Flucht

Alle waren angespannt, als wir einander ansahen. Schließlich trat Carlisle jedoch vor und lächelte die Neuankömmlinge an. Ich fragte mich, woher er die Ruhe nahm und auch der Rest wäre wohl nicht in der Lage gewesen das zu tun.

„Guten Tag", sagte er, noch immer ruhig, zu den fremden Vampiren.

Auch der dunkelhäutige mit den Rasta Locken trat vor und erwiderte die Begrüßung. Dann stellte er sich und die anderen vor: „Hallo, wir wollten nicht stören, aber wir haben jemanden spielen gehört, also sind wir vorbei gekommen. Ich bin Laurent, die beiden anderen sind James und Victoria. Könntet ihr noch ein paar Mitspieler gebrauchen?"

Die Anspannung ließ ein wenig nach, doch noch immer schaute der Mann, der als James vorgestellt worden war, nicht besonders freundlich aus. Auch Edward neben mir entspannte sich nicht und starrte ihn unablässig an.

Carlisle antwortete erneut: „Das sind Emmett und Rosalie, dort drüben stehen Jasper und Alice. Ich bin Carlisle und das ist meine Frau Esme. Edward und Bella wollten sowieso gerade gehen, ihr könnt sie gerne ersetzen."

Mir war sofort klar, dass Edward Carlisles Gedanken gelesen hatte, weswegen er jetzt nicht überrascht war. Doch bevor wir uns in Bewegung setzen konnten, sagte Emmett etwas schärfer als Goldie zuvor: „Wir möchten euch jedoch bitten, hier in der Stadt nicht zu Jagen. Wir leben hier und möchten keine Aufmerksamkeit erregen."

Laurent nickte: „Natürlich, das verstehen wir."

Das Ganze erschien mir wie ein großes Schauspiel, denn alles war irreal. Ich glaubte Laurents Versprechen nicht eine Sekunde lang. Insbesondere der andere männliche Vampir verengte die Augen, als er Laurents Worte vernahm. Saphira knurrte in meinem Kopf und mir war sofort klar, dass sie besorgt um mich war. Doch die Zeit darüber nachzudenken wurde mir nicht gelassen. Edward legte seinen Arm um mich und führte mich an den Rand der Lichtung, etwa in die Richtung wo sein Auto stand.

Weit kamen wir jedoch nicht, denn ein Wind blies mir ins Gesicht und ließ meine Haare leicht im Wind wehen. Und mir war sofort klar, dass dieser menschliche oder besser gesagt halbwegs menschliche Geruch keinem der Vampire auf der Lichtung entgehen würde.

„Ihr habt euch einen Snack mitgebracht?", fragte eine Stimme, die ich bisher nicht gehört hatte. James hatte gesprochen, der mich jetzt mit seinen roten Augen fixierte. „Ihr könntet doch ruhig mit uns teilen."

Ich war noch immer kampfbereit, doch im Gegensatz zu Edward konnte ich hier keine Gedanken lesen, weswegen er mir zuvor kam und auf James zusprang, der dieselbe Bewegung in meine Richtung getan hatte. Sein Ziel war offensichtlich – ich.

Erneut knurrte Saphira warnend, obwohl sie in Alagaësia natürlich nichts für mich, die ich hier feststeckte, tun konnte. Ein lauter Knall ertönte, als die beiden Vampire im Sprung gegeneinander stießen. Sie ließen voneinander ab und blieben beide in einer raubtierartigen Haltung am Boden sitzen und funkelten einander an. Obwohl ich Edward inzwischen so gut kannte, hätte ich ihn in diesem Moment kaum wieder erkannt. Er hatte etwas Animalisches an sich, was ich noch nie bei ihm gesehen hatte.

Carlisle und Laurent traten zwischen die Beiden, um sie davon abzuhalten, sich erneut anzugreifen. Der dunkelhäutige Vampir packte seinen Gefährten am Arm und stieß ihn zurück zu der rothaarigen Frau.

Carlisle sagte leise, aber scharf: „Bella gehört zur Familie und ist kein ‚Snack', wie ihr es nennt. Das Baseballspiel sollte wohl besser ausfallen. Edward, du gehst mit Bella, Alice und Emmett zurück."

Seine Worte ließen keine Widerrede zu und die restlichen Angesprochen waren im Bruchteil einer Sekunde bei mir und führten mich in Richtung des Wagens. Auf dem Weg dorthin sagte ich nichts. Mir war klar, dass sie das als Angst interpretieren würden, doch in Wahrheit war ich frustriert. Ich hatte es nicht geschafft mich selbst zu verteidigen und was wäre gewesen, wenn Edward wegen mir verletzt worden wäre?

„Du darfst nicht auffallen, Bella", versuchte Saphira mich zu beruhigen, doch ich musste der Realität ins Auge sehen.

„Saphira, wenn ich nicht hätte auffallen wollen, dann hätte ich mich spätestens dann von Edward entfernen müssen, als ich herausgefunden hatte, dass er ein Vampir ist. Das weißt du genauso gut wie ich. Und jetzt wäre der Zeitpunkt gewesen, mich selbst zu verteidigen."

Eine Hand, die sich um meine schloss, riss mich aus dieser gedanklichen Diskussion. „Keine Sorge, Bella. Wir lassen es nicht zu, dass du verletzt wirst", flüsterte Edward, bevor er mich auf seinen Rücken zog und die drei zu rennen begannen. Innerhalb kürzester Zeit waren wir bei dem Volvo und Edward überließ es Emmett und Alice, mich hinein zu setzen. Es war ja nicht so, dass ich das nicht selbst gekonnt hätte, aber wer beschwert sich schon, wenn einem sogar der Sicherheitsgurt angelegt wurde? Nur mit Mühe unterdrückte ich es, die Augen zu verdrehen. Ich wollte nicht, dass sie sich solche Sorgen um mich machten, aber gleichzeitig konnte ich es nicht riskieren, ihnen meine wahre Identität mitzuteilen.

Als alle saßen und ich – als einzige von allen sollte ich wohl erwähnen – angeschnallt war, fuhr Edward los und ich war mir nicht sicher wie viele Sekunden es brauchte bis er von null auf hundert beschleunigt hatte. Während wir durch den Wald rasten, sagte keiner ein Wort. Irgendwann legte mir Emmett, der neben mir hinten saß, eine Hand auf die Schulter, wohl auch um mich zu beruhigen. Ich sagte nichts dazu, aber ich war mir nicht sicher, wie lange ich das aushalten konnte, bevor ich mich verplappern würde. Als wir den Wald verließen bog Edward nach rechts ab, was mich stutzig machte. Also wagte ich es Edward anzusprechen, obwohl sich seine Hände krampfhaft um das Lenkrad klammerten.

„Edward, nach Forks geht es in die andere Richtung."

Ich erhielt allerdings keine Antwort, weswegen ich es erneut versuchte: „Edward. Du fährst falsch, zu mir geht es–"

„Ich weiß den Weg, Bella. Ich bringe dich nicht nach Hause, sondern weg von hier. So weit wie es nur geht", antwortete er mir, äußerlich ganz ruhig.

„Wa- Was? Warum?", fuhr ich auf. Er wollte mich wegbringen und verstecken? Ganz bestimmt nicht.

„Bella, ich hab seine Gedanken gelesen. Dieser James ist ein Tracker, ein perfekter Jäger. Und du bist die Beute, die er sich ausgesucht hat. Das aufregende ist, dass er glaubt, dass es ein guter Wettkampf wird, weil er es mit uns zu tun bekommt. Vermutlich folgt er jetzt schon der Spur deines Geruchs."

Nun gut, das mochte sein, aber dann würde es wohl auch nichts bringen, wenn er mich jetzt weg bringen würde, wenn dieser „Tracker" wirklich so gut war. Ich sah von hinten, wie der Tacho schon über die Hundertzwanzig ausschlug, so schnell fuhr er.

„Eragon, du musst ihn aufhalten. Wer weiß, wo er dich hinbringt", warnte Saphira in meinem Kopf. Als ob ich das nicht selbst wüsste. Dann wurde mir noch etwas anderes klar. Dieser James folgte meinem Geruch, nicht wahr? Und dieser Geruch würde ihn zu Charlie führen, der noch gar nichts von der ganzen Sache wusste!

„Edward dreh um! Sofort", forderte ich, denn ich war wirklich besorgt.

Bronzy reagierte nicht, sondern gab noch mehr Gas. Aber nicht mit mir. Ich musste Charlie beschützen, verdammt nochmal.

„EDWARD BRONZY CULLEN, DU DREHST JETZT SOFORT UM! CHARLIE IST IN GEFAHR!"

Alice legte vorne ihre Hand auf seinen Unterarm und sagte leise: „Sie hat Recht, Edward."

Doch noch immer hielt er wohl nichts davon auf uns zu hören und wenn das überhaupt noch möglich war, dann wurde der Wagen sogar noch schneller. Ich versuchte schnell nachzudenken. Wenn ich ihm einen Plan liefern würde, vielleicht würde er dann auf mich hören? Mein Bogen und mein Schwert Brisingr waren beide noch in meinem Zimmer und ich gab zu, mit ihnen würde ich mich schon deutlich wohler fühlen.

„Edward, wenn du mich unbedingt verstecken willst, dann lass mich erst bei Charlie vorbeigehen. Ich erzähle ihm irgendeine Geschichte. Wenn der Tracker mich dann sieht, wie ich das Haus verlasse, wird er meinen Onkel in Ruhe lassen. Danach kannst du mich hinbringen wohin du möchtest."

Noch immer keine Reaktion. Verdammt, redete ich hier mit einem Stein oder was. Ich hatte schon den Zauberspruch auf den Lippen, als Emmett etwas sagte.

„Die Idee ist nicht dumm, Edward."

Stille.

„Ich und Jasper werden mit ihr gehen und sie beschützen", fügte Alice hinzu.

„Kommt Jasper damit klar?", fragte Edward schließlich. Er hatte wohl eingesehen, dass es dumm war, was er momentan tat.

„Komm schon, sei fair. Jasper ist stärker als du denkst", verteidigte Igel ihren Freund.

„Kommst DU damit klar, Alice?" Das kleine zierliche Mädchen knurrte ihn nur laut und vernehmbar an. Beinahe hätte Bronzy gelächelt, als er murmelte: „Wenn du das sagst."

Und tatsächlich drehte er um. Wir schossen an der Landschaft vorbei, die wir vorher schon gesehen hatten. Dann fiel mir ein kleines Problem ein, dass ich bei meiner Idee nicht bedacht hatte: Edward würde in der Lage sein Charlies Gedanken zu lesen. Und zwar nicht nur die familiären Gedanken, sondern eben auch Gedanken, die nur in eine andere Welt gehörten. Das erinnerte mich daran, wie Saphira damals meine Erinnerungen vor den Zwillingen versteckt hatte. Wäre sie in der Lage, dies auch bei Charlie zu tun, auch wenn er so weit weg war?

„Natürlich kann ich das", zischte sie. „Ich kontaktiere ihn sofort."

„Nein, schotte die Gedanken und Erinnerungen einfach ab, sag ihm nichts über die Situation, sonst werden seine Gedanken zu unrealistisch."

Kurze Zeit später standen wir vor Charlies Haustür. Ich stieg aus und sofort war Edward bei mir. Ich seufzte. Was ich jetzt tun musste, würde mir nicht leicht fallen.

„Edward", sagte ich und wandte mich zu diesem. „Was auch immer du jetzt hörst, glaub kein Word davon. Ich liebe dich." Damit stellte ich mich auf die Zehenspitzen und küsste ihn kurz, bevor ich die Tür aufschloss und mich wieder zu ihm umdrehte.

„Verschwinde, Edward!", brüllte ich dann und schlug die Tür mit aller Kraft zu.

Ich hörte, wie Charlie aus dem Wohnzimmer stolperte, erschrocken von meinem lauten Gebrüll.

„Bella?"

Ich war erleichtert, dass er mich nicht Era nannte, sondern realisiert hatte, dass jemand zuhören könnte. Gleichzeitig vertraute ich darauf, dass Saphira alle verdächtigen Gedanken versteckte und dass ihr Schutzwall überhaupt gegen Edward funktionieren würde.

„Ich bleib hier nicht Charlie. Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr."

Ich stürmte an ihm vorbei in mein Zimmer und zog meinen Koffer unter dem Bett vor. Unter dem zweiten Boden darin waren meine Waffen verborgen und ich war sehr erleichtert, dass ich sie nicht einräumen musste. Mit Edward in meinem Zimmer wäre das auch nicht sonderlich gut gegangen.

„Bella", rief Charlie und klopfte gegen meine Tür, als ich meine Klamotten einfach unsortiert in die Tasche pfefferte. „Bella, was ist denn los?"

Nun musste ich mir etwas einfallen lassen. Doch bevor ich antworten konnte drückte Edward mir meinen geschlossenen Koffer in die Hand und deutete mir, dass ich wieder aus dem Zimmer gehen und das Haus verlassen sollte. Ich öffnete die Tür und sah Charlie direkt in die Augen. „Ich kann hier nicht mehr bleiben. Mit dir, dem Regen und diesem Arschloch von Edward."

Damit stürmte ich an ihm vorbei und blieb nur noch einmal in der Tür stehen. „Es macht keinen Sinn zu versuchen mich davon abzuhalten. Ich rufe dich an."

Dann ging ich und stieg in meinen Transporter, um den Schein zu wahren. Verdammt, ich fühlte mich so schuldig, wie selten zuvor. Es tat mir Leid, dass ich Charlie nicht die Wahrheit sagen konnte und hoffte, dass ich dazu später noch die Möglichkeit haben würde. Während ich anfuhr, öffnete sich die Beifahrertür und Edward stieg ein. Dann betrachtete er mich einen Moment, bevor er sagte: „Ich fahre."

Ich schüttelte vehement den Kopf, doch er hob mich hoch und schob mich auf den Beifahrersitz, während er selbst das Steuer übernahm. Währenddessen schlenkerte der Wagen nicht ein einziges Mal.

„Hat er es gesehen?", fragte ich und hoffte, dass ich diese Show nicht umsonst abgezogen hatte. Zu meiner Beruhigung nickte Edward jedoch und ich ließ mich in den Sitz sinken. Dann flammten hinter uns Scheinwerfer auf, weswegen ich mich ruckartig wieder gerade hinsetzte.

„Das ist Alice im Volvo", sagte Bronzy nur beruhigend. Dann ein Krachen auf dem Dach meines Autos.

„Emmett", erklärte der Fahrer auf meinen besorgten Blick. Ich biss mir auf die Unterlippe, dann spürte ich Edward Hand auf meiner. „Charlie wird dir vergeben. Er versteht es nur nicht."

Das war mir auch klar. Er würde mir vergeben, weil er ein wirklich guter Freund war und er konnte es nicht einmal ansatzweise verstehen, da er informiert worden wäre, wenn die Elfen entschieden hätten, mich zurück nach Alagaësia zu holen. Der Rest der Fahrt zum Anwesen der Cullens verlief schweigend. Während ich erst die Häuser und später die Bäume an uns vorbeiziehen sah, fragte ich mich, wie ich es geschafft hatte mich in so eine Situation zu manövrieren. Warum schaffte ich es immer wieder, die lebensgefährlichen Situationen anzulocken? Wir hielten vor dem Anwesen und gingen hinein, wo schon die restlichen Cullens warteten. Und in ihrer Mitte stand Laurent. Edward knurrte und trat auf ihn zu, doch ich packte ihn am Arm.

„Edward beruhig dich. Er kam um uns zu warnen", sagte Esme.

Laurent schaute uns noch einmal an. „James ist gefährlich. Er ist ein sehr guter Jäger und ich würde ihn nicht unterschätzen. Auch mich als Anführer darzustellen war seine Idee. Seid vorsichtig. Ich würde mich ihm nicht in den Weg stellen wollen."

Damit verschwand der dunkelhäutige Vampir. Der Rest der Cullen versetzte sich in Bewegung, sobald er weg war. Daraus schloss ich, dass der Plan schon ohne mich abgesprochen worden war. Edward drehte sich zu mir, küsste mich kurz und zog mich dann in seine Arme.

„Alles wird gut, Bella. Das verspreche ich dir. Wir sehen uns bald!"

Und schon war auch er verschwunden. Dann standen Alice und Jasper neben mir und zogen mich in Richtung Garage. Ich drehte mich erneut um und sah Rosalie, die mich mit einem Blick ansah, der deutlich ihren Hass zeigte. Ich konnte es ihr nicht verdenken, da sich ihr Emmett für mich in Gefahr begeben würde. Ich folgte Alice und stieg in einen schwarzen Wagen mit getönten Fensterscheiben. Auf einmal war ich sehr müde und lehnte mich in den Sitz zurück. Die Gefahr war nicht vorbei, aber ich konnte meine Gedanken ordnen und mich ausruhen.

Eines war mir klar und Saphira stimmte mir stumm zu. Ich würde es nicht zulassen, dass irgendjemand wegen mir verletzt wurde. Dafür würde ich sorgen. Das war mein letzter Gedanke, bevor ich auf dem schwarzen Leder in meinen Ruhezustand hinüberglitt.