25. Robotronische Politik
Zufrieden begutachtete Sirius sein Werk im Spiegel. Sein neuerworbener Bartstutzzauber hatte hervorragend funktioniert. Sein Vollbart sah super aus!
„Sirius, ich geh schon mal vor, okay?", rief James in den Waschraum.
Klar, Lily wartete ja auch im Gemeinschaftsraum. Sirius verzog den Mund zu einem etwas genervten Grinsen. Es war durchaus gewöhnungsbedürftig, seinen besten Freund ständig mit einem Arm um Lily zu Gesicht zu bekommen. Aber Sirius gönnte ihm das langersehnte Liebesglück von Herzen, keine Frage. Und da er selbst einen gewissen Anteil daran hatte ...
Lupin hatte da mehr Probleme. Seit James mit Lily zusammen war – und sich zugegebenermaßen nicht die geringste Mühe machte, das in irgendeiner Weise zu verbergen – hielt Remus sich sehr am Rande. Hatte begonnen, verstärkt mit Peter am Animaguszauber zu üben – ohne Lily, die selbstredend Privatunterricht von James bekam. Noch immer nutzte Lupin jede Gelegenheit, um in Richtung Krankenflügel zu verschwinden. Aber er erwähnte Poppy so gut wie nie mehr. Ja, es war hart für ihn, dass er bei ihr schlicht keine Chancen hatte.
Während Sirius ...
„Sirius? Hier bist du!" Peter stand im Türrahmen des Waschraums und trippelte auf der Stelle vor Aufregung. „Beeil dich, da ist eine Ankündigung am Schwarzen Brett! Wir sollen jetzt sofort in die Große Halle kommen, Dumbledore macht eine offizielle politische Veranstaltung!"
Sirius schluckte. Ausgerechnet Politik – war das Thema, mit dem er sich zurzeit nicht so gern beschäftigte. „Ich muss noch aufs Klo, geh schon mal vor, okay?", wimmelte er erst mal Peter ab.
Der sich nur widerstrebend abwandte.
Demonstrativ knallte Sirius die Tür der Kabine hinter sich zu. Versah das Klo mit einem Hygienezauber, setzte sich auf den Deckel und stützte den Kopf in die Hände.
Er würde einfach hier bleiben und schwänzen. Es zwang ihn doch niemand, sich mit diesen Sachen auseinanderzusetzen. Er konnte auch einfach sein Leben leben und ...
In böser Vorahnung zuckte er zusammen, als draußen auf dem Gang eine Art Surren hörbar wurde, das ihn unmissverständlich an die robotronischen Zauber erinnerte, Dumbledores aktuelles Steckenpferd. Seit Beginn dieses Schuljahres ließ der keine Gelegenheit aus, Flitwick mit derartigen Spielereien zu beauftragen.
Gerade jetzt näherte sich das Ding. Rasch und mit einem unerbittlichen Unterton. Sirius hielt den Atem an – doch zunächst zog es am Waschraum vorbei, die Treppe zu den Schlafsälen hinauf. Um sich dort zu verlieren – ehe es im nächsten Moment zu lautem Rufen anschwoll.
„ES KOMMEN WIRKLICH ALLE – IN DIE GROßE HALLE! ES KOMMEN WIRKLICH ALLE – IN DIE GROßE HALLE!" Dann brach die Stimme ab – um wenig später im nächsten Schlafsaal erneut auszubrechen: „ES KOMMEN WIRKLICH ALLE – IN DIE GROßE HALLE! ES KOMMEN WIRKLICH ALLE – IN DIE GROßE HALLE!" Wieder Pause. Und der nächste Schlafsaal. Und der übernächste. Und ...
Sirius kräuselte die Lippen. Wie peinlich war das denn? Dass ihr ehrwürdiger Direktor es sich nicht einmal jetzt nehmen ließ, einen heiteren Vers für seinen magischen Roboter zu reimen?
Das eilige Getrappel aus den Schlafsälen klang dennoch hektisch und ernst.
„ES KOMMEN WIRKLICH ALLE – IN DIE GROßE HALLE!", verklang die Stimme ein letztes Mal – dann kam das Surren die Treppe wieder herunter.
Erneut den Atem anhaltend, lauschte Sirius. Ob dieses offenbar fernmagisch gesteuerte Monster ihm vielleicht den Gefallen tun und die Waschräume vergessen würde ...?
Natürlich nicht. Mit einem resignierten Seufzer erhob er sich bereits, als das Summ-Ding vor der Tür verharrte, hielt sich rechtzeitig die Ohren zu – und fügte sich schließlich den Auswüchsen des Dumbledore'schen Überwachungsstaates.
Sirius kam als Letzter.
„Unser werter Direktor würde gern beginnen", drang Flitwicks fistelnde Stimme durch die bereits geschlossene Flügeltür der Großen Halle, und das Gemurmel der Schüler wurde augenblicklich gedrosselt.
Sich leise und unauffällig hineinzuschleichen, hatte Sirius keine Lust. Wenn er schon gezwungen wurde teilzunehmen, würde er wenigstens deutlich zeigen, was er von dieser Veranstaltung hielt.
Mit betont gelangweilter Miene betrat er den Raum – und empfing die auf den Knall der Tür hin zu ihm herumschnellenden Augen mit einem routinierten Grinsen. Herausfordernd, doch zugleich absolut gleichmütig. Mittlerweile hatte er wahrlich Übung darin. Das prompte Getuschel gewisser Mädchen ließ ihn völlig kalt. Das einzige, was ihn überraschte, war die Erkenntnis, wie nachtragend diese Zicken waren und wie konsequent in ihrem Bestreben, so viele Leute wie möglich mitbekommen zu lassen, welche Abscheu sie dem ungehobelten Macho Sirius Black gegenüber hegten. Du liebe Güte, sollten sie doch! Die konnten ihm alle gar nichts. Er schenkte keinem Mädchen in ganz Hogwarts, von Lily mal abgesehen, auch nur die geringste Beachtung. Das hatte er nicht nötig, oh nein!
Er drückte die Schultern durch und schritt extra langsam den Mittelgang entlang zum freien Platz neben James. Welcher ihm lediglich kurz zunickte, um sich wieder ganz auf Lily zu konzentrieren. Sirius setzte sich.
„Wie einige von euch vielleicht im Tagespropheten gelesen haben, ist es ein ernster Anlass, der uns heute zusammenführt", erhob der Alte die Stimme – exakt in dem Augenblick, als Sirius' Po die Bank berührte. „Der Zaubereiminister persönlich hat bekannt gegeben, dass man Anfang der Woche in der Nähe eines Fernapparier-Knotenpunktes in der Nähe von Sofia auf ein Massengrab mit sechs Leichen gestoßen sei. Den Untersuchungen der magischen Pathologie nach stimmt die Todesursache bei allen überein: Sie wurden mit dem Avada hingerichtet. Außerdem hat man an jedem einzelnen der Toten – allesamt Zauberer – Anzeichen eines akuten Imperiuszaubers gefunden sowie Spuren des Crutiatus, der unmittelbar vor dem Tod angewendet wurde."
Gemurmel unterschiedlicher Klangfarbe wurde laut. Verschiedene Abstufungen von Betroffenheit, Aufregung, Widerwillen.
„Der Schluss liegt mehr als nahe, dass es sich bei dem Massenmord um das Werk des Tom Riddle alias Lord Voldemort handelt, dem einzigen Zauberer, dem die zuständigen Auroren eine solch massive Anwendung der Unverzeihlichen zutrauen. Und dieser Meinung schließe ich mich an." Dumbledore verstummte und ließ seine hellen Augen kummervoll über die vier Haustische wandern.
Die Welle der Panik, die beim Klang des unaussprechlichen Namens mit hörbarem Raunen durch die Schülerschaft gerollt war, war lediglich geräuschlos geworden. Die meisten Leute um Sirius herum waren stumm in sich zusammengesunken und warfen sich angstvoll verstohlene Blicke zu.
„Auf diesen Verdacht hin hat man weitere Tests in Auftrag gegeben. Und erst heute Morgen erreichte mich die Nachricht, dass ebenfalls bei allen Toten eine magische Hauttransplantation am linken Unterarm vorgenommen worden sei."
Von mehreren Seiten wurde grauenerfülltes Wispern laut.
Aus dem Augenwinkel sah Sirius Snape – ganz am Rand und somit für alle gut sichtbar sitzend – offensichtlich trotzig das Kinn heben.
Hastig senkte Sirius seines und versuchte, nicht auf die Gedanken zu hören, die sich drohend unterhalb seiner zugeschwollenen Kehle zusammenballten. Er schluckte krampfhaft.
„Ich nehme bewusst in Kauf, euch zu ängstigen, weil ich es für wichtig halte, dass ihr umfassend informiert seid", fuhr Dumbledore ungerührt fort, sprach jedoch jetzt eindeutig in Richtung des Slytherintisches. „Ein derart diffiziler Zauber, der – so professionell ausgeführt, dass er nicht auf den ersten Blick erkennbar gewesen ist – legt denselben Schluss nahe."
„Der, der nicht genannt werden darf", waberte durch die Schülerreihen.
„Ganz genau", bestätigte Dumbledore sachlich. „Man weiß jetzt, dass es sich bei den Toten um Opfer der Entführungswelle handelt, die vor einigen Wochen unser Land heimgesucht hat. Also um gegen ihren Willen rekrutierte Todesser, die man zu knechten versucht hat – und die sich der Gewalt nicht zu beugen bereit waren."
Snapes Kinn in Sirius' Peripherie wanderte noch weiter nach oben.
Sirius wurde übel.
„Und in Verbindung mit dem Besuch einiger dieser suspekten Gestalten in Hogsmeade letzten Monat möchte ich euch auch heute wieder eindringlich warnen", fuhr Dumbledore fort. „Lasst euch nicht einwickeln von ihren zweifelhaften Versprechungen! Wie die jüngsten Vorkommnisse erneut und dringlichst beweisen, ist die Todesserschaft kein netter Verein für romantische Abenteurer oder verwegenen Rebellen, die sich im Namen Salazar Slytherins gegen das miefende Establishment auflehnen wollen. Es wird bitterernst werden. Tom Riddle ist zum Äußersten bereit – was über die unverzeihlichen Flüche und selbst über derartige Massenmorde an Abtrünnigen weit hinausgehen wird, das kann ich euch versichern."
Da konnte Sirius schlucken und husten, soviel er mochte – die anstrengenden Gedanken würde er nur sehr schwer wegkriegen. Auf keinen Fall in Snapes Richtung schauend, stützte er die Ellenbogen auf seine Oberschenkel. Er müsste den Slytherin anzeigen, oder? Konnte doch nicht tatenlos zusehen, wenn ein Mitschüler, der obendrein sein bester Feind gewesen war, eine solche Grenze übertrat?
Deine Geliebte hat Snape zwangsrekrutiert, flüsterte eine sehr schwer zu widerlegende Stimme in seinem Kopf. Und der sitzt nur deswegen noch lebendig hier herum, weil er sich nicht geweigert hat, bei denen mitzumachen.
Gequält schloss Sirius die Augen. Er konnte Snape nicht anzeigen. Weil Bella ansonsten ihn mitgeschleift hätte, wenn der Slytherin nicht gewesen wäre. Weil Snape ihn im Gegenzug beschuldigen würde, mit einer der Massenmörderinnen zu schlafen.
Die dich ihrem Lord eiskalt ausgeliefert hätte, kroch es durch Sirius' Brust. Sie hätte in Kauf genommen, dass du jetzt in diesem Grab ...
Er erschrak selbst, als sein Oberkörper unvermittelt in die Senkrechte schnellte. Aber sie hat es nicht getan. Sie hat mich nicht mitgenommen. Und zwar, weil sie mich dann ebenso verloren hätte. Und das will sie nicht. Wie sie ihm immer aufs Neue zeigte, so unmissverständlich, dass ...
„Alles in Ordnung, Sirius?", brachte James' Hand auf seiner Schulter ihn zum Aufjapsen. Er war rot geworden, das spürte er selbst.
„Es ist einfach entsetzlich", nickte Lily ihm mitfühlend zu.
„Aber wir werden kämpfen, nicht wahr, Kumpel?" James sprach jetzt lauter – und auch an anderen Stellen der Großen Halle wurden inbrünstige Bekundungen ausgesprochen.
„Nicht mit uns" und „Wir machen da nicht mit" und „Wir werden Ihr-wisst-schon-wen besiegen!", war deutlich herauszuhören.
Sirius holte endlich Luft. Nickte mit allem Nachdruck, den er aufzubringen imstande war.
„Wir alle gehen in den Widerstand", klang Peters Stimme selig über dem anschwellenden Gemurmel. „Nicht wahr, Lupin? Nicht wahr, Sirius?"
„Wir sind Gryffindors!", antwortete James voll ehrfürchtigen Stolzes.
Erntete ein anerkennendes Nicken seitens des Direktors.
Und auch Sirius nickte. James hatte völlig recht. Allein darauf kam es an. Dass sie sich treu blieben. Dass sie ihrer Bestimmung als Gryffindors nachkamen, der von Dumbledore angeführten Widerstandsvereinigung beizutreten, dem noch geheimen, dennoch bereits berühmten Orden des Phönix. Und das würde Sirius natürlich auch tun, er würde gegen die Todesser kämpfen, selbstverständlich.
Und dass du mit einer dieser Todesserinnen schläfst, diese Kleinigkeit gedenkst du wieder zu vergessen, nicht wahr, du tapferer Gryffindor?
Dumbledore klatschte magisch verstärkt in die Hände, um für Ruhe zu sorgen.
„Ich bin stolz auf euch, meine Schüler! Auf jeden einzelnen, der sich in dieser Stunde entscheidet, den richtigen Weg einzuschlagen." Strahlend schien er jedem Angesprochenen direkt in die Augen zu sehen.
Sirius grinste vorsichtshalber lieber James zu.
„Und an euch übrige appelliere ich inständig", bei diesen Worten sandte Dumbledore ein Lächeln zwischen den Slytherin- und den Hufflepufftisch. Das gleichermaßen kummervoll und streng wirkte. Ein Zappeln lief durch die betreffenden Reihen. „Bitte seht ganz genau hin! Seid kritisch. Hinterfragt das, was man euch erzählt. Lasst euch nicht von Versprechungen und Vergünstigungen einwickeln", rief er dann in beschwörendem Tonfall.
Dem auch Sirius sich nicht entziehen konnte. Hastig konzentrierte er sich, um die Hitzewallung niederzukämpfen, die seine noch immer zugeschnürte Kehle mühelos passierte.
„Damit ihr erkennt, welche Lügen die Todesser verbreiten. Damit ihr eure Freunde warnen könnt. Eure Mitschüler. Eure Familien. Die ganze Zaubererwelt!"
Genau, Dumbledore hatte völlig recht. Mit seinen schwarzmagischen Alten zu Hause hatte Sirius ja bereits gebrochen. Und Regulus ... Er sah extra nicht noch einmal zum Slytherintisch hinüber. Um den würde er sich noch einmal bemühen, ihn überzeugen, ebenfalls dem Orden beizutreten.
Bella dagegen – Bella war doch etwas ganz anderes! Bella war – die megageilste Frau unter der Sonne, und Sirius ihr verfallen, er würde nie, nie, nie von ihr genug haben. Würde alles tun, um sie endlich wieder zu ficken, das war schon wieder viel zu lange her ...
Sirius sog scharf Luft ein, um sich zu bremsen. Bella war nur Sex, und Sex hatte ja wohl nichts mit seiner politischen Meinung zu tun. Sie waren schließlich nicht zusammen, also so wie James und Lily. Bella und er hatten lediglich ein Arrangement. Für Sex. Ausschließlich Sex, mehr wollte er doch auch nicht von ihr. Nur den ... den wollte er. Unbedingt und um jeden Preis. So sehr, dass er permanent auf Entzug war.
Aber heute Abend ist es so weit! Heute ist endlich Freitag!
Er warf einen Blick zu Lupin auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches. Der vollmondgemäß krank aussah. Heute Nacht würde Tatze zwei Missionen zu erfüllen haben. Sich die zweite, die sich das ganze Wochenende hinziehen würde, in sämtlichen Einzelheiten auszumalen, versetzte ihn in die Lage, den Rest von Dumbledores Rede über sich ergehen zu lassen, ohne sich mit dem Inhalt zu beschäftigen. Es gab einfach Wichtigeres im Leben als Politik!
