Irgendwie hat sich diese Woche alles gegen mich verschworen (sprich mein Chef und meine Kollegin), so dass ich nicht dazu gekommen bin, auch nur eine einzige Review zu beantworten. :(
Leider könnte es in den nächsten Wochen auch häufiger mal vorkommen, dass ich es nicht schaffe, eure Reviews zu beantworten, denn ich hab Anfang Dezember meine Abschlussprüfung (Ausbildungsende rückt näher... °grins°) und muss dafür noch einiges lernen.


Kapitel 2.11 – Die Entscheidung


Severus sah Adia lange an. Es hatte schon häufiger Gelegenheiten wie diese gegeben, in denen er froh war, dass er sich eine solche Pause vom Gespräch erlauben konnte, ohne dass sie als solche erkenntlich war. Der mitunter scharfe Blick, mit dem er seinen Gegenüber auf Trab hielt, ermöglichte es ihm, genau zu überlegen, wie er auf etwas reagierte. Selten hatte er diese Auszeit so dringend gebraucht wie jetzt.

Nach ein paar Momenten entschied er sich dann für eine gänzlich unerwartete Reaktion: Er begann zu lachen. Kehlig und rau, so als hätte er dies schon seit langer Zeit nicht mehr getan. Und so war es auch. Er konnte sich nicht einmal daran erinnern, wann er das letzte Mal gelacht hatte.

Doch es erfüllte seinen Zweck. Adias Gesicht verzog sich auf eine Art, die großen Missmut und aufsteigende Wut verriet. Sie lehnte sich auf ihrem Stuhl zurück und verschränkte die Arme vor der Brust. „Nun?"

Severus räusperte sich übertrieben und tat es ihr gleich, nur dass er die Phiole mit zu sich zog. „Nun was?"

„Wie ist Ihre Antwort, Sir?"

Er wusste nicht zu sagen, ob sie diese förmliche Anrede weiterhin benutzte, weil sie bemerkt hatte, wie sehr sie ihn damit ärgern konnte, oder weil sie wirklich zu viel Respekt vor ihm hatte, um gänzlich in ihr altes Verhalten zurückzufallen. „Ich denke nicht, dass diese Forderung eine Antwort verlangt."

„Das denke ich schon. Entweder Sie gehen darauf ein, oder ich werde diesen Trank nicht nehmen. Ich weiß ja nicht, wie wichtig Ihnen die Gesundheit Ihrer ehemaligen Schülerin ist, aber es geht ihr nicht gut." Dabei besah sie sich lässig ihre Fingernägel.

Es war, als hätte jemand einen Schalter in Severus umgelegt. Natürlich verkörperte er nach außen hin noch immer die gelassene Ruhe, die er sich zu sein wünschte. Doch die Erwähnung Hermines ließ seine Gedanken rasen und ihn sich daran erinnern, warum er bisher so konsequent auf eine Frau in seinem Leben verzichtet hatte. Leichtgläubig, wie er gewesen war, hatte er wohl angenommen, dass seine Enthaltsamkeit enden könnte, nur weil er enttarnt war. Dummer Fehler, wirklich außerordentlich dummer Fehler. Und nicht der erste, der ihm im Laufe dieses Gespräches bewusst wurde.

„Du wagst es wirklich noch einmal, Hermine für deine Sache auszunutzen?" Er beugte sich halb über den Tisch.

„Nicht im Geringsten. Ich habe ihr nichts getan. Ich informiere dich lediglich darüber, wie es ihr geht." Adias Miene verriet weder Spott noch Häme. Sie war ernst und Severus vermutete, dass dies ein Teil ihrer Natur war. Sie musste die schlechte Verfassung ihres Wirts ernst nehmen, denn wenn Hermine etwas zustieß, stand es um sie selbst auch nicht viel besser.

Severus ließ ein leises Grollen hören, das in einem kurzen Knurren endete, ehe er aufstand und zum Fenster ging. „Du ahnst nicht einmal, was du dir da wünschst." Sein Gesicht war überschattet von der Gewissheit, dass die Zeit drängte und ihm keinerlei Magie zur Verfügung stand. Er musste schnell handeln und das bedeutete, dass es in diesem neuerlichen Machtkampf nur darum ging, wer die besseren Nerven hatte. Wer länger durchhielt. Und um seine Nerven war es neuerdings nicht mehr sehr gut bestellt.

„Meinst du nicht, dass du meine Auffassungsgabe da ein wenig unterschätzt? Ich habe gesehen, dass du nicht einmal mit der Wimper gezuckt hast, als dieser Gnom mich erwürgen wollte. Fragt sich nur, wie weit du zu gehen bereit bist, wenn es um Hermine geht." Adia feixte, was allerdings schnell verblasste, als Severus zu ihr herumwirbelte.

Er tat zwei große Schritte und stand vor ihr. Dann packte er sie grob an den Schultern und zog sie in eine stehende Position. „Du hast nicht einmal einen Teil dessen gesehen, zu dem ich fähig bin", warnte er mit so leiser Stimme, dass sie sicherlich trotz der Nähe Probleme hatte, ihn zu verstehen.

„Dann zeig es mir!", zischte sie zurück, woraufhin Severus seinen Griff noch um einiges festigte, ehe er sie ungestüm von sich stieß. Adia fiel auf den Stuhl zurück, der bedenklich ins Schwanken geriet, konnte sich aber noch am Tisch festhalten. „Was hattest du erwartet? Dass ich mich einfach so umbringen lasse? Möglicherweise bin ich magisch erschaffen, aber das heißt nicht, dass mir dieses Leben gleichgültig ist!"

„Du wirst es wieder verlieren, ob nun so oder anders!" Dass er damit etwas androhte, das er mit Sicherheit nicht einhalten konnte, war ihm gerade sehr egal.

„Mit einer Sache hast du Recht. Ich werde dieses Leben wieder verlieren, denn in Hermines Körper ist kein Platz für eine zweite Persönlichkeit. Aber wie das vonstatten geht, das entscheide ich." Sie war aufgestanden und blitzte ihn entschlossen an. Diese Haltung war nichts Neues an ihr, doch Severus sah das erste Mal so etwas wie Verletzlichkeit in ihren Augen. Und da wurde ihm auch klar, dass sie ihm die letzten Tage nur etwas vorgespielt hatte. So wie jetzt hatte sie ihn noch nie angesehen. Und vermutlich lag der einzige Weg, sie wirklich zu verletzen, darin, ihr den Tod zu verwehren, den sie sich überlegt hatte. Und dazu war er nicht nur nicht in der Lage, es wäre außerdem vollkommen sinnlos.

Dennoch konnte er nur den Kopf schütteln und sich wieder dem Fenster zuwenden. „Ich kann nicht mit dir schlafen", grollte er und die Scheibe vor seiner Nase beschlug. Es musste kalt sein draußen.

Sie ließ ein Schnauben hören. „Oh, ich bitte dich! Ich weiß, dass du mich anziehend findest."

Er warf ihr einen Blick über die Schulter zu, hatte die Augenbraue angehoben. „Woher willst du das wissen?"

Sie feixte erneut, aber dieses Mal weckte es bei ihm nicht den Wunsch, ihr die Finger um den Hals zu legen, so wie der Gnom es getan hatte. „Männer müssen keinen Ständer kriegen, damit ich verstehe, was in ihren Köpfen vorgeht. Ich bin eine Femme Fatale, Severus. Ich kann kriegen, wen immer ich haben will."

„Nun, mich wirst du nicht kriegen." Sein Blick wanderte wieder hinaus in den Garten, wo ihn trostloses Grau und leichter Nieselregen empfing.

„Nicht freiwillig, nein. Aber ich denke, Hermine ist eine ausreichende Triebfeder." Sie machte eine Pause und als er nicht reagierte, fügte sie hinzu: „Überleg' es dir. Ich weiß nicht, wie viel Zeit Hermine dir noch zugestehen kann, ehe sie in ein wirklich tiefes Loch fällt. Aber ich an deiner Stelle würde es nicht allzu lange hinauszögern."

Seine Augen wurden, von ihr unbemerkt, so schmal, dass er kaum mehr etwas sehen konnte. Dann schloss er sie einen Moment lang ganz und bezwang die Wut über seine Unfähigkeit, die durch seine Adern floss wie flüssiges Feuer. „Sieh' zu, dass du mir aus den Augen kommst", drohte er schließlich leise.

Und bekam einen spöttischen Laut zur Antwort. „Du bist derjenige, der mich in dieses Zimmer eingeschlossen hat. Wenn einer gehen kann, dann du."

Severus drehte sich zu ihr um. „Das meine ich nicht. Hol' Hermine her."

Für ein paar Sekunden flatterte ein verstehender Ausdruck über ihr Gesicht, dann wurde sie wieder ernst. „Ich weiß nicht, ob das so klug ist."

„Hol' sie her!", donnerte Severus und merkte selbst, wie nah er daran war, die Fassung zu verlieren. Wobei das vermutlich nur ein geringer Verlust wäre angesichts der Kontrolle, die sich schon seit geraumer Zeit immer mehr verflüchtigt hatte.

Adia zuckte kurz zusammen. „Okay…", murmelte sie schließlich. Ihre Augen schlossen sich und es dauerte etwa eine Minute, bis ihr Aussehen sich vor seinen Augen veränderte.

Hermine schwankte, als die Transformation abgeschlossen war, und griff unkoordiniert nach der Stuhllehne. Severus spürte seine Wut schwinden und trat ein paar Schritte auf sie zu. Als Hermine es bemerkte, hielt sie die Hand in die Höhe und brachte ihn zum Stehen. „Nicht… zu nahe", flüsterte sie. Es war offensichtlich, dass sie gegen die Tränen ankämpfte, die in ihren Augen standen.

Mehr als jemals zuvor überkam Severus Hilflosigkeit und als er es nicht mehr ertragen konnte, wandte er sich neuerlich dem Fenster zu. „Hast du mitbekommen, was sie verlangt?"

In der Spiegelung des Fensters konnte er Hermine nicken sehen. „Ja, das habe ich", brachte sie dann noch hervor und ließ sich mit schwachen Beinen auf den Stuhl sinken, so dass er sie aus seinem Blickfeld verschwand.

„Was hältst du davon?"

Ein leises Geräusch erklang hinter ihm, er konnte jedoch nicht identifizieren, was es war. „Ich weiß es nicht, Severus." Ihr ergebener Tonfall ließ ihn die Augen schließen. „Es ist mir gleich. Ich werde es sowieso nur als Tatsache mitbekommen." Sie schniefte.

Severus hingegen lachte freudlos auf. Er hasste es, dass sie ihm gerade jetzt die Entscheidung zuschob. „Es ist dein Körper, Hermine", erinnerte er sie sehr bitter klingend.

„Nicht, wenn ich Adia bin."

„Ja, so zu differenzieren kann leicht sein", murmelte er und stellte fest, dass ihm diese Differenzierung bei der Folter sehr gut gelang, nicht jedoch wenn es um Sex ging. Er wagte es nicht, die Ursachen dafür genauer zu erforschen. Es hatte jedenfalls nichts mit seinen Gefühlen für Hermine zu tun.

„So zu differenzieren ist nötig", erinnerte sie ihn.

„Vielleicht."

Im nächsten Moment schrak Severus heftig zusammen, denn Hermine ließ ein markerschütterndes Schluchzen hören. Widerwillig drehte er sich zu ihr um und schluckte. Sie saß mit geradem Rücken auf dem Stuhl, eine Hand vor dem Mund, die andere zwischen ihre Beine auf den Stuhl gestützt. Ihre Haare standen wirr vom Kopf ab und sie zitterte so sehr, dass er fürchtete, sie könne vor seinen Augen zerbrechen.

Mühsam atmete sie tief ein und aus und nach ein paar Momenten hatte sie sich wieder einigermaßen unter Kontrolle. „Es ist mir egal, was du tust, aber entscheide dich schnell." Sie sah ihn aus feuchten Augen an und Severus glaubte, etwas sehr Kaltes, sehr Glitschiges rutschte seine Wirbelsäule herunter. Diese braunen Augen brachten ihn um den Verstand und der Wunsch, Adia eigenhändig den Hals umzudrehen, kehrte mit aller Macht zurück.

Hermine allerdings schien das nicht zu bemerken. Sie erhob sich von ihrem Stuhl und ging ins Bad, ohne ihn weiter zu beachten.

Severus merkte, dass er seine Hände zu Fäusten geballt hatte, und musste sich anstrengen, um diese zu lösen. Nachdem er einmal sehr tief durchgeatmet hatte, nahm er die Phiole vom Tisch und verließ das Zimmer. Er konnte diese Entscheidung nicht jetzt sofort treffen.


- - -


Zwei Stunden später stand Severus vor seinem eigenen Fenster und starrte hinab auf das, was man gemeinhin als Vorgarten bezeichnete. Für ihn waren es die Mauern eines Gefängnisses, das ihm selten zuvor so bewusst gewesen war.

Er konnte dieser Entscheidung nicht aus dem Weg gehen. Normalerweise hätte er sich in einer Situation wie dieser… Nein, es hatte keinen Sinn, diesen Gedankengang fortzusetzen. Wären sie nicht in diesem Haus gefangen, wäre er niemals in eine Situation wie diese gekommen.

Mit unbewegter Miene stieß er sich vom Fensterbrett ab und lief rastlos im Zimmer umher. Im Grunde war die Sache klar. Entweder er ging auf Adias Deal ein und schlief mit ihr oder Hermine würde den Verstand verlieren. So schwer sollte es nicht sein, die richtige Entscheidung zu treffen. Schließlich war es nur Sex. Er hatte noch nie Probleme damit gehabt, mit einer Frau zu schlafen, die ihm nichts bedeutete.

Und dennoch war es Sex.

Er hatte nicht erwartet, dass allein der Gedanke daran eine so intensive Ablehnung in ihm auslösen würde. Und Severus wusste, dass das nichts war, das seinem Verstand entsprungen war. Er hatte sich schon zu weit schlimmeren Dingen gebracht, indem er rational geblieben war. Nein, in diesem Fall lag die Ursache woanders.

Severus schüttelte den Kopf und sein Gesicht verzog sich zu einer konzentrierten Maske. Noch niemals zuvor hatte er gesehen, dass psychische Probleme so extreme körperliche Ausmaße angenommen hatten wie gerade bei Hermine. Sicherlich spielte auch Adias Existenz eine große Rolle, doch es war offensichtlich, dass Hermine die Kraft verließ.

Er hatte in ihren Einträgen im Tagebuch einiges zwischen den Zeilen gelesen, das er vor ein paar Monaten sicherlich noch getrost ignoriert hätte. Hermines Reaktion auf den Tod ihres Mannes war genau das gewesen, was ihre Freunde ihr vorgeworfen hatten – kühl und distanziert, so als würde es nicht sie betreffen. Aber bei der Ursachenforschung hatten Genevra wie Nymphadora vollkommen falsch gelegen.

Es lag daran, dass sie anders tickten als Hermine. So sehr Severus es auch verabscheute, dies zugeben zu müssen, aber Hermine hatte sich anscheinend ein Beispiel an ihm genommen und beschlossen, dass es eine simple Angelegenheit war, sich nicht verletzen zu lassen. Sie hatte eine ausgeklügelte Methode entwickelt, um die Trauer um Ronald und letztendlich auch um ihr Kind von sich fernzuhalten. Nur damit sie sich nicht damit auseinandersetzen musste.

Severus hatte grundsätzlich dasselbe mit allem getan, was ihm zugesetzt hatte. Und das war weitaus mehr als die dreimonatige Folter, die hinter ihm lag. Doch im Gegensatz zu Hermine hatte er diese Dinge auf eine Art und Weise getan, die seinen Verstand keine unmöglichen Kräfte abverlangen würde.

Hermine hatte keine Kraft mehr, dem Drängen ihres Unterbewusstseins entgegenzutreten. Der Verstand einer Hexe oder eines Zauberers arbeitete anders als der von Muggeln. Extremer. Er beherbergte eine massive Machtquelle; das, was fähig war, Magie zu bewirken. Und diese Machtquelle stand in Hermines Fall unter Druck. Wenn sie nun nachgab, würde er nicht seine Hand dafür ins Feuer legen wollen, dass sie eine Chance hatte. Es wäre wie wenn man einen mächtigen Staudamm in die Luft sprengte.

Am Ende dieser Beweiskette stand die Erkenntnis, dass er den Deal eingehen sollte, wenn er verhindern wollte, dass Hermine den Verstand verlor. Trotzdem zögerte er.

Was vor allem daran lag, dass er selbst sein magisches Potential eingebüßt hatte. Seine Kontrolle über die Geschehnisse der Vergangenheit lag in der Magie begründet. Es gab einen Teil in seinem Verstand, in dem alle unerwünschten Emotionen so lange lagen, bis sie sich auflösten – was im Allgemeinen ein paar Monate dauerte, wenn man sie konsequent von den dazugehörigen Erinnerungen trennte. Und das bedeutete, dass die Dinge, die Lucius Malfoy mit ihm hatte machen lassen, präsenter waren denn je.

Es war die Vorstellung von Körperkontakt, die ihn abschreckte. Das Gefühl, das Adias Haut an seiner hervorrufen könnte. Der Schmerz, den seine Erinnerungen damit verbanden.

Severus wusste, dass er sich darüber hinwegsetzen musste. Wenn er ehrlich war, hatte er seine Entscheidung schon in dem Moment getroffen, in dem er Hermine gesehen hatte. Er musste nur noch den Mut aufbringen, es ihr zu sagen.

Seine Hände ballten sich zu Fäusten und er kehrte zum Tisch zurück. Das Tagebuch lag aufgeschlagen auf der ansonsten leeren Tischplatte und bereits aus der Ferne konnte er lesen, was in diesem einen bestimmten Eintrag stand. Er kannte ihn auswendig.

03.05.2001

Ich fürchte, ich habe heute einen Fehler gemacht.
Malfoy senior hat mich mit Draco los geschickt, um weitere Tränke nach seinem Belieben zu brauen und Draco hat angefangen zu reden. Nichts von dem, was er gesagt hat, ist wichtig, um Sie zu retten. Aber es waren interessante Dinge. Und er weiß noch mehr.
Zum Beispiel hat er mir eine Erklärung für Malfoy seniors Herrschaft geliefert. Ich dachte immer, es ginge darum, dass er Voldemorts Werk beenden wollte. Ich dachte, es ginge um die Reinheit des Blutes. Tatsache ist, Malfoy senior ist pleite. Und wenn er seine Macht nicht durch Geld bekommen kann, muss er sich eben ein Gefolge suchen.
Draco und ich, beziehungsweise Adia gerieten darüber in einen Streit und vermutlich habe ich mir damit eine lohnenswerte Informationsquelle versagt.

Und das ist nicht mal das Einzige, das mir Sorgen macht. Ich befürchte, Adia gewinnt an Einfluss über mich. In den letzten zwei Tagen sind häufiger magische Dinge geschehen, die nicht meinem Befehl unterstanden. Es war so wie früher, bevor ich nach Hogwarts kam.
Ich weiß, ich sollte Albus davon erzählen. Aber ich kann jetzt nicht aufhören. Es ist zu wichtig, dass ich Sie finde.

Severus' langer Zeigefinger strich über die Zeilen des Eintrages, ohne dass sich auf seinem Gesicht eine Regung zeigte. Hermine hatte auch später noch Ereignisse dieser Art berichtet und alle zusammen ergaben sie einen Sinn, dem er sich nicht entziehen konnte.

Auch der Zwischenfall mit der Eiswüste im Labor war ihrem psychischen Zustand zuzuschreiben. Ihr magisches Potential suchte sich Ventile, wenn es sein musste, auch gegen ihren Willen.

Als die Buchstaben vor seinen Augen zu tanzen begannen, legte er den Kopf in den Nacken und atmete tief durch. Er hatte keine Wahl. Nicht die geringste.


- - -


Einige Zeit später verließ er sein Zimmer und ging quer über den Flur zu Hermines Tür. Sein Klopfen war zurückhaltend, aber nicht das, was man als ängstlich bezeichnen würde. Severus hatte es sich nie erlaubt, Angst offen zu zeigen. Beziehungsweise hatte er es sich in seiner Kindheit schnell abgewöhnt. Sein Vater war ein Mann gewesen, der selbst zu viel Angst hatte (vor allem vor seiner magischen Frau), um die seines Sohnes ertragen zu können.

Die Tür öffnete sich, ohne dass Hermine dafür aufstehen musste. Severus runzelte die Stirn und betrat das Zimmer. Obwohl er selbst kein magisches Potential mehr in sich trug, konnte er die Magie spüren, die dieses Zimmer beherrschte. Die Luft knisterte auf eine eigentümliche Art. Anders als elektrische Ladungen, irgendwie subtiler, aber sehr viel intensiver.

Hermine saß auf dem Bett, das nun wieder mit Matratze und Bettzeug ausgestattet war. Ihre Beine waren eingeschlagen, die Haare nass und ihr Gesicht fahl. Vermutlich hatte sie geduscht, doch so belebend Wasser sonst auch sein konnte, sie sah nach wie vor grauenhaft aus. Severus meinte zu erkennen, dass sie abgenommen hatte. Ihre Augen waren stumpf und der Ausdruck hoffnungslos.

Doch das war es nicht, das ihn in der Tür stehen bleiben ließ. Sie hatte ihre Hände vor ihrem Oberkörper erhoben und formte Bälle in der Luft. Zwischen ihren Handflächen zuckten Lichtfunken, bildeten Formen und verschmolzen ineinander. Mitunter glaubte er sogar Gesichter erkennen zu können, doch wen genau es darstellte, war nicht zu deuten.

Nach ein paar Momenten trat er einige weitere Schritte in den Raum bis vor das Bett. Hermines kleiner Finger zuckte kurz hervor und die Tür fiel ins Schloss. Danach wandte sie die Blicke über ihr Spiel hinweg zu Severus. „Sieht hübsch aus, oder?"

Ihre Stimme verursachte eine Gänsehaut bei ihm und er musste sich zwingen, diese Regung nicht durch ein leichtes Schütteln zu zeigen. „Ansichtssache", erwiderte er.

Hermine lächelte so freudlos, wie er es selten bei irgendjemandem gesehen hatte. „Es passiert einfach. Ich weiß nicht einmal, wie ich es mache. Ich muss nur daran denken und schon sind die Formen da. Siehst du?" Die Farbe der Lichter änderte sich, ebenso wie die Form. Für einen Moment erblühte eine schwarze Rose zwischen ihren Händen, die einen Schatten aus Licht auf Hermines Gesicht warf.

„Es liegt an deiner Art, mit der Trauer umzugehen." Severus wandte sich ab und setzte sich neuerlich auf den Stuhl, auf dem er schon vorhin gesessen hatte.

„Ja, das hab ich mir gedacht." Sie klang nachdenklich und trotzdem abwesend.

„Wie stellst du es an, Hermine?" Severus hatte den Stuhl seitlich zum Tisch gestellt. Nun stützte er die Ellenbogen auf den Knien ab und legte die Handflächen aneinander. Seine Miene war konzentriert und verriet nur den Ansatz der Besorgnis, die er über diesen Anblick tatsächlich verspürte.

Ihre vorläufige Antwort bestand aus einem Schulterzucken. Dann bildeten die Lichter eine Schatulle mit feinen Verzierungen. Der Deckel klappte hoch, ein kleiner Ball flog hinein und schon war sie wieder geschlossen. „Es ist ganz einfach, wenn man erstmal damit angefangen hat", sagte sie, wohl wissend, dass er die Antwort der Magie verstanden hatte.

Severus nickte und holte einmal tief Luft. „Nun, wie du siehst, hat auch diese einfache Methode irgendwann ihre Nebenwirkungen."

Sie lachte kurz auf. „Ja, scheint so." Ihr Kopf neigte sich leicht und der Wirbel der Lichter nahm zu. „Wie machst du es, Severus?"

Er hob seine Augenbrauen.

„Oh, komm schon! Ich weiß, dass du es genauso machst. Niemand kann dreieinhalb Monate Folter so einfach wegstecken, wie du es getan hast. Du hast einen Trick."

Er senkte den Blick und allein das war Eingeständnis genug. Natürlich hatte er einen Trick. Und ohne diesen Trick hätte er sein Doppelleben vermutlich keinen Monat durchgehalten. „Den habe ich, ja."

Sie klatschte ihre Hände so abrupt zusammen, dass er erschrak und ihr Gesicht wieder fest im Blick behielt. „Verrat ihn mir!"

Der Tränkemeister schüttelte den Kopf. „Das kann ich nicht."

„Warum nicht?"

„Weil es…" Er stockte. „Du hast keine Zeit dafür."

Hermine schwang die Beine vom Bett und stand auf. „Das weiß ich!" Sie lief mehrere Runden durch den Raum, wirkte dabei aufgedreht, beinahe wie Minerva, wenn sie zu viel Kaffee getrunken hatte. „Aber da du dich ja mit deiner Entscheidung dieses simplen Deals so unglaublich schwer tust, habe ich keine andere Wahl."

„Ich habe mich entschieden, Hermine."

„Fein. Ich will es trotzdem wissen." Sie schien nicht einen Gedanken an seine Antwort zu verschwenden. Dafür war sie viel zu nervös.

Severus wusste genau, woher dieser plötzliche Stimmungsumschwung kam. Sie hatte zuvor die überschüssige magische Energie dafür genutzt, die Lichter aufrecht zu halten und zu kontrollieren. Nun, da sie diese zum Erlöschen gebracht hatte, musste ihr Körper ebenso knistern wie zuvor die Luft. Es war eine natürliche Reaktion, dieses unangenehme Gefühl mit Bewegung zu kompensieren.

Ein paar Minuten sah Severus ihr Tun mit an. Dann stand er auf und fasste sie energisch an den Schultern. Ihr feuchtes Haare schwang um ihren Kopf und die braunen Augen waren unter der riesigen Iris kaum mehr zu erkennen. „Ich habe mich entschieden", wiederholte er langsam.

Hermine presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen und selbst durch den dünnen Pullover, den sie trug, konnte Severus die Hitze ihres Körpers spüren. „Das habe ich verstanden!", zischte sie und machte sich von ihm los.

„Dann handle danach!"

„Wie denn? Wie soll ich nach deiner Entscheidung handeln, wenn du sie mir nicht mitteilst?" Sie machte ein paar ausladende Gesten mit den Armen.

„Ich dachte nicht, dass ich dazu etwas sagen müsste."

„Doch, das musst du! Denn nachdem ich dich in den letzten Tagen beobachtet habe, bin ich mir nicht sicher, ob du es nicht vielleicht doch genießt, andere leiden zu sehen."

Severus Mimik wurde grimmig. „Ich tat, was notwendig war."

„Ja, sicher!" Sie ging zum Fenster und stieß es auf. Kühle Luft wehte in den Raum und ließ die Gardinen flattern. „Nur leider ohne Erfolg!", setzte sie dann noch hinterher und als sie sich ihm wieder zuwandte, waren ihre Wangen leicht gerötet. Dadurch stachen die blassen Lippen noch mehr hervor und ließen in Severus den Wunsch entstehen, es endlich zu beenden.

Zumal er ohnehin nicht wusste, wie er mit ihrer Anklage umgehen sollte. Ja, er hatte versagt. Und ja, es war das erste Mal, dass er sich einen Menschen nicht fügsam hatte machen können. Doch was sollte er dazu sagen? „Es ist nicht mein Fehler, wenn du eine Person erschaffst, die du nicht kontrollieren kannst."

Hermine verzog das Gesicht zu einem falschen Grinsen und verschränkte die Arme vor der Brust. „Jaah, jetzt ist es meine Schuld. Es ist angenehm, die Schuld immer anderen zuzuschieben, nicht wahr?" Er beobachtete, wie sie ihre Finger ruhelos immer wieder in den Stoff ihres Oberteils grub und dabei vermutlich auch sichtbare Spuren auf ihrem Körper hinterließ. Spuren, die er später bei Adia finden würde und der Gedanke daran drehte ihm den Magen um.

„Sei vorsichtig mit deinen Worten, Hermine. Es wird eine Zeit kommen, in der du sie bereust." Obwohl er sich zur Ruhe zwang, war seine Stimme durchsetzt mit Verärgerung. Er wollte ihr helfen, doch wenn sie ihn weiterhin so provozierte, könnte es sein, dass er vorher die Beherrschung verlor.

„Das bleibt abzuwarten."

„Tausche den Platz mit Adia."

„Keine Lust mehr auf diese Diskussion?" Sie hob die Augenbrauen.

„Nicht unter diesen Bedingungen."

„Stimmt, es sind nicht deine Bedingungen, richtig?"

„In der Tat."

„Nun, nicht alles läuft nach deinem Willen, Severus!"

Diese Aussage konnte er so überzeugt bestätigen, dass ihm das Blut in den Adern zu kochen schien. Mit zwei großen Schritten war er bei ihr und zog sie an den Oberarmen zu sich hinauf. „Wem willst du diese Lektion erteilen, Hermine? Bin ich nicht derjenige gewesen, der dich diese Tatsache immer wieder aufs Neue hat spüren lassen?"

„Dann kommt es mir also nur so vor, als ob du es vergessen hättest, ja?"

„Oh ja! Ich bin mir meines Versagens durchaus bewusst. Also hol endlich dieses Miststück her und lass mich dafür bezahlen!" Sein Griff um ihre Arme war fester, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. Noch mehr Spuren, die er später finden würde.

„Lass mich los, Severus", sagte Hermine in diesem Moment mit ruhiger Stimme und brachte Severus damit wieder zur Räson.

Blinzelnd trat er einen Schritt zurück und wandte sich dem Fenster zu. Die Luft strich angenehm kühl über sein erhitztes Gesicht. Das alles verlief ganz und gar nicht so, wie er es geplant hatte. Und seine momentane Laune war nicht die beste, um Adias Deal abzuwickeln. Doch wenn er Hermine so ansah, sprang ihn die Zeitnot geradezu an. Er musste sich beeilen, dem endlich ein Ende zu setzen.

„Lass – Adia – raus", befahl er sehr langsam und mit fester Stimme. Erst nachdem er die Worte gesprochen hatte, wandte er den Kopf zu Hermine um.

Sie sah ihn mit wächserner Miene an und nickte. „Viel Spaß." Dann änderte sich ihr Äußeres und Adia kehrte zurück. Ihr Mund verzog sich zu einem Grinsen und ihre Blicke glitten so obszön an seiner Gestalt hinab, dass er die Nase rümpfte.

„Zieh dich aus!" Er schnitt ihr mit dieser Aufforderung jeglichen Kommentar ab und wandte seine Blicke ein weiteres Mal aus dem Fenster, während sie ohne zu zögern tat, was er gesagt hatte. Es wurde Zeit für das Finale.


TBC...