Fünfter Teil: Flüchtig und bezwingend

Kapitel 25:

Dinner für drei

„Der Potty ist ein armes Schwein", sagte Harry zum Bücherschrank. „Der lässt ab jetzt das Zaubern sein!"

Ja, es sah ganz danach aus im Salon des altehrwürdigen Hauses der Blacks. Der Schreibtisch war vor den Schrank geschoben. Darauf trugen vier Stapel aus dicken Büchern jeweils ein Stuhlbein. Ein fünfter Stapel diente als Trittstufe zwischen Tisch und Stuhl. Und oben auf dem Stuhl stand Harry. Dicht unter der Zimmerdecke, den Kopf zwischen die Schultern gezogen, stützte er sich mit der einen Hand an der verschnörkelten Schnitzerei der Schrankwand ab, während er mit der anderen eine brennende Kerze vor die Bücher darin hielt und die Titel auf den Buchrücken zu entziffern versuchte.

Seit über einer Stunde – mit nur einer kurzen Unterbrechung, als die Rückverwandlung ihn auf den Boden zurück gezwungen hatte – turnte er jetzt so unter der Decke des Salons herum, schob den Tisch immer wieder ein Stückchen weiter und verscheuchte rigoros alle Gedanken, die nichts mit dieser Suche hier zu tun hatten. Was nicht gerade leicht war.

„Peeves hatte es wirklich drauf", murmelte er und steckte die Kerze versuchsweise in einen Halter am Regal, der wie ein Miniatur-Wasserspeier aussah. Das Licht reichte kaum bis zu den obersten Fächern. Es war einfach zum Verrücktwerden.

Hortense Damages Worte und mehr noch der Blick seiner giftig-grünen Augen verfolgten ihn und hatten das verwirrende Ende seines Krankenhausbesuchs schon verdrängt. Aber jetzt gab es erst mal Wichtigeres zu bedenken als seine Chancen auf Heilung.

Wenigstens konnte er nun suchen. Als sie dem St. Mungo endlich entkommen waren, hatte George ihn nämlich erst noch durch mehrere Muggelläden geschleift, wo er einiges einkaufen wollte, vom Fachmann beraten, wie er sagte – und mit dem Fachmann meinte er Harry. Es war Spätnachmittag, als sie zum Grimmauldplatz zurückkehrten, und aus Harrys brennender Ungeduld war eine Anspannung geworden, die seinen ganzen Körper wie in einem Schraubstock gefangen hielt.

Hier hätte er George bitten können, ihm diese drei Regalfächer auszuräumen – mit einem entsprechenden Zauber hätte er dafür keine fünf Minuten gebraucht. Aber er wollte das Interesse nicht auf seine seltsamen Unternehmungen lenken. Außerdem war er sich gar nicht sicher, ob er wirklich in einem Buch suchen musste oder nicht vielleicht dahinter, darunter oder darüber –

So hatte er sich eben allein in die Suche gestürzt und hoffte jetzt nur, dass Ron ihn nicht dabei überraschte, wie er hier wie ein Affe auf diesem demütigenden Hilfsgerüst herumhampelte.

Wie hatte er nur annehmen können, die meisten Bücher dieses Hauses gesehen zu haben?! Hier oben gab es noch Hunderte mehr! Vor allem uralte, fremdsprachige – eben das, was er (nach Meinung der Weasleys und Hermiones, die diese Regale damals für ihn eingeräumt hatten) nicht unbedingt in Reichweite brauchte. Im vorletzten Fach unter der Zimmerdecke standen sie sogar in zwei Reihen hintereinander. Aus einem waren, als er es geöffnet hatte, unzählige kleine Spinnen herausgewuselt. Ein anderes hatte sich mit einem Klagelaut geöffnet und seufzte seitdem ununterbrochen. Ein drittes enthielt nur leere Seiten. Hinter vier Büchern in der Ecke des obersten Faches war er auf ein weiteres Doxy-Nest gestoßen und hatte die Bücher so schnell wie möglich wieder davorgeschoben. Schließlich entdeckte er ein ziemlich dickes Buch mit dem Titel Mit den Augen des Animagus und wäre vor Aufregung beinahe abgestürzt – aber in diesem Buch war gar nichts, und ebenso wenig an der Stelle, an der es gestanden hatte. Frustriert knallte er es in das Fach zurück.

Wenigstens weiß ich jetzt, was Bill neulich nachts hier gemacht hat, dachte er und schüttelte die Staubflocken von den Händen. Er wusste, dass er Schwierigkeiten kriegen würde, und hat das Medaillon vorher hier versteckt. Für einen Zauberer kein Problem. Und ich hab eine Woche lang in dieser Bude gehaust, ohne was davon zu wissen …

Entnervt versetzte er dem Rücken des seufzenden Buches einen Hieb, der es tatsächlich verstummen ließ. Er riskierte einen Blick nach unten und fragte sich, wie er dieses Zimmer ohne Leiter oder Zauberkräfte jemals wieder aufräumen sollte. Die Suchaktion hier wollte er Ron nicht erklären müssen. Dann wandte er sich, den Blick eingestellt auf ein bestimmtes Wort, wieder den Buchrücken zu, während seine Gedanken zu Bill zurückkehrten.

Er wusste also, dass so was mit ihm passieren würde. Wieso hat er niemandem was gesagt? Wieso hat er diesen Trank trotzdem genommen? Er muss das gewollt haben … warum?

Sein Blick stockte. Da war es. Das wusste er in dem Moment, als seine Augen an den teilweise schon abgeriebenen Buchstaben De Animagis auf dem dunklen Buchrücken hängen blieben. Diesmal verlor er nicht das Gleichgewicht. Er nahm das Buch heraus und ertastete den runden Gegenstand unter dem Einband, noch während er von Stuhl, Bücherstapel und Tisch herunterstieg. Im flackernden Licht des Kaminfeuers klappte er den rissigen, abgestoßenen Einband auf. Seltsam unwillig, das eigentliche Fundstück hervorzuholen, fing er stattdessen an zu blättern. Zu jeder anderen Zeit hätte ihn dieses Buch gefesselt. Die Sprache war zwar sehr altertümlich und mit viel Latein durchsetzt, aber es war doch unverkennbar, dass hier der Animagus-Zauber beschrieben und erklärt wurde, Schritt für Schritt, mit Abbildungen, Rezepten, Warnungen und Ratschlägen für die Durchführung. Das Seltsamste an diesem Buch waren aber nicht die Bilder von misslungenen Verwandlungen, sondern die beiden durchgestrichenen Preise, die mit Bleistift oben auf den inneren Buchdeckel geschrieben worden waren: Pfundpreise, nicht Galleonen oder Sickel. Wie waren Muggel an ein solches Buch gekommen?

Der Gegenstand, der unter dem Einband steckte, schien auf seinen Fingern zu lasten, als wolle er seine Aufmerksamkeit erzwingen. Aber Harry blätterte beinahe trotzig weiter herum. Vielleicht würde die Verantwortung für diesen Gegenstand von nun an für den Rest seines Lebens auf ihm lasten – das hätte sogar eine gewisse Richtigkeit gehabt, fand er. Da konnte er den Moment ruhig noch etwas vor sich herschieben –

Dann erkannte er auf dem Deckblatt zu seiner Überraschung die lässige Schrift seines Paten. Der Vierzeiler, den Sirius dort wie eine Widmung hingeschrieben hatte, kam Harry absurd vertraut vor, und doch konnte er ihn zuerst nicht einordnen.

Well we knew the woods and the resting places
And the small birds sang when winter days were over
Then we'd pack our load and be on the road
Those were good old times for a rover

Beim zweiten Lesen fügten sich die Worte mit einem Mal zu einer Melodie, und da erinnerte er sich: Das war aus einem Lied, aus einem von denen, die Barry gern zum Besten gegeben hatte, wenn der Grill allmählich ausglühte – Barry vom Jahrmarkt, Barry, der Grillkönig mit dem Scooter. Ein Lied über die fahrenden Leute – es war seltsam, diesen Worten hier wiederzubegegnen, in der Zaubererwelt, geschrieben von Sirius!

Rumtreiber, Animagus, Dragonflyer … Vielleicht doch nicht so seltsam?

Harry stand da, hielt das Buch in seinen Händen, fühlte das Gewicht des Medaillons in seiner rechten Hand und hörte diesem Song zu, der sich mit sämtlichen Strophen in seinem Kopf abspulte. Dachte wie am Morgen auf der Straße vor dem St. Mungo mit plötzlicher Sehnsucht an die Freiheit, die er für ein paar Monate erlebt hatte. Klar, er war allein gewesen. Vielleicht auch verloren, ja. Aber doch frei und sein eigener Herr, auch auf dem Jahrmarkt noch. Wer einmal auf der Straße gewesen ist, den lässt sie nicht mehr los, sagten die Fahrenden. Und damit meinten sie die Schausteller mit ihren Hi-Tec-Wohnwagen und wohl geplanten Routen ebenso wie die Junkies um die Bahnhöfe und die armen Seelen, die sich hustend an ihren Schnapsflaschen festhielten und in der Winterdämmerung unter Zeitungen erfroren.

Es gibt eine ganz einfache Möglichkeit, dachte Harry. Ich stelle dieses Buch zurück. Hole meinen Rucksack von nebenan und meine Jacke aus dem Flur – und gehe. Wenn die Tür hinter mir zufällt, krieg ich sie nie mehr auf. Ich gehe jetzt, schnell, bevor Ron vorbeikommt. Ich lass diesen ganzen Irrsinn hinter mir, diese Welt, in der ich nicht mehr mitmachen kann. Ich werd den Jahrmarkt wieder finden – oder einen anderen. Und bleib dabei.

Es war so einfach. Niemand zwang ihn, sich auch nur zu vergewissern, was da nun wirklich in diesem Einband steckte. Das war nicht mehr seine Verantwortung! Mochte es hier bleiben und mit diesem Haus sterben. Und all dieser andere Kram – was ging ihn das noch an? Wem konnte er etwas nützen? Ron würde sein arkturisches Rätsel auch ohne ihn lösen, Bill mit der Hilfe der Heiler hoffentlich wieder gesund werden. Wer immer seinen Tarnumhang jetzt hatte, mochte ihn behalten! Dumbledore hatte doch nicht einmal gewollt, dass er über sich selbst Bescheid wusste.

Ich bin denen nichts mehr schuldig!, dachte er.

Das Lied klang immer noch nach. Irgendwie schloss sich hier der Kreis, oder? Sirius hatte ihn von der Straße weggerufen – jetzt schickte er ihn dahin zurück. Er hatte doch nun erfahren, was er wissen musste: Es gab keine Heilung, kein Zurück. Hier würde er nie ein ganzer Mensch sein.

Sekundenlang zögerte er. Konnte beide Wege in sich fühlen, so genau, als hätte er sie schon beide erlebt –

Dann schlug er die Buchseiten mit einem Ruck um, zerrte es aus dem Einband heraus, und da lag es wieder auf seiner Hand: Ein plumpes, goldenes Ding, das immer wieder in den Einbänden irgendwelcher Bücher zu landen schien.

Er wollte es nicht berühren. So viel Gewalt, Tücke und Elend klebten daran – Menschen waren wegen diesem Ding gestorben. Selbst sein Doppelgänger war noch mörderisch gewesen. Harper hatte es zweimal gestohlen, hatte schließlich darein eingesperrt, was von Voldemort übrig geblieben war, nachdem –

Ich. Ich habe das gemacht. Das, was jetzt da drin ist, was immer es sein mag – das ist vom angeblich mächtigsten schwarzen Magier aller Zeiten übrig geblieben nach dem Zauber, den ich ausgesprochen habe. Nach meinem letzten Zauber, für den ich seitdem bezahle.

Auf unvorhersehbaren, bizarren Wegen war es wieder bei ihm angekommen – und abgesehen von dem leisen Widerwillen, es zu berühren, löste es in ihm gar nichts aus. Das sollte nun das gefährlichste Relikt der Zaubererwelt sein? Die Oberfläche mit dem verschlungenen S darauf hatte ein paar Kratzer mehr. Die Öse, an der man eine Kette befestigen konnte, war verbogen. Und mehr war da nicht. Einfach ein Stück Metall, so tot wie das Haus um ihn herum.

Harry wog es in der Hand und konnte es nicht glauben. Was hatte er erwartet? Dass es aufschnappen und ihn überwältigen würde? Dass sich das Restchen seines Feindes wie eine Rachefurie auf ihn stürzte und Besitz von ihm ergriff? Hatte er denn nicht selbst Tom Riddles Augen in denen von Bill gesehen, damals? Bill selbst machte sich auf jeden Fall Sorgen deshalb –

Es könnte an mir liegen, dachte er. Vielleicht merke ich nichts, weil ich keinen Funken Magie mehr in mir habe, wie dieser Giftzwerg gesagt hat. Da hätte das doch endlich mal was Gutes!

Nach kurzem Nachdenken verstaute er das Medaillon in einer der kleinen Innentaschen seines Rucksacks. Er würde darauf aufpassen, das hatte er ja sozusagen versprochen. Aber Angst davor hatte er nicht mehr.

Danach – ging er zur Tagesordnung über. Fing an, ein bisschen aufzuräumen, hob den Stuhl vom Tisch, stellte Bücher zurück ins Regal –

Und dann klopfte es auch schon unten an der Haustür. Ron! Verdammt, und hier sah es immer noch aus wie –

Hastig schob er wenigstens noch den Schreibtisch an seinen Platz zurück, wobei der letzte verbliebene Bücherstapel darauf einstürzte und ein besonders harter Einband auf seine Hand knallte. Dann rannte er fluchend aus dem Salon und auf den Treppenabsatz, gerade als die Haustür zufiel und rasche Schritte im Flur erklangen. Klar, er hatte vorhin nicht abgeschlossen.

„Ron, ich bin hier oben –"

Aber es war nicht Ron. Harry blieb, über das Treppengeländer gebeugt, wie angewurzelt stehen. Unten im Flur stand Hermione und sah zu ihm hinauf.

Schließlich bewegte er sich wieder, ging ein, zwei Stufen weiter, dann lief er, und sie musste wohl auch gelaufen sein, auf jeden Fall fiel sie ihm irgendwo auf einer der untersten Stufen um den Hals, und er hielt sie fest und so stolperten sie herum, bis sie schließlich doch wieder unten im Flur ankamen.

Sie bohrte ihr Gesicht gegen sein Schlüsselbein, und er schlang beide Arme um sie. Sein Herz hämmerte so, dass er kaum atmen konnte. Wie lang war es her, dass er einen Menschen umarmt hatte! Wie hatte er das nur vergessen können – wie hatte er sie nur vergessen können! Schließlich hörte er durch das Hämmern in seinen Ohren, dass sie weinte.

„Hermione!", sagte er und strich ihr Haar beiseite, um ihr Gesicht sehen zu können.

„Harry! Wie konntest du nur einfach abhauen?", schrie sie da auf einmal und hob endlich den Kopf. „Und nie wieder was von dir hören lassen?"

„Hermione!", sagte er hilflos. Er wollte jetzt nichts erklären, nichts rechtfertigen, nicht reden. Nur festhalten und fühlen. Er lehnte sein Gesicht gegen ihre Wange und war dankbar, dass sie das geschehen ließ. Dass sie ihre Arme um seinen Hals legte und ihnen beiden die Stille schenkte, die er in diesem Moment unbedingt brauchte.

Alles andere versank, als er so dastand – dass er Minuten zuvor das Medaillon gefunden und versteckt hatte, war egal, war vergessen – Bill war vergessen und Hortense Damage und überhaupt alles. Erst als die Totenstille der Wände um sie herum wieder in sein Bewusstsein drang, zog er Hermione die Treppe hinauf, an den abblätternden, schwarz-silbernen Tapeten vorbei, den Fußleisten, hinter denen die Mäuse wisperten. Wie es im Salon aussah, hatte er ebenfalls vergessen, aber Hermiones Augen glitten ohnehin blicklos über das Chaos hinweg. Stattdessen sah sie ihn an, und wieder verstand Harry nicht, wie er sie hatte vergessen können.

Als er sie küsste, waren ihre Lippen warm und zärtlich und ohne alle Leidenschaft. Es war gut, war Wiederbegegnen und vielleicht auch Verzeihen, jedenfalls hoffte er das. Aber nichts darin knüpfte an damals an, an den Morgen, an dem er sie zuletzt gesehen hatte. Sein Versuch, in ihren Küssen etwas davon wiederzufinden, blieb vergeblich.

Schließlich drängte sie seinen Kopf mit beiden Händen zurück und lächelte ihn an. „Bitte, aufhören! Es gab so viel zu sagen! Jetzt hab ich alles vergessen."

„Na und?", sagte er uncharmant. „Müssen wir denn unbedingt reden? Entschuldigung – ja, müssen wir, ich weiß – aber –"

Sie sah ihn nur an, die Hände immer noch um sein Gesicht gelegt. Das war ein so gutes Gefühl! Aber unter ihrem Blick begriff er, dass der einfache Teil vorbei war. Also riss er sich zusammen und versuchte, sein Gehirn wieder in Gang zu bringen. „Wo kommst du jetzt her – ich meine, was machst du hier – ich meine, ach, ich bin total durcheinander –"

So ging es nicht. Er musste sie loslassen. Wenigstens ein paar Schritte von ihr weggehen. Dabei fiel er fast über einen Bücherstapel. Sie musste lachen, und lachend folgte sie ihm zu den Balkontüren, hinter denen schwarz der Dezemberabend stand. Er legte seine Hände gegen die kalten Glasscheiben. Sie spiegelte sich darin, und da hörte er ihrem Spiegelbild zu. Das war leichter.

„Ich wollte schon früher kommen, aber McGonagall hat noch eine Besprechung angesetzt. Danach war ich kurz im St. Mungo – ich musste einfach wissen, wie es Bill geht – na ja, und ich dachte, du bist vielleicht auch da –"

„War ich. Heute Vormittag."

Sie zog ihn sacht zu sich herum, und er nahm ihre Hand, die sich rauh und rissig anfühlte.

„War es – war es kalt da, in Durmstrang?", fragte er. War doch ein guter Anfang, fand er. Sein Hirn kam langsam wieder in die Gänge.

„Eisig." Sie sah ihn immer noch an, so, als fände sie ihn sehr verändert. „Du siehst älter aus", sagte sie schließlich. „Aber deine Haare sind immer noch eine Wildnis."

Unwillkürlich fuhr er sich mit der Hand über den Kopf, und sie lächelte ein bisschen.

„Auf jeden Fall musste ich dich heute noch sehen. Morgen – morgen hätte ich es vielleicht schon wieder verschoben – und deshalb bin ich jetzt –"

Jetzt war sie hier. Er konnte es immer noch nicht glauben. Sie war schön und lebendig und irgendwie so – weich. So anders als alles, was er in den letzten Monaten gesehen hatte! Aber so was konnte man nicht laut sagen. Sein Hirn mochte ja wieder arbeiten, aber es war langsam, sehr langsam. Er war noch immer damit beschäftigt, sie einfach nur anzusehen, als sie ihn schon mit einer vollen Ladung Fragen überfuhr.

„Warum bist du damals weggegangen, ohne mit uns zu reden? Mit mir? Warum hast du dich nie mehr gemeldet? Ich muss das einfach wissen, Harry!", sagte sie und presste seine Hand in ihrer zusammen. „Du – du bist von mir weggegangen, weißt du noch, wir – wir waren zusammen – und dann, nur ein paar Stunden später, warst du weg. Hast nur diese – diese bescheuerten Briefe dagelassen! Mann, du hast mit mir geschlafen, und dann bist du aufgestanden und hast so einen Brief geschrieben?! Ich konnt's einfach nicht glauben! Was war dazwischen? Was ist passiert?" Ihre Stimme war immer lauter geworden, und jetzt wollte sie sich abwenden, aber Harry, so verwirrt und überrumpelt er auch war, hielt sie fest.

„Es tut mir leid", sagte er und versuchte sich zu erinnern, was er eigentlich geschrieben hatte. „Wirklich! Wirklich, Hermione! Es war –"

Sie sah ihn an, aber er wusste nicht, was er sagen sollte. Da war sie wieder, die Zeit, die auf seine Flucht gefolgt war, die Monate in dieser unsäglichen Bude und dem Supermarkt, die bodenlose, wortlose Einsamkeit. Vielleicht sah sie etwas davon in seinem Gesicht. Auf jeden Fall war ihre Stimme etwas sanfter, als sie fragte: „Warum? Sag mir doch nur, warum du so plötzlich gegangen bist –"

„Ich hab Scrimgeour gesehen, wie er Snape abgeholt hat an dem Morgen damals", sagte Harry und räusperte sich. „Da war mir klar, dass ich verschwinden musste. Ich kann nicht mal genau sagen, warum. Vielleicht dachte ich, dass die mich als nächsten abführen würden. Ich weiß es nicht." Er löste ihre Finger, die die seinen immer noch umklammerten. „Ich hatte ja sowieso vor, wegzugehen von Hogwarts. Aber eigentlich wollte ich noch ein paar Tage bleiben. Mit euch reden. Mit dir zusammen sein. Bis ich dann Scrimgeour da gesehen hab und Snape. Da hatte ich plötzlich Angst. Vielleicht wär ich nicht mehr losgekommen –"

„Hast du denn nie daran gedacht, dass wir uns Sorgen um dich machen würden? Du hättest dich doch irgendwann mal melden können!"

„Es tut mir leid", murmelte Harry wieder. „Es war – leichter so, für mich, meine ich. Ich wollte euch vergessen." Harte Worte. Aber jetzt waren sie heraus. Unwillkürlich ließ er Hermiones Hand los.

Eine ganze Weile lang sagte keiner etwas. Dann fragte sie: „War es – sehr schlimm? Bei den Muggeln?"

Er schüttelte den Kopf. Vorhin hatte er in eben diesem Raum gestanden und überlegt, zum Jahrmarkt zurückzugehen. Was hatte ihn aufgehalten? Er wusste es nicht. Im Moment konnte er einfach nicht richtig denken. Und über die Zeit in der Muggelwelt wollte er jetzt bestimmt nicht reden. Er zog sie wieder zu sich heran. „Können wir – können wir nicht einfach – bleib noch hier – ich weiß auch nicht –" Und mit dem Gesicht an ihrem Hals brachte er es über sich, die dämlichste Bitte seines bisherigen Lebens zu flüstern: „Halt mich fest!"

Da legte sie die Arme wieder um ihn, und so blieben sie lange stehen, ohne sich zu bewegen.

ooOoo

„McGonagall hat gesagt, du bist in ihr Büro eingebrochen", sagte Hermione. „Ich soll dir noch mal sagen, dass es ihr leid tut wegen dem Tarnumhang. Und dass sie dir sofort Bescheid gibt, wenn sie ihn wiederhat."

Irgendwann hatten sie sich auf den Boden gesetzt, zwischen die Trümmer seiner Suchaktion, einander gegenüber, Bein an Bein geschmiegt, dicht beieinander. Er hielt ihre Hand in seiner – noch nicht bereit, sich dem Tag wieder zu stellen. Der Tarnumhang kümmerte ihn im Augenblick herzlich wenig. Er fühlte sich total aufgewühlt und so bedürftig, dass es ihn erschreckte. Und doch gab es etwas, das er jetzt klären musste.

„Hast du einen – einen neuen Freund?", brachte er schließlich heraus.

„Nein. Wieso?"

„Du – na ja, du hast mich – anders geküsst. Und außerdem hat Fred dich mit jemandem zusammen gesehen."

Sie wandte sich zur Seite, und er konnte zusehen, wie eine leichte Röte über ihr blasses Gesicht bis hinauf in die Haarwurzeln stieg. Eigentlich war das ja schon Antwort genug. Aber jetzt wollte er es genau wissen. „Wer war das denn?"

„Ein Linkshänder", sagte Hermione spontan, und darüber mussten sie plötzlich beide lachen. „Keine Ahnung, warum ich das gesagt hab – ich meine, er ist Linkshänder, aber das ist –"

Mit einem sinkenden Gefühl in seinem Magen hörte Harry zu und verstand viel mehr, als sie sagte. Hermione hatte den Faden verloren. Wenn es nicht so komisch gewesen wäre, wäre es – na ja, erschütternd gewesen. Oder umgekehrt.

„Und was ist er noch, außer Linkshänder?"

„Erinnerst du dich an – ähm – Dorian Welldone?" Und als sie diesen Namen aussprach, wurde sie richtig rot.

Harry musste gründlich überlegen, bis ihm einfiel, woher er den Namen kannte. „Der Typ mit dem Geisterdetektor?", fragte er ungläubig. „Der damals die Leute zurückgeholt hat? Wie kommst du denn an den?"

„Er ist jetzt Professor in Hogwarts", antwortete sie ohne Schärfe. „Instrumentelle Magie. Ein neues Fach. Er war auch mit in Durmstrang."

In der folgenden Stille blieb Harry endlich Zeit, die Stiche der Eifersucht zu fühlen. Jetzt musste er es einfach wissen, alles. „Hast du was mit ihm? Ich meine, hast du –"

„Ich weiß schon, was du meinst, Harry", unterbrach sie ihn, allmählich doch etwas gereizt. „Nein, ich hab ihn nicht mal geküsst. Na ja – aber Tatsache ist, ich –"

„Du würdest es gern!", ergänzte er nicht ohne Bitterkeit. „Und er?"

„Komm schon, Harry – hör auf damit."

„Entschuldigung", sagte er. Was veranstaltete er hier überhaupt für ein Verhör? Hastig drängte er den Gedanken an den Teich im Verbotenen Wald zurück. „Ich hätt nicht –"

„Ist schon okay. Es ist nichts, und es wird auch nie was", sagte sie. „Aber wir, du und ich, wir sind etwas, oder? Wir sind Freunde, oder?"

„Ja", antwortete er. „Wenn du das noch willst."

„Wär ich sonst hier, Blödmann?" Und dann weinte sie wohl wieder, obwohl sie versuchte, es zu verbergen. Harry war bestürzt, aber er fragte nicht weiter. Er saß einfach da und hielt ihre Hand und wartete darauf, dass die seltsame Stimmung zwischen ihnen wieder verging. Das Wichtigste war, dass sie noch Freunde waren.

Sie hörten die Schritte draußen erst unmittelbar bevor die Salontür geöffnet wurde. Und dann stand da Ron, mit regennassem Haar und tropfender Jacke und vergnügtem Grinsen. Als er die beiden dort auf dem Teppich sitzen sah, war es, als würde in seinem Gesicht ein Licht ausgeschaltet.

„Verzeihung!", zischte er. „Ich wollte nicht stören!" Dann fiel die Tür krachend hinter ihm ins Schloss, und Harry und Hermione hörten nur noch trampelnde Schritte auf der Treppe.

„Ron!" Harry sprang auf und stürmte hinterher. „Ron! Ron, warte! Jetzt warte doch, du Idiot!" Er packte ihn am Arm und hielt ihn fest. „Hör doch mit diesem Mist auf, Mann! Ich hab jetzt fast zwei Wochen darauf gewartet, mit dir zu reden! Du kannst jetzt nicht abhauen!"

Ron riss sich los und sah Harry böse an.

„Komm schon, lass den Quatsch", sagte Harry leise. „Hermione und ich sind nicht mehr – wir sind – Freunde. Was wir immer waren. Und du auch. Bitte, jetzt komm wieder rauf und lass uns alle reden. Wir haben uns doch über ein Jahr nicht mehr gesehen!"

Hermione sah durch die Salontür und kam dann langsam die Treppe hinunter zu ihnen. Sie lächelte Ron zaghaft zu, und Rons verbissenes Gesicht lief rot an. Da standen sie nun alle im Flur des verfallenden Hauses, jeder von ihnen gebeutelt von irgendwelchen Gefühlen, und Harry konnte die Kräfte fühlen, die an ihnen zerrten und wie Ströme zwischen ihnen hin- und hergingen. Sekundenlang war es, als müsste es sie alle drei in verschiedene Richtungen davontreiben.

„Und – haben wir die Pfeifen in Durmstrang wenigstens platt gemacht?", fragte Ron dann auf einmal. Harry atmete auf.

„Na ja, eigentlich haben die Pfeifen eher uns platt gemacht", gab Hermione zurück. „Und vermutlich gibt's demnächst 'ne Menge Ärger auf dem Quidditchplatz, wenn die Leute, die mit waren, nämlich ihre neuen Tricks auspacken. Rempelmanöver, Sturz-Apparieren und so was."

„Sturz-Apparieren? Ich glaub's nicht! Das haben die euch beigebracht?" Ron vergaß seine Gekränktheit völlig. „McGonagall und die Hooch werden ausflippen! Das ist doch verboten!"

„Tja, in Durmstrang offenbar nicht. Und Maris Zemgalen hat dafür gesorgt, dass es sogar die Leute aus der Fünften gelernt haben."

„Wahnsinn!" Auf Rons Gesicht zeigte sich jetzt der blanke Neid, und auch Harry war unerwartet gefesselt. „Zemgalen? Etwa der, auf den die Baltischen Berserker so scharf sind? Ich dachte, der ist längst aus der Schule! Ich hab gehört, dass sie ihn für 'ne Masse Geld einkaufen wollen!"

Hermione verdrehte die Augen. „Ja, er ist ein toller Hecht! Und jetzt –"

„Ich wette, meine Schwester hat irgendwas mit dem angefangen", unterbrach Ron sie plötzlich, und sein Gesicht verfinsterte sich wieder. „Sie ist doch –"

Ron!", brüllten Harry und Hermione einstimmig.

„Hat sie nicht! Und jetzt halt endlich die Klappe!", rief Hermione. Und Harry fragte: „Was ist eigentlich in diesem Korb da?"

„Essen", gab Ron zurück. „Hab den Vorratsschrank in der Winkelgasse eben noch ausgeräumt. Fred und George waren schon auf ihrer komischen Straßenratsversammlung, wegen dieser Mega-Silvesterparty, die sie da planen. Und die Tüte ist vom Burgerladen neben dem St. Mungo – hab vorhin noch mal kurz bei Bill reingesehen – Mum hing immer noch da rum, und Ginny und Fleur auch – also, jedenfalls dachte ich mir, dass du wahrscheinlich auch Hunger hast."

„Da fällt mir ein – ich hab ja auch was fürs Abendessen mitgebracht!", rief Hermione und stürmte zur Tür. „Hier, hatte ich ganz vergessen!" Sie kam mit einer gefüllten Einkaufstasche zu ihnen zurück.

„Dann lasst uns doch in die Küche gehen und auspacken!", schlug Harry vor, der auf einmal merkte, dass er seit dem Morgen nichts mehr gegessen hatte.

„Halt – erst will ich noch einen Blick in die Chronik werfen! Wo hast du die hingelegt?"

„Ich bring sie dir – geht ihr schon mal in die Küche!", sagte Harry hastig und stürmte hinauf in den Salon. Auf keinen Fall würde er Ron in dem Durcheinander suchen lassen. Und außerdem hatte er die Chronik in den Schreibtisch gelegt – zusammen mit seinen Notizen und Dumbledores Brief.

ooOoo

„… hinter dem Porträt von der keifenden Alten", erklärte Ron gerade, als Harry mit dem Buch in die Küche kam. „Briefe und Fotos waren da auch versteckt."

„So, hier ist es!" Harry ließ das schwere Buch auf den Tisch fallen. „Und was gibt's darin so Wichtiges?"

„Ich erklär's alles später, okay? Muss jetzt unbedingt was nachsehen!" Ron fing an zu blättern, und Hermione und Harry wechselten einen Blick. Keine Frage – das war nicht mehr so ganz der Ron, den sie kannten. Und noch etwas fiel Harry auf –

„Mann, mit Knoblauch hatte ich ja gerechnet – aber was ist das nun eigentlich? Etwa Parfum?", fragte er und krauste die Nase.

„Frag nicht!", gab Ron dumpf zurück, ohne den Blick von den Seiten zu heben.

„Lavendel", sagte Hermione. „Du musst drin gebadet haben."

„Ein weiteres Wunderwerk meiner Brüder – sagten, mit dem Knoblauchdunst käm ich ihnen nicht ins Haus. Jetzt riech ich wie meine Großtante bei ihrer Beerdigung und – he, da ist es ja!" Er glättete die Seite und beugte sich dann dicht darüber. „Ja. Das ist es. Ich hatte also Recht." Er schlug das Buch wieder zu. „Lasst uns was essen!"

„Ron! Du kannst uns jetzt nicht zappeln lassen! Womit hattest du Recht? Was hast du gefunden? Was wolltest du mir erzählen, verdammt?!"

„Später! Ehrlich, ich hab heute noch nichts gegessen, nur den Pampf, den die im St. Mungo Frühstück nennen – ich bin am Verhungern. Außerdem – wir müssen Hermione doch sowieso erst erklären, worum es geht!"

„Ich hab keine Ahnung, worum es geht", murrte Harry.

„Und ich versteh sowieso nichts mehr. Wieso musstest du im St. Mungo frühstücken?"

Ron ließ sich auf den nächsten Stuhl fallen und angelte sich die große, fettfleckige Packpapiertüte aus dem Korb. „Gleich", sagte er erschöpft. „Erst was essen!"

„Warte – hör mal, willst du jetzt wirklich Burger aus der Tüte essen oder was?", fragte Hermione.

Rons Miene verfinsterte sich schlagartig. „Hast du was dagegen?", knirschte er. „Du kannst dich ja an den Korb da halten! Da sind keine Burger drin!"

Hermione, die sich nur mit offensichtlicher Selbstbeherrschung von der Black-Chronik abgewandt hatte, knallte daraufhin zwei große Kerzenhalter auf den Tisch und entzündete sie mit einem scharfen Schlag ihres Zauberstabs. „Und ihr könntet Teller aus den Schränken holen, und Besteck und Gläser!"

Ron schlug auf die Tischplatte, dass die Burgertüte hüpfte. „Ich glaub, ich lass euch dann doch lieber allein –"

Aber Harry boxte ihn in den Nacken und ging dann Teller holen. „Komm schon, sie hat Recht! Hier sieht's ziemlich verkommen aus, kann nichts schaden, wenn wir den Tisch mal richtig decken!"

Hermione packte indessen ihre Tüte aus. Sie legte grünen Salat auf den Tisch, kleine Paprikaschoten in Rot, Orange, Gelb und Grün, Tomaten, eine Gurke, ein Büschel dünner Karotten, ein Bund Kräuter und zwei Zitronen, dann folgten noch zwei Stücke Käse, ein rundes Fladenbrot und zum guten Schluss zwei Flaschen Wein. Die beiden anderen sahen fasziniert zu.

„Was hattest du vor?", fragte Ron schließlich giftig. „Wolltest du ihn erst mit einem französischen Dinner abfüttern und dann verführen oder was?"

„Ron!"

„Französisches Dinner?", wiederholte Hermione mit bissigem Spott. „Nicht mal der Wein ist französisch! Ich wollte einfach mal wieder Salat essen! Ich hab zwei Wochen praktisch kein grünes Blatt gesehen! In Durmstrang essen sie sogar zum Frühstück Fisch!"

Harry, der sich selbst immer noch ganz wacklig von dem Wiedersehen fühlte, bewunderte Hermione, weil sie sich nicht aus der Ruhe bringen ließ, sondern in den muffigen Küchenschränken Schneidebrett, Messer, eine Zitronenpresse zusammensuchte. Aber ihr verletzter Blick war ihm doch nicht entgangen.

„Ron, hör mal –"

„Ah ja, und Wein gab's in Durmstrang wahrscheinlich auch nicht. Aber den braucht man wohl, wenn –"

„Ron, bitte, hör jetzt auf!", sagte Harry leise, aber mit Nachdruck. „Es ging nicht um so was. Kapier's doch endlich: Es ist ein Jahr her, es – es hat nur kurz gedauert, und jetzt ist es vorbei." Er sah Hermione an, die im Schneiden innegehalten hatte und seinen Blick erwiderte, und erst während er es aussprach, wusste er ganz klar, dass es jetzt wirklich vorbei war. „Verdirb den Abend nicht mit dieser Stichelei! Ich bin so froh, dass ihr hier seid! Ihr – ihr habt keine Ahnung, wie ihr mir gefehlt habt!"

Ron starrte Harry an, als wollte er seine Gedanken lesen. Schließlich stand er mit betont schleppenden Bewegungen auf und kramte in den Schubladen nach Besteck, das er neben die Teller warf. Dann packte er seinen Korb aus, was seine Stimmung offenbar wieder besserte.

„In diesen Teigtaschen da ist Hackfleisch drin oder Frischkäse oder Spinat oder sonst was – klingt komisch, schmeckt aber erstklassig – Sauce – Kartoffeln, ein Rest von – keine Ahnung, was das ist –" Er verteilte Schüsseln in allen Größen zwischen den Kerzenständern und nahm die Deckel ab. „Und wo wir gerade beim Thema sind – ihr ratet nie, wer den ganzen Kram gekocht hat!"

„Sagtest du nicht, du hättest die Vorräte deiner Brüder geplündert?", fragte Hermione, die inzwischen die Paprika putzte. „Dann tippe ich auf deine Mum."

„Sag nicht, dass Fred oder George das gekocht haben!", sagte Harry, der bei sich beschloss, in diesem Fall nichts davon zu probieren.

„Nee. Jenny. Sie kocht neuerdings ziemlich oft für uns. Ist fast jeden Abend da."

„Freds Freundin", erklärte Harry Hermione.

„Und das ist der Punkt", sagte Ron. „Wenn ihr mich fragt, geht sie nämlich inzwischen mit beiden. Falls du dich erinnerst, Harry, sie konnte sie nie auseinanderhalten, und George war schon die ganze Zeit in sie verknallt. Also, da gab es einen Riesenkrach, kurz nachdem du wieder hier eingezogen bist – und seitdem – na ja."

„Äh –"

„Willst du damit sagen, dass Fred und George sich – eine Freundin teilen?", fragte Hermione wider Willen fasziniert.

„Irgendsowas. Sie haben sich jedenfalls irgendwie arrangiert, und seitdem seh ich Jenny abwechselnd mit einem von beiden losziehen. Ich vermute mal, dass sie das weiß. Ich hoff's."

Diese Information mussten sie erst einmal verdauen.

„Scheint ja eine interessante Frau zu sein", sagte Hermione schließlich. Sie hatte eine Weile kritisch beobachtet, wie das Messer die Karotten schnitt, jetzt beendete sie den Zauber und machte es lieber selbst.

„Übrigens kann ich ziemlich gute Salat-Dressings machen", sagte Ron zur Überraschung aller. „Wenn du es riskieren willst –"

„Klar. Hier sind die Zitronen. Ich hoffe, ihr habt Salz und Pfeffer und so was hier."

Nach und nach verwandelte sich der düstere, viel zu lang schon viel zu leere Küchentisch in eine richtige Dinnertafel. Harry fand nach einigem Suchen sogar Weingläser, und die Burger legten sie auf eine große Zinnplatte. Als sie endlich um das eine Ende des Tisches herumsaßen, hoben sie die Gläser zu einem stummen Toast – keinem fiel etwas ein, das diesem Zusammentreffen angemessen und kürzer als eine fünfminütige Rede gewesen wäre.

„Und jetzt –", sagte Harry, nachdem er sich eine große Portion Salat und Teigtaschen genommen hatte, „red endlich!" Und fixierte Ron mit gespanntem Blick.

„Es geht wohl um die Aurorenausbildung, oder?", fragte Hermione zaghafter als sonst. „Ich hab dir noch gar nicht gratuliert – herzlichen Glückwunsch, dass du es geschafft hast!"

„Es geht nicht nur um seine Ausbildung", sagte Harry ungeduldig.

„Ehrlich gesagt, ich bin mir gar nicht so sicher, ob das überhaupt was für deine Ohren ist, Hermione!", sagte Ron und musterte sie aus schmalen Augen.

„Oh, hör auf, Mann! Das ist Hermione – muss ich dir aufzählen, wie oft sie schon –"

„Ja, ja. Reg dich nicht auf, so war's ja gar nicht gemeint! Was ich meinte, war – also, es geht immerhin um einen echten Fall. Das wollt ich nur mal vorweg sagen –"

„Um einen echten Fall – heißt das, du darfst eigentlich gar nicht drüber reden?", fragte Hermione alarmiert.

„Genau das hab ich gemeint", sagte Ron sauer. „Obwohl's mich irgendwie wundern würde, wenn du da so auf den Regeln bestehst – sonst nimmst du's damit ja auch nicht mehr so genau –"

Harry hatte es jetzt endgültig satt. „Schluss!", brüllte er, so laut, dass die beiden anderen zusammenzuckten. „Lass uns jetzt vernünftig reden! Ohne Seitenhiebe! Geht das oder nicht?"

„Ich könnt's ja versuchen", sagte Ron schulterzuckend. „He, ich hab zwei total entnervende Wochen hinter mir – dauernd Knoblauch und diese Beknackten um mich rum, und die ganze Zeit hab ich mich gefragt, was die anderen jetzt vielleicht gerade rauskriegen, ob sie irgendwas Neues erfahren haben oder ob sie ihn vielleicht sogar schon geschnappt haben – alles, während ich da hinter Gittern sitze und diese Knoblauchtränke schlucke! Zum Ausrasten, sag ich euch! Ich wusste ja nicht mal, ob ich überhaupt noch bei dem Inquisitorium dabei bin, wenn ich endlich rauskomme!"

„Du bist in einem Inquisitorium? Ich dachte, das machen nur Auroren!"

„Ich bin durch Zufall reingekommen. Zweimal in der Woche arbeitet jeder von uns mit einem fertigen Auror zusammen, nur in der Zentrale, aber an einer richtigen Sache. Und dann war unser Ausbilder unterwegs zu einem Sondereinsatz –"

„Und ich weiß jetzt auch, was das für ein Einsatz war", unterbrach Harry ihn „McIntyre war in Hogwarts, auf Werwolfjagd."

„Ja, ich hab's gehört", erwiderte Ron düster. „Er soll in mörderischer Laune sein, seit er zurück ist. Zum Glück bin ich dem heute wenigstens nicht über den Weg gelaufen."

„McIntyre ist dein Ausbilder? Wenn er nur ein bisschen wie sein Sohn ist, hast du mein Beileid! Der war mit in Durmstrang", erklärte Hermione. „Robin, an den erinnert ihr euch sicher. Ein echtes Geschenk an die Menschheit. Hätte sich durch seine eigene Dämlichkeit beinahe umgebracht – aber das erzähl ich euch später." Sie wandte sich an Harry. „Also McIntyre war immer noch in Hogwarts, als du da warst? Das ist seltsam. Der und ein paar andere Auroren haben nämlich schon da rumgeschnüffelt, bevor wir nach Durmstrang gefahren sind – also gut eine Woche vor dem Vollmond! Zuerst dachte ich, dass das vielleicht wegen den Durmstrangs ist oder weil dann ja auch Scrimgeour nach Hogwarts kam, um das Ereignis mit seiner Anwesenheit zu beehren – aber das kam mir schon ziemlich merkwürdig vor. Als ich dann kurz vor der Abreise auch noch Skanne gesehen habe – ihr wisst schon, den Legilimens – da hatte ich Angst, dass es um dich geht, Harry. Dass sie dich da suchen –"

„Skanne auch? Der war vor eurer Abreise schon in Hogwarts? Das wird ja immer komischer", sagte Ron nachdenklich. „Ich weiß, dass er zu der – der Feier oder was auch immer wegen Snape hin wollte – habt ihr doch gehört, oder? Dass Snape tot ist?"

Harry nickte, und Hermione sagte: „Haben wir sogar in Durmstrang erfahren. Scrimgeours verlogene kleine Rede zu dem Thema kam im Radio."

Einen Moment herrschte unbehagliches Schweigen, dann sagte Ron: „Okay, es ist sicher 'ne schlimme Sache und alles, aber mal ehrlich, mich lässt das ziemlich kalt. Er war ja vielleicht kein Verräter und hat einiges für die Sache getan, aber er war trotzdem ein Ekel. Ein verdammt schlechter Lehrer, ungerecht, gemein und ich weiß nicht was noch. Und er ist nicht wegen nichts in Forgettable Island gelandet, vergesst das nicht. Er war ein Mörder!"

„R.I.P.", sagte Hermione zynisch. „Du hättest mit der Skeeter reden sollen – sie hat einen Nachruf ungefähr in diesem Stil geschrieben, für die Hexenwoche. Natürlich noch mit einer Menge Gerüchte verquirlt. So was hat Snape nicht verdient! Hast du etwas von dieser Feier mitbekommen, Harry?"

„Ich hab das Feuer gesehen, auf dem Astronomie-Turm", sagte Harry widerwillig und ließ die voll beladene Gabel sinken. „Und Hagrid hat mir davon erzählt. Klang nach einer ziemlich knappen Angelegenheit." Snape hat getan, was er konnte, dachte er. Er hätte das mit dem Tabula Rasa auch selbst gemacht, wenn er gekonnt hätte.

Dann wurde ihm klar, was er gerade gedacht hatte.

„Wir sind total vom Thema abgekommen", stellte Ron fest. Er biss in seinen Burger und fuhr fort: „Also, um mal ganz von vorne anzufangen – extra für dich, Hermione: Das Inquisitorium, bei dem ich mitmache, untersucht das Verschwinden von Cucudi. Der ist – oder besser gesagt: war der Leiter der Mysteriumsabteilung und ist irgendwann Anfang November abgehauen. In seinem Büro hat er nur ein Kästchen und irgendein Gemälde an der Wand hinterlassen. Und gewohnt hat er in einem möblierten Zimmer, in dem es auch nichts Persönliches gab. Das ist die eine Seite. Die Mysteriumsabteilung ist aber schon vorher ins Gerede gekommen, weil nämlich ein Angestellter weitererzählt hat, dass sie da verbotene Zeit-Experimente durchführen müssten. Der Typ ist dann praktischerweise so verhext worden, dass er jetzt kein vernünftiges Wort mehr rauskriegt und vermutlich im St. Mungo verschimmeln wird. Und ein anderer Typ, der auch bis vor einiger Zeit in der Abteilung gearbeitet und dann gekündigt hat, ist in Forgettable Island mit Drachenpocken infiziert worden und gestorben – das war ein Anschlag. Im Klartext: Irgendwas Schräges läuft in der Abteilung, und dann verschwindet der Chef. Das war der Stand der Dinge vor zwei Wochen –"

„Moment mal, hast du Cucudi gesagt?", fragte Hermione.

„Ja. Gustaf Cucudi. Seit Ewigkeiten Leiter der Mysteriumsabteilung und –"

„– und jetzt in Abwesenheit des Amtes enthoben, hab ich im Propheten gelesen", ergänzte Harry.

„Genau, und der –"

„Das ist ja ein Zufall! Ich hab in Durmstrang seinen Neffen oder so was kennen gelernt!", rief Hermione. „Die Cucudis sind da eine bedeutende Zaubererfamilie. Und über ihn selbst hängt da 'ne Plakette, sozusagen an der Ruhmeswand – dass er, ein erfolgreicher Schüler von Durmstrang und so weiter, jetzt im Ministerium von Großbritannien arbeitet! Als Leiter der Abteilung für Geheimnisse. Oskar, der Neffe, sagte, seine Familie hätte schon ewig nichts mehr von ihm gehört."

„Ja, dass er ursprünglich aus Finnland kommt, war auch so ziemlich alles, was wir bisher über ihn rausgekriegt haben. Aber die Plakette können die Durmstrangs jetzt wohl abhängen", sagte Ron. „Zumindest von der Ruhmeswand. Denn inzwischen wird gegen ihn auch wegen Mord ermittelt."

„Mord?"

„Mord", bestätigte Ron zufrieden. „Und dazu hab ich einiges beigetragen. Wie gesagt, er hat dieses Kästchen hinterlassen, blöd genug übrigens. Laut seinem Stellvertreter stand es immer auf seinem Schreibtisch. Mit Schlüssel und allem. War aber nichts Interessantes drin. Trotzdem wollte ich was ausprobieren. Ich hab Bill gefragt, ob er mir 'nen Zauber beibringen könnte, irgendwas aus seinen Fluchbrecher-Zeiten, ihr wisst schon –"

„Und das hat er gemacht? Und du hast ihn verwendet? Du bist ja verrückt!"

„Musst du eigentlich so kreischen, Hermione? Du klingst allmählich genau wie meine Mutter!" Harry versetzte ihm unter dem Tisch einen harten Tritt vors Schienbein, aber Ron nahm es gelassen. „Aber, ja, Hermione, du hast dreimal Recht. Ich hab die Iftach-ya-Formel angewendet, und es gab wirklich ein Geheimfach, und –" Ron sah triumphierend in die Runde. „– da war Draciola drin! Total widerlich. Hat mich für zwei Wochen ins St. Mungo gebracht."

„Draciola? Du meinst – das Zeug, das Drachenpocken auslöst?", fragte Hermione und sah ihn ganz entsetzt an.

„Ein Stückchen infizierte Drachenhaut, wenn du es genau wissen willst", erwiderte Ron genüsslich. „War natürlich blöd von mir, das anzufassen – aber immerhin hab ich's entdeckt! Und seitdem sieht es für Cucudi ziemlich schlecht aus – falls wir ihn jemals kriegen, heißt das."

„Bist du denn krank geworden?" Hermione war der Appetit auf den Salat vorübergehend vergangen.

„Nee. Nur Quarantäne, für alle Fälle. Zwei Wochen lang!"

„Ich will jetzt endlich wissen, was du mir so unbedingt erzählen wolltest!", meldete sich Harry ungeduldig.

„Dazu komm ich ja schon", gab Ron gewichtig zurück. „Es hat mit dem Kästchen zu tun, genauer gesagt, mit dem Schlüssel. Als ich das Iftach-ya ausgesprochen hatte, da hat sich der Schlüssel – verändert."

„Verändert?"

„Hatte der denn überhaupt was mit dem Geheimfach zu tun?"

„Keine Ahnung, aber Tatsache ist, dass er für ein paar Sekunden anders aussah als vorher – ein paar von den anderen haben's auch gesehen, bloß konnten die damit nichts anfangen. Aber ich!"

„Ja? Jetzt spuck's doch endlich aus!"

„Deshalb wollt ich in die Chronik sehen. Erinnerst du dich an den Schlüssel, der da neben manchen Daten abgebildet ist? Ein Stern mit sieben Zacken im Schlüsselkopf? Also, genauso hat der Schlüssel auf Cucudis Kästchen auch ausgesehen!"

Harry starrte ihn an und versuchte, die Folgerungen daraus zu ziehen.

„Und das ist sozusagen der Beweis dafür, dass Cucudi etwas mit dem Zirkel zu tun haben muss, zu dem auch die Blacks gehörten", erklärte Ron. „In der Chronik steht auch schon was über die Drachenpocken, erinnerst du dich, Harry?"

Der Drache hat ihn doch noch geholt!", zitierte Harry.

„Genau. Das wurde da als Strafe erwähnt – als Strafe des Zirkels, wenn ich das richtig verstanden habe. Das passt zum Fall Frizzleburst!"

„Moment mal, ich komm nicht mit", warf Hermione ein. „Zirkel? Redet ihr etwa vom Arkturischen Zirkel?"

Die beiden sahen sie verblüfft an. „Woher weißt du denn davon?", platzte Ron heraus.

„Es ist mir gerade wieder eingefallen – Moody hat vor einiger Zeit davon geredet", erwiderte sie unbehaglich. „Es ist eine fixe Idee von ihm, dass dieser Zirkel noch existiert und das Ministerium unterwandert hat."

„Genau", sagte Ron, immer noch verblüfft. „Er hat damals alles in Bewegung gesetzt, damit der Zirkel verboten wurde. War der Ansicht, dass sich die Todesser unter diesem Deckmantel wieder sammeln."

„Er hat mich in Hogwarts sogar noch ausdrücklich vor denen gewarnt!", warf Harry ein.

„Und die Blacks gehörten dazu?", fragte Hermione. „Sirius auch?"

„Er hat sich wohl geweigert, da mitzumachen", sagte Ron. „Also, was ich sagen wollte: Dieser Schlüssel, die Chronik und das Draciola in Cucudis Kästchen sind zusammen ein Beweis dafür, dass es den Arkturischen Zirkel wirklich noch gibt, dass er immer noch Leuten die Drachenpocken an den Hals jagt, und dass Cucudi erstens zu dem Zirkel gehört und zweitens vermutlich diesen Frizzleburst mit den Drachenpocken ermordet hat – oder hat ermorden lassen."

„Aber –"

„Und vielleicht hat Moody gar nicht so unrecht, was das Unterwandern angeht. Denn in der Mysteriumsabteilung wurde tatsächlich mit der Zeit experimentiert – und das ist was, womit sich der Zirkel angeblich früher beschäftigt hat. Es passt alles zusammen."

„Aber warum sollte dieser Cucudi jetzt abhauen? Und warum sollte er so blöd sein, ausgerechnet dieses Kästchen mit dem Draciola drin zurückzulassen? Und was soll überhaupt der Sinn des Ganzen sein?"

„Darüber rätseln wir auch", erwiderte Ron kühl. „Du glaubst nicht, was die da inzwischen an Theorien wälzen. Körperwechsler und so einen Kram. Die allgemeine Meinung im Moment besagt, dass Cucudi einen Schuss hat. Durchgedreht ist oder so. Aber ich könnte jetzt zumindest so einiges an Beweisen, na ja, Hinweisen liefern."

„Was heißt das?"

„Na ja, der Arkturische Zirkel ist natürlich im Gespräch seit der Drachenpocken-Sache, und jetzt nach dem Draciola-Fund sowieso. Aber der direkte, handfeste Beweis für einen Zusammenhang fehlte bis jetzt. Den bringt erst der Schlüssel, der genauso aussieht wie der in der Chronik. Das Verrückte ist, dass das außer uns anscheinend keiner weiß. Keiner kennt dieses Schlüsselsymbol! Ich hätte ja gewettet, dass so was längst bekannt ist, aber –"

„Heißt das, du hast das noch niemandem erzählt? Du hast diese Chronik noch niemandem vom Inquisitorium gezeigt?!"

„Das heißt es, ja!", gab Ron bissig zurück. „Und es ist nicht das einzige Beweisstück, das ich bisher geheim gehalten habe. Ich hab nämlich auch noch niemandem von den komischen Apparaturen erzählt, in die Harry reingestolpert ist, als er sich im November in die Mysteriumsabteilung eingeschlichen hat – und die hatten was mit Zeitexperimenten zu tun – waren genau das, was alle verzweifelt gesucht und nirgends gefunden haben!"

„Also wirklich! Ich glaub's einfach nicht! Seid ihr beide eigentlich total verrückt?!" Hermione verschluckte sich am Fladenbrot und fuhr hustend fort: „Harry, du warst in der Mysteriumsabteilung? Heimlich? Und dann – wozu eigentlich? Und wieso habt ihr dann –" An dieser Stelle unterbrach der Hustenanfall sie endgültig.

Harry war bis jetzt schweigend dem Hin und Her gefolgt, damit beschäftigt, eigene Schlüsse zu ziehen. „Er wollte mich nicht mit reinziehen", sagte er nun. „Skanne ist nämlich auch an der Sache dran –"

„Skanne gehört sogar zum Inquisitorium", ergänzte Ron düster.

„Und angeblich sucht Scrimgeour mich ja schon wieder. Da wollten wir –"

„Aber was wolltest du denn überhaupt in der Mysteriumsabteilung?", keuchte Hermione und stürzte ein halbes Glas Wasser in einem Zug herunter.

„Ich wollte noch mal in diesen Raum mit dem Bogen. Ich wollte einfach – nachsehen, ob es nicht doch irgendeine Spur von Sirius gibt – ich konnte einfach nicht glauben, dass er wirklich tot ist –" Und jetzt weiß ich es, dachte er. Aber von der Begegnung im Wald konnte er nicht sprechen. „Ist jetzt auch egal. Auf jeden Fall bin ich damals in einen komischen kleinen Raum reingestolpert, in dem sich immer dieselbe Minute wiederholte. Es war so ähnlich wie diese Zeitglocke, die mit dem Vogel, der aus dem Ei schlüpft, falls du dich erinnerst."

Hermione nickte. „Natürlich. Und diesen Raum hat keiner außer dir gefunden?"

„Offenbar nicht", sagte Ron. „Aber jetzt – ich werd wohl zufällig selbst mal da reinstolpern müssen – falls es den Raum überhaupt noch gibt. Bill musste nämlich einiges kaputtmachen, um Harry da wieder rauszuholen."

„Die Chronik kannst du mitnehmen", sagte Harry. „Nicht mal Skanne kann da einen Zusammenhang mit mir herstellen."

„Die haben anscheinend überhaupt keine Fortschritte gemacht in den zwei Wochen", sagte Ron nachdenklich. „Skanne muss 'ne ganze Weile in Irland gewesen sein – keiner hat eine Ahnung, wieso. Er ist Scrimgeour direkt unterstellt und kann deshalb machen, was er will, ohne Erklärungen. Ich glaub übrigens, dass die Cucudi-Sache nur deshalb bei den Auroren gelandet ist, weil Scrimgeour hofft, dass er dann mehr mitkriegt, als wenn sich die Strafverfolgung damit befasst. Alte Kollegen und so. Und Skanne ist sein Ass im Ärmel. Kann gut sein, dass der längst irgendwelche Spuren hat und das Inquisitorium einfach hängen lässt –"

„So wie du, meinst du?", unterbrach ihn Hermione.

„Nein, nicht so wie ich, Hermione", gab Ron gereizt zurück. „Ich dachte, das hätten wir geklärt! Ich musste einfach erst mit Harry darüber reden! Sonst würde er jetzt nämlich vielleicht schon bei Skanne im Verhörraum sitzen!"

„Moment – fangt nicht wieder an!", sagte Harry. „Also, wenn der Schlüssel auf dem Kästchen wirklich genauso aussieht, klar, dann hast du einen Beweis für die Zusammenhänge. Ich seh bloß nicht, wie euch das helfen soll, diesen Cucudi zu finden. Andererseits ist es sicher ganz gut, wenn jemand der Sache mit dem Zirkel mal nachgeht. Letzte Woche hab ich ein bisschen rumgelesen – anscheinend hatten die mal das Ziel, so eine Art Weltherrschaft zu errichten, auch über die Muggel. Und das wollten sie unter anderem dadurch erreichen, dass sie die Vergangenheit – ähm, korrigieren."

„Dazu brauchen sie aber ein paar ziemlich gute Zeitumkehrer", meinte Hermione spöttisch.

„Am besten gleich eine Zeitmaschine", sagte Harry. „Und zwar die von –"

„Oh nein, jetzt komm nicht mit diesem Arkturius, Harry!", rief Hermione. „Das ist alles längst widerlegt! Das war nichts als ein großer Schwindel! Den hat dieser Typ wahrscheinlich selbst inszeniert! Ich hab gerade noch ein Buch über die Theorie des Zeitreisens gelesen und darin –"

„Auf jeden Fall gab es einen Arkturius, der seltsame Geräte gebaut hat", unterbrach Harry sie. „Ich hab nämlich gerade noch eins davon in der Hand gehabt. Ein sehr seltsames Gerät, das ihr vermutlich alle schon mal gesehen habt und von dem keiner weiß, wozu es gut ist. Und darauf stand Arkturius, wie so eine Künstlersignatur, winzig klein und ziemlich versteckt."

„Was? Wo?"

„In Dumbledores altem Büro. Eins seiner Maschinchen."

„Du warst in Dumbledores Büro?"

„Er ist dort eingebrochen", erklärte Hermione trocken. „McGonagall hat ihn erwischt."

„Was wolltest du denn da?"

„Ist doch jetzt egal! Wichtig ist, dass Dumbledore mindestens ein Gerät von diesem Arkturius gehabt hat!"

„Na ja, niemand bestreitet, dass es ihn gegeben hat. Und komische Geräte kann er ja gebaut haben, aber –"

„Also, ich finde das sehr interessant!", sagte Ron. „Wer weiß, vielleicht hatte Dumbledore diesen Zeitenwandler sogar in seinem Büro, und keiner weiß es!"

„Quatsch", sagte Hermione grob. „So was hätte er gar nicht haben wollen! Er hätte nie mit der Zeit herumexperimentiert! Dazu war er viel zu klug!"

Von diesem Standpunkt aus hatte Harry die Sache noch gar nicht betrachtet. Aber er musste Hermione Recht geben.

Ron sah das anders. „Ein Zeitenwandler wäre eine tolle Sache – in den richtigen Händen! Und wieso sollte es so was nicht geben? Was glaubst du denn, warum die im Ministerium alle diese Geräte so streng verboten haben?", rief er angriffslustig. „Frag doch mal Welldone, der müsste sich doch mit so was auskennen! Und wenn man Ginny glauben darf, dann habt ihr euch ja reichlich gut verstanden in Durmstrang!"

Tiefe Stille.

„Zumindest, bis er dann doch lieber mit einer Sechstklässlerin rumgeknutscht hat!"

Hermione stand auf. Sie sah aus, als hätte ihr jemand ins Gesicht geschlagen – und viel anders war das ja auch nicht, dachte Harry bestürzt.

„Nicht, Hermione! Bleib hier!", sagte er und fasste sie am Arm. Als er den alten, dunkelblauen Pullover unter seiner Hand fühlte, den er noch aus der Schulzeit kannte, durchdrang ihn die Eifersucht plötzlich wie ein Atemzug voller Glassplitter. Und zugleich litt er mit ihr. „Das ist doch alles blödes Gerede –"

„Ist es nicht." Hermione war weiß vor Wut. „Ich geb mich geschlagen, Ron. Wir können einfach nicht mehr miteinander reden!"

Ron machte ein komisches Gesicht, als wolle er sich verteidigen, im Erdboden versinken und jemanden anschreien – alles gleichzeitig. Dann stand er auch auf. „Entschuldigung. Das war – unmöglich. Äh – unverzeihlich. Was auch immer. Es tut mir leid, wirklich, ich wollte nicht – gemein sein. Jedenfalls nicht so gemein. Bitte, geh jetzt nicht!" Er sah aus, als müsste er einen zu großen Bissen herunterwürgen. „Ich – also, eigentlich bin ich richtig froh, dass wir uns alle hier getroffen haben und so."

Und wieder konnte Harry die Kräfte fühlen, die an ihnen allen zogen, wieder hing alles, was sie miteinander verband, für endlose Sekunden in der Schwebe.

„Ich könnte ja gehen. Wenn's dir lieber ist", sagte Ron.

„Schon gut", murmelte Hermione und setzte sich wieder. Sie starrte auf den kaum angerührten Salat auf ihrem Teller. Nur mit einer bewussten Anstrengung ließ Harry ihren Arm wieder los. Neben allem anderen hätte er verdammt gern gewusst, ob dieser Welldone wirklich so ein Schwein war.

„Tut mir leid, dass ich unbedingt über diesen Kram reden wollte – irgendwie haben wir uns damit das Essen verdorben", sagte er schließlich, hauptsächlich, um das Schweigen zu brechen. „'ne endlose Diskussion – jetzt ist alles kalt – und Hunger hab ich immer noch –"

„Wenn's nur das ist –" Hermione riss sich sichtlich zusammen, nahm ihren Zauberstab und tippte die Schüsseln mit Teigtaschen, Sauce und Kartoffeln an. Sekunden später stieg feiner Dampf darüber auf.

Nur ist gut, dachte Harry.

Aber dann beschäftigten sie sich wirklich eine ganze Weile nur mit dem Essen, und langsam fühlten sie sich alle besser, sogar Harry, der immer wieder Hermione ansehen und seine Gefühle ordnen musste. Dieser Tag war nicht gerade sanft mit ihm umgesprungen.

„Erzähl von Durmstrang!", forderte Ron Hermione schließlich auf, und dann verbrachten sie fast eine Stunde damit, einer Menge seltsamer, faszinierender Einzelheiten zu lauschen und Hermione mit Quidditch-Fragen an den Rand der Verzweiflung zu treiben.

„Mann, ihr wart doch wegen Quidditch da, Hermione! Irgendwas musst du doch auch davon mitgekriegt haben! Oder hast du da auch die ganze Zeit in der Bibliothek rumgehangen? Also komm schon, erzähl uns von Zemgalen! Der wird mal eine Berühmtheit, glaub mir! Irgendwann wirst du damit angeben, dass du ihn in Durmstrang kennen gelernt hast, als er noch Schüler war."

Daraufhin brach Hermione in hilfloses Kichern aus, das nach und nach zum ersten richtigen Gelächter dieses Abends wurde. „Weißt du was, frag einfach Ginny nach den Quidditch-Details, ja? Sie wird Zemgalen sicher besser gerecht als ich!" Und lachte weiter.

„Frag mich, was daran so komisch sein soll!", sagte Ron. „Und über diesen Dschinn könntest du auch noch mehr erzählen – wär so was nicht vielleicht 'ne Hilfe für Harry?"

„Was?" Hermione verschluckte sich beinahe wieder, so plötzlich verging ihr das Lachen. „Hast du sie noch alle? Das – das ist so was wie ein dressierter Inferius oder so!"

„Nur, dass ich ihn nicht mal dressieren könnte", sagte Harry. „Mich würd noch mehr interessieren, wie Malfoy so drauf war. Der hat die Hand wirklich nicht ersetzen lassen? Er spielt nicht mehr Quidditch? Hat denn keiner von euch mit dem geredet?"

Er hat mit niemandem geredet", erwiderte Hermione und runzelte die Stirn. „Irgendwie kam's mir komisch vor, dass er jetzt mit zurückgefahren ist. Ungeplant. Ich weiß nicht. Ich hoffe, er weiß nichts davon, dass du wieder da bist. Ich meine –" Sie brach ab, spießte ein Stück Tomate auf und betrachtete es nachdenklich. „Ich hab kein gutes Gefühl bei Draco."

„Wer hätte das schon?", sagte Ron und streckte sich. „Vermutlich hat er's einfach nicht mehr ausgehalten da. War doch sicher ziemlich hart für Mamis kleinen Liebling, vor allem so ganz ohne Crabbe und Goyle."

Hermione schüttelte den Kopf. „Mit dem stimmt was nicht, glaube ich. Dass er die Hand nicht hat ersetzen lassen – das sagt schon so einiges, oder? Ich hoffe wirklich, er läuft dir nicht über den Weg, Harry!"

„Du klingst schon wieder wie meine Mutter", sagte Ron.

„Ich will nur, dass er vorsichtig ist!"

„Vergiss es. Damit ist jetzt Schluss", sagte Harry, der an einem Käsestück herumsäbelte. „Hab ich euch noch nicht gesagt, dass ich ab morgen ein neues Leben anfange?"

„Welches morgen?", fragte Ron. „Es ist nämlich gerade Mitternacht vorbei!"

„Dann mein ich wohl heute. Also, heute reise ich ab –"

„Was?", fragte Hermione erschreckt.

„Ich geh nach Godric's Hollow – und da will ich auch bleiben. Ich hab da nämlich ein Haus."

„Harry! Das – das geht doch nicht!"

„Wieso nicht?"

„Du – du hast doch keine Ahnung, wie es da jetzt aussieht! Vielleicht ist das Haus inzwischen ganz eingestürzt! Und dann – du bist doch ganz allein – und du kannst dich doch nicht mal – Scrimgeour wird –"

„Scrimgeour ist mir scheißegal! Ich hab lang genug mitgemacht bei diesem Versteckspiel. Jetzt ist Schluss. Ich hab nichts getan, wofür er mich verfolgen könnte, oder? Im Gegenteil! Und deshalb werde ich ganz normal in das Haus meiner Eltern einziehen und versuchen, da wie ein ganz normaler Mensch zu leben!"

„Aber –" Hermione und Ron sahen sich an, und zum ersten Mal schienen sie sich einig zu sein.

„Was aber? Was kann er denn überhaupt von mir wollen? Habt ihr euch das schon mal gefragt?"

„Also, ich vermute, dass der hinter dem Medaillon her ist", sagte Ron schließlich. „Ich hab dir doch gesagt, es gab einige Leute, die fest überzeugt davon waren, dass du das Ding hast."

Augenblicklich schnappte die Anspannung in Harry wieder zu wie ein Fangeisen.

„Ja … Moody hat das auch gedacht. Er hat mich in Hogwarts darauf angesprochen. Hat mir deshalb sozusagen aufgelauert. Er war – richtig seltsam." Harry sah von seinem Teller auf in die Gesichter seiner Freunde. „Glaubt ihr denn wirklich, dass das Ding noch gefährlich sein könnte?"

„Nein", sagte Ron entschieden. „Ich glaube, das ist ein Haufen Bockmist."

„Sie befürchten, dass man ihn wiederbeleben kann", sagte Hermione leise.

„Und was denkst du?"

„Ich weiß nur, dass das, was jetzt in diesem Medaillon ist, nicht tot ist. Und er war immerhin schon einmal so, körperlos, meine ich."

„Übrigens auch deinetwegen", fügte Ron hinzu und nahm sich noch Wein.

„Könnte man nicht einfach – na ja, ein Avada Kedavra darauf abfeuern?", fragte Harry.

„Wenn das nur so einfach wäre!", sagte Hermione. „Aber das Avada –"

„– tötet nur Körper", führte Ron den Satz zu ihrer Überraschung fort. „Das heißt, man müsste ihn erst mal wieder zu einem Körper machen, um ihn wirklich töten zu können. Aber –", und er spießte sich ein großes Stück Käse auf und tunkte es nach kurzem Nachdenken in die Salatsauce, „aber wenn ihr mich fragt, ist das total überflüssig. Erstens glaube ich nicht, dass von ihm genug übrig geblieben ist, um daraus wieder – na ja, etwas entstehen zu lassen. Und zweitens – hört mal, die haben damals nicht mal alle Leute vom Phönixorden in die Sache eingeweiht! Einer von denen hat es genommen und versteckt –"

„Ja, und dann haben sie vermutlich noch einen Fidelius darüber gelegt", meinte Hermione, die Ron immer noch erstaunt von der Seite betrachtete.

„Ich tippe eher auf einen Arcanuclausus", sagte Ron und sah ihr mit einem provozierenden kleinen Lächeln gerade in die Augen.

„Okay, ich bin beeindruckt", beantwortete Hermione diesen Blick. „Ehrlich. Du musst ja Unmengen gelesen haben in den letzten Monaten."

„Hab ich auch. Und ich denke, dass das Medaillon sicher verwahrt ist."

Ja, dachte Harry. Oben im Salon, in meinem Rucksack.

„Dann sollten wir hoffen, dass Scrimgeour davon auch so überzeugt ist. Harry, wenn du jetzt nach Godric's Hollow gehst, heißt das, dass du gar nichts mehr unternehmen willst – willst du denn nicht mehr versuchen, deine Zauberkraft wiederzubekommen?"

Da war sie endlich, die Frage, auf die Harry schon den halben Abend gewartet hatte.

„Hast du denn mal in den Weelibit reingesehen, in das Buch, von dem ich dir geschrieben habe?"

„Ich hab das noch nirgends gesehen", erwiderte Harry etwas lahm. „Die Harper hat mir übrigens dasselbe Buch empfohlen. Aber sie meinte auch, ich sollte mich abfinden."

„Harper hat mit dir geredet?", fragte Hermione verblüfft. „Glückwunsch, da bist du wirklich ein Auserwählter. Sie geht allen aus dem Weg, seit sie wieder in Hogwarts ist."

„Deinen anderen Rat hab ich jedenfalls befolgt. Heut hab ich im St. Mungo mit einem Heiler gesprochen. Mit Hortense Damage, dem weltbesten Heiler für Fluchschäden, zumindest, wenn Neville Recht hat."

„Und – was hat er denn gesagt?"

„Nach seiner Diagnose bin ich entweder ein Muggel oder habe ein echtes Problem."

„Klingt tatsächlich nach einem Weltklasse-Heiler", sagte Ron.

„Fand ich auch. Wenn er Recht hat, hab ich keinen Funken Magie mehr in mir – seine eigenen Worte. Zum Schluss hat er noch gesagt, ich könnte ein ganz interessanter Fall sein. Aber sein Blick – na ja. Der war ziemlich eindeutig. Ich glaub nicht, dass er eine Chance sieht."

„Aber das weißt du doch gar nicht!", rief Hermione. „Geh wieder hin und lass ihn alles ausprobieren, was ihm einfällt! Wenn es irgendeine Möglichkeit gibt –"

„An die glaubt er aber selbst nicht, ich hab's gemerkt."

„Harry, sei doch nicht so – so stur! Du musst –"

„Jetzt lass ihn doch, Hermione! Wenn er's doch sagt – er hat mit dem Typ gesprochen, nicht du! Und ich würd bestimmt auch nicht freiwillig ins St. Mungo gehen –"

„Du kannst ja auch noch zaubern! Verdammt, du musst jede Chance nutzen, Harry!"

„Aber ins St. Mungo geh ich erst, wenn mir wirklich absolut gar nichts anderes mehr einfällt –"

„Das heißt, du hast noch andere – Ideen?"

Mit der Frage hätte er rechnen müssen. Er hatte ja auch wirklich noch so etwas wie eine Idee. Aber von der konnte er jetzt nicht sprechen. Die Sache mit dem Tarnumhang, mit der unbekannten Macht – das war alles noch viel zu vage und irgendwie sogar etwas peinlich, fand er. Da musste er erst selbst ein bisschen weiterkommen, bevor er das mit den beiden besprach.

„Ich hab die Idee, jetzt erst mal nach Godric's Hollow zu gehen und zu versuchen, da zu leben! Da leben Muggel und Zauberer zusammen – Mann, wenn ich irgendwo 'ne Chance hab, normal zu leben, dann doch da, oder? Und außerdem – ich hab einfach das Gefühl, dass das richtig ist. Hier hänge ich jetzt seit Monaten rum, muss mich verstecken oder als Kind durch die Gegend laufen, kann nichts unternehmen ohne Hilfe. Das mach ich nicht länger!"

„Ich finde, er hat Recht", sagte Ron.

„Oh Harry – hast du denn Geld? Kommst du denn da ohne Hilfe zurecht?"

„Ich werd schon klar kommen. Vielleicht gibt's ja 'nen Muggelladen, der'n Deppen braucht oder so", sagte er und trank einen großen Schluck Wein. Auf einmal hatte er das Haus genau vor den Augen und konnte es kaum noch erwarten, endlich von hier fortzukommen. „Besucht mich einfach!"

„Schick uns auf jeden Fall sofort Hedwig, wenn du was brauchst – oder wenn irgendwas ist!"

„Hermione – er ist erwachsen! Müssen Frauen eigentlich immer so ein Theater machen?! Er ist fast ein Jahr lang durch die Gegend gezogen und klar gekommen, auch ohne deine Hilfe! Eigentlich hat er erst hier bei uns wieder Schwierigkeiten gekriegt …"

„Und hier bei uns ist er jetzt, oder?", gab sie wütend zurück.

„Stopp – hört auf! Kein Streit mehr! Wahrscheinlich habt ihr beide Recht. Und deshalb will ich euch so bald wie möglich in Godric's Hollow sehen!"

„Klar – Samstag zum Abendessen", sagte Ron, und Hermione nickte. „Wir bringen alles mit!"

„Und ich will, dass wir immer Freunde bleiben", sagte Harry plötzlich und hob sein Weinglas.

Sie grinsten alle drei, weil das so nach Pyjama-Party im Mädchen-Schlafsaal klang. Aber dann tranken sie darauf, und auf einmal war es ein Versprechen.

„Und nichts anderes als Freunde", fügte Hermione leiser hinzu und sah die beiden anderen an. Die zögerten zwar, aber dann tranken sie auch darauf.

Danach versiegte das Gespräch allmählich, und eine friedliche Ruhe breitete sich aus. Sie hatten keine Probleme gelöst an diesem Abend oder Erkenntnisse gewonnen – im Gegenteil, Harry schwirrte der Kopf von all dem Kram, den sie nur angesprochen hatten, bevor sie dann zum nächsten Thema gesprungen waren. Und sie hatten doch immer noch so viel ausgelassen – eigentlich alles Persönliche, wie Harry jetzt auffiel. Das Persönliche war immer nur reingeplatzt, zwischendurch, unbeabsichtigt und schnell wieder zur Seite geschoben.

Ein Jahr in drei Leben, dachte Harry. Das lässt sich einfach nicht an einem Abend erzählen.

Aber eins hatten sie doch erreicht an diesem Küchentisch: Für einander hatten sie den besten Abschluss des Abends gefunden, einen, mit dem sie an ihre alte Freundschaft anknüpften – auch wenn das für zwei von ihnen einen Verzicht bedeutete. Jetzt endlich ruhten die Kräfte, die sie immer wieder auseinander zu reißen gedroht hatten. Und wenn sich das neu gefundene Gleichgewicht auch noch ein bisschen wacklig anfühlte, so wusste Harry doch, dass sie es alle drei ernst meinten mit der Freundschaft.

Während sie da an ihrem Ende des langen Tisches saßen und müßig in den letzten Resten herumpickten, hatte Harry endlich Zeit, die Erkenntnis ganz in sich sinken zu lassen: dass er Hermione wiederhatte – und dass er sie auch endgültig verloren hatte.

„Ist euch auch aufgefallen, dass wir wenig gewonnen haben?", fragte er irgendwann, als der letzte Rest Wein eingeschenkt war. „Voldemort ist weg. Aber wem geht es jetzt eigentlich besser?"

„Das meinst du doch nicht ernst", sagte Hermione betroffen und setzte ihr Glas ab. „Versuch dir mal vorzustellen, wie es jetzt für uns alle aussehen würde, wenn Voldemort gesiegt hätte!"

„Bitte, keinen Tiefsinn mehr heute!", stöhnte Ron. „Ich bin müde! Zwei Wochen St. Mungo, und dann willst du abends um zehn nur noch schlafen –"

„Seht euch doch die Leute an, die wir kennen", fing Harry trotzdem noch mal an, „findet ihr nicht, dass ziemlich viele – na ja, versehrt sind? Bill und Fleur, überhaupt eure Familie, Ron, die ist doch nicht mehr wie früher – und dann Tonks und Snape und Draco – und was ist mit der Harper, die kam mir auch irgendwie komisch vor, und Moody auch – doch, wir haben verloren, irgendwie."

Hermione schüttelte heftig den Kopf. „Nein, Harry! So darf man das nicht sehen! Ich versteh, dass du das so siehst – du hast sicher am meisten verloren. Aber du musst dir vorstellen, was Voldemort aus unserer Welt gemacht hätte –"

„Ein Land der Verlorenen", murmelte Harry, als hätte er sie gar nicht gehört. „Das ist es, was übrig ist." Sirius' Worte waren ihm wie von selbst über die Lippen gekommen.

„Bitte! Sag so was nicht. Denk nicht so." Hermione strich über seine Finger, die mit harschen Bewegungen ein Stück Fladenbrot zerkrümelten. „Woher hast du das übrigens? Dieses Land der Verlorenen?"

„Ach, keine Ahnung. Es passt einfach." Es war gut, ihre Hand zu fühlen.

„Seltsam, dass du das kennst. Und es passt nicht. Land der Verlorenen, so nennen die Einheimischen in der Gegend um Durmstrang die Unterwelt. Ich hab's da im Unterricht gehört, in Volkstümlicher Magie."

„Unterwelt?"

„Na ja, Totenreich, Jenseits, was auch immer."

Totenreich? Dieser Ort unter dem ewigen Sommerhimmel? Er hatte die Wärme auf seinem Haar spüren können und den Wind. Hatte er nicht sogar Grassamen von dort mitgebracht, an seinem Jackenärmel …?

„Also, woher hast du das?", fragte Hermione noch einmal und sah ihn mit neu erwachter, nachdenklicher Aufmerksamkeit an.

„Ich – muss das wohl irgendwo gehört haben. Und da fällt mir noch was ein – 'ne Frage an euch Experten. Wisst ihr, was ein Clavicustos ist?"

Hermione enttäuschte ihn auch diesmal nicht. „Klar. Und ihr wisst das auch!"

„Nee", sagte Ron. „Nie gehört."

„Doch! Entnebelung der Zukunft – klingelt da was bei euch? Die erste Stunde bei Trelawney. Ich erinnere mich, weil das, was in meinen Teeblättern zu sehen war, noch am ehesten auf diese Figur passte! Und ihr habt doch noch monatelang mit diesem Buch gearbeitet!"

„Dein Gedächtnis möchte ich haben!", sagte Harry mit ehrlicher Bewunderung. „Ich hab's auch in einem Wahrsage-Wälzer hier gefunden, aber ich war sicher, dass ich das vorher noch nie gehört hatte!"

„Hast du ja wahrscheinlich auch nicht –"

„Clavicustos – Schlüsselbewahrer – das sagt mir aber noch was – es hat doch nichts mit dem Zirkel zu tun, oder? Ich meine, wegen dem Schlüssel? Hast du das Wort aus dieser Chronik?", fragte Hermione, ohne Ron zu beachten.

„Nein. Aber vielleicht meinst du ja das Amt im Wizengamot, da gibt es auch einen Clavicustos."

„Wizengamot – hm – könnte sein – ich weiß es nicht mehr, aber irgendwo hab ich das Wort gelesen –", grübelte Hermione weiter.

„So viel zu ihrem Gedächtnis", sagte Ron und riss sich noch ein Stück Fladenbrot ab.

„Ich denk drüber nach und sag es dir dann, Harry. Es fällt mir bestimmt wieder ein. Ist es wichtig?"

„Keine Ahnung. Glaub nicht."

Hermiones Blick war jetzt bohrend geworden. Er wich ihm aus. Mit einem Schlag war die Müdigkeit über ihn gekommen – vielleicht war es auch der ungewohnte Wein – er wollte nicht mehr diskutieren. Eigentlich wollte er nur, dass sie ihn in die Arme nahm. Und darin versinken.

Aber sie löste sanft ihre Finger aus seiner Hand und stand dann auf. „Wir reden nächstes Wochenende darüber", sagte sie. Wenigstens war der inquisitorische Blick auch verschwunden. „Dann will ich noch jede Menge mehr wissen – was du in diesem Jahr gemacht hast – vor allem in den letzten Monaten. Zum Beispiel in der Mysteriumsabteilung … Aber jetzt – jetzt sollten wir hier ein bisschen zusammenräumen –"

Ron zog den Zauberstab und dirigierte seine Schüsseln in drei Sekunden in den Korb zurück. „Fertig!"

Hermione stapelte das Geschirr auf dem Spülbecken. Harry stand auch auf und trug planlos ein paar Sachen vom Tisch, den kleinen Rest Salat, den Käseteller, die Zinnplatte mit dem letzten Burger –

„Halt, den esse ich noch!", protestierte Ron.

„Wirst du heute wirklich abreisen?", fragte Hermione leise, als Harry neben ihr stehen blieb.

„Ja. Mach dir keine Sorgen um mich." Wenn ich sie doch nur festhalten könnte!, dachte er.

Hinter der Spüle war das Fenster, und sie sahen hinaus auf den nächtlichen Grimmauldplatz. Im Schein der Straßenlampen fiel der Regen dicht wie aus einem Gartenschlauch.

„Dieser Regen! Ich kann das einfach nicht mehr sehen!", sagte sie dumpf.

„Du bist doch gerade erst einen Tag wieder hier", sagte Ron. Er war am Tisch sitzen geblieben und bezwang den letzten Burger.

„In Durmstrang war es – es hat dauernd geschneit – es wurde kaum noch hell am Tag. Manchmal sah es aus wie in einem Traum", sagte Hermione und klang ganz so, als würde sie auch jetzt gerade träumen. „Ich wünschte, es würde hier auch mal schneien!"

Harry sah sie an und wusste genau, dass sie an diesen Welldone dachte. Sekundenlang beobachtete er ihr Gesicht, bis sie auf einmal auf ihre Armbanduhr sah.

„Es ist zwei Uhr!", rief sie entsetzt. „Also, ich muss unbedingt los!"

„Was soll's", sagte Ron gelassen und verdrückte den letzten Bissen. „Es ist Sonntag, oder?"

Jetzt oder nie, dachte Harry verzweifelt und zog sie an sich. Sie konnte ihn jetzt einfach nicht allein lassen – nicht nach diesem Abend – nicht in dieser schimmligen, lastenden, dunklen Stille hier –

„Hermione! Bleib!", flüsterte er. Und mit dem Mut der Verzweiflung küsste er sie – Welldone hin oder her, der Geisterheini war ja im Moment jedenfalls nicht hier – er aber schon –

Hermione, in seinen Armen, die Hände in seinem Haar, erwiderte den Kuss so liebevoll wie vorhin, aber als er gerade merkte, dass das mehr mit ihm machte, als er geahnt hatte, wandte sie sich wieder zur Seite und sagte: „Freunde für immer, schon vergessen?"

„Du kannst übrigens gern mitkommen, Harry", sagte Ron mit leiser Schärfe in der Stimme. „Soll ich dir auch von Fred und George sagen." Er ließ seinen Teller scheppernd auf dem Stapel landen.

Harry verstand nichts von dem, was er sagte, und das Klirren des Geschirrs nahm er auch nicht wahr. „Aber –", war alles, was er herausbrachte, dann fing er Hermiones Mund wieder ein und küsste sie voll Verlangen.

„Mmh, Harry – lass doch – das kommt dir nur so vor –", flüsterte sie. „Das ist der Wein. Das Wiedersehen. Das ist nur – körperlich."

Ron fand wohl, dass er jetzt Geduld genug bewiesen hatte. Schwerfällig stand er auf und kam zu ihnen zum Fenster herüber. „Könnt ihr jetzt vielleicht mal aufhören?" Er packte Harry ziemlich grob an der Schulter. „Ihr seid nicht allein, wisst ihr!"

„Ja. Gleich. Sofort", murmelte er. Und küsste noch einmal. Noch ein letztes Mal, wie er wusste. Dann gab er sie frei. „Hoffentlich ist dieser Linkshänder wenigstens –" Aber dann fiel ihm einfach nichts mehr ein.

„Harry –" Hermione rückte seine Brille wieder gerade. Berührte seine Wange und lächelte über sein enttäuschtes, müdes, benommenes Gesicht. „Wir sehen uns nächstes Wochenende in Godric's Hollow."


Die zitierten Songzeilen stammen aus der Radio Ballad „The Travelling People" von Ewan MacColl aus dem Jahr 1964.