Am nächsten Tag, als bereits alle Spuren des Festes vom Vortag beseitigt waren, hatte Estel einen Rat einberufen. Zusammen mit Ohtur, Ciryon und Elrond hatte er sich in der Ratskammer eingefunden, um mit ihnen über ihr weiteres Vorgehen zu sprechen. Elrond hatte noch am Vorabend einen Bericht zusammengeschrieben, in welchem er all die Botschaften zusammengefasst hatte, die von nah und fern bei ihnen eingetroffen waren.

Mit nachdenklicher Miene las Estel diesen Bericht und nickte schließlich, eher er ihn auch für die beiden anderen Männer zusammenfasste. „Wir können nur für König Legolas hoffen, dass er weiß, was er tut", sagte er. „Er ist ein wertvoller Verbündeter, besonders dann, wenn er einen Teil der Kräfte Ghâshburz' binden kann, doch nur solange, wie er nicht sogleich überrannt wird."

„Wir können ihm ohnehin keine Hilfe zukommen lassen", schloss Ohtur. „Daher sollten wir lieber auf unsere eigenen Grenzen schauen. General Ciryon, wie ist es um die Sicherheit Eurer Stadt bestellt?"

„Nun, weitaus besser, als Valandil dazu in der Lage war", sagte dieser. „Die Soldaten sind trainiert und stets wachsam und bereit. Ich habe gut dreitausend Wachen in der Stadt und auch das Umland wird von weiteren Soldaten gesichert."

„Bald auch werden weitere Soldaten eintreffen", sagte Estel. „Ich habe veranlasst, dass die Kräfte des Nördlichen Königreiches zusammengezogen werden. Wenn unsere Heere über die Städte verteilt sind, besitzen wir nirgends die nötige Stärke, um einem vereinten Heer des Feindes zu begegnen."

„Auf diese Weise werden die anderen Städte ungeschützt bleiben", gab Ciryon zu bedenken.

„Ich lasse überall eine Besatzung zurück, die stark genug sein sollte, um umherstreunenden Feinden zu begegnen", sagte Estel. „Das Hauptheer jedoch wird an die Grenzen versetzt, die dortigen Außenposten sollen bemannt werden. Es sind schon zu viele grenznahe Höfe geplündert worden, einfach weil sie zu abseits gelegen sind, als dass ich sie von hier aus zeitnah erreichen könnte. Zudem habe ich heute Morgen Nachricht von König Éomer erhalten, dass auch er uns mit seinen Reitern unterstützen will. Er hat dreitausend seiner Éorlingas entsandt, welche sich mit unserem Heer vereinen sollen. Damit kommen wir auf insgesamt zwanzigtausend Soldaten, nicht mit einbezogen jene Truppen, die ich aus Gondor anforderte."

„Werden diese noch rechtzeitig erscheinen?", fragte Ciryon.

„Ich gehe davon aus, dass sie es nicht tun werden", sagte Estel offen heraus. „Bis auf weiteres werden wir ohne sie auskommen müssen, aber ich hoffe, dass dies möglich sein wird. Dennoch werden die Soldaten uns, sobald sie erst einmal eingetroffen sind, durchaus von Nutzen sein."

„Herr Elrond, bis jetzt äußertet Ihr Euch nicht hierzu", wandte sich Ciryon nun an ihn. „Werdet auch Ihr uns mit Soldaten unterstützen?"

„Das würde ich gern", sagte Elrond. „Doch ist mein eigenes Hausvolk mittlerweile doch sehr geschrumpft, viele sind bereits zu den Häfen gezogen. Ich kann keine Soldaten aus Imladris abziehen, ohne meine eigenen Grenzen zu gefährden. So kann ich lediglich mit meiner eigenen Anwesenheit dienen."

„Ceomon und Rethtulu sind ebenso nicht zu vergessen", sagte Estel. „Sie beide, die noch das Licht der Zwei Bäume von Aman gesehen haben, sind von unvergleichbarem Wert für uns."

Diese Bemerkung entlockte Ciryon ein erstauntes Heben seiner Augenbraue. „Dann werden sie in der Tat unverzichtbare Krieger sein, ebenso wie der Herold des hohen Königs Gil-galad." Er deutete eine Verbeugung vor Elrond an.

Warum wurden eigentlich immer wieder die alten Geschichten ausgegraben? Elrond hatte sich schon lange nicht mehr als irgendjemandes Herold betätigt, und doch redete man noch immer davon. Da sage noch einer, die Menschen seien ein kurzlebiges Volk! Die Geschichte überdauerte bei ihnen viele Generationen. Wie seltsam es da für sie anmuten musste, ihm gegenüber zu stehen, überlegte Elrond. Immerhin war er eine der Personen der Geschichte.

Dann schüttelte er diesen Gedanken ab. Er sollte sich lieber auf den Rat konzentrieren.

„Ich halte es selbst für das klügste, wenn wir die Grenzen befestigen", sagte er. „Der Feind wird zu uns kommen, und wir können nur vermuten, welche der Städte sein erstes Ziel sein wird. Daher müssen wir ihn bereits vorab abfangen. Gleichzeitig müssen wir Späher entsenden, um herauszufinden, wo der Feind seinen Sitz hat. Wir wissen durch die Berichte König Legolas', dass er zumindest in den Grauen Bergen aktiv ist, doch reicht auch sein Arm bis hierher. Daher vermute ich, dass er seinen Sitz irgendwo im Norden genommen hat."

„Angmar", sagte Ohtur mit einem unheilvollen Unterton in der Stimme.

„Ja, das wird es wohl sein", bestätigte Elrond. „Ich vermute, unser Feind ist einiger Wissenschaften kundig. Wenn dem so ist, wird er sich durch die Wahl seines Sitzes davon erhoffen, von altem, längst vergessenen Wissen des Hexenkönigs profilieren zu können. Ich kann nicht sagen, inwieweit solch ein Unterfangen von Erfolg gekrönt sein wird, aber ich kann nur dazu raten, dass wir auf alles gefasst sein sollten. Was auch immer ‚alles' sein mag."

Er sah die harten Mienen der Männer um ihn herum und wusste, dass keiner von ihnen ihre Lage auf die leichte Schulter nehmen würde. Ghâshburz würde sich die Zähne an ihnen ausbeißen, dessen war er sich sicher.


Dieses Kapitel war das letzte, das veröffentlicht wurde, ehe ich meinen Account auf löschte. Alle nachfolgenden Kapitel werden also das erste Mal öffentlich gezeigt.