CPOV

Am Samstagabend veranstalten meine Eltern wie immer ein Familienabendessen. Normalerweise habe ich eine Sub, der ich die Seele aus dem Leib prügle, weswegen ich irgendein wichtiges Meeting in der Firma erfinde, um nicht kommen zu müssen. Diesmal ist es aber anders und zum ersten Mal seit langem freue ich mich auf das Essen. Ich sage Elena Bescheid, dass sie sich beeilen soll, aber sie meint, dass sie einen ganz wichtigen Termin hat, weshalb sie leider nicht kommen kann und ich möge sie bei meiner Familie entschuldigen. Ich seufze und mache mich fertig.

Als ich in Bellevue ankomme, steht meine Mutter schon auf der Türschwelle und wartet. Ich küsse sie auf die Wange und trete ein. Grace schickt mich in das Wohnzimmer und erledigt noch etwas in der Küche. Ich höre schon, wie Mia lauthals von ihrem Leben in Paris erzählt. Ein Lächeln formt sich auf meinem Gesicht. Ich muss daran denken, wie meine Eltern Mia das erste Mal mit nach Hause gebracht haben. Ich habe sie gesehen, wie sie in ihrer rosa Decke in dem Gitterbettchen lag und wusste gleich, dass sie mir nie Schaden zufügen würde. Im Gegenzug hab ich versucht, mein Leben lang gut auf sie aufzupassen. Und so nervig sie auch ist, ich liebe sie ohne Ende.

Ich betrete das Zimmer und Mia kreischt meinen Namen, während sie aufspringt und auf mich zustürmt. Ich ziehe sie in eine feste Umarmung und küsse sie auf den Kopf.

„Na meine kleine Laus, bist du wieder im Land? Hast du da drüben auch etwas gearbeitet oder nur Frösche und Schnecken gegessen?", necke ich sie.

„Ich habe gerade erzählt, dass ich meine Ausbildung jetzt abgeschlossen habe und bald mein eigenes Restaurant hier eröffnen möchte. Und rate 'mal, wer mir das Geld für den Laden vorschießen darf", erzählt sie. Ich kichere, hebe meinen Arm und hüpfe auf der Stelle.

„Oh bitte, bitte, darf ich dir das Geld geben? Du brauchst es mir auch nicht wieder zu geben! Biiiiiiiiitte!", jammere ich ihr die Ohren voll. Sie lacht und nickt mit dem Kopf.

„Danke!", flüstert sie mir ins Ohr, als sie mich auf die Wange küsst.

Meine Mutter bittet uns alle zu Tisch und wir setzen uns. Sie lächelt wie eine Grinsekatze und sieht sich im Raum um.

„Ach wie ich es liebe, wenn alle meine Schätze hier sind. Obwohl ich nichts dagegen hätte, wenn noch drei weitere Leute am Tisch säßen!", sagt sie und zwinkert uns zu.

„Ok Mom, ich werde auf der Coping Together Gala eine Schwiegertochter für dich aufreißen!", sagt Elliot ernst.

„Nicht schon wieder" stöhnt Mia.

„Hey, ich kann nichts dafür, dass so viele Ladies auf mich stehen. Und außerdem muss ich Christians Stück vom Kuchen auch noch mit bedienen, seitdem er vergeben ist!", sagt er und lacht wie eine Hyäne. Ich schüttle nur den Kopf.

„Geh zum Teufel, Lelliot!", sage ich genervt.

„Christian!", sagt meine Mutter vorwurfsvoll.

„Entschuldige bitte!", sage ich.

Danach unterhalten wir uns alle über Mias Zeit in Frankreich, Elliots neueste Projekte und meine Firma. Ich genieße es, mit meiner Familie am Tisch zu sitzen. Es erinnert mich an Ana und die Kinder. Dieser Gedanke hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack und ich versuche, mich wieder auf das Gespräch zu konzentrieren. Ich habe es seit Johns Gespräch tatsächlich nicht geschafft, Ana und die Jungs auch nur einen Tag aus meinen Gedanken zu verbannen. Aber ich habe ja noch ein paar Tage Zeit, das zu schaffen!

Nach dem Essen verabschiede ich mich und verspreche, bald wieder zu kommen. Mein Vater bringt mich noch zur Tür und reicht mir seine Hand zum Abschied.

„Ich bin so stolz auf dich, Junge. Schau, was aus dir geworden ist!", sagt er anerkennend und klopft mir auf die Schultern. Ich sehe ihn an und obwohl er mir schon einige Male versichert hat, dass er stolz auf mich ist, geht es mir diesmal viel mehr zu Herzen. Ich bedanke mich und gehe zum Auto.