Ein unverhofftes Wiedersehen: Die zickige New Yorker Diebin Mademoiselle Brillant, der penible Wissenschaftler Frankenstein und der angeberische und nun ehemalige Generalmajor einer Rebellengruppe Crowe sind ebenfalls an den K-Spielen beteiligt. Der Veranstalter Kieron bestimmt jedoch neue Teams, die nach Geschlechtern unterteilt sind. Trotz Protest fügen sich alle Beteiligten der Entscheidung und widmen sich mit ihren Kameraden nun dem Lösen einer weiteren Münze, die den Namen eines Artefakts und dem Ort, wo sich dieses befindet, birgt.

Kapitel 26 – Grabräuber wie wir

Guatemala, el templo al raso, 02:15 Uhr

„Fassen wir zusammen", begann Lara. „Aus L#LCR#PRMR wird el lucero primero. Der erste Stern."

„Und aus L#NV#D#L#NCH# wird la nave de la noche. Die Halle der Nacht", führte Joan die Ergebnisse weiter.

„Das ist hier", antwortete Lara und deutete auf einen Raum auf der Karte, die sie ausgebreitet in den Händen hielt. „Danke an euch beide."

„Kein Problem", erwiderten Zip und Alister, die beide durch Headsets, die Lara und Joan trugen mit ihnen verbunden waren.

Lara und Joan saßen auf der Motorhaube des Jeeps, der sie zum Tempel gebracht hatte. Bei ihnen befanden sich ihre Münzen, die Karte des Tempels, eine batteriebetriebene Lampe und eine Schachtel von Joans selbstgemachten Brownies, die Joan vorsorglich mitgenommen hatte. Diese waren innerhalb der drei Stunden, die Lara und Joan gebraucht hatten, um das Rätsel mit Hilfe von Zip und Alister zu lösen, zu Laras neuer Lieblingssüßigkeit geworden.

„Ruht euch aus. Wir werden wohl auch gleich ins Bett gehen", riet Lara den beiden, die sich daraufhin verabschiedeten.

Joan faltete die Karte zusammen und Lara nahm sich noch einen Brownie.

„Hast du da etwa Drogen reingemischt?", wollte Lara von Joan wissen, die daraufhin vergnügt grinste.

„Nein, etwas viel Besseres", entgegnete Joan und legte die Karte neben sich auf die Motorhaube.

Auch sie nahm sich noch eine Süßigkeit.

Beide sahen verträumt zum klaren Himmel, wo viele Sterne glitzerten.

„Geheimrezept, was?"

„Ja , kann man so sagen", gab Joan zurück. „So klar sieht man den Himmel in New York nie."

Joan seufzte, was für Lara wie eine Mischung aus Freude am Anblick und aus Leid diesen so selten sehen zu können, klang.

„Tja, die Nachteile einer Großstadt."

Als die beiden den Sternenhimmel fixierten und von der kühlen Nachtluft eine leichte Gänsehaut spürten, ließen sie die letzten Stunden noch einmal gedanklich Revue passieren.

Sie hatten versucht mit Mademoiselle Brillant das Rätsel zu lösen, doch diese hat sich so unkooperativ verhalten, dass die beiden beschlossen hatten allein über die Aufgabe nachzudenken. Zudem hatten sie Zips Hilfe benötigt, der mit seinen Programmen die Buchstabenkombination lösen konnte.

Alister hatte ihnen schließlich berichtet, dass der erste Stern ein goldener Stein sei, der sich in der nave del noche befand und der wie eine Art Schlüssel diente, den sie am techumbre del cielo (dts.: Dach des Himmels), ein weiterer Raum, der auf der Karte zu finden war, einsetzen mussten. Er hatte zudem erläutert, dass diese Art von Rätsel in Tempeln des Gottes Itzamná üblich wäre.

Daneben hatte Alister die beiden um Vorsicht gebeten, da die Warnung, dass es in diesem Tempel Untote gäbe, die das Bauwerk vor Eindringlingen schützten, durchaus ernst zu nehmen war. Joan war noch nicht wirklich von dieser Vorstellung überzeugt, doch Lara hatte ihr versichert, dass sie es lieber jetzt glauben sollte und nicht erst, wenn die Mumien leibhaftig vor ihr standen.

„Gehen wir zu Bett. Morgen – ich meine heute – wird wohl ein schwieriger Tag", sah Lara es voraus.

„Ja, das wird es wohl", stimmte Joan zu und gähnte.

Die beiden sammelten ihre Sachen zusammen, als sie Schritte aus dem Dickicht des dunklen Regenwaldes hörten.

„Komm", flüsterte Lara, schaltete schnell die Lampe aus und zog Joan mit sich, um sich mit ihr an der Beifahrerseite hinter dem Jeep zu verstecken, sodass der wohl nahende Feind sie nicht entdecken konnte.

„Ist das…?", wisperte Joan und Lara wusste, dass sie an die Mumien dachte.

Vorsichtig spähte Lara über die Motorhaube. Im Dunkeln konnte sie nichts erkennen, doch das Rascheln wurde lauter und kam näher. Lara begab sich zur Autotür der Beifahrerseite, öffnete diese leise und tastete unter dem Sitz nach einer V-Pack – einem durchschlagskräftigen Gewehr –, schlich wieder zur Motorhaube und visierte die raschelnden Blätter exotischer Bäume und Büsche an. Sie schärfte ihre Augen, doch noch immer war nichts zu erkennen. Mit Fingern, durch die Adrenalin begann zu fließen, entsicherte sie die Waffe.

Joan presste nervös die Lippen aufeinander. Laras Zeigefinger begann auf den Abzug Druck auszuüben, doch kurz bevor sie abdrückte, trat die Ursache des Raschelns aus der Vegetation und Lara legte beruhigt die Waffe nieder. Joan und Lara atmeten erleichtert aus, während sie aus ihrem ‚Versteck' hervortraten.

„Du bist es bloß. Wir dachten schon, du wärst eine Mumie", bekannte Lara und schaltete die Lampe wieder ein.

„Sehe ich denn so schlimm aus?", hinterfragte Branden und trat auf die beiden zu.

„Gewisse Ähnlichkeiten bestehen", gestand Joan.

„Was hast du im Gebüsch gemacht?", wollte Lara wissen.

„Ich war für kleine Grabräuber", erklärte Branden schlicht.

„Um die Urzeit?", erkundigte sich Lara ironisch.

„Ich warte darauf, dass Uma das Rätsel knackt…sie meint, die Software würde Probleme bereiten, aber den Geräuschen zufolge zertrümmert sie gerade ihre Wohnung…", vermutete er nachdenklich. „Was macht ihr hier?"

„Wir haben unser Rätsel gelöst…oder eher gesagt es lösen lassen. Zip schien sehr fröhlich", erläuterte Lara. „Was mag da nur vorgefallen sein?"

„Uma werde ich jedenfalls nicht fragen; ich möchte weiterleben. Macht Mademoiselle Brillant solche Probleme wie Crowe und Frankenstein auch?"

„Das ist noch nett ausgedrückt", entgegnete Joan bitter. „Sie ist an Unkooperativität nicht zu übertreffen. Einerseits hört sie sich unsere Lösungsvorschläge nicht an, kritisiert aber, dass wir nicht mitarbeiten würden."

Joan verdrehte schon bei der Erinnerung die Augen.

„Deshalb haben wir uns rausgeschlichen. Außerdem schnarcht sie", erwiderte Lara und schauderte.

„So was. Ich hab die selben Probleme", bestätigte Branden. „Ich kann mit euch fühlen."

Lara seufzte.

„Gehen wir doch alle zusammen zu einem Therapeuten. Vielleicht gibt' ja Massenrabatt. Na ja, Spaß beiseite. Ohne diese Gruppeneinteilung hätten wir schon längst mit der wirklichen Arbeit anfangen können. Die drei sind allesamt Hindernisse", sprach Lara die Wahrheit aus.

„Du sagst es. Mit Leuten zusammenzuarbeiten, mit denen man partout nicht klarkommt, konnte ich schon in der Schule nicht leiden", erzählte Joan. „Aber für diesen Kristall muss man wohl eine Menge Schwierigkeiten überwinden."

„Poetisch", gab Lara zurück. „Aber wahr. Seien wir gespannt, was uns morgen – eher gesagt heute – erwartet. Ich hoffe für dich, dass Uma – oder wie sie sagt, die Software – sich wieder fängt."

„Danke", antwortete Branden.

Die drei verabschiedeten sich vorläufig. Lara und Joan nahmen ihre Sachen, während Branden zu seinem Zelt schritt, wobei er sich auf halbem Weg umdrehte.

„Ach, Lara…Ist es okay, wenn ich Alister bei historischen Sachen frage? Was den Tempel angeht, hat er ja ziemlich gute Arbeit geleistet…so gute Infos habe ich so schnell noch nicht bekommen", schilderte Branden.

„Na gut…ich leihe ihn dir", erwiderte Lara grinsend und mit der Lampe im Arm. „Gute Nacht!"

Branden sah dabei zu wie die beiden ihr Zelt aufsuchten und kehrte kurz danach in sein eigenes zurück. Er nahm das Headset, das auf seinem Klappbett lag und lauschte. Ein gedämpfter Wutschrei und ein darauffolgendes Klirren ließ ihn vermuten, dass Uma noch nicht ansprechbar war.

„Oh, Uma…du und dein Temperament…", murmelte er und streckte sich auf seiner Schlafstätte aus.


Die Sonne erhob sich über der alten Ruine und tauchte die größtenteils von Pflanzen umschlossenen Steine in ein sanftes Licht.

Lara festigte den Skorpion-Stecker an ihrem Ohr, als sie die Ruine musterte. Vor dem Tempel stand neben ihr Joan mit der ausgebreiteten Karte in den Händen.

„Das wird kein kurzer Weg", sah Joan es voraus.

„Und einfach wird er auch nicht", fügte Lara hinzu und strich über die Waffen an ihrem Gurt, an dem sich auch der Kletterhaken befand, den sie an diesem Tag gegen den magnetischen getauscht hatte.

Eine Intuition hatte sie diese Wahl treffen lassen, doch um Joan ihren misstrauischen Blick zu nehmen, hatte Lara den Magnethaken an Joans Gurt befestigt. Dieser war ein wenig einfacher zu handhaben, da das Greifinstrument des Kletterhakens mehr Gewicht forderte.

Eben noch hatte Lara Joan gezeigt wie sie das neue Hilfswerkzeug zu benutzen hatte und Joan hatte nicht lang gebraucht, um den Magnethaken gut zu beherrschen. Zudem trug Joan ein Seil bei sich, damit sie auch dann dem Tod entkommen konnten, wenn die beiden Haken nutzlos waren.

„…was, wenn ihre Waffen versagen?", hörten die beiden Frankensteins Stimme. Sie drehten sich um und sahen ihn und Branden, der ein volles Magazin in seine Desert Eagle schob, ebenfalls auf den Tempel zugehen.

„Dann schreien wir laut um Hilfe, bis Superman oder David Hasselhof kommt. Bleiben Sie locker, Frankenstein. Improvisation lässt sich nun mal leider nicht planen. Man muss es auf sich zukommen lassen, wie beim-"

„Ja, ja, ich hab's verstanden", unterbrach Frankenstein missmutig Brandens Antwort.

Branden erblickte Lara und Joan und blieb mit Frankenstein bei ihnen stehen.

„Guten Morgen. Wo habt ihr denn euer fünftes Rad am Wagen gelassen?", fragte er.

„Es ist damit beschäftigt, sein Gesicht mit Hilfe von einem Kilo Make-up zu modellieren. Wo ist das eure?", wollte Lara wissen.

„Crowe? Der macht angeblich ein wenig Morgengymnastik, aber ich glaube eher, dass er auf Nahrungssuche ist. Schon blöd, wenn man sich keinen Proviant mitnimmt", erwiderte Branden.

„Er ist schon viel zu lange weg. Was, wenn ihm etwas zugestoßen ist?", vermutete Frankenstein.

„Würde mich freuen", gab Branden zurück und steckte die Waffe in seinen Halter.

„Ich bin mir sicher, dass ich heute Nacht einen Jaguar gehört habe! Was, wenn er angegriffen wurde und als Frühstück endete?", kritisierte Frankenstein weiter.

„Seien Sie nicht albern Frankenstein. Jaguare greifen keine Menschen an", entgegnete Branden.

„Außerdem würde sich das kein Tier antun", kommentierte Lara und hoffte wohlwollend für Branden, dass Frankenstein nicht noch mehr zeitaufwendige Fragen stellte. Sie – und auch Branden – wusste jedoch schon jetzt, dass auch Frankenstein eher Hindernis als Hilfe sein würde.

Sein weißes Hemd war schon jetzt feuchtgeschwitzt und klebte wie die lange Hose an seinem Körper.

Allerdings sah man Branden an, dass er im Gegensatz zu Frankenstein ein Abenteurer mit Erfahrung war. Ein weißes Shirt ohne Ärmel zeigte seine durchtrainierten Arme, eine khakifarbene Hose reichte ihm bis zu den Knien und zeigte von dort an seine Unterschenkel, bis feste Bergsteigerschuhe ebenfalls von Grabräubererfahrung zeugten. Um seine Wade war ein weißer Verband gewickelt, der die Schnittwunde schützte, die Crowe ihm am Vortag zugefügt hatte.

Die Desert Eagle ruhte bereit zur Nutzung in seinem Waffengurt, auf seinem Rücken war ein Rucksack festgeschnallt und auch sein Headset schien stets verfügbar.

„Was würde sich kein Tier antun?", hörten sie Crowes Stimme, der nun auf die vier zukam.

„Ungenießbares", gab Branden gleichgültig zurück.

Am Liebsten hätte Lara Crowe schon wegen seines Blicks gestraft. Wie viele andere Männer auch verstand er nicht den Unterschied zwischen unauffälligem Hinsehen und vorsätzlichem Starren.

Crowe erfreutre die Sicht auf beide Frauen in ihren braunen, knappen Hotpants, die ihre schlanken Beine zeigte. Joan trug dazu eine weiße Bluse mit kurzen Ärmeln; Laras Oberkörper zierte ein grünes, ärmelloses Shirt, das sie schon auf vielen ihrer Abenteuer bei sich gehabt hatte. Beide Kleidungsstücke betonten ihre Formen sehr vorteilhaft.

„Was für ein strahlender Glanz am frühen Morgen", schmeichelte er den beiden, die sich jedoch ungerührt zeigten.

„Gleichfalls. Ich hätte Sie gar nicht erkannt. Sie sehen so anders aus…Haben Sie sich gewaschen?", konterte Joan und alle anderen, außer Crowe, lachten.

„Was fällt euch ein, zu lachen! Habt ihr denn nichts Besseres zu tun?!", meckerte eine schrille Stimme, die zweifellos Mademoiselle Brillant gehörte.

Ihr Gesicht war nun vollkommen geschminkt, doch Lara wusste aus eigener Erfahrung, dass viel Make-up im Laufe eines Abenteuers sie am Ende eher wie Marilyn Manson aussehen ließ als eine hübsche Grabräuberin.

„Die Spinatwachtel hat Recht. Gehen wir los", beschloss Branden und begann die Stufen zum Eingang hinaufzusteigen.

Frankenstein und Crowe folgten ihm. Zuvor hatte Branden den beiden die Ergebnisse von Umas und Alisters Nachforschungen mitgeteilt. Aus den Codes L#RY#DL#SL#PRMR und L#NV#DL#M ñN wurden el reyo del sol primero und la nave del mañana. El reyo del sol primero (dts.: der erste Sonnenstrahl) war ein goldener Stein, der in la nave del mañana (dts.: die Halle des Morgen) zu finden war. Diesen musste man im techumbre del cielo einsetzen, um das Dach des Tempels zu erreichten.

Crowe und Frankenstein hatten gestaunt, als Branden ihnen seine Ergebnisse mitgeteilt hatte. Sie glaubten, Branden hätte all das allein herausgefunden und wegen des Respekts, den sie ihm gezollt hatten und von dem er wusste, dass er sich bei dieser Aufgabe als eher selten erweisen würde, hatte er sie bewusst in diesem Glauben gelassen.

„Nebenbei", fing Lara an Mademoiselle Brillant gewandt an, bevor auch sie den Tempel betraten. „Haben Sie eigentlich auch einen richtigen Namen?"

„Ja", gab die Diebin zurück und hob überlegen ihren Kopf. Sie schwieg, doch weder Lara noch Joan dachten daran nachzuhaken. „Sandra Fine", sprach sie es schließlich in dem Wissen, dass alle Beteiligten das, was hier passierte nicht publik machen würden, aus und rauschte an den beiden vorbei, zum Eingang des Tempels hinauf.

„Sandra Fine…", wiederholte Lara und war sich sicher, dass sie den Namen kannte. Sie schaltete ihr Headset ein. „Zip? Zip, bist du da?"

Lara hörte Schritte und wie jemand sich hinsetzte.

„Lara? Bist du das?", fragte der Hacker.

„Ja. Sagt dir der Name Sandra Fine etwas?"

„Sandra Fine…dunkel…sehr dunkel", antwortete Zip.

„Bitte stell ein paar Nachforschungen an."

„Wird gemacht", versprach Zip.

„Danke. Wir machen uns jetzt an die Arbeit", schilderte Lara.

„Na dann viel Spaß. Und melde dich bei Problemen."

„Mach ich", versicherte Lara und schaltete das Headset wieder aus.

„Kommt schon!", befahl Sandra Fine, die schon vorm Eingang wartete. Joan und Lara seufzten gleichzeitig. Letztendlich gingen sie auf Sandra zu.


Die Gänge des ‚templo al raso' waren noch weitläufiger als es die Karten zeigten. Zwar verlor keines der Teams den Überblick, doch jedem kam es nicht nur einmal in den Sinn, dass die ohnehin schon große Ruine von innen noch viel geräumiger war als sie schien.

Es war erstaunlich, was für ein Kunstwerk aus Stein die alten Maya errichtet hatten. In die Wände waren viele verschiedene Motive zu Ehren des Gottes Itzamná eingekerbt. Die Bodenplatten zeigten schöne Muster, die auf die Gravuren abgestimmt waren und somit das Gesamtbild vervollständigten.

Jedoch sah man der Ruine auch ihr Alter an. Nicht wenige Teile des Tempels waren eingestürzt oder zerstört. Pflanzen wucherten überall, Spinnen hatten ihre Netze an jeder erdenklichen Stelle ausgebreitet und Staub lagerte sich in hohen Schichten. Durch die im Laufe der Jahrhunderte entstandenen Spalten in den Steinwänden, pfiffen nicht selten Winde, die wie ein Heulen klangen und somit dem Exkurs eine mystische, teilweise sogar leicht gruslige, Untermalung verliehen.


Frankenstein, Branden und Crowe fanden sich nach knapp zwei Stunden des Irrens durch die unzähligen Gänge im Raum diablo con espadas wieder. Dort befand sich auf einer Erhöhung – ähnlich wie in einem Kampfring – eine steinerne Statue in Form eines nur mit einem Lendenschurz bekleideten, muskulösen Mannes, der in den Händen zwei Schwerter hielt und ihre Arme vor der Brust verschränkt hatte.

Ein Tor, das zum nächsten Raum führte, der ihr eigentliches Ziel darstellte, war verschlossen.

„Und was nun?", fragte Crowe grantig, als die drei vor dem verschlossenen Durchgang standen. Branden rollte genervt mit den Augen. Crowes ungeduldige und forsche Art war sehr störend.

„Diese Inschriften müssen dabei helfen, die Tür zu öffnen", vermutete Frankenstein, der sich trotz Zimperlichkeit wegen der ungereinigten Ruine viel kooperativer zeigte als Crowe.

Branden nickte.

„Na, dann entziffern sie diese Schrift gefälligst. Das müsste Ihnen als Grabräuber doch nicht schwer fallen, Mister Oates", warf Crowe Branden vor.

„Natürlich nicht, eure Hoheit", entgegnete Branden professionell. „Aber da dies ein wenig dauern wird, könnten Sie in der Zwischenzeit etwas Sinnvolles tun, sich zum Beispiel in eine Schlucht stürzen oder so."

Branden wandte sich vom mit Mustern verzierte Tor ab und nahm die eingravierten Bilder und Schriften an den Wänden daneben in Augenschein.

Diese waren zu allem Übel von der Zeit zerstört worden und somit nur noch in wenigen Teilen vorhanden. Nur ein Bild war noch vollständig erhalten, das zeigte wie zwei Männern mit Schwertern gegeneinander kämpften. Hierbei war der eine mindestens doppelt so groß wie der andere.

„Was könnte das bedeuten…?", erkundigte sich Frankenstein und verlor sich daraufhin in einer Diskussion mit Branden.

Crowe entfernte sich von den beiden.

‚Hätten wir genug Dynamit, müsste ich diesen Schwachsinn nicht ertragen', ging es ihm durch den Kopf.

Seine Schritte hallten in dem großen Saal wieder, während er den quadratischen ‚Ring' umkreiste, der etwas zehn Meter lang und breit war. In der Mitte befand sich die Statue, die – wie er aus der Ferne vermutete – Gold und Silber an sich trug.

‚Immerhin wusste diese Maya, was wertvoll ist', dachte er.

Sein Interesse war geweckt. Ahnungslos bestieg er den Ring und trat auf den steinernen Mann zu. Die goldenen Schwerter in seinen Händen waren mit Diamanten verziert.

Mit verschränkten Armen kniete die Statue auf dem Boden. In dieser Position war sie mit Crowe auf Augenhöhe. Die Skulptur trug sehr viel maya-typischen Schmuck und war geschätzt etwa zwei Mal wo groß wie Crowe, den Lara wegen seiner Größe und Statur schon bei ihrer ersten Begegnung mit einem platzraubenden Schrank assoziiert hatte.

Smaragde stellten die Augen des Steinmannes dar. Crowe beugte sich an diese heran, streckte langsam seine Hand aus, wollte sie berühren…

Branden und Frankenstein wurden durch einen Schrei aus ihren Überlegungen gerissen, der sie sich aus Reflex blitzartig umdrehen ließ.

Crowe lag rücklings auf dem Boden und presste seine linke Hand fest an seinen rechten Unterarm, der voller Blut war. Die Statue stand nun aufrecht und holte schon mit ihren Schwertern zu einem neuen Schlag aus.

„Weg von dem Ding!", rief Branden ihm zu und tatsächlich tat Crowe wie ihm geheißen.

Gerade wollte Branden seinen Kameraden befehlen mit ihm den Raum so schnell wie möglich zu verlassen, als ein Geräusch und ein anschließender Blick ihm bestätigten, dass sich der Durchgang, durch den sie gekommen waren, nun verschlossen war.

„Was sollen wir tun? Was sollen wir tun?!", wimmerte Frankenstein panisch an Branden gewandt, der gelernt hatte in solchen Situationen Ruhe zu bewahren.

„Rufen Sie nach David Hasselhof!", befahl Branden sarkastisch.

Crowe rannte ebenfalls angsterfüllt aus dem Ring zu den anderen beiden. Mit bodenerschütternden Schritten folgte ihm die Statue, während Branden seine Desert Eagle zog, doch als der steinerne Mann den Rand des Rings erreicht hatte, blieb er stehen, fixierte die drei jedoch mit seinen ausdruckslosen Augen.

Stirnrunzelnd senkte Branden seine Waffe.

„Schießen Sie schon!", forderte Frankenstein aufgeregt.

„Wenn Sie es nicht tun, mache ich es eben!", entschied Crowe, nahm mit blutverschmierten Händen seine Waffe hervor, zielte auf die Skulptur und entsicherte die Pistole.

„Nein!"

Mit einem Schlag von unten schleuderte Branden Crowes Arme nach oben, sodass die Kugel die Decke traf.

„Sind Sie lebensmüde?! Es wird uns umbringen!", brüllte Crowe.

„Nur wenn Sie so weitermachen!", konterte Branden in gleicher Lautstärke, besann sich danach jedoch wieder. „Es ist doch ganz klar. Damit sich das Tor öffnet, muss einer von uns in den Kampfplatz steigen und diese Statue besiegen. Deshalb übertritt sie den Ring nicht."

„Machen wir Sie doch von hier aus fertig", entgegnete Crowe.

„Ja, das wäre viel sicherer!", stimmte Frankenstein zu.

„Die Maya waren doch keine Idioten. Wenn wir uns nicht an die Regeln halten, wird es die Statue auch nicht tun und wer weiß, zu welchen Dingen sie fähig ist", erklärte Branden und sah wieder zu den Gravuren an der Wand, die nun Sinn ergaben.

„Ich werde das jedenfalls nicht tun!", entschied Frankenstein und verschränkte die Arme.

„Das wollen wir uns auch nicht ansehen. Ich werde es tun", bestimmte Crowe, der sich wegen der Wunde am Arm rächen wollte.

„Lassen Sie das lieber mich erledigen", schlug Branden gelassen vor.

„Warum zum Teufel sollte ich?", antwortete Crowe.

„Nun, das dürfte einem Grabräuber – wie Sie vorhin so schön sagten – dank Erfahrung nicht so schwer fallen wie einem Laien. Zweitens kann ich nicht erkennen, dass Sie noch Munition bei sich haben, die hier bitter nötig sein wird. Und drittens fehlt Ihnen einfach…wie soll ich sagen…das Hirn dazu", erläuterte Branden schlicht.

„Sie sind ein überheblicher Narr", beleidigte Crowe Branden.

„Und Sie sind eine dumme Kuh", konterte Branden ironisch.

Er bestieg den Ring, während die Statue jede seiner Bewegungen beobachtete. Ohne den steinernen Mann aus den Augen zu lassen schritt Branden in die Mitte der Kampfarena, wo helle Flecken die Stelle kennzeichneten, an der die Skulptur viele Jahre verharrt hatte.

Der Boden bebte, als sich auch die Statue wieder zu ihrem ehemaligen Standort begab. Als Zeichen des Respekts senkte Branden den Kopf und deutete so eine Verbeugung an. Der steinerne Mann tat es ihm gleich und begab sich daraufhin in Angriffsstellung. Branden hob seine Waffe und entsicherte selbe. Er atmete tief ein und durch den Mund wieder aus.

Obwohl es nicht das erste Mal war, dass er gegen Wesen kämpfte, die für die meisten als unwirklich galten, fühlte er wie so oft auf Abenteuern Adrenalin in seinen Adern, das nur dann hilfreich sein konnte, wenn man in der Lage war es zu kontrollieren. Zum Glück hatte er dies nach nicht wenigen Situationen solcher Art geschafft.

‚Hoffentlich erteilt ihm das Ding eine Lektion', dachte Crowe verbissen, damit sich für ihn die Gelegenheit ergab sich als Retter in der Not darstellen zu können. Er drückte noch immer seine linke Hand an seine Schnittwunde, durch die mittlerweile eine kleine Blutpfütze am Boden entstanden war.

„Glauben Sie, er schafft es?", erkundigte sich Frankenstein, der sich nun wieder unter Kontrolle hatte.

„Wer weiß", erwiderte Crowe grimmig, denn leider konnte er Branden nicht als unfähig bezeichnen.

‚Was für eine Frage!', ging es Branden neckisch durch den Kopf.

Da allem Anschein nach der steinerne Mann darauf wartete, dass Branden begann, beschloss er dem Willen der Skulptur zu folgen. Er zielte auf die Brust der Statue.

„Möge der mit den besseren Waffen gewinnen", murmelte Branden und feuerte einen Schuss ab.

Sofort setzte sich der steinerne Mann in Bewegung und holte zu einem Schlag aus, während Branden weiterschoss, was ihm leider nur mäßigen Erfolg einbrachte. Er erinnerte sich daran wie er und Lara auf Grönland gegen die Eisfrauen gekämpft hatten und beschloss nun dieselbe Taktik zu verwenden.

Mit schnellen Schritten rannte er auf die Skulptur zu.

„Ist er verrückt?", nuschelte Frankenstein fassungslos.

Die Figur ließ eines ihrer Schwerter niedersausen, doch Branden wich aus und schafft es so mit drei gezielten Schüssen ein Knie seines Feindes zu verletzen. Elegant vollführte er eine Seitwärtsrolle, um so auch dem zweiten Schwertschlag zu entgehen. Während die Statue damit beschäftigt war die Schwerter, die sie mit viel Kraft in den Boden gerammt hatte, wieder herauszuziehen, schoss Branden von hinten auf das beschädigte Knie und trennte so den unteren Teil des Beins vom restlichen Körper ab.

Nach einem Knopfdruck fiel das nun leere Magazin der Desert Eagle zu Boden und Branden nahm ein neues aus seinem Rucksack, um jenes einzusetzen. Mittlerweile war die Statue wieder im Besitz ihrer Waffen, drehte sich um und sprang auf einem Bein auf Branden zu, was unwillkürlich komisch wirkte.

‚Das nenn ich flexibel', dachte er und lachte kurz auf.

Dem steinernen Mann war kein Zeichen der Belustigung abzugewinnen, als er die Erde unter seinen Schritten erbeben ließ. Er holte erneut zu einem Angriff aus. Dem ersten Schwert entkam Branden, doch das zweite fügte ihm eine leichte Schnittwunde am linken Arm zu.

Zunächst wollte er das andere Knie der Statue attackieren, doch dann entschied er sich dazu eines der steinernen Handgelenke zu beschießen.
Das zweite Magazin war leer und der noch unversehrte Arm hatte die Klinge in seinen Händen wieder aus der Erde gezogen, als der steinerne Mann einen Versuch zu unternehmen, Branden den Kopf abzutrennen, doch ein Ducken und eine anschließende Rückwärtsrolle bewahrte ihn davor.

Wieder steckte auch die zweite Hand im Boden fest, was Branden nutzte, um das beschädigte Handgelenk weiter zu attackieren. Schließlich war der Arm so brüchig, dass die Statue es zwar schaffte ihre Gliedmaße aus dem Boden zu ziehen, aber ihre Hand mit dem Schwert im Boden zurückließ.

‚Gut', gab Crowe gedanklich zu.

Noch einmal wandte Branden das gleiche Prinzip an. Er provozierte weitere Schläge des steinernen Mannes, sodass sein Schwert im Boden stecken blieben.

Wieder schoss Branden auf das übrig gebliebene Handgelenk, sah jedoch nicht wie der Steinmann mit seinem nun verstümmelten Arm zu einem Schlag ausholte und Branden am Rücken traf. Der Grabräuber wurde fortgeschleudert und kam einige Meter weiter auf. Sein Rücken schmerzte vom harten Aufprall, weshalb er sich auf die Unterlippe biss und seine Desert Eagle noch fester umklammerte.

‚Nicht von schlechten Eltern', kommentierte er im Kopf diesen Zug.

Mittlerweile hatte die Skulptur ihre Hand wieder aus dem Boden befreit und hüpfte auf Branden zu. Der versuchte den Schmerz zu ignorieren und stand wieder auf. Zum wiederholten Male startete die Statue einen Angriff und blieb wieder mit dem Schwert im Boden stecken. Diesmal achtete Branden auch auf den anderen Arm und konnte diesem so bei Attacken ausweichen.

Dies hatte jedoch zur Folge, dass seine Schüsse weniger präzise waren.

Das Magazin war leer, als der vollständige Arm samt Schwert wieder aus dem Grund gezogen war, sodass Branden nachladen musste.

‚Dich kriege ich noch klein', versprach er gedanklich und bewegte sich nicht, als der steinerne Mann zum Schlag ausholte. Stattdessen schoss er ruhig auf das brüchige Handgelenk seines Gegners.

Die Klinge sauste von oben auf ihn nieder, mit der Absicht ihn zu töten.

Durch die Hitze und die viele Bewegung fühlte er nassen Schweiß an seinem Körper. Crowe vergaß für kurze Zeit den Schmerz an seinem Arm und Frankensteins Angst wich für die Spannung, ob Branden von der Statue geteilt wurde und wenn ja, wie zugerichtet seine Reste würden.

‚Er wird als Matschhaufen enden…!', sah der Wissenschaftler es voraus.

Branden fühlte wie sein Herz in seinem Brustkorb schneller und heftiger schlug. Der Adrenalinspiegel seines Blutes erreichte nun, im Angesicht den Todes, den Höhepunkt. Sein Atem ging kurz und stoßweise.

Nach jedem Schuss splitterte etwas Stein von der schon lädierten Hand. Die Klinge kam näher und näher; war schließlich so nah, dass Branden zur Seite springen musste und nach einer Rolle wieder aufrecht stand.

Aus den Augenwinkeln sah er das goldene Schwert im Boden stecken und die Hand, die jenes Schwert umklammerte. Er richtete seine Waffe darauf, doch als er das gesamte Bild erkannte, ließ er seine Desert Eagle sinken.

Die Hand samt Schwert war nun ebenfalls abgetrennt.

Leicht verwirrt sah er zur Skulptur, die keine Anstalten machte, Branden erneut anzugreifen. Sie sah Branden mit ihren ausdruckslosen Smaragdaugen an und senkte schließlich den Kopf.

Branden hatte eine Ahnung, was dies bedeutete, mochte es jedoch nicht recht glauben. Seine Vermutung wurde jedoch in einem Geräusch bestätigt, welches besagte, dass sich die verschlossenen Tore (wieder) geöffnet hatten.

Anscheinend hatte Branden bewiesen, dass er es würdig war, weiterzugehen.

„Na, das hat ja auch lang genug gedauert!", hörte er Crowes Stimme.

Er sah zu seinen Kameraden, die schon auf den nun geöffneten Durchgang zuschritten.

Branden seufzte.

‚Undank ist der Welten Lohn!'

Nun, da die Statue stillstand, ließ das Adrenalin wieder nach und sein Herz schlug wieder im normalen Rhythmus. Auch Branden senkte den Kopf als Zeichen des Respekts ehe er seine Waffe einsteckte und den Ring verließ.

„Kommen Sie schon!", rief Frankenstein.

„Ja, ja!", erwiderte Branden. „Wie wäre es mal mit einem Lob?"

Doch weder Crowe noch Frankenstein hörten es. Vielleicht wollten sie es auch nicht hören.

Bevor er sich dem unbekannten Gang zuwandte, sah er ein letztes Mal zum steinernen Mann. Zunächst war er verwirrt, belächelte den Anblick dann jedoch.

‚Solche Qualität gibt es heutzutage nicht mehr!', dachte er und folgte schließlich Crowe und Frankenstein.

Die Statur war wieder vollständig und kniete in der Mitte des Rings; bereit die nächsten Eindringlinge zu einem fairen Kampf zu fordern – damit der mit den stärkeren Waffen gewann.


Lara, Joan und Sandra (alias Mademoiselle Brillant) kamen nach etwa zwei Stunden im Raum el brinco mortale an, der sich als große und vor allem hohe Halle herausstellte. Dort ragten viele hölzerne Pfeiler aus dem Boden, von der Decke hingen morsche Seile, an den Wänden waren Kerben zum Klettern eingemeißelt und es waren viele andere Klettermöglichkeiten im Raum angebracht.

„Und was sollen wir hier?", erkundigte sich Sandra spöttisch. Sie war sichtlich schlecht gelaunt und ließ dies schon seit Beginn der Expedition an Lara und Joan aus, die letztendlich beschlossen hatten ihre Anmerkungen zu ignorieren.

Lara wandte sich den einzigen Inschriften und Reliefs an der Steinmauer neben ihr zu. Leider waren auch dort viele Teile mittlerweile nicht mehr vorhanden. Sich auf die Unterlippe beißend drehte sie sich wieder zu ihren Kameradinnen.

„Wir werden es wohl selbst herausfinden müssen. Das hier nützt uns nichts", antwortete die Archäologin und deutete auf die Symbole.

So begannen die drei den Raum zu erkunden und suchten nach möglichen Hinweisen in der von der Zeit gezeichneten Halle. Nach etwa zehn Minuten des Inspizierens der modrigen Holzpfähle und brüchigen Steinbauten, meldete sich Joans Stimme zu Wort.

„Seht ihr den Durchgang da oben?", fragte sie und deutete auf eine Plattform in etwa zehn Metern Höhe. „Ich denke, da müssen wir hin."

„Und unser Weg führt wohl über diese Hindernisse", fügte Lara hinzu und sah in den Raum.

„Warum solche Umstände? Einer tut sich diesen Parcours an und lässt dann dieses Seil nach unten, an dem die Verbliebenen dann hochklettern", schlug Sandra mit überheblichem Tonfall stattdessen vor und deutete auf Joan, die den gemeinten Strang an ihrer Schulter trug.

„Ich muss zugeben: Gute Idee. Joan, gibst du mir bitte das Seil?", erkundigte sich Lara und Joan übergab Lara den Strick, den sie sich wie eine Umhängetasche beim Einkaufen um die Schulter legte.

„Du könntest dir dabei das Genick brechen", warf Joan ein, die dennoch wusste, dass ihre Besorgnis unnötig war und kein Gehör fand.

„Nur wenn ich runterfalle", antwortete Lara und lächelte ihr vertrauensvoll zu.

Ihre Schritte hallten wieder, als sie zur Wand schritt, wo viele Kerben eine ‚Leiter' bildeten. Lara griff nach der ersten Fuge auf Augenhöhe und stützte ihre Füße an zwei weiteren Ritzen in der Mauer ab. Mit der anderen Hand suchte sie nach einer etwas höher gelegenen Furche und tat das auch mit einem Fuß.

So kletterte sie drei Meter nach oben, bis sie links von sich eine kleine Plattform entdeckte. Sie legte zunächst ihre linke Hand an die flache Ebene und stieß sich dann mit den Füßen leicht von der Wand ab, während sie auch mit der rechten Hand an der Platte hing.

Von einem leichten Stöhnen begleitet zog sie sich hinauf und klopfte sich dort etwas Staub und Dreck von der Kleidung und der Haut, die schon jetzt leichte Kratzer aufwies. Diese waren für Lara jedoch so selbstverständlich, dass sie die Schrammen nur noch selten wirklich wahrnahm.

„Ein bisschen schneller!", verlangte Sandra von unten, woraufhin Lara nur mit den Augen rollte.

Vor ihr befand sich ein Seil, das waagerecht zwischen der Plattform und einem Pfeiler in zwei Metern Entfernung gespannt war. Vorsichtig testete sie, ob der Strick ihr Gewicht trug, was sich als positiv erwies. Sie schloss ihre Augen und atmete tief durch, um Konzentration zu sammeln. Nachdem sie ihre Arme zu beiden Seiten ausgestreckt hatte, öffnete sie ihre Augen wieder und trat auf das Seil unter sich.

Den Blick geradeaus gerichtet tat sie einen Fuß vor den anderen und hielt dabei ihre ganze Körperanspannung. Erst nach viel Übung im heimischen Croft Manor hatte sie gelernt wie die Balance mit ihrer Ausrüstung am Körper zu halten war und wie sie ihr Gleichgewicht zurückgewann, wenn es in Gefahr war. Dank ihrer Erfahrung kam sie langsam, aber sicher auf dem Pfeiler, an dem das eine Ende des Seils festgebunden war, an.

‚Wohin jetzt?', ging es ihr durch den Kopf, denn der nächste Pfeiler war zu weit entfernt, um einen Sprung zu wagen.

Aus den Augenwinkeln jedoch erkannte sie an der Decke über sich eine Art Leiter, die genau bis zur nächsten Strebe reichte. Langsam hob sie ihre Arme nach oben, bis ihre Hände die Holz-Stangen berührten. Mit angespannten Armmuskeln löste sie sich schließlich von der kleinen Plattform unter sich und hangelte sich nach vorn.

‚Immerhin kommt sie voran', merkte Sandra in Gedanken an, die Lara gern dazu angetrieben hätte sich rascher fortzubewegen, doch aus eigener Erfahrung wusste sie, dass dieses Unterfangen viel Konzentration benötigte.

Lara sah nach unten und erkannte den ersuchten Pfosten unter ihren Füßen, die durch lediglich eine Ellenlänge von der kleinen, haltgebenden Fläche getrennt waren.

‚Nur noch nach unten', dachte Lara zuversichtlich, richtete sich genau aus und ließ sich fallen.

Doch Lara verfehlte das Ziel knapp; nur Teile ihres rechten Fußes berührten das Ziel und sie rutschte ab. Sie fiel rücklings nach unten, sah wie sich die Decke immer weiter von ihr entfernte, bis sie schließlich schmerzhaft auf den harten Steinboden aufprallte und ihr ein Schmerzensschrei entfuhr.

Joan und Sandra eilten schnell zu der Grabräuberin am Boden, die aus Reflex die Zähne fest zusammenbiss.

„Alles in Ordnung?", fragte Joan besorgt, die sich hingekniet hatte.

„Ja, ja…geht schon…", erwiderte Lara, die den dumpfen Schmerz durch ihren Rücken ziehen ließ und hoffte, dass dieser bald verflog.

Sandra sah unberührt zu Lara hinunter. Ihr Blick schweifte zu den Konstruktionen im Raum und sie erdachte einen Plan.

„Hoffentlich ist nichts gebrochen", sprach Joan und strich einige von Laras langen, braunen Haaren sanft aus deren Gesicht.

„Denke ich nicht…Brüche fühlen sich anders an", antwortete Lara bitter lächelnd, die Gefallen an Joans wohlduftendem Parfum fand. Sie beneidete Joans Optimismus bei der Tätigkeit als Grabräuberin nicht ständig nach Schweiß zu riechen. Zwar besaß auch Lara einige Duftwässer, doch diese befanden sich in ihrem Bad im englischen Surrey, wo sie darauf warteten bei feinen Veranstaltungen verwendet zu werden.

Joan lachte auf ihre unschuldig wirkende Art.

„Na, wenn du das schon voneinander unterscheiden kannst, scheint es ja in diesem Gewerbe hoch her zu gehen. Sind alle Grabräuber so lebensmüde?"

„Wir nennen es lieber unbeschwert", erwiderte Lara, was Joan ein weiteres Lachen entlockte.

„Und man lernt anscheinend niemals seinen Humor zu verlieren", ergänzte Joan amüsiert.

„Allerdings…ohne Humor wäre man aufgeschmissen", bestätigte Lara.

Währenddessen hatte Sandra den Raum aufmerksam gemustert und eine Route erdacht wie sie am Einfachsten und am Sicherste zum Durchgang hoch oben gelangte.

„Das Seil", verlangte sie von der am Boden liegenden Lara.

„Wie bitte?", hinterfragte diese.

Das Seil! Das schnuckelige Band da um ihren Oberkörper!", präzisierte die Diebin ihre Forderung.

Joan half Lara dabei dieses abzunehmen und händigte es Sandra aus.

„Wenn man will, dass etwas gut wird…", murmelte sie und hing sich das Seil um. Sie ging auf die Wand zu, die auch Lara hinaufgeklettert war und tat selbes. Oben angekommen begann sie auf dem Seil zu balancieren; dies mit einem unerwartet schnellen Tempo. Auch sie hangelte sich vom Pfeiler, an dem der Strang zum Balancieren befestigt war, zum nächsten. Im Gegensatz zu Lara fiel sie dabei nicht in die Tiefe.

„Hey, Miss Levy! Tun Sie mir einen Gefallen und ziehen Sie mit ihrem Magnet-Dingsda dieses halb heraushängende Gitter herunter!", befahl sie.

Joan, die vom abwertenden Tonfall der Diebin verärgert war, folgte dennoch ihrer Aufforderung und warf den Magnethaken zu einer metallenen Platte, die von der Decke herabhing. Schon beim ersten Versuch klappte es und Joan zog das Gitter weiter nach unten, bis es einrastete und in seinem Zustand verharrte.

Sandra sprang an das Gitter, kletterte nach links und sprang von dort aus an die nahe gelegene Wand und fand sich an einigen sicheren Kerben wieder. Gekonnt hangelte sie sich an der Mauer entlang.

„Sie ist zwar ein ziemliches Ekel, aber ihr Handwerk versteht sie", gestand Lara, noch immer am Boden liegend und von dort aus die Szene betrachtend.

„Da hast du Recht", erwiderte Joan, die sich in der Zwischenzeit wieder zu Lara gekniet hatte.

Sandra stieß sich schließlich von der Wand ab und konnte sich an einem modrigen Seil festhalten. Von diesem aus schwang sie sich zu einem weiteren Pfeiler. Hiernach sprang sie auf eine Plattform, die an der Wand befestigt war, jedoch drohte zusammenzubrechen, weshalb sie von dieser aus auf einen weiteren Pfeiler schnellte. An diesen war ein Seil gespannt, das mit einem Haken an der Plattform verbunden war, auf der sich das Ziel – der Durchgang – befand.

Nach einigen Metern des Balancierens kam sie heil auf der Ebene an.

‚Ein Kinderspiel!', dachte sie und erinnerte sich an Laserfallen, die viel mehr Einfallsreichtum gefordert hatten.

Lara und Joan warfen sich respektvolle Blicke zu, doch sie entschieden sich diesen wie Mademoiselle Brillant nicht zu zeigen.

„Geht es wieder?", fragte Joan, als sich Lara aufzurichten begann.

„Ja…", antwortete sie. Der Schmerz war noch immer nicht vollständig abgeklungen, doch sie hatte gelernt es zu ertragen. Langsam gingen sie auf den Bereich zu, über den in zehn Metern Höhe Sandra stand.

„Wo bleibt das Seil?", wollte Lara laut wissen.

Ein Hebel an der Wand hatte Sandras Aufmerksamkeit erregt. Gutgläubig zog sie den staubigen Schalter nach unten. Es dauerte einige Sekunden, bis der Mechanismus seine Wirkung tat. An der Wand erschienen steinerne Griffe, die eine Leiter bis nach oben formten.

„Ich denke, das ist besser", rief die Diebin zurück und obwohl sie sich nicht mit Handzeichen oder konkreten Beschreibungen verständigt hatten, wussten Lara und Joan, was sie meinte.

Sie kletterten die stabile Leiter hinauf und hangelten sich zur Seite, um zu Sandra zu gelangen.

„Gehen wir weiter. Wir haben uns schon viel zu lange hiermit aufgehalten", merkte sie an und trat in den unbekannte Gang. Lara und Joan blieben kurz stehen.

„Hat sie einfach diesen Hebel da gezogen?", erkundigte sich Joan und deutete auf den Schalter neben dem Durchgang.

„Wahrscheinlich", erwiderte Lara knapp.

„Ist das nicht ein bisschen…leichtsinnig? Was, wenn er eine Falle aktiviert hätte?"

„Ja, das hätte auch sein können…", gab Lara nachdenklich zu. „Anscheinend sind Diebe genau so unbeschwert wie Grabräuber", stellte sie fest und folgte Sandra.

Joan zuckte leicht verwirrt mit den Schultern. Wahrscheinlich war sie nicht unbeschwert genug.

Kapitel 26 Ende

Ja, ich weiß…es hat schon wieder so lang gedauert. Verzeiht mir! Es macht mir wirklich keinen Spaß euch so lang im Ungewissen zu lassen.

Eigentlich sollte dieses Kapitel noch weitergehen, aber zum Einen wollte ich euch nicht mehr warten lassen und zum anderen wäre es noch länger geworden und eigentlich möchte ich nicht immer solche Mammut-Kapitel schreiben, die über zehn Seiten lang sind. Das frustriert mich persönlich beim Lesen oft und ich denke euch geht's dabei nicht anders. ;-)

Wieder ein liebes Dankeschön für eure Reviews! Ich bin immer erstaunt wie schnell die doch immer kommen. Gerne nehme ich eure Kritik an und versuche eure Fragen zu beantworten. Das zeigt immerhin, dass ihr euch ein paar Gedanken zu dem ganzen macht.

Lara4ever: Dass sich die ganze Truppe gleichzeitig getroffen hat, dürfte Kieron auch nicht eingeplant haben. Ich schätze mal, wenn nur eine Gruppe die Truhe gefunden hätte, hätte sich die gedacht, dass die neue Team-Einteilung etwas unfair wäre und da ja 6 Münzen in der Truhe waren, hätten sie wohl geschlossen, dass da noch jemand sein muss. Und dass sich die alle über den Weg laufen würden…davon bin ich einfach mal ausgegangen. #g#

Ich hoffe, damit ist deine Frage beantwortet. ;-)

Wenn ihr Fragen habt, schreibt sie einfach in eure Review. Ich werde sie dann an dieser Stelle versuchen zu beantworten. Natürlich kann es auch sein, dass mir an besagter Stelle ein Fehler unterlaufen ist; schließlich ist Logik nicht gerade meine Stärke. #unschuldig pfeif#

Ob sich Stein wirklich zerschießen lässt, sei dahingestellt…aber hey, lasst eure Fantasie spielen und dann kommt das schon hin. #lol# Ich wollte ungern, dass sich der letzte Kletter-Abschnitt wie ein Level lesen lässt, was wir aber wohl nur teilweise gelungen ist. In diesem Kapitel dürfte ein wenig TR-Gefühl aufgetaucht sein…das werde ich die nächsten Kapitel wohl beibehalten und hoffe, dass euch das gefällt. (Blöde Frage, ist doch eine TR-FF und ihr seid allesamt TR-Fans…)

So lange Nachwörter…na ja, wenn euch die Hintergründe nicht interessieren, ignoriert das hier in Zukunft einfach.

Mit freundlichen Grüßen

Cora

PS: Ich finde Joan hat gar nicht so Unrecht…Lara zieht einfach alle Hebel, die sie sieht und hofft, dass was Gutes dabei rauskommt. Na ja, wahrscheinlich muss man lebensmüde oder, wie Lara sagt, unbeschwert genug dafür sein. ;-)