Kapitel 26: Zurück in Hogwarts
Nachdem sich in den verbleibenden Tagen der Trubel in Malfoy Manor legte wurde auch die Laune von Lucius und Severus etwas besser. Vor allem, da General Greed sich schon zeitig von ihnen verabschiedete – wobei er all seine waffenstarrenden Todesser glücklicher Weise mitnahm.
Auch Regulus Black und seine cholerische Cousine blieben ihnen mit dem Weggang der Gäste erspart. Severus hegte keinen wirklichen Groll gegen Regulus, doch Bellatrix war eine wandelnde Geduldsprobe. Das einzig nervige an Regulus war mitunter seine ewige Anhänglichkeit. Am Morgen nach der Feierlichkeit konnte er kaum einen Schritt machen, ohne, dass der kleine Black ihm an den Fersen hing. Er verehrte ihn in einer Art, wie die Gryffindors James Potter verehrten. Doch Severus gefiel es ganz und gar nicht! Er wollte seine Ruhe, die er dann endlich auch bekam.
Nun waren sie fast gänzlich allein auf dem großen Anwesen. Einzig Lucius' Eltern – wobei zu erwähnen sei, dass sich Abraxas kaum blicken ließ –, die Hausangestellten und natürlich die Hauselfen waren noch zugegen. Wachpersonal gab es kaum. Warum auch? Die Malfoys waren geachtet, der Bürgerkrieg schien Geschichte, auch, wenn Maximus Greed wohl zu jenen Menschen gehörte, die einfach nicht mehr ohne den blutigen Geschmack des Feldzugs leben konnte. Es war ruhig geworden, seitdem Voldemort seine absolute Macht verkündet und den Phönixorden als besiegt erklärt hatte. Während die Kriegsmüden diese Stille genossen schlug Greeds Stunde, denn sein Krieg war noch lange nicht zu Ende gefochten. Und Severus fürchtete, dass dieser Irre in Hogwarts weiterkämpfen würde. Er wusste nicht, was Greed in all den Wochen in Hogwarts getan hatte. Er wusste nicht, was mit jenen Muggelstämmigen geschehen war, die aussortiert wurden, als sie das letzte Mal das Schloss verließen, doch er fürchtete das Schlimmste. Ein schemenhafter Gedanke an Lily schoss durch seinen Kopf und er wagte es nicht sich ihr Schicksal auszumalen.
Die Zeit auf dem Anwesen vertrieben sich Severus und Lucius auf vielfältige Art und Weise. Sie spazierten oft über die Ländereien und redeten dabei über alles Mögliche. Diese Ausflüge taten Severus' Gemüt sehr gut. Er war weniger launisch, als in den vorangegangen Stunden.
Zumindest bis sie sich in einen Teil des nahe gelegenen Waldes verirrten, der Abseits der Wege lag und einen Schleichweg in das Anwesen darstellte. Die Mauern hörten irgendwann einfach auf. Moosbewachsen und halb fertig standen sie zwischen den Bäumen, als hätten die Erbauer ihre Arbeit an ihnen nie fertig gestellt. Ein schmaler, ehemaliger Trampelpfad, der bereits wieder von diversen Gräsern überwuchert wurde, führte tiefer in den Wald.
„Willst du da etwa rein?", fragte Lucius schockiert, als sich sein Freund der alten, unfertigen Mauer nährte.
„Warum nicht?"
„Dieser Abschnitt ist verflucht."
„Inwiefern?", fragte Severus.
„Immer wenn unsere Familie im laufe der Jahrhunderte versucht hat die Mauer in diesem Waldabschnitt zu vollenden kamen irgendwelche Monster aus dem Wald. Laut einer Sage leben da drin sogar Trolle. Sie sollen viele Arbeiter gefressen haben."
„Wenn das so ist, dann war in letzter Zeit jemand ziemlich mutig." Severus deutete auf den Trampelpfad. Der Boden war von vielen Fußpaaren aufgewühlt und das Gras zertreten worden.
„Das könnten die Flüchtlinge gewesen sein, die Greed hinrichten ließ.", mutmaßte Lucius. Severus beugte sich hinab und betrachtete die Fußspuren genauer.
„Nein, das sind Abdrücke von Armeestiefel."
„Woher willst du das wissen?", argwöhnte Lucius.
„Ich hatte im letzten Jahr genug Todesser um mich herum, um ihre Spuren zu erkennen. Mich würde interessieren, was die da drin gemacht haben."
„Das ist doch egal. Komm schon, lass uns verschwinden!", beschwor Lucius ihn. Severus jedoch machte keine Anstalten dem Wunsch seines Freundes nachzukommen. Stattdessen folgte er Zielstrebig den Spuren der Soldaten. Fluchend stiefelte sein Kumpan ihm hinterher.
Die Stiefelabdrücke führten sie Tief in den Wald hinein und endeten in einer kleinen Lichtung. Der Anblick, der sich Severus und Lucius hier bot war kaum in Worte zu fassen. Hier lagen fast ein Dutzend nackter, lebloser Körper. Einige waren von Tieren angefressen worden. Dreck und Blut vermengten sich auf der Haut von Greeds Opfern und der Gestank von Verwesung hing in der Luft.
„Lass uns abhauen!", sagte Lucius mit zittriger Stimme. „Bitte, Severus!"
Doch er konnte sich nicht von dem schrecklichen Anblick losreißen. Die Spuren von Folter und einem langsamen, qualvollen Tod zeichneten sich auf den Leichen deutlich ab.
„Warum haben die sie nicht einfach ungebracht?" Severus' Stimme war leer. Keine Abscheu, keinen Ekel, keinerlei Mitleid empfand er für diese Menschen.
„Sev!" Lucius zupfte ihn energisch am Ärmel seines Pullovers. „Komm schon!"
Nur mühsam gelang es Severus sich von diesem Schlachthof abzuwenden und zusammen mit seinem Freund den Wald zu verlassen. Währendessen sprachen sie kaum ein Wort miteinander.
Er hatte Greeds Worte an jenem Abend deutlich gehört. Der General hatte seinen Männern bloß befohlen die Muggelstämmigen hinzurichten, aber warum konnten sie diese dann nicht einfach mit dem Avada Kedavra töten? Warum mussten sie diese Leute vor ihrem Tod noch so erniedrigen und foltern? Greeds Todesser schienen kaum besser als ihr Meister zu sein. Diesen Schweinen machte es Spaß andere Menschen zu quälen. Sadisten waren sie allesamt!
Severus und Lucius erwähnten niemandem gegenüber ihre grausige Entdeckung. Es gab Dinge über die man sich besser ausschwieg.
Am Morgen ihrer Abreise nach Hogwarts wurden die beiden Jungen von einem der Diener geweckt.
„Sir? Es ist Zeit sich zu erheben.", sagte der Mann an der Türschwelle und verzog sich wieder schnell. Es schien fast so, als wollte der Hausangestellte nicht länger als nötig in der Nähe der Mitglieder der Familie Malfoy verweilen.
Lucius saß bereits aufrecht, aber alles andere als munter, in seinem Bett. Severus hingegen schlief noch tief und fest. Erst ein kräftiger Schubs seines Freundes erweckte ihn aus seinem Koma. Daraufhin zogen sich die beiden schweigend an und wuschen sich im Badezimmer. Ach was, Badezimmer!? Vielmehr handelte es sich um eine Art prunkvolle Schwimmhalle.
Wenig später gab es das Frühstück (oder doch eher Buffet?) in dem Salon im Erdgeschoss. Und prompt fiel Severus wieder ein, was ihn an den Besuchen bei Lucius schon immer gestört hatte: Nichts hier hatte normale Ausmaße! Alles hier hatte pompöse Dimensionen. Ein Wunder eigentlich, dass Lucius dieser Größenwahn kaum anzumerken war.
Severus würde es nie verstehen, wie man sich wie man sich freiwillig bedienen lassen konnte. Ihm bereitete es schon manches Mal Probleme in einem Restaurant auf sein Essen zu warten, ohne von dem Impuls gepackt zu werden, einfach in die Küche zu spazieren und zu fragen, ob er helfen könne.
Bei Lucius' Eltern wäre dieses Unterfangen freilich mit Selbstmord gleichzusetzen gewesen. Auch, wenn man es seiner Mutter Julien weniger anmerkte als Abraxas waren sie beide völlig von der Bedeutung der strengen Einhaltung der Reinblutetikette überzeugt. Severus versuchte sich in der Gegenwart der beiden familiären Autoritäten möglichst etikettennah zu verhalten – was natürlich einer Unmöglichkeit gleichkam.
Nach dem Frühstück wurden Severus und Lucius mit ungeahnter Diskretion von Julien, Abraxas und ungefähr acht Leibwächtern per Portschlüssel nach Kings Cross gebracht.
Am Gleis war das übliche hektische Gedrängel. Schüler verabschiedeten sich von ihren Eltern und umgekehrt. Zwischen ihnen waren Observatoren auszumachen, die alle Neuankömmlinge kontrollierten. Als sie die Malfoys entdeckten sahen sie jedoch auch von einer Kontrolle ab. Nicht einmal Severus Ausweis wollten sie sehen, obwohl er offensichtlich nicht zu ihnen gehörte. Anscheinend reichte ihnen Abraxas Autorität als Beweis, dass sie keinen von ihnen überprüfen mussten.
Sie drängten sich durch die Menge und blieben vor dem Wagon stehen. Lucius wurde abrupt von seiner Mutter umarmt.
„Mutter, bitte! Nicht vor der ganzen Schule!", wehrte sich ihr Sohn gegen sie.
„Es war ein interessantes Vergnügen Sie einmal mehr in meinem Haus beherbergt zu haben, Mr Snape." Abraxas gab ihm die Hand. Severus ergriff und schüttelte sie.
„Das Vergnügen war ganz auf meiner Seite, Sir.", log er, ohne auch nur mit der Wimper zu zucken. Nachdem sich Lucius aus der Umarmung seiner Mutter befreit und seine Eltern verabschiedet hatte stiegen sie in den Hogwarts-Express. Sie suchten sich ein freies Abteil und verstauten ihr Gepäck.
„Freust dich auf die Schule?", fragte Lucius. Die Frage war nicht ernst gemeint, sondern sollte vielmehr die Stille bekämpfen.
„Mit Greed als Schulleiter? Immer doch!", antwortete Severus. Er machte sich auf der Sitzbank breit und legte die Füße hoch.
„Denkst du, dass es schlimmer wird? Ich meine … der Krieg ist vorbei. Vielleicht ziehen sie Greed ab.", sagte Lucius.
„Das glaubst du doch nicht im Ernst?" Severus konnte sich einen gewissen Spott in der Stimme nicht verkneifen. „Greed ist aufs Quälen aus. Und wo könnte er seinem Hobby besser nachgehen, als in einer Schule!"
Lucius antwortete nicht darauf, sondern sah schweigend aus dem Fenster.
„Worüber machst du dir Sorgen?", fragte Severus nach einigen Augenblicken.
„Ich habe gehört wie Vater und der General über eine so genannte Umstrukturierung sprachen."
Severus versetzte es einen Stich in den Rippen. Er musste an Lily und die anderen Muggelstämmigen denken. Wenn die Todesser von Umstrukturierung sprachen, dann konnte das nichts Gutes bedeuten.
Plötzlich klopfte es an der Abteiltür. Regulus stand auf der Schwelle und wank ihnen schüchtern zu. Er trug bereits seine Schuluniform und hatte sich seinen Slytherinschal um die Schultern gelegt.
Mitten im Sommer? Der Junge ist mutiger als er aussieht!
„Darf ich mich zu euch setzen?"
Severus sah zu Lucius. Am liebsten hätte er den jüngsten Spross der Blacks wohl abgewimmelt und auch Severus verspürte diesen Impuls.
„Komm rein.", sagte Lucius schließlich, der dem Anstand Vorzug gab. Regulus legte ein freudiges Grinsen auf und gesellte sich zu ihnen.
„Freut ihr euch auf Hogwarts?", fragte Regulus.
„Hmm-Hmm.", machten Severus und Lucius synchron. Unendliche Begeisterung schwang dabei in ihrer Stimme mit.
„Ist dir nicht etwas warm?", fragte Lucius.
„Hä? Ach so, wegen dem Schal. Nein, nein, ich habe heute Früh nur mit Sirius gestritten, dass Slytherin dieses Jahr das Rennen im Qudditschfinale macht."
Quidditsch! Hat der Junge denn sonst keine Probleme?
Sie schwiegen während Regulus die halbe Fahrt damit verbrachte über eines seiner Lieblingsthemen zu reden: Quidditsch. In dieser Beziehung war er genauso fanatisch wie sein flohverpesteter, älterer Bruder.
„Wen haben wir denn hier?", unterbrach plötzlich eine arrogante Stimme den eher zwanghaften Plausch der Jungen.
Wenn man aber auch vom Teufel spricht!
James Potter und Sirius Black standen in der Abteiltür.
„Reg, was machst du denn bei denen?", fragte Sirius seinen Bruder ungehalten.
„Das geht dich nichts an!", entgegnete dieser giftig.
„Wo habt ihr denn eure haarigen Freunde gelassen?", stichelte Severus.
„Ach, fick dich doch, Snape!", rief James. Seltsamer Weise schwangen Wut und Angst in seiner Stimme mit.
„Hier? Vor allen Leuten? Nein, ich denke nicht, Potter."
„Was wollt ihr?", fragte Lucius ruhig. „Wenn ihr eins auf's Maul wollt, dann werden das wohl Severus und Regulus übernehmen müssen. Ich bin nicht in Stimmung."
„Ihr seid so gut wie tot, wenn wir in Hogwarts sind. Ich werde dafür sorgen.", entgegnete James voller Bösartigkeit.
„Sirius, was ist los?", sagte Regulus, der sich offenbar plötzlich um seinen Bruder und dessen Busenfreund sorgte. „Wovon spricht der da?"
„Von nichts, Reg.", sagte Sirius, doch man sah die Lüge in seinen Augen. „Mach dir keine Sorgen." Sirius packte James am Arm und zog ihn in den Gang, woraufhin die beiden anfingen erbittert zu streiten. Severus bekam jedoch nicht mit worüber, da die geschlossene Tür ihre gegenseitigen Beschimpfungen dämpfte. Allerdings hatte er eine Ahnung davon, warum sich Potter, selbst für seine Verhältnisse, so daneben benahm.
Es war nicht der alte Hass, den Severus in ihm gespürt hatte. Es ging nicht um ihre ewige Fehde, sondern dieses Mal war es wesentlich persönlicher. Potter dachte, genauso wie Lily, dass Severus ein stolzer Verfechter der Todesser sei. Und nun hatten Greed und seine Wachhunde Lily zusammen mit unzähligen, anderen Muggelstämmigen geschnappt.
Lily, die James liebte.
Lily, die Severus aufgegeben hatte.
Doch anders, als Potter annahm, war es nie sein Wunsch gewesen, dass ihr etwas zustieß.
„Die sind heute wohl nicht ganz klar?", meinte Regulus. Der junge Black versuchte abermals witzig zu sein, doch Severus war nicht nach Lachen zumute. Lucius und Regulus machten sich keine weiteren Gedanken über das Verhalten der beiden Gryffindors und sprachen die verbleibende Zugfahrt über Quidditsch und das bevorstehende Schuljahr. Severus hörte ihnen nicht zu. Seine Gedanken kreisten um Lily. Wusste Potter etwas Genaueres über ihr Schicksal? Diese Möglichkeit bestand durchaus. Was auch immer ihr in den Fängen Greeds widerfahren war hätte sie an James weiterleiten können. Es gab viele Wege eine Botschaft zu übermitteln. Und Severus hielt seine ehemalige Freundin für intelligent genug, dass sie diese Wege kannte. Auch ohne Eule oder Zauberstab hätte sie Kontakt zur Außenwelt aufnehmen können. Hinzu kam, dass jedes System seine Lücken hatte. Selbst in so einer straff organisierten Armee, wie der von Greed, musste es Schleichwege geben.
Er dachte die ganze Fahrt darüber nach, doch würde er die tatsächliche Lage wohl erst vor Ort erkennen können.
Mit quietschenden Rädern kam der Hogwarts-Express im Bahnhof von Hogsmead zum stehen. Das kleine Magierdorf wirkte düsterer denn je. Lärmend strömten die Schüler aus den Waggons auf den Bahnsteig. Auf diesem wartete bereits ein Offizier der Todesser, der von Professor Slughorn begleitet wurde. Der Offizier war noch sehr jung, vielleicht um die Fünfundzwanzig. Sein Gesicht wirkte müde und erschöpft. In seinem Gesicht zeichneten sich die Narben zahlreicher Kämpfe ab und seinen Bart hatte er schon länger nicht mehr rasiert.
„Hallo und Willkommen.", sagte die magisch verstärkte Stimme des Offiziers. Auf dem Bahnhof kehrte sofort Ruhe ein. Die Augen der Schüler ruhten gespannt auf dem Todesser. „Ich bin Major Victor Graysmith und euer begleitender Offizier in diesem Jahr. Das heißt, wenn ihr Probleme oder Fragen habt, dann kommt zu mir, da der Schulleiter mit dringlicheren Angelegenheiten beschäftigt ist." Severus überraschte die angenehme, sanfte Stimme des Mannes, ebenso wie der duzende Plauderton, den er anschlug. „Professor Slughorn wird die Erstklässler begleiten, während ich die restlichen Klassen bitte sich mir anzuschließen."
Schweigend folgten die Schüler den ihnen zugewiesenen Personen. Keiner wagte es etwas zu sagen. Zu viel Scheu hatten sie vor dem Offizier und seinen Untergebenen. Niemand wusste in wessen Händen sie sich befanden. War Graysmith nur der verlängerte Arm Greeds? Der Bote, der den Schulleiter über Beschwerden und Gesuche auf dem Laufenden halten sollte, während dieser mit seiner mörderischen Maschinerie beschäftigt war?
Graysmith schwieg ebenso eisern, wie die ihm folgenden Schüler. Es war nicht das militärisch antrainierte Schweigen, das viele der anderen Todesser zeigten. Vielmehr schien er es von sich aus zu tun. Er wollte keine Worte an sie wenden – noch nicht.
Als sie sich dem Schloss nährten bemerkten sie rasch die Veränderungen, die sich über die Sommerferien hier zugetragen hatten. Die Todesser hatten mehrere Verteidigungslinien errichtet. Sie hatten Wälle hochgezogen und Schützengräben ausgehoben.
Severus fragte sich wovor sich Greed so fürchtete. Warum baute er das Schloss zu einer militärischen Festung aus, wenn der Krieg vorbei war?
Na ja, zumindest sollten das die Leute glauben. Offiziell gab es schon seit Monaten keinen Widerstand mehr. Inoffiziell schien das jedoch ganz anders auszusehen.
Ihr Weg führte sie direkt durch die Befestigungen. Die Todesser auf ihren Wachposten sahen gelangweilt auf die, an ihnen vorüber ziehenden, Schüler hinab.
Schließlich erreichten sie die Tore, welche bereits für die Neuankömmlinge geöffnet wurden.
„Hier muss ich euch verlassen.", sagte Graysmith, kaum, dass sie das Eichenportal der Großen Halle erreicht hatten. „Ich schätze, ihr wisst zu welchem Haus ihr gehört und wo ihr sitzt. Wir sehen uns zur Aufnahmezeremonie."
Wieder sprach er mit ihnen, wie mit guten Freunden. Severus fand das höchst seltsam – zumindest für einen Todesser.
Ohne Einwände gingen alle Schüler in die Große Halle und setzten sich an die vier Haustische. Severus ließ sich wie immer neben Lucius nieder. Er sah zum Lehrertisch. Maximus Greed saß auf dem Stuhl des Schulleiters und ließ seinen Blick durch die Halle schweifen. Zu seiner Rechten war ein Platz frei und erst einen Stuhl weiter saß Professor McGonagall. Normalerweise saß der stellvertretende Schulleiter zur Rechten des Direktors. Demzufolge hatte man die Hauslehrerin von Gryffindor ihres Amtes enthoben. Die anderen Lehrer saßen auf ihren gewohnten Plätzen.
Es verging fast eine halbe Stunde bis sich das große Eichenportal ein weiteres Mal öffnete und die kommenden Erstklässler, angeführt von Graysmith, die Halle betraten. Der Offizier führte sie zu jenem dreibeinigen Stuhl auf dem schon Generationen von Hogwartsschülern gesessen hatten. Zu Severus' großer Überraschung hatte Greed den Sprechenden Hut und die mit ihm verbundene Hauseinteilung nicht aufgehoben.
„Ich werde jetzt eure Namen vorlesen. Wenn ich euch aufrufe kommt ihr her und setzt euch auf den Stuhl.", sagte Graysmith.
Und doch war etwas anders. Der Hut durfte sein traditionelles Eröffnungslied nicht mehr vortragen. Sicher hätte der Hut einiges über Greed und die Todesser zu sagen gehabt. Dass der Hut dennoch schwieg war entweder einem Bann oder – was Severus eher vermutete – Greeds Überredungskünsten zu verdanken. Der Hut war im Grunde nichts anderes als ein einfacher Gegenstand, dem man per Magie Leben und eine Persönlichkeit eingehaucht hatte. Das gab es oft in der Magischen Welt. Auch in Hogwarts hatten derartige Gegenstände Tradition. Severus erinnerte sich mit Grauen an die verzauberten Wasserspeier des Schlosses. Von denen gab es nicht viele, doch wer ihnen schon einmal über den Weg gelaufen war hasste sie zutiefst. Die Wasserspeier machten sich immer einen Spaß daraus Fäkalsprüche über die Schüler in Versen vorzutragen. Der Poltergeist Peeves schien das Ganze als besonderes Event zu betrachten. Manchmal hatte Severus die Vermutung, dass Peeves zu Lebzeiten der Urheber der sprechenden Wasserspeier war. Die Statuen hatten einfach zu viel von Peeves schelmischen Geistes in sich.
Der Hut hingegen war da ein wesentlich geruhsamerer Genosse. Ein sehr selbstbewusster Hut, das konnte Severus mit Sicherheit sagen. Doch all diese verzauberten Gegenstände hatten durch die Übertragung der Persönlichkeit ihrer Schöpfer auch deren Selbsterhaltungstrieb geerbt. Und mit hoher Wahrscheinlichkeit hatte Greed dem Hut gedroht ihn zu verbrennen, sollte er ein zweideutiges Lied über die derzeitige Lage anstimmen wollen. Also beschränkte sich der Hut mit spürbarem Missmut auf seine Haupttätigkeit: Die Einteilung der neuen Schüler in die Häuser von Hogwarts.
Nachdem die Erstklässler mit tobendem Applaus in ihren Häusern aufgenommen wurden erhob sich Greed, um seine Eröffnungsrede zu halten. Severus hörte gar nicht erst auf die faschistische Scheiße, die der General da wieder einmal von sich gab. Stattdessen beobachtete er Graysmith. Der Offizier entfernte mit einem Wink seines Zauberstabs Stuhl und Hut aus der Halle und setzte sich schließlich auf den freien Platz neben Greed. Er war also der neue Stellvertreter. Wahrscheinlich hatte sich die gute McGonagall zu sehr in Greeds Entscheidungen eingemischt, weshalb er den Posten nun mit einen seiner Männer besetzt hatte.
Es erschien Severus sehr seltsam, dass dieser Mann an der Seite des Schulleiters saß, denn er hatte offenbar nicht dessen unbedingtes Verlangen nach Autorität inne.
Was auch immer in den nächsten Monaten geschehen würde, Severus würde Graysmith nicht aus den Augen lassen. Etwas gefiel ihm gar nicht an diesem Kerl. Er wusste bloß noch nicht, was es war.
Als sich die Slytherins am späten Abend ins Bett begaben konnte Severus seine Neugierde gegenüber Lucius nicht mehr zurück halten. Sie hatten während der Feier kaum ein Wort gewechselt, doch nun quoll es förmlich aus ihnen heraus.
„Was hältst du von diesem Graysmith?", fragte Severus, während er sich auszog.
„Komischer Kauz.", meinte Lucius. „Und ziemlich jung für seinen Posten."
„Ich schätze es ist nicht sonderlich schwer in der Armee Major zu werden."
„Warum?", fragte Lucius verdutzt.
„Du weißt nicht, wie hoch sein Bodycount ist."
„Die befördern einen sicher nicht ausschließlich nach Abschüssen.", sagte Lucius.
„Da würde ich mich aber nicht drauf verlassen." Severus schlüpfte unter seine Decke.
„Denkst du, er ist schlimmer als Greed?" Auch Lucius legte sich ins Bett. Er nahm seine Brille ab und zog die Decke hoch.
„Ich schätze, das schafft nur noch Voldemort!", sagte Severus und bekam diese unbedachten Worte sofort mit Zischlauten und einem, ihn an den Kopf geschmetterten Kissen quittiert.
„Nicht hier!", sagte Lucius böse.
„Ist ja schon gut, dann eben Du-weißt-schon-wer." Sie wussten beide, dass es selbst für Slytherins gefährlich war den Dunklen Lord beim Namen zu nennen. Es war in den Kriegsjahren zum Markenzeichen des Phönixordens geworden ihren Gegner nicht durch ein Pseudonym zu mystifizieren. Aus irgendeinem Grund hatte Severus es sich angewöhnt den Namen zu sagen. Vielleicht lag es daran, dass seine Mutter ihn auch immer gesagt hatte. Sie hatte ihn gesagt und jetzt war sie tot …
Nein, diesen Zusammenhang durfte er auf gar keinen Fall herstellen – oder doch?
Du hast nie herausgefunden, warum sie ermordet wurde. Vielleicht war sie im Orden? Denk nach! Warum hat sich Dumbledore immer so um dich gesorgt?
Das ist doch völliger Quatsch! Sie war NIE im Orden.
Woher weißt du das so genau? Weil Tobias es nicht mitgekriegt hat? Komm schon, der war doch manchmal so blau, dass er nicht einmal mitkriegte, wenn er neben das Klo kotzte …
Severus ließ sich diese Theorie durch den Kopf gehen. Es war nicht unmöglich, aber, ehrlich gesagt, glaubte er nicht daran. Seine Mutter war nicht im Orden und Dumbledore war nur so sorgsam, weil er einen seiner begabtesten Schüler nicht verlieren wollte. Punkt! Aus! Ende! Schluss! Finito! Genug der wilden Theorien!
Severus drehte sich auf die Seite und schloss die Augen – doch dieser verfluchte Gedanke wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen und verfolgte ihn noch in seinen Träumen.
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