Kapitel 26 – Gefühlschaos

An der nächsten Kreuzung verabschiedete er sich knapp und bog links ab. Hermione ging wie in Trance in die entgegengesetzte Richtung und kaufte das Kräuterbuch. Als sie wieder im Haus des Ordens eintraf, erwog sie kurz, das Mittagessen ausfallen zu lassen. Andererseits würde Professor McGonagall vielleicht über die Rückerlangung ihrer Magie sprechen und das wollte sie auf keinen Fall verpassen.

Am Tisch registrierte sie, dass für Harry nicht mit eingedeckt war und dass Severus Snape ihren Blick zu suchen schien. Doch als sie ihn erwiderte, wandte er seine Aufmerksamkeit Remus Lupin zu. Hermione zählte innerlich bis Zehn und wieder zurück, doch allein seine Anwesenheit reichte schon, um all ihre gerade gefassten Vorsätze, ihm kühl und gelassen zu begegnen, wieder ins Wanken zu bringen. Sie empfand so viel Zärtlichkeit für ihn. Wenn sie doch nur sein ambivalentes Verhalten verstehen könnte!


Ein Räuspern riss sie aus ihren Gedanken. „Du warst plötzlich ganz weit weg", lächelte Remus Lupin über den Tisch. „Professor McGonagall möchte euch etwas mitteilen."

Georges und Angelinas Blicke waren erwartungsvoll auf die alte Lehrerin gerichtet. Diese schmunzelte. „Sicherlich begrüßen Sie unsere Entscheidung, dass wir Ihnen morgen Ihre Zauberstäbe zurückgeben werden."

„Endlich!", rief George erfreut und hieb mit der Faust auf den Tisch. Angelina und Remus zuckten zusammen und die Suppenschüssel schwappte über.

„Das ist klasse. Aber wie wird das funktionieren?", fragte Angelina. „Wir haben doch sicher vieles verlernt?"

„Magie verlernt man nicht, Ms. Johnson. Allerdings wird einige Übung vonnöten sein, damit Sie diese wieder optimal einsetzen können", erklärte Professor McGonagall.

„Wir stehen als Übungspartner zur Verfügung, bis ihr sicher im Umgang mit den Zauberstäben seid", sagte Remus.

„Und was ist mit Harry?", erkundigte sich Hermione. „Wo ist er eigentlich?"

„Bei Professor Flitwick. Wir erwarten ihn in einer halben Stunde zurück, da er mit Professor Snape zu einem Ausflug verabredet ist. Erst, wenn er seine Vergangenheit annimmt und akzeptiert und entsprechend stabilisiert ist, wird auch er seinen Zauberstab zurückerhalten", erklärte Professor McGonagall. „Severus begibt sich heute mit ihm nach Godric's Hollow."

Bei der Erinnerung an Bathilda Bagshots Haus lief Hermione ein kalter Schauer den Rücken hinunter.

„Ich hätte begrüßt, wenn Sie Professor Snape begleiten, um ihn gezielt zu den Orten zu führen, an denen Sie mit Harry waren. Aber Severus lehnt dies ab", ergänzte die alte Lehrerin und warf ihrem Mitbewohner einen finsteren Blick zu.

Hermione forschte in seinem Gesicht. Was genau war sein Motiv dafür?

„Ich möchte Harry helfen", erklärte sie schließlich nachdrücklich.

„Ich muss Minerva Recht geben. Hermione sollte auf jeden Fall dabei sein, Severus", ließ sich nun auch Remus vernehmen. „Wenn ihr genau den gleichen Weg geht wie damals…"

„Genug jetzt! Kommen Sie in Merlins Namen mit, Ms. Granger. Wir treffen uns in einer halben Stunde im Garten", unterbrach Professor Snape.


„Godric's Hollow?", fragte Harry ungläubig. "Was versprechen Sie sich davon? Ich war ein Baby, als ich von dort weg musste! Dorthin brauchen wir außerdem Stunden!"

„Abwarten, Mr. Potter", entgegnete Professor Snape. „Und um die Reisezeit brauchen Sie sich nicht zu sorgen, denn wir werden apparieren."

Im nächsten Moment wurde ihre rechte Hand von seiner umschlossen und alles um sie herum begann zu wirbeln.

Die Geräusche, die kurze Zeit später neben ihr erklangen, waren eindeutig. Harry lehnte vornüber gebeugt an einem Baumstamm, grün im Gesicht. Auch Hermione hoffte inständig, dass das Drehen in ihrem Kopf bald aufhörte. Sie ließ sich auf dem weichen Boden nieder und stützte sich mit den Händen im feuchten Gras ab.

„Sie sind nicht mehr ans Apparieren gewöhnt." Der Klang von Severus Snapes Stimme drang zu ihr durch und sie schaffte es, die Augen zu öffnen. Er stand zwischen Harry und ihr und betrachtete sie abwechselnd.

„Wo sind wir?"

Er deutete stumm in eine Richtung und sie sah Giebel an Giebel in der Ferne. Godric's Hollow. Ihre Übelkeit verstärkte sich. Harry ließ sich neben ihr auf die Wiese fallen und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

Professor Snape zog eine Phiole aus dem Umhang hervor und zwei fingerhutgroße Gefäße, die er mit einer dunkelgrünen Flüssigkeit füllte und ihnen schweigend reichte.

Hermione hinterfragte den Inhalt nicht, sondern kippte ihn hinunter, in der Hoffnung, dass es ihr gleich besser gehen würde. Harry reagierte genauso.

Ein paar Minuten später stahl sich ein Grinsen auf Harrys Gesicht und er stand auf. „Auf dem Rückweg möchte ich direkt in mein Bett apparieren und diesen Trank auf meinem Nachttisch vorfinden."

Um Professor Snapes Augenwinkel zeigten sich kleine Fältchen. „Gehen wir."


Je näher sie dem Ort kamen, desto beklommener wurde Hermione zumute. Sie erkannte alles: Gleich würde links der Friedhof auftauchen, dann das Denkmal, dann das Haus der Potters, Mrs. Bagshots Haus...

Harry schritt wie ein Schüler auf dem Schulausflug neben ihr her, neugierig und unbekümmert. Gelegentlich hob er einen verschrumpelten Apfel vom Wegrand auf und begutachtete seine Essbarkeit. Doch als die ersten Kreuze sichtbar wurden, blieb er plötzlich stehen und ein Schatten huschte über sein Gesicht. Professor Snape beobachtete ihn aus den Augenwinkeln. Als Harry losrannte, beschleunigte auch er sein Tempo und Hermione hielt mit ihm Schritt.

Harrys erstickter Aufschrei ging ihr durch und durch. Offensichtlich war er zielgerichtet auf das Grab seiner Eltern zugelaufen. Als sie es erreichten, schlug er gerade mit den Fäusten auf die Erde ein.

Hermione kniete neben ihm nieder, legte den Arm um ihn und wiegte ihn hin und her wie ein kleines Kind. Sie sah zu Severus Snape, der am Zaun stehengeblieben war. Doch dessen Blick hing an Lily Potters Namenszug fest.

Schließlich wurde Harry ruhiger. „Lass mich allein."

Sie erhob sich und ging auf den Tränkemeister zu, der noch immer wie angewurzelt stand und Lily Potters Grab betrachtete. Hermione traute sich nicht, das Schweigen zu brechen. Sie entfernte sich ein Stück, lehnte sich an den Zaun, schloss die Augen und kämpfte gegen die Verzweiflung und Mutlosigkeit an, die sie an diesem Ort zu überwältigen drohten.


„Hermione." Als sie die Augen aufschlug, stand er vor ihr und betrachtete sie ruhig.

„Bei unserem letzten Besuch auf diesem Friedhof war Harry gefasst", sagte sie leise. „Ist ihm etwa erst jetzt wieder aufgegangen, dass seine Eltern tot sind?"

„Nein. Aber er ist momentan nicht in der Lage, alle Zusammenhänge herzustellen", entgegnete Professor Snape.

„Remus sagte, dass er alles, was direkt mit Voldemort zu tun hat, abwehrt."

Severus Snape schwieg und durch die schwarzen Haarsträhnen, die ihm der Wind ins Gesicht wehte, konnte sie nicht in seinen Zügen lesen. Der Zaun knarrte, als er sich mit dem Rücken dagegen lehnte und zu Harry hinüberschaute, der noch immer am Grab seiner Eltern kniete.

„Die Frage ist, inwieweit Mr. Potter als Horcrux durch Voldemorts Tod Schaden davontrug. Das gilt es vorrangig herauszufinden."

„Aber Sie haben Hoffnung, dass Harry nach und nach durch die entsprechenden Orte aus seiner Vergangenheit die Erinnerungen zulässt?"

„Ja."

„Und wenn es nichts bringt?"

„Als Option bleibt Legilimentik."

Hermione hörte deutlich heraus, dass er Legilimentik momentan nicht in Betracht zog, sondern vorher alle anderen Möglichkeiten ausschöpfen würde. Sie folgte seinem Blick, der erneut zum Grab von Harrys Eltern wanderte und auf Lilys Namen verweilte. Sein Gesicht verschloss sich. Vermutlich hatte er auch wegen des Friedhofs nicht gewollt, dass sie mitkam, denn Lily Potter war sicherlich das letzte Thema, über das er mit ihr sprechen würde.

„Ich warte auf der Wiese", murmelte sie. Hermione verließ den Friedhof mit schnellen Schritten und suchte sich einen Platz, wo das Gras von der Sonne getrocknet war und ihr der Stamm eines kleines Apfelbäumchens als Lehne diente.


Sie hob ein Blatt auf und seufzte. Während sie die filigrane Struktur mit dem Finger nachzeichnete, hing sie einmal mehr ihren Grübeleien nach. Das stetige Auf und Ab seiner Stimmungsumschwünge zermürbte sie zunehmend.

Das Rascheln des Laubs kündigte an, dass sich jemand näherte. Severus Snapes Haltung wirkte angespannt. „Ich war seit vielen Jahren nicht mehr an diesem Ort."

Hermione suchte nach den richtigen Worten, doch als sie sie nicht fand, nickte sie nur schweigend und stand auf.

„Es lag mir fern, Sie heute Vormittag zu brüskieren", sagte er unvermittelt.

Sie war zu überrascht, um zu reagieren, doch er sprach bereits weiter: „Ihre Erinnerungen an Malfoy Manor jedoch..." Er runzelte die Stirn. „Mr. Ollivander erwähnte zu keinem Zeitpunkt, dass man Potter und Sie dort ebenfalls gefangen gehalten hatte."

„Und Ron Weasley und Luna Lovegood…", ergänzte Hermione.

Severus Snape schien mit seinen Gedanken woanders zu sein und seine Lippen bewegten sich kaum, als er weitersprach. „Es war mir schon die ganze Zeit über unbegreiflich, wieso Ollivander nicht vermochte, anhand der Flüche auf den Gemälden Rückschlüsse auf den verwendeten Zauberstab zu ziehen."

Ihre Augen weiteten sich. „Sie glauben doch nicht etwa, dass er…"

„Ich werde Nachforschungen anstellen und bitte Sie, Stillschweigen über die Angelegenheit zu bewahren."

„Selbstverständlich." Severus Snape war zwar niemand, der Anschuldigungen aus der Luft greifen würde, aber dennoch konnte sich Hermione nicht vorstellen, dass Mr. Ollivander etwas mit der ganzen Angelegenheit zu tun hatte. Sie sah den alten freundlichen Mann plötzlich wieder vor sich auf dem Boden liegen, geschwächt von den Strapazen und erinnerte sich, wie langsam er sich bei Bill und Fleur davon erholt hatte.


Ein befangenes Schweigen breitete sich zwischen ihn aus.

„Mir ist bewusst, dass meine Theorie in Bezug auf Sie … in Bezug auf eventuelle Nachwirkungen des Schutzzaubers einem Irrtum unterlag."

Trotz dieses überraschenden Geständnisses ließ der Anblick seiner verschränkten Arme und seines verschlossenen Gesichts vermuten, dass er vorhatte, ihr jegliche Hoffnung in dieser Richtung zu nehmen. Hermione kam nicht gegen die Resignation an, die über sie hereinbrach. „Ist in den vergangenen Jahren irgendetwas zwischen Ihnen und mir vorgefallen, da Sie so sorgsam auf Abstand bedacht sind?"

„Nein", unterbrach er sie sofort und seine Augenbrauen bildeten einen dicken schwarzen Strich. „Wofür halten Sie mich? Glauben Sie etwa, dass ich Ihnen in anderer Gestalt … Avancen gemacht habe?"

Seine verärgerte Entgegnung bewirkte, dass ihr Blutdruck stieg und die Niedergeschlagenheit verdrängte. „Was bleibt mir denn anderes übrig, als zu spekulieren und alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, um eine Erklärung für Ihr … launisches Verhalten zu finden?"

„Wir haben in den vergangenen Jahren nie ein Wort miteinander gewechselt", erklärte er ruhig. „Meine Aufgabe war, Sie im Blick zu behalten und herauszufinden, warum Sie solche Schwierigkeiten in der Muggelwelt hatten. Aus gebührender Entfernung", setzte er nachdrücklich hinzu.

Hermione starrte ihn an. „Wir haben nie miteinander gesprochen? Aber wo sind Sie mir begegnet?"

„Überwiegend in Ihrem Studien- und Arbeitsumfeld. Ich setzte mich gelegentlich in Vorlesungen, an denen Sie teilnahmen und die Sie später selbst hielten, um Zugang zu Ihren Erinnerungen zu finden. Bisweilen begleitete ich Sie auf Ihrem Arbeitsweg. Ich wage zu bezweifeln, dass ich Ihnen jemals inmitten der vielen Menschen aufgefallen bin."

„Vermutlich nicht. Immerhin waren Sie Spion und geschult in diesen Dingen", sagte Hermione und ihre Gedanken überschlugen sich. Natürlich war es möglich, auch aus der Entfernung Zuneigung für jemanden zu entwickeln. Ebenso konnte sie nachvollziehen, dass er angesichts seiner und ihrer Vergangenheit in Hogwarts mit aller Macht dagegen angekämpft hatte, weil er diese Gefühle als unerfüllbar ansah. Aber die Situation hatte sich seither gründlich geändert. Plötzliche Entschlossenheit erfüllte sie mit Ruhe und Stärke. „Ich möchte verstehen, warum Sie Distanz suchen. Bitte lassen Sie mich nicht ohne dieses Wissen gehen."


Sein Schweigen schien eine Ewigkeit zu dauern. Endlich sah er sie an und es war, als ob er ihr für einen Moment Einblick in seine Seele gewährte. Hermione erkannte das Ausmaß seiner Zerrissenheit. Sein Lebensweg voller Verlust, Gefahr, Bitterkeit und Verzicht hatte ihn zu einem Einzelgänger geformt, dessen Schutz vor der Welt darin bestand, sie auf Abstand zu halten. Er sehnte sich nach zwischenmenschlicher Nähe und gleichzeitig wehrte er sie als seine größte Bedrohung ab.

Sie verstand in diesem Augenblick, warum er die Anziehung zwischen ihnen immer wieder zu neutralisieren und zu versachlichen versuchte. Wie anmaßend und naiv hatte sie geglaubt, dass sie jahrelang aufgebaute Schutzbarrieren einfach niederreißen könnte! Wieso war ihr nie der Gedanke gekommen, dass er solche Gefühle nach all seinen Lebenserfahrungen nicht freudig begrüßte und als Neuanfang ansah, sondern als Qual, die alte Wunden wieder aufriss? Sie dachte an seine Reaktion, als sie ihn auf Professor Dumbledores Tod angesprochen hatte und ihr war klar, dass er auch damit noch längst nicht im Reinen war.

Die schwarzen Augen hatten sich in der Zwischenzeit noch mehr verdunkelt und Traurigkeit schnürte ihr die Kehle zu. „Es fällt mir sehr schwer zu akzeptieren."

„Was zu akzeptieren, Hermione?"

„Dass sich unsere Wege trennen sollten. Ich werde das Haus des Ordens verlassen, sobald ich meine Magie zurückhabe."

„Halten Sie das für ratsam? Ihr Zauberstab und Ihre magischen Fähigkeiten müssen erprobt werden."

Hermione atmete ein paar Male die reine Herbstluft tief ein und aus, um die lähmende Verzweiflung, die ihre vertrauten Klauen nach ihr ausstreckte, zu bekämpfen. „Nein. Natürlich nicht! Aber wie soll ich weiterhin dort leben, immer in dem Wissen, dass Sie in der Nähe sind, aber Distanz suchen…"

„Seit Sie bei uns wohnen, ist es mir kaum möglich, mich auf meine Arbeit zu konzentrieren, geschweige denn, mein Leben so weiterzuleben wie bisher." Das unerwartete Leuchten in seinen Pupillen ließ Hermione überrascht blinzeln. „Doch abgesehen davon befinden Sie sich im Irrtum."

Die Welt um sie herum verschwamm. Hermione nahm nur noch den großen, hageren Mann wahr, der sie nachdenklich ansah.

„Alles, worum ich Sie bitten möchte, ist Geduld."