Harry landete mit wackeligen Knien auf dem Spielfeldboden. Ron, jetzt hochrot im Gesicht, wandte sich sofort von ihm ab und lief in Richtung Umkleidekabine. Laut singend landeten jetzt auch die Slytherins.
„Wir haben gewonnen!", sangen sie immer wieder.
Ryan Andrews trat auf Katie zu und reichte ihr die Hand.
„Gutes Spiel", sagte er ernst, dann wandte er sich zusammen mit den anderen aus der Slytherinmannschaft Dumbledore zu, der ihnen den Quidditchpokal überreichte. Es war unglaublich, welch einen Krach die Slytherins oben in den Zuschauerrängen machen konnten.
„Der Pokal wäre eigentlich unser gewesen!", schimpfte Sloper.
Katie sah ihn stirnrunzelnd an.
„Die waren einfach besser. Ich muss gestehen, in sieben Schuljahren habe ich noch nie eine so gute Quidditchmannschaft der Slytherins gesehen."
Ginny blickte sich suchend um und stimmte Katie zu.
„Wenn man eins nicht sagen kann, dann dass sie unfair gespielt hätten."
„Wo ist Ron?", fragte sie schließlich Harry.
„In der Umkleidekabine", antwortete Harry matt.
Beim einzigen Spiel, das er je verloren hatte, waren die Dementoren aufgetaucht und er war vom Besen gefallen. Und heute? Das konnte doch aber auch nicht alles an Rons Fähigkeiten als Hüter liegen. Zusammen gingen Harry, Ginny und Katie, sowie die beiden Treiber Sloper und Kirke zur Umkleidekabine. Bradley Andrews, von dem während des Spiels ebenfalls nicht viel zu sehen gewesen war, war schon verschwunden.
Vor der Kabine trafen sie Ryan Andrews und Sasha Lancester, der McKenneth den Pokal überreichte und dann auf Harry und die anderen zukam.
„Jetzt wissen die Slytherins endlich mal, wie man Quidditch spielt. Schade, dass man Talent nicht auf erkaufen kann", zwinkerte Lancester Harry zu.
„Es ist mir eine Ehre gewesen, gegen Ms. Weasley spielen zu dürfen", sagte Andrews plötzlich und gab der völlig verdutzten Ginny einen Handkuss.
Harry stutzte. Ginny ließ sich von einem Slytherin einen Handkuss verpassen? Hatten am Ende doch Hermine und Wyrren Recht gehabt, als sie vermuteten, Ginnys neuer Freund wäre ein Slytherin? Harry schmunzelte in sich hinein. Bloß gut, dass Ron schon weg war. Diese Entdeckung nach der Niederlage gegen Slytherin wäre zuviel für ihn gewesen.
„Wir würde gern im Rahmen der DA ein wenig feiern", meinte Lancester zurückhaltend. „Habt ihr Lust dann mit in das Klassenzimmer von McGonagall zu kommen?"
„Ich weiß nicht, was Sie da verloren haben!", sagte eine strenge und zugleich erstaunte Stimme hinter ihnen allen.
Professor McGonagall stand hinter ihnen, funkelte Andrews und Lancester zornig an und ging dann in Richtung Schloss davon.
„Da gibt es im siebenten Stock den Raum der Wünsche", sagte Harry zu Lancester. „Vielleicht könnt ihr den nehmen."
„Der Raum der Wünsche?", fragte der hoch gewachsene Slytherin. „Noch nie davon gehört."
„Gegenüber dem Wandbehang mit Barnabas dem Bekloppten, der von den Trollen verdroschen wird, ist eine leere Wand. Ihr müsst dreimal an dieser Wand vorbei gehen und euch darauf konzentrieren, was ihr braucht."
Lancester begann über das ganze Gesicht zu strahlen.
„Es ist immer wieder erstaunlich, was man so alles in diesem Schloss entdecken kann, oder? Wenn ihr wollt, kommt doch mit den anderen aus der DA vorbei."
„Mal sehn", murmelte Harry. Ihm war nicht gerade zum Feiern zumute und schon gar nicht, mit den Slytherins, die den Pokal gewonnen hatten. Außerdem fiel ihm sein Traum von letzter Nacht wieder ein.
„Ich muss erst mal mit Ron und Hermine reden", erwiderte er.
Lancester nickte verstehend. „Geht klar. Wenn ihr da seid, seid ihr da." Und er wandte sich zusammen mit Ryan Andrews zum Gehen.
Oben im Gemeinschaftsraum der Gryffindors herrschte bedrückendes Schweigen. Ron kam kurz hinter Harry und Ginny zum Portraitloch herein geschlichen und wollte auf direktem Wege nach oben in den Schlafsaal, als Harry ihn zu sich winkte. Er hatte Hermine in einem Sessel am Fenster sitzen gesehen und dirigierte Ron und Ginny jetzt zu ihr.
„Ich muss euch was erzählen", begann er hastig zu flüstern.
Hermine sah ihn stirnrunzelnd an.
„Dass wir das Spiel verloren haben?", fragte Ginny nach einem missmutigen Blick auf Ron.
„Nein", erwiderte Harry kurz. „Etwas viel Wichtigeres."
Hermine erhob erstaunt den Kopf. Harry wusste, dass sie fest glaubte, es gäbe nichts für ihn, das wichtiger wäre als Quidditch.
„Ich hatte gestern Nacht wieder eine Vision von Voldemort. Ich hab gesehen, wie er Lucius Malfoy vergiftet hat und zwar mit einem Trank, den er von Snape bekommen hat. Und er hat gesagt, er hätte eine andere Möglichkeit gefunden, mich zu bekommen."
„Dich zu bekommen?", fragte Ron ungläubig. „Wie will er das nun schon wieder anstellen. Er glaubt doch nicht, dich noch einmal mit so einer Vision zu sich locken zu können, oder?"
Harry zuckte mit den Schultern.
„Warte mal", warf Hermine ein, „sagtest du gerade, Voldemort hatte das Gift von Snape?"
Sie sah deutlich erschrocken aus.
„Ja. Nein. Ich weiß es nicht genau. Der Todesser trug eine Maske, aber seine Stimme klang genau wie die von Snape", antwortete Harry.
„Das heißt aber noch lange nicht, dass es wirklich Snape war, oder?", forschte Hermine weiter.
„Na hör mal, Snapes Stimme ist doch wirklich unverkennbar", mischte sich Ron ein.
Ginny nickte zustimmend.
„Aber Harry kann sich das auch bloß eingebildet haben", erwiderte Hermine vehement.
„Das hatten wir schon mal", meinte Harry sauer. „Ich bilde mir diese Visionen von Voldemort nicht ein!"
„Das meine ich auch nicht", verteidigte sich Hermine. „Was ich damit sagen will, ist, vielleicht assoziierst du einfach irgendeine Stimme eines Todessers mit der von Snape."
„Ich weiß, wie Snape klingt", beharrte Harry.
„Das würde ja bedeuten-, oh Harry. Du musst sofort zu Professor Dumbledore! Er muss unbedingt sofort von dem Traum erfahren, Harry", rief Hermine aufgebracht und stand auf.
„Was jetzt sofort?", fragte Harry verdutzt.
„Natürlich, was denkst du denn?", fragte Hermine noch lauter.
Einige der in der Nähe sitzenden Gryffindors drehten sich zu Harry und den anderen um. Hermine bückte sich wieder zu Harry, Ron und Ginny hinunter.
„Meinst du nicht, dass er erfahren sollte, dass Lucius Malfoy tot ist. Und außerdem muss er unbedingt wissen, dass Snape bei Voldemort war. Ach, du meine Güte," sie setzte sich wieder, „ich hatte immer angenommen, dass er sonst wie die Informationen für den Orden beschaffen kann. Vielleicht ist er auch ein Animagus oder er nutzt seine Legilimentik, um die Todesser auszuspionieren."
„Oder er ist wirklich ein Todesser", gab Ron leise zu bedenken.
Harry und Hermine sahen ihn nachdenklich an.
„Ron, das haben wir schon so oft durchgekaut. Wenn er wirklich ein Todesser ist, wieso hat er dann Harry so oft das Leben gerettet?", fragte Hermine zischend.
„Ich glaube nicht, dass Voldemort ihn zurück in seine Reihen genommen hat, wenn Snape nicht sehr gute Ausreden gehabt hat", flüsterte Harry.
„Immerhin hat er verhindert, dass Voldemort in unserem ersten Schuljahr den Stein der Weisen bekommen hat. Und er hat letztes Jahr den Orden informiert, als wir ins Ministerium geflogen sind. Wenn er wirklich ein Anhänger Voldemorts ist, hätte er da nur seine Hände in den Schoß legen und abwarten brauchen. Die Todesser in der Mysteriumsabteilung hätten uns mit Leichtigkeit erledigt", gab Hermine zu bedenken.
„Aber vielleicht", wandte Ron ein, wurde aber von Hermine unterbrochen, die energisch aufstand.
„Wir gehen zu Dumbledore. Jetzt sofort", sagte sie.
Harry, Ron und Ginny waren gerade ebenfalls aufgestanden, als sie Schreie aus den Schlafsälen der Mädchen hörten. Parvati Patil kam völlig verstört die Treppe hinunter gerannt.
„Hermine", rief sie, „Wyrren Malfoy ist einfach so verschwunden."
„Wie, sie ist einfach so verschwunden?", fragte Hermine verdutzt.
„Sie hatte diese silberne Kette in der Hand und dann plötzlich war sie weg. Die Kette muss ein Portschlüssel gewesen sein", antwortete Parvati.
Hermine warf einen kurzen Blick auf Harry und Ron und rannte dann hinauf in die Schlafsäle der Mädchen. Wenig später kam sie wieder und schüttelte den Kopf.
„Außer der Kette, die am Boden lag, ist keine Spur von Wyrren zu finden", sagte sie niedergeschlagen.
„Wir wollten doch sowieso zu Dumbledore, oder?", fragte Harry.
Hermine und Ron nickten.
„Wer sollte Wyrren Malfoy mit einem Portschlüssel aus dem Schloss bringen wollen?", fragte Ron.
„Diese Kette hatte sie doch von ihrem Vater bekommen, oder?", hakte Hermine nach.
Harry blieb abrupt stehen.
„Erinnert ihr euch noch, was ich euch vorhin von dem Traum erzählt hab? Voldemort hat zu Malfoy gemeint, er hätte einen anderen Weg gefunden, an mich ran zu kommen und Malfoy hätte ihm dabei, ohne es zu wissen geholfen?"
Hermine nickte und runzelte die Stirn.
„Das würde bedeuten, dass Voldemort den Portschlüssel ausgelöst hat, um Wyrren als Köder zu benutzen und jemand im Umfeld Malfoys muss gewusst haben, dass er diese Kette seiner Tochter schenken will und hat sie verhext", fasste sie zusammen.
„Wir müssen Wyrren da raus holen", sagte Harry.
„Harry, nein", erwiderte Hermine. „Genau das will Voldemort doch! Dass du zu ihm kommst, damit er dich erledigen kann. Das hatten wir doch schon einmal."
„Aber Voldemort wird sie töten!", rief Harry verzweifelt.
„Bisher wissen wir noch nicht einmal sicher, ob Voldemort wirklich dahinter steckt", sagte Hermine bestimmt.
Sie waren an den steinernen Wasserspeiern angekommen, hinter denen der Eingang zu Dumbledores Büro lag.
„Weiß jemand von euch das aktuelle Passwort?", fragte Harry in die Runde.
„Nein", erwiderte Hermine niedergeschlagen.
„Na prima", sagte Ron, „verplempern wir wertvolle Zeit, in dem wir hier vor verschlossenen Türen sitzen."
„Was machen Sie drei denn hier?", fragte eine tiefe Stimme hinter ihnen. Professor deGazeville sah sie neugierig an.
„Professor", sagte Hermine erleichtert, „Wyrren Malfoy ist wahrscheinlich durch einen Portschlüssel verschwunden."
„Wyrren?", fragte der Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste erschrocken.
Hermine nickte.
„Zitronensorbet", erwiderte deGazeville.
Harry und Ron sahen sich irritiert an, doch ehe sie etwas sagen konnten, begannen sich die Wasserspeier zu drehen und gaben den Treppenaufgang zu Dumbledores Büro frei.
„Nach Ihnen", meinte deGazeville mit besorgtem Gesichtsausdruck.
Harry klopfte am Ende der Treppe angekommen an die Bürotür, doch deGazeville trat an ihm vorbei und öffnete die Tür. Dumbledore war gerade aufgestanden und sah die vier neugierig an.
„Ja?", fragte er und seine Augen huschten über Harry, Ron und Hermine.
„Professor Dumbledore", begann Hermine, „Wyrren Malfoy ist vor wenigen Minuten einfach so aus unserem Schlafsaal verschwunden. Wir vermuten, dass ihre Kette, die ihr Vater ihr gegeben hat, ein Portschlüssel war."
„Ich hab letzte Nacht geträumt, dass Voldemort Malfoy umgebracht hat", sagte Harry gleichzeitig.
Dumbledore lächelte weiter.
„Nun mal langsam. Und wenn es möglich wäre auch nicht alle gleichzeitig. Ich bin ein alter Mann und da hört man nicht mehr so besonders", erklärte er. „Harry, fang du noch einmal an."
Harry schluckte und berichtete dann kurz und knapp von seinem Traum. Er zögerte kurz, erzählte dann aber Dumbledore auch von seinen Vermutungen Snape betreffend.
Der Schulleiter sah ihn nachdenklich an.
„Ich kann es nur noch einmal wiederholen, Harry. Es hat sich nichts daran geändert, dass ich meine Gründe habe, Professor Snape zu vertrauen. Dass Lucius Malfoy die Konsequenzen dafür tragen muss, dass sein überaus wichtiger Gefangener entkommen ist, habe ich erwartet." Dumbledore strich nachdenklich über seinen langen Bart.
„Und nun ist Wyrren Malfoy verschwunden, sagtest du, Hermine?" Er wand sich fragend an sie. Hermine nickte.
„John", Dumbledore drehte sich zu deGazeville, „Sie haben doch diese Kette, die Professor Snape von Lucius Malfoy erhalten hat, auf schwarze Magie untersucht?"
„Natürlich, Direktor", antwortete der Zauberer. „Weder Professor Snape noch ich haben einen Hinweis darauf gefunden, dass irgendein Zauber auf der Kette lag. Wir haben angenommen, sie sei ein altes Familienerbstück."
Wieder klopfte es an Dumbledores Bürotür und ehe der Schulleiter „Herein" oder etwas Ähnliches sagen konnte, betrat Snape den Raum. Er sah noch bleicher aus als sonst und drückte seine linke Hand fest auf seinen rechten Unterarm.
„Direktor", begann er, hielt jedoch sofort inne, als er Harry, Ron und Hermine erblickte.
„Wyrren Malfoy ist verschwunden. Lucius' Kette muss ein Portschlüssel gewesen sein", beantwortete Dumbledore Snapes fragenden Blick. Harry fiel auf, dass Snape nicht im Geringsten überrascht aussah.
„Interessant", meinte Snape mit hochgezogenen Augenbrauen und blickte zunehmend nervös von Dumbledore zu Harry. Der Schulleiter nickte.
„Ja", wandte er sich an Harry, Ron und Hermine, „Ich danke euch für diese Informationen. Ich möchte euch bitten, sofort zurück in euren Gemeinschaftssaal zu gehen. Wir werden Ms. Malfoy zurückholen."
Harry glaubte sich verhört zu haben und blickte irritiert zu Dumbledore auf, doch dieser sah sie auffordernd an und deutete in Richtung der Tür.
deGazeville begleitete sie zur Tür und schloss sie zwinkernd direkt vor Harrys Nase. Nach einem kurzen Blick zu Ron versuchten Harry, Ron und Hermine durch die geschlossene Tür etwas zu hören. Harry hatte in seinem vierten Schuljahr bereits einmal eine Unterhaltung zwischen Dumbledore, Fudge und dem falschen Moody durch diese Tür belauschen können. Und auch diesmal schien ihnen das Glück hold zu sein. Harry konnte deutlich Snape und deGazeville hören, die sich stritten.
„Das ist durchaus auch meine Angelegenheit, Professor Snape", hörte Harry deGazeville aufgebracht sagen
„Aber Sie können nicht einfach so zu einem Todessertreffen mitkommen, deGazeville", zischte Snape. „Wenn ich Sie mit zum Dunklen Lord nehme, bin ich geliefert."
„Und wie wollen Sie Wyrren da raus holen?", fragte der Verteidigungslehrer.
„Lassen Sie das mal meine Sorge sein", erwiderte Snape knurrend.
„Bitte, meine Herren!", konnte Harry Dumbledore beschwichtigen hören. „So kommen wir nicht weiter. Severus, ich möchte von Ihnen wissen, wo das Todessertreffen stattfinden wird."
„Am Meall Dearg, in der Nähe von Kinloch", antwortete Snape.
„Ich werde Kingsley Bescheid sagen", erwiderte Dumbledore.
„Nein! Auf keinen Fall", unterbrach ihn Snape. „Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich brauchen werde, um Ms. Malfoy da raus zu holen. Wenn die Auroren dazwischen kommen, könnte es zu spät sein, etwas für sie zu tun."
„So wie es zu spät für Sie war, etwas für Lucius Malfoy zu tun, Severus?", fragte deGazeville zweifelnd.
„Mir läuft die Zeit davon", knurrte Snape, „wenn ich mich nicht bald beeile, kann ich für gar nichts mehr garantieren."
Harry sah erschrocken zu Ron und Hermine, die ebenfalls ihre Köpfe erhoben hatten.
„Los, lasst uns zusehen, dass wir hier weg kommen!"
Zusammen spurteten sie die steinerne Treppe hinunter und konnten sich unten im Gang gerade noch in einem Treppenaufgang verstecken, als auch schon Snape den Wasserspeier passierte und neben diesem in einem versteckten Treppenaufgang verschwand.
