25. Home
Die Bilder der letzten Nacht gingen mir einfach nicht aus dem Kopf. Was konnte ich nur tun um sie zu verhindern? Denn eins war unumstößlich, so durfte die Zukunft nicht aussehen. Ich hatte versucht Alec zu orten, doch ich fand ihn nicht. Irgendwas oder irgendwer verhinderte dass ich ihn fand. Ob er wohl schon die Volturi verlassen hatte? Ich hatte nach Jane und Aro gesucht und sie in einer Kammer im Schloss von Voltera gefunden. Sie machten nicht gerade einen glücklichen Eindruck. Jane hatte nach Alec gefragt, aber Aro hatte nur gemeint dass dieser Tracker Demetri ihn nicht spüren könnte und dass sie abwarten müssten. Das alles stimmte mich nicht gerade positiv.
„Schade das wir schon aufbrechen müssen", Sandys Worte erschreckten mich. Ich sah mit einem aufgesetzten Lächeln über den Tisch, an dem mein Schatz sich ein ausgiebiges Frühstück gönnte. „Ja, ich wäre auch gerne noch etwas geblieben, aber wir haben schon genug vom Semester verpasst", antworte ich und versuchte mir meine trüben Gedanken nicht anmerken zu lassen.
Sie nickte und beendete schweigend ihr Frühstück, wobei sie mir immer wieder fragende Blicke zuwarf. Leicht stöhnend legte sie das Besteck zur Seite und begab sich zur Couch, die am Fenster stand.
Sie klopfte neben sich aufs Polster. „Setzt dich doch zu mir."
Mit einem Satz war ich bei ihr und ließ mich in die Kissen fallen. Prüfend sah sie mich an und setzte sich dann rittlings auf mich. Ihr Gesicht war so nah und ihre Finger zeichneten die Konturen meines Gesichts nach, doch in ihren Augen lag Besorgnis.
„Willst du mir nicht sagen was dich so beschäftigt?", fragte sie sanft.
Es wäre so leicht ihr es jetzt zu sagen, aber ich war mir doch selbst noch nicht sicher was ich ihr sagen sollte. Wie es weiter gehen würde. Wie anfangen?
Da kam mir eine Idee, es gab da etwas was mich auch beschäftigte. Es wäre ein guter Einstig.
„Als wir in Spanien waren", fing ich an und suchte nach den richtigen Worten.
„Ja!", sagte sie lang gezogen.
„Als wir in Spanien waren und die Volturi getroffen haben, da hast du mich doch kurz vorher gerufen. Weißt du wie du das gemacht hast?"
Sie legte ihren Kopf leicht schräg und kleine Falten bildeten sich auf ihrer Stirn, dann schüttelte sie leicht den Kopf.
„Ich wusste, dass ihr auf sie treffen würdet und ich wusste, dass dieses Zusammentreffen friedlich ablaufen musste. Du durftest auf keinen Fall versuchen sie einzuschüchtern, weil die Volturi noch wichtig sein werden. Verstehst du?", ich nickte. Ja, ich verstand, auch wenn sie nicht unbedingt zu meinen liebsten Vampiren gehörten, bei dem was auf uns zukam würden sie noch eine wichtige Rolle spielen.
„Ich war etwas in Panik", fuhr sie fort. „Weil ich den Ausgangspunkt der Vision zu spät gesehen habe. Ich musste dir doch Bescheid geben und dann fand ich mein Handy nicht. Es war zum verzweifeln. Im Gedanken hab ich immer und immer wieder laut deinen Namen gerufen. Verrückt nicht und dann warst du plötzlich bei mir. Mehr weiß ich nicht."
Ja, verrückt. Ich hatte schon davon gehört, das Paare die sich sehr lieben in Laufe der Jahre anfangen ähnlich zu denken, weil sie den Partner so gut kannten. Doch die Veränderung die meine Gabe in den letzten Monaten durchgemacht hatte ließ nur einen Schluss zu. Durch unsere Liebe hatten wir ein Band geknüpft, das unsere Gaben zu einem gewissen Grad verschmolz. Wie sonst hätte ich letzte Nacht diese Visionen haben können. Wie sie mich rufen. Es gab nur diese Erklärung und doch hatte ich noch nie von so etwas gehört. Gaben waren einem gegeben und nichts was man sich teilte, aber was wussten wir schon wirklich über den Ursprung dieser Mächte. Sie waren so geheimnisvoll wie der Ursprung der Vampire selber. Warum sollte so was nicht auch möglich sein?
„Was ist bei unseren Gaben nicht verrückt, aber du hast an dem Tag meinen Geist zu dir gerufen", flüsterte ich leise. Ihre Augen weiteten sich und sie schluckte sichtbar.
„Wie?", fragte sie verwirrt.
„Ich denke weil du es unbedingt wolltest. Ein Teil von mir weiß immer wo du bist. Das kann ich nicht steuern. Ich sehe dich zwar nicht, aber ich weiß halt wo ich dich suchen muss. Es ist wie ein Band das zwischen unseren… Wie soll ich es sagen? Seelen? Sagen wir Seelen gespannt ist und als du mich unbedingt erreichen wolltest hast du mich an dem Band zu dir gezogen. Anders kann ich es mir nicht erklären."
Nachdenklich sah sie mich an. „Aber in der Zeit als du weg warst hab ich dich sehr oft gerufen und da bist du nicht zu mir gekommen. Wie erklärst du dir das?"
Guter Einwand, aber sie hatte etwas vergessen.
„Als wir in meiner Hütte waren, hab ich mich dir geöffnet und du dich mir. Ich weiß nicht wie es dir dabei ergangen ist aber für mich war das sehr wichtig und meinst du nicht, dass das was uns verbindet dabei gewachsen ist?" Vorsichtig streichelte ich ihr Gesicht, als sie die Mundwinkel nach oben zog und sich leicht vorbeugte. Es war ein süßer leichter Kuss den sie mir da gab.
„Natürlich ist sie stärker geworden und du meinst dass diese Band dadurch auch stärker wird?"
Ich nickte. „Wir können ja mal etwas probieren."
„Und was?", fragte sie gespannt.
„Schließ deine Augen", zuerst sah sie mich fragend an doch dann tat sie was ich wollte. „Jetzt konzentrier dich auf mich und ruf mich im Geist."
„Gut, wenn du meinst, dass das funktioniert", sagte sie etwas skeptisch.
Hochkonzentriert saß sie vor mir, die Augen geschlossen, versuchte sie mich zu finden. Es vergingen fünf Minuten nichts geschah. Kleine Schweißperlen kullerten über ihre in Falten liegende Stirn. Ich merkte wie etwas an meinem Geist zerrte, mich weg zog, doch dann stöhnte sie auf und die Spannung ließ augenblicklich nach.
„Ich schaff das nicht", sagte sie traurig.
„Das stimmt doch nicht", antwortete ich mit einem Lächeln. „Du hattest es fast geschafft. Ich hab dich nämlich schon gespürt."
„Wirklich?", fragte sie ungläubig.
„Wirklich, versuch es doch noch mal."
Verbissen schloss sie die Augen, man konnte ihr die Anstrengung mit der sie mich suchte ansehen und dann mit einem Ruck löste sich mein Geist vom Körper und verschmolz mit Ihrem.
‚Bruce', donnerte es durch meinem Kopf.
‚Du musst doch nicht so schreien', betäubt von ihrer Lautstärke.
‚Sonst hörst du mich ja nicht`, antwortete sie entschuldigend. ‚Hat das… Hat das etwa funktioniert?'
‚Ja', antwortete ich schlicht.
‚WOW. Das ist ja so was von… WOW. Meinst du das klappt auch wenn du weiter weg bist?', sie war so aufgeregt, das sich ihre Worte fast überschlugen.
‚Ich denke schon, zumindest bei mir hat die Entfernung es nie schwerer gemacht. Wir werden es einfach ausprobieren. Wir müssen ja sowieso üben, damit es dir nicht so schwer fällt.'
Ein leises lachen hallte durch meinen Kopf. ‚Ja, üben ist gut. Es gibt soviel was wir üben müssen.'
Ich spürte ihre Hände meine Körper entlang wandern und genoss jede Ihrer Berührungen. Ich wollte mich schon ganz ihrer Magie hingeben, aber dann würden wir auch heute dieses Zimmer nicht verlassen, darum stoppte ich ihre Hände. ‚Vielleicht sollten wir das auf später verschieben, sonst schaffen wir es nicht bis nach Hause.'
Mit leichter Enttäuschung sah sie mich an und seufzte. ‚Schade das wir nicht für immer hier bleiben können, aber du hast recht.'
Sie wollte gerade aufstehen aber das ließ ich nicht zu. ‚Was?', fragte sie.
‚Wegen zu Hause', fing ich zögerlich an.
‚Ja?'
Jetzt wo ich angefangen hatte wusste ich nicht mehr weiter. Wie sollte ich sie am besten fragen? Ich wollte nicht mehr meine Nächte in diesem Wohnheim verbringen. Das Haus mit all den vielen Stimmen war für mich der Horror und es wäre doch soviel angenehmer wenn sie bei uns wohnen würde. Sicherer war es auch. War es egoistisch wenn ich sie so oft wie möglich bei mir haben wollte? Andererseits fand sie es vielleicht noch zu früh. Menschen zogen doch selten so schnell zusammen. Ich wollte sie ja nicht einschränken. Oh Mann, warum war das alles immer so kompliziert?
‚Ich hab mich gefragt ob du unbedingt in diesem Wohnheim leben willst', sie legte ihren Kopf leicht schräg und fixierte mich mit ihren blauen Augen. Ihr Blick war so unergründlich, das mir Angst und Bange wurde. ‚Du könntest doch auch bei uns einziehen.' Wenn sie wenigstens zwinkern würde. ‚Das Haus ist groß genug und wenn du nicht mit mir das Zimmer teilen möchtest… Wir könnten dir auch ein eigenes einrichten.'
Schweigend sah sie mich an. Ich wurde einfach nicht schlau aus ihr. Wenn sie doch wenigstens was sagen würde.
‚Warum möchtest du das ich zu dir ziehe?', fragte sie tonlos und ich war so schlau wie vorher.
‚Ich könnte dir jetzt tausend Gründe sagen. Weil es sicherer ist. Weil ich das Wohnheim nicht ertrage. Weil ich mich dort natürlicher verhalten kann und ähnliches. Doch der eigentliche Grund ist, weil ich dich so oft wie möglich in meiner Nähe haben möchte. Weil ich an jedem Morgen sehen will wie du aufwachst und abends wie du einschläfst. Weil ich dich liebe.' Hoffend sah ich zu ihr auf. Was würde sie nur antworten?
Ihr prüfender Blick lag immer noch auf mir, ich konnte es fast nicht mehr ertragen, doch dann huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. ‚Ja.'
‚Ja?', fragte ich immer noch angespannt.
„Ja, natürlich zieh ich zu dir und ich brauche auch kein eigenes Zimmer, du hast doch ein sehr gemütliches Bett. Ich liebe dich."
Ihre Lippen verschlossen meinen Mund noch ehe ich etwas sagen konnte. Es mag egoistisch sein, aber in dem Moment war ich einfach nur glücklich und hatte meine Sorgen fast vergessen.
Wir saßen noch eine ganze Weile einfach so da und genossen die Gegenwart des anderen, aber wir konnten nicht ewig hier bleiben. Wir mussten diese perfekte Seifenblase verlassen und uns der Realität stellen.
Die Strasse hatte uns wieder. Wir flogen nur so über den Highway und je näher wir der Realität kamen umso mehr kehrten auch die Bilder der letzten Nacht zurück. Ich sah wieder die Verzweifelung, die Wut und den Hass in Sandys Gesicht. Sie war ein so schöner Vampir und eine Naturgewalt in ihrer Wut, aber ich sah auch wie sie starb. Wie alle starben. Wie die Welt sich verändern würde und das war unerträglich. Wir mussten einen Weg finden.
„Sagst du es mir jetzt oder willst du die ganze Heimfahrt darüber brüten?", fragte Sandy unvermittelt.
„Was meinst du?", fragte ich unschuldig.
„Das was dich schon den ganzen Tag beschäftigt. Du hast doch wohl nicht geglaubt, dass ich mich so leicht von dir täuschen lasse. Das mit der Gabe hat dich zwar interessiert und das ich zu dir ziehe lag dir auch am Herzen, aber deswegen machst du nicht so ein Gesicht, mein Lieber. Also willst du es nicht einfach sagen?" Ich sah kurz zu ihr und sie blickte mich so herzerweichend an, dass ich gar nicht anders konnte, als ihr zu antworten.
„Also gut", stöhnte ich auf. „Es hat sehr wohl was mit unseren Gaben zu tun. Diese Verbindung zwischen uns ist nämlich keine Einbahnstrasse oder um es einfach auszudrücken, ich hatte heute Nacht durch dich eine Vision. Wir hatten eine Vision."
„Bitte was? Wir hatten eine Vision und warum ist davon keine Zeichnung vorhanden. Du hast sie doch nicht etwa vernichtet?", fragte sie leicht aufgebracht.
„Nein, ich habe nichts vernichtet und das würde ich auch nie tun", antwortete ich genauso ungehalten.
Ihre Hand suchte meine und drückte sie. „Entschuldige, dass hätte ich nicht sagen dürfen. Ich bin nur total verwirrt."
Zaghaft lächelte ich sie an, wie sollte ich ihr das verdenken, mir ging es doch genauso. „Ist schon gut. Ich bin auch verwirrt."
„Erzählst du mir von deiner Vision oder darf ich das nicht wissen?", fragte sie nach einer Weile.
„Du hast zuerst einen Brief an mich geschrieben, oder besser Jess hat durch dich geschrieben. Es ging hauptsächlich um unsere Tochter und um Marie, alles nicht so wild und dann ging es noch um die New Order."
„Die New Order", echote Sandy mit zitternder Stimme. „Was hat sie dir geschrieben?"
„Das wir sie unbedingt aufhalten müssen."
„War das alles?"
„Alles was sie geschrieben hat, aber sie hat auch noch Bilder in meinen Kopf gepflanzt. Bilder von einer möglichen Zukunft. Was geschieht wenn sie die Macht übernehmen." Es viel mir schwer darüber zu reden, die Bilder waren noch so frisch und ich wusste ja selbst noch nicht, was ich von ihnen halten sollte.
„Hat sie dir versklavte Menschen gezeigt?", ich nickte. „Und den Tod von Freunden?", wieder nickte ich. „Bruce wir müssen sie aufhalten. Ich will nicht dass so was geschieht. Was machen wir jetzt nur?"
„Wir werden kämpfen und es verhindern. Zumindest werden wir es versuchen. Was sollen wir sonst machen", antwortete ich im Brustton der Überzeugung.
„Und womit fangen wir an?"
„Mit der Familie und unseren Freunden. Ich denke sie sollten wissen was auf uns zukommt."
„Bist du dir sicher?"
„Ja", antwortet ich ohne zögern, es gab keinen anderen Weg.
Ich drückte Sandy mein Handy in die Hand. „Ruf bitte Carlisle an und bitte ihn uns heute Abend um acht zu besuchen. Sag es wäre wichtig und er soll alle mitbringen. Wirklich alle, auch den Hund."
„Du sollst ihn nicht immer so nennen", tadelte sie mich. „Aber warum rufst du ihn nicht an?"
„Weil du meine Gefährtin bist und als solche hat dein Wort das gleiche Gewicht wie meins. Daran sollen sich alle gewöhnen. Darum bittest du die Cullens auch nicht in meinem Namen, sondern im Namen unseres Clans, unserer Familie, zu einem Treffen."
Ich hörte wie sie schluckte. „Das ist dein voller Ernst, nicht wahr?"
„Ja, es ist mir todernst."
„Also gut." Sie streckte sich und setzte sich aufrecht in den Sitz. Ihre Finger flogen über das Telefon und dann wurde die Verbindung aufgebaut.
Es klingelte dreimal ehe an der andern Seite abgenommen wurde.
„Cullen", erklang Carlisles sanfte Stimme am anderen Ende der Leitung.
„Hallo Mister Cullen", antwortete Sandy leicht nervös. „Hier spricht Sandy Stevens."
„Oh Sandy welche Freude, aber nenn mich doch bitte Carlisle. Wie kann ich dir helfen?" Typisch Carlisle die Freundlichkeit in Person, er war einfach ein gutes Wesen. Aber gerade das machte mir Sorgen, bei dem was ich vor hatte könnte er sich als Hindernis erweisen.
„Also gut Carlisle. Es gibt einige Neuigkeiten, die unsere Familien dringend besprechen müssen. Darum bitten wir euch uns heute Abend zu besuchen", antwortete Sandy geschäftsmäßig.
Für einen Vampir schwieg Carlisle sehr lange. „Du sprichst für euren Zirkel?"
„Ich spreche für die Familie McGregor. Ja."
„Gut, wir werden kommen", antwortete ein überraschter Carlisle.
„Ich danke dir und bringt bitte Jacob mit. Er sollte das auch hören", aus Sandys Stimme war alle Unsicherheit verschwunden, so als hätte sie nie etwas anders getan.
„Wann sollen wir bei euch sein?"
„Würde euch acht Uhr passen?"
„Wir werden da sein. Bis dann.", antwortete Carlisle.
„Bis dann", mit einem Fingerdruck beendete sie das Gespräch und seufzte.
„War das so richtig?", fragte sie mich.
„Das hast du gut gemacht", sagte ich mit einem Lächeln und drückte das Gas noch etwas fester durch.
„Und was jetzt?"
„Jetzt fahren wir ins Wohnheim, holen schon mal das Notwendigste und dann fahren wir nach Hause."
Es war schon fast fünf als wir den Campus erreichten, die Sonne war schon hinter dem Horizont verschwunden und so parkte ich nicht weit von Wohnheim entfernt. Sandy wollte heute nur ein paar Kleidungsstücke und Bücher einpacken. Ihren Computer und den Rest würden wir morgen holen.
Das alte Backsteingebäude mit all den Menschen darin würde ich ganz gewiss nicht vermissen. Vor allem April, die wie hätte es anders sein können schon wieder am Fenster stand, würde ich keine Träne nachweinen.
Wir hatten das Gebäude fast erreicht als die Tür aufging und Robbert ins Freie trat. Shit, den hatte ich in der Aufregung der letzten Wochen ganz vergessen. Meine Instinkte arbeiteten schneller als mein Verstand. Ohne dass ich darüber nachdachte zog ich Sandy hinter mich. Robbert sah mich verdutzt an und versuchte seine Unsicherheit mit einem Grinsen zu überspielen.
„Hallo Bruce", sagte er bedächtig.
„Hallo Robbert", knurrte ich, was ihn vor mir zurückweichen ließ.
„Stimmt was nicht?", fragte er vorsichtig.
„Geh von der Tür weg", antwortete ich scharf.
Langsam gab er die Tür frei und sah mich fragend an. „Was ist denn los?"
„Geh doch schon mal packen", sagte ich zu Sandy und schob sie ins Innere des Gebäudes. Sie drückte noch meine Hand und lief die Treppen nach oben.
Robbert sah mich angestrengt aber wachsam an. Sein Körper war gespannt, aber seine Körperhaltung zeigte mir, dass er kein geübter Kämpfer war.
„Was ist dein Problem?", fragte er scharf.
Ich machte einen Schritt auf ihn zu und er wich vor mir zurück „Was mein Problem ist? Du fragst wirklich was mein Problem ist", ich konnte mich gerade noch soweit beherrschen das ich ihn nicht anschrie. „Wir haben dich an unserem Tisch willkommen geheißen. Du hast es die ganze Zeit gewusst und läßt uns im Unklaren. Ist es das wie du es dir vorstellst?"
Ich ging weiter auf ihn zu, aber mit jedem Schritt den ich auf ihn zuging machte er einen zurück. So gelangten wir zu einer Wiese, die etwas abseits des Gebäudes lag.
„Ich weiß gar nicht von was du da redest", versuchte er sich rauszureden, aber nicht so. Nicht heute.
„Ach nein, soll ich deutlicher werden? Soll ich?", zischte ich wütend. Was dachte er wie weit er das Spiel mit mir treiben könnte?
„Ich wusste nicht wie ihr, wie du es aufnimmst und dann… Ist ja jetzt auch egal. Oder?", Enttäuschung und Resignation schwang in seiner Stimme mit und er ließ die Schultern hängen. Als ich nichts antwortete fragte er weiter. „Wie soll es jetzt weiter gehen?"
„Ich weiß es noch nicht, aber ich will dass du dich von Sandy fern hältst."
Ich sah ihn hart an und er nickte. „Dann bleibst du und deine Familie auch weg von April."
„Das wird uns nicht schwer fallen. Noch was, ich hoffe du kannst dich zurück halten, wir wollen hier kein Aufsehen. Hast du das Verstanden?"
Wütend sah er mich an. „Ich brauch mich von dir nicht belehren zu lassen. Ich weiß sehr gut wie man kein Aufsehen erregt und ich brauche diese Art von Nahrung nur ganz selten. Aber wie kommt ihr damit zurecht? Ständig ein Büffet um euch. Ihr seid doch viel gefährdeter als ich."
„Keiner von uns hat je diese Sorte Nahrung zu sich genommen, die Tiere des Waldes reichen uns vollkommen aus", konterte ich seinen Einwand.
Er sah mich mit großen Augen an. „Tiere? Das hab ich ja noch nie gehört. Aber das ist eure Sache. War das alles oder gibt es sonst noch etwas, was du mir sagen möchtest?"
„April…", fing ich an.
„Ja?", fragte er erzürnt.
„Ich weiß nicht was du ihr erzählt hast, aber sie zu das sie den Mund hält. Wir wollen hier keinen Besuch aus Italien."
„Italien?", fragte er schulterzuckend, so als hätten er noch nie von den Volturi gehört.
„Die Volturi", fügte ich an, doch er sah mich immer noch fragend an.
„Was ist ein Volturi?"
Oh Mann, wie hatte er nur solange überlebt? „Das sind Uralte Vampire, die es gar nicht mögen wenn über unsereins gesprochen wird. Sollte sie quatschen und die Volturi erfahren das, dann werden sie sie einfach als Zwischenhappen nutzen. Und was dich angeht, dich würden sie schon deshalb töten, weil du bist was du bist. Mehr brauchen die nicht."
Ich sah wie er schluckte. „Sie wird nichts sagen. Ich denke wir sind hier fertig."
Langsam zog er sich zurück, seinen Blick auf mich gerichtet.
„So endet es also? Ich dachte wir könnten Freunde sein", sagte er leise und sah zum Boden.
Freunde? Was sollte ich dazu sagen? Mein Leben war so schon kompliziert genug. Auch ohne ihn. Und doch… Nein. Ich wusste es nicht. Im Moment sah ich dafür keinen Platz.
„Wir werden sehen was die Zeit mit sich bringt. Im Moment weiß ich nicht was ich dazu sagen soll", antwortete ich.
„Ja, da geht es mir genauso", sagte er und drehte sich um.
Er war schon fast weg als mir noch etwas einfiel. Auch wenn wir zurzeit keine Freunde sein konnten, war es doch meine Pflicht ihn zu warnen.
„Robbert", sagte ich worauf er sich überrascht umdrehte. „Noch einen kleinen Rat. Im Süden tobt eine neue Art Krieg, der sich von den üblichen Kämpfen unterscheidet, viele werden sterben. Wenn ich da unten Familie hätte würde ich dafür sorgen, dass sie dort weg ziehen. Soweit nach Norden wie möglich. Kanada wäre ein Land in die ich meine Lieben schicken würde. Verstehst du."
Er nickte und sagte leise „Danke."
Hatte ich das Richtige getan? Heute einen möglichen Freund verloren oder meine Familie vor einer Gefahr geschützt? Oder vielleicht beides? Ich wusste es nicht. All diese Entscheidungen, ich kam mir vor wie ein Blatt im Wind.
„Endlich Zuhause", sagte Sandy leicht euphorisch, als ich den Wagen vor dem großen Haus parkte.
„Ja, endlich", antwortete ich. „Komm lass uns rein gehen."
Schwer beladen machten wir uns auf den Weg ins Haus. Sandy und ich waren gerade durch die Tür geschlüpft, als ein dunkel gekleideter Blitz auf uns raste.
„Sandy", schrie Marie und zog sie in eine Umarmung. „Wo wart ihr denn solange? Ich hatte euch am Freitag erwartet."
„Ich hab dich auch vermisst", sagte Sandy etwas kurzatmig. „Könntest du bitte nicht so feste drücken."
„Oh", sagte Marie und trat einen Schritt zurück. „Also wo wart ihr so lange?"
„Wir…", fing Sandy an, aber ich fiel ihr ins Wort. „Wir wollten etwas Zeit für uns, ohne das du Vorwitznase die ganze Zeit neugierige Fragen stellst."
Beleidigt verzog Marie ihr Gesicht und streckte mir die Zunge raus. „Dich hab ich nicht vermisst."
„Das war mir klar. Wo ist Eddie?"
Sie deutete mit der Hand in Richtung Keller. „Wo wird der schon sein. Natürlich bei seinen Computern."
„Gut, dann werde ich ihn mal in seinen heiligen Hallen stören. Könntest du bitte die restlichen Sachen von Sandy aus dem Wagen nehmen und sie bitte in unser Zimmer bringen?", fragte ich und sah Marie bittend an.
Sie war schon auf dem Weg zur Tür als sie sich wieder umdrehte und uns fragend ansah. „Euer Zimmer?"
„Ja, unser Zimmer. Sandy zieht bei uns ein."
Maries Freudenschrei hörte ich nur noch gedämpft, das sollten sie Mädels ruhig alleine feiern oder was sie so machten. Ich jedenfalls war schon auf den Weg zu Eddie. Leise öffnete ich die Tür zu dem klimatisierten Raum. Dutzende von Servern brummten in ihren Racks vor sich hin und hinter einer Phalanx von Monitoren sah Eddie neugierig zu mir auf.
„Was verschafft mir die Ehre, dass du mich hier unten aufsuchst?", fragte er gerade heraus.
Ich setzte mich auf den einzigen noch freien Stuhl und versuchte mich zu sammeln.
„Ich brauche deinen Rat", sagte ich schließlich. „Bei einem Computerproblem."
„Bei einem Computerproblem?", fragte er überrascht und zog die Augenbrauen hoch. „Dann lass mal hören."
„Wäre es möglich…"
In den nächsten anderthalb Stunden erörterten wir die Möglichkeiten, die dazu führen könnten das alle vernetzten Computer weltweit ihren Dienst quittieren würden. Eddie war der Meinung dass es zwar schwierig aber nicht unmöglich wäre. Mit der entsprechenden Hardware, einem Stab von Hackern und genug Vorlaufzeit wäre es durchaus möglich. Er zeigte mir auch die Folgen auf, die ein solcher Ausfall jetzt schon hätte. Bei einem Netzausfall, von nur einem Tag, würde die Welt in eine tiefe Krise stürzen, bei einem längeren Ausfall würde unser Wirtschaftssystem zusammenbrechen. So einfach und erschreckend war das.
Ich hatte noch gerade genug Zeit um mich umzuziehen, ehe unsere Gäste kamen. Ich hatte eben mein Hemd zugeknöpft, als ich die Autos auf den Hof fahren hörte. Ich betrachte mich noch im Spiegel, zog die Krawatte gerade und als es klingelte war ich schon auf dem Weg zur Tür. Ich atmete ein letztes Mal tief durch. Der Tanz konnte beginnen.
