Vielen Dank für die Reviews, Marylein und SoyTryphena! Einiges werden unsere Helden noch erleben, bevor sie, sofern sie dann noch möchten, Nachhause dürfen.
Liebe Grüße Gaby
26 Angst und Schatten
Sie waren Maulwürfe. Maulwürfe in einem künstlich vor langer Zeit von Menschen geschaffenen Gang. Unermüdlich krochen sie weiter durch die Eingeweide der nackten Erde und des harten Steins. Einmal mehr musste Hermione gegen die Angst für immer hier unten gefangen zu sein ankämpfen. Wie lange noch würden sie sich durch diesen engen verschlungenen Weg winden? Wo war dieser unendliche Pfad zu Ende? Fest umklammerte sie Severus Hand.
Er war ihre Stützte, sie brauchte ihn, ansonsten würde sie wahrscheinlich hier unten ihren Verstand verlieren. Die grauenhaften Geräusche von Baloghs Männer in ihrem Rücken trugen das übrige dazu bei an ihren nur mehr hauchdünnen Nerven zu zehren. Ihr fiel zunehmend das Atmen hier unten schwerer und schwerer. Die Luft wurde eindeutig dünner und stickiger und oft musste sie die Augen schließen, weil sie das Gefühl nicht loswurde die Wände kamen auf sie zu und wollten sie erdrücken.
Ein kurzes Aufflackern, dass war das erste Zeichen dafür, das die Fackel nicht mehr lange brennen würde. Schon bald würde sie die absolute Finsternis verschlingen. Unbewusst umfasste Severus Hermiones Hand fester. Die Schatten wurden immer länger und wirkten durch das Unruhige flackern lebendig. Sein Verstand begann ihm Dinge vorzugaukeln die es nicht gab. Er sah Schemen auf sich zu kriechen, meinte ihre grausig kalten Finger auf sich zu spüren. Hier unten konnte selbst ein starker Geist bei zu langem Verweilen seinen Verstand einbüssen. Immer mehr konzentrierte er sich drauf einfach weiter zu gehen. Nur weiter um endlich aus diesem Loch, diesem Grab zu entkommen. Beständig führte der Weg jetzt wieder nach oben. Severus wertete das als gutes Zeichen.
*
Unermüdlich trieb er seine Männer an. Er konnte fühlen, dass sie ganz nahe waren, auch wenn er ihr Licht noch nicht sah. Er musste sie zu fassen bekommen, bevor sie den Ausgang aus diesem Tunnel erreichten. Doch das war nicht alles. Zornig registrierte er dessen vorhanden sein. Was wusste er noch nicht alles von seinem Schloss? Was hatte man ihm noch alles verschwiegen?
Hatte er als rechtmäßiger Herr auf diesem nicht das Recht alles zu erfahren? Er würde, sobald er die beiden zur Strecke gebracht hatte, jeden auf dem Schloss solange "befragen" bis er alles über dieses alte Gemäuer wusste. Diese Frau, die sich ihnen unnötiger Weise in den Weg stellte, die konnte er nun nicht mehr fragen. Gleichgültig wischte er der das Schwert an seiner Hose ab. All zu schnell begann eine gute Klinge unter Blut zu rosten und verlor so ihre schärfe, ein Makel den er nicht duldete.
Doch er hielt sich nicht lange damit auf. Es gab noch einen Grund warum er so unermüdlich hinter ihnen herhetzte – sie hatten sein Buch! Was wenn sie es lesen konnten? Was wenn sie wussten wie sie es benutzten konnten? Die Macht würde sich in seinem Reich neu verteilen! Er musste das unter allen Umständen verhindern, koste es was es wollte, sie mussten aufgehalten werden.
*
Trotzig vor sich hinmurmelnd stapfte Eldor hinter Doro her. Er verstand immer noch nicht was an dessen Plan besser sein sollte. Auch wenn es diesen Tunnel gab, wer sagte ihm das Hermione und Severus davon wussten, geschweige den diesen auch nutzten? Niemand! Genauso gut hätten sie weiterhin auch den Wald einfach auf der Suche nach Spuren von den Beiden absuchen können, es lief auf dasselbe hinaus, fand zumindest er.
Schön langsam wurde er müde, er war alt und heute war ein Tag, besser gesagt eine Nacht wo er das zu spüren bekam. Ihn schmerzten seine Glieder und kündeten Schnee an, aber er war nicht allein. Auch Doro machte seine Kopfverletzung zu schaffen. Er merkte wie auch er langsamer wurde. Wie er immer bedächtiger die Füße voransetzte. Doro war genauso geschafft wie er.
„Lass uns eine Pause machen!" Schlug Eldor vor und es war als hätten ihn seine Beine genau verstand.
Fast knickten sie unter ihm ein. Die letzten Tage und Wochen forderten auch von ihm seinen Tribut und er war wirklich kein junger Spund mehr. Er war alt geworden. Dankbar blickte ihn Doro an. Er mochte es vielleicht nicht zugeben, aber auch er war völlig erschöpft und sein Kopf pochte noch immer unentwegt. Er wusste auch ohne Eldors Gemurmel, dass sie praktisch die Nadel im Heuhaufen suchten, aber das war immerhin besser als planlos im Wald rum zu laufen. So hatten sie wenigstens ein Ziel.
*
„Das ist das letzte Mal, dass ich dir helfe!" zischte ihr eine bekannte Stimme leise von hinten ins Ohr.
„Warum musstest du zurückkommen?"
Eigentlich wollte er sie das gar nicht fragen. Eigentlich war es ihm egal! Warum war sie nicht, so wie er es ihr befohlen hatte, geflohen?
„Ich musste meinen Bruder suchen – er ist alles was ich habe!"
Der Schmerz in ihrer Stimme schnitt ihm mitten ins Herz. Sie hatte bei diesem Massaker ihren Bruder verloren. Verdammt seiest du, Balogh! Du kannst nur Leid und Elend über die Menschen bringen, sonst nichts! Er durchschnitt ihre Fesseln, hielt sie aber an den Handgelenken fest.
„Folge mir!" flüsterte er eindringlich und ließ sie los.
Sahaela blickte sich konzentriert um. Keiner beachtete sie. Die Männer schliefen tief und fest und die die Wache hielten, waren alle am Rande des Lagers verteilt. Sie schlich gebückt hinter dem Hauptmann her. Vertrauensvoll folgte sie ihm an eine geschützte Stelle.
Kaum hatte sie sich aufgerichtet, packte er sie grob an den Armen und schüttelte sie heftig durch, sodass ihre Zähne schmerzhaft aufeinander schlugen.
„Du bringst mich in eine sehr schwierige Situation!" herrschte er sie zornig an und wartete dann auf eine Antwort, die natürlich nicht kam.
Noch immer schüttelte er sie durch. Sahaela glaubte ihr letztes Stündlein hatte geschlagen. Garantiert brach er ihr noch das Genick, wenn er so weitermachte. So als kämen ihm ähnliche Gedanken ließ er sie abrupt los und ging auf Abstand.
„Ich…es tut mir leid, aber ich musste es einfach wissen. Vielleicht hat er überlebt? Er ist doch alles was ich habe!" Ihr Blick wurde ganz traurig und er konnte sehen wie sich ihre Augen mit Tränen zu füllen begannen.
„Außer dir hat niemand überlebt!" sagte er tonlos.
Er sah über sie hinweg auf die Blätter der Bäume die sich sanft im Nachtwind wiegten um nicht länger ihren Schmerz ertragen zu müssen.
*
„Severus?" wisperte sie.
Sie wagte es hier nicht ihre Stimme zu heben. Er runzelte die Stirn und blickte leicht über die Schulter zurück, gab ihr so zu verstehen, er hatte sie gehört, wollte aber um nichts in der Welt anhalten.
„Severus, was wenn dieser Tunnel endlos ist? Was wenn er kein Ende nimmt und wir hier für immer gefangen sind?" Sie sprach aus, was er sich heimlich dachte.
Sie waren Ratten in einem Labyrinth, einem Labyrinth ohne Ausgang. Nein! Konzentrier dich! Du darfst nicht aufgeben! Ermahnte er sich streng. Entschlossen drehte er sich zu Hermione um. Ernst und feierlich sah er sie an. Er liebte sie.
„Ich bringe uns hier raus, das schwöre ich dir!" Dann zog er sie weiter.
Besorgt sah er auf die Fackel, nicht mehr lange. Vielleicht nur noch wenige Augenblicke und dann würde sie erlöschen. Hinter sich vernahmen sie immer noch die näher kommenden Stimmen. Balogh gab nicht auf. Schon gar nicht, da sie ihm sein Buch gestohlen hatten.
Im immer spärlicher werdenden Licht stutzte er plötzlich. Der Gang war zu ende. Es ging nicht mehr weiter. Sie waren in eine Falle geraten. Dieser Gang führte nicht in die Freiheit, sondern in ihr Verderben, denn sie standen nicht vor irgendeiner Öffnung, einem Ausgang oder dergleichen, sondern vor blankem, kaltem, nackten Stein!
Das musste die Ironie des Schicksals sein, anders konnte er sich das nicht erklären. Diese Frau war umsonst gestorben. Er war umsonst geflohen und hatte völlig umsonst dieses Buch gestohlen. Und Hermione? Sie starb durch seine Schuld.
„Es tut mir leid…" sagte er leise. Er fühlte sich, als hätte er versagt. Hermione stand an seiner Seite und blickte hoch zu ihm.
„Es ist nicht deine Schuld!" meinte sie ernst und begann den Stein abzuklopfen.
„Vielleicht gibt es doch einen Ausgang…wir sollten versuchen ihn zu finden!" Plötzlich war sie es die Hoffnung gab und so suchten sie gemeinsam, Seite an Seite, nach einem Weg in die Freiheit.
*
Sie blickten einander unschlüssig an. Die Verzweiflung war beiden anzusehen. Sie würden den Eingang zum Tunnel niemals finden. Seit vielen, vielen Jahren hatte ihn niemand benutzt und mochte auch Doro von dessen Existenz wissen, so wusste er dennoch nicht wo er genau lag und er konnte praktisch überall sein.
Überall konnte er beginnen und zu Ende sein. Sie beide waren müde, erschöpft und dennoch wollten sie nicht aufgeben. Eldor erhob sich, er fühlte wie ihm die Beine zitterten. Ein bisschen noch! Halte ein bisschen noch durch! Redete er seinem Körper gut zu und wie als hätte dieser ihn verstanden fühlte er sich stärker. Sein Körper mobilisierte seine letzten Kräfte und mit neuem Schwung schritt er aus.
„Lass uns weitergehen!" schlug er vor und kämpfte sich durch das fast undurchdringliche Dickicht vor sich. Plötzlich stöhnte Doro hinter ihm schmerzhaft auf. Er war mit dem Fuß in einen Kaninchenbau geraten und steckte fest.
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„Hauptmann!" rief einer seiner Männer.
„Die Gefangene ist geflohen!"
Sahaela keuchte ängstlich auf. Schutzsuchend stellte sie sich an die Seite des Hauptmannes. Doch dieser riss sie grob an sich und drückte sie an seinen Körper. Mit großen Augen sah sie hoch zu ihm. Plötzlich wurde ihr klar, auch er war nur ein Mann und sie ihm hilflos ausgeliefert.
Er konnte mit ihr machen was er wollte und keiner würde ihr helfen. Sie schluckte und flehte ihn stumm mit den Augen an Gnade walten zu lassen, ihr nichts zu tun. Zwischen den Bäumen kam einer seiner Soldaten auf sie zu. Erstaunt betrachtete er die Szene vor sich.
„Verschwinde!" herrschte der Hauptmann ihn an, ohne ihn eines Blickes zu würdigen.
Seine Augen waren einzig auf sie gerichtet. Er las die Angst, die ihr ins Gesicht geschrieben stand und erkannte in ihren Augen dass er ein Monster war.
„Ich möchte mich mit unserem Gast ein bisschen amüsieren!" fügte er noch mit einem schmutzigen Lachen hinzu, was Sahaela einen Schauer der Furcht über den Rücken jagte.
Der Mann stimmte in sein Lachen ein und verschwand wieder.
„Und sag den Männern, wenn ihnen ihr Leben lieb ist, halten sie sich fern von hier!" brüllte er noch hinter ihm her.
Kaum war dieser außer Sicht, ließ er sie wieder los. Dankbar atmete Sahaela auf, sie hatte tatsächlich geglaubt er würde über sie herfallen.
„Gewalt gegen Frauen liegt mir nicht!" meinte er trocken. Er setzte sich auf sein Lager und wartete schweigend bis sie neben ihm Platz genommen hatte.
*
Erde rieselte auf ihre Köpfe. Blinzelnd blickten sie nach oben, aber die Fackel hatte bereits ihr letztes Licht geworfen und war bereits verloschen. Severus tastete nach oben um zu fühlen ob es vielleicht dort einen Weg nach draußen gab. Das einzige, was er zu fassen bekam, war ein Fuß.
Ein Fuß!
Heftig zog er daran und bekam einen Schmerzenschrei von oben als Antwort. Auch Hermione starrte neugierig und hoffnungsvoll nach oben, doch außer undurchdringlicher Schwärze konnte sie nichts sehen. Immer mehr Erde rieselte auf sie herab. Wahrscheinlich wurden sie jetzt tatsächlich lebendig begraben.
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„Was hast du?" Doros Schrei ließ Eldor sich heftig umdrehen. Eilends kam er zurück und besah sich dessen Dilemma.
„Ich stecke fest und da unten ist irgendetwas!" Wie zur Unterstreichung seiner Worte zog ihn etwas heftig nach unten.
Eldor packte ihn fest an den Schultern und versuchte ihn festzuhalten. Plötzlich gab das lockere Erdreich nach und sie purzelten geradewegs in die Tiefe und in die Arme von Hermione und Severus. Verblüfft betrachteten sie einander.
Durch das nun klaffende Loch von oben drang spärliches Licht zu ihnen herab. Sie hatten die beiden gefunden, doch sie waren nicht allein. Aus dem dunklen Gang strahlte ihnen das Licht von Fackeln entgegen.
Balogh hatte sie schon fast erreicht. Eldors Augen weiteten sich vor Angst, doch Doro wollte sich auf ihn stürzen und ihn für den Schmerz den er ihm zugefügt hatte umbringen. Dieses Ungeheuer hatte seine süße, unschuldige Schwester getötet und dafür würde er ihn töten!
