Hermines Morgen zog an ihr vorbei, als wäre er niemals geschehen. Vielleicht war es schlecht, dass sie derart nicht bei den Dingen war, immerhin konnte das gefährlich sein. Doch sie suchte noch immer Antworten. Konnte man bei all dem, was passierte, noch man selbst sein? Oder kam man vollkommen verändert aus den Dingen heraus, wie es bei Dumbledore der Fall zu sein schien.

Er hatte gewiss schon Einiges erlebt, Dinge, die sich Hermine kaum vorstellen konnte. Doch er behielt beizeiten auch oft seine „normale", und zugegeben etwas senil wirkende Miene bei, obwohl er in anderen Situationen dennoch den kampferprobten Anführer perfekt spielte.

Harry musste es vielleicht ähnlich gehen. Er war nicht der emotional stabilste Mensch, eigentlich wusste Hermine das, trotz ihrer Zurückhaltung ihm gegenüber. Allerdings schien Harry nun eher gleichgültig und auch ein wenig kalt. Er unterhielt sich noch immer normal mit ihnen. Lachte sogar mit. Doch die eigentlich wichtigen Fragen blockte er noch immer ab und spielte ihnen eine Miene der Gelassenheit vor. War das falsch?

Vielleicht irrte sie sich auch, doch das sollte sie nicht daran hindern, weiter zu forschen. Wenn sie es zugab, fand sie diese ganzen Dokumente auch spannend. Ein besonderes hatte sie noch in ihrer Tasche.

Mein lieber Kamerad und Freund,

Wie du sicher weißt, war ich in letzter Zeit auf Erkundung, auf Suche nach Gleichgesinnten in unserer Sache, und genauso weiß ich, dass du Ähnliches tust. Ich hoffe dieser Brief erreicht dich in Frieden. Ich habe einen Bekannten besucht, direkt in deiner zweiten Heimat, Durmstrang. Mein Aufenthalt war nur von kurzer Dauer, also konnte ich nicht wie abgemacht nach deinen alten Notizen suchen, aber einer der Hauselfen hat mir versprechen müssen, diese Notizen zu holen und mir zu bringen.

Ich muss dir berichten, dass die Dinge, die sich hier abspielen, weit größere Reichweite haben, als ich zu Anfang dachte. Wir waren alle so blind, mein alter Freund. Wir dachten, es seien die Muggel, die vor der Welt ihre Augen verschließen, aber mit uns ist es doch genauso. So viel ist uns einfach entgangen.

Komm schnellstmöglich hierhin. Ich brauche dich.

Albus

Das war alles, was in diesem Brief stand. Es war eine recht jugendliche Schrift, das hatte Hermine gesehen, war sie ja nicht sonderlich anders als Harrys oder die Schriften von Fred und George. Vielleicht auch ein wenig eleganter, etwas ausgereifter.

Doch unter allen Rätseln, die es in der letzten Zeit gab, war dies das größte, und Hermine hatte das unbestimmte Gefühl, dass es nicht vorbei war. Warum waren die Zauberer blind? Die Muggel wurden immer als ignorant dargestellt, da sie in ihrer Welt lebten, ohne das Wissen über die Zauberer, und ohne das Wissen, wann ihre Physik nicht mehr galt.

Gab es eine Welt, welche sich sogar vor der Zaubererwelt versteckte? Es sollte doch so sein das alle magischen Kreaturen möglichst frühzeitig entdeckt worden waren, damit ihr Gefahrenpotential eingeschätzt werden konnte - immerhin wurde hierbei sicher nicht gerade von Kaninchen gesprochen.

Doch warum hatte es Dumbledore so aufgebracht, immerhin kannte sie ihn eher als ruhigen Menschen, und wenn sie sich ehrlich eingestand, war der Ton in der Nachricht auch ganz anders, als irgendetwas, was sie von ihm erwarten würde. Sie hielt einen sehr persönlichen Brief von Dumbledore in der Hand. Das dieser genau ihr in die Hände gefallen war, erschien ihr sehr ungewöhnlich.

Aber Ungewöhnliches rollte in der letzten Zeit öfter mal an, daher machte sich Hermine um das wie nicht so viele Gedanken. Viel wichtiger war dieses Rätsel, immerhin wurde sie das Gefühl nicht los, dass es nicht nur um diese Dokumente und nicht nur um die Vergangenheit ging.

Allerdings blieb das Problem, dass Dumbledore selbst einfach keine Hilfe war. Das nervte Hermine etwas, doch irgendwie wurde sie das Gefühl nicht los, dass sie etwas übersehen hatte.

Es musste wohl nach einer Unterrichtsstunde gewesen sein, oder nach dem Mittagessen, sie wusste es nicht genau, doch es traf sie wie ein Schlag. Sie war so dumm gewesen!

Allerdings sind es gerade unsere Wünsche, an denen wir festhalten sollten, wo sie uns doch so viele Türen öffnen, hatte Dumbledore zu Hermine gesagt.

Wie dumm war sie gewesen, zu glauben, es sei nichtssagend gewesen, wo die Antwort doch so offensichtlich war! Es war keine Metapher, es war einfach wörtlich gemeint.

Hermine sprintete beinahe zum siebten Stock, zu diesem einen Gang, den Umbridge im letzten Jahr immer vergeblich abgesucht hatte, mit der Hilfe von Filch und einigen Slytherins.

Die Frage blieb, wie sie das jetzt anstellen sollte. Die Erfahrung von Jahren in dieser Schule rasten an ihr vorbei, und sie konnte sich nicht einem Schwindelgefühl erwehren, denn sie hatte so viel, vielleicht auch zu viel erlebt.

Sie wandte sich zur Seite und lief den Gang hinab, ohne sich bewusst etwas zu wünschen, denn Dumbledores Leben nagte etwas an ihr. Vor allem nagte es an ihr, warum er es so versteckte, oder sie auf diesem indirekten und perversen Wege darauf brachte. Vielleicht war es auch nicht Dumbledore, aber wer dann? Sie verstand es nicht.

Sie lief den Gang zurück, in Gedanken bei dieser wahnwitzigen Zeit, die sie erlebten, alleine die Tatsache, dass eine neue Schülerin da war, bei der Dumbledore keinen Hehl daraus machte, dass an ihr etwas faul war.

Sie lief zum zweiten Mal den Gang herab. Und dann noch diese Dokumente, die ihr regelrecht sortiert übergeben worden waren, und der Ladenbesitzer musste nicht einmal suchen, es war, im Rückblick, als hätte er bereits von ihr gewusst.

Sie lief ein drittes Mal den Gang herab. Die Sache mit Harry nagte auch an ihr, wieso auch nicht, denn immerhin war es noch nicht so lange her, und Harry schien sich so sehr verändert zu haben. Es war ein wenig als würde er wie eine Puppe durch sein Leben wandeln, oder vielleicht hatte sie auch nur das Gefühl? Er hatte alles aufgesogen was sie ihm beigebracht hatten und trat als Vorzeigeunsäglicher auf. Das war bedrückend.

Klicken, krachen und knirschen dran an ihre Ohren. Dieses diesmal nicht ganz so elegante Erscheinen der rostigen Tür verunsicherte Hermine, und sie erschreckte sich. Sie hatte doch nicht einmal an etwas Spezielles gedacht.

Doch hier war sie erschienen; eine etwas verrostete Tür, die aussah, als würde sie absolut nicht nach Hogwarts gehören, als wäre sie von ganz woanders. Doch der Raum der Wünsche konnte einen nicht an andere Orte bringen, dass hatte sie doch vor gar nicht so langer Zeit gelesen.

Doch eine der Lektionen in ihrer kurzen Sommerausbildung - welche Remus fortsetzen wollte, ab den Weihnachtsferien, jedenfalls hatte Hermine ein Gespräch überhört - hatte genau solche Situationen zum Thema. Jason hielt es für wichtig, dass sie bei allem, was sie taten, immer alle Ausnahmefälle beachteten, denn eine Tür war in der magischen Welt nie nur eine Tür, eine Tatsache, die Hermine schon am eigenen Leib erfahren hatte.

Sie prüfte die Tür, und obwohl alle Test sie als harmlos auswiesen, spürte sie einen kräftigen Zug hinter dem Bauchnabel, und schon wurde sie aus dem Gang gezogen.

Es war nur kurz, fast ein Wimpernschlag, da stand sie auch schon wieder, doch auch das Öffnen der Augen tat nichts zur Sache. Es war stockduster, so dunkel, dass Hermine erst einen Schreck bekam, und es war so totenstill. Dieses Gefühl der absoluten Stille war beängstigend.

Es roch etwas wie in der Bibliothek, dazu überaus verstaubt und alt, und nach halb verrottetem Pergament, nach eingetrockneter Tinte und nach stehender Luft.

„Lumos.", flüsterte sie zaghaft, und ihre eigene Stimme schnitt durch diese Stille, hallte ein paar Mal an einer Wand, und verendete dann in der alles umfassenden Einsamkeit.

Sie brauchte etwas, um zu registrieren, wo sie war. Vor ihr lag ein Regal, nicht viel größer als sie, an einer zwei Meter langen Steinwand. Die Wände links und rechts von ihr waren auch nur etwa einen Meter entfernt. Die Steine waren riesig, und der Raum wirkte unnatürlich, doch er floss in die natürlichen Schichten des Steines, welche hier ganz anders aussahen als an der Oberfläche.

Oh ja, sie war unten, sie war tief unten, und die Decke über ihr kam ihr bedrohlich vor. Vor ihr stand ein kleiner Schreibtisch, und daran stand ein alter Stuhl. Auf ihm war keine Spinnwebe, wie man klassischerweise erwartete, was Hermine wunderte. Tummelten sich Spinnen nicht an solchen Orten?

Die Antwort kam und mit ihr bodenlose Panik. Sie wandte sich um, und ertastete erneut eine massive Steinwand. Links waren zwei Regale zu sehen, und rechts nur dieser kalte Stein. Sie wandte sich nochmals um, vielleicht hatte sie etwas übersehen oder vielleicht war ihr Lumos doch nicht so hell wie sie dachte.

„Lumos!", rief sie in den Raum hinein, und an den perfekten Wänden hallte ihre Stimme ab, bis sie verstarb und wieder diese Stille aufkam, diesmal unterbrochen von ihrer Atmung.

Es gab keine Tür.

Sie musste keine Platzangst haben, um nun in Panik zu geraten.

Es war bedrückend, kalt und dunkel, trotz des Lichtes aus ihrem Zauberstab, und sie musste unwillkürlich schreien, als von selbst ein altes Buch auf dem Tisch sich aufschlug.

Vertraue nie einem Buch, das mit dir redet, und vertraue erst recht nicht einem Buch, das sich von selbst bewegt. Doch die Großbuchstaben auf der Seite schienen vielleicht auch ein wenig hilfreich zu sein?

KEINE PANIK! Es gibt einen Ausgang!

Vielleicht war sie mittlerweile verrückt geworden, doch das Buch gab als einziges Aufschluss darüber, wo sie war.

Ich bin Albus Dumbledore, und sie stehen in meinem privaten Archiv. Diesem Raum ist bewusst, dass ich noch nicht tot bin. Für diesen Fall nehme ich an, dass es einen sehr triftigen Grund gibt, Ihnen die Inhalte dieses Raumes zu offenbaren.

Wahrscheinlich sind sie nicht direkt hierauf hingewiesen worden. Das Wissen um diesen Raum ist sehr gut geschützt, und Sie werden auch nicht direkt darüber reden können, denn es stecken Runen aus längst vergessenen Zeiten und Welten in diesen Geheimnissen.

Es befinden sich hier Aufzeichnungen, und Bücher, welche nirgends sonst vorhanden sind, da es sie schlichtweg eigentlich nicht gibt.

Da Sie nun hier sind, steht es Ihnen frei, diese Aufzeichnungen und Bücher zu lesen und aus ihnen zu lernen. Es handelt sich um reine weiße Magie, in solcher Form wie sie heute nicht mehr verwendet wird. Es handelt sich um die Magie der altnordischen Götter.

Hermine starrte das Buch an. Ihr waren schon alle möglichen Sorten von Entdeckungen untergekommen, und es hatte sie sogar bis in die Nazizeit geführt, aber dass hier von altnordischen Göttern die Rede war, verwirrte sie zutiefst.

„Wie komme ich hier wieder raus?", flüsterte sie, mehr zu sich selbst, doch sie selbst war wohl in diesem Raum ein sehr relativer Begriff.

Auf demselben Wege, wie Sie hier reingekommen sind.

Hermine schreckte vor dem Buch zurück, und befand sich sogleich an dieser unnachgiebigen Steinwand, welche ihre Flucht aufhielt.

„Wo bin ich?", forderte sie.

In einem magischen Raum, unter Hogwarts, tief in den Fundamenten begraben. Ich hatte einst den Verdacht, dass Helga Hufflepuff sich einen ähnlichen Raum erschaffen hat, doch ich konnte ihn bisher nicht finden.

Helga Hufflepuff? Wirklich?

Der Raum war einst mein Rückzugsort, nachdem ich einiges mit dem Schulleiter von Hogwarts zu tun hatte, und ich selbst suchte nach Asyl in diesen Mauern. Natürlich als Vorwand für die Erstellung dieses Raumes zum Verstecken meiner Dokumente.

Hermine trat an das Regal heran, welches an der gegenüberliegenden Wand lag. Tatsächlich waren hier Bücher, die ganz ähnlich dem Buch in der Bücherei im Hauptquartier waren. Sie waren manchmal mit Nummern gekennzeichnet, andere Dokumente hatten gar keinen Titel.

Auf dem gegenüberliegenden Regal hingegen lagen verteilt einzelne Tagebücher und Dokumente, allerdings von vielen unterschiedlichen Personen. Hermine zog eines davon heraus, es war mit einer goldenen Eins markiert, als wolle man sie durch diesen Raum führen.

Die ersten Seiten dieses Buches waren leer, bis auf ein paar Daten und Adressen, welche mittlerweile gewiss nicht mehr ganz so aktuell waren. Auf der zehnten Seite befand sich eine Karte von England, welche allerdings nicht ganz vollständig war, und knapp über den Potteries aufhörte. Auf der Karte waren viele Punkte und Markierungen, Pfade und Pfeile eingezeichnet.

Einige davon kamen oder gingen vom oberen Rand der Karte und waren mit einem großen H markiert, das vielleicht für Hogwarts stand.

Hermine blätterte weiter. Sie stieß auf eine Seite, welche nicht auf Englisch war, und wo sie sogar Mühe hatte, die Buchstaben zu entziffern. Es war eine ihr vollkommen unbekannte Sprache, und beim Weiterblättern bemerkte sie, dass alle anderen Seiten ebenfalls in dieser Sprache verfasst worden waren.

Sie klappte das Buch zu, und trat wieder zu dem Regal mit den Aufzeichnungen, wie sie sie bereits kannte, und zog ein kleines Büchlein heraus. Es wirkte sehr offiziell, und glich eher einem Schreiben des Ministeriums.

Auf Anweisung des magischen Rates

Auflösung des Ordens des Phönix und Eingliederung in die Regierungsabteilung

Zur Aufsicht gestellt werden Unsägliche

Alle Informationen über den Aufenthalt von Albus Dumbledore müssen der magischen Strafverfolgung mitgeteilt werden.

Hermine war verunsichert von dem, was sie las. Das klang absolut nicht gut, aber ehrlich gesagt hatte sie ja schon mehrmals die Verfolgung von Dumbledore durch das Ministerium erlebt, und scheinbar war dieser das auch schon mehr als gewöhnt.

Doch eine Frage brannte Hermine auf der Seele. Wo war Dumbledore zu dieser Zeit? Es war als wollten die Informationen vor Hermine zurückschrecken, sich verkriechen und sich in den letzten Winkel des unordentlichsten Buches zurückziehen.

Hermine nahm daher einfach das unordentlichste Buch aus dem Schrank, welches viel mehr eine Ansammlung von Zetteln war. Der oberste Zettel schien wieder eine Art Brief zu sein, diesmal allerdings sehr förmlich.

Hochverehrter Leutnant Dumbledore,

wie Sie wünschten, habe ich die Mission in Norwegen gestartet und bin auf dem Weg nach Heidal. An den angegebenen Koordinaten habe ich sichere Bestätigung des von Ihnen beobachteten Phänomens.

Meinen Bericht habe ich entsprechend gekürzt und dem Rat eine zensierte Fassung entgegengebracht. Er wurde verlesen und es gab keinerlei Beschwerden, ich hoffe Sie sind zufrieden.

Den Wesen konnte ich nicht folgen, sie scheinen eine Art Apparation durchzuführen, allerdings ohne dass ich das Ziel ausmachen konnte, denn laut der Spur blieben Sie auf dem Fleck stehen, allerdings waren sie offensichtlich verschwunden.

Wenn Sie erlauben, werde ich Ihre Theorie prüfen. Um versteckte Orte zu finden, benötige ich allerdings den Überläufer, ich bin sicher, dass sein Beitrag bei Ihnen begrenzt ist und Sie ihn entbehren könnten.

Alastor


Soooo, das war das neue Kapitel und sorry wegen dem Verzug, das nächste Update kommt bestimmt ;)

Update 2018-12-24: Some smol changes