25. Kapitel

„Oh." machte Georgiana eher unbeeindruckt und dachte gar nicht daran, sich für ihr Hereinplatzen zu entschuldigen. Im Gegenteil, sie grinste und zwinkerte ihrem Bruder dreist zu, was mich wiederum zum Lachen brachte, da Williams Blicke wahrhaftig hätten töten können.

„Du hältst dich entschieden zu lange in Gesellschaft deines Cousins auf," seufzte er indigniert und machte sich mit Bedauern von mir los. „Aber ich muß sowieso wieder an meine Arbeit, Liebes. Wir sehen uns später." Ein sanfter Kuß auf die Stirn war alles, was ich noch an Zärtlichkeiten „abstauben" konnte, und mit einem strengen Blick zu seiner Schwester verließ Fitzwilliam mein Schlafzimmer. Georgie warf ihm grinsend eine Kußhand zu, was ihn zu einem gespielt verzweifelten Kopfschütteln brachte – sein Gemurmel anschließend war nicht mehr zu verstehen.

Ich mußte lachen. „Sag mal Georgie, seit wann bist du so aufsässig deinem Bruder gegenüber? Du warst doch sonst immer so wohlerzogen..." Georgie ließ sich in einen Sessel am Fenster fallen und seufzte. „Das macht mein schlechter Umgang, fürchte ich. Du wirst mir spästestens dann beipflichten, wenn du länger in Gesellschaft meines Cousins bist!"

Das war mein Stichwort. „Sag mal, hat der Colonel ernsthafte Absichten mit Caroline?" Georgie verdrehte die Augen. „Richard ist kaum wiederzuerkennen, Lizzy! Er schwänzelt den ganzen Tag um Caroline herum und macht dabei ständig irgendwelche zweideutigen Bemerkungen, kannst du dir das vorstellen?" „Ja und was hält Caroline davon?" fragte ich verwirrt. Sie hatte zumindest nicht so ausgesehen, als würde sie die Aufmerksamkeiten des Colones für gut befinden. „Ach, sie reagiert immer gereizt, aber manchmal habe ich den Eindruck, sie genießt es auch ein wenig." Ich grinste. Genau das konnte ich mir sehr gut vorstellen! Wenn schon nicht Fitzwilliam, warum dann nicht seinen Cousin? Ich konnte es kaum erwarten, mir selbst ein Bild davon zu machen.

Wir unterhielten uns noch ein wenig über meine Schwangerschaft und allgemeinen Klatsch und Tratsch aus London, dann zog sich Georgie in ihr Zimmer zurück um ein wenig auszuruhen und ich verkroch mich in der Bibliothek. Ich war noch nicht in Stimmung, mich meinen anderen Gästen zu widmen, die höchstwahrscheinlich sowieso noch in ihren Zimmern ausruhten – und wie ich Fitzwilliam kannte, würde er sich vorerst auch nicht blicken lassen. Also griff ich nach einem Buch und begann zu lesen, doch offenbar forderte mein „gesegneter Umstand", wie es der Colonel auszudrücken pflegte, schon bald seinen Tribut und ich schlief auf meinem Sofa ein.

Ich weiß nicht, wie lange ich geschlafen hatte – aber irgendwann wurde ich wach, als mich etwas am Ohr kitzelte. Schlaftrunken schlug ich nach dem Störenfried, doch das Kitzeln hörte nicht auf. Wieder fuchtelte ich in die Richtung, doch ich hörte nur ein dunkles, unterdrücktes Lachen, als ich mir selbst dabei aufs Ohr schlug. Indigniert öffnete ich ein Auge und sah meinen grinsenden Ehemann an meiner Seite sitzen, der noch das corpus delicti, eine Schreibfeder, in seinen Händen hielt. „Aufstehen, du kleines Murmeltier," sagte er leise und beugte sich zu mir herunter, um mich zu küssen. „Unsere Gäste warten." Ich seufzte. Lieber hätte ich mich weiter alleine mit Fitzwilliam vergnügt, als Caroline und dem Colonel Gesellschaft zu leisten.

„Müssen wir wirklich schon zu ihnen?" fragte ich hoffnungsvoll und zog ihn wieder zu mir herunter in meine Arme. Ich war momentan sehr liebesbedürftig und brauchte seine Nähe. Er lächelte und tat mir den Gefallen. Fitzwilliam mußte sowieso nie lange überredet werden zu solchen Dingen. Unsere innige Zweisamkeit wurde jedoch schon wenige Minuten später gestört, als wir laute Stimmen draußen auf dem Flur hörten.

„Wie können sie es wagen!" tobte Caroline empört, dann hörten wir ein Lachen, das unzweifelhaft von Colonel Fitzwilliam kam. Die Stimmen entfernten sich, Türen knallten und ich seufzte. „Dein Cousin benimmt sich unsäglich, Fitzwilliam!" Er seufzte. „Ich weiß, ich werde mit ihm reden, Liebes. Ich kann schlecht zulassen, daß er Caroline so belästigt, auch wenn ich der Meinung bin, daß sie es heimlich genießt!" „Das hat Georgie auch schon vermutet," meinte ich lakonisch und erhob mich ebenso schwerfällig wie bedauernd von meinem bequemen Sofa. „Na dann komm, wir werden uns dieses unheimliche Paar einmal genauer anschauen," grinste Fitzwilliam und bot mir seinen Arm. Noch einen verstohlenen Kuß, und wir machten uns auf die Suche nach unseren Gästen.

Wir fanden alle drei im Musiksalon vor. Georgiana spielte irgendwelche verträumten Lieder am Pianoforte, Caroline saß steif wie ein Ladestock auf einem Sessel und Colonel Fitzwilliam ihr gegenüber, sie mit treuherzigem Blick anschauend. Ich glaube, Caroline war zum ersten Mal in ihrem Leben froh, mich zu sehen. Ich überzeugte mich kurz davon, daß unsere Gäste auch wohlversorgt waren und ließ mich von Fitzwilliam zu meinem Lieblingsplatz auf dem Sofa vor dem Kamin führen. Er selbst setzte sich so, daß er seinen Cousin gut im Auge hatte. Der Colonel ließ sich durch nichts aus der Ruhe bringen, auch nicht durch Fitzwilliams Blicke durch zusammenkniffene Augen, die er ihm immer wieder zuwarf.

„Ich sehe, die Ehe bekommt ihnen ausgezeichnet, Mrs. Darcy," sagte der Colonel in jovialem Ton zu mir. „Ich habe in der Tat keinen Grund zur Klage, Sir," erwiderte ich bloß. Er seufzte ein wenig theatralisch. „Hätte ich damals geahnt, daß Darce sie mir vor der Nase wegschnappt…" Fitzwilliams Augen verengten sich zu Schlitzen. „Richard, bitte!" zischte er, doch sein Cousin grinste bloß. „Sie dürfen mich wahrhaftig bedauern, Madam. Ich habe einfach kein Glück in der Liebe." Er warf einen bedeutungsvollen Blick zu Caroline, die jedoch nur angewidert das Gesicht verzog und demonstrativ in eine andere Richtung schaute. Was um alles in der Welt ging zwischen den beiden vor, fragte nicht nur ich mich. Colonel Fitzwilliam war doch sicherlich nicht hinter Caroline her! Auch mein Ehemann runzelte die Stirn. „Richard, ich bitte dich, solche Andeutungen in meinem Haus zu unterlassen. Du kränkst damit Miss Bingley."

Caroline schaute ihn dankbar an und fast tat sie mir ein bißchen leid. Aber nur fast. Irgendwie war es schon sehr komisch, wie sich Fitzwilliams Cousin zum Narren machte. Der Colonel verzog gespielt beleidigt das Gesicht. „Darce, diese Frau ist einfach herzlos! Was erwartest du von mir? Ich weiß nicht, was ich noch tun soll um ihre Gunst zu erringen!" „Fitz, wie du selbst sehr genau feststellen kannst, sind deine Aufmerksamkeiten nicht erwünscht. Also bitte höre auf damit." Der Colonel seufzte frustriert und ich grinste in mich hinein. Er würde den Teufel tun und damit aufhören, dessen war ich mir sicher.

Georgiana hatte von alldem nichts mitbekommen, so schien es. Geistesabwesend spielte sie ihre zarten Melodien und sah dabei so entrückt aus, daß ich mir schon Gedanken machte, ob es ihr auch gutging. Ab und zu huschte ein sehnsüchtiges Lächeln über ihr Gesicht und sie schien tatsächlich meilenweit weg zu sein. Ihr Bruder merkte nichts davon, er war viel zu sehr damit beschäftigt, seinen Cousin grimmig anzustarren, der wiederum Caroline nicht aus den Augen ließ.

Seufzend griff ich nach einer Handarbeit, ich bestickte eine Decke für unser Kind und ja, ich tat es sogar freiwillig, und hing dabei meinen Gedanken nach. Die Männer begannen ein Gespräch über Politik und was sich sonst noch in der Welt tat, doch ich hörte nicht groß zu. Nicht, weil ich nicht interessiert daran gewesen wäre, aber weil mir irgendetwas an Georgie seltsam vorkam. Hätte ich es nicht besser gewußt, ich hätte behauptet, sie sei verliebt.

„Sag mal, Caroline," wandte ich mich meiner Schwägerin zu, die eisern aus dem Fenster starrte, um damit des Colonels Blicken zu entgehen, „was führt dich eigentlich nach Derbyshire? Hast du es auf Netherfield nicht mehr ausgehalten?" Ich schenkte ihr ein breites Lächeln und strich liebevoll über meinen umfangreichen Leib. „Zuviel Aufregung, weil Jane bald ihr Kind bekommt?" Caroline schenkte mir einen ihrer Eisblicke. „Ich begleite Georgiana nach Pemberley," sagte sie spitz und bedachte auch Colonel Fitzwilliam mit diesem Blick, doch der war ausnahmsweise unaufmerksam, da er gerade seinem Cousin lauschte.

Ich zog die Augenbrauen hoch. „Und wie lange gedenkst du, dort zu bleiben?" „Bis Georgiana wieder nach London reist. Ich bin ihre Gefährtin." Was auch immer Georgiana dazu bewogen hatte, dachte ich irritiert. Aber egal. „Aha. Und Colonel Fitzwilliam geleitet euch dann wieder in den Süden?" fragte ich und grinste, als selbiger seinen Namen hörte und sich umwandte, Caroline fröhlich zuzwinkernd. „Oh ja, dieses Vergnügen lasse ich mir nicht entgehen," sagte er mit breitem Lächeln und Caroline verdrehte indigniert die Augen.

Irgendwie kam keine richtige Konversation mehr auf, Caroline brütete finster vor sich hin, Georgiana hatte sich mittlerweile entschuldigt und zurückgezogen, die Männer unterhielten sich über langweilige Themen. Sie taten das so engagiert, daß sie überhaupt nicht merkten, wie wir uns langweilten. Ich hätte auch gerne mein Zimmer aufgesucht, doch es wäre natürlich unhöflich gewesen, Caroline alleine zu lassen. So grob war noch nicht einmal ich, Fitzwilliam hätte mich dafür auch zu Recht getadelt. Nachlässigkeiten oder schlechtes Benehmen konnte er nicht ausstehen und duldete es auch nicht in seinem Haus. Also saßen wir unsere Zeit ab und warteten darauf, daß wir uns fürs Abendessen umziehen konnten.

Aber auch das Abendessen verlief in einer seltsamen Stimmung. Von einigen – harmlosen – Bemerkungen seitens des Colonels einmal abgesehen, kam auch diesmal kein richtiges Gespräch in Gang. Fitzwilliam, ohnehin kein großer Redner, widmete sich meist konzentriert seinem Essen, Caroline gab nur einsilbige Antworten und wich dem Colonel aus, Georgiana träumte vor sich hin. Immerhin das wurde schließlich von ihrem Bruder bemerkt. „Ist dir unwohl, Georgie?" fragte er und sie fuhr regelrecht zusammen. Eine zarte Röte legte sich über ihr Gesicht und sie schüttelte eilig den Kopf. „Nein, nicht im geringsten, ich war nur in Gedanken." Fitzwilliam schaute sie nachdenklich an. „Bist du sicher, Liebes? Du bist den ganzen Tag schon so abwesend. Ich will nicht hoffen, daß du eine Erkältung ausbrütest! Vielleicht solltest du eine heiße Milch mit Honig trinken und lieber ins Bett gehen?" Georgie schüttelte den Kopf. „Nein, danke für deine Fürsorge, lieber Bruder, aber ich fühle mich wohl." Fitzwilliam war offensichtlich nicht der Meinung, aber er schwieg. Ich weiß nicht, was in seinem Kopf vorging, doch ich hatte weiterhin einen Verdacht. Wer so tagträumte, mußte verliebt sein! Und ich mußte das wissen, ich sprach schließlich aus Erfahrung. Selbst heute, als verheiratete Frau, waren meine Gedanken oft bei Fitzwilliam, selbst wenn wir nur durch wenige Zimmer getrennt waren. War er nicht bei mir, dachte ich an ihn. War die Sehnsucht zu groß, machte ich mich auf die Suche nach ihm. Ja, ich war sicher, das war der Grund für Georgies gedankliche Abwesenheit.

Ich beschloß, Georgies süßes Geheimnis herauszufinden und bereits am nächsten Tag hatte ich die Gelegenheit dazu.