Als Severus in die Augen von Weasley sah, wusste er es sofort.
Es stimmte.
Puglesbys Erinnerungen, seine Vermutung, es war alles wahr.
Er hatte sich nicht geirrt. Seine Eifersucht hatte ihn nicht in die Irre geführt.
Als er dem rothaarigen Mann in die Augen sah, wusste dieser sofort, dass es vorbei war.
Ron Weasley wusste, er war aufgeflogen. Doch er würde eher sterben als kampflos aufzugeben. Severus wusste das, nach dem Desaster mit Puglesby schwor er sich, nie wieder einen Gegener zu unterschätzen. Egal was Weasley ihm entgegenwarf, er war bereit.
Sofort griff Ron in seine Hosentasche nach seinem Zauberstab doch Severus war schneller. Dieser drückte seinen Zauberstab, welchen er praktischerweise in einem Ärmel verstaut hatte, dem Weasley zischend an den Hals. Ron schnaufte schmerzerfüllt auf und Severus beobachtete mit Genugtuung, wie die empfindliche Haut von Weasleys Hals dem übermäßigen Druck allmählich nachgab und sich rot verfärbte.
Wenn Weasley das überleben sollte, so hatte er für die nächste Zeit ein hübsches Andenken an Severus.
Rons erzürnter Blick traf auf eine stoische Maske, die Severus über die Jahre perfektioniert hatte. Innerlich brodelte er doch das würde er dem Mann nicht zeigen, Weasley hatte es nicht verdient zu wissen wie sehr die Sache Severus aufregte.
„Eine falsche Bewegung. Gib mir einen Grund."
Er machte seinen vielen Spitznamen alle Ehre und zischte die Worte mit einer derartigen Drohung, sodass er zufrieden beobachtete wie der Mann vor ihm leicht zuckte.
„Severus! Was tust du?" Hermine und Harry zogen ebenfalls ihre Zauberstäbe, blickten jedoch ratlos zwischen den zwei Männern hin und her und wussten nicht recht, wen sie ins Visier nehmen sollten.
Hermine dachte sofort, dass Ron vielleicht unbemerkt etwas zu Severus gesagt hatte, eine Beleidigung oder etwas ähnlich Dummes. Sie wusste um die fehlende Sympathie der beiden doch wollte nicht daran denken, dass Severus so die Kontrolle über sich verlor. Sie kannte diesen Mann lange genug um zu wissen, dass Severus NIE die Kontrolle verlor, zumindest nicht absichtlich.
„Ich habe ihn gesehen."
Sofort fiel ihm Ron ins Wort.
„Er lügt!"
"Severus?"
„In Puglesbys Gedanken!"
Severus Stimme flatterte ein wenig, auf einmal war er sich nicht mehr so sicher wie er Hermine davon überzeugen sollte, dass er die Wahrheit sagte.
„Hermine glaub ihm kein Wort, er ist verrückt!"
Ron nutzte diese Schwäche sofort aus und versuchte mit flehender Stimme sie für sich zu gewinnen.
„Ich habe ihn gesehen!"
Severs versetzte seiner Stimme anders wie zuvor den nötigen Nachdruck und stellte zufrieden fest, dass er sogar überzeugt klang.
„Severus, was hast du gesehen."
Nun meldete sich Harry zu Wort. Fassungslos beobachtete er die beiden Männer und fühlte eine Welle der Hilflosigkeit über sich hineinbrechen.
„Ich hatte nicht viel Zeit bis er mich ausschloss, aber ich habe sein Gesicht gesehen, ganz deutlich."
Niemand brauchte zu fragen, was er mit Ausschließen meinte. Sie wussten alle, dass Severus vor Puglesbys Angriff versucht hatte in dessen Geist zu sehen.
„Du bist wahnsinnig. Ich kenne den Typen nicht einmal!"
Rons Gesicht nahm ein tiefes Rot an und er spuckte beim Sprechen. Angewidert verzog Severus das Gesicht, angewidert von dem Mann selbst und von seinem Nerv. Dass er den Nerv besaß seine Freunde auf derartig abscheuliche Weise zu hintergehen. Er erinnerte sich an Pettigrew. Dieses schwache Geschöpf, trachtend nach Macht aber viel zu beeindruckt und ängstlich um sie wirklich zu erreichen. Er hatte seine besten Freunde verraten für was. Im Endeffekt hatte es zuerst seinen Arm und schließlich sein Leben gekostet. Viel früher jedoch hat es ihm seine Seele geraubt. Was war mit Weasley passiert, was konnte ihm zugestoßen sein, dass er einen ähnlichen Pfad wählte.
„LÜG mich nicht an!"
Severus bohrte die Spitze seines Zauberstabes weiter in den Hals seines Gegenübers.
Hermine legte eine Hand auf seinen Arm und er entspannte sich leicht. Sie hatte diese Wirkung auf ihn, egal wie wütend oder aufgeregt er war, sie konnte ihn zumindest ein bisschen runterholen. Doch diesmal würde es nichts nutzen. Er tat es nicht für sich selbst, nun ja zumindest nicht nur.
„Severus, weißt du was du da sagst? Bist du wirklich sicher?"
Ron stöhnte auf und sah sie hilfesuchend an. Wie konnte sie nur für eine Sekunde glauben, was Severus sagte. Allmählich dämmerte es ihm, dass er weniger Einfluss auf Hermine hatte als er angenommen hatte.
„Hermine bitte glaub mir, ich weiß nicht was er da redet! Harry!"
Flehend blickte er seinen Freund an und versuchte ihn mit einem festen Blick von seiner Unschuld zu überzeugen. Vielleicht hatte er bei Hermine verloren, doch sein bester Freund würde ihn nicht im Stich lassen.
Severus Herz klopfte. Vielleicht würde Hermine ihm glauben, doch nie im Leben würde Harry Potter das Wort von Severus Snape über das von Ron stellen. Niemals. Er hatte keine Beweise ausser sein Gefühl und einen flüchtigen Blick in die Gedanken eines verwirrten Jungen. Dass Hermine ihm überhaupt zuhörte überraschte ihn.
„Ich bin mir sicher. Das war kein Zufall."
Sagte er mit fester Stimme und versuchte sich selbst von der Sache zu überzeugen. Er konnte jetzt nicht aufgeben.
Hermine blickte von ihm zu Ron und dann auf den Stab, der sich immer noch Rons Fleisch bohrte.
Harry sagte noch immer nichts, zu überwältigt war er von der Sache. Zu schockiert über die Möglichkeit von Rons Verrat.
„Ron, gib mir deinen Zauberstab."
Mit aufgerissenen Augen sah Ron sie an. Auch Severus und Harry richteten ihren Blick überrascht auf Hermine.
„WAS?"
„Ron, bitte."
Ihre Stimme war fest, aber doch bittend.
„Das kann nicht dein ernst sein."
Ron sah abwechselnd von ihr zu Harry und versuchte noch einmal an seine Freundschaft zu appellieren.
„Tu einfach was sie sagt Ron."
Harry, der bis jetzt unbeteiligt das Gehörte verarbeitet hatte, sprach mit autoritärer Stimme. Egal was wirklich vorgefallen war, egal ob Ron wirklich mit der Sache etwas zu tun hatte- Hermine hatte stets den Mittelweg gefunden und bewahrt. Und er vertraute ihr. In dieser festgefahrenen Situation würden sie nichts ans Tageslicht bringen, sie mussten die Sache entschärfen. Scheinbar fühlte Severus eine derartige Gefahr von Ron ausgehen, sodass er ihn nicht bewaffnet lassen konnte. Harry liebte seinen Freund wie einen Bruder, doch er wusste auch um seinen Jähzorn. Egal was er von Severus hielt oder was er erlebt hatte, der Mann eine die größte Selbstkontrolle die er je gesehen hatte.
Ron sah zwischen seinen Freunden hin und her und gab auf. Er nickte leicht und übergab Hermine seinen Zauberstab, doch als sie ihn nehmen wollte, ließ er nicht los. Er würde nicht kampflos aufgeben.
„Nur wenn er seinen auch hergibt."
Dabei sprach er das ER aus, als wäre es eine Abscheulichkeit. Eine Wanze die unter dem Küchenkasten verschwunden war.
Severus starrte stur nach vorne und wagte es nicht Hermines erwartungsvollen Blick zu erwidern.
Damit hatte er nicht gerechnet. Doch was sollte er tun, er konnte nicht unbewaffnet dem Mann gegenüber treten. Soviel er wusste, konnte Ron einen zweiten Zauberstab am Körper tragen und ihn umbringen, oder schlimmer, Hermine verletzen. Doch wenn er nicht nachgab, würde das seine Glaubwürdigkeit massiv beeinträchtigen.
„Wir müssen das in Ruhe besprechen. Und das geht nicht wenn ihr zwei euch jederzeit umbringen könntet."
Ihre Stimme war ruhig und weich, als würde sie ein Kind beruhigen. Severus hasste den Effekt den sie auf ihn hatte, denn obwohl er kein Kind mehr war, wirkte die Stimme.
Schließlich nickte er und gab ihr widerwillig seinen Zauberstab. In dem Moment als Hermine ihn übernahm, fing Ron zu
schimpfen an. Nachdem die Bedrohung weg war, fühlte er sich wieder stark und nahm seine Chance wahr.
„Siehst du was er ist? Er wollte mich nur aus Eifersuch umbringen! Er erträgt unsere Nähe nicht, er will uns auseinander
bringen, das war von Anfang an sein Plan. Und jetzt nutzt er diese Tragödie aus um mich aus dem Weg zu räumen! Als
nächstes ist wohl Harry dran oder wie?"
Ron lief hochrot an und seine Augen blitzten angriffslustig.
Severus blieb fast der Atem weg, sofort warf er sich auf Ron und verpasste ihn einen Faustschlag ins Gesicht. Dieser
sackte zusammen und Harry zog Severus mit einigem Kraftaufwand rücklings weg.
Als Severus sich gegen Harrys Griff wehrte, schrie Hermine auf.
„Severus hör auf!"
Dies brachte ihn wieder zu Vernunft und er sah sie schockiert an. Er hatte die Beherrschung verloren. Ron hatte es geschafft. Er hatte tatsächlich die Kontrolle verloren.
Ron saß auf dem Boden und wischte sich mit dem Handrücken das Blut von der Nase. Severus dachte für eine Sekunde, dass er ein leichtes Grinsen auf Rons Lippen bemerkt hätte. Hermine beugte sich zu ihm runter und er nutzte seine Chance.
„Merkst du jetzt endlich was los ist? Er hasst mich, er will dich für sich alleine. Er ist kein guter Mensch Hermine. Denk daran was er uns angetan hat, wie er dich behandelt hat! Einmal Todesser, immer Todesser."
Hermine sah auf und Severus Herz brach in der Sekunde als sie ihn ansah.
Sie glaubte ihm.
Sie glaubte dieser verlogenen Kreatur.
Und warum auch nicht.
Sie kannte Ron seit dem sie 11 Jahre alt war.
Während Severus ihr ihr Leben schwer machte und sie in der Klasse regelmäßig bloßstellte, war er ihr Freund und trocknete ihre Tränen.
Er war für sie da, er stand ihr bei. Er hörte ihr zu und tröstete sie.
Was hatte er getan?
Er war ein grausamer finsterer Professor und die rechte Hand des dunklen Lords.
Selbst seine wenigen guten Taten, hatte er nicht für sie oder die Menschheit getan sondern aus reinem Schuldgefühl gegenüber Lily heraus.
Er konnte ihre gemeinsame Zeit nicht mit ihrer und Rons vergleichen.
Sie hatten Monate zusammen, die zwei über ein Jahrzehnt.
Und trotzdem hatte er es nicht erwartet, vor allem hatte er nicht den Schmerz erwartet den er verspürte. Seine Hoffnung, dass sie ihm glaubte hatte ihn solange genährt, dass er sich nun als sie verschwand taub und leer fühlte.
Gerade als er aufgeben wollte, sah er das hämische Grinsen, welches sich auf dem Gesicht des Weasleys ausbreitete. Dieser wusste, er hatte gewonnen.
Diese Boshaftigkeit gab Severus noch einen letzten Kraftschub. Er würde sich nicht geschlagen geben. Noch nicht zumindest.
„Wo warst du bei unserem letzten Treffen?"
Severus blickte dem Weasley herausfordernd ins Gesicht.
Rons Grinsen fiel.
