So, nach den ganzen Aufregungen der letzten Kapitel geht es heute erstmal ein bisschen ruhiger zu. :)
Viel Spaß!
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I've still got sand in my shoes and I can't shake the thought of you.
I should get on, forget you. But why would I want to?
I know we said goodbye, anything else would have been confused.
But I want to see you again.
(Dido – Sand in my shoes)
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Kapitel 26 – Gespräche mit Bildern
Hermine hielt sich hinter Snape, als sie nach ihm die Eingangshalle betrat. Beinahe erwartete sie ein munteres Treiben von Schülern, Rufe durch die Gänge und drängelnde Massen, die in die Große Halle strömten. Alles, was sie vorfand, war kalte Leere. Und das erstaunte Murmeln einiger Portraits an den Wänden. Sie konnte sehen, wie ein alter, weißhaariger Mann sich an seinem Wein verschluckte, als er Snape erblickte. Das Glas fiel klirrend zu Boden und noch immer keuchend und hustend stolperte er aus seinem Rahmen. Hermine konnte ihn drei Bilder weiter unter den voluminösen Röcken dreier Damen hindurchkrabbeln sehen, die daraufhin spitz aufkreischten.
Es gibt nur eines, das schlimmer ist als die Presse: Hogwarts' Gemälde.
Stumm seufzend wandte sie den Blick von den Portraits ab. Im Gegensatz zum sonnigen Wetter draußen waren die riesigen Hallen von Hogwarts kalt und Hermine fröstelte unwillkürlich. Als Snape an der Treppe zu den Kerkern stehen blieb, wandte sie sich ihm zu.
„Miss Granger, ich möchte Sie um einen Gefallen bitten." Die förmliche Anrede hinterließ bei ihr keinen Zweifel daran, dass es mehr ein Befehl als ein Gefallen war. Sie nickte schlicht. „Der Direktor wird zweifellos mit Ihnen sprechen wollen. Richten Sie ihm aus, dass ich nicht zu einem solchen Gespräch bereit bin." Hermine wartete, ob er noch eine Begründung anschließen würde, doch er schwieg.
„Ich werde es ihm sagen", antwortete sie deswegen nach ein paar Sekunden und Snape nickte ihr kurz zu, ehe er sich umdrehte und in Richtung seiner Räume verschwand.
Gedankenverloren sah sie ihm hinterher und versuchte sich vorzustellen, wie schwer es für ihn sein musste, das Schloss erneut als sein Zuhause anzunehmen. Nicht nur, dass er Schuld an Professor Dumbledores Tod war; er war außerdem eine Beziehung zu ihr eingegangen, von der sie inzwischen überzeugt war, dass er sie am liebsten wieder rückgängig machen würde. Auch wenn es ihm sicherlich nicht allzu schwer fiel, sie wieder zu siezen. Dafür benutzte er das drangsalierende ‚Miss Granger!' viel zu gerne.
Nein, sie war vermutlich die Einzige, die mit diesem Rückschritt Probleme haben würde. Denn so ungewohnt es am Anfang auch gewesen sein mochte, inzwischen hatte sie sich sehr an das vertraute Du gewöhnt und es genossen, dass ihr Name aus seinem Mund einen Schauer über ihren Rücken hatte laufen lassen.
„Schön Sie zu sehen, Miss Granger!", wurde Hermine dann abrupt aus ihren Überlegungen gerissen und wandte sich Professor McGonagall zu, die in diesem Moment auf sie zukam. Die ältere Frau streckte eine Hand aus und fasste sie zur Begrüßung kurz an der Schulter. „Wo ist Professor Snape?", schloss sie dann allerdings gleich an und Hermines Lächeln milderte sich etwas.
„Er ist in seine Räume gegangen." Hermine versuchte in dieser Aussage auch mitschwingen zu lassen, dass sie weder wusste, warum er dies getan hatte, noch dass sie dazu bereit war, Professor Snape dort unten allzu bald wieder aufzusuchen.
Aber ich würde gerne Severus besuchen gehen...
„Oh." Professor McGonagall rang sichtlich um Fassung. „Nun ja, ich werde mich später mit ihm befassen. Albus möchte Sie sprechen, so bald es möglich ist. Und ich denke, Sie werden danach dann wohl auch bald in den Fuchsbau zurückkehren wollen." Sie formulierte es als halbe Frage und war überrascht, als sie Hermine den Kopf schütteln sah.
„Wenn es möglich ist, würde ich für den Rest der Ferien gerne hier bleiben. Meine Eltern sind über den Sommer zu Verwandten gefahren und Ron und Harry sind für den Orden unterwegs, wie Sie ja sicherlich wissen. Außerdem bin ich nicht ganz sicher, wie willkommen ich noch im Fuchsbau bin." Sie senkte den Blick und hoffte, dass Professor McGonagall sie nicht dazu zwingen würde, letzteres herauszufinden.
Ihre Hauslehrerin holte einmal tief Luft und nickte dann schweren Herzens. „Ich kann nicht leugnen, dass mir der Gedanke missfällt, Sie die nächsten drei Wochen nahezu alleine zu lassen. Ich werde wenig Zeit haben, ebenso wie Albus und... wenn ich Glück habe... auch Professor Snape. Sie wären die meiste Zeit auf sich alleine gestellt. Sind Sie sicher, dass Sie sich das antun möchten?"
Oh ja, bitte! Schicken Sie noch Peeves und Mrs Norris samt Anhang in den Urlaub und ich bin wunschlos glücklich!
Hermine nickte. „Ich denke, ich werde meine Zeit zu nutzen wissen. Die Bibliothek ist groß und nicht einmal ich habe es bisher geschafft, alle Bücher zu lesen, die mich interessieren. Außerdem ist es sicherlich nicht falsch, in dieser ruhigen Zeit bereits erste Vorbereitungen für die Prüfungen zu tätigen. Wer weiß, wann ich wieder dazu komme, wenn die Schule erst wieder anfängt." Hermine hatte ihre Worte mit Bedacht gewählt. Sie wusste ziemlich genau, dass die Ausrede Lernen immer zog, vor allem bei Professor McGonagall. Zweifellos wollte die Direktorin sehen, wie Hermine die Schule mit Auszeichnung verließ.
„Da ist durchaus etwas Wahres dran." Sie machte eine nachdenkliche Pause. „Besprechen Sie Ihren Wunsch mit Albus, Miss Granger. Er hat das letzte Wort. Von mir aus können Sie hier bleiben." Sie wandte sich nach diesen Worten rasch ab und machte sich auf den Weg hinauf zum Büro der Schulleiter.
Hermine folgte ihr mit gerunzelter Stirn. Ihr war nicht entgangen, dass Professor McGonagall die Verantwortung über diese Entscheidung abgegeben hatte. Eigentlich war sie nun die Direktorin von Hogwarts und dementsprechend wäre es auch unerheblich gewesen, was Professor Dumbledore zu ihrer Entscheidung sagte. Doch anscheinend war der Respekt Professor McGonagalls vor dem Mann im Gemälde noch immer zu groß, um diesen Posten ohne Umschweife vollkommen zu übernehmen.
Sie konnte nicht behaupten, dass ihr diese Tatsache gefiel. So hart es auch sein mochte, Professor Dumbledore war tot und Hogwarts brauchte einen Direktor, der ohne langes Zögern Entscheidungen traf. Es würde mit Sicherheit Situationen geben, in denen Professor McGonagall nicht die Zeit haben würde, vorher Professor Dumbledore um Rat zu bitten. Und Hermine hoffte, auch wenn sie sich für diesen Gedanken zutiefst hasste, dass sie nicht in eine dieser Situationen verwickelt sein würde.
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Das Büro des Schulleiters war ruhig und Professor McGonagall verabschiedete sich an der Tür. Hermine fühlte sich unwohl bei dem Gedanken, erneut mit einem Portrait reden zu müssen, aber sie schluckte diese Gedanken hinunter und bemühte sich, Professor Dumbledore als die Person anzusehen, die er vor seinem Tod gewesen war.
„Miss Granger, es ist schön, Sie wieder zu sehen", begrüßte auch er sie herzlich und Hermine ließ sich auf den Stuhl sinken, der vor dem Gemälde aufgestellt worden war. Vermutlich saß Professor McGonagall oft hier und unterhielt sich mit ihm.
„Guten Tag, Professor Dumbledore", erwiderte sie freundlich und hoffte, dass er nicht mehr dazu in der Lage war, Legilimentik anzuwenden. Das Letzte, was sie wollte, war, ihn unfreiwillig zu viel von dem wissen zu lassen, was in Scarborough geschehen war. „Ich soll Ihnen von Professor Snape ausrichten, dass er nicht bereit ist, ein Gespräch mit Ihnen zu führen", überbrachte sie dann rasch die Nachricht, die Snape ihr mitgeteilt hatte, lief allerdings rot an, als ihr bewusst wurde, wie sehr sie Professor Dumbledore damit vor den Kopf gestoßen haben musste.
Sie wartete dennoch gespannt, wie Professor Dumbledore auf diese Aussage reagieren würde. Dass die Reaktion ein nachdenkliches Nicken sein würde, damit hatte sie nicht gerechnet. „Ich denke, es ist schlauer, wenn wir es noch hinauszögern", stimmte er sogar noch zu und Hermine blinzelte verwirrt.
„Darf ich fragen warum, Sir?" Sie wusste absolut nicht, was sie von Snapes Bitte halten sollte. Der Kontakt zu Professor Dumbledore musste doch vor allem für ihn wichtig sein; und wenn es nur darum ging, dass Professor Dumbledore ihm irgendwie begreiflich machte, dass der Mord notwendig gewesen war. Hermine tat es weh, mit anzusehen, wie ihr Lehrer litt.
Mein Lehrer...
Sie schüttelte den Kopf.
„Natürlich dürfen Sie. Sie haben dem Orden sehr geholfen, da ist es nur gerecht, wenn ich Ihnen Ihre Fragen beantworte. Aber bitte verzeihen Sie mir die Paranoia eines alten Mannes, wenn Professor McGonagall Sie bei gewissen Dingen mit einem Zauber belegen muss." Er legte seine Fingerspitzen aneinander, wie er es bereits zu Lebzeiten gerne getan hatte.
„Der mich vergessen lässt?"
Professor Dumbledore schüttelte den Kopf. „Der es Ihnen unmöglich macht, mit anderen darüber zu sprechen. Es ist nicht so, dass ich Ihnen nicht vertrauen würde. Es geht mir darum, dass Voldemort und seine Anhänger Möglichkeiten haben, an Informationen zu gelangen, die sehr unangenehm sind. Legilimentik ist ein hartes Stück Arbeit und sie würden Folter generell vorziehen. Wenn sie von vorn herein wissen, dass Sie nicht darüber reden können, bleibt Ihnen dies möglicherweise erspart." Er lächelte traurig.
Hermine hingegen erwiderte ein erstauntes „Oh!". Sie versuchte ihre Gedanken zu sortieren und schüttelte abermals den Kopf. „Es gab einmal eine Zeit, da haben mir die Gespräche mit Ihnen mehr Mut gemacht", erklärte sie ihm schließlich und Professor Dumbledore senkte den Blick.
„Es tut mir sehr Leid, dass ich im Moment wenig Mut machende Dinge habe, die ich Ihnen berichten könnte."
Hermine nickte. „Dafür hab ich Professor Snape mitgebracht. Das ist immerhin ein Lichtblick."
„Das ist es, allerdings! Ich bin sehr stolz auf Sie, dass Sie es geschafft haben, Miss Granger. Nachdem ich Sie ausgesandt hatte, bekam ich selbst einige Zweifel, ob er Sie überhaupt ins Haus lassen würde. Als Sie sich allerdings bei Professor McGonagall meldeten, wusste ich, dass Sie es schaffen würden." Er nickte anerkennend und Hermine wurde rot.
„Ich habe zeitweise selbst nicht daran geglaubt." Und sie würde ihm nicht sagen, wie sie es geschafft hatte. „Aber Sie haben mir immer noch nicht gesagt, weshalb er Sie nicht sprechen möchte", erinnerte sie ihn dann und sah, dass er offenbar darauf gehofft hatte, sie geschickt vom Thema abzubringen.
„Sie vergessen nichts, nicht wahr?" Er lächelte verschmitzt.
„Nein. War schon immer eines meiner Laster."
„Oh, das ist es ganz und gar nicht! Nur es macht den Umgang mit Ihnen... nun ja, manchmal nicht ganz leicht." Er zwinkerte ihr zu und milderte damit die Wahrheit seiner Worte etwas ab.
Hermine hingegen wusste, dass er damit vollkommen Recht hatte, auch wenn er es vielleicht nicht als störend empfand. Sie hatte schon immer damit kämpfen müssen, dass einige Menschen nicht mit ihrem Wissensdurst zurechtkamen. Und dass sie die gelegten Köder hin zu anderen Themen allenfalls kostete, nie allerdings ganz schluckte.
„Nun, ich kann Ihnen nicht garantieren, dass meine Vermutungen richtig sind. Ich kenne Severus bereits sehr lange, aber es ist mir bisher nie gelungen, ihn komplett zu durchschauen. Ich habe es auch nie darauf angelegt. Ein Mensch, der keine Geheimnisse mehr für sich hat, wird daran zerbrechen." Er machte eine kleine Pause und Hermine rutschte auf ihrem Stuhl herum. „Ich denke, er möchte die Erinnerungen an den Moment, in dem ich starb, nicht mit den neueren meiner jetzigen Existenz übermalen. Bei jedem Mal, dass Voldemort in seinen Gedanken nach einem Beweis für seine Treue sucht, wird er ihm diese Erinnerung vorhalten und Severus kann die dazugehörigen Emotionen nicht länger aufrecht erhalten, wenn er mich in dieser Form zu Gesicht bekommt."
Hermine nickte, doch dann hakte sie weiter nach: „Entschuldigen Sie, dass ich so neugierig bin..." Professor Dumbledore wandte ihre Einleitung mit einem Wedeln seiner Hand ab und sah sie abwartend an. „Ich hatte nicht das Gefühl, als ob er dieses Gespräch irgendwann einmal würde nachholen wollen." Es tat ihr weh, ihm dies zu sagen, und wenn sie auch nur die kleinste Chance hatte, nach dem Krieg weiterhin eine Beziehung mit Severus zu führen, dann würde sie alles daran setzen, dass er sich mit seinem Mentor unterhalten würde. Aber momentan traute sie sich nicht, auch nur im Entferntesten darüber nachzudenken.
„Es ist auch gut möglich, dass er zu differenzieren weiß." Sie runzelte verwirrt die Stirn. „Miss Granger, in diesem Bild bin ich nicht mehr als eine Erinnerung mit dem Wissen, das ich zum Zeitpunkt meines Todes besaß. Es gibt nicht viel, das mich mit dem Mann verbindet, dessen Gesicht ich trage. Eigentlich wäre ich nicht mal dazu in der Lage gewesen, neues Wissen dauerhaft aufzubauen, wenn ich nicht gewisse Vorkehrungen getroffen hätte." Er sah sie eindringlich an und Hermine begann zu verstehen. „Ich wusste seit langem, dass mein Tod kurz bevor stand. Es mag selbstsüchtig sein, aber ich konnte nicht mit dem Gedanken leben, diesen Krieg nicht zumindest aus dem Hintergrund noch zu einem Ende zu führen. Ich habe einen großen Teil meines Lebens damit verbracht, Voldemort daran zu hindern, die Macht zu ergreifen. Ich habe nicht geplant, dies im Tode zu ändern. Es gibt Gewohnheiten, die sollte man beibehalten, nicht wahr?" Er zwinkerte ihr zu.
Hermine mühte sich ein Lächeln ab, auch wenn es ihr nicht ganz leicht fiel. „Ja, das ist wohl so."
Eine lange Pause entstand zwischen ihnen und Professor Dumbledore gab Hermine die Zeit, die sie brauchte, um mit den Dingen zurechtzukommen, die er ihr anvertraut hatte. Ihre Gedanken kreisten auf recht unangenehme Weise und sie hatte eine ungefähre Vorstellung davon, wie sie zumindest den heutigen Tag verbringen würde. Es verlangte sie nach der Ruhe und Einsamkeit des freien Geländes und vielleicht würde sie Hagrid bei Gelegenheit einen Besuch abstatten. Wobei sie das auch noch ein paar Tage hinauszögern könnte. Sonst machte er es sich womöglich noch zur Aufgabe, ihr die Zeit zu vertreiben.
„Nun, Miss Granger, gibt es noch etwas, das Sie gerne wissen möchten?", riss Professor Dumbledore sie schließlich aus den Gedanken und sie runzelte nachdenklich die Stirn.
„Ja. Wie geht es Harry und Ron? Wo sind sie und was machen sie?" Ihre Stimme hatte einen neugierigen, wenn auch leicht verzweifelten Ton angenommen und sie beugte sich auf ihrem Stuhl nach vorne.
Professor Dumbledore sah sie überrascht an. „Ich hatte erwartet, dass Sie in Kontakt mit den beiden stehen."
Schweren Herzens schüttelte Hermine den Kopf. „Wir hatten einige... Differenzen, als ich mich dazu entschloss, nach Professor Snape zu suchen", erklärte sie vorsichtig und schwor sich, dass sie nicht auf weitere Einzelheiten eingehen würde.
Professor Dumbledore seufzte schwer. „Der Hass der Generationen", murmelte er leise. „Natürlich ist Harry nun nicht mehr davon zu überzeugen, dass Severus auf unserer Seite steht."
„Vermutlich nicht, nein." Hermine machte eine Pause. „Aber ich bin mir sicher, dass er es merken wird. Professor Snape wird schließlich seine Rolle im Endkampf haben." Sie schaffte es gerade so eben noch, sich zur Ordnung zu rufen. Beinahe hätte sie ihn Severus genannt, beeinflusst durch Professor Dumbledore, der diesen Namen für ihn benutzt hatte. Hermine spürte eine leichte Röte auf ihre Wangen treten und wandte den Blick ab.
„Ich hoffe sehr, dass es dann noch nicht zu spät ist." Sie konnte nicht mehr, als zustimmend nicken. „Aber es geht ihnen gut. Sie haben Aufträge im Namen des Ordens bekommen und werden nebenbei von Remus im Kämpfen trainiert."
Hermine lächelte. „Das ist gut. Harry ist viel zu leichtsinnig, wenn es um Konfrontationen mit der anderen Seite geht." Es lauerte Bedauern in ihren Worten, die den Vorwurf nicht so hart klingen ließen, wie sie es gerne gehabt hätte.
„Er wird es lernen und ich hoffe, dass er sich doch noch dazu entschließt, das letzte Schuljahr anzutreten."
Hermine lachte kurz auf und biss sich auf die Lippe, um sich selbst Einhalt zu gebieten. „Entschuldigen Sie, Professor, aber ich denke nicht, dass er sich noch einmal umentscheiden wird. Nicht bevor Voldemort vernichtet ist." Hermine schüttelte entschlossen den Kopf und sah, dass Professor Dumbledore diese Überzeugung nicht gefiel.
„Wir werden sehen", erwiderte er diplomatisch und Hermine war clever genug, sich nicht auf eine Diskussion mit einem Gemälde einzulassen. „Ich habe übrigens mit Remus abgesprochen, dass er auch Ihnen regelmäßig Unterricht gibt."
„Okay." Hermine schluckte, doch Professor Dumbledore lächelte ihr lediglich zufrieden zu. Sie war noch nie besonders gut im Duellieren gewesen und hatte sich eigentlich meistens eher mit Glück durchgeschlängelt. Vielleicht wurde es wirklich Zeit, etwas daran zu ändern.
„So Leid es mir auch tut, aber ich fürchte, ich muss Sie jetzt vor die Tür setzen, Miss Granger", beendete er dann das Gespräch und sie nickte zustimmend. „Ich danke Ihnen sehr für Ihre Hilfe", wiederholte er noch einmal.
„Jederzeit, Professor." Er nickte nachdenklich, so als ob es ihm nicht gefallen würde, dass sie auch weiterhin Aufträge im Namen des Ordens erfüllen würde. „Oh, ich wollte Sie noch etwas fragen", fiel ihr dann ein und mit gerunzelter Stirn wandte sie sich noch einmal zu ihm um. „Kann ich die restlichen Ferien hier im Schloss bleiben? Professor McGonagall gab bereits ihr Einverständnis, bat mich aber darum, Sie noch einmal darauf anzusprechen."
Er schien seine Antwort einen Moment lang abzuwägen und Hermine hoffte, dass er das gespannte Verhältnis zu Harry und Ron berücksichtigen würde, wenn er seine Entscheidung traf. „Wenn Sie mir versprechen, nicht in der Bibliothek zu übernachten", antwortete er schließlich mit einem amüsierten Lächeln und Hermine errötete. „Es wird sicherlich auch kein Problem für Remus sein, herzukommen. Die Möglichkeiten sind in den Klassenräumen sogar noch besser als im Fuchsbau." Er nickte nachdenklich. „Aber versprechen Sie mir, auch mal rauszugehen!"
Hermine seufzte verhalten. „Ich würde die Bücher ja mit nach draußen nehmen, aber Sie kennen doch Madam Pince." Und rollte theatralisch mit den Augen.
„Dann trifft es sich ja gut, dass Madam Pince die Ferien nicht in der Schule verbringt. Bitten Sie Professor McGonagall um den Schlüssel für die Bibliothek und nehmen Sie um Himmels Willen alles mit nach draußen, das Ihnen unter die Finger kommt!" Hermine lachte leise und nickte. „Allerdings ist die Verbotene Abteilung dies auch nach wie vor für Sie." Mahnende Blicke folgten.
„Aber natürlich, ich werde mich daran halten. Vielen Dank, Professor Dumbledore!"
„Nichts zu danken. Und nun sehen Sie zu, dass Sie hinaus kommen in die Sonne!" Er machte eine scheuchende Bewegung mit den Händen und Hermine fügte sich diesem milden Rauswurf.
Erleichtert, das Gespräch mit einigen Antworten und vor allem der Erlaubnis zu bleiben hinter sich gebracht zu haben, lief Hermine die Wendeltreppe hinunter und machte sich auf den Weg zu Professor McGonagall. Sie würde sich nun Schlüssel und Passwörter besorgen und dann erstmal ihr Zimmer einrichten. Beinahe sehnte sie sich nach den vier Wänden, die inzwischen ihr zweites Zuhause geworden waren. Sie mochte gar nicht daran denken, dass all dies in einem Jahr Vergangenheit sein würde.
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„Aber passen Sie ja auf, dass Sie alles wieder so hinterlassen, wie Sie es vorgefunden haben! Madam Pince lyncht mich sonst, wenn sie wiederkommt." Professor McGonagall hielt den Schlüssel zur Bibliothek noch immer fest umklammert und taxierte Hermine mit mahnenden Blicken.
„Ich verspreche es! Sie kennen mich doch, Professor McGonagall." Hermine legte den Kopf schief.
„Eben deswegen ja. Und wären Mr Weasley und Mr Potter mit Ihnen im Schloss, würde ich Ihnen den Schlüssel niemals geben."
„Ich werde aufpassen, ehrlich." Daraufhin gab Professor McGonagall ihr endlich den Schlüssel und Hermine steckte ihn sorgfältig in ihre Hosentasche. Nachdem ihre Hauslehrerin so ein Gewese darum gemacht hatte, wurde sie selbst ganz nervös bei dem Gedanken, es könne irgendetwas damit geschehen. „Ich bräuchte dann auch noch ein Passwort für den Gryffindorturm", erinnerte sie ihre Lehrerin anschließend und setzte sich wieder auf den Stuhl vor deren Schreibtisch. Einen Moment lang hatte sie sich gewundert, dass Professor McGonagall noch nicht in das Büro der Schulleiter umgezogen war, doch nun kam ihr der Gedanke, dass sie vielleicht versuchte, im gleichen Maße wie Snape zu differenzieren.
„Die Fette Dame hat Anweisungen bekommen, Sie ohne Passwort einzulassen. Es macht nicht viel Sinn, für eine Person ein Passwort zu benennen. Sie werden vollkommen ungestört sein, Miss Granger." Ein Lächeln lag auf den Lippen der Älteren, von dem Hermine nicht ganz sicher war, was sie davon halten sollte. „Professor Lupin wird übrigens morgen Nachmittag das erste Mal nach Hogwarts kommen. Ich habe gerade eben mit ihm gesprochen."
„Woher wussten Sie, dass ich bleiben darf?"
Professor McGonagall lächelte schmal. „Ich kenne Albus, Miss Granger."
Hermine erwiderte das Lächeln amüsiert. „Schön, dass Professor Lupin herkommen kann", besann sie sich dann wieder auf das Thema.
Die Hauslehrerin von Gryffindor nickte. „Finden Sie sich um drei Uhr vor dem Klassenraum für Verteidigung gegen die Dunkle Künste ein. Und ziehen sie sich bequeme Kleidung an! Professor Lupin wird keine Kinderspielchen veranstalten. Soweit ich gehört habe, hatten Mr Potter und Mr Weasley noch Tage nach ihrem ersten Training blaue Flecken, die alle Stunde ihre Farbe wechselten." Sie seufzte schwer.
„Ich werde da sein. Dann werde ich jetzt hinaufgehen und meine Tasche auspacken." Sie stand auf.
„Tun Sie das! Ich denke nicht, dass Professor Snape von einem Abendessen sehr angetan wäre, aber wenn Sie möchten, frage ich Hagrid, ob er uns in der Großen Halle Gesellschaft leistet." In ihrem Blick stand quasi der Wunsch, dass Hermine diesen Vorschlag ablehnen sollte.
Die Schülerin musste allerdings auch gestehen, dass die Vorstellung eines Abendessens in diesem Schloss ohne die Anwesenheit von Professor Dumbledore sehr ungewohnt war. Zumindest wenn sie in einem so kleinen Kreis gewesen waren, war eigentlich immer er derjenige gewesen, der alle zum Erscheinen motiviert und dem Abend mit seiner Art eine ganz besondere Note verliehen hatte.
Deswegen gab Hermine dem Wunsch ihrer Lehrerin nach und schüttelte den Kopf. „Ich denke nicht, dass das nötig sein wird. Ich habe nicht besonders großen Hunger und wollte Hagrid nachher ohnehin noch besuchen gehen."
Professor McGonagall nickte. „Dann werde ich den Hauselfen Bescheid sagen, dass Sie Ihnen im Gryffindorturm das Essen vorbereiten."
Für einen Moment wollte Hermine protestieren, dass sie sich das Essen auch selbst holen konnte, wenn es sie danach verlangte. Es ging ihr nach wie vor gegen den Strich, dass die Hauselfen für sie arbeiten sollten. Doch der abschließenden Miene Professor McGonagalls war nichts mehr hinzuzufügen und deswegen sparte sie sich ihre Einwände vorerst. Vielleicht würde sie einen der Elfen ja erwischen und konnte ihm dann persönlich sagen, dass er das Essen nicht herauftragen musste. „Ich werde dann gehen", sagte sie schließlich und verließ das Büro ihrer Hauslehrerin, ohne sich noch einmal umzusehen.
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„Sie können wohl gar nicht genug von der Schule bekommen, hm?"
Hermine lächelte schief, als sie auf diese äußerst freundliche Art und Weise von der Fetten Dame begrüßt wurde, die mit einem leichten Kopfschütteln die Arme vor der Brust verschränkte. „Anscheinend nicht", erwiderte Hermine schlicht und hoffte, dass sie sie nun eintreten lassen würde.
Doch offenbar hatte sie beschlossen, dass sie die Gelegenheit für ein Gespräch während des sonst sehr einsamen Sommers nutzen wollte: „Das tut Ihnen nicht gut, Miss Granger. Sie sind eine junge Frau, genießen Sie das Leben, solange Sie so jung sind! Gehen Sie mit den Bienchen auf Blütenfang!" Das anzügliche Zwinkern, das diesem Vorschlag folgte, ließ Hermine erschrocken die Augen aufreißen.
Dann senkte sie allerdings errötend den Blick. Wenn die Fette Dame wüsste, wie sehr sie das Leben gestern Abend genossen hatte, würde sie nicht mehr von Bienchen und Blümchen reden. „Sie können mir vertrauen, dass mein Vergnügen bei allem nicht zu kurz kommt. Zumindest, wenn Sie mich einlassen und es mir so ermöglichen, mein Zimmer einzurichten. Ich bin sehr müde und würde die freie Zeit vorerst gerne schlafend genießen."
Die Fette Dame lächelte säuerlich über diese Zurechtweisung und klappte dann unverständliche Dinge murmelnd zur Seite.
Hermine hielt sich nicht lange mit einer Entschuldigung oder sonstigen Worten auf; ihr Bedarf an Gesprächen mit Gemälden war für diesen Tag mehr als gedeckt.
Erleichtert aufatmend ließ sie sich wenig später auf ihr Bett sinken und versuchte die unheimliche Atmosphäre des menschenleeren Gemeinschaftsraumes zu vergessen. Es war nicht so, dass sie ihn zum ersten Mal leer erlebte; aber es war das erste Mal, dass dabei die Sonne den Raum in goldenes Licht getaucht hatte. Normalerweise war es voll um diese Zeit des Tages.
Die Tatsache ignorierend, dass sie sich inzwischen eigentlich eher fehl am Platz fühlte, begann Hermine damit, ihre eigenen vier Wände einzurichten und bequemer zu gestalten. Dass sie dieses Zimmer bekommen hatte, ließ sie gleichzeitig wissen, dass sie auch in diesem Jahr den Posten der Vertrauensschülerin innehaben würde und sie war ehrlich dankbar dafür. Die Vorzüge eines eigenen Zimmers waren nicht zu unterschätzen und die Vorstellung, bei ihren außerschulischen Aktivitäten in einem Schlafsaal mit fünf anderen Mädchen zu leben, war nicht sehr reizvoll. Es war immer leichter, sich davonzuschleichen, wenn man nicht Gefahr lief, alle zu wecken.
Als sie ans Fenster herantrat, wanderten ihre Blicke zu Hagrids Hütte und sie sah den Halbriesen, wie er etwas in seinem Garten aufhängte, das wie schmutzig braune Bettlaken aussah. Sie vermutete, dass es seine Umhänge waren. Nein, sie konnte den Besuch bei ihm unmöglich allzu lange hinauszögern. Er hatte ihr letztes Jahr sehr geholfen und sie war es ihm schuldig, ihm dafür zu danken. Und außerdem war er jemand, mit dem sie reden konnte, ohne dass es sich um Snape oder Voldemort drehte.
In dem Moment, in dem sie sich vornahm, den Wildhüter später noch besuchen zu gehen, flog eine kleine Eule an ihr Fenster und Hermine erkannte mit einem erschrockenen Keuchen Rons Eule, Pigwidgeon. Hermine ließ das quirlige Tier rasch herein und durchsuchte ihren Koffer nach ein paar Eulenkeksen, die Pig aufgedreht annahm und zufrieden auf einer Ecke des Tisches sitzend zu knabbern begann.
Hermine vermutete, dass dies die Antwort von Ginny war und schob die Frage, warum sie Rons Eule benutzte, rasch beiseite. Mit einem leisen Seufzen, von dem Hermine nicht wusste, woher es kam, setzte sie sich und begann zu lesen.
Dabei runzelte sich ihre Stirn immer weiter und schließlich ließ sie das Pergament sinken und wusste nicht so recht, was sie von allem halten sollte. Ginny wollte versuchen, eine Woche vor Schulbeginn nach Hogwarts zu kommen, um so noch etwas Zeit mit Hermine verbringen zu können. Anscheinend hatte Lupin ihr gesagt, dass Hermine nicht in den Fuchsbau zurückkehren würde; die Kürze des Briefes und die gehetzte Schrift sprachen dafür.
Hermine wusste, dass sie sich darüber freuen sollte und eigentlich wollte sie das auch. Aber das Gefühl der Vorfreude stellte sich auch nach mehreren Minuten nicht so recht ein.
Schließlich griff sie mit leicht säuerlicher Miene, die eher ihrer eigenen Reaktion galt, nach Pergament und Feder und setzte sich an den Antwortbrief. Sollte Ginny herkommen; es war mit Sicherheit nicht verkehrt, mal auf andere Gedanken zu kommen. Zumal es bis dahin auch noch zwei Wochen hin war.
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Kurz vor Sonnenuntergang machte Hermine sich auf den Weg zu Hagrid. Pigwidgeon hatte sie vorher recht unsanft aus dem Fenster geworfen, wusste sie doch, dass das kleine Vieh sonst nicht genug Schwung bekam, um wirklich in der Luft zu bleiben. Dennoch tat es ihr immer ein wenig Leid, ihn so grob zu behandeln.
Die Zeit, die sie bei Hagrid verbrachte, war angenehm und Hermine ließ sich dankend in die alten Gewohnheiten von Steinkeksen und ungenießbarem Tee fallen. Die letzten Wochen kamen ihr dadurch auf eine Art unwirklich vor, die es leichter machte, mit dem Verlust der Vertrautheit zurechtzukommen.
Doch irgendwann musste sie zurück ins Schloss und nachdem sie die Tür zu ihrem Zimmer verriegelt hatte und Krummbein schnurrend auf ihrem Bett liegen sah – er verbrachte die Ferien meistens stromernd auf dem Gelände von Hogwarts – setzte Hermine sich zu ihm und begann durch sein weiches Fell zu kraulen. Er drehte sich bereitwillig auf den Rücken und ließ sich den Bauch streicheln, was bei Hermine ein trauriges Lächeln auf die Lippen zauberte.
„Du hast es ganz schön gut, mein Lieber!", murmelte sie und wusste später nicht mehr, was eigentlich der Auslöser gewesen war, aber in dem Moment begannen ihre Tränen zu fließen und sie wurde sich der Einsamkeit im menschenleeren Hogwarts erst wirklich bewusst.
TBC...
Nächtes Mal geht es dann wieder etwas munterer zu. Hermine hat ihre erste Trainingsstunde... ;)
