Siebenundzwanzig
Die Wolke vor seinen Augen, die alles nur verschwommen erscheinen ließ, verschwand nur langsam. Seine Augenlider waren zu schwer, um sie ganz zu öffnen. Zu verdammt schwer und träge.
In seinem Mund konnte er immer noch den unangenehmen Geschmack von Erbrochenem schmecken und das allein brachte seinen Magen wieder dazu, sich zu verkrampfen. Beruhigend legte er eine Hand auf seinen Bauch. Er hatte immer noch das gleiche Hemd an, das nun, durchtränkt von verschiedenen Flüssigkeiten, unangenehm an seinem Körper klebte.
Er versuchte, seine Augen ein weiteres Mal zu öffnen, doch scheiterte nach wenigen Sekunden und gab stattdessen ein unbehagliches Grummeln von sich, das sich im Raum ausbreitete und dann seinen Kopf nur noch mehr schmerzen ließ.
Sein rechtes Bein war eigenartig verdreht und so von der Blutversorgung abgeschnitten, dass er die Schmerzen erst bemerkte, als er es in eine normale Position brachte. Sein Körper erzitterte unter dem Schmerz, den die Nerven zu seinen Synapsen sendeten. Er versuchte, sich auf den biologischen Prozess zu konzentrieren, um nicht an den Schmerz denken zu müssen, doch es half nichts.
Durch den Spalt den sich seine Augen öffnen konnten, versuchte er seine Umgebung wahrzunehmen. Die Umrisse von Möbeln und Gegenständen waren alles, was er erkennen konnte, aber es reichte, um zu wissen, wo er war. Er stöhnte, als sein Rücken und Nacken weitere Schmerzreize durch seinen Körper sendeten. Alles sammelte sich in seinem Kopf, wo der Schmerz pochend gegen Stirn und Schläfen pochte und keinerlei Anzeichen gab, bald damit aufzuhören.
House rollte seinen Kopf zu Seite und spürte die kalten Fließen an seinem Ohr. Die Kühle tat gut, aber er wünschte sich, in seinem Bett zu liegen und sich die Decke über den Kopf ziehen zu können. Mit seinen Fingerspitzen tastete er seine Umgebung ab und fand zwei Handtücher, die seinen Kopf zumindest etwas gepolstert hatten, jetzt aber ganz woanders lagen. Er erinnerte sich, wie er sie vom Regal auf den Boden gezogen hatte, bevor er völlig erschöpft, betrunken und mit einer Mischung aus Wut und Verzweiflung eingeschlafen war.
Wilson. House hörte die Haustür in seinem Kopf immer und immer wieder mit einem lauten Knall zufallen. Wilson. Er hörte seine eigenen Worte unsanft aus seinem Mund kommen und sah die verletzten Augen von Wilson, der in diesem Moment aufgegeben hatte. House hatte es durch den verhängnisvollen Schleier seiner Trunkenheit gesehen und bekam das Bild jetzt nicht mehr aus seinem Kopf.
Seine Finger tasteten weiter seine Umgebung ab und fanden schließlich die Jacke, nach der er gesucht hatte. Er zog sie zu sich heran und hörte das ersehnte Geräusch schon, bevor er die kleine Dose überhaupt in der Hand hielt. Doch das Geräusch war in keinster Weise zufriedenstellend. Seine halbgeöffneten Augen bestätigten seinen Verdacht. Nur noch zwei Pillen.
Er richtete sich mühsam auf und schluckte die beiden trocken. Sein Mund verzog sich durch den widerlichen Geschmack von Erbrochenem, der sich mit den bitteren Medikamenten verband. Ein Blick auf seine Uhr sagte, dass es zehn Uhr war. Eine unangenehme Stimme in seinem Kopf sprach dagegen nur: Was hast du schon anzufangen mit deiner Zeit. Er befahl ihr, den Mund zu halten.
Schwerfällig und kräftezehrend versuchte er aufzustehen, doch seine Beine gaben immer wieder nach und er landete unsanft zurück auf dem harten, kalten Fußboden. Erst nach fünf Minuten und nachdem er genug Luft angesammelt hatte, um die Zähne zusammenzubeißen, schaffte er es, in eine senkrechte Position, der Oberkörper unter den Schmerzen seines Rückens gekrümmt.
Sein Stock lag in der Nähe der Badezimmertür und er wägte ab, ob es die Mühe wert war, ihn aufzuheben und noch mehr der Rückenschmerzen zu riskieren, oder er sich besser mit den allzu bekannten Schmerzen in seinem Oberschenkel zufrieden geben sollte. Das Altbewährte gewann schließlich gegen die Angst vor dem Unbekannten und er humpelte ohne Stock ins Wohnzimmer.
Auf dem Sofa ließ er sich vorsichtig nieder, immer darauf bedacht keinen seiner geschundenen Muskeln zu sehr zu belasten. Ein Kissen erlösend hinter seinen Rücken geklemmt, ließ er den Kopf nach hinten fallen und atmete tief ein und aus. Er hielt es nicht lange durch, denn selbst das schmerzte zu sehr.
Seine Finger suchten wieder blind. Diesmal nach dem Telefonhörer auf dem kleinen Tisch neben der Couch. Ohne nachzusehen, drückte er die Kurzwahltaste und hielt das Telefon an sein Ohr. Das Freizeichen war so laut in seinem Kopf, dass er den Hörer ein Stück weghalten musste, um es überhaupt auszuhalten.
"Ja?"
"Cuddy", sagte er heiser und räusperte sich, doch es half nicht viel.
"House?", fragte sie ungläubig.
"Hm."
"Was ist los?", fragte sie besorgt.
Sein Mund fühlte sich so trocken an, dass er glaubte zu verdursten. "Ich— Kannst du mir einen Gefallen tun?"
"House, was ist los? Du klingst furchtbar", sagte sie, ohne auf seine Frage zu reagieren.
"Krank."
"Soll ich vorbeikommen?"
"Ich brauche Vicodin."
Sie atmete laut aus, was sich durch die Telefonleitung zu einem hässlichen—und lauten—Geräusch entwickelte. "House, ich habe mit Dr. Jones abgesprochen, dass nur noch er die Rezepte ausstellt. Es wäre hinderlich für die Therapie, wenn auch Wilson und ich für dich verschreiben. Ruf bei Jones in der Praxis an."
"Ich bin krank."
Mitgefühl lag in ihrer Stimme und ließ sie schwermütig klingen. "Ruf ihn an und sag es ihm. Er kann das Rezept an die Apotheke schicken und die bringen dir das Vicodin."
House's Fingerspitzen fuhren über die Oberfläche des kleinen Tisches neben ihm und blieben bei einem Stück Papier hängen. Wütend knüllte er es zusammen.
"House?"
"Schon gut", sagte er tonlos, resignierend.
"Soll ich Wilson sagen, dass er heute Abend nach dir schauen soll?"
"Nein." Der Name versetzte House einen kleinen unangenehmen Stich genau unter dem rechten Schlüsselbein. Und er wusste, dass es immer diese bittere Mischung aus Schmerz und Verlust war, die er nicht wahrhaben wollte, die sich dort als erstes bemerkbar machte. Er drückte zwei Finger auf die Stelle und es ließ etwas nach.
"Ruf Jones an, er wird das regeln", sagte Cuddy eindringlich.
"Ja", sagte House knapp und ließ den Hörer bereits von seinem Ohr nach unten gleiten. Er hörte, wie Cuddy noch etwas sagte, doch anstatt das Telefon wieder ans Ohr zu halten, beendete er das Gespräch mit einem Tastendruck.
Lange sah er auf das Telefon in seinem Schoß hinunter. So lange, dass sogar der Schmerz schon in den Hintergrund trat. Als sein Blick sich wieder löste, fiel er auf den zusammengeknüllten Zettel auf dem Tisch. Noch immer sagte er allzu deutlich, dass auf seinem Bankkonto nicht viel verblieben war.
Fast zwei Monate ohne Gehalt (für seine letzte Gehaltszahlung konnte Cuddy in der Aufsichtsratssitzung nur die Hälfte durchbringen) und weiterhin alle üblichen Ausgaben. House war nie jemand, der große Summen angespart hatte. Er wusste nicht wofür. Er kaufte sich lieber eine neue Gitarre oder investierte in Bücher und Schallplatten. Jetzt wusste er, wofür er hätte sparen sollen.
Seine Hände umfassten wieder das Telefon und er blinzelte ein paar Mal, um die Ziffern klarer sehen zu können. House wählte mit zittrigen Fingern, die ihn daran erinnerten, dass er zu viel Alkohol und zu wenig Schmerzmittel und Essen hatte, Wilsons Handynummer. Er wartete. Sein Verstand sagte ihm, dass er wieder auflegen sollte, denn es gab nichts, was er Wilson zu sagen hatte. Aber er wollte ihm so dringend, so verzweifelt etwas sagen, von dem er einfach nicht wusste, was es eigentlich war.
Wilson meldete sich nicht. Nach ein paar Sekunden war seine sanfte Stimme in der Mailboxmitteilung alles, was House blieb. Er fragte sich, ob das das Ende war.
Vielleicht war es besser so.
