A/N: Ja, ich weiß, ich wollte den Epilog schon längst gepostet haben. Zu meiner Entschuldigung kann ich nur sagen, dass mich der Urlaub plötzlich überrascht hat. Er war einfach viel schneller da, als ich dachte. Irgendwie fehlte zwischendurch plötzlich ein Tag Vorbereitungszeit. Zumindest hatte ich das Gefühl. Deshalb gibt es hier auch jetzt ohne viel Gelaber den Epilog und damit den endgültigen Abschluß von TBT. Habt ein wenig Nachsehen mit einigen Absätzen, wo ich mich vom Inhalt her ein wenig wiederhole. Ich hätte es noch ändern können, aber da ich solche extremen Schwierigkeiten hatte, diesen Epilog überhaupt hinzubekommen, habe ich da nichts mehr dran geändert. Ich wollte TBT einfach endlich abgeschlossen haben.
Und nun wie immer: Viel Spaß beim lesen.
TURN BACK TIME
Die Geschichte einer wundersamen Reise
Ein Held ist nicht mutiger als ein gewöhnlicher Sterblicher,
aber er ist es fünf Minuten länger.
- Ralph Waldo Emerson (1803-82), amerik. Philosoph u. Dichter -
Epilog
Das Schicksal hatte einiges durcheinander gerüttelt. Die Welt, wie sie jetzt war, war anders, vollkommen anders als die, die Harry und seine Freunde Monate zuvor verlassen hatten. Es war genau das eingetreten, wovor immer gewarnt wurde, wenn es um Zeitreisen ging. Ganze Lebenswege waren anders verlaufen, eigentlich Tote waren hier sehr lebendig, während andere zu Opfern des in dieser Realität immer noch heftig wütenden Kriegs geworden waren. So war zum Beispiel Harrys Hogwarts-Jahrgang wesentlich kleiner als es vorher der Fall gewesen war. Seamus Finnigan, Michael Corner, Susan Bones, Pansy Parkinson, Blaise Zabini, die Patil-Zwillinge und einige weitere hatten es nie bis zur Einschulung nach Hogwarts geschafft. Und auch sein Quidditchteam sah anders aus, denn neben Katie Bell und Angelina Johnson spielte dort in den ersten Jahren seiner Zugehörigkeit nicht Alicia Spinnet sondern Holly White aus Angelinas Jahrgang auf dem Posten der dritten Jägerin. Recherchen, bei denen Peter ihm geholfen hatte, der inzwischen ein wortgewandter Politiker geworden war, hatten ergeben, dass Alicia und ihre Familie Mitte der 80er Jahre scheinbar über Nacht spurlos verschwunden war. Harry hoffte, dass sie nicht tot, sondern dass ihnen die Flucht gelungen war und er sie irgendwann mal wiedersehen würde – zumindest wiedersehen aus seiner Sicht heraus, denn sie kannte ihn oder ihre Freunde aus früherer Realität ja nicht. Hauptsächlich aber hoffte er, dass sie lebte und sicher war. Wo auch immer sie und ihre Familie jetzt waren.
Andersrum waren die Veränderungen einschneidender gewesen. Nicht nur seine Eltern und ihre Freunde waren alle sehr lebendig und hatten ganz entscheidende Karrierewege eingeschlagen, sondern auch Personen, die Harry in der anderen Realität verloren hatte. Am emotionalsten war seine erste Begegnung mit Cedric Diggory verlaufen. Harry war sich absolut sicher, dass Cedric ihn zukünftig meiden würde wie die Pest, um eine weitere Umarmung eines kurz vor den Tränen stehenden Harry in aller Öffentlichkeit zu vermeiden, doch das war ihm egal. Cedrics Tod hatte von all seinen Verlusten immer am stärksten auf ihm gelastet, da er sich indirekt die Schuld daran gab. Mehr noch, als bei Sirius, auf dessen Anwesenheit in dieser Realität ihn das Schicksal mit sehr vielen Erinnerungen aus seiner Kindheit vorbereitet hatte, als er und Ginny wieder durch Zeit und Raum zurückgewirbelt waren. Vielleicht lag es auch daran, dass bei Sirius immer irgendwie die Möglichkeit bestanden hatte, dass er irgendwann mal mit dem Leben bezahlen würde – in beiden Realitäten. Cedric aber war völlig unschuldig zwischen die Fronten geraten, ohne vorher in irgendeiner Weise mit all diesem Wahnsinn in Berührung gekommen zu sein. Zumindest soweit man das von ganz normalen Zivilisten sagen konnte, die nichts mit der Aurorenzentrale oder dem Phönixorden oder Harrys unmittelbaren Umfeld zu tun hatten. Er gehörte nicht zu den Opfern. Und genau deshalb hatte es Harry auch so unbändig gefreut, als ihm dieser vor einigen Wochen im Atrium des Ministeriums so unvermutet über den Weg gelaufen war.
Änderungen im Lebensweg gab es vor allem bei ihm nahe stehenden Personen. Sehr zu Molly Weasleys Begeisterung waren alle ihre Söhne im Ministerium beschäftigt, aber dass Bil und Charlie Auroren waren paßte ihr dann doch nicht. Vor allem deshalb nicht, weil sie immer mitten im Getümmel waren und aufgrund dessen auch inzwischen recht gute Posten innerhalb der Hierarchie in der Aurorenzentrale hatten. Und nur die Tatsache, dass der große James Potter der Leiter der Zentrale war und ihr versprochen hatte, ein Auge offen zu halten, hatte sie vor einem Nervenzusammenbruch bewahrt, als Ron ihr mitgeteilt hatte, dass auch er sich, zusammen mit Harry, um einen Platz im Ausbildungskader der Aurorenzentrale beworben hatte. Wenn Molly allerdings wüßte, dass in diesem Jahr Sirius Black die Ausbildung des neuen Jahrgangs übernehmen würde, sollte in St. Mungos schleunigst ein Bett bereit gemacht werden.
Fred und George dagegen waren nicht in der Aurorenzentrale gelandet. Sie hatte es zu den Fluchbrechern gezogen, wo sie eine enorm steile Karriere hinlegten. Ihr Vorgesetzter war der Meinung, das würde an deren natürlichen Begabung liegen, komplizierte Zusammenhänge sehr schnell zu erkennen und zu entwirren. Ron und Harry wußten es dagegen besser. Dass die Beiden in ihrem Job so gut waren lag schlicht und einfach daran, dass sie es mit so verrückten Dingen zu tun hatten, wie sie sie selber immer gerne entwickelt hatten. Auch wenn ihre Erfindungen nicht ganz so schwarzmagisch waren wie die Dinge, die sie jetzt oftmals zu Gesicht bekamen, aber das Prinzip war das gleiche. Freds und Georges Gehirne arbeiteten genauso verrückt wie die Gehirne der Hersteller besagter verfluchter Gegenstände, die sie knacken sollten. Und das machte sie so einzigartig erfolgreich in ihrem Job. Und dass sie nebenberuflich einen magischen Versandhandel für Scherzartikel betrieben, ahnten Molly und Arthur nicht mal ansatzweise.
Einzig und alleine Percys Lebensweg machte Molly keine Sorgen. Er war auf der Verwaltungsschiene gelandet und dort so sicher vor dem Krieg, wie man in dieser Realität sein konnte. Im Augenblick arbeitete er als Sekretär für Peter, der nicht ganz zufrieden mit ihm war, da ihm der mittlere Weasley oftmals einfach zu steif und regelversessen war. Aber andererseits war er gründlich und sorgte damit dafür, dass er Peter oftmals unwissentlich half, einige Regeln für den Orden oder die Zentrale oder beide zu brechen, um diesen weiterzuhelfen. Doch davon ahnten weder Molly noch Percy etwas und so lebten sie weiterhin in seliger Unwissenheit und Zufriedenheit.
Am meisten faszinierte Harry jedoch der Karriereweg seiner Mutter. Lily Potter war in die Forschung gegangen und somit in die Tiefen der Mysteriumsabteilung verschwunden. Eine Tatsache, die Harry immer ein wenig Bauchweh verschaffte, da ihm bei dieser Abteilung immer zuallererst der unsägliche Torbogen vor sein geistiges Auge trat, aber Lily hatte ihn beruhigt. Den Raum mit dem Torbogen betrat sie nur höchst selten. Für sie war ein ganz anderer Raum viel interessanter. Der Raum für Zeit und Raum, wo sie als eine der wenigen dort eingesetzten Angestellten das Mysterium Schicksalsmoment erforschte. Und sie hatte im Vergleich zu ihren Kollegen, die sich immer noch nicht so ganz sicher waren, ob es diese Moment überhaupt gab und für die alles nur eine Theorie war, einen entscheidenden Vorteil. Sie wußte, dass es diese Schicksalsmomente gab. Denn gäbe es sie nicht, wäre die Welt nicht so wie sie jetzt war und sie selber wäre jetzt nicht hier. Es gab sie und sie würde alles daran setzten, sie zumindest ein bißchen besser zu verstehen, auch wenn sie sie vielleicht nie ganz entschlüsseln würde. Aber eins wußte sie genau. Selbst wenn sie sie irgendwann durch einen Zufall nachweisen könnte, würde sie diese Beweise nicht öffentlich machen. Das Schicksal war einmal gnädig zu ihr und ihrer Familie gewesen. Und sie hatte definitiv nicht vor, es zum Dank dafür zu verärgern und herauszufordern.
Die Welt, in der sie jetzt lebten, war rauher und gefährlicher als die, aus der sie gekommen waren, um das Schicksal zu ändern. Harry, Ginny, Ron und Hermine gehörten genau wie viele, viele andere zu der Generation der Kriegskinder. Kämpfe, Angriffe, Tod und Verwüstung waren für sie Alltag und kein überraschendes, erschreckendes Ereignis mehr, wie es früher oft der Fall gewesen war. In Hogwarts gehörten wesentlich mehr Fächer zum Unterrichtsplan, die Dinge wie „Erste Hilfe nach Angriffen", „Versorgung von Verwundungen", „Selbstverteidigung und Duellieren", „Erkennen von schwarzer Magie" sowie „Erkennen des Feindes" und „Täuschen und Tarnen" beinhalteten. Ein Angriff auf die Winkelgasse versetzte sie nicht mehr in Panik, sondern ließ sie überlegt handeln. Wo war Deckung? Wer brauchte Hilfe und kann ich überhaupt helfen? Wer muß benachrichtigt werden? Wie komme ich hier heile raus? Das waren die Fragen, die sie sich jetzt relativ besonnen stellten. Und oftmals konnten sie auch handeln, denn seitdem immer mehr Hogwartsschüler den Selbstverteidigungskurs besuchten, der im Wechsel von mehreren Auroren geführt wurde – und für die meisten den verrückten Namen Dumbledores Armee trug – waren sie nicht mehr einfach nur Opfer. Sie hatten das Wissen, um sich selber einigermaßen helfen zu können. Und das half dem Selbstvertrauen unheimlich, nicht in ohnmächtige Handlungsunfähigkeit zu mutieren.
Die ersten Wochen in der neuen Realität waren dennoch für Harry und seine Freunde erstmal ein Schock gewesen. Denn auch wenn sie jetzt über Erinnerungen an ein Aufwachsen in dieser Realität verfügten, so waren die Erinnerungen an die frühere Realität nicht weniger präsent. Sie wußten, wie die Welt sein konnte, wenn sie nicht eingegriffen hätten, und begriffen erst jetzt richtig, wie gefährlich Zeitreisen eigentlich waren. Einzig und alleine die Tatsache, dass sie nichts verbockt hatten, sondern die Zeit ändern mußten, schaffte es in der ersten Zeit, sie am verrückt werden zu hindern. Das Schicksal hatte es so gewollt, das Schicksal hatte sich selbst aus einer Sackgasse heraus manövriert und hatte ihnen wieder eine Chance gegeben, diese verrückt gewordene Welt zu retten, auch wenn sie sie erstmal ein wenig stärker verwüsten mußte. Dass er es alleine nicht schaffen würde, war Harry inzwischen klar geworden. Deshalb hatte er auch nicht so protestiert, als der Orden, in dem er, Ron, Hermine und Ginny zum Entsetzen von Molly inzwischen vollwertige Mitglieder waren, ihm Hilfe im Kampf gegen Voldemort zugesichert hatte. Zwar hatte er dem Schwarzmagier letztendlich doch wieder alleine gegenüber stehen müssen, aber er wußte, dass die anderen nicht weit weg waren und dafür gesorgt hatten dass er tun konnte, was er tun mußte. Auch wenn er im nachhinein niemande, auch seinem Vater und Sirius nicht, gesagt hatte, wie weit er hatte gehen müssen und zu welchen Mitteln er hatte greifen müssen, um am Ende als Sieger aus dem Kampf hervor zu gehen. Solange nur er es wußte, war die Möglichkeit gering, dass es zu öffentlichem Wissen wurde. Denn wenn man nach den gültigen Gesetzen ging, müßte er sonst ohne Umschweife in Askaban einchecken. Eine Aussicht, die ihm verständlicherweise nicht sonderlich behagte.
Glasklar stand ihm auch an diesem Tag der Endkampf noch vor Augen, als er träge in die blendende Sommersonne blinzelte und gar nicht so recht hörte, was der Redner auf dem Podium vor ihm überhaupt sagte. Stattdessen sah er vor seinem geistigen Auge eine düstere, kalte Steinhalle. Voldemorts Thronsaal war der Ort, an dem Albträume geboren wurden. Da war er sich schon in dem Moment absolut sicher gewesen, als er ihn betreten hatte. Die Kammer des Schreckens war dagegen eine Wohlfühloase gewesen. Die Steine schluckten das Licht der spärlichen Fackeln, die bleiverglasten Fenster hielten das Sonnenlicht fern, von irgendwo her zog es durch den riesigen Raum, der keine Decke zu haben schien, aber doch grauenhaft erdrückend wirkte, und vom ohrenbetäubenden Lärm der Schlacht, die außerhalb dieser Halle tobte, war schlagartig nichts mehr zu hören gewesen, sobald die gewaltige Eichentür knarrend hinter ihm zuschlug. Er war alleine mit Voldemort gewesen. Es hatte keine Zeugen des letzten großen Gefechts gegeben, doch das war ihm auch ganz recht gewesen. Denn kurzfristig hatte er sich in diesem Kampf selber nicht wieder erkannt. Er hatte Dinge getan, von denen er nicht wußte, dass er zu ihnen fähig war und das einzige, dass ihn nicht den Verstand verlieren ließ, war Ginnys Gesicht, dass immer wieder kurz vor seinem geistigen Auge aufflackerte, und ihre Stimme, die ihm immer wieder wie aus weiter Ferne zuflüsterte, dass sie an ihn glaubte und er ja in einem Stück zu ihr zurückkommen sollte.
Eine knappe Stunde hatte das letzte Duell zwischen ihm und Voldemort gedauert. Die Anführer der beiden Seiten hatten sich ungestört aneinander austoben können, was Voldemort zwar sehr geärgert hatte, da er sich Zeugen aus den eigenen Reihen durchaus gewünscht hatte, was Harry aber nicht zugelassen hatte. Denn während er in dieser unheimlichen Steinhalle alles gab, um den Krieg endgültig zu beenden, kämpften vor der gewaltigen Eichentür und im gesamten übrigen Bereich dieses jahrelang unortbaren Schlosses die gesamte vereinigte Kampfeinheit der Auroren und des Phönixordens, um ihm den Rücken frei zu halten. Dumbledore führte seine illegale Kampftruppe - die von James als Leiter der Aurorenzentrale jahrelang gutmütig geduldet worden war auch wenn der Zaubereiminister von ihm verlangt hatte, sie zu zerschlagen – sicher und souverän durch eine der verheerensten Schlachten der Zaubereigeschichte. James' Auroren kämpften nicht minder intensiv und definitiv gnadenloser als die Ordensmitglieder. Denn im Gegensatz zu denen hatten sie eine Ausbildung erhalten, in der es auch darum ging, im Ernstfall zu töten. Etwas, womit viele Ordensmitglieder immer noch nicht klar kamen. Doch das mußten sie auch nicht, denn Orden und Auroren arbeiteten an diesem Tag so perfekt Hand in Hand, als hätten sie nie etwas anderes getan. Und im Grunde genommen war es ja auch so, auch wenn dies nie offiziell eingestanden worden war.
James und Sirius hatten mit Hilfe von Remus, Lily, Peter, Ron, Hermine und Ginny während des Kampfes verbissen die Tür zu Voldemorts Thronsaal bewacht und niemanden leben lassen, der sich ihr näherte. Sie alle gestanden es sich nicht ein, doch gerade die Tatsache, dass so absolut nichts aus diesem Raum heraus drang, zermürbte sie innerlich gewaltig. James hatte noch nie in seinem Leben eine solche Angst gehabt und er schwor sich, dass dies das letzte Mal war, dass er seinem Sohn einen solchen Wahnsinnigen alleine aussetzte. Er wußte zwar, dass es in diesem Fall so sein mußte, aber beim nächsten schwarzmagischen Irren, der die Welt beherrschen wollte, würde er höchstpersönlich dafür sorgen, dass dieser vom Angesicht dieser Welt verschwand und dies nicht Harry oder einem seiner übrigen Kinder überlassen. Als die Tür schließlich langsam aufschwang, hatten die Acht vor der Tür seit zehn Minuten keinen Gegner mehr gehabt und hatten diese zehn Minuten länger empfunden, als die fast 50 Minuten zuvor. Und auch wenn James derjenige war, der der Tür am nächsten stand, so war es Ginny gewesen, die als erste bei Harry gewesen war, als dieser schmutzig, blutüberströmt, mit zerrissenen Kleidern und schockierend leerem Blick langsam durch sie hindurch getreten war. Wie eine Ertrinkende hatte sie sich an ihn geklammert und so hemmungslos erleichtert geweint, dass James das Gesicht heftig zitternd in Lilys rote Lockenflut vergraben mußte, um seine eigenen Tränen zu verbergen. Nicht, dass er sich ihretwegen schämte, aber er wollte einfach vor seinem Sohn nicht schwach wirken, kurz nachdem dieser eine schier übermenschliche Leistung vollbracht hatte.
„Hey, es ist gleich soweit."
Harry zuckte zusammen und sah sich verwirrt um. Die kalte, unheimliche Steinhalle war verschwunden und einer hellen, freundlichen Winkelgasse gewichen, auf deren Marktplatz in Kürze ein großes Mahnmal für alle Kriegsopfer enthüllt werden sollte. Er warf seinem Vater einen leicht zerknirschten Blick zu, doch dieser grinste bloß. Ein Grinsen, dass Harry viel zu sehr an den übermütigen Unruhestifter aus Hogwartstagen erinnerte, auch wenn das Gesicht jetzt das eines erwachsenen Mannes war, an dessen Schläfen sich die ersten grauen Haare zeigten.
„Sorry.", murmelte er leise, doch James winkte lediglich ab.
„Halb so wild. Laß dich nur nicht von deiner Mutter dabei erwischen, dass du so einen historischen Tag einfach so verdöst."
Harry wischte sich müde mit einer Hand über das Gesicht. „Von historischen Tagen habe ich so langsam aber sicher die Nase gestrichen voll.", grummelte er. „Ich will einfach nur langweilige, unscheinbare Tage haben, in denen nur Ginny und ich vorkommen."
„Und dass sollte deine Mutter erste recht nicht hören.", murmelte Sirius hinter ihm, der sich zu ihnen vorgebeugt hatte.
Harry grinste und wandte sich leicht um.
„Du bist doch nur neidisch, dass ich sie am Ende bekommen habe und nicht du, Black."
Sirius zuckte mit den Schultern und warf Harry dann ein herausforderndes Grinsen zu.
„Mag sein, aber noch hast du ihr nicht die Frage aller Fragen gestellt, Kleiner. Noch ist also alles drin für mich."
„Hmpf!"
Mit verschränkten Armen wandte Harry sich wieder um und starrte auf das verhüllte Monstrum vor ihm. Dabei entging ihm der Blick völlig, den Sirius und James austauschten. Ein Blick, der klar sate, dass Harry diese Frage noch stellen würde. Wenn auch nicht dieses Jahr oder im nächsten, so doch garantiert irgendwann in nicht allzu ferner Zukunft. Er war einfach zu sehr ein Potter, um sich eine rothaarige Schönheit durch die Lappen gehen zu lassen.
Der Redner auf dem Podium kam langsam am Ende seiner ausschweifenden – und wie Harry fand, auch unglaublich einschläfernden – Rede an, doch trotzdem zuckte Harry heftig zusammen, als ihn ein leichter Hieb in der Rippengegend traf. Verwirrt und verärgert sah er seinen Vater an, der verschmitzt grinste und zum Podium rüber nickte.
„Dein großer Auftritt, Sohnemann.", spottete er und kurz bevor Harry mit einem nur halb unterdrückten Stöhnen seinen Widerwillen über diesen ihm aufgezwungenen Auftritt kund tat, sah er noch das typisch übermütige Funkeln in den Augen des ehemaligen Lehrerschrecks von Hogwarts. Ein Marauder-Lächeln, wie es im Buche stand. Und er war sich absolut sicher, dass auch Sirius, Remus und Peter in der Reihe hinter ihm und seiner Familie gerade einen sehr ähnlichen Blick drauf hatten.
Resigniert stemmte er sich schließlich unter dem andauernden Applaus der schier unübersichtlichen Menge auf dem Marktplatz der Winkelgasse aus seinem Stuhl hoch. Er war sich nicht sicher, ob es auffordernder Applaus für ihn war, damit er endlich in die Gänge kam, oder ob sie alle genau wie er selber eigentlich nur froh waren, dass die Zeit für Reden endlich vorbei war. Er ahnte Ersteres und hoffte Letzteres. Reden brachte die Toten nicht wieder. Doch das Mahnmal, dass er als der große Bezwinger des dunklen Lords – und oh, wie er diese Hochjubeleien leid war – gleich offiziell enthüllen sollte, konnte zumindest helfen, dass die magische Welt nicht wieder in so eine Zeit des Wahnsinns verfiel. Über 20 Jahre Krieg, Tod und Zerstörung waren definitiv genug. Was sie jetzt ganz dringend brauchten, war Ruhe und Frieden und Zeit, ihre verwüstete Welt wieder aufzubauen und sie so zu bewahren. Nur deshalb war Harry letztendlich doch dazu bereit gewesen, das Mahnmal zu enthüllen. Er war es ebenso denen schuldig, die diesen Tag nicht erlebten, wie denen, die das Glück hatten, überlebt zu haben.
'In beiden Realitäten. Nicht nur in diesen.', ging ihm durch den Kopf, als er das Podium über die drei heftig knarrenden und schwankenden Holzstufen betrat und dabei einen schnellen Seitenblick in die Richtung warf, aus der er gerade gekommen war. Sein Magen zog sich heftig zusammen, als er sah, wie stolz seine Eltern zu ihm rüber sahen. Etwas, was er sich immer sehnlichst gewünscht hatte. Alle, die er liebte und in der anderen Realität verloren hatte, waren in dieser wieder da. Und andere, die es nie gegeben hatte, hatte er kennen und ebenso heftig lieben gelernt, wie er mit einem liebevollen Blick auf seine drei kleinen Schwestern feststellte.
„Mr. Potter, es ist mir wirklich eine Ehre, Ihnen endlich einmal persönlich dafür danken zu können, was Sie für uns alle getan haben.", meinte der Redner feierlich, als Harry bei ihm ankam und von diesem überschwenglich die Hand geschüttelt bekam. Harry machte gute Miene zum bösen Spiel und lächelte. In Gedanken machte er sich damit Mut, dass es hätte schlimmer kommen können. Beispielsweise hätte man Gilderoy Lockhearts als Redner engagieren können. „Bitte, walten Sie ihres Amtes.", forderte der Redner ihn schließlich auf und wies auffordernd zu dem immer noch mit einem gewaltigen Tuch verhüllten Mahnmal hinüber.
Harry lächelte, trat noch einen Schritt näher und umfasste das Tuch mit der Hand. Mit einem kräftigen Ruck war es schließlich verschwunden und enthüllte eine große, in sich verschachtelte Skulptur aus schwarzem Marmor, der in der Sonne blitzte und blinkte. Unzählige Quader unterschiedlicher Größe schienen wild durcheinander gestellt zu sein und doch ein einziges großes Ganzes zu sein. Und auf jedem standen ein oder mehrere Namen. Es waren zu viele, um sie alle bewußt auffassen zu können. Zu viele, die aufgrund verrückter Ideen eines Wahnsinnigen ihr Leben lassen mußten, und es verschaffte in diesem Moment nicht nur Harry eine Gänsehaut, als hier erstmal deutlich sichtbar wurde, wie viele Opfer der Krieg wirklich gefordert hatte. Später einmal würde es zur Gewohnheit werden, dass regelmäßig Blumen, Botschaften und Fotos für und an die Toten auf diesem Mahnmal hinterlegt werden würde, aber an diesem sonnigen Sommertag funkelte lediglich tiefschwarzer Marmor mit eingravierten Namen in der Sonne um die Wette.
'Die Opfer des Wahnsinns.', dachte Harry mit einem traurigen Lächeln. Vor seinem geistigen Auge tauchte kurz ein großes, schmiedeeisernes Tor zu einem Friedhof auf. Danach ein sehr viel kleineres Denkmal aus weißem Marmor, auf dem nur zwei Namen gestanden hatten, verziert mit einem Bildnis eines Engels der sich an einen majestätischen Hirsch schmiegte. 'Merlin vergib mir, aber ich glaube trotz all dieser Namen auf dem Mahnmal, dass es ein gutes hatte, dass das Schicksal eingegriffen hat.', dachte er und ließ das nun nutzlose Tuch achtlos auf den Boden fallen. Trotz dieser vielen Opfer hatten wir nämlich hier wirklich eine Chance. Und ich endlich eine richtige Familie.'
„Vielen Dank, Mr. Potter.", bedankte sich der Redner und schüttelte Harry nochmal kräftig die Hand, bevor er sich wieder an die gewaltige Menge wandte, die in beeindruckendes Gemurmel und Geraune ausgebrochen war, als das gewaltige Mahnmal sichtbar wurde. „Bitte nochmal einen kräftigen Applaus für den jungen Mann, dem das Schicksal eine solch schwere Bürde auferlegt hat. Wir alle sollten froh und dankbar sein, dass er sich dieser schweren Aufgabe gestellt hat, denn sonst wären wir heute alle nicht hier."
Ohrenbetäubender Jubel brandte auf und Harry hätte schwören können, dass aus der Richtung seiner Familie sogar übermütiges Gejohle und anfeuerndes Gepfeife kam. Mit einer Mischung aus Verlegenheit und Belustigung stellte er nach einem schnellen Seitenblick schließlich fest, dass er damit definitiv richtig lag. Und dass seine Mutter diejenige war, die zusammen mit Sirius für die Pfiffe verantwortlich war.
'In dir steckt halt doch mehr Marauder, als du zuzugeben bereit bist, Mum.', lachte er stumm in sich hinein. Doch dann legte er den Zauberstab an seine Kehle, sprach ein kurzes Sonorus und sah schließlich breit lächelnd über die gewaltige Menschenmenge.
„Vielen Dank, aber ich habe wirklich nur das getan, was ich tun konnte.", begann er und die Menge wurde so schnell still, dass er sich ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen konnte. „Nein, ehrlich. Ich bin mir sicher, dass jeder einzelne von Ihnen diese Aufgabe auch geschafft hätte, wenn das Schicksal sie ihm zugedacht hätte."
Und er meinte, was er sagte. Das Schicksal hatte ihm drei Chancen gegeben, seine Aufgabe zu erfüllen: Seine Eltern, Sirius und Dumbledore, die es ihm alle wiedergegeben hatte, als es sich selber in eine Sackgasse manövriert hatte. Und alle zusammen hatte er am Ende auch gebraucht. Als Unterstützung, als Bewachung und als Rückendeckung im entscheidenden Moment. Ohne sie wäre er im Endkampf verloren gewesen, das wußte er inzwischen mit Sicherheit. Zwar hatte er am Ende alleine gegen Voldemort antreten müssen, aber das Schicksal hatte dafür gesorgt, dass er wirklich alleine mit ihm war, und nicht zusätzlich noch umzingelt von dessen Todessertruppen. Und er würe in seinem Leben nie wieder an dem zweifeln, was das Schicksal ihm zugedacht hatte. Das hatte er sich schon in dem Moment geschworen, als er Voldemort zum allerletzten Kampf entgegen getreten war.
„Wenn ich eins über das Schicksal gelernt habe in all den Jahren, in denen ich immer wieder mit ihm gehadert habe, dann dass es keinen Sinn hat zu hadern. Denn das Schicksal würfelt nicht. Es weiß genau Bescheid, was es der Menschheit im allgemeinen und einzelnen Personen im besonderen zumuten kann und wozu diese fähig sind. In der Welt des Schicksals gibt es keine Zufälle, nur Entscheidungen. Der Trick an der ganzen Sache ist, diese Entscheidungen im richtigen Moment zu erkennen. Sei es, weil einem aus heiterem Himmel der Blitz trifft und man das Gefühl hat, plötzlich in einer anderen, völlig surrealen Realität gelandet zu sein -" Ein schneller Seitenblick zu seiner Mutter, die sich verstohlen eine Träne aus den Augenwinkeln wischte und wissend lächelte. „- oder weil man ein merkwürdiges, nicht erklärbares, aber unheimlich starkes Bauchgefühl hat." Ein weiterer Seitenblick in Richtung Hermine einige Reihen dahinter, die sich breit lächelnd aber offen weinend an Ron geschmiegt hatte und von Ginny auf ihrer anderen Seite sanft über den Arm gestreichelt wurde. „Das Schicksal ist immer aktiv und gibt einem Zeichen. Deshalb kann ich, im Angesicht dieses Mahmals und im Namen aller, die heute nicht hier sein können aber sollten, zum Abschluß nur eins sagen. Seid nicht blind! Haltet alle zukünftig die Augen offen und erkennt, was das Schicksal euch sagen will. Damit diese Namen nicht umsonst auf diesem Mahnmal stehen. Und ihr Opfer kein sinnloses war."
Einen winzigen Moment lang war es totenstill in der Winkelgasse, als Harry den Sonorus-Zauber von sich nahm, dem ihn sprachlos ansehenden Redner nochmal gutmütig zunickte und dann das Podium über die wackelige Holztreppe verließ. Doch dann brach tosender Applaus aus, der gar nicht mehr abebben wollte. Hälse wurden gereckt, um Harry so lange wie möglich im Blickfeld zu behalten, sein Name wurde in Sprechchören geschrien und die Fotoapparate der versammelten magischen Presse Großbritanniens liefen schier heiß. Doch all das sah und hörte Harry nicht, der mit festen Schritten an seinen Eltern und deren Freunde vorbei auf Ginny zu ging und sie fest in die Arme nahm.
„Danke, dass du da warst.", flüsterte er ihr leise ins Ohr. „Ohne dich hätte ich diese völlig verrückte Reise nie mit heilem Verstand überstanden."
„Keine Ursache. Gerne geschehen.", flüsterte sie zurück und erwiderte die Umarmung.
Harry nickte und sah zu Ron und Hermine rüber. Doch bei seinen beiden ältesten und treusten Freunden waren Worte unnötig. Sie wußten auch so, was er ihnen sagen wollte. Genau wie Harry wußte, dass diese Worte im Grunde genommen überflüssig waren. Wahre Freundschaft funktionierte schließlich ohne Worte. Einfach nur, indem sie da war, wenn man sie wirklich brauchte. Und er dankte dem Schicksal dafür, dass es ihm genauso unersetzliche Freunde geschenkt hatte, wie seinen Eltern so viele Jahre zuvor. Denn echte Freundschaft war das wertvollste, was ein Mensch im Leben besitzen konnte.
A/N: Das war's. Turn Back Time ist beendet. Und ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich kann nur sagen ENDLICH! Diese Geschichte hat mich zum Ende hin wirklich Nerven gekostet und ich bin einfach nur froh, dass sie endlich einen vernünftigen Abschluß hat. So brauche ich zumindest kein schlechtes Gewissen mehr haben, wann immer ich an etwas anderem schreibe und das ist ein sehr befreiendes Gefühl. Ich möchte mich an dieser Stelle nochmal bei allen bedanken, die mir trotz der langen Wartezeit (eigentlich sind es sogar zwei lange Wartezeiten gewesen, wenn ich ehrlich sein soll) treu geblieben sind und weiterhin reviewt haben. Ihr habt durch eure Treue und durch die vielen PNs zwischendurch, in denen ihr nachgefragt habt, wann es denn endlich weitergeht, definitiv kräftig mitgeholfen, dass diese Geschichte jetzt ein Ende hat. Denn ich bin ehrlich genug, um zuzugeben, dass ich sonst schon vor langer Zeit aufgegeben hätte, als ich hier so fies ins stocken gekommen bin. Also klopft euch ruhig auch selbst auf die Schulter, denn dies ist in engerem Sinne ein Gemeinschaftswerk von mir und euch.
Jetzt wird es erstmal wieder ein Weilchen still um mich werden, was Geschichten angeht, denn ich muß erst wieder was produzieren. Und hochladen werde ich zukünftig erst wieder, wenn die Geschichten komplett fertig sind. Das ist für euch und auch für mich besser (schließlich haben wir es bei "Spiel mit dem Feuer" gemerkt). Wenn ihr trotzdem wissen wollt, was ich gerade so anstelle und wie es mit meinen Schreibfortschritten aussieht, schaut einfach mal auf meinem Livejournal vorbei (ist über mein Profil zu erreichen). Dann seid ihr zumindest auf dem laufenden.
Bis dahin sage ich erstmal Tschüss. Vielleicht gibt es ab und zu mal einen Oneshot, aber ansonsten gibt es frühestens im Herbst wieder was von mir.
