"I'm your truth telling lies

I'm your reasoned alibis

I'm inside open your eyes

You know it's sad but true"

(Sad but true, Metallica)

26. Verflucht

In dieser Nacht träumte sie von Lothlorien.

Sanft klang das Plätschern der Quelle durch die Nacht. Der Wind rauschte im goldenen Blätterdach hoch über ihr und spielte mit den Zeltbahnen. Die Kissen und Decken, die ihre bloße Haut berührten, waren weich und warm. Doch etwas störte die friedliche Stille. Sie fühlte sich beobachtet.

Lilith öffnete die Augen. Boromir saß am Rand der Liege und sah auf sie hinunter. Er trug nur seine Hose. Das Hemd hielt er in der Hand, als hätte er während des Anziehens für einen Moment innegehalten. Der Blick seiner grauen Augen wirkte nachdenklich.

„Du und mein kleiner Bruder also." Er hob kurz die Augenbrauen. „Interessant." Mit einer achtlosen Bewegung schlug er die Decke zurück und ließ seinen Blick über ihren nackten Körper gleiten. „Fast tut es mir leid, dass daraus nichts werden kann."

Lilith fröstelte. Und das nicht nur wegen der kühlen Luft auf ihrer Haut.

„Warum?"

Die Andeutung eines Lächelns erschien auf seinem Gesicht. Es gefiel ihr ganz und gar nicht. „Du hast es noch immer nicht verstanden, nicht wahr?", sagte er und beugte sich so weit zu ihr hinab, dass seine Lippen fast ihr Ohr berührten. Sie spürte seinen Atem an ihrem Hals. „Du gehörst mir."

Lilith erwachte von einem stechenden Schmerz in ihrer verletzten Seite. Es dauerte nur einen kurzen Augenblick. Doch selbst danach hatte sie das Gefühl, kaum atmen zu können. Sie fühlte sich leicht benommen. Ihr war übel. Sie brauchte dringend frische Luft. Im Dunkeln stand sie auf um den Vorhang vom Fenster zurückzuziehen und den Nachtwind hereinzulassen.

Schon beim ersten Schritt wusste sie, dass sie es nicht schaffen würde. Alles drehte sich um sie. Wärme stieg entlang ihrer Wirbelsäule empor, sog jede Kraft aus ihren Beinen und verschluckte alles in absoluter Schwärze.

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An das, was danach geschah, konnte sie sich später niemals so richtig erinnern. Da waren Faramirs Stimme und der vergebliche Versuch aufzustehen. Neue Schwärze und eine Welt, die schwankte wie das Deck eines großen Schiffs. Geräusche, die nur gedämpft an ihre Ohren drangen. Kühle Luft auf ihren Wangen und eine kleine Flamme am Rande ihres Gesichtsfelds.

Als sie endgültig wieder zu sich kam, lag sie auf einem Lager, das nicht ihr eigenes war. An der Wand über ihr brannte eine kleine Lampe und ein niedriger Tisch am Fußende des Bettes war mit einer Vielzahl von Schalen, Gefäßen und Stoffstreifen bedeckt. Es roch nach Kräutern und noch etwas anderem, das sie nicht zuordnen konnte. Sie kannte diesen Geruch.

Nur einen Meter weiter stand Faramir und sprach mit einer älteren Frau. Auch sie kam Lilith vage bekannt vor. Faramirs Stimme klang besorgt, doch sie konnte nicht verstehen, was er sagte. Sie hörte es, aber seine Worte ergaben keinen Sinn. Noch immer drang alles wie durch einen dichten Nebel zu ihr.

Als sie endlich wieder klar denken konnte, hatte die Frau Faramir hinausgeschickt. Lilith erinnerte sich jetzt an sie. Sie war eine der Heilerinnen, wenn nicht sogar Morwens alte Lehrmeistern. Ihr Gesichtsausdruck wirkte nicht unbedingt freundlich.

„Wie geht es Euch?"

„Besser", antwortete Lilith wahrheitsgemäß. Sie setzte sich vorsichtig auf und bemerkte, dass sie nichts trug bis auf eine dünne Decke, in die sie jemand eingewickelt hatte. Die Situation wurde ihr mit jeder Sekunde unangenehmer. „Mir fehlt nichts. Ich habe nur vor etwa vierzehn Tagen Bekanntschaft mit einer orkischen Steinschleuder gemacht." Sie fasste sich an den Hinterkopf, wo die Wunde inzwischen fast verheilt war. „Mit ist immer wieder einmal schwindlig seitdem."

Die Heilerin runzelte die Stirn und verschränkte die Arme vor der Brust. „Eine Steinschleuder und Orks, so, so. Das ist ja alles schön und gut, aber Ihr habt dem Herrn Faramir anscheinend einen gehörigen Schrecken eingejagt. Ich werde Euch nicht eher gehen lassen, bis ich Euch nicht selbst untersucht habe." Ihr Ton duldete keine Widerrede.

Während die geübten Finger der älteren Frau beinahe jede Stelle ihres Körpers abtasteten, wäre Lilith am liebsten vor Peinlichkeit gestorben. Die Mine der anderen verriet keinen Moment lang, was hinter ihrer Stirn vorging, aber Lilith war sich sicher, was sie sich denken musste. Für ihren Aufzug und ihr Zusammensein mit Faramir um diese Stunde gab es wohl kaum eine alternative Erklärung. Sie hatte keine Lust zum neuesten Gesprächsgegenstand in Minas Tirith zu werden. So schnell wie möglich wickelte sie sich wieder bis zum Hals in die Decke.

Das Gesicht der Heilerin blieb noch immer unbewegt. „Dürfte ich Euch einige Fragen stellen?"

Lilith nickte verwirrt. Alles, damit sie möglichst schnell von hier verschwinden konnte.

„Euch ist immer wieder schwindlig?"

„Das sagte ich bereits."

„Vielleicht auch übel?"

„Manchmal."

„Ihr fühlt Euch müde und erschöpft, obwohl Ihr nichts Anstrengendes getan habt?"

Lilith runzelte die Stirn. Hatte sie sich etwa mit Morwen über sie unterhalten? Sie nickte.

„Speisen, die Ihr eigentlich mögt, widern Euch seit kurzem an? Womöglich allein durch ihren Geruch?"

Lilith dachte an ihre plötzliche Abscheu vor Wein, die sie sich nicht erklären konnte. Jetzt wurde ihr die Heilerin entschieden unheimlich. „Ja", gab sie zögerlich zu.

„Wann hattet Ihr Eure letzte Blutung?"

Lilith erstarrte. Sie fühlte sich, als hätte sie jemand ohne Vorwarnung mit Eiswasser übergossen. Zum zweiten Mal an diesem frühen Morgen bekam sie keine Luft mehr. Die Antwort lautete: Kurz bevor sie nach Mittelerde gekommen war. Sie war so damit beschäftigt gewesen zu überleben, war so auf einen Weg nach Hause fixiert gewesen, dass sie keinen Gedanken daran verschwendet hatte. Über zwei Monate. Sie musste nicht nachrechnen um zu wissen, was das bedeutete. Sie öffnete den Mund, doch kein Laut kam über ihre Lippen. Entsetzt blickte sie zu der Heilerin auf. Diese lächelte grimmig.

„Wie ich vermutet hatte."

In diesem Moment öffnete sich die Tür und Faramir kam herein. Es gab Lilith einen Stich ins Herz. Er sah genauso aus wie an jenem Morgen in Henneth Annun, an dem er sie aus ihrem Alptraum geweckt hatte. Sein ohnehin besorgter Gesichtsausdruck verstärkte sich noch, als er Lilith mit schreckensgeweiteten Augen auf der Liege sitzen sah.

„Was ist mit ihr?"

„Nichts ernstes", entgegnete die Heilerin spitz und fügte nach einer kleinen Pause hinzu: „Es sei denn, Ihr würdet ein neues Leben, das in ihr wächst, als eine Krankheit bezeichnen."

Lilith schloss bei diesen Worten die Augen. Sie wollte Faramirs Gesicht nicht sehen, wenn er verstand, was sie bedeuteten. Sie war immer noch zu geschockt um einen klaren Gedanken fassen zu können. Vielleicht gehörte das alles noch zu ihrem Traum. Zu einem Alptraum der ganz gemeinen Sorte. Einem, aus dem man nicht aufwachen konnte. Oder es war alles ein riesengroßer Irrtum. Aber tief in sich spürte sie, dass es stimmte. Moria. All die Nächte in Lothlorien.

„Lilith." Sie konnte hören, wie schwer es ihm fiel, so ruhig mit ihr zu sprechen. Er klang so ratlos. Er wusste noch weniger als sie, wie er mit dieser Neuigkeit umgehen sollte. „Falls du mir irgendetwas nicht erzählen wolltest, was dein Leben in deiner Heimat betrifft…" Er verstummte.

Sie schüttelte den Kopf. Selbst jetzt brachte sie es nicht über sich, ihn zu belügen. „Nein, damit hat es nichts zu tun", sagte sie tonlos. Dieser kurze Satz kostete sie unglaubliche Anstrengung. Ihre Lippen waren wie betäubt. Als sie zu ihm aufblickte, konnte sie den Ausdruck in seinen grauen Augen nicht deuten. Etwas zwischen Verwirrung, Fassungslosigkeit und Schmerz. Es dauerte nur einen Augenblick, dann stand der strenge Heermeister aus Henneth Annun vor ihr.

„Wer ist der Vater des Kindes, Lilith?" fragte er.

Da war er. Der schrecklichste Moment in ihrem Leben. Bis jetzt. Was sollte sie sagen? Wie sollte sie es erklären? Es gab keine Erklärung. Keine Möglichkeit ihn nicht zu verletzen. Er wartete auf eine Antwort.

„Er ist tot", flüsterte sie schließlich. Zu mehr reichte ihre Stimme nicht. Sie konnte sich nicht dazu durchringen, ihn direkt zu nennen. Vielleicht würde er es auch so erraten. Schließlich kannte er die Geschichte ihrer Reise von Hulsten bis nach Ithilien.

Kurz erstarrte Faramir. Dann packte er sie an den Schultern und zwang sie, ihm ins Gesicht zu sehen. „Lilith. Willst du damit sagen, dass…Heißt es das, was ich glaube? Mein…" Selbst er konnte es nicht laut aussprechen. Seine Hände drückten so fest zu, dass es wehtat. Sie spürte es kaum. Er holte tief Luft. „Mein Bruder?"

Es half alles nichts mehr. Es führte kein Weg zurück. Sie nickte.

Abrupt ließ er sie los und wandte sich ab. Und plötzlich fand sie ihre Sprache wieder. Die Worte sprudelten nur so aus ihr heraus.

„Faramir, verstehst du denn nicht…ich hatte schreckliche Angst. Die Wölfe und die Dunkelheit. Orks. Ich war völlig auf mich allein gestellt. Ich fürchtete, dass Aragorn mich zurücklassen würde. Dass ich keine Möglichkeit hätte, jemals wieder zurück nach Hause…"

„Kein Wort mehr." Er drehte sich zu ihr um und sein Blick war so kalt, dass sie meinte, sie müsse darunter zu Eis erstarren. „Es gibt nichts zu verstehen."

Hinter ihm fiel die Tür mit einer tödlichen Endgültigkeit ins Schloss.

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So, und jetzt ducke ich mich unter meinen Schreibtisch aus Angst vor faulen Tomaten.