~Kapitel 26~
Lilah quälte sich am nächsten Morgen aus dem Bett. Sie sah auf ihren Wecker und seufzte. So sehr sie auch lieber liegen bleiben wollte und sich nicht in der Kanzlei blicken lassen wollte, so wusste sie auch, dass sie das nicht konnte. Die Anwältin wollte keine Schwäche zeigen und jetzt zu kneifen wäre definitiv Schwäche zeigen. Also duschte sie, wie immer, nur länger, um sich zu entspannen. Frühstückte wie immer, trank aber einen Kaffee mehr. Schließlich fuhr sie zum Wolfram und Hart Anwaltsgebäude.
Viel lieber wäre sie ins Krankenhaus zu ihrer Schwester gefahren, um zu sehen, wie es ihr ging. Aber offensichtlich hatte sich nichts getan über Nacht, denn es kam kein Anruf. Im Parkhaus sah sie sich um. Holland's und Lindsey's Wägen standen schon da. Also dann, auf ins Ungewisse! Lilah ging schnurstracks zum Fahrstuhl und verschwand so schnell es ging in ihrem Büro.
Dort angekommen schloss sie die Tür hinter sich und wollte gerade aufatmen, als sich ihr Bürostuhl verselbstständigte und sich zu ihr umdrehte.
„Warum so in Eile, Lilah?" Die Angesprochene schloss kurz die Augen, um sich zu fassen. „Holland! Ich ähm, habe noch so viel zu tun…" Sie lachte kurz nervös auf. „Ja, das glaube ich Ihnen sofort, nach der Aktion gestern. Sie haben die Firma und ihre Ziele verraten, einen Plan ihres Kollegen vereitelt und sich auf eine nette Zusammenarbeit mit dem Projekt selbst eingelassen. Das ist sicher eine Menge Papierkram."
Lilah räusperte sich und fand ihre Selbstsicherheit wieder. Sie war so wütend, dass sie ihrem Boss sofort eine reinhauen könnte, antwortete aber gelassen: „Nun ja. Genau genommen habe ich gar nichts getan, außer mich um meine Schwester, die mein hoch geschätzter Kollege wegsperren und foltern wollte, zu kümmern. Für Angel's Handlungen bin ich nicht verantwortlich."
Holland warf ihr einen anerkennenden Blick zu, er dachte nicht, dass sie sich so schnell im Griff haben würde, offensichtlich hatte er sie unterschätzt. „Nun, es war natürlich nicht beabsichtigt, Ms. McIntyre wehzutun und das tut mir auch sehr leid. Trotzdem ist Ihnen doch klar, dass ihr Handeln Konsequenzen mit sich zieht?!" Lilah hob eine Augenbraue. „Ähm, natürlich…" Jetzt bin ich aber gespannt… Ihr Herz fing an, ein wenig schneller zu schlagen.
„Gut." Holland stand auf und bewegte sich auf Lilah zu. Als er vor ihr stand, setzte er sein typisches Lächeln auf. „Sie werden in einer Stunde von den Seniorpartnern im großen Konferenzraum erwartet. Viel Glück!" Lilah musste hart schlucken. Die Seniorpartner! Sie hatte mit allem gerechnet, aber nicht damit. Ich bin geliefert! Holland wollte eben ihr Büro verlassen, als Lilah noch einmal zum Sprechen ansetzte.
„Ach, Holland!" Er wandte sich seiner Mitarbeiterin zu. „Ich hoffe, dass Sie meine Schwester nun in Ruhe lassen. Sie hat das Kind verloren, also besteht für Sie kein Grund mehr, sie zu belästigen. Denn nun wird sie Ihnen erst Recht keine Informationen liefern!" Lilah setzte ebenfalls ein falsches Lächeln auf und machte eine Geste, dass Holland ihr Büro nun verlassen konnte. Dieser war erst ein wenig verdutzt, ging aber dann wieder in sein Büro.
Lilah bereitete sich in den Minuten die sie noch hatte auf das Gespräch mit den Seniorpartnern zu. Auch wenn sie wusste, dass es beinah sinnlos war, sich zu verteidigen. Kurz bevor sie zum Konferenzraum aufbrach, rief sie noch einmal im Krankenhaus an. Sie erfuhr, dass Lilliana noch nicht aufgewacht war, aber ihr Zustand sich nicht verschlechtert hatte, also war sie stabil.
Lilah atmete auf. Danach rief sie im Hyperion an. Sie wusste nicht wieso, aber ihr war klar, dass sie für alle Fälle vorsorgen musste. Cordelia ging heran und Lilah ließ sich an Angel weiterleiten. Nach scheinbar ewiger Zeit meldete sich eine männliche, aber tonlose Stimme. „Ja?" „Angel? Hier ist Lilah." Das schien den Vampir zu überraschen.
„Lilah. W-was ist passiert?" „Hören Sie zu. Ich bin in der Kanzlei – keine Angst, diese Leitung ist abhörsicher. Ich weiß nicht, was hier heute noch alles passieren wird, vor allem, was mir passieren wird. Ich möchte, dass Sie sich um Lilliana kümmern. Beschützen Sie sie, bringen Sie sie hier weg, sobald sie stabil genug ist…" Angel unterbrach die Anwältin. „Was? Wie? Soll ich vorbeikommen?!" Lilah lachte kurz auf. „Nein! Entweder ich schaff's selber hier raus oder eben nicht. Ich möchte nur, dass Sie sich auf Lilliana konzentrieren, da ich nicht weiß, ob die Kanzlei ihre Pläne wirklich aufgeben wird." Der Vampir wollte gerade noch etwas sagen, als Lilah wieder anfing. „Okay, ich muss jetzt los. Ähm, danke!" Und schon hatte sie aufgelegt. Angel sah verwirrt das Telefon an.
Lilah stand tief atmend vor dem großen Konferenzraum. Sie sah sich um, aber sah niemanden. Logisch, niemand hat etwas gesehen, also ist auch nie etwas passiert. Die Firma mag keine Zeugen, das wusste sie nur allzu gut. Sie sammelte ihr ganzes Selbstbewusstsein und betrat den Raum. Darin saßen nur drei Gestalten in langen dunklen Roben, die Gesichter waren verdeckt.
Weder eine Spur von Holland noch von Lindsey. „Lilah Morgan?" fragte eine tiefe, dunkle Stimme. Die Angesprochene nickte und setzte sich auf den ihr angebotenen Stuhl. Nach einem scheinbar endlos langen Gespräch verließ die Anwältin den Konferenzraum. Lächelnd. Sie blickte direkt in Hollands fragende Augen. Lindsey stand sprachlos daneben.
„Sie wirken überrascht." Er schaute Lilah immer noch an, als würde er einen Geist sehen. „Ich bin in der Tat überrascht." entgegnete er schließlich. „Nun, man muss doch nicht alles mit Gewalt regeln, manchmal tut es auch ein klärendes Gespräch. Aber falls Sie Einzelheiten erfahren wollen, können Sie die Seniorpartner gerne selbst fragen. Sie wollen nun mit Ihnen sprechen."
Diesmal grinste Lilah und ging an ihm vorbei. Holland warf einen Blick auf Lindsey. Er wusste, dass Lilah eine Kämpferin war und gut im Umgang mit Worten, aber dass das auch bei den Seniorpartnern wirkte, bezweifelte er. Bis jetzt. Schließlich betrat er dann seinerseits den Konferenzraum. Lindsey schaute Lilah irritiert an, diese grinste immer noch doch als ihr Blick Lindsey's traf, wandelte er sich in eiskalt und ausdruckslos.
Lindsey hielt Lilah auf. „Es tut mir wirklich leid. Ich… Es… musste… Ich wollte Lilliana nie weh tun, aber ich hatte keine andere Wahl! Wie geht es ihr?" Lilah presste ihre Lippen aufeinander, um ihn nicht anzuschreien. Als sie sich sicher war, dass sie ihre Stimme unter Kontrolle hatte, antwortete sie. „Es tut Ihnen leid? Es tut Ihnen wirklich leid? Na das ist ja beruhigend! Lilliana liegt im Krankenhaus und das wohl noch eine Weile. Sie hat ihr Baby verloren und ist auch sonst nicht in einem Zustand den man als ‚Gesund' bezeichnen würde. Aber wenigstens tut's Ihnen leid."
Sie schüttelte ihren Kopf und wollte eben weitergehen, als Lindsey weitersprach. „Ich hätte das gar nicht annehmen dürfen. Sie hatten recht, als sie sagten, dass auch eine persönliche Sache dahintersteckt, zumindest teilweise. Aber ich meine…" er deutete auf die Tür des Konferenzraumes. „Ich war ein Feigling, anstatt das zu tun, was ich tun sollte, hab ich getan, was mir gesagt wurde – aus Angst. Ich würde gern etwas tun, um die Sache ungeschehen zu machen." Lilah zog erneut ihre Augenbraue in die Höhe.
„So? Nun, da gibt es tatsächlich etwas…" Lindsey blickte die Anwältin erwartungsvoll an. „Als Erstes könnten Sie Dr. Fetvanovich nach Hause schicken, danach legen Sie das Teilprojekt ‚Lilliana' zu den Akten und danach gönnen wir Angel ein wenig Ruhe und danach… hmm da fällt mir schon was ein." Lilah grinste ihr Gegenüber an, der sie erneut verwirrt ansah. „Aber Holland…"
Lilah's Grinsen wurde breiter.„Oh, ich glaube um den brauchen wir uns keine Sorgen mehr zu machen. Er war wirklich ein guter Lehrer, aber irgendwann kommt immer die Zeit, wo der Schüler zum Meister wird." Lilah tappte davon , blieb aber nach ein paar Schritten stehen. „Oh, ich könnte noch ein wenig Hilfe beim Umzug in mein neues Büro brauchen…" Damit verschwand sie. Lindsey sah ihr fassungslos nach. Was zur Hölle war gerade passiert?
Die Tür des Konferenzraumes öffnete sich nicht mehr.
TBC
