Gewidmet den Berliner Vampiren. Die letzten Monate hatten Zweifel bei mir aufkommen lassen, ob mir der Abschied wirklich so schwer fallen würde, wie es... "angemessen" wäre. Diese Zweifel wurden am 30.03. ausgelöscht.
Der Abschied tat verdammt weh. Ihr werdet mir alle sehr fehlen.
Kapitel 25 - Verloren, Gefunden?
Herbert hatte wirklich an alles gedacht. In warme Decken gehüllt saß Alfred in der Kutsche, sein Fuß hatte ein Extra-Kissen spendiert bekommen und irgendwo unter den Bergen von Stoff und Wolle war auch noch ein Picknickkorb mit etwas Essen und heißen Getränken verborgen. Soweit der Jüngling wusste, hatte sich der Grafensohn sogar einen Krug mit Blut mitgenommen, was ihm die Angst nehmen sollte, gebissen zu werden.
Seit einer halben Stunde mussten sie jetzt unterwegs sein, schätzte der Student, bei Anbruch der Nacht waren sie sofort aufgebrochen, um später nicht in Zeitbedrängnis zu geraten. Die Nächte waren hier zwar lang, aber manchmal, so hatte Herbert erklärt, auch erschreckend kurz - besonders, wenn man unterwegs war.
Alfred war sich noch nicht sicher, wohin es gehen würde, aber er vermutete, dass es wohl einer der Orte sein musste, die er vom Turmzimmer aus gesehen hatte.
Er sollte Recht behalten. Nach einer weiteren Weile, während derer sie schweigend durch eine märchenhafte, im Mondlicht glitzernde Schneelandschaft fuhren, kamen sie an einem zugefrorenen See, der auf einer Lichtung lag, an. Dort schließlich hielt die Kutsche dicht am Ufer.
Alfred hätte nicht gedacht, dass er jemals von der bloßen Schönheit der Natur überwältigt sein könnte. Doch genau das war jetzt der Fall. So sehr der Professor auf die Forschung orientiert war, von innehalten und einfach nur genießen hatte er nie etwas gehalten. Der Umstand, dass sein Mentor jetzt nicht da war, schuf ganz neue Möglichkeiten für ihn.
Fasziniert sog er jedes Detail dieser wunderschönen Landschaft auf. Mit einem zufriedenen Lächeln beobachtete Herbert, wie die Augen seines Lieblings mit der Schneedecke um die Wette funkelten.
"Und, Cheriè, habe ich zu viel versprochen?", erkundigte sich der Vampir leise mit liebevoller Stimme. Seinen kleinen Engel so glücklich zu sehen war auch für ihn höchstes Glück.
"Es ist von Nahem noch schöner aus als vom Turm aus", erklärte Alfred, bevor er gleich darauf realisierte, dass die Aussage seiner Worte nur das Offensichtliche wiedergab. Natürlich musste es schöner sein, all dies um sich herum zu haben, statt es nur aus der Ferne zu sehen. Doch als er seinen Mund öffnete, um noch etwas anzufügen, fiel ihm nichts Gescheites ein. Zu überwältigt war er von diesem traumhaften Bild, das sich ihm bot.
Herbert schmunzelte nur; er selbst wusste um die Wirkung der Szenerie um sie herum, hatte sie selbst schon erfahren. Und es freute ihn, dass sein kleiner Liebling einen Sinn für die Schönheit dieser Welt hatte - dass es dem verrückten Professor nicht gelungen war, ihm dieses auszutreiben.
"Was meinst du, wagst du es, auszusteigen?", fragte der Grafensohn den Jüngling neben sich weiter. Dieser schluckte. Aussteigen? Er konnte sich auf festem Untergrund ja kaum sicher bewegen. Aber im weichen Schnee, in dem er mit Sicherheit einsinken würde?
Langsam schüttelte er den Kopf.
"Ich würde lieber hier sitzen bleiben, Herbert", erklärte er dem weißhaarigen Vampir, welcher daraufhin mit verständnisvollem Blick nickte.
"In Ordnung. In der Kutsche ist es ohnehin wärmer", erwiderte er und lächelte. Ein Gesichtsausdruck, vom dem Alfred sich anstecken ließ. "Oh, Cheriè, weißt du, was für ein zauberhaftes Lächeln du hast?", rief Herbert da aus und streichelte sanft Alfreds Wange, während sein Gesicht dem des Studenten so nah wie bisher noch nie kam. Im gleichen Moment wusste er auch schon, dass er zu weit gegangen war. Seinem Gegenüber wich die Farbe aus dem Gesicht und das Lächeln verschwand.
Hastig zog der Grafensohn seine Hand weg.
"Verzeih mir", bat er. Gleichzeitig spürte er einen Stich in seinem Herzen. Er hatte so gehofft, sie seien über diese Phase bereits hinaus. Hatte Alfred ihm nicht sein Vertrauen zugesichert?
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Dimitri wünschte sich irgendeinen Rat. Wenn doch wenigstens Liz zurückkehren würde! Aber nein, sie ließ ihn hier alleine sitzen, mit der bewusstlosen Sarah, und er hatte keine Ahnung, wie er sich verhalten sollte. Er wusste ja nicht mal, was hier nun los war. Denn Liz' fragmenthafte Erklärungen hatten in ihm mehr Fragen aufgeworfen als beantwortet.
Verzweifelt starrte er, am Bett sitzend, aus dem Fenster. Ab und an tupfte er mit einem feuchten Tuch Sarahs Stirn ab, doch das zeigte keinerlei Wirkung. Nicht dass er eine erwartet hätte.
Langsam fühlte er sich wie ein Gefangener. Er konnte nicht rausgehen, er konnte nur auf und ab laufen, aus dem Fenster schauen und nebenbei warten, dass des Grafen Auserwählte erwachte. Und die schien sich um seine Erwartungen nicht zu scheren.
Er drehte sich im Kreis. Und das konnte man in vielerlei Hinsicht so sehen.
"Bitte, Sarah, komm doch endlich wieder zu dir!", flehte er leise die Schlafende an und rieb sich mit den Händen verzweifelt über sein Gesicht.
Und tatsächlich, mit einem Mal tat sich was. Eine Regung auf dem Bett, die der Kutscher aus den Augenwinkeln wahrnahm, ließ ihn herumfahren und augenblicklich war er an der Seite des jungen Mädchens.
"Sarah?", fragte er mit gedämpfter Stimme, jedoch mit nachdrücklichem wie auch hoffnungsvollem Tonfall nach.
Mühevoll gelang es der Angesprochenen, die Augenlider ein Stück weit zu heben. Es dauert einen Moment, bis sie sich orientiert und auch den Mann neben ihr wahrgenommen hatte, dann erwiderte sie mit brüchiger, schwacher Stimme: "Dimitri? Was ist passiert?"
Ihren Worten folgte ein Hustenanfall; erst nachdem sie ihre ausgetrocknete Kehle mit dem von Dimitri dargereichten Wasser beruhigt hatte, kamen ihr auch die Worte wieder leichter über die Lippen.
"Du bist Liz und mir praktisch in die Arme gelaufen, warst vollkommen panisch, als würdest du vor etwas flüchten. Erinnerst du dich, was da geschehen ist?"
"Nein, ich weiß gar nich... warte mal. Doch, ich..." Sie stockte und verfiel in ein Schweigen. Ihr Gegenüber konnte sehen, wie es in ihrem Kopf arbeiten musste. Scheinbar rekonstruierte sie in diesen Sekunden, was geschehen war. "Ja, ich weiß, was passiert ist", erklärte sie schließlich mit einem solch ernsten Gesichtsausdruck, dass Dimitri beinahe so etwas wie Furcht verspürte.
Furcht vor dem, was Sarah ihm erzählen würde.
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Das Bild, das sich vor ihr auftat, als sie den Grafen endlich fand, zerriss Liz beinahe das Herz. Der, den die einst als so stolzen, respektablen Herrn der Vampire kennen gelernt hatte, war nur noch ein Schatten seiner selbst. Ein Trauerbild.
Die weiße Haut glänzend von Tränen; der Blick ziellos und die Augen matt; der majestätische Körper zusammengefallen in dem nun beinahe überdimensioniert wirkenden Sessel; die Hände blutverschmiert und gezeichnet von tiefen Schnittwunden. Und vor ihm ein Scherbenhaufen, der mehr als nur erahnen ließ, was passiert sein mochte.
Die junge Frau ahnte nicht, dass sie sich das Ausmaß des Geschehenen niemals hätte vorstellen können.
"Exzellenz?", sprach sie ihn vorsichtig an. Doch er zeigte keinerlei Reaktion. Nicht einmal ein kleines Blinzeln konnte sie ausmachen; er wirkte wie eine Statue, erstarrt und weggetreten. "Ich bitte Euch, so redet doch mit mir", flehte Liz ihren Herrn ebenso wie zuvor Dimitri Sarah an.
Mit Tränen in den Augen kniete sie sich neben ihm nieder und vernahm dann endlich seine Stimme. Sie war nicht mehr als ein Flüstern, und doch waren seine Worte ohrenbetäubend: "Ich bin ein Monster."
Energisch schüttelte die Schwarzhaarige neben ihm den Kopf.
"Nein, das seid Ihr nicht", widersprach sie vehement. "Bitte, seht mich an. Erzählt mir, was geschehen ist", bat sie ihn dann und tatsächlich, nach einigen Augenblicken wandte er seinen Blick ihr zu. Er sah sie eine ganze Weile stumm an, dann jedoch begann er zu erzählen.
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"Rich... Der Graf hatte sich nicht so wohl gefühlt; ich fand ihn in einem ungenutzten Raum des Schlosses. Wir haben uns eine Weile unterhalten, dann gingen wir in seine Gemächer und legten uns schlafen. Irgendwann wachte ich auf, weil der Graf unruhig war. Er schien große Schmerzen zu haben und schrie mir zu, ich solle schnell verschwinden. Ich bekam Angst und lief weg. Ich glaube, irgendetwas muss einen großen Blutdurst in ihm geweckt haben, sonst hätte er sich nicht so verhalten", berichtete Sarah und wirkte dabei gefangen in ihrer Erinnerung.
Mit jedem Wort, dass die junge Frau gesprochen hatte, war Dimitris Blick finsterer geworden. Als ob er es nicht von Anfang an gewusst hätte. Natürlich konnte man diesen Vampiren nicht trauen, egal, wie nett sie sich darstellten. Es waren für ihn immer noch Raubtiere, Mörder, Monster.
Und jetzt hatte der Graf wohl ganz offensichtlich zu vollenden versucht, was er auf dem Mitternachtsball nicht geschafft hatte. Scheinbar hatte er seine "eigene, heiligste Tradition", wie Felicitas es genannt hatte, nur aufgeschoben.
Es kostete den Mittdreißiger Einiges an Beherrschung, nicht sofort loszustürmen und dieses Monster zu suchen. Er hatte eine gute Vorstellung davon, was er mit ihm gemacht hätte. Mehr als ein Häufchen Asche wäre da nicht übrig geblieben.
Wenn überhaupt.
"Dimitri...", vernahm er da abermals Sarahs Stimme. Als er sie ansah, traf ihn ein bittender Blick. "Ich muss wissen, wie es ihm geht. Ich habe Angst, dass ihm etwas..."
"Sarah, das kann doch nicht dein Ernst sein", unterbrach der Angesprochene sie und schüttelte den Kopf. "Er hätte dich töten können. Er wird immer ein Vampir bleiben. Wie kannst du dir... Sorgen um ihn machen?"
"Nein. Nein, er ist nicht so. Du... du verstehst das nicht. Und ich...", versuchte Sarah zu erklären, doch abermals ging Dimitri dazwischen.
"Warum sagt mir hier jeder immer nur, ich würde dies und das nicht verstehen? Wie soll ich auch, wenn keiner vernünftig mit mir redet?", brauste er auf und Sarah zuckte zusammen. Erst als er ihre Hand an seiner Schulter spürte, verstummte er.
"Es tut mir so Leid. Hier gibt es so Vieles, was sich nicht leicht erklären lässt. Und... ich... ich glaube, es ist besser, wenn der Graf selbst erzählt, was hier passiert."
Wenn er dazu überhaupt noch in der Lage ist, schickte sie gedanklich hinterher.
