiner Werkstatt öffnete, um den Transporter hinein zu fahren. Als er dann im Dämmerlicht den Motor ausgestellt hatte, krabbelte ich auf die Sitzbank, rutschte zu ihm hinüber auf die Fahrerseite und schwang ein Bein über seine Schenkel. Dort saß ich nun, das Lenkrad im Kreuz und ihn direkt vor mir. Er schaute mich verklärt an, seine Arme hatte er mir unter den Achseln durchgeschlungen und auf meinen Rücken gelegt, wo er mir die Schulterblätter streichelte.
„Meine Güte, Kleines, hast du mir gefehlt. Wie soll ich das nächste Woche aushalten, wenn du nur noch abends da sein wirst?" Er sah mich richtig verzweifelt an, dann beugte er sich vor und küsste mich sachte auf die Lippen. Mir gefiel diese Aussicht genauso wenig, aber ich wusste, dass wir es irgendwie durchstehen mussten. Aber jetzt gab es erst einmal nichts zu Leiden, jetzt waren wir beisammen, und ich drückte mich fest gegen seinen Körper.
„Dann sollten wir die Zeit zusammen umso mehr genießen…", meinte ich nur und streichelte ihm mit den Daumen über die hohen Wangenknochen. Ich konnte es immer noch nicht so recht fassen, dass es endlich geklappt hatte bei uns beiden und er nicht mehr vor mir davor rannte. Und das was er dann mit mir machte, war ganz und gar nicht als Flucht zu bezeichnen, eher als das Gegenteil. Wir küssten uns immer wieder, erst sacht, dann stürmischer, und immer wieder sahen wir uns an, suchte unser Blick den des anderen, hielt ihn fest wie den Körper mit den Armen. Wir küssten und streichelten uns, wir durchzausten uns die Haare und drückten uns fest, aber schließlich ließen wir voneinander ab, Jacob wollte mir unbedingt das Radio umbauen und bat mich, ihm dabei Gesellschaft zu leisten.
Erst wollte er aber noch seine Schulsachen ins Haus bringen und so schnappte er erst die Schultasche von der Bank und griff dann nach mir, warf mich mit einem Ruck auf seinen Rücken und marschierte dann zielstrebig aus der Werkstatt und auf die kleine Hütte zu. Ich hing erst noch ziemlich verblüfft, dann aber lachend an ihm dran und duckte mich geschwind, als er sich bückte, um mit mir zusammen durch die Türe zu schreiten, und sah dann von weit oben einem sehr verblüfften Billy in die Augen. Ich strahlte über das ganze Gesicht, und als Jacob die Schultasche in die Ecke gefeuert hatte, wollte ich runter, aber er ließ mich nicht.
„Wir sind in der Werkstatt", teilte er seinem Vater nur mit und zog dann mit mir auf dem Rücken wieder ab, immer gut aufpassend, dass ich mir den Kopf nicht am Türrahmen stieß. Ich drehte mich um und winkte Billy fröhlich zu, und er winkte ein wenig sprachlos zurück, aber als er dann an der Tür in seinem Rollstuhl hockte und uns nachsah, begann er zu grinsen. Er schien begriffen zu haben, was bei uns beiden los war, und er sah, wie glücklich Jacob war. Ich sah, dass die Türe lange offen stand und er hinter uns hersah, bis wie in der Werkstatt verschwanden, und ich glaubte, dass ich große Freude in seinen schwarzen Augen erkannt hatte, die denen Jacobs so sehr glichen.
Dann bauten wir das Radio aus. Ich saß erst mit auf der Sitzbank und reichte Jacob die verschiedenen Zangen, die er benötigte, während er unter mir im Fußraum lag und mit den langen Armen hinter der Abdeckung fummelte. Bald hatte er es heraus gelöst und war schon damit in seinem Golf zugange, während ich nicht mehr still halten konnte und auf den mit Holzspänen bedeckten Boden anfing herumzuwirbeln, weil gerade eines meiner Lieblingslieder im Radio kam. Ich war so entzückt von dem gefühlvollen Beat und der sanften Stimme der Sängerin, der mir mit der indisch angehauchten Melodie Gänsehaut über den Rücken laufen ließ, dass ich anfing mitzutanzen, obwohl Jake anwesend war. Er schaute zu mir herüber und grinste nur, und es war mir kein bisschen peinlich, mich auf dem weichen Boden hin und herzudrehen und säuselnd mitzusingen.
(.com/watch?v=sailp3-UJ9o)
Ich drehte immer lauter und erschrak furchtbar, als sich auf einmal die Türe öffnete und Quil und Embry herein kamen.
„Was geht denn mir der ab?", wollte Quil vorlaut wissen und betrachtete mich amüsiert, wie ich etwas verdattert neben dem Radio stand, die Arme immer noch halb in der Luft erhoben.
„Schwer verliebt…", meinte Jacob nur grinsend.
„Wird ja auch Zeit!", meint Embry gelassen, dann grinsten mich alle drei miteinander frech an.