»Cassius Proximo ist tot«, überbrachte Sprecherin Drewani schließlich doch die Nachricht, vor der sie sich alle gefürchtet hatten.

Grabesstille legte sich über die Zuflucht.

Lucien entglitten vor Entsetzen die Gesichtszüge. Ihm wurde die Kehle eng, und alles schwankte, als würde ihm der Boden unter den Füßen weggerissen. Er musste sich abstützen, um nicht zu fallen. Bedrängten ihn da die Wände? Hatte sich nicht bereits die Grabplatte über ihre Grube gelegt?

Die Stille wurde von einem lauten Schrei zerrissen. Vicente schrie sich all seine Wut und seine Verzweiflung aus dem Leib. Er holte weit aus und schmetterte seine Faust gegen eine der Säulen in der Haupthalle. Solche Kraft lag in dem Schlag, dass sich kleine Risse im Gestein bildeten. Der Vampir schien nicht einmal zu merken, dass er sich die Knöchel blutig geschlagen hatte.

Vicentes Ausbruch brach das Eis und plötzlich barsten all die Emotionen hervor. Die Zufluchtsmitglieder begannen wie wild durcheinander zu reden und zu klagen. Entsetzen und Trauer über ihren großen Verlust war allgegenwärtig. Es dauerte nur Augenblicke, bis erste Spekulationen laut wurden. War es wirklich der Wille, Sithis zu dienen, der in einem fatalen Fehler geendet hatte? Oder war es gar Selbstmord aus Verzweiflung über den eigenen körperlichen Verfall?

»Verräter!«, brüllte Vicente und trat gegen einen Stuhl in der Sitzecke. Der Stuhl flog gegen die Wand und zerschellte. »Wie kann er unsere Freundschaft so verraten und feige davonlaufen? Wie kann er es wagen?! Soll er vor Sithis schmoren! Nach all den Jahren!« Seine Tirade endete in weiterem Brüllen und erneuten Schlägen gegen die Säule.

Die einzige, die Fassung im Angesicht der Katastrophe wahrte, war die Sprecherin. Gerade das schien Vicente erst so richtig fuchsig zu machen. Mit einem großen Satz war er bei ihr, packte sie am Kragen und hob schien scheinbar mühelos hoch.

»Wie könnt Ihr es wagen, so kalt zu sein?«, knurrte er und schüttelte die Elfe kräftig. »Ihr wart Cassius näher als wir alle. Und da interessiert Euch sein sinnloser Freitod kein bisschen?!«

Drewani blieb weiterhin gefasst, doch sie sagte nichts dazu.

»Sagt etwas!«, brüllte Vicente und schüttelte sie noch einmal.

Erst jetzt bemerkte Lucien die Tränen in ihren Augen und ihre bebenden Lippen.

»Ja, ich habe ihn geliebt«, wisperte sie schließlich. »Ja, wir waren uns nahe. Doch waren wir unserem Fürchterlichen Vater stets näher. Meine persönlichen Befinden haben meinen Dienst nie behindert.« Ihre Stimme veränderte sich, eine Kälte kälter als der Frost Himmelsrands lag in ihr. »Und jetzt lasst mich los. Ihr lasst Euch gehen, Vicente.«

Das schien ihn tatsächlich wieder zur Besinnung zu bringen. Die lodernde Wut, die selbst Lucien für einen Augenblick das Fürchten gelehrt hatte, verschwand aus seinen Augen und wich Schock. Beinahe ließ er Drewani fallen wie eine heiße Kartoffel, als ihm bewusst zu werden schien, was er da getan hatte. Beschämt senkte er den Blick.

»Verzeiht mir, Sprecherin«, bat er leise, kaum hörbar.

»Es sei Euch verziehen, wenn Ihr Euch in Zukunft besser im Grifft habt«, sagte sie unterkühlt, während sie ihr Gewand richtete. »Die Zeit der Trauer sei der Zuflucht gewährt«, wandte sie sich an die Runde. »Doch lange soll dies nicht sein. Die Angelegenheit der Führung muss so bald als möglich geklärt werden. Geht nun und trauert, wie es Euch angemessen erscheint. Cassius war ein großartiger Mörder, wie es ihn so schnell kein zweites Mal geben wird. Er verdient diese Ehre.«

Mit einem letzten mahnenden Blick auf Vicente wollte sie sich schon zum Gehen abwenden. Doch Lucien hielt sie auf.

»Sprecherin, bitte gewährt mir eine Frage«, sprach er sie an.

Sie wandte sich ihm zu. »Sprecht.«

»Sagt ...« Er zögerte, die Worte auszusprechen. »Sagt, war es wirklich Selbstmord?«

Für einen winzigen Moment zögerte sie. »Ja. Und auch wenn das Schwein Phillida immer noch nicht vor Sithis kniet, wird die Legion diese Tat nie vergessen, und sie wird ihr auf ewig ein Stachel im Fleisch sein. Doch nun entschuldigt mich. Ich benötige ein wenig Zeit für mich.« Mit diesen Worten verschwand sie und ließ das Gewicht ihrer bitteren Botschaft in der Zuflucht zurück.

Drewani ließ bedrückende Stille zurück. Auf Tage hinaus sprach niemand in der Zuflucht mehr, als nötig gewesen wäre. Es war, als hätten sie eine stumme Übereinkunft getroffen, ihren Kummer im Stillen auszutragen. Nur Vicente isolierte sich vollends vom Rest der Familie und suchte keinen Trost in der Nähe der anderen. Stattdessen schloss er sich in seinem Zimmer ein und wollte niemanden sehen, nicht einmal Lucien. Dieser bemerkte jedoch, dass auffallend viele Weinflaschen verschwanden. Er ahnte, wohin. Als wenige Tage später Gerüchte über einen mordenden Vampir in der Stadt umgingen, wusste er, dass es übel um seinen Mentor stand und er etwas unternehmen musste.

Vehement pochte er an die Tür. Keine Reaktion. Er klopfte noch einmal. Als auch dieses Mal keine Reaktion kam, versuchte er die Tür zu öffnen, nur um festzustellen, dass sie verschlossen war.

»Vicente, ich weiß, dass Ihr da drinnen seid und mich hört«, sagte er daher und lauschte weiterhin auf irgendein Lebenszeichen. »Macht die Tür auf, oder ich trage Gogron auf, dass er sie mir einschlägt!«

Für einen Augenblick antwortete ihm wieder nur Stille. Dann hörte er endlich schlurfende Schritte und das Klappern eines Schlüssels im Schloss. Schließlich öffnete sich die Tür einen Spalt weit.

Vicente lugte durch den Spalt. Auch wenn er aussah, als habe er erst in der vergangenen Nacht gut gespeist, wirkte er alles andere als gesund. Seine Augen waren eingefallen und rot gerädert. Er ließ die Schultern hängen, und sein Haar stand wirr von seinem Kopf ab. Seine Fahne war allzu deutlich.

Er musterte Lucien missbilligend. Dann seufzte er und sank noch etwas mehr in sich zusammen. »Ach, verdammt, du lässt ja doch nicht locker.«

»Ganz recht.« Ohne abzuwarten drängte Lucien sich an Vicente vorbei und in dessen Zimmer.

Es wirkte ebenso unordentlich wie sein Bewohner. Die zahlreichen leeren Weinflaschen verstärkten den Eindruck. Beachtete er ihre Menge, kam Lucien zu dem Schluss, dass Vicente quasi nur getrunken haben musste. Sein ungutes Gefühl verstärkte sich. Er wandte sich an Vicente.

»Das … nun … mir fehlen die Worte.« Er machte eine unbestimmte Geste in den Raum.

Vicente zuckte nur mit den Schultern, schlurfte zu seinem Tisch und goss sich weiteren Wein ein. Er musste sich dabei am Tisch abstützen.

»Gift hat keine tödliche Wirkung auf mich«, nuschelte er. »Zum besoffen Sein reicht's.«

Er wollte schon den Kelch ansetzen, doch Lucien war schneller und schnappte ihn weg. »Ihr hört damit jetzt auf und hört mir zu«, sagte er in einem strengen Tonfall.

Vicente versuchte sich an einem mahnenden Blick, scheiterte jedoch und beließ es beim kindlich-Beleidigten.

»Nun seht Euch an!«, schimpfte Lucien. »Ihr seid mein Mentor, der Mentor vieler großartiger Assassinen. Und davon ist nichts mehr übrig als ein vom Alkohol zerfressenes Häufchen Elend. Erbärmlich!«

»Lucien, bitte …«

»Keine Ausflüchte!«, fuhr er dazwischen. »Euer Ausbruch Sprecherin Drewani gegenüber sei Euch verziehen. Aber das hier ist einfach nur erbärmlich! Ihr habt viele Generationen von Dunklen Geschwistern kommen und gehen sehen, da möchte man meinen, dass Ihr mit Verlust umgehen könnt. Doch nichts da!«

Vicente sank immer mehr in sich zusammen. »Ich weiß«, wisperte er kaum hörbar.

Luciens Mauer bröckelte vollends. Ihm brach es das Herz, Vicente so sehen zu müssen, und er konnte es nicht länger ertragen. Er sank neben ihm auf die Knie und ergriff seine Hand.

»Wir brauchen Euch, Vicente«, sagte er eindringlich. »Ihr seid Proximos Nachfolger und müsst diese Zuflucht in Zeiten der Not leiten. Ich brauche Euch jetzt.«

Eine Weile sah Vicente ihn nur schweigend an. Dann raffte er sich sichtlich zusammen. »Na ja …«, sagte er fast schon zögerlich. »Wenn das so ist, will ich dem zumindest für den Moment nachkommen.«

Lucien lächelte. »So gefallt Ihr mir schon besser.«

In der Zeit nach ihrem Verlust hatte sich ein Gefühl der Orientierungslosigkeit und Machtlosigkeit ausgebreitet. Sie alle hatten Vicente Valtieri stets als Stellvertreter Proximos akzeptiert. Dass gerade er sich so sehr von ihnen distanziert hatte, hatte sie noch hilfloser zurückgelassen. Plötzlich waren sie eine Zuflucht ohne Führung, eine Familie ohne Kopf. Niemand von ihnen konnte damit umgehen. Es war wie ein Fallen in einen bodenlosen Abgrund, ohne Halt und ohne Hoffnung, von starken, schützenden Armen aufgefangen zu werden.

Da Vicente sich von ihnen distanzierte, hatten sie sich in ihrer Hilflosigkeit ein neues Leuchtfeuer in ihrer Not gesucht: Lucien Lachance. Es war ganz klammheimlich geschehen, doch dann hatten sie sich an ihn geklammert wie ein Ertrinkender an ein Stück Treibholz.

Es war ein befremdliches Empfinden für ihn, etwas, das sein Gefühl der Orientierungslosigkeit nach Proximos Tod noch verstärkte. Er war alsbald mit all dem heillos überfordert. Erst verlor er die Führung in seinem Leben, dann seinen Halt im Leben, seinen Mentor, und nun wurde er in eine Rolle gedrängt, die er nicht tragen konnte, nicht tragen wollte. Warum suchten seine Dunklen Geschwister bei ihm Halt in der Stunde der Not, wenn er selbst orientierungslos umherirrte? Welchen Halt konnte er selbst schon geben, wenn er ebenfalls ein Ertrinkender wie sie war?

Erst als er in seiner Not Vicente wachrütteln konnte, verbesserte sich die Situation in der Zuflucht wieder etwas. Endlich fanden sie den ersehnten Halt und tauchten auf aus ihrem Pfuhl der verwirrenden Emotionen. Nun endlich konnten sie sich ordnen und ihre Trauer verarbeiten.

Erst jetzt bemerkte Lucien, dass Mathieu der einzige war, der von Proximos Tod reichlich unbeeindruckt war und das Verhalten der anderen Zufluchtsmitglieder nur nachahmte, um nicht aus dem Rahmen zu fallen. Er wunderte sich über das Verhalten des Jungen, doch verschob er es auf später, sich damit zu befassen. Jetzt hatte er keinen Raum dafür.

Das erneute Kommen der Sprecherin kündigte das Ende der Trauer an. Nun verlangte erneut die Pflicht nach ihnen. Drewani rief erneut alle im Hauptraum der Zuflucht zusammen, wie sie es immer tat, wenn es Dinge zu besprechen gab, die sie alle betrafen.

Drewani war so schön und kalt wie eh und je, und hätte Lucien nicht mit eigenen Augen ihre mühsame Beherrschtheit beim Überbringen der Todesbotschaft gesehen, er hätte spätestens jetzt geglaubt, dass der erste Mord dieser Frau der an ihren eigenen Emotionen gewesen war.

»Proximo ist tot und diese Zuflucht braucht eine neue Führung«, eröffnete sie. »Der Nachfolger der Zufluchtsleitung wäre seit jeher Vicente Valtieri gewesen. Daher frage ich Euch nun: Bleibt Ihr weiterhin bei Eurem Beschluss und lehnt diese Ehre ab?«

Dieser nickte fest. »So ist es.«

»Dann stehen wir erneut vor dem Problem einer geeigneten Führungsposition für die Zuflucht«, schloss Drewani. »Niemand hier außer Valtieri hat einen angemessenen Rang. Es gibt jedoch in anderen Zufluchten ein paar geeignete Henker, die fähig wären, die von Proximo hinterlassene Leere zu füllen.«

»Wir wollen keinen Fremden!«, rief Telaendril hinein. »Wenn wir nicht Meister Valtieri bekommen, wollen wir Meister Lachance oder niemanden!«

Lucien blieben die Worte im Halse stecken. Mit großen Augen sah er zu der Elfe, und er wurde noch irritierter, als er bemerkte, wie die anderen auf Telaendrils Worte hin zustimmend nickte.

»Er ist ein Assassine, kein Henker, und besitzt daher keinen geeigneten Rang für diese Position«, gab Drewani zu denken.

Vicente trat vor. »Dann ernennt ihn zu einem Henker«, sagte er. »Ihr wisst so gut wie wir, dass er sich auch dieses Ranges als würdig erweisen wird.«

»I-ich glaube nicht, dass das eine kluge Idee ist«, würgte Lucien hervor, ehe alles zu spät war.

»Valtieri, Euer Vorschlag ist gewagt«, bemerkte Drewani. »Seinen Rang als Assassine hat er sich redlich verdient. Doch noch sehe ich keinen anderen Anlass, ihn zum Henker zu ernennen, als dass diese Zuflucht wieder eine Leitung hat. Und dafür gibt es andere geeignete Kandidaten.«

In Luciens Kopf arbeitete es wie wild. Er hatte nicht vorgehabt, den Rest seines Lebens als Assassine zu verbringen. Schon immer hatte er nach den Sternen greifen wollen. Nun waren sie in greifbarer Nähe, und plötzlich beschlich ihn Angst. In den letzten Tagen war so viel passiert, das sein Leben von Grund auf auf den Kopf gestellt hatte, dass er sich erst einmal neu ordnen musste, um wirklich damit umgehen zu können.

Hatte sein Leben bei der Bruderschaft ihn vielleicht weich werden lassen?

Vicente unterbrach seinen Gedankengang. »Der Junge ist zu Großem geboren«, sagte er an Drewani gewandt. »Jeder wusste das von Anfang an. Er wird jetzt garantiert nicht aufhören wollen. Ruiniert ihm jetzt nicht die Gelegenheit seines Lebens.«

»Die Schwarze Hand wird nicht leicht zu überzeugen sein«, gab Drewani zu bedenken. »Ich werde diese Entscheidung vor ihr rechtfertigen müssen, und es muss eine sehr gute Rechtfertigung sein.«

»Sie steht vor Euch.« Vicente deutete auf Lucien. »Ihr kennt ihn ebenso gut wie ich und wisst, dass er Euch nicht enttäuschen wird. Außerdem will wirklich niemand hier einen Wildfremden.«

Vielleicht war er ja wirklich weich geworden und hatte sich zu sehr an das bequeme Leben in der Zuflucht gewöhnt, ging es Lucien durch den Kopf. Geregeltes Einkommen, Verpflegung, die nicht zu wünschen übrig ließ, sowie ein sauberes, sicheres Heim. Es war ein Leben, das einem Kind der Straße regelrecht luxuriös erschien.

Vicente hatte Recht: Er würde jetzt nicht aufhören. Schon immer hatte er in seinem tiefsten Inneren nach der Schwarzen Hand gegriffen. Nur hätte er nicht damit gerechnet, dass sie so schnell in seine Nähe rücken würde. Die Leitung einer Zuflucht war nur einen Schritt zu einem Teil der Schwarzen Hand entfernt.

Er war überrumpelt worden. Die Leitung einer Zuflucht brachte gänzlich andere Verantwortungen mit sich als der Posten eines Anführers einer Straßenbande. Plötzlich damit konfrontiert zu werden, hatte ihn verschreckt. Aber wer war er, dass er sich einer Herausforderung nicht stellte, um sie schlussendlich auch zu meistern? Nun bereute er es, dass er vorschnell Telaendrils Einwurf hatte abwenden wollen, und war froh, dass Vicente und Drewani ihn geflissentlich übergangen hatten.

Die Sprecherin wirkte unentschlossen, eine der seltenen Begebenheiten, in denen sie tatsächlich eine menschliche Reaktion zeigte. Anscheinend rang sie mit sich, wie sie in dieser ungewöhnlichen Situation handeln sollte.

Schließlich seufzte sie. »Anscheinend liegt der Konsens tatsächlich bei Lachance«, sagte sie schließlich. »Und ich wünschte, es wäre so einfach. Valtieri, Lachance, ich möchte ein privates Wort mich euch. Die anderen sollen ihrem Tagwerk nachgehen.«

Telaendril warf ihr noch einen hoffnungsvollen Blick zu, dann verbeugte sie sich und ging wie die anderen. Drewani schlug den Weg zu Proximos Gemächern ein, und Lucien und Vicente folgten ihr. Es folgte ein Moment der unangenehmen Stille, als sie eingetreten waren und die Tür hinter sich geschlossen hatten. Drewani ließ den Blick durch den Raum schweifen und für einen winzigen Moment sanken ihre Schultern herab. Dann jedoch straffte sie sich und setzte sich an den Tisch. Lucien und Vicente taten es ihr nach.

»Jetzt, wo wir unter uns sich, möchte ich Euch mein …«, begann Vicente, doch wurde er brüsk von der Elfe unterbrochen.

»Sagt es nicht!« Sie machte eine wirsche Handbewegung. »Dafür ist hier kein Raum. Diese Angelegenheit ist von größter Dringlichkeit. Die Zuflucht braucht so bald als möglich einen neuen Leiter, persönliche Befindlichkeiten würden dies nur verhindern.«

»Sprecherin Drewani, wenn ich mir die Worte erlauben darf: Vielleicht seid Ihr manchmal zu hart mit Euch selbst«, warf Vicente.

»Umgekehrt könnte ich sagen, dass Ihr zu weich seid.« Und dann passierte etwas ganz Erstaunliches. Drewani lachte. Lucien wusste nicht wieso und weshalb, aber es war ein volles Lachen aus tiefster Brust.

»Da sitzen wir hier nun, ein Jungspund in unserer Mitte, und tauschen die Weisheiten der Alten aus, an die wir doch selbst nicht glauben! Wie die Waschweiber!«, rief sie aus. »Als gäbe es sonst nichts Wichtigeres auf der Welt. Lachance, merkt Euch die Worte, die in diesem Raum gesprochen werden, vielleicht werden sie eines Tages wirklich für Euch relevant.«

Lucien war von der Situation einigermaßen verwirrt, aber er nickte. Sicher hatten sowohl sein Mentor als auch die Sprecherin Recht.

»Nun, Proximo hat sicherlich noch irgendwo seinen Weinvorrat«, sagte Vicente. »Da er dafür keinen Gebrauch mehr hat, wird er sicherlich nichts dagegen haben, wenn wir eine Verwendung dafür finden.«

Er erhob sich und trat zu einem der Schränke, wo Proximo üblicherweise seinen Wein verstaut hielt. Nachdem er fündig wurde, stellte er jedem einen Kelch hin und schenkte ihnen ein.

»So lässt es sich viel besser über den Ernst des Lebens diskutieren«, sagte er mit einem wohligen Seufzer, nachdem er sich wieder gesetzt und einen kräftigen Zug genossen hatte.

»Wirklich, Valtieri, Ihr wäret ein hervorragender Zufluchtsleiter«, bemerkte Drewani. »Ihr versteht es, die Leute auf andere, bessere Gedanken zu bringen, selbst wenn sie eine schwere Zeit durchleben müssen. Aber nun gut, es ist, wie es ist, und die einzige Option, die von dieser Zuflucht akzeptiert zu werden scheint, ist Lachance. Was uns wiederum in eine Zwickmühle bringt … Lachance, Ihr habt in dieser Angelegenheit noch kaum ein Wort gesprochen.«

Lucien legte sich seine Worte gut zurecht, da er nicht noch einmal voreilig sprechen wollte und sich womöglich etwas verbaute.

»Es wäre eine Ehre sondergleichen, ganz ohne Frage«, sagte er langsam. »Doch wäre ich nicht so anmaßend, in meiner derzeitigen Position danach zu verlangen. Doch wenn sie mir tatsächlich auferlegt werden sollte, hoffe ich, mich ihr als würdig zu erweisen.«

»Feine Worte«, sagte Drewani. »Versteht mein Zögern, Euch in diese Position zu versetzen, nicht falsch. Es ist auch meine persönliche Ansicht, dass Ihr durchaus dazu in der Lage seid, Euch dessen als würdig zu erweisen. Doch kenne ich Euch im Gegenzug zu den anderen Mitgliedern der Schwarzen Hand auch persönlich. Euer erstaunlicher Aufstieg in unseren Reihen vom ungeformten Straßenjungen zu einem unserer angesehensten Mitglieder mag für einen Außenstehenden nicht immer denselben Eindruck machen als für jene, die Euch auf Eurem Weg begleitet haben.«

Lucien nickte. »Ich verstehe das sehr gut«, sagte er. »Es erscheint auch mir manchmal unverschämt, dass ich in so wenigen Jahren so weit gekommen bin. Doch die Leiter ist noch lang.«

Ein zufriedenes Lächeln erschien auf Drewanis Gesicht. »Sagt mir: Wo seht Ihr Euch in einer Dekade?«

Lucien überlegte, ob er wirklich aussprechen sollte, was ihm auf der Zunge lag, oder ob es zu ambitioniert klang und ihn in einem schlechten Licht erscheinen lassen würde. Schließlich entschied er sich doch dafür. KAls treuer Diener Sithis' und sein ergebener Handlanger. Nichts Geringeres als die Schwarze Hand war schon immer mein Ziel.«

Drewani nickte, als seien diese Worte genau die gewesen, die sie hatte hören wollen. »Und vielleicht wird das eines Tages tatsächlich Eure Realität. Ehrlich gesagt liebäugle ich seit einer gewissen Zeit tatsächlich mit Euch als meinem Stellvertreter. Aber das ist wirklich noch Zukunftsmusik, auch wenn ich denke, dass Ihr bald so weit seid, wirklich dafür in Frage zu kommen. Aber wir schweifen ab.«

Lucien musste sich ein Grinsen unterdrücken. Die Sprecherin meinte dies wirklich ernst? Das waren großartige Neuigkeiten! Wahrlich eine Ehre und eine Würdigung seines Talentes!

»Früher oder später hätte ich Euch wahrscheinlich ohnehin in die Position des Zufluchtsleiters versetzt«, setzte Drewani ihr eigentliches Thema fort. »Es spricht nicht fiel gegen das ›früher‹. Ihr habt die geistige Reife dafür erlangt, immerhin habt Ihr mittlerweile bewiesen, dass Ihr ein guter Mentor seid. Warum also nicht größer denken? Mein einziges Bedenken ist, dies auch den anderen Angehörigen der Schwarzen Hand klar machen zu können.«

»Lucien ist sich ganz eindeutig der Verantwortung bewusst, die ihm damit auferlegt werden würde«, warf Vicente ein. »Und wie Ihr bereits sagtet: Er besitz trotz seines jungen Alters auch die geistige Reife dafür. Vom Talent brauchen wir gar nicht erst zu sprechen, das erkennt jeder, der Augen im Kopf hat. Falls es Euch etwas nützt: Ihr könnt vor der Hand mein gutes Wort einlegen.«

Drewani schnaubte. »Pah! Von denen wollen doch alle schon längst Euch als Leiter sehen«, sagte sie. »Zumindest gilt genau deswegen Euer Wort durchaus etwas. Es wäre verschwendetes Talent, Lachance nicht weiter zu fördern und ihm Tür und Tor zu öffnen. Nun, da ich bestätigt sehen konnte, dass mein Vertrauen auch gerechtfertigt ist, gilt es nur noch, die letzte Hürde zu nehmen und die anderen Sprecher und den Zuhörer von diesem ungewöhnlichen Schritt zu überzeugen.«

»Es ehrt mich wirklich zutiefst, dass Ihr so große Hoffnungen auf mich setzt, Sprecherin Drewani und Meister Valtieri«, betonte Lucien eilig, um nicht undankbar zu wirken. »Es wäre mir eine unendliche Freude, wenn mir tatsächlich gestattet werden würde, Proximos Nachfolge antreten zu dürfen.«

»Manieren hat der Junge jedenfalls«, warf Vicente schmunzelnd ein. »Da hat ihm jemand sehr gut das ungehobelte Straßenkind ausgetrieben.«

Drewani schnaubte erneut. »Das Eigenlob habe ich gehört!«

Offensichtlich zufrieden mit dem, was Drewani von Lucien gehört hatte, verließ sie die Zuflucht, um sich mit der Schwarzen Hand in Verbindung zu setzen. Die Aufregung, dass vielleicht Lucien ihr neuer Zufluchtsleiter werden würde, dämpfte die Trauer der Familienmitglieder um Proximo ein wenig. Besonders Mirabelle schien ausgesprochen aufgeregt über diese Aussicht zu sein. Sogleich bedrängte sie Lucien und wollte von ihm erfahren, ob er seinen neuen Posten bereits angetreten hatte.

»Die Sprecherin hat mich nur mit der Ehre belegt, sich für mich einsetzen zu wollen, dass die Schwarze Hand mir dies auch wirklich zubilligt«, schwächte er ihren Enthusiasmus ab. »Noch ist nichts entschieden.«

Für die Zufluchtsmitglieder war es das jedoch anscheinend schon. Auch wenn er noch immer sein Bett in den Gemeinschaftsräumen bezog und weiterhin den Rang eines Assassinen bekleidete, wurde er anscheinend bereits als ihr neuer Leiter angesehen. Mirabelle hatte Telaendril für sich gewinnen können, um schon einmal vorsorglich Proximos Raum zu säubern und aufzuräumen, und Mathieu wurde kurzerhand zum Helfen verdonnert.

Lucien weigerte sich, bereits jetzt den Raum zu beziehen, aber es half nicht, die Euphorie der anderen zu dämpfen. Vicente riet ihm, auch nichts weiter dagegen zu unternehmen, da es sie vom Schmerz ihres Verlustes ablenkte und ihnen etwas Gutes gab, woran sie sich festhalten konnten.

Also ließ er es über sich ergehen. Sollte er wirklich den Posten als Leiter dieser Zuflucht erhalten, worauf er mittlerweile ernstlich hoffte, konnte er sich somit schon einmal einarbeiten. Es war eine recht ungewöhnliche Situation, in der sie sich befanden, wie er mittlerweile durch Vicente erfahren hatte. Ungewöhnlicher, als zunächst geglaubt.

In der Geschichte der Dunklen Bruderschaft kam es häufig vor, dass ein Zufluchtsleiter eines gewaltsamen Todes starb; tatsächlich war das die Regel. Üblicherweise war dann jedoch stets ein Stellvertreter zur Hand, der die frei gewordene Position einnahm. In ihrem Fall wäre das seit jeher Vicente Valtieri gewesen. Selbiger weigerte sich jedoch, weiter in den Rängen der Dunklen Bruderschaft aufzusteigen, da er außerordentliche Freude an der Ausbildung junger Rekruten hatte und dies nicht aufgeben wollte. So hatte er stets anderen den Vortritt gelassen, die Aufgabe des Leiters zu übernehmen. Üblicherweise war auch stets ein Mörder mit dem entsprechenden Rang zur Hand. Doch das war dieses Mal anders.

Jeder hier traute es Lucien zu, dass er trotz seines fehlenden Ranges und damit eigentlich der fehlenden Fähigkeiten der Aufgabe gewachsen sein. Doch noch musste auch die Schwarze Hand davon überzeugt werden. Jedenfalls war selbst Vicente der felsenfesten Überzeugung, dass Lucien den Posten erhalten würde – wenn nicht in diesem Jahr, so dann irgendwann in der Zukunft. Und da an dem seiner Meinung nach nicht zu rütteln war, nahm er sich also kurzerhand Lucien erneut zur Brust und begann ihn zu lehren, was ein Zufluchtsleiter seiner Meinung nach wissen musste. Wissen konnte nie schaden, predigte er erneut.

Lucien war dankbar um die Lektionen, wenn auch nicht hauptsächlich der Lektionen wegen. Sie erinnerten ihn an seine Anfangszeit bei der Bruderschaft, eine Zeit, in der noch alles wild und neu und aufregend gewesen war und vor allem eines: besonders.

Oh ja, er trauerte Proximo nach, kaum minder als jeder andere in der Zuflucht. Proximo war ihr aller Vorbild gewesen, ihre Stütze im Sturm und das Licht in der Dunkelheit. Er hatte stets Rat gewusst und war so etwas wie eine Vaterfigur für sie alle gewesen. Sein Tod hatte sie getroffen und tiefe Wunden gerissen – umso mehr, da sie sich sicher waren, dass es Selbstmord gewesen war. Dass sie am Ende nicht hatten zurückgeben können, was er ihnen gegeben hatte …

Nun sollte es an Lucien sein, diese Rolle zu übernehmen. Die Lektionen, die Vicente ihm erteilte, lenkten ihn davon ab, in seiner Trauer zu versumpfen.

Und da auch die anderen nichts anderes zu tun hatten und ebenfalls etwas gegen die Lethargie tun wollten, die auf den Schmerz folgte, stürzten sie sich in die Arbeit. Sithis hielt reiche Ernte dieser Tage, und vielleicht war es auch ein Akt der Rache an der Welt, dass sie ihnen diesen Schmerz zugefügt hatte. Nur in die Kaiserstadt wagte sich niemand, sowohl Lucien als auch Vicente verboten es.

»Was bringt uns ein verzweifelter Angriff?«, meinte Lucien. »Wir würden enden wie Proximo – oder schlimmer. Nein, wir halten uns zurück. Noch. Ich verstehe das Verlangen nach Rache an Phillida. Doch Rache wird umso süßer, je besser durchdacht sie ist. Unsere Zeit wird kommen, doch nicht heute.«

Es passte nicht jedem, das sah er in ihren Gesichtern, doch sie fügten sich. Seine Autorität war bereits anerkannt worden, bevor es überhaupt nötig gewesen wäre.

In Vicentes Lektionen lernte Lucien schnell, dass auf ihn weit mehr Verwaltungsarbeiten zukommen würde, als er gedacht hatte. Im Moment übernahm Vicente all das, um die Zuflucht in der Übergangsphase am Laufen zu halten, doch er ging alsbald dazu über, Lucien mehr und mehr in diese Arbeit einzuarbeiten. Es war ungewohntes Handwerk für ihn, der bisher vor allem aktiv tätig gewesen war, statt hinter einem Schreibtisch zu sitzen und Akten zu sichten und sortieren. Es gefiel ihm nicht wirklich, stellte er alsbald fest, zumal er die Aussicht hatte, in Zukunft wesentlich weniger im aktiven Einsatz zu sein, sollte er die Leitung der Zuflucht übernehmen. Wohl oder übel würde er sich damit wohl arrangieren müssen. Außerdem gab Vicente ihm die Aussicht, dass seine Arbeit nicht immer so monoton und langweilig sein würde.

»Uns alle dürstet es nach Blut«, sagte er. »Manchmal hat die Schwarze Hand selbst einen besonderen Auftrag, der nur an die fähigsten Mitglieder unserer Familie herangetragen wird. Dann wirst auch du wieder in den Genuss der einfachen Freuden des Lebens kommen.«

Einige Wochen gingen ins Land, in denen sie kein Wort von Drewani erreichte. Lucien wartete geduldig, doch er konnte nicht leugnen, dass er innerlich unruhig und nervös war. Er wollte wissen, wie die Schwarze Hand entscheiden würde und wie es um ihre Zuflucht – und seine Zukunft in ihr – beschieden sein würde.

Die Trauer um Proximo war zu spüren, doch wurde sie durch emsiges Treiben überspielt. Und Lucien war froh darum, denn so konnte er seine Gedanken auf andere Dinge als unnützes Brüten richten. Auf einmal war er fast schon froh darum, Akten zusammen mit Vicente einzusortieren und sich in die Details von Proximos Wirken einzuarbeiten; auch Vicente als sein Stellvertreter hatte nie alle Details erfahren.

Lucien fiel dabei etwas auf, mit dem er nicht gerechnet hätte: Sie waren knapp bei Kasse.

»Ich dachte, wir hätten in den letzten Jahren gut gewirtschaftet«, sagte er. »Die Zuflucht ist gut bestückt, wir haben fähige Assassinen.«

»Und je fähiger sie sind, umso besser wollen sie bezahlt werden«, erwiderte Vicente. »Sicher, wir haben einiges Geld erwirtschaftet. Der Zufluchtsleiter erhält übrigens eine Provision an allen Aufträgen, die an die Zuflucht übermittelt werden; das wird für dich nicht ganz uninteressant sein, dass du dann fortan quasi ein festes Gehalt hast und nicht mehr nach Leistung bezahlt wirst, wenn du den Posten bekommst. Nun ja, wie gesagt. Geld floss reichlich in die Zuflucht. Es floss jedoch auch reichlich weiter an die Mitglieder.«

Lucien sann einen Moment über die Zahlen nach. »Vielleicht sollte man ein System einführen, dass jedem Mitglied einen bestimmten Anteil am Gewinn der Zuflucht zuspricht«, sagte er. »Momentan haben wir kaum Rücklagen für alltägliche Dinge. Reparaturen, Kleidung, Alltagsgegenstände … Dinge, die über den täglichen Gebrauch hinaus auch ersetzt und neu angeschafft werden müssen. Wenn da plötzlich etwas Teureres ansteht, könnte es eng werden. Vielleicht sollten die Gehälter neu verteilt werden, so dass am Ende mehr für die Zuflucht selbst übrig bleibt.«

»Vielleicht«, meinte Vicente wenig überzeugt. »Aber möchtest du vielleicht am Ende weniger Geld bekommen, vielleicht sogar gleich viel wie neue Rekruten?«

»Wenn es der Zuflucht zugutekommt, ja. Warum, nicht?«

»Oh, ich vergaß«, murmelte Vicente. »Dein Verhältnis zu Geld ist etwas eigenwillig. Nun, Lucien, es gibt Leute, die durchaus etwas mit ihrem Geld anzufangen wissen und sich nicht wie du über die Jahre ein beachtliches Vermögen ansparen, das nur in der Ecke liegt und nicht genutzt wird.«

»Dann weiß ich ja jetzt, was ich damit anfangen kann!«, bemerkte Lucien enthusiastisch. »Vielleicht kann ich die anderen dazu bewegen, es mir gleich zu tun.«

»Wenn ich den Einwurf wagen darf: Lieber nicht«, hielt Vicente dagegen. »Das ist ihr hart verdientes Geld, das ihnen persönlich gehört. Was sie damit anfangen, ist ihre Sache. Und wenn sie es verhuren und versaufen, das sollte uns im Moment egal sein, so lange niemand die Zuflucht und die Bruderschaft gefährdet. Du kannst mit, nennen wir es, gutem Beispiel vorangehen und hoffen, dass es auf Nachahmer stößt. Aber es aktiv anzuregen, davon würde ich abraten.«

Wieder verfiel Lucien in Schweigen. Vicente hatte schon Recht damit, dass sein Verhältnis zu Geld etwas eigenwillig war. Es fiel ihm in der Tat schwer, einen anderen Standpunkt einzunehmen. Doch dann nickte er.

»Das klingt einleuchtend«, räumte er ein. »Ihr habt Recht.«

»Immer doch!« Vicente lachte.

Drewani ließ sich Zeit, und allmählich wurde Lucien nervös. Was wäre, wenn sie die Schwarze Hand nicht von Lucien überzeugen konnte? Dann würde jemand anderes, jemand Fremdes diese Zuflucht leiten und vielleicht würde er irgendwann später diesen Posten bekommen. Er versuchte sich einzureden, dass das kein Beinbruch wäre und nichts, das für ihn ein Drama bedeuten würde. Dennoch konnte er nicht verhindern, dass sich leise Zweifel einschlichen.

Es konnte ja immer sein, dass etwas Unvorhergesehenes dazwischen kam. Er könnte bei einem zukünftigen Auftrag dauerhaft verletzt oder gar getötet werden; bei Sithis, zum Glück war er bisher nur mit einigen attraktiven Narben davon gekommen, die ihm mitunter ein recht verwegenes Aussehen verliehen. Aber in seinem Gewerbe war nichts sicher.

Und dann malte er sich aus, was passieren würde, wenn die Schwarze Hand beschließen würde, dass er ein Aufschneider war, der es nicht verdient hatte, jemals einen höheren Rang als den eines Assassinen zu bekleiden. Dann wäre gewiss eines sicher: Seine Kariere war beendet.

Er erzählte Vicente von seinen Sorgen, und auch wenn dieser ihm versicherte, dass da herzlich wenig Wahres dran war und er aus einer Mücke ein Mammut machte, nahm es Lucien kaum etwas von seinen Sorgen. Oh, sicher war er sich dessen bewusst, dass sein Mentor Recht hatte – wieder einmal –, aber rationaler Verstand war manchmal so eine Sache.

Furcht und unbändiges Verlangen nach einem Ergebnis jedweder Art vermischten sich miteinander, als Drewani nach fast zwei Monaten wieder in der Zuflucht erschien. Lucien fühlte sich wie ein Säbelzahntiger des frostigen Skyrim, eingesperrt in einen Käfig und jederzeit zum Sprunge bereit, als er Drewani gegenüber trat, damit sie vor allen Mitgliedern der Zuflucht im Hauptraum ihre Nachricht überbringen könne.

Telaendril lugte misstrauisch an der Sprecherin vorbei, als könne Drewani hinter sich oder gar unter ihrem Gewand irgendeinen Fremdling verbergen, den die Waldelfe hier nicht haben wollte. Auch die anderen Mitglieder waren in freudiger Erwartung. Drewanis Nachricht schien nur mehr eine Formalität zu sein, eine offizielle Bestätigung dessen, was ohnehin fest stand.

Lucien hielt sich etwas im Hintergrund und knetete seine Hände. Eine steile Falte stand zwischen seinen Brauen. Vicente war an seine Seite getreten und legte ihm nun beruhigend eine Hand auf die Schulter.

»Denk daran: Das ist kein Weltuntergang«, raunte er ihm zu.

Früher, als er noch ein Kind war, hätte sich Lucien genommen, was er gewollt hätte. Er hatte seine eigene Bande regieren wollen, also hatte er sich die Führerschaft genommen. Nun hatte er gelernt, dass solches Verhalten denen, die einem wichtig waren, zum Nachteil reichen konnte und man in einer Familie aufeinander Acht gab. Man gab in einer Familie – doch erhielt man auch. Und was man erhielt, war so unendlich viel mehr und wertvoller als das, was man gab.

Lucien liebte seine Familie, die einzige Liebe, zu der er im Stande war. Und darum nahm er vom Rest der Welt, um seiner Familie zu geben.

Wenn seine Familie nun entschied, dass sie ihm den Posten des Leiters nicht geben konnte, dann würde er so viel von der Welt nehmen, bis seine Familie genug hatte, um ihm eines Tages doch geben zu können, wonach es ihn verlangte.

Drewani beachtete die kleine Traube der Zufluchtsmitglieder nicht, die sich um sie gebildet hatte, sondern sah Lucien fest in die Augen.

»Ich denke, Ihr werdet Euch des Vertrauens als würdig erweisen, dass die Schwarze Hand in Euch setzt, Henker Lachance«, sagte sie nur, und ein schmales Lächeln umspielte ihre Lippen.

Für einen Moment herrschte Schweigen, in denen alle verarbeiten mussten, was diese Worte bedeuteten. Dann brach Jubel und Freudengeschrei aus.

»Meister Lachance und kein anderer!«, rief Telaendril enthusiastisch aus und warf die Faust in die Luft.

Vicente stieß ihm kameradschaftlich den Ellbogen in die Seite. »Siehst du, deine Panikmache war reine Energieverschwendung«, sagte er mit einem breiten und sichtlich glücklichen Lächeln. »Wie ich es dir gesagt habe!« Stolz stand ihm in die Augen geschrieben.

Lucien fand keine Worte für die Ehre, die ihm soeben zuteil geworden war. Dafür vorgeschlagen zu werden, war das eine. Nun tatsächlich der neue Leiter dieser Zuflucht sein zu dürfen, etwas völlig anders. Er strahlte über das ganze Gesicht und fand keine Worte, die den Sturm an Gefühlen in ihm Ausdruck verliehen würden.

Er hatte gerade erst begonnen, nach den Sternen zu greifen.