25. Kapitel
Sie griff nach seiner Hand und zog ihn zum Bett.
"Reparierst du's?", bat sie, während sie selbst einen Reinigungszauber sprach und vorsichtshalber die Tür verriegelte.
"Funktioniert der Portschlüssel noch? Nur für den Fall, dass wir schnell verschwinden müssen."
Er nickte.
"Genug der Ausreden, komm her!"
Er lehnte am Kopfende des Bettes und streckte ihr die Hand entgegen.
Sie setzte sich, zog in zu sich herab und schmiegte sich an ihn.
"Also?", fragte er leise und vergrub sein Gesicht in ihrem Haar. Eine Spur des Kräuterduftes war noch zu erahnen. Es schien ihm Jahre her zu sein, dabei waren doch erst wenige Stunden vergangen, seit sie gemeinsam am Sofa saßen und er ihr von Minervas Brief erzählte.
"Ich hatte so schreckliche Angst! Du warst fort und irgendwie wusste ich genau, was du vorhattest, wo du hinwolltest."
"Askaban!", murmelte er und sie erschauderte.
"Also hatte ich recht. Aber jetzt bist zu hier?"
"Ich konnte es nicht."
Er schüttelte den Kopf.
"Zuerst dachte ich, es wäre eine gerechte Strafe, alles zu vergessen, aber dann ..., dann hab ich deine Augen vor mir gesehen und gewusst, ich schaffe es nicht. Und so kam ich hierher, weil ..., weil hier alles begonnen hat und hier, hier sollte es auch enden."
"Du wolltest hier sterben?", hauchte sie entsetzt.
Er drückte sie fester an sich, erwiderte aber nichts und sie begriff, dass er nie wieder darüber sprechen würde. Dennoch war ihr plötzlich eiskalt. Wenn sie nun zu spät gekommen wäre?
Schnell schüttelte sie den Gedanken ab, konzentrierte sich auf ihre eigenen Erlebnisse und sprach rasch weiter, schilderte ihre Ankunft im Fuchsbau, das Zerwürfnis mit Ron und danach die Versöhnung, als er begriff, wie stark ihre Gefühle waren, die Suche nach dem Haus und das Missverständnis bezüglich des Kusses. Nur die Szene wegen des Bettes verschwieg sie wohlweislich.
"Und dann hatte Ron diesen Geistesblitz mit der Heulenden Hütte", beendete sie ihre Erzählung.
Severus schwieg lange und Hermine saß einfach nur da und lauschte dem kräftigen Schlag seines Herzens.
"Du hast etwas vergessen", sagte er schließlich und sie blickte ihn verwirrt an.
Seine Augen funkelten, ein wenig so wie früher und Hermine spürte wieder das vertraute Kribbeln am ganzen Körper. Was hatte er nur an sich, dass ein Blick genügte, um sie dermaßen zu erregen?
"Alt und hässlich?", murmelte er gefährlich leise direkt in ihr Ohr. Sein heißer Atem ließ sie erschaudern.
"Sag's mir, oder ich durchsuch deinen Geist!", knurrte er drohend.
Sie versuchte mit aller Macht, den süßen Schmerz in ihrer Mitte zu ignorieren, den seine Stimme in ihr auslöste und sah unschuldig zu ihm auf.
"Kurzfassung oder wortwörtlich?"
"Haarklein, mit Punkt und Komma!"
Sie zuckte mit den Schultern.
"Na schön, aber wehe du sagst ihm, dass du's von mir weißt!", forderte sie unsinnigerweise.
Seine Mundwinkel zuckten und Hermine vibrierte mittlerweile förmlich vor herrlicher Qual. Wie sehr sie diesen Mann begehrte! Sie leckte sich über die trockenen Lippen und konzentrierte sich voll und ganz auf Rons Worte, um sich abzulenken.
"Der ist weg, weil er'n schlechtes Gewissen hat. Weil er sich nämlich in dich verliebt hat. Du hast ihn fühlen lassen, dass er ein Mensch ist und kein Monster. Aber trotzdem würd er im Leben nie drauf kommen, dass du dasselbe fühlst. Wie auch? Es ist Snape, keiner kann ihn leiden und - er ist alt und hässlich! Und weißt du was? Ich trau mich zu wetten, der wünscht sich nichts mehr, als dass du nach ihm suchst. Und da kommt ja wohl nur ein Ort in Frage, oder? Zufrieden?"
Hermine hatte ihn keine Sekunde aus den Augen gelassen, doch seine Miene war unergründlich. Unmöglich konnte sie sagen, was er empfand. Doch plötzlich verzogen seine Lippen sich zu einem anerkennenden Grinsen. "So viel Verstand hätte ich dem Rotschopf nun wirklich nicht zugetraut. Dafür hätte er glatt ein 'Ohnegleichen' verdient."
Dann packte er sie völlig überraschend, drückte sie rücklings aufs Bett und beugte sich drohend über sie.
"Und wenn du ihm das je verrätst, lernst du mich von meiner dunkelsten Seite kennen."
Was diese Drohung mit ihrem Körper anstellte, war unbeschreiblich und als seine Lippen die ihren berührten, ließ ihr Verstand sie völlig im Stich. Jegliche Hemmung verschwand. Sie zog ihn zu sich herab, ihre Finger gehorchten ihr nicht mehr, wagten sich an Stellen vor, die sie noch bei keinem Mann zuvor berührt hatte.
Und plötzlich explodierte die Tür.
Severus reagierte so schnell, dass er Minervas Zauberstab bereits in Händen hielt, bevor sie die Schwelle überschritten hatte. Schwer atmend stützte die Direktorin sich am Rahmen ab.
Hermine nutzte die Gelegenheit, sich unbemerkt vom Bett zu stehlen. Es dauerte ein wenig, bis ihr Atem sich beruhigt hatte. Sie fuhr sich durchs Haar, das glücklicherweise ohnehin immer ziemlich durcheinander war und trat dann neben Severus, der wie erstarrt dastand und griff nach seiner Hand.
Minerva McGonagall quittierte die Geste mit einem erleichterten Lächeln, bevor sie Severus mit einem grimmigen Blick bedachte.
"Meinen Zauberstab!", forderte sie energisch und endlich kam wieder Leben in Severus.
"Verzeihen Sie mir, Minerva!", bat er und reichte ihr den Stab.
Sie schwankte leicht als sie danach griff. Doch dann straffte sie die Schultern und sah Severus direkt ins Gesicht.
"Nicht an mir ist es zu verzeihen", sagte sie ernst und blickte ihn fragend an. "Können Sie mir vergeben?"
"Natürlich!", erwiderte Severus fest und ergriff die Hand, die sie ihm zögernd entgegenstreckte. Dann lächelte er leicht. "Sogar die Fledermaus", fügte er hinzu und Hermine sah ihn verdutzt an.
"Was?"
Er lachte leise und auch Minerva schmunzelte.
"Es war mir ernst, Severus. Hogwarts wird nicht mehr das Gleiche sein ohne die düstere Fledermaus aus den Kerkern. Und so lange ich lebe, bleibt das Angebot bestehen."
Sie drückte seine Hand fester und deutete dann auf das Bett.
"Wollen wir uns setzen. Der Weg hierher war doch etwas anstrengend."
Severus stützte sie und sie ließ es sich ohne zu murren gefallen. Sie musste wirklich erschöpft sein. Ächzend ließ sie sich nieder und lächelte dann Hermine an.
"Wieder einmal waren Sie schneller als ich und ohne etwas Hilfe wäre ich niemals auf diesen Gedanken gekommen."
Sie wandte sich wieder an Severus.
"Und jetzt erzählen Sie mir, welcher Teufel sie geritten hat, als sie ihr Versteck verließen."
Sie ließ ihn nicht aus den Augen, sah ganz deutlich, wie seine bleichen Wangen sich verfärbten. Sein Blick wurde weich, als er zu Hermine hinübersah und Minerva nickte verstehend.
"Angst vor Gefühlen mag oftmals berechtigt sein, aber in diesem besonderen Fall ist sie unbegründet."
Verwirrt richtete sein Blick sich wieder auf sie und sie ergriff erneut seine Hand.
"Ich hatte ein langes Gespräch mit einer gemeinsamen Freundin, Severus. Sie kennen ihre Fähigkeiten besser als ich. Ihr Gespür für Gefühle kann man nicht betrügen."
Severus nickte langsam. Worauf wollte Minerva hinaus?
"Kommen Sie zu mir, Kind."
Die Direktorin streckte ihre zweite Hand Hermine entgegen und die setzte sich neben sie und sah sie fragend an.
"Als Hüterin der Löwen musste ich sicher sein, bevor ich die begabteste Schülerin, die mein Haus je hatte, einer Schlange anvertraue."
Mit diesen Worten legte sie Hermines Hand in Severus.
Sprachlos sahen die beiden sie an.
Schmunzelnd sprach Minerva weiter.
"In den Augen einer Elfe ist der Altersunterschied unerheblich und ich sehe es ähnlich. Viel wichtiger sind für eine glückliche Beziehung Gemeinsamkeiten in Wesen und Geist und die alle aufzuzählen, erspare ich mir. Ihr kennt sie selbst. Auch eure Gefühle gehören dazu. Sie sind identisch!"
Hermines Herz stolperte.
Identisch?
Auch Severus ohnehin rasendes Herz geriet aus dem Takt.
Sie fühlte das gleiche wie er? Genau das gleiche?
"So!", sagte Minerva betont streng, "und jetzt verschwindet von hier und überlasst alles weitere Kingsley und mir."
Diesmal konnte sie ihr Erröten nicht verbergen, aber weder Severus noch Hermine bemerkten es. Sie hatten nur Augen füreinander.
Minerva McGonagalls leises Seufzen begleitete sie, als sie gemeinsam nach dem Portschlüssel griffen.
Hermine schwankte nur ganz leicht, als sie ihr Ziel erreichten, aber trotzdem hielt Severus sie fest. Ihre Blicke waren noch immer verschmolzen. Wie ein leises Echo hallte das bedeutsame Wort durch ihren Geist.
Identisch!
War das wirklich möglich?
Die Wärme, die Geborgenheit, das Glück in den Armen des anderen, empfanden sie tatsächlich das selbe? Und das andere, tiefere, unterdrückte, für beide so unbekannte Gefühl, das sie wie eine innere Glut verzehrte. War auch das identisch?
Sie lasen die Antwort in ihren Augen, trafen dort auf das eigene Verlangen. Völlig unmöglich schien es plötzlich, sich noch länger zu beherrschen. Ihre Körper drängten sich aneinander, ihre Lippen trafen sich voller Lust.
"Hmkhm!", ertönte es plötzlich laut und deutlich und völlig taktlos hinter ihnen und wieder fühlten beide das Gleiche, die Hitze, die ihnen in die Wangen stieg und den heftigen Wunsch, hier und jetzt im Erdboden zu versinken.
Doch kein Spalt tat sich unter ihnen auf, keine Rettung gab es vor der entsetzlichen Peinlichkeit dieser Situation. Nur eine! Angriff ist bekanntlich die beste Verteidigung.
Severus fuhr so rasant herum, dass seine Robe sich bauschte und durchbohrte Ron mit seinem bedrohlichsten Todesserblick, aber irgendetwas schien die Wirkung zu schmälern.
Der Rotschopf wurde zwar blass, aber sein Grinsen verstärkte sich trotzdem und dann begann er lauthals zu lachen. Auch Harrys Mundwinkel zuckten verdächtig und Ginny presste eine Hand auf den Mund, aber ein Kichern konnte sie trotzdem nicht unterdrücken.
Und Severus verstand nur zu gut. Sie lachten über ihn! Einen alten, verliebten Narren, der nicht imstande war, seine Gefühle zu beherrschen.
Es tat weh, verdammt weh!
So weh, dass er es nicht länger schaffte, seine Maske aufrecht zu erhalten. Und für einen kurzen Moment, bevor er sich umwandte und zur Tür stürzte, erhaschten alle drei einen Blick auf einen zutiefst verletzten Menschen, der sich selbst verachtete.
