Kapitel 26

Severus stand mit Harry zusammen vor den ausgestellten Brillen und beobachtete den kleinen Jungen aufmerksam.

Harrys Blicke schwenkten immer wieder zu einem golden silbrigen Gestell, auf dessen Bügel zwei Schnatze auf und ab flogen.

„Hast du eine gefunden, die dir gefällt, Harry?", fragte Severus das Kind nach einigen Momenten.

Harry sah ihn unsicher an, zeigte aber nicht auf die Brille, die ihm offenbar gefiel, sondern auf eines der günstigeren Modelle mit Plastikumfassung.

Mr. Andrews hielt sich glücklicherweise hinter seinem Tresen beschäftigt und ließ Severus alle Zeit, um mit dem Kind eine Brille auszusuchen.

Severus sah den kleinen Jungen skeptisch an und nahm die Brille in die Hand, die Harry betrachtet hatte: „Harry, war das nicht die Brille, die du dir angesehen hast?"

Harry warf einen kurzen Blick auf das Gestell in der Hand seines Vaters, schüttelte knapp den Kopf und senkte stumm den Blick wieder.

Severus seufzte knapp und senkte sich vorsichtig auf Augenhöhe zu dem kleinen Jungen: „Harry, du darfst dir die aussuchen die dir gefällt, egal welche."

Harry entgegnete ihm einen leicht ängstlichen und unsicheren Blick: „Aber die ist bestimmt voll teuer und ich wird sie eh verlieren oder kaputt machen. Die ist zu gut …"

Doch Severus ließ seinen Sohn den Satz nicht beenden und legte ihn sanft einen Finger über die Lippen: „Es gibt Zauber, die die Brille vor der Zerstörung schützen und Zauber, sie wieder zurück zu holen, wenn du sie nicht findest. Und du verdienst alles, was du dir wünschst. Möchtest du sie mal aufsetzten, Kind?"

Harrys grüne Augen sahen ihn schockiert an und einige Tränen schwammen in ihnen.

Severus überreichte dem Kleinen die Brille und zögernd setzte Harry sie auf.

Severus nickte bestärkend, die Brille war recht dezent und überspielte so nicht seine schönen grünen Augen und ihr Design war durchaus altersgerecht.

Harry betrachtete sich kurz im Spiegel und ein leichtes Lächeln umspielten seine Lippen, eh er sich erneut unsicher an seinen Vater wandte: „Und?"

Severus lächelte den kleinen Jungen an: „Sie steht dir sehr gut, Harry."

Mr. Andrews war zu ihnen herüber gekommen und betrachtete freundlich lächelnd ebenfalls den Jungen: „Eine vortreffliche Wahl, die dir hervorragend steht."

Harrys Lächeln kehrte zurück und er betrachtete im Spiegel gebannt die Schnatze auf den Bügeln.

Severus unterdrückte ein Augenrollen, der Junge wusste mit Sicherheit noch einmal was Quidditch war und war schon fasziniert davon.

„Wie lange dauert es, bis die Brille fertig ist?", fragte er bei dem jungen Verkäufer nach.

Mr. Andrews antwortete freundlich: „Ich kann gleich damit beginnen, wenn sie in einer Stunde wiederkommen, ist sie fertig. Welche Zusatzzauber sollen mit eingewirkt werden? Für ein Kind in dem Alter verwendet man generell Zauber gegen Kratzer und gegen Zerbrechen."

Severus nickte: „Das sollte fürs erste reichen."

Harry übergab die Brille an dem Tresen mit einem schüchternen Lächeln dem jungen Mann und folgte seinem Daddy aus dem Geschäft.

Die Straße hatte sich mittlerweile ein wenig mehr gefüllt und Harry blieb wie versteinert stehen und sah sich mit gehetztem Blick um.

Severus drehte sich wieder zu dem verängstigten Kind um. Harry sah ihn nun flehend an und hielt stumm die Arme hoch, um zu signalisieren, dass er unbedingt wieder in die sicheren Arme seines Daddys wollte.

Wieder in Severus Armen entspannte sich der kleine Junge wieder einigermaßen, nachdem ihm Severus einige beruhigende Worte gesagt hatte.

Wenn sie schon einmal hier waren, konnte er auch noch ein paar Dinge mit dem Kind kaufen gehen. So ging Severus wieder die Straße hinauf und trat schließlich in den Buchladen ein.

Er hatte vor einigen Wochen ein paar seltene Bücher bestellen lassen und Harry könnte sich noch ein paar Kinderbücher aussuchen.

In der Kinderabteilung angekommen ließ sich Harry jedoch nicht davon überzeugen, von seinem sicheren Posten herab gesetzt zu werden und sich alleine umzusehen.

So lief es schließlich doch darauf hinaus, dass Severus ein paar Bücher auswählte, die er selber noch aus seiner Kindheit kannte.

Harry schien nach dem Besuch beim Optiker nun noch ängstlicher zu sein und ließ sich auch nicht mehr vom geschäftigen Anblick der Straße beeindrucken, sondern klammerte sich fest an Severus und hatte seinen Kopf gegen Severus Schulter gelehnt.

Severus hatte ursprünglich gehofft, dass Harry noch etwas mehr auftauen würde, doch dafür war es wohl noch zu früh, so entschied er sich dann auch dagegen, mit dem Kind noch ein paar Kleidungsstücke zu kaufen.

Im Laufe der Stunde Wartezeit fiel Severus immer mehr auf, wie scheu Harry nun hier war. Er bekam den kleinen Jungen, egal wie sehr er versuchte ihn zu animieren, kaum dazu mehr als zwei aneinander hängende Worte zu sprechen und umsehen tat er sich überhaupt nicht mehr.

So war er tatsächlich erleichtert, als die Stunde abgelaufen war, denn Harry fühlte sich alles anderes als wohl und er wollte so schnell mit dem Kind zurück, wie möglich.

Mr. Andrews hatte die Brille auch wie versprochen fertig und passte sie nur noch kurz an Harrys Kopfform an. Wobei die Anpassung vorgenommen werden musste, während Harry auf dem Schoss seines Daddys saß, da er sich weigerte, ihn loszulassen.

Mr. Andrews ließ sich jedoch nichts anmerken und wirkte eher erstaunt, wie sehr der kleine Junge offensichtlich an dem als enorm abweisenden und kalten geltenden Mann hing.

Nachdem Mr. Andrews noch einen kurzen Kontrollzauber gesprochen hatte, um sicher zu gehen, dass nun auch alles stimmte und der Junge wieder optimale Sehkraft hatte, bezahlte Severus und verließ mit Harry die Winkelgasse ohne einem weiteren bekannten Gesicht zu begegnen.

Wieder zu Hause angekommen, war Harry allerdings immer noch so anhänglich und ruhig und wollte auf seinem Arm bleiben.

So setzte Severus sich mit dem kleinen Jungen auf dem Schoss zusammen auf die Couch und begann in einem der Bücher zu blättern, die er bestellt hatte.

Es handelte sich um das Zaubertrankbuch, welches der sechste Jahrgang während seiner Abwesenheit verwenden sollte. Severus konnte nur inständig hoffen, dass Albus keinen absoluten Schwachkopf als seine Vertretung anstellen würde.

Während er die Seiten überflog, betrachtete Harry die Bilder auf den Seiten. Denn das Buch enthielt detaillierte Beschreibungen darüber, wie die Tränke zu ihren verschiedenen Zwischenstadien aussehen sollten.

Nach einiger Zeit fuhr Harry zögernd mit dem Zeigefinger über die Abbildung eines Mondsteins und Severus hielt in seinem Blättern inne, um dem Kind Zeit zu geben.

„Was ist das, Daddy?", fragte Harry scheu, aber mit deutlicher Neugier in den strahlend grünen Augen.

„Das ist ein Mondstein, Harry. Eine Zutat, die in vielen Tränken Einsatz findet.", erklärte Severus innerlich stolz über das Interesse des Jungen an seinem Fach.

„Er glitzert so schön.", meinte Harry leise und tatsächlich war in die Abbildung etwas eingearbeitet, was den Stein glitzern ließ.

Severus lächelte und beschwor ein echtes Exemplar aus seinem Zutatenschrank her und zeigte ihn dem kleinen Jungen.

Mit großen grünen Augen musterte Harry den Stein und wollte erst danach greifen, nahm dann aber rasch seine Hände wieder weg.

„Du kannst ihn ruhig in die Hand nehmen. Der Stein hat an sich keine negativen Wirkungen, Kind.", ermunterte Severus seinen Sohn und hielt ihm den weißen Stein näher hin.

Mit ehrfürchtigem Blick ergriff Harry den Stein und ertastete vorsichtig seine ebenmäßige Struktur und hielt den Stein so ins Licht, dass er stark glitzerte.

„Muggle glauben, dass ein Mondstein gegen Kopfschmerzen hilft und die Psyche stärkt.", erklärte er in ruhiger Stimme.

Harry betrachtete den Stein mit skeptischem Blick: „Kann er das?"

Severus antwortete in amüsiertem Ton: „Wissenschaftlich bewiesen ist das natürlich nicht, Kind."

Harry überreichte seinem Daddy den Stein wieder zurück und richtete seinen Blick wieder auf das Buch.

„Möchtest du nicht lieber etwas spielen, Harry? Das Buch langweilt dich doch bestimmt.", fragte Severus verwundert, nicht, dass er es nicht fördern würde, dass Harry Interesse an Zaubertränken zeigte, aber der Junge konnte noch nicht lesen und betrachtete nur die Bilder.

Zuerst wollte ihm Harry mit einem widerspenstigen Funken in den grünen Augen widersprechen, senkte dann aber den Blick und entgegnete mit niedergeschlagener Miene: „Ok, Daddy."

Mit traurigem Ausdruck in den Augen begann Harry von der Couch zu klettern, eh Severus ihn sanft zurück hielt.

„Harry, du kannst gerne bleiben, wenn du das lieber möchtest.", versuchte er den kleinen Jungen aufzuheitern.

„Ich stör nicht?", fragte Harry in kleiner Stimme.

Severus schüttelte den Kopf und zog das Kind zurück in seinen Schoss: „Selbstverständlich nicht, Harry."

Harry lehnte sich wieder etwas fröhlicher gegen ihn und wartete stumm darauf, dass sein Vater wieder umblättern würde.

Irgendwann fragte Harry leise: „Und die Tränke kannst du alle machen, Daddy?"

Severus sah ihn lächelnd an: „Zuerst macht man keine Tränke, Harry, man braut sie. Und ich kann definitiv jeden dieser Tränke brauen."

Bewundernd sah Harry ihn an, als er antwortete: „Dann bist du total schlau."

Severus lachte und kitzelte den kleinen Jungen leicht: „Das will ich wohl meinen. Aber das Buch ist perfekt, nicht einmal die Hälfe der Dummköpfe, die sich Schüler schimpft, werden die Texte verstehen oder einen halbwegs passablen Trank zustande bringen."

Harrys Kichern erfüllte das Wohnzimmer und er wandte sich leicht auf dem Schoss seines Daddys, um dem Kitzeln zu entkommen.

Als Severus Gnade walten ließ und seine Attacke einstellte, sah ihn Harry mit fragenden Augen an: „Was heißt passabel?"

Severus überlegte einen Moment, wie er das Wort leichter erklären konnte. Er musste sich erst noch daran gewöhnen, dass er nun mit einem Kind zusammen lebte, dessen Wortschatz um Welten kleiner war, wenn er wollte, dass der Junge verstand, was er sagte.

„Passabel ist etwas, wenn man seine Aufgabe ausreichend erfüllt hat.", erklärte er.

Harry nickte verstehend und fragte noch etwas: „Warum nimmst du denn ein Buch, wenn die Schüler es nicht passabel machen können?"

Severus sah den Jungen erstaunt an: „Nun, es ist eine Herausforderung für die Schüler und das soll es ja auch sein, sonst würden sie nichts lernen."

Harry schien die Antwort zu akzeptieren und verfiel wieder in Schweigen.

Severus warf einen Blick auf die Uhr: „Es ist Zeit fürs Mittagessen, Harry. Möchtest du mir helfen beim Kochen oder etwas spielen gehen?"

„Bei dir bleiben, Daddy.", antwortete Harry entschlossen mit fast panischem Blick, bei der Aussicht weggeschickt zu werden und ging ganz offensichtlich erleichtert an der Hand seines Vaters mit zur Küche.