Kapitel 26: Von Angesicht zu Angesicht
„Wow", sagte Ron und ließ seinen Blick durch die Kammer des Schreckens schweifen. Damit fasste er das Empfinden der gesamten DA, Neville und Blaise ausgenommen, in ein Wort, als sie sich bedächtig in die Halle vortasteten. Die Tatsache, dass das Paar die Rolle von Harry einnahm war ebenso kommentarlos hingenommen worden, wie Dumbledores Verkündung von Harrys Tod. Eine Woche war seitdem vergangen, aber geändert hatte sich in Hogwarts nichts. Dieser Mangel an Reaktion zeigte, wie nachhaltig der Junge-der-lebte sich unbemerkt aus dem Leben von Hogwarts zurückgezogen hatte.
Er war kein Schüler mehr gewesen, denn die Lehrer hatten ihm nichts mehr beibringen können. Die Schüler hatten ihn nicht mehr als einen der ihren gesehen, er war Phantom, Übermensch, Legende gewesen, aber kein Mitschüler. Harry Potter war zuletzt ein Gast in Hogwarts gewesen, ein Fremder ohne Bindung. Und die DA, die Menschen, die er gelehrt und geführt hatte? Keine Tränen, keine Trauer, denn es gab nichts zu beweinen und beklagen. Harry Potter war die DA. Solange die DA existierte, lebte Harry Potter. Dieser Gedanke war in jedem Geist eingraviert.
Blaise war hin und her gerissen zwischen Freude und Bestürzung ob dieser Beobachtung. Einerseits blieb so der moralische Tiefschlag aus, der die Flammensänger auf unabsehbare Zeit demoralisiert hätte, doch andererseits hatte sie das unangenehme Gefühl einen Lebenden zu beerben. Als sie Neville von ihrem Zwiespalt berichtete, hatte dieser in die Ferne geblickt und nach einer kleinen Ewigkeit gesagt, „Es ist gut, dass du so denkst. Kennst du den Spruch ‚Der König ist tot, lang lebe der König'? – Nicht? Dabei denke ich, passt er sehr gut zu unserer Situation. Harry ist tot, doch er lebt in anderer Gestalt weiter, so wie er es beabsichtigt hat. Zerbrich dir nicht den Kopf darüber, sondern vertraue ihm – so wie er dir vertraut."
Sie hatte darauf gefragt, warum er dieses Vertrauen aufbringen konnte und er hatte sie einen flüchtigen Moment traurig angesehen – den einzigen Moment, in dem der Gryffindor gezeigt hatte, dass er einen Freund verloren hatte – und fast bedauernd geantwortet, „Was bleibt mir anderes übrig?" Danach hatte ihr Freund wieder die Maske aufgesetzt, die er allen zeigte: Selbstbewusst und beherrscht in der DA, schüchtern und hilflos in Hogwarts. Seine Worte hatten ihr Unbehagen nicht verbannt, aber das Wissen mit ihren Gefühlen nicht allein zu sein, beruhigte sie.
Dafür beunruhigte sie etwas anderes und sie sah sich mit sorgenvollen Blicken in der Kammer um, die ihr in der vergangenen Woche viel zu vertraut geworden war. Fünf lange Abende hatten sie und Neville hier verbracht und einen Weg gesucht eine Antwort auf Voldemorts Geheimnis zu finden. Doch weder sie, noch Dumbledore, noch Dobby hatten einen finden können, außer die Erinnerungen von Harry und Voldemort direkt zu betreten und diesen Schritt wagten sie nicht. Nicht nur die Warnung des Wächters, der keine weitere Hilfe war, klang noch immer in ihren Ohren, auch von den Denkarien ging bei näherer Betrachtung eine Aura aus, die unheimlich bei weitem übertraf.
Ihre Familie besaß ein Denkarium und sie hatte schon in jungen Jahren Erinnerungen besucht, aber im Vergleich zu diesen Ozeanen waren es Pfützen gewesen. Und das Erschreckende war, dass diese Ozeane einen eigenen Willen zu haben schienen. Man konnte keine einzelnen Gedanken entnehmen und wenn man sie zu lange beobachtete formten sich abstoßende Gebilde an der Oberfläche die gleichzeitig Drohung und Beleidigung waren.
Deshalb hatten sie beschlossen die DA hinzu zuziehen bevor sich die Schüler anlässlich der Winterferien am nächsten Tag über ganz England verteilten. Vielleicht hatte einer unter ihnen einen Geistesblitz. Es war eine wage Hoffnung, aber die letzte. Danach blieb nur noch der Gang in die Gedankenwelt von Harry Potter und nichts erfüllte sie mit größerem Horror.
Eine leichte Berührung an der Schulter ließ die Slytherin aus ihren Gedanken hochschrecken. Neville stand neben ihr und flüsterte ihr besorgt ins Ohr, „Alles in Ordnung mit dir?" „Ja, natürlich", flüsterte sie zurück, drückte seine Hand und brachte sogar ein schwaches Lächeln zustande. In seinen Augen konnte sie lesen, dass sie ihn nicht überzeugt hatte, aber er ging nicht weiter darauf ein. Das würde er tun, sobald sie alleine waren. Im Moment war er der Stärkere von ihnen, denn Harry ihm die Kraft gegeben, die er ihr genommen hatte. Diese Erkenntnis missfiel ihr erstaunlicher Weise nicht.
Ihr Leben lang war sie die Starke gewesen, Aushängeschild der stolzen Zabinis. Begabt in allen Disziplin, allen überlegen, lebender Beweis der Reinblütigkeit und sie hatte diese Rolle genossen. Doch dann waren Harry Potter und Neville gekommen und Harry hatte ihr gezeigt wie schwach und unausgereift ihre Kräfte waren, welche Macht noch möglich war, was sie noch erreichen konnte. Und Neville, dachte sie liebevoll, bewies ihr jeden Tag aufs Neue, dass Hilfe keine Schwäche war. Neben ihm durfte sie schwach sein, sich fallen lassen und alle Anspannung abwerfen. Das war fast so schön, wie die Euphorie die sie erfüllte, wenn sie an die Macht dachte, die sie durch Harry erlangt hatte. Fast.
Die Ironie, dass die beiden einflussreichsten Personen in ihrem Leben zwei Gryffindor waren, entging ihr dabei keineswegs und die Vorstellung, wie ihre Eltern darauf reagieren würden, wenn sie es jemals erfahren sollten, stimmte sie auf perverse Art heiter. Dann rief sie sich zur Ordnung, denn während sie abermals in ihren Gedanken versunken war, hatte Neville die DA vor dem Wächter versammelt, der den Schülern einige ‚Ohs' und ‚Ahs' entlockte.
Ihr Freund wollte gerade erklären, warum er sie zusammengerufen hatte, als ein Schrei durch die Halle schallte. Alle Blicke richteten sich auf Ron, der zurückgeblieben war und sich an den Rand des linken Denkariums gehockt hatte. Er fiel auf den Hosenboden und bemühte sich dann panisch von dem Becken fort zukommen. Nachdem er ein wenig Distanz gewonnen hatte, rappelte er sich ungeschickt auf, während er entgeistert auf eine Stelle in der silbrigen Masse starrte, die scheinheilig ruhig vor sich hin trieb.
„Wo-wo-wow!", murmelte der Junge vor sich hin und wandte sich dann der versammelten DA zu. Sein Gesicht war kalkweiß und seine Augen vor Schrecken geweitet. „Das … war…", stotterte der Schlacks, dann versagte ihm die Stimme. Neville drängte sich durch die überraschten Schüler und baute sich vor seinem Bettnachbarn auf. Er packte den größeren Gryffindor an den Schultern und sah ihm in die Augen, während er möglichst ruhig sagte, „Was hast du gesehen, Ron?" Der Weasley sah erst verständnislos drein, dann antwortete er sichtlich erschüttert, „Ich wollte nur… ich habe nur kurz, meine Hand… meine Hand ausgestreckt und wollte wissen, wie, wie es sich anfühlt. Dann, dann, dann kam plötzlich eine Hand aus dem… dem… herausgeschossen und griff nach mir. Sie wollte, sie wollte mich herein ziehen und… und ich hörte Stimmen, Stimmen."
„Was haben sie gesagt, was haben die Stimmen zu dir gesagt?", drängte Neville mit Nachdruck, doch Ron schüttelte bloß den Kopf und versuchte sich halbherzig aus dem Griff seines Gegenübers zu befreien. „Ron, sag es mir!", verlangte der kleinere Junge und schüttelte den Rotschopf. „Ich weiß es nicht", murmelte Ron, dann wurden seine Bewegungen heftig und Neville musste seine gesamte Kraft aufbringen um den aufgebrachten Jungen festzuhalten. So plötzlich wie das Aufbäumen gekommen war, verschwand es wieder und alle Spannung wisch aus Rons Körper, sodass er wie eine Puppe zwischen den Armen des Anderen hing.
Neville ging ein wenig in die Hocke und sah von unten in Rons Augen, während er sanfter wiederholte, „Ron, sag es mir." Die Lippen von Ron bewegten sich, aber es kam kein Ton hervor, dann hauchte er, „Sakuja,Sakuja." Neville wollte noch weiter nachhaken, aber Hermine griff ihm von hinten in den Arm und wollte ihrerseits wissen, „Was hat er gesagt? Was geht hier vor?" Neville ließ seinen Zimmerkollegen vorsichtig los, der zur Vorsicht von Hermine gestützt wurde. „Er hatte Kontakt zu einer Erinnerung von Harry oder Voldemort, deshalb war es wichtig zu erfahren, was er erfahren hatte. Doch er murmelt nur etwas von Sakuya oder so", erklärte Neville.
„Warum ist das wichtig? Was hat es mit diesem Raum auf sich?", fragte Hermine weiter und die DA bildete einen Kreis um Neville. „Das wollte ich eben erklären. Harry hat vor seinem Tot Voldemorts Gedächtnis erbeutet und dieses zusammen mit seinem hier hinterlassen. Das heißt irgendwo darin ist der Schlüssel zu dem Geheimnis des dunklen Lords", sagte der Gryffindor und zeigte auf die Denkarien. „Das Problem ist, dass diese Riesendenkarien nicht wie normale Denkarien funktionieren", warf Blaise ein und zog damit alle Blicke auf sich.
„Vielleicht liegt es auch an der schieren Menge an Gedanken, die hier versammelt sind oder an der Art wie sie Harry übertrug, wir wissen es nicht", gestand die Slytherin schulterzuckend. „Jedenfalls müssen wir vorsichtig sein, denn wie Ron gerade unfreiwillig bewiesen hat, sind diese Erinnerungen gefährlich", übernahm Neville wieder, „Deshalb ist es auch wichtig, eine Möglichkeit zu finden, sicher an die Informationen zu kommen, die wir brauchen. Dumbledore und der Phönixorden verfolgen Voldemort und verschaffen uns ein wenig Zeit, aber am Ende werden wir es sein, die den Todessern gegenüberstehen. Nicht das Ministerium, nicht die Aurorer, nicht der Phönixorden – wir! Sonst hätte Harry die DA nicht wieder belebt, doch um erfolgreich zu sein brauchen wir das Wissen, dass hier versteckt ist."
„Bisher haben wir keine Möglichkeit gefunden, einzelne Gedanken aus einem der Bassins zu extrahieren und da hier keine Zauber gewirkt werden können, sind uns die Zauberstäbe verknotet. Wir brauchen Ideen, also denkt in den Ferien nach. Wir sehen uns im neuen Jahr", endete Neville und die Menge zerfiel in Grüppchen, die teils heftig debattierten. Dabei achtete jeder darauf dem silbrigen Nebel nicht zu nahe zu kommen. „Mir ist noch was eingefallen", sagte plötzlich jemand in seinem Rücken und Neville drehte sich um. Ron stand mittlerweile wieder auf eigenen Beinen und etwas Farbe war in sein Gesicht zurückgekehrt, aber seine Augen waren immer noch groß wie die eines Basilisken.
Ron sprach zittrig und so leise, dass nur Luna, Hermine und Neville ihn verstehen konnten, „Ich sah einen See aus Blut und daraus erhob sich ein Gesicht. Ich glaube, es war … Voldemort – so wie er als Mensch aussah – versteht ihr? Und aus seinem Mund züngelten Schlagen, so wie beim dunklen Mal und die Schlangen zischten ‚Sakuja'." Nachdem er geendet hatte, sah Ron verlegen in die Runde, als warte er darauf, dass ihn jemand auslachte. Aber keinem war zum Lachen zumute. Hermines Gesichtsausdruck schwankte zwischen Besorgnis und Entsetzen, Luna wirkte abwesend. Neville durchbohrte ihn erst mit ernsten Blicken, dann wurde er milder und sagte, „Danke, dass du es mir gesagt hast – und für deinen Takt. Das letzte, was wir brauchen sind Geschichten über Seen aus Blut. Diese Gedankenseen sind von sich aus schon abschreckend genug."
„Ich finde sie faszinierend", warf Luna unvermittelt ein und Nevilles Kopf zuckte herum. „Ich werde meinem Dad davon erzählen. Daraus macht er bestimmt eine klasse Geschichte für den Quibbler." Neville war sprachlos. Sein Mund schnappte auf und zu wie ein Grindeloh an Land. „Das könnte fast eine so große Geschichte werden, wie das Interview von Harry", sponn das Mädchen die Sache fort ohne ihre Umgebung zu beachten, während diese kurz vor der Explosion stand. Plötzlich entspannte sich jedoch die Lage, denn Erinnerungen an das fünfte Schuljahr drangen auf Neville ein.
Umbridge hatte demonstriert, dass keine effektivere Methode gab etwas zu verbreiten, als es zu verbieten. Der Junge sah sich im Raum um, in dem sich über fünfzig Schüler rum trieben. Einer würde sich verplappern oder unachtsam sein, aber wenn der Quibbler darüber berichtete… Es gab keinen besseren Weg die Wahrheit unglaubwürdig zu machen, denn nach dem Hoch durch Harrys Interview war der Quibbler wieder in seiner notorischen Nische verschwunden. „Ja, mach das, Luna. Ich denke, Harry würde sich darüber freuen", beschied der Gryffindor und es schwang kaum Zynismus in seiner Stimme mit.
Ron und Hermine sahen ihn überrascht an, doch Neville zwinkerte ihnen zu und verabschiedete sich. Luna, noch immer in ihrer Traumwelt, erwiderte den Abschiedsgruß, „Das werden bestimmt aufregende Ferien."
Tom Vorlost Riddle betrachtete sich im Spiegel. Ihm gefiel was er sah: seine Haut hatte eine edle Blässe, die dunkeln Augen wirkten je nach Lichteinfall Braun oder Schwarz und funkelten vor Energie, das schwarze Haar war dicht und glänzend und fiel ihm fast auf die schmalen Schultern. Es war ein schönes Gesicht, ein Gesicht dem man folgen wollte. Noch besser als sein neues Gesicht war jedoch seine Macht, einer Macht der man folgen musste. Dafür sein Gedächtnis durcheinander gebracht zu bekommen, schien dem wiederauferstandenen Lord Voldemort ein kleiner Preis.
Er wusste, wer er und was seine Bestimmung war und er erkannte Gesichter, Orte und Namen. Er kannte seine Geschichte, wenn auch nur so als hätte sie ihm jemand erzählt und er wäre nicht selber dabei gewesen. Dafür wusste er nun über Dinge bescheid, die er vor seinem Tod nicht gewusst hatte. Dass er gestorben war, spürte er in jeder Faser seines Körpers. Es war ein bekanntes Gefühl, denn der Tod war ein alter Bekannter, der ihm keine Angst mehr einflößte. Warum wusste er genauso wenig wie er wusste, woher das neue Wissen kam. Doch er hielt sich nicht mit Fragen auf, sondern nahm die Umstände hin wie sie waren. Er hatte eine Regierung zu stürzen, damit die richtigen Zauberer an die Macht kamen…
Ein zaghaftes Klopfen störte den Mann in der Betrachtung seines Ichs und er fuhr herum. Dabei flatterte der lange Umhang mit den weiten Ärmeln und der großen Kapuze auf elegante Art. Das weite Kleidungsstück war wie das Hemd und die Hose, die er darunter trug, schwarz und verlieh seiner ohnehin imposanten Gestalt mehr Präsenz. Wahrscheinlich lag es daran, dass er damit seine Arme, Füße und den Kopf vor den Blicken der Kleingeister verstecken konnte. Die Geringeren neigten dazu, das Unbekannte größer zu machen, als es war. Außerdem sahen sie nicht, was er tat und das Verborgene machte den Menschen Angst und Angst machte sie fügsam.
„Herein", sagte Riddle mit wohlklingendem Timbre und die Tür öffnete sich mit hastiger Schnelle. Bellatrix Lestrange betrat den Raum in devoter Haltung, den Kopf gesenkt, wodurch sie das Kräuseln der Lippen Voldemorts nicht sah. Diese Person unter seinen Dienern amüsierte ihn am meisten. Ihr übereilter Pflichteifer, ihr blinder Fanatismus, ihre überschäumende Phantasie; es war herrlich ihren Gedanken zu lauschen.
„Meister, wir haben die Person gefunden, die ihr gesucht habt", berichtete die Todesserin mit euphorischem Pathos. Dies hatte er schon vor ihrem Anklopfen in ihrem Geist gelesen und nur um die komischen Gedanken in ihrer Vorstellung explodieren zu sehen, sagte er freundlich, „Sehr gut, Bella." Allein dieser lächerliche Kosename brachte die Frau zum schmelzen. Halbherzig unterdrückte der dunkle Lord einen unzierlichen Anflug von Heiterkeit und mit einer kleinen anmutigen Geste ließ er die Kapuze durch Zauberhand über seinen Kopf gleiten. Leider gab es wohl keinen Menschen mehr, der die Leichtigkeit dieses Kunststückes so würdigen konnte, wie es ihm gebühren würde. Es war fast schade um das Dahinscheiden von Harry Potter – dessen Tod er so sicher war, wie seinem eigenen. Fast.
Unter dem Schutz seiner Kapuze gestattete sich Voldemort ein Lächeln.
