Taten sprechen lauter als Worte

Gabriel hatte eine geschlagene Stunde perfekt den Ahnungslosen gemimt und war die ganze Zeit über, in der Luciana vor seinem Schreibtisch schnaubend auf und abgelaufen war, nicht einen Deut von seinem Standpunkt abgewichen ‚keinen blassen Schimmer' davon gehabt zu haben, wer oder was mit der ‚Entwendung eines Patienten des St.-Mungos' zu tun haben könnte. Dass die gesamte, vom Abendpropheten beschriebene Operation die haargenaue Handschrift der UOWV trug und sie ebenfalls gleich eine Visitenkarte an der Info hätten liegen lassen können, schien ihrem Paten nicht als Begründung auszureichen, entlarvt worden zu sein und wenn sie nichts weiter als ‚lapidare Indizien' vorbringen würde, sie sich die Zeit ihn zu belästigen auch hätte gleich sparen können.

Johnny war über die Feiertage zu seinem besten Kumpel David nach Holland gereist, was ihre Ausquetschpläne ihn betreffend um mehrere Tage nach hinten warf und Gordon hatte sie zwar in seiner Wohnung neben Gabriels, Johnnys und ihrer Behausung antreffen können, doch der Herr schien von einem Silencio belegt worden zu sein (von der Bitte abgesehen, bei der sich bietenden Gelegenheit einen Brief plus Päckchen an Malfoy Junior weiterzuleiten, da es langsam ein wenig ‚auffällig' erscheinen würde, sich ständig an den Eulen der Organisation zu bedienen – eine kurze Erklärung, wieso er nicht selbst über das ein oder andere Federvieh verfügte: Vögel und Vampire, eine äußerst explosive Mischung, daher wurde die hauseigene Eulerei auch von Werwölfen betreut). Zwar hatte Luciana nach all der erlebten Geheimniskrämerei die klare Gewissheit, dass Gabriel für die Entführung verantwortlich zu machen war, jedoch keinerlei Hinweis darauf, aus welchem Grund er dies im Alleingang getan hatte. In den letzten Monaten war sie über jeden noch so kleinsten Schritt aufgeklärt worden (von der genauen Durchführung einmal abgesehen, aber da waren die verantwortlichen Herrschaften nun mal eigen), hatte die Protokolle jeder Operation und Mission zu Gesicht bekommen, ganz egal wie unbedeutend oder strenggeheim sie gewesen waren und jetzt diese plötzliche Kehrtwende?

Diese und viele andere Fragen schwirrten ihr noch bis tief in die Nacht im Kopf umher, nachdem sie wieder zum Grimmauldplatz zurückgekehrt war. Während Remus selig ein paar Meter entfernt auf dem Sofa schlief und in unregelmäßigen Abständen leise Schnarch- oder Schmatzgeräusche von sich gab, verbrachte Luciana die Zeit mit stetigem Drehen und Wenden, bis sie soweit in den zwei Decken verknotet lag, dass sie eine halbe Ewigkeit brauchte, um wieder aus den Laken freizukommen. Seufzend starrte sie auf den zerfetzten Baldachin des Bettes – es dauerte noch ein paar weitere Minuten, bis sie ihre kläglichen Einschlafversuche aufgab und ihre Beine aus dem Bett schwang. Ohne eine der Öllampen zu entzünden, lief sie im Dunkeln bis zur Tür und betrat dann den vollkommen schwarzen Korridor. Am Absatz der Treppe drang ein seichter, orangener Schein bis zu ihr heran – für diese Uhrzeit ungewöhnlich, normalerweise schlief jeder Bewohner um zwei in der Früh und Luciana hatte sich in den letzten Wochen immer den Weg mit einem Lumos bis in die Küche bahnen müssen (wenn sie die eine oder andere Gute-Nacht-Zigarette hatte rauchen wollen – denn das war der einzige Raum, bei dem sie keinen Abriss von Mrs Weasley für dieses ‚stinkende Zeugs' bekam). Die Stufen unter ihren Füßen knarzten, ganz gleich wie vorsichtig sie auftrat – dabei machte es keinen Unterschied, welche Stelle sie berührte, da das gesamte Gebäude noch immer einen ziemlich abrissfreudigen Eindruck vermittelte und im Allgemeinen sehr mitteilungsbedürftig erschien.

Im Erdgeschoss angekommen, sah sie an den Wänden zwei erleuchtete Öllampen, der Rest hing erloschen in ihren Fassungen – seltsam, vielleicht hatte Black, der offenbar zuletzt ins Bett gegangen war (er war ein klassischer Fersenstampfer, woran nicht einmal Mrs Weasleys stetiges Gemecker etwas ändern konnte), vergessen diese auszumachen? Was sie keinesfalls überraschen würde, immerhin hatte der Mann in letzter Zeit eine nicht zu leugnende Schwäche für das Kabinett entwickelt, in dem Fletcher seinen Feuerwhisky lagerte (Schmuggelware, aber das nur am Rande erwähnt) und wenn man in regelmäßigen Abständen mindestens ein Viertel aus einer der Flaschen im Alleingang leerte, war das ein oder andere Versäumnis am Ende des Tages wohl nicht vermeidbar.

Diese Theorie warf Luciana sogleich wieder über Bord, als sie den Abgang der Treppe betrat, die zu der Küche hinunterführte. Schon von oben aus konnte sie erkennen, dass die Tür ein Spalt breit offenstand und auch von dort ein Lichtschein ausging, dazu murmelnde Stimmen, die immer deutlicher wurden, je näher sie kam. Glücklicherweise waren die Stufen ins Untergeschoss nicht aus verräterisch knarzendem Holz, sondern Stein, auf dem man wunderbar geräuschlos barfuß hinunterschleichen konnte – sie wollte nur allzu gerne wissen, wer sich um diese späte Stunde noch im Grimmauldplatz aufhielt, denn Black war ihres Wissens nach wirklich der letzte gewesen, der seinen Schlafplatz aufgesucht hatte. Einen knappen Meter vor der Tür drang Shacklebolts Stimme bis zu ihr heran (nach dem St.-Mungo-Todesser-Debakel hatte sie sich diese ganz besonders gut eingeprägt) -

„ … und ich bleibe dabei, er war näher an ihr-wisst-schon-wem, als irgendjemand vor oder nach ihm, alles was wir herausbekommen haben, deutet darauf hin. Ich halte es für strategisch unerlässlich, Steinhardt dazu zu bringen –„

„Wir haben noch immer keine Gewissheit, ob Doktor Steinhardt etwas mit seinem Verschwinden zu tun hat", unterbrach ihn Dumbledore, „und ich halte es für sehr gefährlich, diesen Mann einer Tat zu bezichtigen, die er nicht begangen hat. Oder er uns in diesem Glauben wägen möchte." Ja, die Weisheit sagte man dem Schulleiter offenbar nicht grundlos nach – irgendwie beunruhigte sie es, dass sie offenbar nicht die Einzige war, die die Entführung auf ihren Paten münzte, zudem noch der Orden, der diese Verdächtigung aussprach. Da brauchte sie nicht lange überlegen, wer am Ende den Unmut darüber abbekommen würde … Luciana trat noch eine Stufe herunter, damit sie auch ja kein Wort verpassen konnte; jetzt war offenbar der alte Doge an der Reihe, oder doch Diggel? Die beiden waren stimmtechnisch kaum voneinander zu unterscheiden.

„Wir müssen uns gedulden, so furchtbar das auch sein mag. Severus wird uns bald sagen können, ob nicht doch ihr-wisst-schon-wer dahintersteckt."

Huh, diese Möglichkeit war ihr noch gar nicht in den Sinn gekommen – weil es sehr abwegig war, wenn sie schon einmal darüber nachdachte, bisher hatten die Todesser immer eine ziemlich große Show aus ihren Auftritten gemacht. Plus das seltsame Verhalten von Gabriel.

„Das möchte ich hoffen", sagte Dumbledore, dann ertönte ein Geräusch, wie von einem Stuhlrücken – Luciana schreckte einen Schritt zurück. „Und bis dahin sollten wir alle zusehen, unsere Ruhephasen nicht allzu sehr zu vernachlässigen, die wirklich schlaflosen Zeiten liegen noch vor uns." Noch mehr Geräusche von Stuhlbeinen, die über Steinboden gezogen wurden; Luciana trat schon den Rückweg die Treppe hoch an, als sie wieder den Schulleiter hörte: „Severus, auf ein Wort."

Sie erreichte keine Sekunde zu spät eine dunkle Nische neben der Besenkammer unter dem Aufgang in das erste Stockwerk, da traten auch schon Shacklebolt und Diggel von unten in den Gang hinein. Die beiden unterhielten sich in unverständlicher Flüsterlautstärke, bis Diggel ins Kaminzimmer abbog und Shacklebolt durch die Eingangstür nach draußen verschwand. Das charakteristische, grüne Leuchten des Kamins sagte ihr, keine Minute später, dass auch Diggel das Haus verlassen hatte, also machte sie sich im Laufschritt, so leise wie möglich, wieder auf den Weg zu ihrer Lausch-Ausgangsposition. Wer hätte gedacht, dass diese Nacht noch derart interessant werden würde? Und da, Snapes Stimme, da brauchte sie nicht groß rätseln –

„ … weigere mich dem nachzugehen."

Verdammt, natürlich hatte sie den Einstieg in das Gespräch verpasst.

„Du sagtest, er habe nichts herausgefunden, daher brauchst du sicherlich keine Befürchtungen haben", sprach Dumbledore und klang dabei seltsam optimistisch – über wen sprachen die beiden?

„Ich sagte, dass ich in den Abschnitten von geistiger Klarheit meine Barrieren soweit aufrechterhalten konnte, einem Eindringen Widerstand leisten zu können, Schulleiter, das ist ein Unterschied. Bislang bestand keine Notwendigkeit, dem näher auf den Grund zu gehen, ein toter Mann tratscht nicht."

„Und soweit wir dem St.-Mungo vertrauen möchten, ein Mann, der dem sehr nahekommt, auch nicht."

Snape schnaubte, darauf waren Schritte zu hören – allerdings am Ende des Raums und sie schienen auch nicht näher zu kommen, sondern eher auf und ab zu laufen. Übrigens die vom Tränkemeister, Luciana hatte nicht gescherzt, als sie behauptet hatte, diese auf erstaunlich große Distanz ihm zuordnen zu können.

„Dabei scheinen Sie den Bericht über ‚besonders ungewöhnliche Fortschritte' vergessen zu haben. Ein leichtes, wenn es nicht der eigene Kopf ist, der in einer Schlinge steckt."

„Du hast die Dinge schon immer ganz besonders schwarz gesehen, Severus", erwiderte Dumbledore seufzend.

„Ich sehe die Dinge nicht schwarz, ich sehe sie realistisch", schoss Snape dem entgegen und blieb offenbar stehen. „Diese Scharade wird brüchig, sie beim ersten Mal aufrecht zu erhalten hat mir alles abverlangt, aber was Sie in den letzten zwei Jahren von mir gefordert haben und weiterhin erwarten, gefährdet nicht nur mein Leben, sondern von jedem einzelnen, der für Ihre Sache einsteht!"

„Du bist erschöpft, Severus. Wenn wir morgen noch einmal über diese Dinge sprechen –„

„-ändert das nichts an der Tatsache, dass der Dunkle Lord an meiner Loyalität zweifelt und mein Geist keine unüberwindbare Festung ist!"

„Er kommt dieser jedoch sehr nahe", schmeichelte Dumbledore, doch Snape machte bei diesem Gespräch nicht den Eindruck, sich so leicht umstimmen zu lassen. „Lord Voldemort", ein missmutiges Geräusch vom Tränkemeister, die Schritte begannen von neuem, „erprobt dich mit dem Auftrag, den Vielsafttrank zu brauen. Wenn er sieht, dass sein Vorhaben scheinbar gelingt, wird er keinen Zweifel mehr an dir haben, ungeachtet der Bemühungen, die Mrs Lestrange unternimmt, deine Stellung zu Schwächen."

„Ich wünschte, ich könnte Ihren Optimismus teilen", schnarrte Snape missmutig.

„Für den Anfang würdest du mir schon eine große Freude damit machen, das verspätete Abendbrot zu dir zu nehmen, das Molly dir dorthin gestellt hat." Wieder ein Schnauben von Snape. „Oder muss ich dich daran erinnern, was beim letzten Mal geschehen ist?"

„Mein Gedächtnis funktioniert hervorragend, danke Schulleiter", kam die prompte, recht verstimmt und vor allem sarkastisch klingende Antwort – Luciana hätte in diesem Moment viel drum gegeben, erfahren zu können, was genau ‚beim letzten Mal' geschehen war, doch anscheinend war die Unterhaltung damit beendet.

„Genieße die Weihnachtstage, Severus, für den Fall, dass wir uns nicht mehr sehen."

„Demnach werden Sie zum Festessen nicht im Schloss sein?"

„Gewiss werde ich mir die vielen Köstlichkeiten nicht entgehen lassen, aber ich hatte nicht angenommen, du würdest in Erwägung ziehen, meiner alljährlichen Einladung nachzukommen."

Touché, dachte Luciana und fragte sich im selben Moment, wieso sie nicht selbst darauf gekommen war, die Weihnachtsfeiertage in Hogwarts zu verbringen – immerhin hätte das gleich zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen, denn ihr Pate war hunderte Kilometer weit entfernt, könnte sie nicht eben spontan für irgendwelchen, nervigen Papierkram in sein Büro zitieren und die übereifrige, anstrengend fröhliche Weasley-Bagage hätte sie sich damit auch gespart … die Möglichkeit musste sie für nächstes Jahr im Hinterkopf behalten, insofern sie da noch Weihnachten feiern können würden und das Schloss noch stand, ohne dabei vom Schwarzen Führer übernommen worden zu sein.

Verdammt, jetzt hatte sie vor lauter Grübelarbeit natürlich nicht mitbekommen, dass Dumbledore den Ausgang der Küche angesteuert hatte und nun schon fast an der Tür angelangt war – mit einem gewaltigen Satz sprang sie zwei Stufen gleichzeitig nach oben, doch sie brauchte sich nichts vormachen – zu ihrem Versteck in der Nische würde sie es unmöglich schaffen, also Plan B …

Luciana vollführte auf der Mitte der Treppe eine hundertachtzig Grad Drehung, zerwuschelte hastig ihr offenes Haar und vollbrachte es irgendwie in genau der Sekunde einen fahrigen Schritt die Stufen hinunter zu machen (und dabei obenauf ganz besonders schläfrig auszusehen), als Dumbledore gerade die Tür aufzog, hinter sich wieder verschloss und ihr mit überraschtem Blick entgegenkam, sobald er sie bemerkte.

„Luciana, was hat dich zu dieser Stunde aus den Federn geworfen?"

Um die Zeit zu überbrücken, ihm eine halbwegs glaubhafte Erklärung liefern zu können, hielt sie sich eine Hand vor den Mund, in der scheinbaren Absicht ein ganz besonders herzhaftes Gähnen zu verdecken.

„Das Wasser am Bett war leer", antwortete sie (manchmal war die simpelste Begründung auch gleichermaßen die Glaubhafteste) und legte dann den Kopf schief, als sei ihr erst jetzt aufgegangen, dass auch seine Anwesenheit mitten in der Nacht sehr ungewöhnlich war. „Habe ich eine Sitzung verpasst, oder was machen Sie hier?"

„Oh, nein, nein", gluckste er und war nun zwei Stufen unter ihr stehengeblieben, so, dass sie auf einer Augenhöhe standen. „Ein paar Mitglieder haben mich um meinen Rat ersucht. Eine kleine Nebenerscheinung, wenn man so viele Jahre auf dem Kerbholz hat wie ich." Damit zwinkerte er ihr zu und lief weiter hinauf, bevor er sich noch einmal zu ihr umdrehte. „Und damit du keinen allzu großen Schrecken bekommst", Dumbledore deutete auf die verschlossene Tür, „Professor Snape nimmt noch einen Bissen zu sich, bevor er zum Schloss zurückkehrt."

„Vielleicht sollte ich mir das Wasser lieber im Bad besorgen", sagte Luciana, schlug die entgegengesetzte Richtung ein und machte damit einen sehr guten Job, die Schockierte über die Nachricht zu spielen, dass sie beinahe ‚aus Versehen' in die Höhle der Schlange spaziert war.

„Darf ich dich darum bitten, deinen ursprünglichen Weg wieder einzuschlagen und bei der Gelegenheit Professor Snape ein wenig Gesellschaft zu leisten?" Luciana blieb abrupt stehen, noch bevor sie ganz zu dem Schulleiter aufgeholt hatte und starrte ihn entgeistert an – und das ganz ohne Schauspieleinlage. „Er mag es sicher nicht zugeben wollen, aber es tut ihm gut, etwas mehr von Menschen umgeben zu sein, die nicht eine gewisse … Gesinnung von Lord Voldemort verfolgen, wenn du verstehst, was ich meine." Luciana nickte, sah aber noch immer ziemlich perplex aus. „Sehr schön, und da du schon einmal ein Auge auf ihn werfen kannst, achte doch bitte darauf, dass er nicht wieder die Hälfte auf dem Teller lässt."

„Ehm …"

„Eine angenehme Nacht, oder was von ihr übrig ist."

-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-.-

Luciana harrte noch eine ganze Weile vor der verschlossenen Küchentür aus, nachdem Dumbledore verschwunden und die Haustür ins Schloss gefallen war. Immerhin blieb ihr die freie Wahl – auf die Zigarette verzichten und die Bitte von Dumbledore ignorieren oder sich der Gefahr aussetzen, einem sehr schlecht gelaunten Professor Snape zu begegnen, der sie mit hoher Wahrscheinlichkeit sowieso hochkantig herausschmeißen würde, noch bevor sie ihren Fuß ganz über die Türschwelle gesetzt haben würde. Dazu noch ihr eigener Gräuel gegen den Mann (welcher, nach all den vergangenen Wochen, so gut wie nicht mehr vorhanden war - wie gesagt, sie war kein besonders nachtragender Mensch) und die Erfahrung, dass Begegnungen mit ihm, insofern keine weitere Person anwesend war, bisher immer in mittelschweren Katastrophen geendet hatten oder aber auf irgendeiner Matratze. Welche in diesem Haus gerade allesamt belegt waren und die einzig freie in einem Zimmer lag, in dem auch Remus gerade seinen Schönheitsschlaf hielt und sie sollte ernsthaft daran arbeiten, ihre Gedanken nicht zu den unmöglichsten Gelegenheiten in der Gosse enden zu lassen … an dieser Stelle beendete Luciana ihre Grübeleien und drehte kurzum den Türknauf.

Sobald sie im Türrahmen erschien, nahm Snape den Blick von einem Pergament, welches er bis gerade vor seiner Nase gehalten hatte, in seiner anderen Hand befand sich tatsächlich ein Sandwich – sein überraschter Gesichtsausdruck wich schnell einer neutralen Miene, doch er sagte keinen Ton, als sie die Tür hinter sich schloss oder zum Tresen lief, um sich dort ein Glas Wasser einzuschenken. Bis Luciana einen Aschenbecher aus einer der Schubladen geholt und ihm gegenüber Platz genommen hatte (erstaunlicherweise saß er nicht vor Kopf, sondern an der langen Seite des Tisches), war er wieder hinter den Unterlagen verschwunden. So verging eine ganze Weile schweigsam, bis sie die Zigarette halb aufgeraucht hatte und dabei die einzelnen Blätter näher in Augenschein nehmen konnte, die verteilt vor Snape auf dem Tisch lagen.

„Der Angriff hat um siebzehn Uhr fünf stattgefunden, nicht achtzehn Uhr", durchbrach Luciana die Stille und streckte sich nach vorne, um auf die Stelle auf dem Pergament zu deuten, als Snape wieder hinter seinen Unterlagen auftauchte. „Diggels Protokolle sind ziemlich ungenau und er verwechselt allen möglichen Kram – wenn Sie möchten, kann ich Ihnen ein paar Kopien von meinen besorgen."

Es war schwer zu sagen, wer von beiden einen erstaunteren Eindruck bei diesem Vorschlag machte. Gut, ihr war das rausgerutscht, damit sie überhaupt einen Grund finden konnte, irgendetwas zu sagen und jetzt könnte sie ihr Angebot schlecht zurückziehen.

„Das wäre sicherlich nicht im Sinne von Ihrem Paten", sagte Snape, „und ich gedenke nicht, Sie in Schwierigkeiten zu bringen", okay, sie sollte bestimmt kein Aufsehen wegen dieser kleinen Nettigkeit machen, aber wenn man bedachte, aus wessen Mund dieser Satz gerade gekommen war, dann - „Das haben Sie bislang auch vorzüglich ohne mein Zutun bewerkstelligt." Ein kurzer, aber knackig scharfer Blick seinerseits und schon war er wieder hinter dem Pergament verschwunden. Ja, er hatte mal wieder eine vorzügliche Laune am Leib. Wieder Schweigen und ihre Zigarette gab keinen einzigen Zug mehr her. Wahrscheinlich sollte sie einfach ihr Glas in die Spüle stellen und wieder zu Bett gehen.

„Wie kommen Sie mit dem Vielsafttrank voran?" So viel zu dem Plan, sich aus dem Staub zu machen. Dieses Mal klatschte Snape das Pergament geräuschvoll auf die Tischplatte und seufzte missmutig. Offenbar war es wirklich keine allzu gute Idee gewesen, ihn mit ihrer Anwesenheit zu belästigen, ungeachtet dessen, was der Schulleiter darüber denken mochte.

„Wie kommen Sie damit voran, Operationen vor dem Orden geheim zu halten und, wie Sie es zweifelsohne ausdrücken würden, die ‚vertragsbrüchige' Festhaltung eines Mitglieds der britischen Zauberergemeinschaft an einem unbekannten Ort zu decken?", schnappte Snape zuckersüß zurück und erwischte Luciana mit diesem Vorwurf eiskalt.

„Sie sprechen von Mr Smythe", Snapes Miene verdüsterte sich schlagartig – Luciana verschränkte ihre Arme vor der Brust. „Ich weiß von keiner Operation", seine Nasenflügel bebten, sein Blick bekam sogar etwas mordriges, „und ich habe heute Abend selbst versucht, ein paar Infos aus Gabriel zu bekommen, nichts." Zwar schaute er nicht mehr ganz so garstig, dafür setzte er nun einmal mehr seinen Röntgenblick bei ihr ein – sie bemühte sich, den Augenkontakt für keine Millisekunde abzubrechen. „Aber schon mal gut zu wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die der Meinung ist, dass das Ganze ziemlich nach dem Handwerk meines Paten ausschaut." Stille. „Jetzt hören Sie auf mich so böse anzustarren und machen Sie hinne mit Ihrem Legili- was auch immer Sie machen, wenn Sie Ihren Lügendetektor einsetzen."

„Legilimentik erfordert einen direkten, verbal ausgesprochenen Zauber", behauptete Snape prompt und nahm noch immer nicht den Blick von ihr. „Das sollte bereits Stoff Ihres Faches für die Verteidigung der dunklen Künste sein, auch wenn ich wenig überrascht wäre zu erfahren, dass Professor Jonathan -„ Der Rest des Satzes blieb ihm sichtlich in der Kehle stecken, und er senkte prompt den Kopf – ihm war sogar etwas Farbe in die blassen Wangen geschossen, was sicherlich nicht daran lag, dass Luciana gerade eben in voller Absicht ein sehr detailreiches Bild vor ihrem geistigen Auge zusammengebastelt hatte, welches ihn und sie in einer sehr eindeutigen Pose in genau dieser Küche auf diesem Tisch in farbenfrohster Deutlichkeit –

„Erfordert einen direkten, verbal ausgesprochenen Zauber, huh", kommentierte Luciana schmunzelnd. „Sind Sie wenigstens zu dem Schluss gekommen, dass ich die Wahrheit sage?"

„Bin ich", antwortete er und klang dabei, als habe er dringend ein Schluck Wasser nötig.

„Hiermit verbiete ich Ihnen übrigens ausdrücklich, ohne meine Erlaubnis in meinen Gedanken herum zu fischen, verstanden?" Snape schürzte seine Lippen, machte aber noch immer keine Anstalten sie wieder direkt anzusehen oder sich auf diese Aufforderung einzulassen. „Ich bin mittlerweile ganz gut darin, Ihren Gedankenleserblick von dem normal durchdringenden zu unterscheiden – es sei denn natürlich, Sie sind scharf darauf zu erfahren, was ich sonst so aus meinem Phantasie-Repertoire basteln kann und in welch außergewöhnlichen Positionen wir beide-„

„Ich habe verstanden", unterbrach Snape sie aus zusammengebissenen Zähnen und fixierte sie mit einem Ausdruck in den Augen, der gut und gerne in die ‚noch-ein-Ton-und-ich-reiße-dir-die-Zunge-raus' Kategorie gehörte.

Wieder Stille – Snape betrachtete eine gefühlte Ewigkeit ein und dieselbe Stelle auf dem vollgeschriebenen Pergament vor ihm, sein Sandwich lag längst vergessen auf dem Teller. Dabei machte er nicht einmal Anstalten, die Flucht zu ergreifen oder sie aus dem Raum zu jagen. Für ihre nächste, fixe Idee, die ihr in den Sinn kam, entzündete sie zunächst ihre zweite Zigarette und nahm ein paar Züge.

„Reden wir irgendwann mal darüber?" Snape schaute verwirrt von dem Ordensprotokoll auf. An dieser Stelle verließ sie auch gleich der Mut für klare Wort, stattdessen deutete sie mit ihrem Zeigefinger einmal zwischen ihm und sich selbst hin und her. Zwar fiel sein tiefes Durchatmen dieses Mal erstaunlich leise aus und er schien bemüht seine Gesichtszüge an Ort und Stelle zu belassen, allerdings schwang ihr eine sehr deutliche Welle der Überforderung entgegen. Oben auf seine dunklen Augenringe, spröde Lippen und sogar seine Haare wirkten (trotz des Fettfilms) stumpf – „Irgendwann", beeilte sie hinten an zu hängen, „nicht heute."

„Wir werden nicht umhinkommen, diese … Sache", Snape beschäftigte seine Finger damit, die Papiere zusammen zu schieben, während er eine Pause einlegte, wohl, um seine nächsten Worte zurechtlegen zu können, „zu besprechen. Ich sehe keine Notwendigkeit, dies länger hinauszuzögern." Wieder eine Unterbrechung, seine Aufmerksamkeit galt noch immer den Unterlagen. „Mein Verhalten Ihnen gegenüber war in höchstem Maße unprofessionell und in keiner Weise angebracht, hierzu obenauf keine klare Stellung zu beziehen und gleich wiederholtes Fehlver-„

„Nicht heute", unterbrach sie den Redeschwall, der garantiert gefolgt wäre, dazu fürchterlich aufgesetzt einstudiert klang und von dessen Ausgang Luciana schon jetzt eine üble Vorahnung hatte. Die fixe Idee war wirklich ein ziemlich dummer Einfall gewesen …

Sie haben das Thema angesprochen und-„

„Und es war der völlig falsche Zeitpunkt."

Wieder entlockte sie ihm einen verwirrten Gesichtsausdruck, doch an dieser Stelle wechselte er schnell zu einer süffisanten Miene und sah sie mit einem schiefen, herablassenden Grinsen an.

„Wenn Sie glauben, dass Sie zu einem anderen Zeitpunkt eine Meinung diesbezüglich von mir zu hören bekommen, die Ihnen besser gefällt, muss ich Sie leider enttäuschen."

„Ich habe schon jetzt ein ziemlich gutes Bild von Ihrer ‚Meinung'", sagte sie und versuchte gleichzeitig keine Wut aufkommen zu lassen, weil sie es mal wieder mit Lord Arsch zu tun hatte, pardon, er es offenbar vorzog, dieses Gespräch im Terminator-Modus zu führen. Langsam aber sicher hatte sie nämlich das Schema-Snape durchschaut, was ihr gerade einiges an Klarheit verschaffte – und in diesem Augenblick gleich mehrere Minuten zu spät kam, aber das konnte sie jetzt nicht ändern. „Und diese ‚Meinung' können wir an einem Tag besprechen, an dem Sie nicht gerade von einem Schwarzen Orden Treffen kommen, mehr als ein paar Stunden Schlaf am Stück hatten und es eine kleine Chance gibt, mit Ihnen und nicht dieser …", Luciana deutete an ihm auf und ab, „einstudierten Rolle zu sprechen."

Snape schüttelte schnaubend den Kopf und lachte kurz und humorlos auf.

„Dabei war ich einfältig genug zu hoffen, dass Sie hierbei Vernunft zeigen könnten."

„Vernunft?" Nun war es an ihr einmal kurz und wenig amüsiert aufzulachen. „Wenn wir dieses Gespräch hier und heute zu Ende führen, werden Sie mir sagen, dass Sie alt genug sind, mein Vater zu sein", Snape schluckte, „Sie mein Lehrer sind und Sex mit mir zu haben auf weiß-nicht-wie-viel-Ebenen der moralische Super Gau sei und gegen mindestens ein Dutzend Schulregeln verstoßen würde – was, nebenbei bemerkt, nicht stimmt, ich habe nachgeschlagen –„ an dieser Stelle schien er einhaken zu wollen (und er sah ganz und gar nicht begeistert aus), doch sie redete einfach weiter, „die Lage mit dem Krieg schon kompliziert genug sei, auch ohne ein Versteckspielchen mit so ziemlich jedem Wesen führen zu müssen, welches in der Lage ist zu plaudern, weil Sie, trotz dieser ‚es-verstößt prinzipiell gegen-kein-Gesetz`-Sache, auf absolutes Stillschweigen bestehen würden. Dazu kommen noch etliche weitere Gründe, von meinem Paten, der sich irgendwas Unschöneres aus dem Hinteres ziehen würde, als Sie eigenhändig zu kastrieren, wenn er von ‚der Sache' erfahren würde", für eine Millisekunde trat ein Glanz von Panik in Snapes Augen, „bis hin zum Argument, dass Sie als Doppelspion keinerlei Ablenkung vertragen können, vor allem nicht der Art ‚zwischenmenschliche Beziehung', selbst wenn diese nur auf rein physischer Basis wäre. Sie werden sagen, dass die paar Male, bei denen wir Sex hatten, bedauerliche Fehltritte waren und wir ab sofort damit umgehen sollten, als sei nichts geschehen … damit wäre die Angelegenheit aus der Welt, kein Schaden angerichtet."

Für ein paar Sekunden blinzelte er sie verblüfft an, dann:

„Im Wesentlichen war das der Grundgedanke, wenn ich es auch sicherlich … in andere Worte gefasst hätte."

„Ja, wo wir wieder bei der Vernunft wären." Snape zog fragend eine Augenbraue in die Höhe. „Ich gebe Ihnen Recht, das wäre die beste Lösung, die vernünftigste. Immerhin würde ich mir auch eine Menge Stress und Ärger ersparen, wenn ich einfach dazu übergehen könnte, mir jemandem aus dem siebten Jahrgang zu schnappen und an ihm meine überschüssige Energie auszutoben, ich meine, es wäre sogar leichter Bill flachzulegen, selbst wenn ich mit Hochzeitskatalogen erschlagen werden würde, sobald seine Ma Lunte riecht", ihr Gegenüber schien irgendwo gefangen zwischen Zähne zermahlen und einem belustigten Zucken der Mundwinkel. „Aber ich versuche das Thema realistisch anzugehen", damit griff sie mit purer Berechnung seine eigene Bezeichnung auf, die er, vor vielleicht zwanzig Minuten, selbst gegen Dumbledore verwendet hatte, „– und die Realität hat mir gezeigt, dass wir beide uns die Klamotten vom Leib reißen, wenn sich eine Gelegenheit bietet – insofern wir überhaupt so weit kommen und nicht wieder die Hälfte anbehalten."

„Das wird nie wieder geschehen", sagte er und schien sich dieser Sache verdammt sicher.

„Ah, ist das der Grund, wieso Sie mir seit Schuljahresbeginn die kalte Schulter zeigen?" Snape wich ihrem Blick aus, was Antwort genug war. „Kleiner Tipp: wenn man jemanden mit dieser Methode loswerden möchte, bleibt man bei dem Verhalten und verbucht es als Sieg mit dem ein oder anderen verletzenden Spruch diesem Ziel noch näher gekommen zu sein, anstatt seine Allüren noch einmal umzukrempeln und somit verdammt verwirrende Signale auszusenden."

„Auch hier räume ich ein Fehlverhalten meinerseits ein", entgegnete er und es schien ihm eine Menge abzuverlangen, das zuzugeben, „und ich kann Ihnen versichern, dass ich sehr wohl in der Lage bin, mich Ihnen gegenüber neutral zu verhalten."

Luciana konnte noch gerade eben ein Prusten unterdrücken und mit Müh und Not ihr Pokerface aufrechterhalten. Zeit für einen totalen Strategiewechsel.

„Okay."

Stille. Ganz was Neues. Snape starrte sie über den Tisch hinweg an, ganz offensichtlich ziemlich perplex über diese simple Erwiderung.

„'Okay'?", wiederholte er dann und aus seinem Mund klang es wie ein Fremdwort – was nicht verwunderlich war, immerhin schien so eine Ausdrucksweise viel zu lapidar für sein übliches Vokabular.

„Ja, okay, belassen wir es dabei." Er schien noch immer nicht verstanden zu haben, kein Wunder, bei dem Monolog, den sie eben erst vom Stapel gelassen hatte. „Wir verhalten uns neutral und vergessen die Sache."

Na ja, zumindest blinzelte er wieder. Noch ein paar Sekunden, in dem sein Gesicht eine kleine, emotionale Showeinlage bot, danach straffte er seine Schultern, brach den Blickkontakt ab und wechselte zu seiner Neutrummiene.

„Nun", sagte er und räusperte sich an dieser Stelle, „es ist erfreulich, dass Sie hier endlich Vernunft zeigen, Miss Bradley."

Ja, das sehe ich – dir wächst auch grad nen wahrer Regenbogen ausm Arsch vor lauter Freude. Gut, offenbar hatte der Richtungswechsel Wirkung gezeigt, jetzt noch keine Miene verziehen und auf die Dinge warten, die zweifelsohne folgen würden.

In der Küche hatte sich derweil schlagartig eine seltsame und sehr unangenehme Atmosphäre gebildet. Die bei Snape seinen Ursprung fand und offensichtlich setzte er mal wieder zur Flucht an, denn er griff nach dem Stapel Papiere und machte Anstalten, seinen Platz zu verlassen.

„Ehm, Sir", sagte Luciana, worauf er in seiner Bewegung innehielt. „Sie haben noch nicht aufgegessen", sie deutete auf den Teller, auf dem das Sandwich lag, von dem er gerade einmal ein paar Bissen genommen hatte. „Und Sie wollen sich sicher nicht das Donnerwetter reinziehen, wenn Mrs Weasley herausbekommt, dass Sie ihr Essen verschmäht haben, mh?"

Damit erntete sie erstens eine fragende Augenbraue, gepaart mit einem misstrauischen Blick und ganz offenbar fing es in diesem Augenblick in Snapes Denkstübchen an zu rattern – oh, das sollte sie verhindern, bevor er zum Schluss kommen würde, dass sie vielleicht und möglicherweise an der Tür gelauscht haben sollte.

„Truthahn, Salat, Käse, dann Tomaten, die Kombo bastelt nur Mrs Weasley."

Piuh, Unheil noch einmal abgewendet und als Bonus pflanzte Snape sein Hinterteil wieder auf den Stuhl und zog missmutig den Teller zu sich heran. Interessant, Luciana hätte schwören können, mit solch einer Bevormundung einen ordentlichen Abriss provoziert zu haben. Oder aber ihm war selbst aufgefallen, dass es sich mit knurrendem Magen nur schlecht schlafen ließ. Was auch immer, sie war der Bitte von Dumbledore nachgekommen und hatte somit ihren Soll abgeleistet, als Bonus gab es nun die Gelegenheit ihr Manipulationstalent heraus zu kramen.

„Zurück zum Thema", meinte sie dann, nachdem sie eine ganze Weile still beobachtet hatte, wie ein Bissen nach dem anderen verschwand – Snape hielt in seiner Kaubewegung inne und schielte argwöhnisch zu ihr herüber. „Wie sieht es aus mit dem modifizierten Vielsafttrank?"

„Die erste Abspaltung scheint ein Erfolg zu sein", kam die Antwort, nachdem er geschluckt hatte (zumindest in dem Punkt schien seine Erziehung gefruchtet zu haben). „Die Rückführung zur Ursprungsperson befindet sich derzeit in einer heiklen Zwischenphase, zudem werde ich noch eine Handvoll Zutaten besorgen müssen, deren Beschaffung die eine oder andere Hürde birgt."

„Machen Sie mir eine Liste", sagte Luciana, griff nach dem leeren Glas vor ihrer Nase und brachte es hinüber zur Spüle. „Wir haben ein ziemlich umfassendes Zutatenlager in der Tränkeabteilung."

Hinter ihr schnaubte Snape, wenn auch kaum hörbar – sie ließ dies unkommentiert, holte ein frisches Glas aus einem der Küchenschränke, schenkte Wasser ein und stellte ihm dies wortlos neben seinen Teller.

„Die Milz einer Chimäre", begann er mit skeptischen Tonfall, „Samen einer Venemosa Tentacula Erruptus, die Knollen einer –„

„Sir, schreiben Sie's bitte auf, ich habe keine Inventarliste in meinem Hirn."

„Damit wollte ich lediglich zum Ausdruck bringen, dass die Wahrscheinlichkeit verschwindet gering ist, diese Zutaten in ein und demselben Lager zu finden, selbst an einem … zweifelsohne außergewöhnlichen Ort", Snape stockte und beobachtete mit einer leicht erhobenen Augenbraue, wie Luciana nicht den Rückweg zu ihrem Platz antrat, sondern direkt neben seinem stehenblieb, ihren Hintern gegen die Tischplatte parkte und ihn dabei ansah, als sei dies das normalste Verhalten der Welt. Selbstverständlich hing ihr die Pyjamahose knapp unter den Hüftknochen und ihr Tank-Top endete kurz unter ihrem Bauchnabel, was einen recht breiten Streifen nackte Haut, keine zwanzig Zentimeter von Snapes Nase entfernt, offenlegte – für einen Augenblick blieb sein Blick genau an dieser Stelle hängen; die folgende, geistige Ohrfeige, die er sich dann zu verpassen schien, war so überdeutlich, dass sie es fast hätte schallern hören können. Seine komplette Aufmerksamkeit galt wieder dem Sandwich, allerdings erst nachdem er ein paar Schlucke Wasser genommen hatte. „ … welchen Sie Ihr Zuhause nennen", beendete er mit reichlicher Verspätung seinen Satz und griff nach der zweiten Hälfte seines Sandwiches.

„Na ja, einen Versuch ist es wert", bemerkte Luciana, zuckte mit den Schultern und wühlte darauf in dem Stapel Ordenspapiere, bis sie ein leeres Pergament herausfischte. Damit lief sie um den Tisch herum (Snape entspannte sich sichtlich, nachdem wieder etwas Abstand zwischen ihnen entstanden war – zumindest hatte sie das aus ihrem Augenwinkel heraus beobachten können; es war wirklich eine Herausforderung, dabei eine neutrale Miene beizubehalten), zog ein paar Schubladen des Schranks heraus, in dem auch alle Protokolle und Schriftstücke gebunkert waren und fand irgendwann endlich ihren Vorrat an Kugelschreibern (der stetig kleiner und kleiner wurde, da Mr Weasley nicht die Finger von diesem ‚faszinierendem Muggelschreibzeugs' lassen konnte).

„Also, ‚Milz einer Chimäre'", Luciana drückte die Mine des Kugelschreibers herunter, legte das Pergament auf den Tisch, beugte sich über die Oberfläche und begann zu notieren, „getrocknet oder frisch?", erkundigte sie sich und schaute von dem Papier zu Snape auf – der gleich doppelt angespannt und kerzengerade auf seinem Platz saß und es gerade eben nicht geschafft hatte, den Blick rechtzeitig von ihrem Ausschnitt zu nehmen. Welcher in dieser Position übrigens eine Aussicht verschaffte, bei der keinerlei Phantasie mehr von Nöten war. Und sie trug keinen BH unter ihrem Top, immerhin kam sie, strenggenommen, frisch aus dem Bett.

„Ge- getrocknet."

Nicht lachen. Nicht grinsen. Ahnungslos und Pokerface.

„Ich glaube, die haben wir ganz sicher auf Lager. So, wie war das, Samen einer Venmo- Vem-„

„Samen einer Venemosa Tentacula Erruptus."

„Richtig geschrieben?" Luciana schob ihm das Pergament in seiner Leserichtung zu und beugte sich bei dieser Gelegenheit noch ein Stück weiter nach vorne. Okay, so langsam hatte sie beinahe Mitleid mit ihm. Beinahe. Er hatte die großen Tönen über ‚neutrales Verhalten' und ‚nie wieder' gespuckt, sie statuierte lediglich ein kleines Exempel.

„Ja", antwortete er knapp und wusste anscheinend gar nicht mehr, wohin mit seinem Blick. Dafür biss er in der nächsten Sekunde ein besonders großes Stück Weißbrot ab und hatte es somit ernsthaft vollbracht, das ganze Sandwich gegessen zu haben. Der Schulleiter wäre stolz auf ihn.

„Und irgendwelche Knollen hatten Sie erwähnt, wenn ich mich richtig erinnere, also –„

„Geben Sie schon her", knurrte er missmutig, zog das Pergament wieder zu sich heran und schnappte den Kugelschreiber aus ihrer Hand. Somit konnte Luciana wenigstens nach aller Lust und Laune von einem bis zum anderen Ohr ungesehen grinsen – während er den Zettel mit seiner itzi-bitzi-unleserlichen-Krakelschrift vollschrieb (sie würde Granger heute Mittag wohl um eine kleine Übersetzung bitten müssen), stellte sie den leeren Teller in die Spüle, räumte den Aschenbecher vom Tisch und stolperte beim Zurücklaufen beinahe über eine Kiste, in der noch ein paar Fetzen Lametta den Boden bedeckten. Was ihr die nächste, zündende Idee einbrachte.

Snape hatte unterdessen die Liste fertiggestellt, war von seinem Stuhl aufgestanden und umrundete gerade ebenfalls den Tisch, um dann in einem beachtlichen Abstand vor ihr zum Stehen zu kommen – dann streckte er ihr das Pergament entgegen.

„Ich schau morgen im Lager vorbei und schick Ihnen Azrael rüber, wenn wir uns nicht wegen einer Sitzung sehen sollten", sagte sie, nahm den Zettel aus seiner Hand und steckte ihn in ihre Hosentasche.

Er ruckte zur Bestätigung einmal mit dem Kopf und wäre sicherlich in rasanter Geschwindigkeit aus der Küche verschwunden, wenn nicht –

„Oh, Professor", dabei hatte er es schon bis zur Tür geschafft und diese sogar aufgestoßen – Luciana erlaubte sich ein leichtes Schmunzeln, als sie sich zu dem Karton hinunter beugte und diesen aufhob. „Könnten Sie mir bitte die Tür aufhalten, nicht, dass sich hier noch einer das Genick bricht beim drüber Stolpern."

Wieder ein kurzes Kopfnicken, Snape positionierte sich im Türrahmen (wenn auch widerstrebend und zögerlich), hielt mit seinem rechten Arm den Durchgang auf und beobachtete jede Bewegung von ihr, als sie den Karton in ihre Hüfte stemmte und auf die Tür zuschritt.

Pokerface, rief sie sich in Erinnerung, immer und immer wieder. Beinahe bei ihm angekommen, vollführte sie eine seitliche Drehung, in der scheinbaren Absicht sich mit so wenig Berührungspunkten wie möglich an ihm vorbeischieben zu können und auf seiner Höhe … blieb sie einfach stehen.

Im Gegensatz zu Snape war sie auf diese Situation vorbereitet (immerhin hatte Luciana diese, so dreist und berechnend sie sein konnte, selbst herbeigeführt) und hatte das Atmen vorsorglich auf ihren Mund umgestellt, immerhin schien es von Vorteil, wenn einer von ihnen noch halbwegs bei Sinnen blieb. Was man von Snape in diesem Augenblich nicht behaupten konnte, denn bei diesem nicht vorhandenen Abstand befanden sie sich von einer Sekunde zur nächsten in einem Zustand, den sie erst vor ein paar Tagen im Fahrstuhl des St.-Mungos erlebt hatten. Auch wenn die Abwesenheit seines Geruchs (der irgendwie getuned sein musste, Luciana zählte doch sonst nicht zu den Schnüffel-Fetischisten) die Intensität seiner Anziehungskraft um ein paar Prozent herunterzufahren schien, musste sie sich sehr am Riemen reißen, nicht den Karton achtlos fallen zu lassen und ihm anschließend die Klamotten vom Leib zu zerren – dafür wanderte ihre freie Hand, ganz Déjà-vu-mäßig, seine Hüfte entlang, was endlich ein wenig Bewegung in der erstarrten Salzsäule vor ihr auslöste. Einen Moment später spürte sie seine Finger, die über den nackten Streifen Haut zwischen ihrer Hose und Top strichen und unter dem Stoff bis zu ihrem Rücken glitten. Luciana stellte sich langsam auf ihre Zehenspitzen, Snape kam ihr mit leicht geöffneten Lippen entgegen, während seine Hand sie ein wenig mehr an ihn heranzog und –

„Ist Bundimun-Sekret wirklich schlimmer, als die Ausdünstungen eines Stinktiers?"

Snapes Kopf ruckte in seine Ausgangsposition, Luciana ging wieder hinunter auf ihre Fersen.

„Wie bitte?", hauchte er heiser mit verwirrtem Gesichtsausdruck und folgte dann Lucianas Zeigefinger, der auf den Mistelzweig genau über ihren Köpfen deutete.

„George und Fred haben das Zeugs da reingefüllt."

Snape machte sofort einen ausladenden Schritt in das Treppenhaus hinein und starrte auf die Zweige, als könnten sie jeden Augenblick explodieren - somit verschwand selbstredend auch jeder einzelne Berührungspunkt zwischen ihnen.

„Okay, das beantwortet meine Frage", sagte Luciana, zog ihren Zauberstab aus dem Hosenbund und ließ mit einem Wink die Öllampen in der Küche erlöschen. Jetzt drangen noch die beiden Lichtscheine von oben zu ihnen hinunter, was vollkommen ausreichte um mit völliger Klarheit sagen zu können, dass Snape in einem Zustand totaler Verwirrtheit vor ihr stand und fassungslos seine eigenen Schuhspitzen betrachtete.

„Wir vertagen das Gespräch über ‚die Sache' auf einen passenderen Zeitpunkt, wie hört sich das an?", säuselte sie im Plaudertonfall, griff nach seinem Arm und bekam ihn so tatsächlich dazu, mit ihr die Treppe zu betreten. Snape brachte erst einen Ton über die Lippen, als sie zwischen dem Aufgang in den ersten Stock und dem Kaminzimmer stehen geblieben waren – zumindest konnte er sich anscheinend dazu durchringen, ihr wieder in die Augen zu schauen.

„Es hört sich notwendig an", sprach er leise und mit einiger Verzögerung.

Luciana drückte bei diesen Worten kurz seinen Arm, ließ ihn los, setzte ein Lächeln auf und nahm die erste Stufe hinauf in Richtung von Remus Schlafzimmer, die Augen noch immer auf ihn gerichtet: „Es ist erfreulich, dass Sie hier endlich Vernunft zeigen, Professor Snape."