Sehr geehrter Mr. Manning, …

Mhhh, und weiter?

Draco saß am Tisch, das Abendessen war vorbei und Belinda spielte in ihrem Zimmer. Er kratze sich mit seiner Habichtsfeder die Schläfe und überlegte. Wie bat man bei einem… einem Psychoheiler um Behandlung, um ein erstes Gespräch?

Er ließ das Schreibgerät sinken und seufzte. Er sollte das wirklich langsam in Angriff nehmen. Die Träume wurden kaum besser, er konnte keine Abhängigkeit von dem Trank riskieren und wenn sein Schwiegermonster ernst machte… Nein, sollte sie diesen Schritt wirklich gehen, dann wäre es wohl besser, wenn er vorweisen konnte, dass er sich seinen Problemen stellte.

Der Gedanke daran, dass sie ihm wirklich seine Tochter wegnehmen könnte, schnürte ihm immer noch die Brust zu. Aber Mia hatte gesagt, das wäre nicht möglich, nicht solange es Belinda bei ihm gut ginge und George hatte es bestätigt. Der sollte es immerhin wissen. Er lag sich ja schließlich bis heute mit seiner Ex-Frau in den Haaren.

„Daddy! Daddy, schau mal!"

Er sah auf. Seine Tochter kam auf ihn zugelaufen und streckte ihm den Minimuff entgegen.

„Schau mal, Daddy. Ich glaub, die Haare wachsen wieder."

Draco nahm den ziemlich lädierten Flynn in die Hand und betrachtete ihn genauer. Der kleine Kerl sah immer noch verboten aus, ein bisschen wie ein verunglückter Punk, aber das lila Fell schien wirklich nachzukommen.

„Sehr schön, dann sollte Flynn ja bald wieder normal aussehen."

Er gab dem strahlenden Mädchen ihr Haustier wieder und wollte sich gerade erneut dem Schreiben zuwenden, als es am Fenster klopfte. Draco seufzte, sich nicht so sicher, was er von dem Federvieh draußen halten sollte. Immerhin war es nicht der garstige Bartkautz von Robinia. Es war Daphnes Sperbereule Felia. Er stand auf und ließ sie rein und nahm ihr den Brief ab. Das Tier ließ sich auf der Rückenlehne des Sofas nieder. Der Blonde setzte sich ebenfalls und warf einen Blick zu Belinda, die mit ihrem Minimuff zum Spielen über den Teppich krabbelte. Er entfaltete das Pergament nicht ohne ein flaues Gefühl im Magen. Wenn Daphne ihm schrieb, dann musste es um den Vorfall im Ministerium vor einigen Tagen gehen.

Hallo Draco,
ich hoffe dir und Belinda geht es gut und die Aufregung hat sich wieder etwas gelegt.
Wie du dir denken kannst, weiß ich von meiner Mutter, was passiert ist und ich finde, das kann so nicht weitergehen.
Daher würde ich gerne mit dir reden. In aller Ruhe.
Ich kann mir zusammenreimen, dass du wohl nur ungern dafür nach England möchtest. Ich könnte nach New York kommen.
Sag mir nur wann und wo.
Ich hoffe, du nimmst das Angebot an und drück die Süße von mir!
Viele Grüße,
Daphne

Er ließ das Blatt sinken und legte den Kopf auf die Rückenlehne.

Mit Daphne reden wäre wohl nicht das Schlimmste. Draco wusste nicht so genau, was sie von ihm hielt, aber meistens hatte sie sich ihm gegenüber recht parteilos verhalten. Als das mit ihm und Astoria angefangen hatte, war sie ihm zuerst mit Misstrauen begegnet, hatte ihn das eine oder andere Mal ermahnt ja keine Spielchen mit ihrer Schwester zu treiben, aber nachdem sich für sie herausgestellt hatte, dass es ihm ernst war, war Daphne dazu übergegangen einen mehr neutral, höflich-freundlichen Ton anzuschlagen. Ihm war das nur recht gewesen.

Mal abgesehen davon, dass sie seine Schwägerin und die Patentante seiner Tochter war, hatte er eh nie allzu viel mit ihr zu tun gehabt. Nicht mal in der Schule, obwohl sie im gleichen Jahr und im gleichen Haus gewesen waren. Sie hatte ihn eben nie interessiert. Ganz nett anzusehen, aber nicht besonders fesselnd, nicht dumm wie Brot, aber auch kein laufendes Lexikon. Guter Durchschnitt, unauffällig und das war etwas, was ihn schnell langweilte.

„Prinzessin, was würdest du davon halten, wenn Tante Daphne uns besuchen kommt?"

„Oh ja!", freute sie sich und hüpfte zu ihrem Vater, der sie auf seinen Schoß hob. „Bleibt sie dann genau so lange wie Onkel Blaise?"

„Nein, ich denke nicht, dass sie so lange bleiben wird."

Belinda zog einen Schmollmund. „Aber ich mag, dass sie kommt."

„Das tut sie auch." Er drückte sein Kind fest an sich. „Sie bleibt nur nicht so lange."

Er würde ihr gleich zurückschreiben und Ort und Datum vorschlagen. Um Manning würde er sich auch noch kümmern.


Also nein, Draco schien wirklich kein großes Interesse daran zu haben, sich an Halloween für eine kleine Trick-or-Treat-Tour zu verkleiden. Er war Hermine in den letzten Tagen immer wieder entwischt, bevor sie ihn darauf hatte festnageln können. Man musste es ihm lassen, er war ziemlich gut darin sich um Dinge zu winden, auf die er keine Lust hatte. Typisch Schlange.

Leider saßen ihr langsam Valerie und ein quengelnder Sean im Nacken. Der Junge brauchte ein neues Kostüm, das alte war ihm mittlerweile viel zu klein und weil es praktisch war, hatte Valerie vorgeschlagen, sie könnten zusammen losgehen, um für die Kinder und Draco etwas passendes zu finden. Nur leider bekam sie den ehemaligen Slytherin nicht zu fassen, dabei war Halloween schon nächste Woche!

Heute würde sie ihn erwischen, das nahm sich die brünette Hexe fest vor. Eigentlich nahm sie sich das schon länger vor und es hatte nicht funktioniert.

Hermine wurde aus ihren Gedanken gerissen, als ein bitterliches Weinen durch die Kita schallte. Sie wandte sich um und sah Belinda auf sich zukommen. Tränen liefen ihr über die Wangen und sie schluchzte markerschütternd. Die Erzieherin ging in die Hocke und strich ihr die hellblonden Haare aus dem Gesicht.

„Was ist denn passiert?", fragte sie etwas besorgt.

„Luke hat mir weh getan!", schniefte das Mädchen und zeigte anklagend auf den Jungen, der beleidigt dreinschaute und die Arme verschränkte.

„Hab ich gar nicht!", protestierte er.

„Er hat mich gehauen", jammerte Belinda weiter und streckte ihren linken Arm aus, um mit der Rechten auf ihren Oberarm zu deuten. „Genau da."

„Ich hab sie nicht gehauen! Sie lügt!", warf ihr Luke vor.

Die Dunkelhaarige ließ ihren Blick ein paar Mal vom einen zum andern Kind wandern und wischte der Kleinen die Tränen weg. Diese zog geräuschvoll die Nase hoch.

Oh Merlin, sie sah mitleidserregend aus, wie sie da so stand mit verheulten Augen und Schniefnase. Es wäre nicht das erste Mal, dass Luke etwas zu grob geworden wäre, aber Hermine kannte Belindas Vater nun schon lange genug und laut dessen Aussage war Astoria auch nicht umsonst in Slytherin gewesen. Ein paar Herzschläge lang ruhten ihre Augen auf dem kleinen, engelsgleichen Mädchen mit dem hellblonden Haar und den großen ungewöhnlich hellblauen Augen. Sie stieß hörbar die Luft aus.

„Ihr beiden gebt euch jetzt die Hand und vertragt euch wieder. Verstanden?"

Luke wollte auffahren, aber Hermine schnitt ihm das Wort ab.

„Ihr vertragt euch wieder", sagte sie bestimmt und mit erhobenem Zeigefinger. „Und Belinda, ich hoffe, du lügst mich nicht wirklich an. Wenn ich das nämlich rauskriege, dann bekommen wir Ärger miteinander."

Das Mädchen nickte, wischte sich noch mal über die Augen und reichte Luke die Hand. Dieser nahm sie etwas widerwillig entgegen. Zufrieden richtete sich die Erzieherin wieder auf, bedachte beide noch mal mit einem mahnenden Blick und ging.

„Lügnerin!", zischte der kleine Junge.

Belinda sah ihn abschätzig an und streckte ihm frech die Zunge raus. Von den falschen Tränen war nichts mehr übrig geblieben. Es war ja nicht so, als hätte sie noch nie welche vorgetäuscht.


Hätte er doch nichts gesagt! Hätte er bloß nichts erzählt und einfach seine Klappe gehalten, aber nein, natürlich hatte er George und Carter gegenüber Mias haarsträubende Halloweenpläne erwähnen müssen und was war? Carter wollte mit, zumindest zur Parade und damit war es losgegangen. Der Kanadier schien ein ziemlicher Liebhaber dieser Festivität zu sein und ging voll in seinen Überlegungen bezüglich eines Kostüms auf. Zu Dracos Leidwesen hatte er ihn auch gleich mit Vorschlägen bombardiert. George hatte wenig hilfreich daneben gestanden und vor sich hin geschmunzelt wie ein Blöder. Wenigstens hatte sich einer dabei definitiv amüsiert und Draco war es ganz sicher nicht gewesen. Er und verkleiden? Pah, wo kam man denn da bitte hin? Ein Malfoy verkleidete sich nicht!

Nun ja, dieses Problem würde er auf später verschieben, jetzt wollte er nur noch Belinda abholen und sich dann mit ihr auf den Weg zur Upper New York Bay machen. Draco wollte nicht riskieren, dass Robinia irgendwie auch noch seine Adresse erfuhr, es war schon zu viel, dass sie wusste, wo er arbeitete. Außerdem hatte die Kleine bestimmt Hunger und er hatte den Italiener, bei dem sie mit Mia waren nicht vergessen. Zudem war der Battery Park auch direkt dort, wovon sich der Blonde eine neutrale Umgebung erhoffte. Also hatte er Daphne dorthin bestellt. Ein wenig mulmig war ihm trotzdem, schließlich wusste er nicht, was genau seine Schwägerin wollte.

Kaum hatte er den Kindergarten betreten, da klammerte sich seine Tochter schon an seine Beine. Lächelnd hob er sie hoch.

„Na, Prinzessin, hattest du einen schönen Tag?", fragte er und strich ihr ein paar Strähnen, die sich aus dem Klämmerchen gelöst hatten, aus der Stirn.

„Ja, wir haben heute mit Robert gelesen und ich hab mit Felicity gespielt und Daddy weißt du was?"

Er schüttelte den Kopf und Belinda plapperte weiter: „Felicity verkleidet sich auch an Halloween. Sie ist eine Fee, hat sie gesagt. Daddy, was bin ich denn an Halloween?"

„Das sollten wir bald mal schauen", mischte sich Hermine ein und Draco verdrehte die Augen. „Am besten in den nächsten Tagen, wenn möglich. Nächste Woche ist nämlich schon der Einunddreißigste."

Die Erzieherin wurde mit einem wenig begeisterten Blick seitens des jungen Mannes bedacht.

„Jetzt sei halt nicht immer so ein miesepeteriger Troll. Niemand wirft dich in ein Becken mit knallrümpfigen Krötern, also stell dich nicht an."

„Nicht anstellen? Du willst mich in irgendein bescheuertes Kostüm stecken."

„Olle Zicke", erwiderte sie trocken. „Deshalb sollst du doch mitkommen, immerhin sollst du ja auch mit aussuchen."

Sie würde sich hüten ihm einfach eine Verkleidung aufzudrücken. Dieser arrogante, eitle Pfau ließ da ganz sicher nicht mit sich spaßen. Warum, um Merlins willen, musste er aber auch bloß um seine eigene Attraktivität wissen? Etwas mehr Bescheidenheit würde die Dinge mit ihm ab und an vereinfachen. Ach ja genau, Bescheidenheit war keine Tugend die einem Draco Malfoy zu eigen war.

„Also, gehen wir am Wochenende nach was Passendem für Belinda gucken?"

„Lässt du mich dann endlich damit in Ruhe?"

Hermine seufzte resignierend und antwortete: „Ja, ich gebe mich voll und ganz zufrieden, wenn wir dann alle halloweentauglich sind."

Immer dieser Aufstand, also wirklich. Aber Draco wäre nicht Draco und vor allem keine beispiellose Dramaqueen, würde er sich nicht so verhalten. Irgendwie war es ja auch ganz amüsant und würde er immer zu allem ja und amen sagen, wäre es auch eine reichlich langweilige Angelegenheit.

Was die beiden Erwachsenen nicht mitbekamen war, wie Belinda über die Schulter ihres Vaters Luke, der mit seiner Mutter an ihnen vorbeiging, die Zunge rausstreckte. Der kleine Junge tat er ihr gleich.


Etwas später wartete Draco mit Belinda an der Hand vor dem Italiener auf seine Schwägerin.

„Daddy, wann kommt Tante Daphne denn? Ich hab Hunger", maulte die Kleine und ja, sein Magen machte sich auch langsam bemerkbar und er sah sich um. Schließlich entdeckte er eine blonde Frau mit schmalem Gesicht und leuchtend grünen Augen, die um eine Ecke kam und auf sie zusteuerte. Er deutete auf sie und das Mädchen fing an zu strahlen und winkte aufgeregt. Die blonde Frau hob grüßend die Hand und ging in die Hocke, als sie bei den beiden Wartenden ankam.
Belinda fiel ihr um den Hals.

„Tante Daphne!", quietschte sie freudig. „Wie lang bleibst du?"

Daphne lachte auf. „Ich bin doch grade erst angekommen, wir haben schon noch etwas Zeit zusammen, keine Sorge, aber ich bleib nicht über Nacht."

Enttäuscht zog Belinda eine Schnute und ihre Tante strich ihr über die Wange, lächelte das Mädchen an und meinte: „Du bist aber ganz schön groß geworden."

Sofort erhellte sich ihr Gesicht und sie reckte sich. „Ja, schau. Daddy und Mia mussten neue Sachen für mich kaufen."

Die junge Frau erhob sich wieder, fuhr ihrer Nichte, die sich an sie klammerte, über den Kopf und reichte ihrem Schwager die Hand.

„Du bist mit der Kleinen einkaufen gewesen?"

„Mir blieb wohl nichts anderes übrig", gab er zurück und erntete einen skeptischen Blick.

„Und wer ist Mia?"

„Belindas Erzieherin. Sie ist völlig vernarrt in diese Frau, schon vom ersten Tag an. Aber wie wäre es, wenn wir jetzt erst mal etwas essen?", lenkte er ab und machte eine einladende Geste auf die Lokalität.

Zunächst verlief das gemeinsame Abendessen recht schweigsam, zumindest zwischen den Erwachsenen. Das Mädchen sprudelte nur so über vor Erzählungen aus der Kita, aber Draco hatte noch nie so genau gewusst, wie er Smalltalk mit Daphne halten sollte und so direkt vor Belinda wollten weder er noch seine Schwägerin das eigentliche Thema anschneiden. Robinia Greengrass blieb vorerst tabu.

„Ein Muggel-Restaurant?", erkundigte sie sich schließlich und ließ ihren Blick durch den maritim eingerichteten Raum schweifen.

„Ja, wenn es dir lieber gewesen wäre, hätten wir auch in die Zaubererwelt gehen können, aber ich war noch nie im Tavern's Inn oder Romina Raeburn's Restaurant."

„Aber hier warst du schon mal?"

Draco nickte lediglich.

„Ja, wir waren mit Mia hier, weißt du? Davor waren wir oben auf einem ganz hohen Haus. Ähm, Wolkenkratzer hieß das glaub ich und von da konnte man über die ganze Stadt schauen und Mia hat alles erklärt. Sie weiß nämlich ganz viel, weil ich glaub, sie liest auch ganz viel. So wie Mummy auch, weißt du?", erzählte Belinda fröhlich.

Daphne zog fragend die Augenbrauen hoch und musterte ihren Schwager. Belindas Erzieherin, ja?
„Bist du sicher, dass diese Mia nur…", setzte sie an.

„Ich habe mir hier ein wenig Anschluss gesucht. Ist das etwa verboten?", fauchte Draco und unterbrach sie.

„Entschuldige, ich habe mich ja nur gefragt. Immerhin trägst du den Ring auch nicht mehr."

Entnervt griff er sich in den Ausschnitt und zog die Kette hervor.
„Ich sehe nichts falsches daran, damit langsam abzuschließen. Schließlich werden weder Astoria noch Scorpius dadurch wieder lebendig."

Beschwichtigend hob die Blonde die Arme. „Ich bin nicht hier, um zu streiten."

Das war sie wirklich nicht. Sie wusste wie viel ihrer Schwester dieser Kerl bedeutet hatte und auch wenn sie Astoria in dieser Hinsicht nie so ganz verstanden hatte, musste sie zugeben, dass es wohl schlimmer hätte kommen können als Draco Malfoy. Nun, es hätte auch unproblematischer kommen können, aber darum ging es jetzt hier nicht. Das Essen verlief ab diesem Punkt erst mal wieder ohne viele Worte.

Als sie das Restaurant verließen, begann die Dämmerung langsam einzusetzen.

„Wohin?", erkundigte sich Daphne und sah die Straße auf und ab.

Draco deutete Richtung Süden und erwiderte: „Ich dachte runter zur Bucht."

Die Hexe nickte und mit Belinda, die sie beide an die Hand nahmen, setzten sie sich in Bewegung.

Am Wasser angekommen machte sich das Mädchen einen Spaß daraus, ein paar Tauben, die die ganze Stadt belagerten, zu erschrecken und jagte ihnen hinterher.

„Lauf nicht so weit weg!", mahnte sie ihr Vater und behielt ein Auge auf sie. Ein paar Spaziergänger sahen dem Kind im Vorbeigehen nach, während es erneut einen Vogel aufscheuchte. Draco und Daphne lehnten währenddessen am Geländer.

Die Wegbeleuchtung flackerte auf und verbreitete noch schwaches, leicht orangestichiges Licht, während sich der Tag langsam dem Ende neigte. Auf Liberty Island flammten die Lichter der Freiheitsstaue auf.

„Wohnst du hier in der Gegend?", wollte die Blonde wissen und zog die dunkelgraue Jacke etwas enger um den Körper. Von den Wellen kam ein recht kalter Wind.

„Nein, ich wohne nicht in Lower Manhattan."

Sie nickte. „Du traust mir nicht über den Weg."

„Das würde ich so nicht sagen. Aber in diesem Fall ist Vorsicht besser als Nachsicht."

„Glaubst du, ich würde meiner Mutter erzählen, wo sie dich findet?"

„Nun, sie ist bei mir auf der Arbeit aufgetaucht, hat mich als Bastard beschimpft und mich einen psychisch labilen, selbstmordgefährdeten Todesser genannt. Du musst entschuldigen, aber ich will Robinia unter keinen Umständen in meiner Wohnung haben."

Daphne atmete hörbar aus. Ihre Augen wanderten von der Bucht mit der erhellten Statue in der Ferne zu dem Mann neben ihr, der aufmerksam das kleine Mädchen beobachtete, das angefangen hatte einige bunte Herbstblätter, die bereits von den Bäumen segelten, einzusammeln. Sie war sich sicher, Belinda hatte es gut bei Draco, aber sie verstand auch ihre Mutter.

„Das war letzte Woche nicht richtig von ihr", gestand sie ein.

Draco schnaubte nur verächtlich, was der jungen Frau ein Augenrollen entlockte. „Du hast auch nie zum Frieden beigetragen."

„Bist du hier um mir Vorwürfe zu machen? Dann kannst du auch wieder gehen! Das muss ich mir nicht anhören", schnappte er. „Sie will mir Belinda wegnehmen!"

„Nein, dafür bin ich nicht hier!", schoss sie zurück und verengte kurz ihre grünen Augen zu Schlitzen. „Dad und ich haben ihr das ausgeredet. Sie war aufgeregt und hat überreagiert. Ich heiße Mums Verhalten nicht gut, aber deins genauso wenig und jetzt hör mir einfach mal zu!", fuhr sie ihm über den Mund. „Was erwartest du denn? Astorias Tod war nicht nur für dich ein Schock. Du bist nicht der Einzige, der um sie trauert. Mum und Dad haben eine Tochter verloren, ich hab meine Schwester verloren und dann haust du sang- und klanglos mit Belinda ab ohne auch nur einen Anhaltspunkt dazulassen, wo du steckst und antwortest nicht auf Eulen. Gar nichts kam von dir!"

Draco fuhr herum, funkelte seine Schwägerin böse an, aber Daphne kannte das mittlerweile, ließ sich davon nicht beeindrucken, als er sich verteidigte: „Robinia hat mir an ihrem Grab, am Grab meiner Frau und meines Sohnes, vorgeworfen, ihr Tod sei meine Schuld! Das Mal würde… Es wäre… Sie weiß verdammt genau, was ich dafür geben würde, es loszuwerden. Das sollte sie zumindest wissen. Nenn mir einen Grund, warum ich meine Tochter zu jemandem lassen sollte, der mich von ganzem Herzen verachtet?"

Sie hielt dem Malfoy'schen Todesblick weiterhin stand. Die Wirkung verflog ein wenig mit den Jahren, wenn man ihm öfter ausgesetzt war, zuckte kurz mit einer Augenbraue und antwortete: „Weil Belinda nicht nur deine Tochter ist, sondern auch Astorias Kind. Damit ist sie meine Nichte und die Enkelin von Mum und Dad. Sie ist Teil der Familie und ich bitte dich, Draco, mach diese ganze Fehde nicht noch schlimmer als sie schon ist." Nach kurzem Zögern fügte sie leise hinzu: „Du weißt, dass Astoria darunter gelitten hat."

Er wandte sich von ihr ab, schluckte schwer, sah zu seiner Tochter, die ein paar Meter weit weg stand und im Licht einer Laterne, deren Helligkeit mit fortschreitender Dämmerung zu nahm, ein farbiges Blatt betrachtete.

„Was willst du, Daphne?", fragte er schlussendlich.

„Nur, dass du die Kleine nicht von uns abschirmst."

„Ich lass sie nicht allein in Robinias Gegenwart." Seine Stimme hatte einen bitteren Klang angenommen.

„Das habe ich mir schon gedacht. Ist es zu viel verlangt, wenn du wenigstens an Weihnachten mal rüberkommst?"

„Das gibt Mord und Totschlag, das ist dir doch bewusst."

Daphne schüttelte den Kopf. Etwas mehr Kooperation von beiden Seiten und… Sie fuhr sich genervt durch die Haare.

„Nur für zwei Stunden und ich bin dabei. Ich werde versuchen Mum im Zaum zu halten, aber ein wenig Entgegenkommen deinerseits wäre hilfreich. Draco, bitte. Ich verlange nicht mehr als zwei Stunden an Weihnachten. So lange sollte es doch wohl möglich sein, dass ihr zwei euch nicht an die Kehle geht."

Der junge Mann schwieg einige Herzschläge lang, behielt seine Tochter im Blick, nahm am Rande den einen oder anderen Spaziergänger wahr, der die frische Luft genoss.

„Meinst du, Astoria würde die Situation, so wie sie ist, gefallen? Nur zwei Stunden und vielleicht ab und an mal eine Eule, zumindest an mich. Bitte."
Mehr konnte sie nicht verlangen, mehr wagte sie auch nicht zu verlangen. Zu lange erlebte sie den Zwist zwischen Draco und Robinia schon hautnah mit. Jede höhere Forderung wäre weit über dem, was ihr Schwager auch nur ansatzweise bereit wäre zu geben.

„Draco?" Sie legte ihm vorsichtig die Hand auf die Schulter. Er wandte sich ihr zu, sein Gesicht war ausdruckslos. Diese Maske, die er in der Gesellschaft immer zur Schau trug, die ihre Schwester manchmal schon fast gegruselt hatte, weil sogar sie dann nichts in seinen Zügen hatte lesen können.

„Zwei Stunden, keine Minute mehr und wenn sie wieder anfängt mir haltlos Vorwürfe zu machen, werde ich nicht bleiben", erklärte er sachlich.

Daphne nickte zustimmend.

„Ich werde dir ab und an schreiben."

„Danke", brachte sie hervor.

Wenige Momente sahen sie sich einfach nur an. Die blonde Hexe versuchte vergebens irgendeine Regung in ihm zu erkennen, aber die Mauer war perfekt. Die jahrelang anerzogene, eingeübte Malfoy-Maske. Kühl, distanziert, undurchsichtig.

„Daddy?" Belinda zog an seiner dunkelbraunen Lederjacke und streckte die Arme zu ihm empor. Die Farce verschwand, als er sie hoch hob und sie hielt ihm ein buntes Blatt vor die Nase. Es war von einem Ahornbaum, der Rand war bereits rot und ging über in ein Gelb. Ein paar Flecken Grün waren noch übrig.

„Daddy, warum werden die Blätter bunt?"

Daphne konnte nicht anders und lachte kurz auf. „Entschuldige, aber manchmal… Manchmal ist sie Astoria so ähnlich. All die Fragen. Sie hat Mum und Dad damit richtiggehend zur Verzweiflung getrieben."

Die blonde Hexe, spürte, wie ihr ein paar Tränen kamen. Sie vermisste ihre kleine Schwester. Auch wenn sie sich früher öfters gezankt und teilweise schon richtig böse gestritten hatten, sie war auch immer ihre beste Freundin gewesen. Sie wischte sich kurz über die Augen, bevor die Tränen übergehen konnten und strubbelte ihrer Nichte durch die hellblonden Haare.

Draco übergab ihr das Kind für den Moment, beobachtete wie sie das kleine Mädchen an sich drückte. Zwei Stunden und ein paar Briefe waren vielleicht nicht zu viel verlangt und er war sich sicher, seine Frau würde ihn sonst noch aus dem Grab heraus verwünschen, wenn er nicht wenigstens ein bisschen einlenkte.


Daphne war nicht mehr lang geblieben, hatte ihm aber noch das Versprechen abgerungen, sich wenigstens einmal im Monat bei ihr per Eule zu melden. Belinda war tottraurig gewesen, ihre Tante schon gehen lassen zu müssen, aber immerhin hatte ihr Draco die Frage nach den bunten Blättern beantworten können und das alles war gerade eh vergessen.

Es war Wochenende. Sie standen in einem Laden in SoHo, gar nicht mal so weit weg von der Houston Street und Draco fand es furchtbar. Nun ja, also noch war es erträglich, denn noch konzentrierten sich Henry, Valerie und Mia auf die Kinder. Sean wollte verständlicherweise ein wirklich cooles Kostüm und schien Gefallen an dem Ghost Buster-Overall zu finden, während seine Tochter mit Hermine in der Umkleide war. Mit verschränkten Armen wartete er an die Wand gegenüber gelehnt und sah sich um. Ihm schwante böses, wenn die beiden Frauen die Kleinen versorgt hatten. Von Henry erwartete er etwas mehr Zurückhaltung.

Der Vorhang ging auf und ein strahlendes kleines Mädchen kam heraus gehüpft, drehte sich vor ihrem Vater im Kreis.

„Schau mal, Daddy", quietschte sie und grinste ihn an. „Das hier mag ich haben."

Draco ging in die Hocke und betrachtete seine Kleine aufmerksam. Ein Kleidchen, dessen oberer Teil schwarz war mit goldenen Verzierungen. Der Rock war mehrlagig schwarz und orange mit goldenen Glitzersternchen. Dazu ein passender Spitzhut.

„Das ist sehr schön, Prinzessin."

Sie schüttelte den Kopf. „Aber Daddy, ich bin doch eine Hexe! So wie in den Märchenbüchern."

„Na ja, nicht nur wie in den Märchenbüchern", bemerkte er im Flüsterton und zwinkerte ihr zu. Verschwörerisch kicherte das Kind und legte sich den Zeigefinger an die Lippen.

„Genehmigt?"

Der Blonde sah auf und erblickte Hermine.

„Ja, ist genehmigt", stimmte er zu und erhob sich.

„Wunderbar, dann fehlst ja nur noch du", bemerkte Valerie.

„Und was ist mit euch?", versuchte Draco abzulenken. Er wollte sich nicht wirklich verkleiden.

„Meins hängt zu Hause im Schrank", antwortete die Brünette.

„Val und ich sind auch schon längst versorgt. Du bist der Einzige, der fehlt", grinste Henry und drückte seiner Frau einen Kuss auf die Wange. Elender Verräter! Warum hielt er nicht die Klappe?

Damit war die Schonfrist vorbei. Missmutig ließ er sich in die Erwachsenenabteilung des Geschäfts schleppen, in die Ecke mit den Männerkostümen.

„Also, was machen wir mit dir?" Hermine ging die Reihen entlang.

„Es ist Halloween. Etwas gruseliges wäre angebracht", warf Val ein und ihre Freundin nickte.

„Vampir?", schlug sie vor und zog einen Kleiderbügel mit schwarzem Umhang hervor.

Draco sah mehr als skeptisch drein. „Damit ich aussehe, wie mein Vater, oder was?"

„Oh", machte die Dunkelhaarige. „Dann vielleicht besser…"

„Pirat?", schlug Valerie vor und ohne Dracos Zutun wehrte Hermine ab: „Kommt gar nicht in Frage."

„Aber Mia…"

„Nein, Val!"

Der junge Mann verstand zwar nicht ganz, was das sollte, aber ihm war es nur recht. Eine Verkleidung weniger, gegen die er sich sträuben musste.

„Teufel? Ich mein, das ist ein Klassiker", versuchte Henry es, aber Hermine machte nur ein abwehrendes Geräusch.

„Dann brauchen wir ihn gleich gar nicht verkleiden."

„Hey!", protestierte Draco. Nun ja, nicht, dass er sich wirklich Hörnchen aufsetzen wollte, aber der Teufel höchstpersönlich war wohl immer noch sein Vater, nicht er.

„Werwolf?" Valerie hielt eine Maske hoch mit dem Ergebnis, dass sie sowohl Mia als auch der ehemalige Slytherin musterten, als hätte sie nicht mehr alle Kessel beisammen.

„Was stimmt denn damit nicht?", erkundigte sich die blonde Frau.

„Greyback", war Dracos einsilbige Antwort.

„Also auf keinen Fall", pflichtete Hermine bei, nicht beachtend, dass ihre Freunde mit dieser Erklärung nicht wirklich etwas anfangen konnten.

Schließlich zog sie einen Anzug hervor und warf Draco einen fragenden Blick zu. „Mafioso?"

„Keine zehn Hippogreife werden mich in diesen stillosen Fetzen kriegen. Ein weißer Anzug? Also ehrlich mal, noch grausamer geht es wohl nicht mehr."

„Alte Dramaqueen." Mit diesen Worten hängte sie die Verkleidung wieder weg und überlegte, während sie sich weiter suchend umsah.

„Wenn wir die Tierkostüme außen vorlassen", fing Valerie an und Dracos Gesichtsausdruck sagte mehr als deutlich, dass diese nicht in seine Nähe kommen würden, „dann wird es langsam eng. Keine Vampire, Teufel oder Werwölfe, keine Piraten und zum Mafiaboss will er auch nicht werden."

Die Erzieherin seufzte genervt auf. War ja klar, dass das hier kein Zuckerschlecken werden würde, aber manchmal stellte er sich wirklich an.

„Okay, auf was würdest du dich denn einlassen, Draco?", erkundigte sie sich schlussendlich und bekam prompt die Antwort: „Auf gar nichts. Ich seh überhaupt nicht ein, mich zu verkleiden!"

„Du verbohrter Dickschädel!", schimpfte Hermine schließlich und baute sich drohend vor ihrem ehemaligen Schulkameraden auf. „Kannst du deinen Starrsinn nicht einmal sein lassen? Es geht nur um ein Halloweenkostüm, nicht mehr."

Der Blonde setzte gerade zu einer scharfen Erwiderung an, als es an seinem Shirt zupfte. Die beiden Erwachsenen wandten sich um. Belinda schaute traurig drein und schob die Unterlippe vor.

„Aber Daddy, warum magst du dich denn nicht verkleiden? Das macht doch Spaß und Mia tut sich auch verkleiden."

„Na ja, weißt du, Prinzessin, ich… Also…" Ach verflucht! Es war doch zum verrückt werden, wenn sie ihn so flehend ansah. Sie war entwaffnend und genaugenommen fiel ihm auch kein guter Grund ein, sich nicht in ein Kostüm zu schmeißen. Ihm fiel auch keiner ein, der dafür sprach.

„Daddy, biiitttteeee. Bitte, bitte, bitte, Daddy."

Bei Merlins löchriger Feinrippunterwäsche, das war doch… Verdammt noch mal, sie schaffte ihn damit fast immer.

„Okay, also schön", gab er nach, strich seiner Tochter den mittlerweile viel zu langen Pony aus der Stirn und blickte schließlich in Hermines triumphierend grinsendes Gesicht.

„Ich warne dich, Mia", raunte er ihr zu, „keine…"

„Gibst du dich mit was Britischem zufrieden?", mischte sich Henry ein, der zwischen den Kleidern auftauchte.

„Ähm, ich denke schon, ja", stimmte Draco ein wenig überrumpelt zu.

„Wunderbar. Dann probier das hier an", grinste der andere Mann, drückte ihm ein Bündel in die Hand und bugsierte ihn in Richtung Umkleide. Manchmal musste man bei diesem sturköpfigen Engländer halt etwas rabiater sein. Henry war nicht umsonst mit Valerie verheiratet und Dracos Zickereien bereiteten ihm nun wirklich kaum Kopfzerbrechen. Etwa zehn Minuten später stand Hermine mit verschränkten Armen und ungeduldig wippendem Fuß vor der Kabine.

„Jetzt komm endlich raus oder bist du immer noch nicht fertig?"

„Ich komm so nicht raus!", widersprach er.

„Das ist doch… Ahhh, könntest du deine Divenanfälle wann anders bekommen?"

„Ich seh aus wie ein Penner aus dem Wald oder so. Das zieh ich nicht an!"

„Henry, was hast du rausgesucht?", erkundigte sich Val, während sich die Kinder langsam aber sicher zu Tode langweilten.

„Komm jetzt raus!", forderte Hermine.

„Nicht so!"

„Draco Malfoy, ich vergess mich gleich!", drohte sie. „Wie kann man nur so zickig sein?!"

„Schminkt euch das ab, ich mach den Blödsinn nicht mit!"

Okay, Hermine war der Ansicht einen durchaus langen Geduldsfaden zu haben. Immerhin hatte sie Harry und Ron überstanden und die hatten ihre Nerven reichlich strapaziert. Die Kleinen im Kindergarten verlangten einem auch einiges ab, aber Draco war doch einfach nur die Krönung.

„So schlimm wird es wohl nicht sein", fauchte sie und riss den Vorhang beiseite.

„Was soll das? Ich hätte nichts anhaben können!", beschwerte sich der Blonde.

„Wäre ja fast nichts neues für mich, oder?"

Er funkelte sie wütend an. Unbeeindruckt davon, dieser Blick hatte ihr noch nie etwas ausgemacht, trat sie ein paar Schritte zurück und betrachtete ihn. Er trug eine schwarze Hose und schwarze Stiefel mit mittelalterlich anmutender Krempe, ein dunkelgrünes Langarmshirt mit Kapuze und darüber eine dunkelbraune Weste, die einen Eindruck von Leder erzeugen sollte. Geschlossen wurde sie an der Brust mit ein paar schwarzen Riemen und um die Taille lag ein breiter schwarzer Gürtel, während er eine Art Handschuhe festhielt, die aber offenbar die Finger freiließen.

„Ich sagte doch, ich seh aus wie ein Penner", maulte er.

„Dir fehlen noch Pfeil und Bogen", mischte sich Henry ein, während die brünette Hexe ihn noch einen Moment musterte.

„Robin Hood?" Es war eigentlich mehr eine Feststellung, als eine Frage seitens Hermines.

„Wer?", wollte Draco wissen.

„Robin Hood", wiederholte sie. „Eine Art mittelalterlicher Räuber und Bogenschießer. In den Geschichten treibt er sein Unwesen im Sherwood Forest, wo er die Reichen bestiehlt und den Armen gibt. Sein Widersacher ist der Scheriff von Nottingham. Also eigentlich so ganz und gar untypisch Malfoy, aber es ist ja auch eine Verkleidung."

Sie lächelte ihm kurz belustigt zu.


Was für ein Aufstand! Draco hatte das Gefühl gehabt, dass heute das halbe Ministerium früher Feierabend gemacht hatte, mindestens. Es war Halloween. Seit wann war das ein Grund für so ein Getue? Ja okay, er hatte sich auch immer auf das Festessen und die Dekoration in der Großen Halle gefreut, aber bitte, er stand gerade verkleidet in Brooklyn, in Williamsburg und wartete auf Henry, Valerie und Sean. An der Hand hatte er Belinda, die schon ganz aufgeregt war und wahre Freude an ihrem Hexenkostüm hatte. Draco wusste nun auch sehr genau, warum Mia dagegen gewesen war, ihn zum Piraten zu machen. Das hätte nämlich bedeutet, dass sie beide im Partnerlook unterwegs gewesen wären und im Stillen dankte ihr der Blonde dafür. Er war schon nicht begeistert überhaupt in einem Kostüm zu stecken, wobei er zugeben musste, dass ihm das Outfit doch irgendwie stand, aber Partnerlook? Auf gar keinen Fall!

Nun, aber mit einem Seitenblick musste er sich schon eingestehen, dass Mia als Seeräuberin was hermachte. Kaum zu glauben, aber der Maskerade ließ sich ein gewisser Stil nicht absprechen. Sie trug eine enge, schwarze Hose, eine weiße, lockere Bluse, um ihre Taille schloss sich ein schwarzes, schlichtes Mieder und darüber hatte sie einen bordeauxroten Piratenmantel. Ihre Locken kringelten sich glänzend und geschmeidig unter einem schwarzen Hut mit Krempe und Feder hervor und an ihrer Seite hing ein Säbel. Er vermutete, es sei aus Plastik.

„Du wirkst entspannter", bemerkte die Dunkelhaarige plötzlich. „Seit ein paar Tagen, einer Woche oder so. Ich mein", sie machte eine kurze Pause, „du erschienst ziemlich nervös nach der Sache letztens."

Robinias Auftritt in der Reiseabteilung. Er bejahte. „Daphne war da. Mein Schwiegermonster scheint vorerst ruhig gestellt zu sein", bemerkte er und sah, wie sie ihn leicht anlächelte. Dann warteten sie wieder schweigend. Die Bonnets waren noch bei Bernard und Natalie Levine gewesen, deshalb hatten sie sich hier draußen auf der Straße verabredet.

„Schau mal an, deine Eltern." Hermine nickte in die Richtung hinter dem Blonden, der erschrocken herumfuhr. Sie schlug die Hand vor den Mund, um nicht laut loszulachen.

„Ha ha, sehr witzig!", giftete er und die Brünette versuchte eine Unschuldsmiene aufzusetzen.

„Ich fand den Vergleich zur Addams Family wirklich sehr passend." Ein freches Grinsen huschte über ihr Gesicht und Draco zog einen Schmollmund. Daher konnte Belinda das also so gut.

„Hey ihr drei", begrüßte sie Valerie, verkleidet als Morticia Addams. Das Schwarz ihrer langen Haare wirkte nicht wie eine Perücke, vermutlich hatte sie einen kleinen Zauber angewandt. Henry, der mit Sean im Ghost Buster-Overall neben ihr auftauchte, trug einen lila-schwarz gestreiften Anzug. Seiner Frau angepasst stellte er Gomez Addams da.

„Können wir jetzt endlich zum ersten Haus?", maulte der Junge ungeduldig.

„Ja, lasst uns mal losziehen", bekräftigte Hermine und die beiden Kinder liefen voran. Die Erwachsenen trotteten hinterher.

Also, vielleicht war das alles ja doch gar nicht so furchtbar schlimm, überlegte Draco nach einer Weile. Belinda hatte Spaß daran von Tür zu Tür zu gehen, „Süßes oder Saures" zu fordern und Naschereien abzustauben. Sie strahlte über das ganze Gesicht und ja, das war es ihm wert. Für das Lachen seiner Tochter lief er auch einen ganzen Abend als Waldgauner durch die Gegend.

„Ach nein, was für eine hübsche kleine Hexe", lobte eine ältere Frau, „und junger Mann, ich fürchte, ich habe keine Geister im Haus, die du vertreiben kannst, aber ein paar Bonbons hab ich für euch zwei Süßen." Die Dame lächelte gutmütig und ließ eine Hand voll Zuckerzeug in die offenen Tüten fallen.

„Dankeschön", flöteten Sean und Belinda im Chor und liefen wieder zu ihren Eltern.

„Daddy, schau doch mal." Sie streckte Draco stolz den gut gefüllten Beutel entgegen. „Warum haben wir das zu Hause nie gemacht?"

Das war eine gute Frage, aber die Antwort war naheliegend. „Weil das eine Muggel-Tradition ist, Prinzessin."
Als sie mit ihrem Freund die Treppe des nächsten Hauses erklomm, fügte er leiser hinzu: „Und weil dein Großvater vermutlich eher einen Grindeloh knutschen würde, als so etwas zuzulassen."

Hermine blickte ihn aufmerksam von der Seite an. Es wäre nicht das erste Mal, seit sie ihn hier in New York getroffen hatte, dass er irgendwie abfällig von Lucius sprach. Was da wohl im Argen lag? So kannte sie ihn nicht. Der Malfoy aus der Schule hatte seinen Vater quasi vergöttert. Zumindest hatte es auf sie oft so den Anschein gemacht. Sie überlegte gerade, ob sie es wagen konnte sich danach zu erkundigen, als ihre Aufmerksamkeit auf die Kleinen gelenkt wurde, die vor einem untersetzen Mann in Bluejeans und Unterhemd standen. Er schien über die Störung gar nicht angetan zu sein und schnauzte den Jungen und das Mädchen an.

„Süßes oder Saures? Könnt ihr vergessen! Jedes Jahr das gleiche Spiel mit euch Gören. Hier gibt es nichts, als schert euch davon!"

Damit krachte die Tür ins Schloss und das Brummeln dahinter wurde leiser.

„Wie unhöflich!", empörte sich Belinda mit in die Hüfte gestemmten Händen. Dann drehte sie sich zu ihrem Vater um, zog eine beleidigte Schnute und forderte: „Daddy, mach was!"

Etwas unsicher, er konnte doch nicht einfach einen Muggel verhexen, nicht in aller Öffentlichkeit und vor allem nicht in einer Stadt, wo die Grenzen so verschwommen waren, sah er zu den andern Erwachsenen.

„Süßes oder Saures", bemerkte Valerie lediglich. „So sind die Spielregeln und hier gibt es ganz offensichtlich nichts Süßes."

„Komm schon Draco, du hast doch keine Skrupel vor so was, oder?" Hermine grinste ihn vielsagend an. Verdammtes Biest, schoss es ihm durch den Kopf.

„Ich vergaß, ich bin ja der Teufel persönlich im Aufzug eines Räubers." Er blickte sich nochmal prüfend um, stieg die paar Stufen hoch, zog den Stab aus Lärche hervor und richtete ihn auf die Tür. Kurz glühte der Griff auf und er verstaute den Zauberstab wieder. Ein hämisches Grinsen zierte seine Lippen.

„Was hat dein Slytherinhirn ausgebrütet?", hakte die Erzieherin nach.

„Marty aus der Abteilung für die Belange nichtmagischer Mitmenschen wäre stolz auf mich."

Hermine nickte verstehend. „Beißende Türklinken. Vielleicht sollten wir jetzt gehen, bevor wir uns vor Mr. Jenkins dafür verantworten müssen."


Die Süßigkeitentour war bis auf den einen Zwischenfall ziemlich erfolgreich verlaufen und auf dem Weg zurück nach Manhattan, nach SoHo um genau zu sein, durften Sean und Belinda ein wenig von ihrer Beute naschen. Die Kinder waren zufrieden.

An der Prince Street-Station trafen sie dann auf Carter und Draco hätte ihn beinah nicht erkannt. Dass der Kanadier ziemlich ausgeflippt sein konnte, das war ja nicht unbedingt neu für ihn, dass er aber offenbar den Verstand verloren hatte schon.

„Also bisher dachte ich ja wirklich, dass du Stil hast, Carter", bemerkte er und musterte seinen Kollegen von oben bis unten. Dieser grinste von einem Ohr zum andern und breitete die Arme aus. Hermine konnte auch nicht anders, als ihn ein wenig ungläubig zu betrachten. War das da wirklich Carter Lewis, der immer lässig wirkende Kanadier mit den kinnlangen schwarzen Haaren, der ohne Zweifel die eine oder andere heimliche Verehrerin im Zaubereiministerium hatte? Nun, mit diesem Outfit konnte er wohl getrost jede in die Flucht schlagen.

Er trug glänzende schwarze Hosen und eine Jacke aus dem gleichen Stoff. Beides war am Saum und am Kragen mit Leopardenmuster verziert und sein Hut war gar komplett überzogen mit diesem Muster. Dazu hatte er einen glänzenden, goldenen Schal um den Hals und glitzernde, dicke Ketten. Die dunkle Brille, die in seinem Ausschnitt steckte, hätte Hermine ganz getrost als Porno-Sonnenbrille bezeichnet.

„We're going to Jersey Shore, Bitcheeees!", lachte er und wedelte albern mit der Hand.

„Tu das ja nie wieder!", fuhr ihn Valerie an. „Als geborene New Yorkerin bekomm ich Ohrenschmerzen von dem Jersey-Akzent und deiner ist dazu noch grottig."
Ein Lachen konnte sie sich trotzdem nicht verkneifen.

„Ähm, vielleicht sollten wir mal los und uns einen Platz suchen, von dem wir gut sehen können, bevor alles voll ist", meinte Henry schließlich, nicht ohne seine Augen noch mal über die Verkleidung des gebürtigen Kanadiers schweifen zu lassen.

Auf dem Weg zur abgesperrten 6th Avenue sah Belinda, die die Hand ihres Vaters hielt, immer wieder zu Carter auf. Natürlich, sie kannte ihn, aber nicht so. Er lächelte sie an und zwinkerte ihr zu. Das Mädchen lächelte zurück.

Es war noch nicht so voll, aber doch schon einige Menschen da, als sie ankamen, so dass sie noch einen ganz guten Platz bekamen. Carter schien die Kinder immer noch zu faszinieren und Sean plapperte auf ihn los und heimste ein Lob für sein Ghost Buster-Outfit ein. Der Schwarzhaarige stand neben Draco. Auf seiner anderen Seite waren Val, Henry und Hermine. Als der Festumzug schließlich losgegangen war hatte er Belinda auf seine Schultern gesetzt. Er war etwas größer als Draco und das Mädchen hatte gequengelt, sie könne nichts sehen. Sean hatte sich, immer unter den wachsamen Augen seines Vaters, zur Absperrung gequetscht und bestaunte die Wagen und die gruseligen Kostüme der Teilnehmer.

„Schau mal da Dad!", rief er. „Ganz viele Skelette!"

„Und da!" Das blonde Mädchen deutete auf eine einzelne Person. „Was ist das?"

„Chucky, die Mörderpuppe", antwortete Carter.

„Mörderpuppe?", wiederholte Belinda etwas unsicher.

„Keine Angst, der ist nicht echt", erklärte der Kanadier und strich ihr rüber den Rücken. Draco beobachtete das Schauspiel als unweit von ihm eine Diskussion an sein Ohr drang. An sich nichts ungewöhnliches, schließlich waren sie umgeben von Menschen, aber seine Aufmerksamkeit wurde geweckt, da die Unterhaltung auf Französisch war. Kein Problem für ihn, immerhin gehörte es sich für einen Malfoy diese Sprache nahezu perfekt zu beherrschen. Seine Vorfahren kamen schließlich aus Frankreich. Es gehörte quasi zum guten Ton, dass er eine Fremdsprache beherrschte. Seit seinem fünften Lebensjahr, also seit er den Privatunterricht vor Hogwarts erhalten hatte, hatte dieser auch den Sprachunterricht beinhaltet. Sein Vater hatte enorm viel Wert auf die alte Familiengepflogenheit gegeben.

„Pardon, peux-je vous aider?", erkundigte er sich schließlich höflich bei den beiden jungen Frauen, die fast neben ihm, ein wenig schräg versetzt zu ihm standen und bot seine Hilfe an. Ganz nett anzusehen waren sie ja schon.

Ein wenig perplex schaute ihn die eine mit langen, leicht gewellten, dunkelblonden Haaren an. Offenbar erstaunt, auf ihrer Muttersprache angesprochen zu werden. Ihre Freundin, sie hatte schwarze, etwa schulterlange, glatte Haare besann sich als Erste wieder und lächelte, als sie erwiderte: „Merci beaucoup, monsieur. Nous nous sommes demandés…", und sie begann zu berichten, dass sie für einen Kurztrip in die Stadt gekommen waren und sich nicht wirklich einigen konnten, welche Sehenswürdigkeiten in der wenigen Zeit wirklich ein Muss waren. Draco lächelte charmant und legte ihnen das Empire State Building ans Herz.

Eigentlich mochte er es, Französisch zu sprechen. Leider gab es dazu kaum Gelegenheit, außer mit seinen Eltern, doch selbst das fand er selten statt. Er genoss es einfach ein wenig zu plaudern.

„Ah, Mr. Malfoy scheint ein wenig Spaß zu haben", grinste Carter und stieß Hermine in die Seite, die sich daraufhin umwandte. Sie spürte, wie ihre Gesichtszüge erstarrten. Da stand Draco und flirtete ganz ungeniert mit zwei Touristinnen auf Französisch. Wusste der Geier, woher dieser Mann jetzt auch noch Französisch konnte, das war ihr im Moment auch reichlich egal. Die beiden jungen Dinger an seiner Seite, die ihn geradezu anhimmelten, störten sie dahingegen ungemein.

Nachdem der Schwarzhaarige sie darauf aufmerksam gemacht hatte, konnte Hermine einfach nicht anders, als immer wieder rüber zusehen.

„Eifersüchtig?" Val hob vielsagend die Augenbrauen, während sie das ihrer besten Freundin ins Ohr raunte.

„Ach was! Er ist… Single. Er darf das", erwiderte sie, ließ den Blonden aber nicht eine Sekunde aus dem Blick.

Draco musste in diesem Moment irgendetwas witziges gesagt haben, auf jeden Fall kicherten die beiden Mädchen und als die eine dann auch noch ihre Hand auf seinem Arm ablegte, da konnte Hermine nicht mehr an sich halten. Valeries süffisant wissendes Lachen war ihr völlig egal. Sie schob sich an Carter vorbei und ging auf die drei Andern zu.

„Draco, sag mal, willst du nicht wieder rüberkommen?", sprach sie ihn an.

Der Blonde hob fragend den Kopf in ihre Richtung und die beiden Mädels musterten sie.

„Ich hab euch im Blick, ich geh nicht verloren. Weißt du, ich lebe seit einem halben Jahr hier, ein bisschen kenn ich mich mittlerweile auch aus. Außerdem seid ihr keine fünf Meter entfernt."

„Und Belinda? Willst du nicht mal wieder zu deiner Tochter?"

Er schaute über die dunkelhaarige Hexe hinweg und erwiderte: „Sie sieht mir ganz vergnügt aus, da oben auf Carters Schultern."

„Okay", schnappte sie und merkte, wie sie anfing zu schmollen. Nein, das sollte sie jetzt nicht tun, aber verdammt, es nervte sie, ihn mit den beiden Hühnern wieder allein zu lassen.

„Mia, ich komm wirklich klar", versicherte ihr Draco. Was bei Salazar war denn jetzt kaputt?

„Schön", meinte sie und schaffte es nicht ganz den beleidigten Unterton zu verbannen, was ihr einen komischen Blick des Blonden einbrachte.

„Qui est-ce? Ton petite amie?", erkundigte sich die Französin mit den schulterlangen, dunklen Haaren und deutete kurz zu der Erzieherin.

„Non, seulement une bonne amie", winkte er ab. Mia war nicht seine Freundin, zumindest nicht so.

Diese hatte kein Wort verstanden. Sie wusste viel, aber auch sie war nur ein Mensch und mit Sprachen hatte sie sich nie besonders auseinandergesetzt. Na ja, außer vielleicht mit Latein und Alten Runen und oh na schön, sie war hier offenbar nicht erwünscht. Sie warf den jungen Frauen noch einen skeptischen Blick zu und ging ohne ein weiteres Wort. Wie alt mochten die beiden wohl sein? Anfang zwanzig vielleicht. Wenn es hoch kam.

Sie drehte sich doch noch mal kurz um, zog unauffällig ihren Zauberstab aus der Tasche, zielte und schickte einen Sengfluch auf die Kurzhaarige los. Zufrieden grinste sie, als die Andere aufschreckte.

„Mon Dieu! Cela a brûlé", rief Dracos Gesprächspartnerin aus und rieb sich den Hintern. „Bizarre."

Sein Kopf fuhr herum und er glaubte gerade noch die Spitze des Zauberstabs in Hermines Tasche verschwinden zu sehen. Hatte sie etwa wirklich…?

Was sollte das denn? Erst zickte sie grundlos rum und jetzt hetzte sie auch noch Zauber auf fremde Leute? Draco presste die Lippen zu einem schmalen Strich zusammen. Was bildete sie sich denn bitte ein? War sie heute völlig übergeschnappt?

Ein paar Minuten unterhielt er sich noch mit den beiden Touristinnen, verabschiedete sich dann schließlich und ging die wenigen Meter rüber zu seinen Freunden. Als er hinter Hermine stand, packte er ihr Handgelenk und zog sie ein paar Schritte weg.

„Was sollte denn das gerade eben?", zischte er sie wütend an. „Du kannst doch nicht einfach Leute verfluchen!"

„Ach nein? Du hast doch gesehen, dass ich das kann", erwiderte sie schnippisch und entzog ihm ihre Hand, blickte herausfordernd.

„Was sollte das?" Draco fixierte sie mit einem übelgelaunten Blick und kam näher. So nah, dass Hermine die Wärme, die sein Körper ausstrahlte spüren konnte.

„Ich bin dir keine Rechenschaft schuldig", giftete sie und wollte schon an ihm vorbei, aber ehe sie sich versah, schoss sein rechter Arm hervor und seine Finger krallten sich in ihren Haaransatz über dem Nacken, zogen ihren Kopf ein wenig nach hinten, so dass sie ihn ansehen musste.

„Ich verlange eine Antwort, verstanden?"

„Ach, du verlangst? Mr. Malfoy verlangt?"

Sein Griff verstärkte sich. Er tat ihr nicht weh, es war lediglich unangenehm. Allerdings zweifelte sie keine Sekunde daran, dass er ihr durchaus Schmerzen zufügen könnte. Sein schmaler Wuchs mochte erst mal darüber hinwegtäuschen, aber sie hatte ihn jetzt schon ein paar Mal oben ohne gesehen und wusste, dass er Muskeln hatte, wenn auch eher versteckt und nicht allzu auffällig. Er besaß ganz gewiss mehr als genug Kraft, um ihr weh zu tun, sollte er das wollen.

„Ja, ganz richtig. Ich verlange, weil ich mich frage, was in dich gefahren ist. Also antworte."

Er beobachtete Mia genau, während er auf eine Erwiderung wartete. Widerspenstiges, kleines Biest und so verdammt… Wann war sie nur so unverschämt hübsch geworden? Ihre haselnussbraunen Augen blitzen herausfordernd, um die Pupille herum waren ein paar dunklere Sprenkel. Ihre dunklen, karamellbraunen Locken fühlten sich weich zwischen seinen Fingern an und verströmten diesen leichten, frischen Duft nach Zitronengras und Minze. Auf ihrem Nasenrücken machte er ein paar verblasste Sommersprossen aus und ihre Lippen sahen einladend aus. Ein wenig geschwungen, zart rosa gefärbt.

Sie öffneten sich für ihre Antwort: „Du musst dich ja nicht von jeder Dahergelaufenen begrabbeln lassen, vor allem nicht vor deiner Tochter."

Der scharfe Tonfall brach den Bann und säuerlich schoss er zurück: „Miss Sittenwächterin sind wir also jetzt, ja? Nur zu deiner Information, ich habe mich nicht begrabbeln lassen. Ich weiß nicht, was mit deiner Auffassungsgabe in dieser Hinsicht nicht stimmt, aber…"

„Was macht ihr zwei denn schon wieder?"

Mia und Draco sahen auf. Er ließ ihr Haar los und die Hand sinken.

„Ihr verpasst noch die Parade", meinte Valerie. „Zanken könnt ihr euch später noch."

Einige Minuten später, Hermine und Draco standen schweigend nebeneinander und betrachteten die Parade, warfen sich aber immer wieder, wenn sie meinten, der Andere würde nicht hinsehen, Seitenblicke zu, legte Henry einen Arm um Valerie.

„Val, Liebling, bist du sicher, dass die beiden eine gute Kombination sind?", flüsterte er ihr leise ins Ohr.

„Natürlich, absolut passend wie die Faust aufs Auge."

Ihr Mann verzog das Gesicht und schielte zu den zwei Engländern hinüber. „Ich seh eher ihre Faust auf seinem Auge."

„Ach Quatsch, die beiden haben nur etwas aufgestaute sexuelle Energie." Sie hob die Schultern. „Ich bin mir sicher, damit könnten sie die halbe Ostküste mit Strom versorgen."

Etwas aufgestaute Energie? Seine Frau untertrieb, wie er fand. „Oder sie legen die halbe Ostküste in Schutt und Asche. Ich halte Mia und Draco für eine ziemlich explosive Mischung", äußerte er seine Befürchtung.

„Das ist doch der Reiz daran. Mia braucht keinen Ja-Sager, kein Schoßhündchen, sondern jemanden, den sie als gleichgestellt ansieht."

„Meinst du, sie sieht ihn so?"

„Er ist auf jeden Fall eine Herausforderung."

Henry nickte. Das mochte wohl stimmen, beruhigte seine Sorge, die amerikanische Ostküste könnte in die Luft fliegen allerdings kaum.

Draco hatte Carter Belinda abgenommen und hatte sie nun auf dem Arm. Sie hatte sich an ihn gekuschelt. Sie war müde und auch Sean machte auf sie langsam den Eindruck, dass er ins Bett gehörte. Er gähnte ausgiebig, behauptete aber steif und fest, er sei nicht müde. Valerie strich ihm durch die aschblonden Haare, die er von ihr geerbt hatte und schüttelte nur leicht den Kopf.

„Ich glaub, wir sollten uns auf den Heimweg machen", erklärte sie nun, wohlwissend, dass der Umzug noch nicht vorbei war. Aber mittlerweile war es schon nach neun und es war Freitag. Der Junge war vom Morgen an auf den Beinen und in der Schule gewesen.

Henry nickte zustimmend und hob seinen Sohn hoch.

„Puh, langsam wird er doch schwer", stellte der Mann fest, als der Junge die Arme um seinen Hals schlang. Von Belinda kam kein Ton mehr. Sie war eingeschlafen oder zumindest eingenickt.

„Also, wenn ihr euch jetzt verstreut, dann bleib ich aber auch nicht mehr hier", merkte Carter an. „Kommt noch jemand mit auf eine der unzähligen Partys?"

Der Blonde schüttelte den Kopf. „Ich glaub, Sean ist bei Weitem nicht der Einzige, der ins Bett gehört."

Sein Kollege nickte verstehend und warf Hermine einen auffordernden Blick zu. „Wie sieht es mit dir aus? Du hast kein Kind, das ins Bett muss."

Die Dunkelhaarige überlegte kurz. Nein, sie hatte keinen Grund heimzugehen. Außer Krummbein wartete niemand auf sie und sie musste sich auch nicht um irgendwen anders kümmern. Der Kater schlief immerhin wann er wollte.

„Ich bin dabei", entschied sie und triumphierend legte Carter einen Arm um sie.

„Also dann, ich mach mit der scharfen Piratenbraut noch die Clubs unsicher, bringt ihr mal euren Nachwuchs nach Hause."

Scharfe Piratenbraut? Und wie zum Teufel kam der Kanadier dazu, Mia einfach so an sich zu ziehen? Draco warf ihm einen kurzen, missbilligenden Blick zu, den er aber nicht zu bemerken schien, denn er redete auf Hermine ein, wo sie wohl am besten hingehen würden.

„Wir sehen uns", verabschiedete er sich knapp, wandte sich um und ging, gefolgt von den Bonnets, zurück Richtung Prince Street, um zur Metro zu kommen. Am Bahnsteig trennten sich ihre Wege und als der blonde Mann in einem der ratternden Wagons saß, seine Tochter auf seinem Schoß, sie festhielt, schnaubte er kurz.

Scharfe Piratenbraut… Also echt mal. Wobei, eine gute Figur hatte sie wirklich in dem Kostüm gemacht. In welche Tanzclubs es sie wohl noch verschlagen würde? Er wusste, dass Carter durchaus die Nacht zum Tag machen konnte.


Sie lag vor ihm auf dem Bauch. Draco beugte sich hinab, presste seine Lippen genau auf ihre Wirbelsäule, etwa auf Taillenhöhe. Ihre Haut war weich, eine angenehme Wärme ging von ihr aus und langsam küsste er sich ihren Rücken hinauf. Leichte, vorsichtige Küsse. Sie lag ganz still, er konnte nur die gleichmäßigen Atemzüge und das leise, regelmäßige Pochen ihres Herzens hören. Zumindest bildete er sich das ein.

Bevor er ihren Nacken erreichte, strich er mit seinen Fingern sanft ein paar dunkle Locken beiseite. Er mochte das Gefühl, sie zu berühren. Ihre Haut auf seiner zu spüren.

Zaghaft glitten seine Lippen über ihren freigelegten Hals. Ihr Atem wurde schneller. Schließlich erreichte er den Punkt hinter ihrem Ohr, dort wo der Kiefer anfing. Er mochte diese Stelle fast genauso gerne wie die an der Hüfte. Als er anfing sie mit seiner Zunge genau dort zu liebkosen, entwich ihr ein kleiner Seufzer. Er lächelte, sog den Duft, der von ihrem seidigen Haar ausging, in sich auf. Irgendeine Citrusnote, bemerkte er am Rande.

Sie begann sich unter ihm zu bewegen, wurde unruhiger, versuchte ihren Körper an seinen zu pressen.

„Draco…", hauchte sie. Ihre Stimme bebte leicht vor Erregung und er lachte leise und rau auf.

Er richtete sich ein wenig auf und drehte sie ohne viel Mühe um. Sie war schlank gebaut, ziemlich leicht und obwohl sie jetzt auf dem Rücken lag, konnte er ihr Gesicht nicht erkennen. Es war zu dunkel. Das einfallende Licht beschien nur einen Teil ihrer Wange, ein Stück von ihrem Mund, nicht mehr. Ihre Lippen waren leicht geöffnet. Draco starrte sie wie hypnotisiert ein paar Herzschläge lang einfach nur an. Sie sahen warm und weich aus. Er wollte sie kosten, beugte sich vor, schloss die Augen und erwachte, als das erwartete Gefühl des Kusses ausblieb.

Schwer atmend lag er im Bett, starrte die Decke an. Ein Traum. Nur ein Traum. Ein verdammt anreizender Traum, wie er feststellte und seine körperliche Reaktion darauf bemerkte. Das war doch… Ahhh! Wie konnte ihn das nur so… berühren? Nun, ganz einfach, Draco hatte es schon früher festgestellt und es nannte sich Abstinenz. Sexentzug traf es vielleicht besser, wenn er seine Finger so über die Beule in seiner Pyjamahose streifen ließ. Er schloss die Augen wieder, versuchte sich an Einzelheiten zu erinnern.

Der schmale, warme Körper unter ihm, die braunen Locken und… der Geruch. Der Duft nach…

Er seufzte auf. Sie hatte nach etwas Citrusartigem gerochen und nicht nach… Sandelholz, oder? Dazu die Locken…

Nein, rief er sich selbst zur Ordnung. Astoria hatte sich auch öfter die glatten Haare lockig frisiert. Das war nichts ungewöhnliches und die leichte Note, die von ihr ausgegangen war, da konnte er sich auch gerade irren. Plötzlich war er sich nicht mehr wirklich sicher, was er ausgemacht hatte. Vielleicht nicht doch Sandelholz?

Aber auch diese Überlegung konnte nicht verhindern, dass sich in seine Nase ein Hauch von Zitronengras und Minze schlich, während er die Hand unter den Bund der leichten Schlafhose schob.