Sorely Engraved
Kapitel 26
Snape spritzte sich eine Ladung kaltes Wasser ins Gesicht und strich mit den Händen die nassen Strähnen zurück. Als er aufsah, verzog er die Mundwinkel. Die finstere Visage, die ihm vom Spiegel aus entgegenblickte, war schmal und hatte im ständigen Kontrast zu der fahlen Haut dunkle Ringe um die Augen. Er hatte schon immer eine unnatürlich blasse Farbe gehabt, genau wie seine Mutter.
Nachdem er genug gesehen hatte, drehte er sich um und ging zum Anziehen ins Schlafzimmer hinüber, damit er den Anblick seines Spiegelbilds nicht länger ertragen musste. Seine Wohnung war seltsam leer ohne Hermine. Er hatte sie früh aus dem Bett gescheucht und sie fortgejagt. Zuvor hatte er ihr allerdings versprechen müssen, dass sie sich bald in Spinner's End treffen würden.
Der Grund für seine miese Laune war einfach: Heute war die Beerdigung und als Lehrer von Hogwarts war es seine Pflicht, daran teilzunehmen. Er hasste Beerdigungen, ganz gleich welcher Art, ob nun die Zeremonien der Zauberer oder die der Muggel. Hätte der Dunkle Lord ihn abbestellt, wäre es ihm erspart geblieben, dort zu erscheinen, doch wie es aussah, hatte dieser andere Pläne und ließ ihn neuerdings lieber warten, anstatt ihm Instruktionen zukommen zu lassen.
Langsam ging er die Treppe hinauf, die von den Kerkern aus nach oben führte. Die Sicherheitsvorkehrungen im Schloss waren durch die Verdopplung der bereitgestellten Auroren noch einmal drastisch erhöht worden, nicht zuletzt, da hochrangige Mitglieder der Zaubererschaft erwartet wurden. Überall wo früher kleine Nischen oder dunkle Schlupflöcher gewesen waren, in denen man sich gut verstecken konnte, waren jetzt Wachen anzutreffen. Aber auch sonst stand Hogwarts einige Veränderungen bevor, die bisher nur wenigen zu Ohren gekommen waren. Egal wie es weitergehen würde, Snape bezweifelte, dass die Todesser vor dem Beginn des neuen Schuljahres noch einmal hier erscheinen würden. Das Ministerium zeigte trotzdem Präsenz. Es hielt es offenbar für wichtig, seinen angeschlagenen Ruf zu reparieren.
In der Großen Halle waren schon fast alle zum Frühstück versammelt, selbst der Zaubereiminister und seine Gehilfen, unter ihnen der verlorene Sohn der Weasleys. Als Snape seinen Platz erreichte und den Stuhl zurückschob, fiel sein Blick wie zufällig auf Hermine. Eine Weile sahen sie sich an, dann wurde er von Minerva in ein Gespräch verwickelt; sie machte immer noch einen zutiefst geknickten Eindruck.
Kaum einer rührte sein Frühstück an. Er brachte ohnehin keinen Bissen hinunter, die Ungewissheit nagte auch an ihm. Hermine hatte bereits verkündet, dass sie ihre Sachen gepackt hatte. Bald würde sie das Schloss verlassen und er sie vermutlich erst in Spinner's End wiedersehen. Zudem hallten noch immer Minervas Worte wie ein böses Omen in seinem Gedächtnis nach.
Sie hatten Draco mitgenommen.
Wenn er sich nicht drastisch irrte, steckte der Junge genauso in Schwierigkeiten wie er. Der Dunkle Lord würde ihnen nicht vergeben, dass sie versagt hatten.
Nachdem sich ganze Scharen an Schülern, Lehrern, sowie etlichen anderen Hexen und Zauberern zum See begeben hatten, wo man Dumbledore die letzte Ehre erweisen wollte, ging es los. Die Zeremonie an sich zog sich schier endlos dahin: Hagrid heulte, Minerva schniefte, Flitwick quiekte. Aber das war nicht das Schlimmste. Was ihn wirklich aufregte, waren die Leute, die hier eigentlich nichts verloren hatten, wie zum Beispiel Umbridge oder Fudge, die ständig nur gegen Dumbledore aufbegehrt hatten. Abgesehen davon konnte vermutlich nicht einmal ein Dutzend der Anwesenden von sich behaupten, den Toten wirklich gut gekannt zu haben. Er selbst hatte sich zuweilen schwer damit getan, aus Albus' Verhalten schlau zu werden.
Auch Hermine kam es wie ein Hohn vor, dass ausgerechnet die beiden Gestalten an der Beerdigung teilnahmen, die so dringlich versucht hatten, Dumbldeore loszuwerden. Hin und wieder lugte sie verstohlen zu Severus hinüber, der wie üblich einzige Lehrer, der kaum einen Laut oder eine andere Gefühlsregung von sich gab. Sie selbst war erstaunlich gefasst, was sie sich damit erklärte, dass sie ausreichend Gelegenheit gehabt hatte, sich darauf vorzubereiten und von ihrem Schulleiter zu verabschieden. Außerdem hatte sie ihm nie so nahegestanden wie Harry.
Was in diesen Momenten in ihm vorging, war schwer zu sagen. Er nahm sich zusammen, nicht alles rundherum kurz und klein zu schlagen. Ein Teil von ihm war immer noch unsäglich enttäuscht, weil Dumbledore ihm nichts von Trelawneys Weissagung gesagt hatte, dass er sterben könnte. Abgesehen davon schottete er sich seit dem Vorfall auf dem Turm von allen anderen ab, so gut er konnte. Er hatte es satt, ständig mit lästigen Fragen bedrängt zu werden, vor denen nicht einmal der Zaubereiminister höchst persönlich zurückscheute. Harry ließ nur noch Hermine, Ron und Ginny in seine Nähe, um die letzten Stunden in Hogwarts gemeinsam ausklingen zu lassen; inzwischen war auch Ginny klar geworden, dass Harry im nächsten Schuljahr nicht zurückkommen würde.
Die Beerdigung endete sehr plötzlich und die Menge zerstreute sich im Schatten des weißen Grabmals, in dessen Inneren Dumbledore als bisher einziger Schulleiter von Hogwarts seine letzte Ruhestätte gefunden hatte. Ginny schloss sich ihren Klassenkameraden an und zurück blieben nur Harry, Hermine und Ron. Eine riesenhafte Gestalt kam auf die drei Freunde zu, die dabei waren, die letzten Vorbereitungen zu besprechen, ehe sie abreisen wollten.
"Schön, dass so viele Leute da war'n", sagte Hagrid schluchzend. "Das hätt' ihm gefallen."
Hermine musste unweigerlich an die großen Feste denken, die es zum Beginn des Schuljahres immer gegeben hatte und fragte sich, wie es damit zukünftig aussehen würde. Noch war nicht sicher, wie Scrimgeour es schaffen wollte, das Zaubereiministerium zu sichern, das Voldemorts ständigen Versuchen ausgesetzt war, es unter seine Kontrolle zu stellen. Wenn es tatsächlich fallen würde, wie viele munkelten, wäre Hogwarts einer ganz neuen Gefahr ausgeliefert. Severus hatte längst vermutet, dass dann Todesser in die Schule einziehen und dort unterrichten würden. Bisher war es vor allem Dumbledores unermüdlichem Kampf gegen Voldemort zu verdanken gewesen, dass es nicht dazu gekommen war. Nun schien es nur noch ein Wettlauf gegen die Zeit zu sein, der Voldemorts Pläne durchkreuzen und ihn aufhalten konnte.
"Ich würd euch ja zu 'ner Tasse Tee einladen", sagte Hagrid wie aus weiter Ferne, "aber ihr habt nich mehr viel Zeit zum Packen, bis der Zug fährt."
Harry lächelte unbeholfen. "Schon gut, Hagrid. Wir verschieben das mit dem Tee auf ein andermal. Wir sehen uns nachher beim Zug, ja?"
Ron und Hermine warfen sich verstohlene Blicke zu. Ob es je dazu kommen würde, blieb dahingestellt.
Erneut den Tränen nahe schloss Hagrid sie in die Arme und verabschiedete sich von ihnen mit den Worten, dass er heute lieber nicht mehr unter die Leute gehen wollte. Wann sie ihn wiedersehen würden, war ebenso ungewiss wie alles andere.
Ein letztes Mal schlenderten sie hoch zum Schloss und blickten mit verlorenen Mienen auf die alten Gemäuer, dann kehrten sie in ihren Turm zurück, um zu packen. Hermine, die damit schon längst abgeschlossen hatte, blieb nur noch, das Gepäck bereitzustellen, das die Hauselfen für sie zum Zug bringen wollten. Sie konnte kaum glauben, dass sie ihrem Turm nun den Rücken zukehren musste, in dem sie so lange ein behagliches Zuhause gehabt hatte. So viele Erinnerungen hingen damit zusammen, so viel Freude und auch Schmerz …
Noch einmal beteuerte sie vor Harry und Ron, sich von der Bibliothek und den geliebten Büchern verabschieden zu wollen und rannte davon. In Wahrheit aber führte sie ihr Weg in die Kerker.
Sie stieß die Tür zu Snapes Büro auf und fand ihn mit dem Rücken zu ihr gewandt über seinen Schreibtisch gebeugt vor.
Als sie hereinplatzte, wirbelte er herum. Sie sahen sich an.
"Ich dachte mir, dass du kommst", sagte er leise, die dünnen Lippen kaum bewegend.
Hermine lief auf ihn zu und warf die Arme um seinen Hals. In ihrer Brust steckte ein dicker Knoten fest, der ihr die Luft zum Atmen nahm.
"Drei Wochen, Severus", murmelte sie in seine Strähnen hinein. "Du hast es versprochen."
Er nickte.
"Und wenn du nicht kommst, werde ich dort auf dich warten. Aber zwing mich nicht dazu, du weißt, dass ich jetzt für Harry da sein muss."
Er nahm sie bei den Schultern und funkelte sie mit seinen schwarzen Augen an.
"Ich werde da sein. Pass auf, dass er in der Zwischenzeit keine Dummheiten macht."
Noch einmal drückte sie sich an ihn und sog tief seinen unverwechselbaren Duft in sich ein. Nur wenige Minuten später befand sie sich mit ihren Freunden auf dem Weg zum Hogwartsexpress.
Hermine zitterte, als sie daran dachte, wie sie die kommenden Tage im Fuchsbau überstehen sollte, bis sie Severus wiedersehen würde. Auch dann, wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, um nicht verrückt zu werden, wusste sie, dass das, was noch vor ihnen lag, sie und Severus zu entzweien drohte. Seit Dumbledores Tod war er sehr wortkarg und zurückhaltend gewesen.
Betrübt erreichten sie den Bahnhof von Hogsmeade und stiegen in den Zug, der heute unter Berücksichtigung der Trauerfeierlichkeiten etwas später als üblich fuhr. Aus den Fenstern gab es die letzten Blicke auf das in der Ferne immer kleiner werdende Schloss. Dann, als es nicht mehr zu sehen war, drückte sich Hermine fest in die Polster hinein und machte die Augen zu. Sie träumte tief in ihre Gedanken versunken von den schönen Stunden, die sie in Hogwarts erlebt hatte und wünschte sich, dass sie das Ende des Krieges gemeinsam mit Severus und ihren Freunden erleben würde. Hoffentlich bald.
