Kapitel 26
Opfer des Krieges
Harry kam langsam wieder zu Bewusstsein und runzelte orientierungslos die Stirn. Er fühlte etwas schweres, das auf seinem Rücken lag und sein Kopf pochte gnadenlos. Der beißende Geruch von Rauch erfüllte die Luft und er hustete in dem Versuch, seine Lungen von Staub und Dreck zu befreien. Benommen öffnete er seine Augen, aber die Luft war so staubig, dass er nichts erkennen konnte, was mehr als ein paar Meter in jede Richtung entfernt war. Sein Körper schmerzte und als er seinen Arm hob, um eine schmerzhafte Stelle an seinem Hinterkopf zu reiben, fühlte er etwas warmes, klebriges. Überrascht zog er seine Hand zurück und sah die hellroten Blutsflecken an seinen Fingerspitzen.
Ein weiteres Mal wurde er sich des Drucks auf seinem Rücken gewahr. Er versuchte sich aufzurichten, konnte sich aber nicht bewegen. Etwas großes, schweres drückte ihn zu Boden. Er versuchte, es von sich herunter zu schieben, aber vergeblich. Verzweifelt suchte er nach seinem Zauberstab, konnte ihn aber nicht sehen. Er glaubte, dass er ihm in die Brust piekte und nahm an, dass er unter ihm eingeklemmt war. Was lag auf ihm? Er drehte seinen Kopf so weit wie möglich und reckte seinen Hals, um etwas zu sehen.
Es schien ein Teil einer Mauer des Fuchsbaus zu sein. Er fing an, Bewegung zu hören, leise Stimmen, konnte aber nicht erkennen, wer es war. Er glaubte, jemanden weinen zu hören. Was ist passiert? Er schloss seine Augen und konzentrierte sich für einen Moment, als die Bilder des Kampfes, der stattgefunden hatte, seinen Verstand erfüllten.
Moony! Immer wieder erinnerte sich sein Verstand daran, wie Remus zu Wurmschwanz Füßen zusammengebrochen war und sein Brustkorb zog sich zusammen. Verzweifelt kämpfte er darum, sich zu befreien und schrie schon fast vor Enttäuschung, als die Mauer sich nicht rührte. Panik überwältigte ihn. Remus musste in Ordnung sein, er musste einfach! Er hob seine Hand und brüllte: „Wingardium Leviosa!". Die Wand erhob sich über ihm, so dass er frei war und herauskriechen konnte.
In dem Moment als er aufstand, brach er wieder zusammen und ein höllisch stechender Schmerz durchfuhr sein Bein. Er drehte sich um, um sich den Schaden anzusehen und entdeckte, dass ein gesplittertes Stück Holz in seinem linken Oberschenkel steckte. Seine Hose war um die Wunde herum blutgetränkt. Er hatte keine Zeit für so etwas. Er ergriff das Stück Holz, packte kräftig zu und zog mit all seiner Kraft daran. Mit einem ekelhaften, saugenden Geräusch zog er das Holz heraus und schrie vor Schmerzen als es ganz heraus war.
Jemand musste ihn gehört haben, denn er hörte näherkommende Schritte. Er konnte sich auf nichts als den starken Schmerz in seinem Bein konzentrieren, während er versuchte, den Blutfluss mit seinen Händen zu stoppen. Er musste Moony finden!
„Harry!", sagte Mr. Weasley seufzend, als er neben ihm zu Boden fiel und die klaffende Wunde in Harrys Bein betrachtete. „Halte durch, Sohn, lass mich sehen, ob ich es nicht wenigstens abbinden kann."
Er nahm den Gürtel um seinen Bauch ab, schnürte ihn direkt oberhalb der Wunde und verlangsamte damit den Blutfluss. Mr. Weasley war schmutzig und er blutete leicht aus einer Schnittverletzung über seiner linken Augenbraue. Er war verkrampft und als er sich beeilte, Harrys Blutung zu stoppen, arbeitete er ruckartig.
„Moony", fing Harry an, aber Mr. Weasley unterbrach ihn.
„Ich habe ihn bisher noch nicht gesehen, Harry. Deinem Onkel und Cousin geht es gut, aber wir mussten sie betäuben, um sie ruhig zu stellen. Es tut mir leid, aber es gab wirklich keine Alternative."
„Schon in Ordnung", sagte Harry. Er konnte nicht glauben, dass er über das Betäuben von Onkel Vernon redete, wenn Remus... Nein! Ihm ging es gut! Es musste ihm gut gehen. Das konnte nicht schon wieder passieren, Remus musste in Ordnung sein.
„Bitte, Mr. Weasley, ich muss Moony finden! Er hat mit Wurmschwanz gekämpft. Der hat ihn mit seiner silbernen Hand berührt!" Harry hasste es, dass sich seine Stimme so verzweifelt, so flehend anhörte, aber im Moment konnte er nichts dagegen tun, er musste ihn finden, bevor es zu spät war.
Mr. Weasley riss vor Schock und Sorge die Augen weit auf, während er sich umsah und versuchte, Remus durch die dicke, staubige Luft zu sehen. Er musste etwas entdeckt haben, denn er blinzelte, bevor er aufstand und zu einer Stelle, nicht weit von dort, wo Harry lag, stürzte.
Mit letztem Willen stand Harry auf und folgte ihm, sein Bein hinter sich herschleifend. Er schien ewig zu brauchen, bis er den hinuntergebeugten Mr. Weasley erreichte. Erst als er neben ihm niedersank erkannte er, dass es nicht Remus war, um den er sich kümmerte, sondern Tante Petunia.
Der Verband, den Remus ihr angelegt hatte, hatte den Blutfluss verlangsamt. Harry konnte das leichte Heben und Senken der Brust sehen und wusste so, dass sie noch am Leben war. Er fühlte sich deshalb erstaunlich erleichert. Mr. Weasley schaute ihn ernsthaft an. „Wir müssen sie nach St. Mungos schaffen, aber ich denke sie wird wieder gesund. Merlin sei Dank hatte jemand die Vorraussicht, das zu tun", sagte er und nickte in Richtung des Verbandes.
„Moony", flüsterte Harry gebrochen. Remus hatte Tante Petunia gerettet. Es musste ihm gut gehen!
Mr. Weasley nickte und legte eine Hand auf Harrys Schulter. „Lass mich deine Tante rüber zum Haus bringen, dann helfe ich dir suchen. Der Orden ist irgendwo hier, ich habe gesehen, wie sie angekommen sind."
Harry nickte stumm und stand mit seinem protestierenden Bein wieder auf. Er humpelte in die Richtung, wo er glaubte, dass Remus vor der Explosion gewesen war. Die Luft wurde langsam wieder lichter, aber der Rauch war immer noch ziemlich dick. Er versuchte ein weiteres Mal seine Legilimentik-Fähigkeiten zu nutzen, öffnete seinen Verstand und tastete sich hinaus, obwohl er noch nicht einmal wusste, wonach genau er suchte.
Schmerz, unglaublicher Schmerz. Harry stolperte und versuchte dorthin zu laufen, wo die Gefühle herkamen. Er versuchte die Verbindung so lange wie möglich offen zu halten, bis die Übelkeit zu viel wurde und er würgte. Schnell richtete er sich wieder auf und bewegte sich auf etwas zu, was er jetzt als eine Person erkannte, die auf dem Boden lag. Es war Remus!
„Moony!", schrie Harry, warf sich neben seinem verletzten Freund auf die Erde und ignorierte dabei den stechenden Schmerz in seinem Bein. Remus war unglaublich blass und Harry konnte um seinen Hals deutlich Verbrennungen in der Form von Fingerabdrücken erkennen.
Er schüttelte ihn vorsichtig, dann aber stärker und stärker als er nicht reagierte. „Wach auf, Moony, wage es ja nicht, mich jetzt zu verlassen! Du hast es versprochen! Du hast es Sirius versprochen und ich lasse dich nicht so einfach vom Haken. Bitte wach auf, stirb mir jetzt nicht weg!"
Harry wusste, dass er kurz davor stand, in Tränen auszubrechen, aber das war ihm egal. Remus stieß ein sehr leises, aber deutliches Stöhnen aus und für Harry war es das schönste Geräusch, das er je gehört hatte. Als Remus wieder stöhnte fingen Harrys Tränen an zu fallen, aber sie waren mit Lachen gemischt. „Dir geht es gut, Moony, halte einfach durch. Wir bringen dich ins St. Mungos und dann wird alles wieder gut!"
Müde öffnete Remus die Augen und Harry konnte den Schmerz in ihnen erkennen. „Harry", flüsterte er.
„Shh, alles ist in Ordnung, Moony. Der Orden ist jetzt hier, wir werden dir helfen."
„Bist du in Ordnung?", Remus Stimme war schwach und Harry fand es unglaublich, dass Remus, nach allem was passiert war, ihn fragte, ob er in Ordnung war.
„Natürlich, Moony, aber um dich mache ich mir Sorgen. Dieser verdammte Wurmschwanz ist entkommen!", fauchte Harry wütend.
Remus ignorierte ihn. „Du blutest."
„Nur ein paar Kratzer", antwortete Harry, die Sorge gar nicht beachtend. Remus Augen flatterten und seine Atmung wurde immer schwerer. „Halte einfach durch."
Remus schluckte schwer und suchte ein weiteres Mal Harrys Augen. „Hör mir zu, Harry-"
„Nein!", unterbrach Harry ihn. Sein Herz war voller Angst davor, was Remus ihm sagen wollte. „Du ruhst dich jetzt aus, bis wir Hilfe holen können."
„Hör mir zu, Harry", wiederholte er bestimmt und Harry biss sich fest auf die Lippe. „Was immer auch passiert, du wirst es überstehen. Du kannst das schaffen. Höre auf, alle von dir wegzustoßen, ihre Liebe für dich ist, was dir Kraft gibt. Deine Eltern haben dich geliebt. Sirius hat dich geliebt. Und ich liebe dich auch, Harry. Was immer auch passiert, gib nicht auf."
„GIB DU NICHT AUF!", schrie ihn Harry an. „Wag es ja nicht, dich von mir zu verabschieden, Moony, denn ich werde das nicht tun! Ich werde es dir nicht vergeben, wenn du mir wegstirbst! Kämpfe! Kämpfe mit allem, was du in dir hast!"
„Harry!"
Harry sprang auf und erschrak bei dem Anblick von Professor Dumbledore, der mit Mr. Weasley neben ihm auf ihn zukam.
„Helfen Sie ihm!", bat er den Direktor eindringlich. Wenn ihn irgendjemand retten konnte, dann doch sicher Dumbledore, oder?
Dumbledore kniete sich neben Remus und hob seine Hand über ihm. „Ganz ruhig, Remus, wir werden Hilfe für dich holen", flüsterte er sanft. Er nahm einen Stein vom Boden auf und murmelte: „Portus."
Dann wandte er sich Harry und Arthur zu. „Arthur, ich werde Remus sofort direkt nach St. Mungos bringen. Du musst Harry sofort sicher zurück zum Grimmauldplatz bringen."
„NEIN!", rief Harry. Er wusste, er hörte sich hysterisch an, aber das war ihm egal, er würde Remus nicht allein lassen. „Ich will bei ihm bleiben."
„Das weiß ich, Harry", sagte Dumbledore behutsam. „Aber im Moment müssen wir uns um die Verletzten kümmern und wir haben keine Zeit für die Ablenkungen, die bei deiner Gegenwart entstehen würden. Es tut mir leid, Harry, ich weiß, du machst dir Sorgen. Madam Pomfrey ist am Grimmauldplatz und kann deine Verletzungen versorgen. Ich verspreche dir, ich werde es dich sofort wissen lassen, wenn es Neuigkeiten gibt."
Harry versuchte, den Kloß in seinem Hals herunterzuschlucken und gab still nach. Dumbledore hatte recht, sie konnten das Chaos nicht gebrauchen, das ausbrechen würde, wenn Harry Potter in der Notfallstation war. Er wollte auch nicht, dass irgendjemand seine Zeit damit verschwendete, ihn zu beschützen, wenn er irgendwo besser eingesetzt werden konnte.
„Passen Sie gut auf ihn auf", flüsterte er, als Remus und Dumbledore verschwanden. Harry fühlte sich auf einmal unermesslich erschöpft. Das ganze Adrenalin, das ihn angetrieben hatte, war auf einmal verflogen und er sackte zu Boden. Wie betäubt merkte er noch, wie Mr. Weasley seine Arme unter Harrys legte und ihm auf die Beine half.
„Komm schon, mein Sohn, stütz dich auf mich", sagte er und langsam machten sie sich auf den Weg dorthin, wo einst der Fuchsbau gestanden hatte. Harry konnte jetzt viele Stimmen und Geräusche ausmachen, nahm sie aber nur dumpf wahr. In Wahrheit konnte er nur ein entferntes Klingen in seinen Ohren wahrnehmen. Mehrere Male stolperte er, aber Mr. Weasley schaffte es, ihn auf seinen Beinen zu halten.
Von Nahem war der Schaden immens. Einige Holzbalken standen immer noch aufrecht, um sie herum einsame Figuren neben der Masse an Trümmern. Teile von Möbeln und Stofffetzen waren überall verteilt. Im Zentrum der Stelle, wo die Küche hätte sein sollen, konnte Harry die Überreste der Weasley-Familienuhr erkennen.
Er starrte sie wie betäubt an und konnte nicht verstehen, warum er nichts empfand. Das sollte ihn doch bestimmt traurig, oder wütend, oder irgendetwas machen! Tatsächlich aber war er nur taub.
Mr. Weasley steuerte ihn zu Tonks hinüber und sie rannte auf sie zu, ihr Gesicht vor Sorgen angespannt. Sie trug ein Samtkleid und ihr Haar war kurz und blond. Harry hatte sie noch niemals so... normal gesehen. Er wusste, dass sie bei ihrer Familie zum Abendessen gewesen war und war auf einmal erschrocken von ihrer Ähnlichkeit mit Draco Malfoy. Sie half Mr. Weasley, Harry auf den Boden zu legen und fragte ängstlich: „Remus?"
„Dumbledore hat ihn schon nach St. Mungos gebracht", antwortete Mr. Weasley ernst. „Bleib für eine Minute bei Harry, während ich einen Portschlüssel zurück zum Grimmauldplatz hole und dann kannst du zu ihm ins Krankenhaus gehen."
„Natürlich", sagte Tonks und setzte sich neben Harry. „Molly und die anderen Kinder sind schon zurückgegangen."
„Was ist mit George?", fragte Mr. Weasley ernst.
Tonks schluckte. „Sie haben ihn zusammen mit Kingsley, den Dursleys und Mr. Granger nach St. Mungos gebracht. Wir haben auch vier der Todesser ins Ministerium geschickt."
Mr. Weasley nickte ernst, als er den Portschlüssel holen ging.
Harry saß da und blinzelte die Trümmer an, sich fragend, was mit George passiert war, aber unfähig, genug Kraft aufzubringen, um zu fragen. Tonks schniefte neben ihm und gerade als er zu ihr hinüberschaute, konnte er die ersten Tränen fallen sehen. Vorsichtig legte er seine Hand auf ihre und sie packte sie fest.
„Er ist stark, Harry. Er wird das überstehen, du wirst sehen." Sie lächelte durch ihre Tränen hindurch. Er war sich nicht sicher, wen von ihnen sie versuchte zu überzeugen.
Mr. Weasley kehrte mit einem kleinen goldenen Schlüssel zurück, den er in Harrys Handfläche legte, als er ihm auf die Beine half. „Schließe einfach deine Hand darum, Harry."
Er tat es und spürte sofort das vertraute Reißen hinter seinem Nabel, das ihn durch Raum und Zeit in die Eingangshalle des Grimmauldplatzes katapultierte. Seine Knie knickten beim Aufprall ein und er stürzte zu Boden. Er schaffte es gerade noch, seine Arme vor sich auszustrecken um seinen Sturz abzufangen.
Mrs. Weasley war im Nu an seiner Seite. „Oh, Merlin sei Dank", schrie sie, als sie ihn in ihre Arme schloss. Sie war voller Staub und Dreck und in ihrer Stimme war Panik zu hören.
Er konnte die Stimmen von Ron und Ginny hören, sie in dem gedämpften Licht aber nicht sehen. Warum ist es hier drinnen so dunkel? Es war auch eiskalt und sein Körper fing an zu zittern. Madam Pomfrey ließ sie alle etwas zurücktreten, während sie anfing, ihn sich anzusehen und grummelte beim Anblick seines Beines. Ihre Finger fuhren über seinen Hinterkopf und als sie die Beule dort erreichte, fauchte er vor Schmerzen. Er hatte ganz vergessen, dass sein Kopf geblutet hatte, als er aufgewacht war.
Er konnte jetzt Ginnys blasses Gesicht sehen. Sie weinte. Sie hatte überall Schnittwunden und blaue Flecke und er konnte eine dicke, geleeartige Salbe sehen, die ihren Arm und etwas, das aussah wie Überreste einer Verbrennung bedeckten.
Ron war neben ihr und sah nicht viel besser aus. Seine Augen waren ganz rot und er trug eine Armschlinge. An der Seite seines Gesichtes schien sich ein riesiger Bluterguss zu entwickeln. Während er sie weiter anstarrte, redeten sie einfach weiter, aber er konnte sich einfach nicht darauf konzentrieren, was sie sagten.
„Er hat einen Schock", hörte er Madam Pomfrey fauchen, aber er wusste nicht, von wem sie redete. Sie drückte ihm einen Becher mit einer violetten Flüssigkeit in die Hand und befahl ihm, sie zu trinken. Er kippte den Becher, schluckte den Inhalt und schlief ein ohne überhaupt zu bemerken, wie Mrs. Weasley seinen Kopf vorsichtig auf den Boden legte.
**************
Hermine saß allein in der Küche am Grimmauldplatz und nippte an einer Tasse Tee. Sie konnte nur an den Fuchsbau denken und spielte die Ereignisse des Nachmittages immer wieder durch. Ihre Mutter schlief im Obergeschoss, der Trank für einen traumlosen Schlaf, den Madam Pomfrey ihnen beiden gegeben hatte, hatte offensichtlich eine viel stärkere Wirkung auf Muggel. Hermine war vor einiger Zeit wach geworden und heruntergekommen, um Tee zu machen, während ihre Mutter weiterschlief.
Der Rest des Hauses war still und sie nahm an, dass alle schliefen, entweder von alleine oder weil Madam Pomfrey sie außer Gefecht gesetzt hatte. Sie wollte verzweifelt etwas über den Zustand ihres Vaters wissen und entschied, dass die Küche immer der erste Anlaufpunkt für jeden war, der in das Haus kam. Deshalb würde sie dort warten.
Hermine war im Fuchsbau gewesen, als die Todesser ankamen. Harry war hinter den Dursleys hergerannt und Mr. Weasley hatte sie von der Tür aus beobachtet. Sie waren ihm in den Garten gefolgt, als die Todesser ankamen. Hermine hatte versucht, ihre Eltern dazu zu bringen, sich zu ducken und aus der Schusslinie zu bleiben, aber ihr Vater wurde trotzdem von einem Fluch getroffen. Hermine war sich immer noch nicht sicher, was für ein Fluch das gewesen war. Wie in einem schlechten Film sah sie ihn in ihrem Kopf immer und immer wieder zu Boden fallen.
Hermine fühle sich schuldig. Ihre Eltern hatten gewollt, dass sie nach Hause kommt, sie hatten sie nur sehen wollen. Sie hatte in den letzten zwei Jahren viel zu wenig Zeit mit ihnen verbracht und sie wollten ein Weihnachtsfest mit der Familie. Sie hatte sie gedrängt, den Fuchsbau zu besuchen und sie hatten zugestimmt, weil sie wussten, wie sehr sie mit ihren Freunden zusammen sein wollte.
Hermine hatte um die Gefahr gewusst, in die sie ihre Eltern mit ihrer Anwesenheit brachte und sie hatte diese Gefahr akzeptiert. Sie hatte ihren Eltern nie die ganze Wahrheit darüber erzählt, was wirklich passierte. Hermine befürchtete, dass sie, wenn sie alles wüssten, versuchen würden, sie aus Hogwarts wegzuholen. Sie waren Muggel und natürlich würden sie sich dann in ganz besonderer Gefahr befinden. Was hatte sie sich nur dabei gedacht?
Hermine war sich der Ironie der Situation, in der sie sich gerade befand, durchaus bewusst. Seit Jahren brachte Harry sie zur Verzweiflung, weil er sich an allem Schlimmen, was passierte, ständig die Schuld gab. Er fühlte sich schuldig, wenn jemand erkältet war! Sie hatte ihm deswegen das Leben wirklich nicht leicht gemacht. Natürlich, seitdem sie gesehen hatte, wie ihm seine Verwandten beim Abendessen die Schuld zugeschoben hatten, konnte sie etwas besser verstehen, warum er so war.
Durch diese Sache mit ihrem Dad jetzt konnte sie viel besser verstehen, wie Harry sein Leben verbracht hatte. Obwohl sie zweifelsohne wusste, dass es die Todesser waren, die das getan hatten, konnte noch so viel Logik nicht das Gefühl der Schuld überwinden. Es war überwältigend und erfüllte sie vollständig. Wie konnte Harry jeden Tag damit fertig werden?
Ihnen wurde gesagt, dass Lupin schwer verletzt war und eine Silbervergiftung hatte und sie fragte sich, was jetzt mit ihm passierte. Harry könnte jetzt mit einem weiteren Verlust nicht umgehen und sie wusste, dass er, sobald er aufwachte hier mit ihr sitzen und die Schuldgefühle mit ihr teilen würde. Sie war sich sicher, dass er sie auch fühlen würde.
Dann war da noch der Fuchsbau. Sie konnte nicht glauben, dass er nicht mehr da war! Sie hatte entsetzt beobachtet, wie die Mauern eingestürzt waren. Sie und Ron hatten sich aneinander festgehalten als die Flammen das einzige Zuhause niedergebrannt hatten, das Ron je gekannt hatte. In Wahrheit war es für sie auch ein Zuhause gewesen. Sie war sich sicher, dass sie, nachdem klar war, dass ihr Vater wieder gesund wurde, mit Ron zusammen den Verlust seines Heimes betrauern würde.
George Weasley war schon zum Anfang von einem Schneidefluch niedergestreckt worden, dem gleichen, von dem auch Tante Petunia getroffen worden war. Hermine und Ron hatten entsetzt mit angesehen, wie Fred aufs Schärfste mit dem Todesser gekämpft hatte, der seinen Bruder niedergestreckt hatte und den Mann dann schließlich schockte. Sie erinnerte sich, dass er bewegungslos am Boden gelegen hatte, als der Fuchsbau explodierte.
Kingsley Shacklebolt, der mit Charlie und dem Rest des Ordens angekommen war, war unter einem Haufen Schutt eingeklemmt worden. Als sie, Ron, Ginny und ihre Mutter zurück zum Hauptquartier transportiert worden waren, hatten sie gesehen, wie sie ihn ausgruben. Ginny hatte herumgeschrien, weil sie nicht wusste, wo Harry war, aber niemand hörte ihr zu. Sie wollten die Kinder einfach nur aus dem Weg haben und versprachen, Harry schnell hinterherzuschicken.
Harry. Mal abgesehen von allem was geschehen war, nachdem die Todesser angekommen waren, war immer noch Harrys schreckliche Familie zu berücksichtigen. Was würde jetzt mit Harry geschehen? Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Dumbledore ihn zu diesen Menschen zurückgehen lassen würde, nicht nach all dem, was sie mit angesehen hatten. Ihr Freund hatte mehr vor ihnen verheimlicht, als sie sich je vorgestellt hatte.
Sie und Ron hatten Harry erstaunt und ehrfürchtig dabei beobachtet, wie er mit den Todessern gekämpft hatte. Wo hatte er gelernt, so zu kämpfen? Sie wussten, dass er sich um sich selbst kümmern konnte, das hatte er immer wieder bewiesen, aber das war etwas ganz anderes. Das war mehr als nur Magie gewesen, Harry hatte Kampfkunst benutzt, die ziemlich fortgeschritten ausgesehen hatte. Hermine hatte noch nicht einmal gewusst, dass er so etwas auch nur annähernd konnte.
Sie wusste, dass in den letzten Monaten bei Harry mehr los gewesen war, als er erzählte hatte. Es war offensichtlich, dass er immer noch Dinge für sich behielt und sie war sich ziemlich sicher, dass es mit der Prophezeiung aus der Mysteriumsabteilung zu tun hatte. Hermine hatte immer Spaß an einem guten Rätsel und strebte danach, es zu lösen. Sie hätte sich schon vor langer Zeit daran machen sollen, dieses Rätsel zu lösen, aber sie hatte sich zurückgehalten.
Harry hatte ihr während der Sommerferien gesagt, dass er noch nicht bereit sei, zu reden und sie wusste aus ihrer großen Erfahrung, dass er sich nur noch weiter in sich zurückzog, wenn man ihn drängte. Trotzdem, wenn sie es wirklich wollte, könnte sie die Antworten jetzt haben. Und genau da lag das Problem. Irgendwie hatte sie den Verdacht, dass sie, was immer Harry verheimlichte, gar nicht wirklich wissen wollte. Das musste sich ändern. Harry würde reden müssen, ob er wollte, oder nicht.
Solange Remus lebte... Wenn Harry Remus auch noch verlor... Sie war sich wirklich nicht sicher, ob er das überstehen könnte. Hermine nahm einen weiteren Schluck Tee und schaute ein weiteres Mal zur Tür, auf ein Lebenszeichen hoffend, das ihr sagen konnte, was vor sich ging.
***************
Als Harry etwas später aufwachte, konnte er Rons Schnarchen vom Bett auf der anderen Seite des Raumes hören. Es war stockdunkel, aber er nahm an, dass sie in ihrem Zimmer am Grimmauldplatz waren. Er lag dort und versuchte mit einem immer stärker werdenden, flauen Gefühl im Magen zusammenzusetzen, was passiert war. Er musste herausfinden, wie es Moony ging.
Er setzte sich taumelig hin und griff, zum ersten Mal in seinem Leben, nicht sofort nach seiner Brille. Er glaubt nicht, dass er im Moment irgendetwas klar sehen wollte. Frohe Weihnachten, dachte er bitter. Er musste nach unten gehen und herausfinden, ob es schon Neuigkeiten von Remus oder den anderen gab. Dunkel erinnerte er sich daran, gehört zu haben, dass George etwas passiert war. Hermine war nicht da gewesen, als er angekommen war, oder zumindest hatte er sie nicht gesehen. Er hoffte, ihrem Vater ging es gut.
Er dachte auch an die Dursleys. Mr. Weasley hatte gesagt, dass Tante Petunia wieder gesund würde, aber trotzdem... sie mussten in einem Zaubererkrankenhaus eine solche Angst haben. Zwar mochte er seine Verwandten nicht sonderlich, aber das hatten sie nicht verdient. Vielleicht wünschte er sich, sie niemals wiedersehen zu müssen, aber er wollte sie lebendig haben, während er sein Leben woanders lebte.
Er erinnerte sich an Ginnys verweintes Gesicht und erkannte, wie sehr er sie sehen und sicherstellen wollte, dass es ihr gut ging. Er wollte gar nicht erst über den Fuchsbau nachdenken, er konnte sich nicht vorstellen, wie Ron und Ginny sich fühlen mussten. Seufzend setzte er sich die Brille auf und stand langsam auf. Schmerz durchfuhr plötzlich sein Bein. Es war steif und deshalb schüttelte er es etwas aus, versuchte die Muskeln zu lockern. Er zog seinen Morgenmantel über seinen Schlafanzug und humpelte auf den Flur.
Er hielt für eine Minute vor Ginnys Tür inne und legte eine Hand darauf. Sie schlief wahrscheinlich, er sollte sie nicht stören. Trotzdem konnte er nicht leugnen, dass er es wollte. Die Dinge schienen immer... besser, wenn sie bei ihm war. Er lief weiter, schaute kurz in den Salon, aber er war leer. Er stellte fest, dass er sich sehr stark darauf konzentrieren musste, einfach einen Fuß vor den anderen zu setzen. Er fühlte sich, als ob seine ganze Welt ein Kartenhaus war, das in einen Wirbelsturm geraten war. Eine falsche Bewegung und es würde zusammenfallen.
Er lief weiter in Richtung Küche. Mit jedem Schritt schlug sein Herz stärker. Sicherlich hätten sie ihm gesagt, wenn... Nein, es ging ihm gut. St. Mungos war wahrscheinlich sehr voll. Dumbledore hatte etwas von mehreren Angriffen an dem Tag gesagt. Er erreichte die Tür zur Küche und konnte ein Licht durch die Ritze scheinen sehen. Er atmete tief durch, drückte gegen die Tür und fand Hermine, die alleine dasaß und an einer Tasse Tee nippte.
„Harry!", sie stand auf, rannte auf ihn zu und schloss ihn fest in ihre Arme. „Geht es dir gut? Du humpelst?"
Er klopfte ihr auf den Rücken und steuerte sie sanft zurück zu ihrem Stuhl, bevor er sich selbst hinsetzte. „Ich bin in Ordnung. Wo sind alle? Wie geht es deinem Dad?"
Sie zuckte mit den Schultern. „Ich weiß es nicht. Alle anderen schlafen, ich warte darauf, dass jemand mit Neuigkeiten kommt. Als wir angekommen sind, hat Madam Pomfrey meiner Mutter und mir einen Schlaftrank gegeben."
„Ja, ich glaube sie hat mir auch einen gegeben. Alles, was passiert ist, nachdem ich hergekommen bin, ist ziemlich verschwommen."
Hermine goss ihm eine Tasse Tee ein und schob sie zu ihm hin. „Schokofrosch?", fragte sie und reichte ihm einen von den vielen, die vor ihr lagen.
Harry entschied, dass er keinen Hunger hatte und trank einen Schluck Tee. „Wie spät ist es?"
„Ich bin mir nicht sicher, weit nach Mitternacht. Jemand hätte inzwischen mit Neuigkeiten hier sein sollen. Es ist nur-" Hermine verstummte, als sie ihren geöffneten Schokofrosch anstarrte. Sie hatte einen erschrockenen Gesichtsausdruck, der Harry etwas Sorgen bereitete.
„Hermine, was ist los? Geht es dir gut?"
Hermine schüttelte ihren Kopf und versteckte die Karte in ihrer Hand. „Gib mir die Karte, Hermine."
„Es ist nichts, Harry. Ich denke nicht-" Sie wurde wieder unterbrochen, als er sich hinüberstreckte und ihr die Karte aus der Hand riss. Er saß vollkommen erstarrt und ungläubig da und sah das Abbild von sich selbst auf der Schokofroschkarte an. Das Foto musste irgendwann während des trimagischen Turniers aufgenommen worden sein, er konnte nicht glauben, wie jung er aussah. Und wirklich klein! Es schien sowohl erst gestern, als auch vor einer halben Ewigkeit gewesen zu sein. Harry fühlte sich, als ob ein paar der Karten in seinem vorsichtig gebauten Kartenhaus gerade eingestürzt wären.
Warum sollte irgendjemand sein Bild auf eine Schokofroschkarte drucken? Er las den Lebenslauf des Jungen, der überlebte und wie er als Baby Voldemort besiegt und versucht hatte, jeden vor seiner Rückkehr zu warnen, ihm aber für fast ein Jahr niemand geglaubt hatte. Alle diese Andeutungen, dass er ein Held sei, machten ihn wütend. Harry fühlte, dass der Ärger wie schon lange nicht mehr in ihm aufstieg und wütend warf er die Karte über den Tisch.
„Harry", begann Hermine zögerlich. „Menschen brauchen Helden, an die sie glauben können. Sie brauchen etwas Positives, um das Dunkle auszugleichen und du passt da genau rein. Du musst schon zugeben, dass dein Leben nicht gerade normal verlaufen ist!"
„Aber ich bin kein Held, Hermine! Ich habe nie um das alles gebeten und ich will es ganz sicher nicht! Ich verstehe nicht, warum sie mich immer wieder einen Helden nennen, wenn alles was ich tue dazu führt, dass Menschen sterben! Ich bemerke ja gerade mal einen Teil von den Dingen, die die Menschen um mich herum beschäftigen!"
„Du hast niemanden sterben lassen, Harry, wann geht das endlich in deinen Dickschädel? Du bist ein Held, ganz egal, ob du das selbst sehen kannst, oder nicht. Für die Menschen bist du ein Held zum anfassen, nicht wie in einer Geschichte, wo das Kapitel zu Ende geht und man niemals mit ansehen muss, wie der Held mit den Auswirkungen fertig wird. Andere Zauberer würden aufgeben, ober genauso bitter werden, wie Malfoy oder Snape, wenn ihnen auch nur die Hälfte von dem, was du durchmachen musstest, geschehen würde. Aber du hast es geschafft und du machst immer noch weiter. Das macht dich zu einem Helden."
Harry sah sie verwundert an. Warum konnte sie das nicht verstehen? Er brachte Ärger, er brachte jedem um sich herum Ärger. Er folgte ihm überall hin und höchstwahrscheinlich würde sie deswegen sterben. Ein Held sollte so etwas nicht tun!
Er wurde langsam wütend, aber er wollte nicht mit ihr streiten, wenn ihrer beider Gefühle so angegriffen waren. Er wollte gerade aufstehen und gehen, als die Tür aufgestoßen wurde und Fred hereinkam. Er sah müde und wachsam aus und als ob ein Teil von ihm fehlen würde. Er nahm an, dass das wirklich stimmte.
„Fred! Wie geht es George?", fragte Harry.
„Keine Ahnung, ich wollte euch gerade das gleiche fragen. Madam Pomfrey hat mir einen Schlaftrank gegeben und ich bin gerade erst aufgewacht. Wo sind denn alle?"
„Es scheint, dass Madam Pomfrey ziemlich freigiebig mit Schlaftränken war. Wir sind bisher die einzigen, die wach sind", kommentierte Hermine trocken.
Noch bevor sie zu Ende gesprochen hatte, hörten sie, wie sich die Eingangstür öffnete und alle drei rannten raus in die Eingangshalle, um Mr. Weasley und Moody zu begrüßen. Beide sahen erschöpft aus, als ob sie gleich umfallen würden.
„Dad!", schrie Fred, fasste seinen Vater am Arm und führte ihn zu einem Stuhl. „Wie geht es George?"
Moody setzte sich auf einen Stuhl neben ihm, während Harry und Hermine ihnen gegenüber saßen, ängstlich und auf Antworten wartend.
„Es wird lange dauern, bis George wieder gesund wird. Er wird eine Weile ans Bett gefesselt sein, aber er wird wieder gesund. Du kannst ihn morgen sehen, aber du solltest wissen, dass er immer noch nicht wirklich ansprechbar ist." Mr. Weasleys Stimme war müde, aber die Erleichterung war unüberhörbar.
„Dein Vater wird morgen früh entlassen, Hermine", versicherte ihr Moody. „Sie wollen ihn über Nacht zur Beobachtung dabehalten, aber er wird wieder gesund. Sie wollen wissen, ob sie seine Erinnerung verändern sollen?"
„Nein. Meine Eltern wissen schon von Magie, das müssen sie nicht tun", antwortete Hermine entschlossen.
„Das dachte ich mir schon, aber wir mussten dich fragen." Mr. Weasley lächelte. „Harry, sie wollen auch wissen, ob sie das gleiche mit den Dursleys machen sollen. Sie werden deine Tante wahrscheinlich auch morgen entlassen. Ich glaube, sie können sie nicht schnell genug loswerden. Sie haben deinen Onkel und Cousin so ziemlich die ganze Zeit geschockt gehalten, um sie in Schach halten zu können."
Harry legte seine Hand auf seine in Falten gelegte Stirn. Für die Dursley wäre es tatsächlich besser, wenn sie sich an keines der Ereignisse des Tages erinnerten. Sie hassten Magie zutiefst und das würde ihren Hass nur noch anheizen. Es war besser, wenn sie nichts davon wussten. „Ja, das geht in Ordnung. Ein Gedächtniszauber ist wahrscheinlich das Beste."
Mr. Weasley nickte. „Das hat Albus auch gesagt, aber die Entscheidung liegt bei dir."
Harry nickte und gab ihnen seine Erlaubnis. Langsam wurde er unruhig, sie hatten noch nichts von Remus gesagt und er bereitete sich geistig schon einmal vor. Er hielt sich an seinem eigenen Oberschenkeln fest und bemerkte noch nicht einmal, wie sich seine Fingernägel in die Haut bohrten.
„Shacklebolt wird auch für einige Tage im Krankenhaus bleiben müssen, aber er wird auch wieder ganz gesund. Das Ministerium wird für eine Weile auf ihn verzichten müssen", erzählte Moody. Eine unangenehme Stille breitete sich aus und jeder im Raum wartete mit angehaltenem Atem.
„Ist er tot?", fragte Harry dumpf. Mr. Weasley zuckte zusammen. Hermine legte Harry sofort ihre Hand auf den Rücken und er verkrampfte und schüttelte sie ab.
„Nein, nein, nein!", versicherte ihm Mr. Weasley. „Er ist am Leben, Harry, aber es sieht nicht gut aus. Die Silbervergiftung war ziemlich stark, aber das Silber ist nicht durch die Haut gedrungen, er hat also immer noch eine Chance. Sie arbeiten daran, das ganze Gift aus seinem Körper zu holen und sein Blut zu ersetzen, aber es geht nur langsam voran und sie sind sich immer noch nicht sicher. Es wird für eine Weile auf der Kippe stehen. Es tut mir leid, dass ich dir nichts Besseres berichten kann."
Harry nickte hölzern und stand auf, um zu gehen. Er war immer noch am Leben, es gab immer noch eine Chance. Er wollte diese Hoffnung nicht wachsen lassen, es wäre einfacher, das Schlimmste zu erwarten. Stumm stieg Harry die Stufen nach oben und verließ den Raum. Niemand sagte etwas, aber er konnte ihre Blicke auf seinem Rücken spüren, als er nach oben ging. Er kam an der Tür zu seinem Schlafzimmer an, blieb aber stehen. Seine Hand schwebte über dem Türknauf.
Langsam, fast unmerklich drehte er sich um und durchquerte den Flur. Es lag nicht in seiner Macht, seine Handlungen zu kontrollieren, es war wie ein blinder Instinkt. Er brauchte sie. Leise öffnete er die Tür zu ihrem Zimmer und huschte hinein. Vorsichtig schloss er die Tür und ging vorsichtig zu der schlafenden Figur auf dem Bett hinüber.
Sie schlief friedlich, er konnte das schwache Heben und Senken ihres Brustkorbes und die zuckenden Bewegungen hinter ihren Augenlidern erkennen. Madam Pomfrey musste sie auch erwischt haben, dachte er trocken. Er brachte es einfach nicht übers Herz sie zu wecken. Für eine Minute stand er über ihr und rieb seine Fingerknöchel sanft über die warme, weiche Haut ihres Gesichtes. Sie seufzte zufrieden und das ließ ein kleines Lächeln auf Harrys Lippen erscheinen. Er ließ seine Finger für einige Minuten dort, schloss seine Augen und genoss die Wärme ihrer Haut.
Er wollte sie nicht wecken, aber er wollte sie auch nicht verlassen. Seine Augen fielen auf Hermines immer noch gemachtes Bett und er nahm an, dass seine Freundin bei ihrer Mutter geschlafen hatte. Harry zog die Decke zurück und kroch hinein. Er lag auf der Seite und legte sein Kissen so hin, dass er Ginnys schlafendes Gesicht sehen konnte. Er konnte nicht genau sagen, wie lange er dort blieb, die Ereignisse des Tages spielten sich in seinem Kopf immer wieder ab. Irgendwann holte ihn die Müdigkeit ein und auf Zehenspitzen ging er leise wieder in sein eigenes Zimmer, wo ihn der Schlaf endlich übermannte.
