Little Joe saß oben auf dem Heuboden und schmollte. „Little Joe, bist du hier?"

„Nein."

Adam schaute nach oben und sah seinen kleinen Bruder im Schneidersitz und mit verschränkten Armen auf dem Boden sitzen. Mit einem leichten Schmunzeln kletterte Adam die Leiter hoch. „Also, wenn du nicht hier bist, kann ich mich ja auch hier oben hinsetzen."

Little Joe brummte etwas vor sich hin, das Adam nicht verstand und setzte sich ein Stück von seinem Bruder weg. „Kann es sein, dass du sauer auf mich bist?"

Wieder brummte Little Joe nur etwas undeutlich vor sich hin. Adam rückte näher an seinen Bruder heran und piekte ihm in die Seite, aber Little Joe schlug seine Hand weg. „Lass das, ich mag das nicht."

Adam hatte keine Ahnung, warum sein Bruder mit ihm sauer war, aber es musste schon etwas Gravierendes sein, wenn er sich nicht einmal mit Kitzeln wieder beruhigen kann. Heute früh war er schon so still und abweisend zu ihm gewesen, aber da dachte Adam es lag daran, dass Little Joe noch müde war. „Ich würde gerne wissen, was ich getan habe, dass du sogar auf das Mittagessen verzichten willst."

Little Joes Kopf fuhr herum und seine Augen schauten Adam böse an. „Du bist blöd".

Adam musste lachen. „In Ordnung, dann weiß ich jetzt ja mehr. Ist das dann alles? Dann können wir ja rein gehen."

Sein Bruder schubste ihn mit beiden Händen um und Adam fiel rückwärts in das Stroh. Als er sich wieder aufrichtete ahnte er, dass das Problem doch wohl etwas größer sein musste. So setzte er sich wieder zu seinem Bruder, der nun die Arme um die angezogenen Beine gelegt und den Kopf gesenkt hatte. Adam legte seine Hand auf die Arme von Little Joe und sprach ihn mit sanfter Stimme an. „Hey, was ist los? Komm, sag es mir."

Little Joe hob den Kopf. Man sah ihm an, dass er geweint hatte. „Du bist genauso blöd wie Pa."

Adam musste sich beherrschen, um nicht schon wieder zu lachen. „Und was haben wir beide nun Schlimmes gemacht?"

„Das weißt du doch ganz genau."

Adam pustete durch. Wenn sie in dem Tempo weitermachen, würden sie auch noch das Abendbrot verpassen. „Little Joe, ich weiß es wirklich nicht. Du musst es mir schon genauer sagen."

Die Augen von Little Joe funkelten seinen großen Bruder böse an. „Ich habe gestern gehört, wie du dich mit Pa unterhalten hast."

Er sprach nicht weiter, sondern schaute seinen Bruder nur an. Adam schloss kurz die Augen. „Ich habe mich gestern viel mit Pa unterhalten, du musst mir schon sagen, was davon ….blöd...war."

„Das weißt du doch."

Langsam wurde Adam etwas ungeduldig mit seinem Bruder. „Wir drehen uns im Kreis, Joe."

Verwirrt sah Joe erst zum Boden und dann zu seinem Bruder. „Wir sitzen doch…."

Adam konnte gar nicht so tief in sich hineinhören, um die Stille zu suchen, die er jetzt brauchte. „Little Joe sage mir bitte jetzt, was du gehört hast und was dich daran so sauer gemacht hat."

Mit einem Mal schnauzte sein kleiner Bruder ihn an. „Warum musst du auch noch weggehen? Genauso wie Pa im letzten Jahr. Ich will, dass du hier bleibst."

Jetzt wusste Adam, welches Gespräch sein Bruder gestern mitbekommen hatte. Sein Vater und er hatten sich darüber unterhalten, dass Adam schon vor dem Winter nach Boston aufbrechen sollte, damit er rechtzeitig da ist, um Zeit zu haben, sich eine Unterkunft zu suchen, und dass er die Stadt kennenlernen konnte, bis das Semester anfing. „Joe, ich gehe weg, damit ich nochmal zur Schule gehen kann, und ich komme auch wieder. Zwar dauert es ein paar Jahre, aber ich verspreche dir, ich komme wieder zurück und ich werde dir und Hoss viele Briefe schreiben."

„Du kannst doch hier zur Schule gehen."

Adam schüttelte den Kopf. „Nein, Joe. Hier kann nicht das lernen, was ich noch wissen will."

Joe schniefte und wischte sich mit dem Ärmel an der Nase entlang. „Du weißt doch schon alles. Du musst doch nicht noch mehr lernen."

Die großen Augen von Joe sahen ihn an. „Ich weiß bei weitem noch nicht alles, Joe."

„Ich würde nicht freiwillig zur Schule gehen."

Adam wusste, dass es schwer werden würde, sich von allen zu verabschieden, aber dass es jetzt schon anfängt, damit hatte er nicht gerechnet. Er stupste seinen Bruder wieder an. „Wir haben doch noch gut zwei Monate bis ich gehe. Und da werden wir noch viel gemeinsam machen. Schau, wir hatten so viel Spaß zusammen auf dem Viehtrieb und wenn du immer an die Zeit denkst, denkst du auch an mich."

Ein kleines Lächeln kehrte auf Joes Gesicht zurück, als er an den Sommer dachte und wie überrascht er und Hoss waren, als sein Vater gesagt hatte , sie könnten mit auf den Trail kommen und auch wenn sie Adam und Pa nicht so oft gesehen hatten, war es für ihn und seinen Bruder ein großes Abenteuer gewesen. „Adam…kannst du mich, bis du gehst, so oft wie möglich von der Schule abholen?"

Adam fuhr mit der Hand durch Joes Haare. „Mach ich. Versprochen und du versprichst mir auch, den einen oder anderen Brief an mich zu schreiben. In Ordnung?"

Little Joe schlang die Arme um Adams Hals und drückte ihn. „Mach ich, versprochen."

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Adam schaute auf seine Uhr und verdrehte die Augen. Bis zum Schulschluss würde er es nicht mehr schaffen, alles auf den Wagen zu laden. Aber da Joe an Mr. Dorsens Laden vorbeireiten muss, würde er Adam sicher sehen.

Er hob den nächsten Sack auf und legte ihn auf den Wagen. „Hallo, Adam."

Er drehte sich um und lächelte Brenda an, die vor ihm stand. „Hallo."

„Holst du heute nicht deine Brüder ab?"

„Eigentlich schon. Ich bin nur noch nicht fertig, aber sie werden ja hier vorbei reiten."

Sie ging einen Schritt näher an Adam heran. „Hoss hat mir erzählt, dass du im nächsten Monat schon losfährst."

„Ja. Die Zeit vergeht jetzt sehr schnell."

Sie lächelte ihn an. „Das ist schade. Ich dachte, wir könnten uns noch sehen, bevor du weg musst."

Sie stand jetzt ganz dicht bei ihm. Er konnte riechen, dass sie sich ein Parfüm aufgelegt hatte. Adam grinste. Er mochte diesen Duft. „Ich fahre doch erst im nächsten Monat, da können wir uns sicher mal sehen."

Sie lächelte ihn weiter sehr charmant an. „Du weißt ja, wo ich wohne."

Er nickte nur leicht mit dem Kopf und dann, bevor er es richtig realisieren konnte, küsste sie ihn. Danach trat sie einen Schritt zurück und mit blitzenden Augen schaute sie ihn an und grinste schelmisch. Amüsiert blickte Adam sie an. „Bis bald, Adam."

Brenda drehte sie sich um und lief die Straße weiter runter. Adam lief einige Schritte vor und mit einem breiten Grinsen im Gesicht schaute er ihr nach.

„Adam?"

Als er die Stimme vernahm, verschwand sein Grinsen sofort. Schnell drehte Adam sich um und konnte gerade noch verhindern, dass er gegen einen Holzpfosten stieß. „Koko…,schon Schulschluss?"

Koko sagte kein Wort. Sie blickte ihn nur an. Dann ritt sie weiter. Hoss, der mit Joe hinter ihr stand, betrachtete seinen Bruder ungläubig. Adam war sich sehr wohl bewusst, dass sie alle mitbekommen haben, was gerade zwischen Brenda und ihm passiert ist.

Hoss schüttelte den Kopf und ließ sein Pferd antraben, um Koko einzuholen. Nur Joe blieb bei ihm und wusste nicht so recht, was ist los. „Ist Koko sauer mit dir?"

Adam seufzte. „Ja, davon gehe ich aus."

Er sah noch mal Hoss und Koko nach. „Joe, mache dein Pferd fest und setz dich mit auf den Wagen. Ich hole nur noch die letzten Sachen."

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Heute war sicher einer der letzten sonnigen Oktobertage und es war am Nachmittag noch einmal richtig warm geworden. Adam wusste ganz genau, wo er Koko finden würde. Er ritt zum Bach hinunter und da sah er sie auch auf der Wiese liegen. Langsam stieg er von Santoro ab und lief zu ihr hinunter. Dort legte er sich neben sie und nahm ihre Hand. So lagen sie beide eine Weile schweigend da und schauten in den Himmel.

„Es tut mir leid, Koko."

Sie antworte ihm nicht gleich und er wartete geduldig ab, ob sie mit ihm reden würde. „Es hat nicht wehgetan." Adam wusste nicht, was sie damit meinte, aber er traute sich auch nicht, sie so richtig danach zu fragen. „Adam, es hat nicht wehgetan zu sehen, dass Brenda dich geküsst hat. Ja, ich bin sauer darüber, aber in meinem Herzen habe ich nichts gespürt."

Adam drehte den Kopf zu Koko. „Koko, was ist das mit uns? Ich will mit dir zusammen sein, aber wenn so was wie heute passiert, dann….." Er wusste, die nächsten Worte könnten sie verletzten. „…..,dann denke ich nicht an dich."

Koko blickte weiter in den Himmel, um nachzudenken. So tat es Adam ihr nach. „Die Schmetterlinge Adam."

„Schmetterlinge?"

„Ja, die fehlen. Ich hatte nie Schmetterlinge im Bauch, wenn ich an dich denke oder wir zusammen sind."

Er dachte darüber nach und darüber, welche Gefühle er eigentlich für Koko hatte. „Aber was verbindet uns dann? Ich möchte bei dir sein…..,ich fühle mich gut bei dir….,ich spüre gerne deine Nähe, aber als Brenda mich geküsst hat, war es völlig anders als mit dir."

„Mein Vater hat gesagt, dass sich unsere Seelen lieben, aber unsere Herzen nicht im Rhythmus der Liebe schlagen."

Sie sahen zu, wie die Wolken über ihnen davonzogen. „Hat dein Vater dir auch gesagt, wann man erkennt, dass zwei Herzen den selben Rhythmus haben?"

Nun drehte sie den Kopf zu ihm. „Er sagt, man muss miteinander gehen. Nicht vorgehen, denn das Herz könnte nicht folgen, aber auch nicht dahinter, weil es dich nicht führen kann. Nur nebeneinander sind sie eins. Liebe bedeutet Geduld mit dem anderen zu haben. Nicht vorzupreschen wie ein junges wildes Pferd, aber auch nicht zu warten, wie ein ängstlicher Hase und erst, wenn die Schmetterlinge in dem Bauch weitergeflogen sind, entsteht die wahre Liebe."

Adam schaute sie mit einem kleinen Lächeln an. „Hast du ihn verstanden?"

Auch sie musste lachen. „Nein, und du?"

Lachend schüttelte er den Kopf. „Ich denke, ich werde darüber eine Weile nachdenken müssen."

„Weißt du Adam, ich denke, vielleicht ist es gut gewesen, was heute passiert ist. Du wirst bald sicherlich vier Jahre oder länger weg sein. In der Zeit kann eine Menge passieren. Mit dir…. ,mit mir… ,und mit uns. Lass uns sehen, was mit uns ist, wenn du wiederkommst."

Er drehte sich zu ihr, gab ihr einen Kuss und legte sich wieder auf den Rücken und sah in die Wolken.

„Koko, was auch in Zukunft sein wird, mein Herz wird immer an dir hängen."

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„Mensch Adam, du willst doch nicht etwa schon nach Hause."

Tom schlug ihn mit der Hand auf den Rücken, so dass sich Adam fast am Bier verschluckt hätte. „Tom, meine Kutsche geht morgen um neun."

„Ja und, wir feiern hier deinen Abschied. Schlafen kannst du morgen auch in der Kutsche."

Tom sah zur Bestätigung zu Rob und Cliff, die mit ihnen am Tisch im Saloon saßen und eifrig nickten. „Von mir aus noch eine Runde, aber dann ist wirklich Schluss. Sonst komme ich morgen früh nicht aus dem Bett."

Tom stellte sein Glas etwas zu heftig ab. „Adam, das musst du dir in Boston wirklich abgewöhnen, immer so verdammt anständig zu sein. Du bist da die nächsten Jahre alleine. Kein Pa, der dir sagt, was du tun oder lassen sollst." Tom lachte laut auf. „Wenn ich an deiner Stelle wäre, wüsste ich schon, was ich jeden Abend machen würde." Er zeigte nun mit dem Finger auf Adam und sah ihn ernst an. „Buddy, versprich mir, dass du deine Nase nicht nur in den Büchern hast, sondern auch mal Spaß haben wirst." Adam grinste nur und nahm einen Schluck vom Bier. „Du sollst es mir versprechen, Buddy. Los jetzt…"

Adam stellte das Glas weg und hob die Hand. „Ich verspreche es."

„Gut, und jetzt gib mir Geld, dass ich die nächste Runde holen kann."

Verwundert sah Adam ihn an. „Ich dachte, ich bin heute eingeladen?"

Tom blickte unschuldig in die Runde. „Habe ich gesagt, für wie viele Runden? Los mach schon. Wir drei sind pleite."

Adam holte etwas Kleingeld aus der Hosentasche und gab es Tom. „Und das nennt sich Freund."

Die drei tranken noch zwei Runden und verließen, dann schon etwas angeheitert, den Saloon. Cliff hielt Adam dann am Arm fest, als dieser zu seinem Pferd laufen wollte. „Hiergeblieben, Adam. Der Abend ist noch nicht zu Ende. Wir müssen dich doch noch auf Boston vorbereiten."

Adam blickte seine Freunde skeptisch an, die ihn alle drei angrinsten. „Wenn ich euch so sehe, glaube ich nicht, dass ich da mitmachen will."

Tom legte ihm einen Arm um die Schulter. „Buddy… ,ich habe keine Ahnung, was du mit Koko so machst. Du schweigst ja wie ein Grab darüber, deswegen dachten wir uns, dass du wissen solltest, was dich dort in der großen weiten Welt erwartet."

„Tom? Was habt ihr vor?"

Die drei lachten wieder, nahmen Adam in die Mitte und liefen mit ihm zum anderen Ende der Stadt. Als sie durch eine kleine Gasse gingen, kamen ihnen Buck und Mitch entgegengelaufen. Tom stöhnte, aber dann sah er zu seinen Freunden und grinste. „Schaut mal, wer da kommt. Schwach und Köpfe."

Mitch und Buck blieben vor den Vieren stehen. „Hast eine große Klappe, Tom. Meinst du, weil ihr zu Viert seid, haben wir Angst vor euch?"

Adam stieß Tom an. „Komm, lass uns weitergehen. Ich habe keine Lust, meinen letzten Abend mit den Zweien zu verschwenden."

„Was ist los, Cartwright. Hast du etwa Angst, dass du was auf die Nase bekommst und morgen nicht fahren kannst?"

Adam schenkte ihm nur einen mitleidigen Blick und zog Tom weiter. Hinter ihnen hörten sie, wie Mitch übertrieben laut mit Buck redete. „Buck, ich glaube, ich sollte morgen Mittag mal zur Schule reiten. Jetzt wo Cartwright nicht mehr da ist, braucht seine Freundin ja einen neuen Begleiter und dann zeige ich ihr mal, was ein Mann ist und keine Weichwurst wie Cartwright."

Tom merkte sofort, wie Adam auf die Provokation von Mitch ansprang und wollte ihn noch festhalten, aber Adam zog schnell seinen Arm weg und ging auf Mitch zu. „Weißt du Mitch, ich glaube, wir beide sollten vor meiner Abfahrt noch mal etwas klären."

Adam nahm sein Holster ab und reichte es an Cliff weiter. Mitch grinste verlogen, aber er nahm seinen Waffengürtel nicht ab. „Oh Cartwright, weißt du, wie lange ich auf diesen Moment gewartet habe?"

Mitch stürzte nach vorne, Adam ging zur Seite und Mitch stolperte an ihm vorbei. Adams Freunde kamen aus dem Lachen nicht mehr heraus. Mitch drehte sich um, und sah Adam zornig an. Adam hatte jedoch nicht auf Buck geachtet, der nun hinter ihm stand. Mit voller Wucht warf er sich in Adams Rücken, so dass er jetzt in Richtung Mitch stolperte. Dieser fing Adams Fall mit einer Hand auf und schenkte ihm mit der anderen eine ein.

Bevor sich Adam wieder fangen konnte, hatte er von Mitch zwei kräftige Faustschläge in das Gesicht erhalten. Dann jedoch konnte Adam den nächsten Schlag abwehren, und Mitch mehrmals in den Magen schlagen. Danach ging er einige Schritte zurück und wartete, was Mitch jetzt machen würde. Als dieser wieder Luft hatte, wollte er erneut auf Adam losgehen. Kurz bevor er zuschlagen konnte, nahm Adam Mitchs Arm, drehte ihn auf den Rücken und drückte ihn an die Wand. Bevor dieser überhaupt begriff, was passiert war, hatte Adam Mitchs Waffe aus dem Holster gezogen und hielt sie ihm an den Kopf. Sofort war Tom an seiner Seite. „Adam, höre auf mit dem Mist. Er hat doch genug."

„Halt dich daraus, Tom."

Dann ging Adam mit seinem Kopf ganz dicht an Mitchs Ohr heran. „Hör mir gut zu, du kleine Ratte. Sollte ich mitbekommen, dass du Koko zu nahegekommen bist, werde ich dir mit deiner eigenen Waffe das Gehirn rauspusten. Hast du mich verstanden, Mitch?" Da Mitch nicht antwortete, drückte Adam seinen Arm weiter nach oben, so dass Mitch vor Schmerz aufschrie. „Ich frag dich nochmal, hast du mich verstanden?"

„Ja, habe ich. „

Adam schleuderte die Waffe in die Ecke und ließ Mitch los. Dieser drehte sich sofort um und hielt sich mit schmerzerfülltem Gesicht den Arm. Adam nickte seinen Freunden zu und sie machten sich auf den Weg, die kleine Gasse zu verlassen, als Mitch ihm noch hinter brüllte. „Cartwright, eines Tages bringe ich dich um, das schwöre ich dir. Ich bringe dich um."

Adam drehte sich nicht um und ging auch nicht weiter auf Mitchs Drohung ein. An der nächsten Straße blieben die vier Freunde stehen und Cliff gab Adam sein Holster wieder. „Adam jag mir nie wieder so eine Angst ein. Ich dachte, du willst ihn wirklich abknallen."

„Keine Sorge Tom, für den wäre jede Kugel zu kostbar." Adam legte seine Hände in die Hüfte und grinste seine Freunde an. „Und was machen wir jetzt?"

„Ich denke, du bist müde, Buddy?"

„Jetzt nicht mehr."

Tom schlug ihm auf den Rücken und strahlte. „Na, dann komm mit"

Adam folgte seinen Freunden, bis sie vor dem Haus von Madame Baffour standen. Dann schüttelte Adam nur den Kopf. „Ihr seid verrückt. Nicht nur, dass sie uns sicher nicht reinlassen werden, wir haben auch kein Geld."

Jetzt grinste Rob triumphierend. „Wer braucht schon Geld? Wir gehen ja auch nicht rein. Komm mit."

Die vier liefen um das Haus herum, bis sie vor einem kleinen Seiteneingang standen. Adam verschränkte die Arme. „Rob, ohne dir nahezutreten, das hat jetzt aber auch nicht das Geldproblem gelöst."

Rob zeigte auf ein kleines Fenster, das neben der Tür etwas höher gelegen war. „Wer sagt denn, das wir reingehen. Das Fenster dort oben, ist das Fenster zu dem Zimmer, wo sich die netten Damen umziehen."

Rob und die anderen sahen Adam mit einem breiten Grinsen an. Der nahm sehr langsam die Arme herunter. „Das ist doch jetzt nicht euer Ernst, dass wir jetzt da hochsteigen und durch Fenster schmulen?"

Tom stellte sich zu Adam. „Nicht wir. Du. Du brauchst doch die Lehrstunde."

„Vergiss es." „Buddy, du hast mir versprochen, Spaß zu haben, also kannst du heute doch schon damit anfangen."

„Tom, das ist albern."

„Nein ist es nicht. Ich zeig es dir."

Tom schwang sich auf eine Kiste und zog sich dann am Geländer hoch, um durch das Fenster sehen zu können. „Tom…"

Adam konnte es nicht glauben was sein Freund dort gerade machte.

„Könnt ihr mir mal sagen, was ihr hier für eine Nummer abzieht?"

Adam fuhr herum. Vor ihm stand eine junge Frau, die, so wie aussah, eindeutig im Haus von Madame Baffour arbeitete. Dann blickte Adam sich um. Von Rob und Cliff war nichts mehr zu sehen und Tom ließ das Geländer los und sprang herunter, um sich dann neben Adam zu stellen der ihn nur sprachlos anschaute. „Wir feiern nur Abschied." Tom schlug Adam gegen die Brust. „Mein Freund hier geht für die nächsten Jahre weit weg und weil er doch so schüchtern ist, dachten wir, wir bereiten ihn auf das, was auf ihn zukommt, vor."

Adam sah seinen Freund weiter ungläubig an und wollte den Ort eigentlich nur noch so schnell wie möglich verlassen, aber Tom hielt ihn am Arm fest. „Und warum benutzt ihr dann nicht den Haupteingang?"

Adams Freund kratzte sich verlegen am Kopf. „Wir haben kein Geld."

„Oh. Das ist natürlich ein guter Grund."

Sie sah zu Adam, der versuchte ein Lächeln hinzubekommen. „Wo sollst denn hingehen?"

Adam hatte eigentlich keine Ahnung, warum er ihr es erzählte. „Nach Boston."

„Boston ist schön. Da war ich auch schon. Fährst du alleine?"

„Ja."

Sie betrachtete ihn von oben bis unten. „Du wohnst nicht hier in der Stadt oder?"

„Nein, ich lebe auf einer Ranch außerhalb."

Sie nahm seine Hand und sah sie sich an, um dann ihn wieder genau zu begutachten. „Ja, das sieht man, dass du hart arbeitest. Wie alt bist du?"

Bevor Adam antworten konnte, fuhr Tom dazwischen. „Wir sind zwanzig."

Adam legte den Kopf schief und sah ihn schmunzelnd an. Die Frau hielt immer noch Adams Hand fest. „Weißt du was. Ich denke, dein Freund hat recht."

Sie lief zur Tür und zog Adam mit sich. Tom wollte ihr folgen, aber sie hielt ihn mit der anderen Hand zurück. „Nicht du, mein junger Freund. Er bekommt das Abschiedsgeschenk."

Tom stemmte die Hände in die Seite und sah, wie sich die Tür hinter Adam wieder verschloss.

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Die Sonne ging gerade auf, als Adam die Ponderosa erreichte und er wusste, jetzt musste er sich beeilen, wenn er sich noch umziehen und eine Kleinigkeit essen wollte. Leise öffnete er die Tür, aber sein Vater und seine Brüder waren schon wach und standen im Wohnzimmer. „Guten Morgen, Adam. Ich dachte schon, du willst vor deiner Abfahrt gar nicht mehr nach Hause kommen."

Adam konnte seinem Vater deutlich ansehen, dass er nicht darüber begeistert war, dass er erst am Morgen nach Hause kam.

„Entschuldigung, Pa. Ich war…..bei…Tom."

„Morgen, Adam." Adam sah zur Seite. Da stand Tom und lehnte an der Wand und grinste ihn frech an. „Hast ja ganz schön lange gebraucht…." Adam warf ihm einen vernichtenden Blick zu. „…für unser Wettrennen. Ich glaube, wenn du wiederkommst, brauchst du ein neues Pferd."

„Dafür habe ich viel von der wunderschönen Landschaft gesehen und eine Menge dazu gelernt."

Sie grienten sich beide wissend an.

Sein Vater stellte sich vor seinen Sohn. „Wenn ich dich so sehe, weiß nicht, ob ich dich wirklich gehen lassen sollte. Hast du dich etwa gestern in der Stadt noch geprügelt?"

„Pa, das war nur ein Missverständnis. Es ist schon wieder aus der Welt."

Ben schüttelte den Kopf. „Dann gehe jetzt hoch, um dich umzuziehen und beeile dich. Es ist schon spät."

Adam lief die Treppe hoch in sein Zimmer. Nachdem er sich frischgemacht und neue Sachen angezogen hatte, packte er die letzten Dinge in seine Reisetasche. Schnell nahm er noch ein Buch von seinem Schreibtisch, als sein Blick auf das kleine Tagebuch seines Vaters fiel. Bis heute hatte er es noch nicht gelesen. Ohne weiter darüber nachzudenken, warf er es mit in die Tasche. Dann blickte er sich im Zimmer nochmal um. Erst in vier bis fünf Jahren würde er es wiedersehen. Mit einem lachenden und einen weinenden Auge schloss er die Tür hinter sich zu.