Kapitel 20
Mut und Liebe

Es war ein sonniger Nachmittag, einige Tage nach dem Gespräch zwischen Thranduil, Eluchíl und Elena. Alle hatten ihren Aufgaben gemäß inzwischen mit den Betroffenen gesprochen. Nefhithwen war, wie Elena es erwartet hatte, zunächst verängstigt und scheu. Sie hatte Zweifel, wußte nicht ob es richtig war, aber Elena konnte ihr Mut machen, ihr die Nervosität nehmen. Eluchíl hatte Lómion gebeten ihn zu Haron zu begleiten und hatte dann beiden ihren Plan erläutert. Er wollte Haron nicht nur informieren, sondern auch seine Meinung und möglichst Zustimmung hierzu erhalten. Haron erachtete diese Vorgehensweise als sehr gewagt, sah aber auch keine andere Möglichkeit, denn allein die Zeit war kein Garant für eine Änderung in Legolas' Verhalten und eine sichere Heilung. Lómion dagegen hatte nur schweigend zugehört und seine Meinung für sich behalten.
Thranduil nahm Legolas erst an jenem Tag zur Seite und ging mit ihm allein durch den Garten, der für den Beginn der geänderten Behandlung vorgesehen war. Legolas' Vater hatte bis zu diesem Tag gewartet und diesen Moment am frühen Nachmittag zu einem Gespräch gewählt, damit sein Sohn keine Zeit hatte, sich in irgend etwas hineinzusteigern, denn bereits bei der Massage wenige Zeit später sollte Nefhithwen mit dabei sein.
Der Elbenkönig fragte zögernd seinen Jüngsten:
„Legolas, fühlst du für Nefhithwen noch wie an jenem Tag, als du von Galen aufbrachst, um mir die Nachricht deiner Liebe zu bringen?"
Thranduil stellte diese Frage bewußt, obwohl er die Antwort schon kannte, aber er wollte seinem Sohn zu verstehen geben, daß nur er, entschieden gegen seine Angst vor den eigenen Gefühlen angehend, das Leid seiner Geliebten beenden konnte.
Der junge Elb blickte seinen Vater überrascht an und antwortete voller Inbrunst:
„Ja, Vater. Nefhithwen bedeutet mir alles."
Thranduil blickte einen Moment zu Boden, weil er nach den richtigen Worten suchte, die nicht nach einem Vorwurf klingen sollten, und sprach dann zu seinem Jungen:
„Nefhithwen leidet unter deiner Abkehr von ihr. Ich vermute, daß dies aus deiner Unsicherheit zu deinen eigenen körperlichen Gefühlen heraus geschieht, aber auf Dauer kann auch sie daran zerbrechen, Sohn."
Legolas blickte seinem Vater gequält in die Augen und antwortete traurig:
„Ich weiß."
Er holte tief Luft und Thranduil wartete geduldig, weil er sah, daß sein Sohn noch etwas los werden wollte. Dann sprach Legolas mit gesenktem Kopf und heiserer Stimme weiter:
„So oft wollte ich sie schon berühren, sie in meine Arme ziehen, aber brachte es nicht über mich. Ich habe Angst, wenn ich Nähe wieder zulasse, daß mehr daraus wird als ich verkrafte. Ich will ihr nicht weh tun, wenn ich dann plötzlich zurückschrecke, weil ich doch noch nicht soweit bin und es nicht ertrage."
Er hielt einen Moment inne, rang nach Luft, als würde eine Klammer seine Brust umspannen und ihn am Atmen hindern, dann fragte er flehentlich:
„Kann sie das verstehen? Kann das überhaupt jemand verstehen ohne den Schmerz der Zurückweisung zu spüren? Adar, was soll ich tun?"
Thranduil strich seinem Sohn zärtlich über seine langen, goldblonden Haare, die inzwischen wieder ihren Glanz und seidigen Fall hatten. Legolas wirkte so jung und zerbrechlich, so schmal und verloren und dennoch war seine fortschreitende Genesung für jeden deutlich zu erkennen. Eindringlich sprach Thranduil zu seinem Sohn:
„Hab Vertrauen zu uns und vor allem zu Nefhithwen. Glaube, daß wir dir nicht wehtun werden, auch wenn das, was wir nun vorhaben anfänglich für dich unangenehm sein könnte. Es wird dich vielleicht auch erneut in Ängste stürzen, aber versuche dir bewußt zu machen, daß wir deine Familie sind und Nefhithwen die Frau, die du liebst. Jeder von uns berührt dich mit seiner ganzen Liebe und nicht um dich zu quälen oder zu unterwerfen."
Der Elbenkönig hielt einen Moment inne, blickte in die fragenden, tiefblauen Augen seines Sohnes, die so sehr seinen eigenen glichen, und fuhr fort:
„Wir haben mit Haron gesprochen und planen, daß der Heiler, der bei dir bislang die Massagen durchführte, Nefhithwen anleiten wird, diese in Zukunft selbst bei dir anzuwenden."
Legolas versteifte sich und rückte ein wenig von seinem Vater ab. Ungläubig, furchtsam, fast gehetzt war sein Blick, aber Thranduil ließ nicht zu, daß sein Sohn sich in etwas hineinsteigerte. Er zog ihn behutsam wieder näher, legte ihm beide Hände fest auf die Schultern und sprach leise auf ihn ein:
„Junge, beruhige dich. Der Heiler wird erst einmal die Massagen weiter durchführen und immer dabei sein. Nefhithwen wird nur helfen und nach und nach die Griffe erlernen. Wenn deine Furcht Oberhand gewinnen sollte, genügt ein Wort von dir. Es ist dann deine Entscheidung, ob du mit Eluchíls Hilfe weiter machen willst, oder für den Tag die Massage beendet ist. Eluchíl wird in der Nähe verweilen. Auch wenn es nur in kleinen Schritten voran geht, bitte versuche es. Tu es für Nefhithwen, für eure Liebe."
Legolas zitterte am ganzen Körper, nickte aber nach einer Weile stumm. Thranduil ließ dennoch seine Hände auf den Schultern des Sohnes ruhen, bis er sich wieder ganz beruhigt hatte. Leise formulierte der junge Elb dann doch noch seine Furcht:
„Und wenn ich den Erinnerungen nicht standhalte? Wenn ich meine Angst nicht unter Gewalt habe, nicht in der Lage bin meinen Willen zu äußern und ich Nefhithwen damit verletzte? Ich will ihr doch nicht wehtun" schluchzte er.
Nun zog Thranduil seinen Sohn doch in die Arme, streichelte ihm liebevoll über den Rücken und antwortete:
„Still, mein Kleiner. So, wie wir für dich da sind, werden wir auch für Nefhithwen da sein. Elena hat mit ihr darüber bereits gesprochen. Deine junge Geliebte fühlt ebenso Angst wie du, aber sie ist auch genauso stark wie du. Gemeinsam werdet ihr das schaffen. Mache dir nur bewußt, daß wir immer da sind, halte dich fest an unserer Nähe, zieh die Kraft, die du brauchst aus unserer Liebe für dich."
Es dauerte eine Weile aber an Legolas' Atmung merkte er schließlich, daß sich dieser fügte, und entließ ihn aus seinen Armen. Langsam gingen sie gemeinsam zurück zum Haus. Vor dem Balkon zum Zimmer blieb er stehen, fuhr seinem Sohn nochmals liebevoll durchs Haar und sprach:
„In deinem Zimmer wartet bereits der Heiler mit Nefhithwen. Auch Eluchíl und Lómion sind da, werden sich aber zurückziehen, wenn die Behandlung beginnt. Ich werde zu dir kommen, nachdem der Heiler mir berichtet hat."
Er sah Legolas nochmals aufmunternd an und schob ihn dann zum Zimmer.

Legolas betrat zögerlich seinen Raum und sah die Anwesenden schweigend an, dann blieb sein Blick auf Nefhithwens Gesicht ruhen. Sie blickte ihn mit sorgenvollen Augen an und Legolas sah, daß sie sich ebenso bedrückt fühlte wie er. Langsam ging er auf sie zu. Streichelte sanft mit einer Hand ihre Wange und sprach flüsternd, mit warmer Stimme:
„Ich liebe dich. Ich bebe bei Berührungen oder der Vorstellung angefaßt zu werden aus Angst und Scham vor der Erinnerung an eine bestimmte Berührung. Ich schrecke aus Sorge, keine Macht über diese Erinnerung zu haben und ihr ausgeliefert zu sein, selbst vor dir, mein Herz, zurück. Doch ich liebe dich und diese Angst hat nichts mit meinen Gefühlen zu dir zu tun. Du fürchtest dich wie ich. Können wir einander helfen?"
Er blickte Nefhithwen tief in die Augen, für einen Moment schienen beide die Welt um sich herum zu vergessen, dann sprach Legolas mit vor Anspannung heiserer Stimme weiter:
„Ich werde dich gewähren lassen und gegen meine Furcht ankämpfen. Versprichst du mir nicht verletzt zu sein, wenn ich doch erbebe, wenn ich nicht die Kraft aufbringe und obliege? Ich will dir keinen Schmerz zufügen und es hat nichts mit fehlender oder schwindender Liebe zu dir zu tun."
Der junge Prinz blickte sanft und fragend in die Augen seiner Geliebten. Es tat ihm im Herzen weh, sie so verzagt zu sehen. Er liebte sie für ihre Stärke und Geduld um so mehr und versuchte all seine Liebe und Vertrauen in seinen Blick zu legen.
Nefhithwen erwiderte seinen Blick. Streichelte voller Liebe sanft mit ihrer Hand über seine Wange, wie er es bei ihr getan hatte und antwortete:
„Ich liebe dich, Legolas, und würde dir immer beistehen, wenn du mich nur läßt. Ich werde stark sein für uns beide und Geduld haben, wenn du mir versprichst nicht aufzugeben. Ich werde dir alle Zeit der Welt geben, wenn ich weiß, daß du an uns festhältst."
Ein liebevolles Lächeln erschien auf seinem Gesicht, mit seinem Blick streichelte er ihre Lippen, und seine Augen gaben ihr das Versprechen, daß sie erbeten hatte. Er senkte seine Stirn gegen die ihre und bat sie:
„Unser Lied, würdest du es mir dabei vorsingen? Ich liebe deine Stimme so sehr."
Nefhithwen nickte nur sacht.

Legolas löste sich von ihr, drehte sich um und nickte Eluchíl und Lómion zu. Beide lächelten ihm aufmunternd zu, bevor sie sich abwandten und über den Balkon das Zimmer verließen. Der jüngere Bruder wußte, daß sie in der Nähe verweilen und sofort da sein würden, wenn er sie brauchte. Kein Rufen würde dafür notwendig sein, denn das Band zwischen ihnen war seit ihren Kindheitstagen stark und unauflöslich.

Der Heiler richtete alle Tinkturen und Tücher, die er benötigte und Legolas begann sich zu entkleiden. Nefhithwen schlug derweilen, ohne einen Blick auf ihren Liebesten zu werfen, das Bett zur Seite und entfernte auch das Kopfkissen, damit Legolas flach liegen konnte. Als sie fertig war, senkte sie ihren Blick, damit Legolas nicht das Gefühl bekam, sie würde ihn beobachten. Legolas legte sich auf den Bauch und versuchte sich zu entspannen. Aber wie auch in den letzten Tagen und in den Tagen davor kroch bereits bei den ersten Berührungen durch den Heiler ein ungutes Gefühl in ihm hoch. Mochte er sich inzwischen auch ohne Panikattacken den geschickten und umsichtigen Händen des Heilers hingeben können, seine Unruhe blieb und mit ihr seine Furcht vor Vergangenem. Er versuchte sich abzulenken indem er auf das hörte, was der Heiler Nefhithwen erklärte und ihre Hände leitete. Sie lernte, wie sie seine Muskeln von den Füßen bis zu den Oberschenkeln bearbeiten mußte. Legolas hielt die Luft an als er spürte, wie die langen, feingliedrigen Hände seiner Geliebten alles mit großem Geschick umsetzten, was der Heiler ihr zeigte. Legolas versuchte verzweifelt wieder gleichmäßig zu atmen, dennoch stieg Panik in ihm hoch und rasende, nicht festzuhaltende Gedanken schossen ihm durch den Kopf je höher die Hände von Nefhithwen auf seinen Beinen wanderten:
Warum, warum jetzt Was machst du mit mir, Nefhithwen? Warum habe ich diese Angst bei dir und nicht beim Heiler? Hör auf! Bitte, hör auf!'
Bilder der Folter stiegen in ihm hoch und er versuchte mühsam ihrer Herr zu werden und sie aus seinem Kopf zu verbannen:
Es ist vorbei, vorbei! Ich bin nicht mehr dort und dies ist kein Traum. Verschwindet, ihr seid nicht mehr real, nicht mehr real... real!'
Nefhithwen spürte, wie Legolas immer mehr verkrampfe, erinnerte sich an seine Bitte und begann ihr gemeinsames Lied zu summen.
Ihr habt mir versprochen mich nicht alleine zu lassen! Wo seid ihr? Helft mir, bitte helft mir!
Plötzlich durchdrang eine vertraute Melodie seine Panik, die Angst, die ihn in ihren Klauen hielt. Legolas versuchte seine Gedanken darauf zu konzentrieren, den Klang von Nefhithwens Stimme festzuhalten und langsam wichen die Bilder der Erinnerung, löste sich die Dunkelheit auf, klärten sich wieder seine Gedanken und er kehrte in die Wirklichkeit zurück. Langsam gelang es ihm sich wieder zu entspannen. Sein Körper bebte noch unter den Nachwirkungen der Panikattacke und ihren Händen, aber seine in das Laken gekrallten, zu Fäusten geballten Hände öffneten sich Stück für Stück. Es hatte ihn sehr viel Kraft gekostet und er war schweißgebadet. Der Heiler merkte dies wohl und brach die Behandlung für heute ab, mehr wollte er ihm für den Anfang nicht zumuten.

Er packte seine Sachen zusammen und ließ die beiden Liebenden allein. Nefhithwen nahm die Bettdecke und breitete sie über Legolas. Langsam drehte er sich zur Seite und wandte sein Gesicht zu ihr hin. Nefhithwen sah seine Erschöpfung, ließ sich neben dem Bett auf dem Boden nieder und streichelte zärtlich sein Gesicht. Sanft legte sie ihre Hand über die seine und verschränkte ihre Finger mit den seinen. Sie sprachen kein Wort, blickten sich nur an, verloren sich in den Tiefen ihrer Augen. Schließlich schloß Legolas seine Lider und schlief ein, seine Hand in Nefhithwens ruhend.

Die junge Frau weinte leise, bis behutsame Hände sie hochzogen, umdrehten und in einer warmen Umarmung gefangen nahmen. Thranduil war, nachdem der Heiler ihm berichtet hatte, ins Zimmer seines Sohnes gekommen und hatte die Szene still beobachtet. Nun wollte er die junge Frau trösten und ihr Kraft geben, wie er es seinem Sohn versprochen hatte. Nach einer Weile versiegten die Tränen und Nefhithwen lächelte zaghaft ihren zukünftigen Schwiegervater an und sprach:
„Es waren keine Tränen aus Leid, Vater, ich habe vor Erleichterung geweint. Es war ein erster Schritt und danach hat er sich auch nicht vor mir zurückgezogen. Er hat mich an seiner Erschöpfung teilhaben lassen, die Kraft, die ich ihm geben konnte, angenommen. Es ist so lange her, daß wir einander so nahe waren."
Der Elbenkönig antwortete mild:
„Ja, mein Mädchen, es war ein Anfang und Schritt für Schritt werdet ihr jetzt vorwärts gehen. Gemeinsam. Und wenn doch irgendwann ein Fels kommt, an dem ihr zu zerschellen droht, werden wir da sein und dies verhindern. Ihr müßt nur Vertrauen haben in euch, eure Stärke, eure Liebe und in die Familie."
Er küßte die junge Frau auf die Stirn, entließ sie aus seinen Armen und forderte sie auf, ihn auf einem Spaziergang durch den Garten zu begleiten. Sein Sohn würde sicher länger schlafen, und Nefhithwen brauchte ebenfalls Erholung.
Jeden Tag nun wiederholte sich diese Prozedur und Legolas arbeitete bewußt mit. Es gab Tage, da ertrug er die Berührungen frühzeitig nicht mehr und die Panikattacken waren heftig und an anderen kamen sie weiter, als sie es auch nur erhofften. Mittlerweile konnte Nefhithwen seine gesamte Rückseite massieren und Legolas schaffte es immer häufiger, sich ihren Händen entspannt hinzugeben. Aber wenn sich die Behandlung dann auf seine Vorderseite erstreckte, waren da wieder die Angst und Anspannung. Legolas konnte sich nicht gänzlich daraus befreien. Bislang massierte Nefhithwen seine Brust und seine Beine bis zu den Knien, aber seine Oberschenkel, Bauch und Hüften wurden nicht angetastet. Aber auch diese mußten in die Behandlung einbezogen werden, und so tastete sich Nefhithwen langsam unter dem wachsamen Blick des Heilers vor. Trotz der Zeit, die sie ihm gab und ihrer behutsamen Hände, wurde Legolas immer panischer, je länger die Behandlung andauerte und sich dabei die Hände Nefhithwens seiner Männlichkeit näherten. Die Anspannung war für ihn kaum mehr erträglich und er versuchte sich zu entziehen, rückte auf dem Bett nach oben, wollte sich aufsetzen. Unstet und voller Angst rasten seine Augen zwischen Nefhithwens Händen und dem Heiler hilfesuchend hin und her. Dies war der Moment, in dem der Heiler die Behandlung dann jedesmal abbrach. Er wollte keinen Rückschlag riskieren und hoffte darauf, daß irgendwann der junge Prinz in der Lage sein würde sich zu beherrschen.

Thranduil, der jedesmal einen Bericht erhielt sah dies anders. Wie bei den vielen anderen Momenten der Angst mußte sein Sohn hier ebenso lernen zu erkennen, was Erinnerungen voller Qual und was Wirklichkeit war. Und wenn ihm dies nicht aus eigener Kraft gelang, war es vielleicht notwendig ihm die entsprechende Hilfestellung hierfür zu geben, auch wenn diese sicherlich für ihn im Moment der Panik nicht angenehm war. Thranduil hatte bislang gewartet und gehofft, daß sein Sohn und Nefhithwen den Durchbruch alleine schafften, aber inzwischen glaubte er, daß dies doch zuviel von Legolas verlangt war. Nur er kannte jede Einzelheit der Folter, die sein Sohn durchgestanden hatte und wußte wirklich zu schätzen, wie weit sein Junge bereits in der Bewältigung dieser Tortur gekommen war. Weshalb er sich nun entschied, zu handeln. Er hatte bislang immer gewartet, bis die Behandlung abgeschlossen war, und Nefhithwen und sein Sohn etwas Zeit in Zweisamkeit verbracht hatten, bevor er das Zimmer betrat. Diesmal aber kam er früher. Er hielt den Heiler, der gerade gehen wollte auf, erhielt kurz abermals die Information, daß die Behandlung abgebrochen worden war, und bat ihn daraufhin vor der Türe zu warten. Legolas lag völlig erschöpft, nur von einem großen Tuch bedeckt auf seinem Bett, einen Arm über die Augen gelegt und atmete stockend. Nefhithwen saß auf der Bettkante, streichelte seine Hand und summte leise vor sich hin. Thranduil zog sie hoch und bat sie auf dem Balkon zu warten. Sie sah ihn fragend an, aber er schüttelte den Kopf und bat sie erneut um diesen Gefallen. Die junge Frau verließ zögerlich den Raum. Sie hatte das ernste Gesicht gesehen und es bereitete ihr Unbehagen.

Thranduil setzte sich auf die Bettkante und strich behutsam eine schweißgebadete Strähne aus dem Gesicht seines Sohnes. Legolas nahm seinen Arm von den Augen, öffnete seine Lider und blickte seinen Vater müde an. Er schluchzte auf und flüsterte:
„Ich schaffe das nicht, Adar, ich ertrage es nicht. Ich liebe sie, aber ihre Berührungen ... ich sehe immer wieder den Ork vor mir, spüre den Ekel vor mir selbst... daß er mich erregen konnte."
Legolas verstummte und schloß gequält seine Augen.
Thranduil schwieg noch einen Moment dann fragte er:
„Wie lange willst du es noch zulassen, daß er dich quält? Daß er deinem Leben, deinem Glück im Wege steht?"
Seine Stimme war scharf und unnachgiebig. Hart setzte er nach:
„Es ist so viel leichter aufzugeben, mein Sohn, statt durchzuhalten, zu kämpfen und ein für alle mal dem ein Ende zu bereiten."
Thranduil verfluchte sich selbst für diese harten Worte, aber sein Sohn war jetzt an einem Punkt angekommen, wo er sich entscheiden mußte weiter zu gehen, oder für immer an dieser Schwelle zu verharren. Er wußte, daß, wenn Legolas nicht so erschöpft und von der Angst gepeinigt wäre, er sich immer für den Weg vorwärts entscheiden würde, deshalb mußte er ihn jetzt aus seiner Agonie reißen und vorwärts schubsen, auch wenn es ihm selbst fast das Herz zerriß.
Legolas hatte seine Augen erneut geöffnet und flehte:
„Vater, bitte, verlang dies nicht von mir. Ich habe keine Kraft mehr. Ich habe nichts mehr, was ich dem entgegensetzen könnte. Ich bin so müde."
Aber Thranduil erwiderte unnachgiebig:
„Es ist leicht sich dies einzureden, aber nur du kannst über diese Schwelle gehen. Wir werden alle da sein, um dich aufzufangen, aber ins Licht treten mußt du selbst."
Thranduil ließ seinem Sohn Zeit seine Worte zu begreifen, dann fragte er, eine Entscheidung erzwingend:
„Nun, was ist deine Antwort?"
Thranduil knirschte mit den Zähnen, weil er am liebsten seinen Sprößling einfach in die Arme gezogen hätte und ihm die Ruhe gegönnt hätte, die er sich ersehnte, aber sie standen hier an einem Scheideweg. Die Wahl, welchen Weg seine Zukunft einschlagen würde, fiel jetzt oder niemals.
Legolas bebte, seine Augen blickten ins Leere, sein Atem ging gepreßt. Seine Finger hatten sich in das Tuch verkrallt. Dann kam wieder Leben in seinen Blick und er nickte stumm. Seine Lippen waren zu einem einzigen Strich zusammengepreßt und Tränen liefen ihm über die Wangen, aber er nickte und gab damit sein Einverständnis zu etwas, was aus körperlicher Zärtlichkeit ihm unendliche seelische Pein bringen würde, nur um sich dem zu stellen und es zu überwinden oder daran zu zerbrechen. Legolas hatte Angst und diese spiegelte sich in vollem Ausmaß in seinen Augen wieder. Thranduil nahm seinen Sohn in die Arme und flüsterte:
„Ich bin bei dir. Ich werde immer bei dir sein."
Dann rief er den Heiler und Nefhithwen, Lómion und Eluchíl in den Raum. Mit dem Heiler betrat nun Elena ebenfalls das Zimmer. Noch immer seinen Sohn in den Armen wiegend, sprach der Elbenkönig zwingend:
„Die Behandlung wird fortgesetzt bis auch der letzte Fleck an seinem Körper die notwendige Massage erhalten hat. Eluchíl, Nefhithwen wird währenddessen deine Unterstützung brauchen. Gib ihr an Kraft und Halt was du kannst. Lómion, dein Bruder wird danach selbst Hilfe brauchen, du wirst dich dann um ihn kümmern. Dies hier wird jedem einzelnen von uns mehr Kraft abfordern, als er vielleicht hat. Elena, bitte warte mit deinen Brüdern außerhalb des Zimmers, vielleicht wirst Du dich danach Nefhithwens annehmen müssen, während ich mich um Legolas kümmere."
Er blickte einen nach dem anderen ruhig an. Fest war sein Blick, bannte bei jedem Zweifel und die eigenen Sorgen, doch zugleich forderte er von ihnen wortlos ihre Zustimmung. Ihre Antwort, seiner Entscheidung zu folgen, konnte er in ihren Blicken lesen. Noch einmal sprach er fast beschwörend, allen Mut machend, aber vor allem zu seinem Jüngsten mit starker Stimme:
„Wir werden heute die Schrecken und Pein ein für allemal gemeinsam überwinden und hinter uns zurücklassen. Heute werden wir als Familie dagegen angehen. Wir werden unserem Jüngsten beistehen und Legolas wird unsere Stärke spüren und das durchstehen."
Nach diesen Worten gab er allen einen Wink, und sie verließen den Raum. Nur Elena trat noch zu Nefhithwen, zog sie kurz in ihre Arme und sprach beruhigend:
„Hab Mut. Es wird gut gehen. Legolas ist viel stärker als es im Augenblick den Anschein haben mag und er sich selbst zutraut. Er braucht nur die Anleitung weiterzugehen, das Gefühl nicht allein zu sein. Mein Gemahl hat recht, es muß jetzt sein, auch wir können nicht ewig darauf warten, denn auch unsere Kraft wird aufgezehrt und dann können wir ihm nicht mehr helfen."
Nefhithwen hatte verstanden und versuchte ein zaghaftes Lächeln. Sie vertraute den Eltern Legolas' bedingungslos und machte sich selbst Mut damit, daß Legolas schon als er das erste Mal in einem solchem Alptraum gefangen gewesen war mit Hilfe seiner Familie wieder zu sich gefunden hatte. Elena löste sich von ihr und folgte ihren Brüdern. Thranduil setzte sich hinter seinen Sohn auf das Bett und zog ihn in seine Arme. Er bat den Heiler mit der Behandlung zu beginnen, auf sein Zeichen hin dann zurückzutreten und Nefhithwen weitermachen zu lassen.
Der Heiler bearbeitete Legolas Beine und wanderte nur langsam zu seinen Oberschenkeln. Er hatte Legolas zunächst noch ein Tuch über seine Hüfte gelegt, um ihm die Verlegenheit zu nehmen, aber mit zunehmender Behandlung würde dieses Tuch auch verschwinden müssen.
Legolas war völlig verkrampft in den Armen seines Vaters und sein Atem ging gepreßt, aber noch hielt er seiner Panik stand. Dann trat der Heiler zurück und die junge Frau übernahm seine Arbeit.

Verschwinde, du bist nicht wirklich! Du bis Vergangenheit! Nicht du berührst mich, du berührst mich nie wieder. Verschwinde!... verschwinde...geh weg...nein!'

Legolas verlor seinen inneren Kampf und die ganze Wucht seiner Panik, die er bisher noch zurück gehalten hatte, brach aus ihm heraus. Er begann sich zu wehren und aufzubäumen. Der Heiler hielt Legolas' Fußknöchel fest in das Bett gedrückt und verhinderte so, daß der Prinz mit Tritten der jungen Frau schaden konnte.
Thranduil sprach Nefhithwen, die bereits ihre Hände zurückgezogen hatte und zurückwich, forsch und seinen Willen aufzwingend an:
„Hab Mut, wir stehen dir bei. Er muß sich seiner Angst jetzt stellen. Hör nicht auf, bis wir es dir sagen!"
Nefhithwen zitterte am ganzen Körper und fühlte sich beinahe nicht in der Lage einen Finger zu rühren, als sie plötzlich eine sanfte Stimme in ihrem Kopf hörte und spürte, wie eine warme, starke Kraft sie durchfloß. Eluchíl hatte ihre Not gespürt und war in ihren Geist gesunken, stand ihr nun bei, wie der Vater ihn gebeten hatte. Langsam begann Nefhithwen erneut die Massage, aber sie wagte es nicht, ihren Geliebten dabei anzublicken. Sie hörte sein Flehen und Wimmern und Erinnerungen an den Moment, als Aragorn die Eisen aus seinem Fleisch entfernte, brachen über sie herein. Tränen liefen ihr über das Gesicht und sie flehte die Valar an, daß es bald vorbei sein möge.

Legolas lag im Schoß seines Vaters und konnte sich nicht mehr fort bewegen. Die Panik, die in ihm noch immer wuchs machte es ihm schon lange unmöglich einen vernünftigen Gedanken zu fassen, aber Thranduil hielt ihn fest in seinen Armen und flüsterte ihm immer wieder ins Ohr:
„Sieh hin, Thranduilion, und fühle! Das können nicht die Pranken des Ork aus den Bildern sein, die dich peinigen. Das ist nicht dein Peiniger! Öffne dein Herz, mein Sohn, und spüre die Zärtlichkeit in der Berührung. Die Tränen von Nefhithwen. Der Ork, der dir weh getan hat weinte nicht, hat dir, hilflos wie du warst, seinen Willen aufgezwungen. Fühle die Hände von Nefhithwen, sie tun dir nicht weh und niemand zwingt dir seinen Willen auf, du bist nicht hilflos, du kannst dem ein Ende bereiten...Sieh sie an!"
Und Nefhithwen hörte in ihrem Kopf sanft Eluchíl immer wieder sagen:
Sieh in seine Augen! Gib ihm einen Halt mit deinem Blick. Er liebt deine Augen! Gib ihm die Möglichkeit sich darin zu versenken!'
Sie spürte das Zittern der Muskeln unter ihren Händen, hörte das Aufschluchzen und den gepreßten Atem von Legolas. Ihr taten seine Qualen weh, sie litt mit ihm, aber Eluchíl gab ihr den Halt, den sie brauchte um dies für ihren Liebsten durchzustehen. Augenblick um Augenblick massierte Nefhithwen Legolas und ihre Hände streichelten sanft über seinen Körper. Bestärkt durch die eindringlichen Worte Eluchíls brachte sie es schließlich über sich und blickte in Legolas' Gesicht und in die schreckensweiten, panischen Augen ihres Geliebten.
Legolas flehte schließlich unter Tränen:
„Hört auf! Hört auf! Bitte! Bitte hört auf! Ich kann nicht... ich ertrage es nicht! Bitte!
Nefhithwen wollte erneut ihre Hände wegnehmen. Die Tränen liefen ihr in Strömen über die Wangen aber Eluchíl vermittelte ihr weiterzumachen:
Hab Vertrauen, Schwester, noch ein klein wenig. Er muß sich entscheiden. Mach weiter!'
Aber als sie erneut ihre Hände auf Legolas' Haut legte, schrie er gepeinigt auf und sein Körper bog sich durch wie eine gespannte Bogensehne. Doch Thranduil hielt ihn fest und sprach harsch zu ihm:
„Sieh hin, Legolas! Was siehst du? Sag mir, was du siehst! Sprich!"
Die Stimme Thranduils spiegelte dessen eigene Anspannung wieder, sie war hart und furchteinflößend, aber sie half dem jungen Elben, sie zerriß in diesem Moment das Netz aus Furcht und den immer wiederkehrenden Bildern der Folter.
Legolas schluckte, schluchzte, rang nach Luft und wisperte:
„Nefhithwen."
Seine Augen waren geweitet, voller Tränen, und das Blau seiner Iris war rauchig und blaß geworden wie das Blau eines Nachthimmels bei Vollmond. Er starrte in das Gesicht der Frau, die er liebte, verlor sich in dem tiefen Braun ihrer Augen, die ihn vom ersten Augenblick an so in den Bann gezogen hatten und ihn von seiner Heimat träumen ließen.
Sein Vater fragte ihn abermals im Befehlston und forderte damit erneut Legolas' ganze Aufmerksamkeit:
„Was siehst du? Was fühlst du? Tut sie dir weh? Ist sie dein Peiniger? Hat sie Ähnlichkeit mit deinem Peiniger? Sprich mit mir!"
Das Stakkato seiner Fragen holte Legolas in die Wirklichkeit zurück und noch bevor er antwortete, spürte Thranduil, daß eine Veränderung in seinem Sohn vorging. Sein Schluchzen erstickte, der Widerstand seiner Arme, der Muskeln erlahmte und sein Atem wurde wieder ruhiger und gleichmäßiger. Es dauerte dennoch lange, bis Legolas dann endlich sprach und erschöpft flüsterte:
„Nefhithwen."
Er hatte den Namen seiner Geliebten diesmal in einem Tonfall tiefster Sehnsucht ausgesprochen. Nefhithwen suchte in seinen Augen nach Antworten auf die vielen Fragen, die ihr Herz stellte und fand Verwunderung, Erleichterung, aber vor allem Liebe und Sehnsucht. Von Furcht war keine Spur mehr zu finden. Behutsam und vorsichtig um ihn nicht zu erschrecken beugte sie sich zu ihm nieder, streichelte mit ihrem Handrücken über seine tränennasse Wange und küßte ihn sanft. Sie ließ ihre Lippen auf seinen, noch immer bebenden ruhen und gab ihm Zeit zu begreifen. Plötzlich spürte sie, wie Legolas mit einer Hand in ihre Haare griff, sie fester an sich zog und den Kuß zögernd und sehr vorsichtig erwiderte. Noch immer standen Tränen in Legolas' Augen, aber es waren Tränen der Erleichterung. Die ihn peinigenden Bilder von Morkas, der ihn mißbrauchte wurden von dem liebenden Gesicht Nefhithwens zurückgedrängt und verloren ihre Gewalt über ihn. Legolas zitterte vor Erschöpfung. Er war naßgeschwitzt und keiner Bewegung mehr fähig. Sein ganzer Körper fühlte sich fremd an. Er fühlte sich müde und ausgebrannt, aber er hatte Angst, wenn er Nefhithwen jetzt losließ, würde sich die Befreiung aus dem Alptraum, aus der Pein seiner Scham nur als Illusion erweisen. Er flüsterte flehentlich:
„Geh nicht, laß mich bitte jetzt nicht allein. Ich brauche dich."
Der Heiler trat auf einen Wink von Thranduil heran, griff über Nefhithwens Schulter hinweg nach Legolas und hielt ihn, bis sich Thranduil hinter ihm zurückzogen hatte. Dann legte er ihn sanft nieder. Legolas hatte keinerlei Kraft mehr. Der innere Kampf, den er gerade hatte durchstehen müssen, hatte ihn all seiner Reserven beraubt, aber er hatte nun diesen Schrecken überwunden und die Liebe Nefhithwens würde das ihre tun. Die junge Frau legte sich ohne zu zögern neben Legolas, nahm ihn in ihre Arme und hielt ihn, bis er eingeschlafen war. Der Heiler hatte beide zugedeckt und wortlos den Raum verlassen. Thranduil trat auf den Balkon und nahm seine Gemahlin in die Arme. Nefhithwen brauchte sie und sein Sohn ihn nicht mehr, aber er, er brauchte nun ihre Liebe und Zuneigung. Legolas' Kampf hatte ihn ausgelaugt, mehr als er sich eingestehen wollte, aber Elena spürte dies und tröstete ihn. Sie liebte ihren Gemahl aus ganzem Herzen und ließ ihn dies ganz und gar spüren. Sie gab ihm die Kraft und Ruhe die er nun brauchte, und er war dankbar dafür.

Legolas brauchte einige Tage, um sich von diesem inneren Kampf zu erholen. Haron setzte die Massagen aus, er wollte den Prinzen nicht erneut belasten. Dieser hatte nun zwar Angst und Scham, die ihm Morkas beigebracht hatte, überwunden und keinen Zweifel mehr daran was Vergangenheit war, aber mit den Erinnerungen mußte er dennoch leben und einen Neuanfang erst noch wagen. Er mißtraute noch seinen eigenen Gefühlen und so war die Beziehung zwischen ihm und Nefhithwen von vorsichtiger, zögerlicher Annäherung geprägt. Dennoch war die junge Frau glücklich, denn Legolas gestattete ihr wieder Zärtlichkeiten und auch wenn sie sehr vorsichtig und behutsam sein mußte, um ihn nicht zu überfordern, so war dies doch wieder ein Anfang. Und auch Legolas begann Nefhithwen wieder zu berühren, sie zu streicheln und zu küssen, zögerlich und gehemmt, aber dennoch wieder die Nähe suchend. Das langsam wachsende Vertrauen in dieser Beziehung wirkte sich auch auf Legolas' gesamtes Befinden aus und allmählich begann er wieder Lebenslust und Appetit zu entwickeln, Spaß an Herausforderungen zu finden und seine Familie war froh über jeden Wunsch, den der Prinz äußerte, war er auch noch so absurd, wie der Liederwettstreit zwischen den Elben, dem Zwerg und den Galanern.

In diesen Tagen, in denen das Glück wieder zur Familie Thranduils zurückkehrte, wurde Elena ein ganz besonderes Geschenk vom Leben gemacht. Die Elbenkönigin saß im Garten und beobachtete, wie ihre Brüder mit Legolas ein Lauftraining absolvierten. Der junge Prinz mußte noch einiges an seiner Kraft, Kondition und Wendigkeit arbeiten, um wieder der Kämpfer zu werden, der er gewesen war, aber es war eine Freude zu beobachten, wie seine Genesung voranschritt. Elena war glücklich. Ihr Gemahl lachte wieder und beteiligte sich häufig an den Übungen seiner Söhne. Die traurigen Lieder der Elben hatten sich gewandelt, seit bekannt gegeben worden war, daß der Prinz von Eryn Lasgalen sich auf dem Weg der Besserung befand. Und Gimli, der liebenswerte, knorrige Zwerg hatte zu seiner alten, frotzelnden Art zurückgefunden und lag sich fast täglich mit Legolas in den Haaren. Elena mußte nicht selten über ihre Gespräche lachen. Die Elbenkönigin war dem Zwerg von Herzen zugetan, denn er brachte ihren Sohn oft zum Lachen und sie hatte nicht vergessen, daß die vergangene Zeit für ihn auch nicht leicht gewesen war. Er war als Freund aufgebrochen, Legolas zu Hilfe zu eilen. War als Freund geblieben um ihm beizustehen und hatte zuletzt doch nur zur Seite treten können, um Platz zu machen für andere, die seinem „dummen Elben", wie er immer stichelte, im harten Kampf um sein Leben beistanden. Sie beobachtete schmunzelnd, wie Gimli sich als nun Antreiber für ihren Sohn während des Lauftrainings betätigte.

Nefhithwen war unbemerkt zur Königin getreten und fragte leise:
„Darf ich mich zu dir setzen? Du wirkst so abwesend?"
Elena blickte überrascht auf und nickte:
„Natürlich, setz dich. Ich habe nur geträumt. Es gibt für mich keinen schöneren Anblick als meine Familie. Ich bin so glücklich, daß die Liebe und das Vertrauen in unserer Familie Legolas abermals geholfen haben das Entsetzen hinter sich zu lassen. So sehr Thranduil meine Brüder wie eigene Söhne auch ins Herz geschlossen haben mag, seine ganze Liebe gehört Legolas. Er hätte nie dessen Verlust verkraftet, ebensowenig wie ich. Ich liebe Legolas nicht nur wie einen Sohn, Nefhithwen, er ist mein Sohn."
Ein sanftes Lächeln überzog ihr Gesicht, als sie mit einer leichten Bewegung über ihren Leib fuhr und dann verschwörerisch zu Nefhithwen raunte:
„Aber bald nicht mehr mein einziges Kind."
Nefhithwen blickte die Königin erstaunt an und fragte spontan, ohne die Stimme zu dämpfen:
„Weiß es Thranduil schon?"
Aber bevor Elena antworten konnte, wurden sie durch einen Zwischenrufer gestört:
„Was sollte mein Vater schon wissen?"
Legolas war, von beiden unbeachtet, zu ihnen herangetreten, um eine Pause vom Training zu machen. Er hatte sich Gimli geschlagen gegeben und überließ nun seine Brüder dem quengeligen Zwerg. Als er zu der Bank getreten war, auf der seine Mutter und Nefhithwen so traut beieinander saßen, hatte er Nefhithwens erstaunte Frage gehört und das glücklich strahlende Gesicht seiner Mutter wahrgenommen, weshalb er sofort nachhakte. Er sank vor seiner Mutter auf die Wiese, legte sein Haupt in ihren Schoß und blickte Nefhithwen zärtlich, wenn auch erschöpft vom Training an.
Elena streichelte liebevoll durch sein Haar und antwortete auf die Frage beider:
„Ich werde Thranduil ein Kind schenken und nein, er weiß es noch nicht."
Legolas Kopf ruckte hoch und er schaute seine Mutter einen Moment völlig überrascht an, dann sprang er behende ohne Rücksicht auf seine Erschöpfung auf, zog seine Mutter voller Schwung in die Arme und wirbelte sie einmal herum. Elena lachte überrascht auf, bremste aber ihren Sohn, denn er war noch lange nicht für solch einen Überschwang gewappnet. Legolas lehnte sich an sie, umarmte sie voller Zärtlichkeit und Elena liebkoste ihren Jungen zärtlich. Es freute sie und machte sie glücklich, daß Legolas diese Nachricht so begeistert aufnahm. Und zärtlich geflüstert kam dann auch schon von ihm:
„Worauf wartest du noch, Nana? Warum gehst du nicht gleich zu Vater und sagst es ihm?"
Elena mußte über die Ungeduld ihres Sohnes lachen und ihre Brüder waren mittlerweile mit Gimli näher gekommen, da der Ausbruch von Legolas nicht zu übersehen gewesen war. Noch bevor sie etwas zu ihren Brüdern sagen konnte, juchzte ihr Junge bereits:
„Thranduil wird nochmals Vater!"
Eluchíl und Lómion umarmten daraufhin ihre Schwester überschwenglich, während Legolas nun Nefhithwen in seine Arme zog und still mit ihr daneben stand.
Als ihre Brüder sie endlich aus ihren Armen entließen und auch Gimli seine Glückwünsche ausgesprochen hatte, wandte sich Elena an Legolas und mahnte streng:
„Du wirst deinem Vater keinen Ton davon sagen, junger Mann! Das ist meine Sache und ich werde es tun, wenn ich es für richtig halte!"
Legolas lächelte verschämt und wurde, bevor er noch etwas einwenden konnte, von seinen Brüdern zurück zum Training gezogen. Gimli legte sofort wieder seinen Antreiberton auf. Elena blickte ihnen lachend und glücklich hinterher. Dann zog sie Nefhithwen mit sich zurück auf die Bank. Sie spürte, daß trotz dieser glücklichen Nachricht und aller Aufrichtigkeit in der Freude, die junge Frau auch einen Stich im Herzen verspürte und sie brachte das Problem direkt und sehr offen auf den Punkt:
„Kleines, du wirst es sein, die den ersten Schritt machen muß."
Nefhithwen blickte sie peinlich berührt an und Elena nahm die Hand der jungen Frau und sprach weiter:
„Legolas hat die Schrecken überwunden, Tochter, und wieder begonnen Zärtlichkeiten als das zu nehmen, was sie sind, aber die Scham über das, was er bei den Berührungen des Ork empfunden hat, sitzt tief und läßt sich durch Streicheleinheiten allein nicht vergessen machen. Legolas wird erneut lernen müssen, seinen Empfindungen, seiner Lust zu vertrauen."
Nefhithwen blickte Legolas' Mutter verzweifelt an und gab ihr kleinlaut zu verstehen:
„Ich war noch nie mit einem Mann körperlich verbunden, Mutter. Ich weiß nicht, was ich tun soll."
Elena fuhr der jungen Frau zärtlich über die Wange und sprach dann besänftigend:
„Mach dir darüber nicht so viele Gedanken. Sei mutig, folge deinem Gefühl und berühre Legolas so, wie du gerne selbst von ihm berührt werden würdest. Geh auf ihn ein, aber zeige ihm auch, was du dir von ihm wünschst. Laß dir Zeit und entdecke auch dich selbst. Ich weiß, dies ist jetzt nicht einfach für dich. Du hast Angst, das kann ich verstehen. Legolas hatte kurze Affären und ist nicht unerfahren, aber Thranduil hat recht mit seiner Einschätzung, daß wegen der Geschehnisse er die körperliche Liebe ebenso neu entdecken muß wie du und noch nie war er bereit seine Seele zu binden. Auch dies wird für ihn eine neue Erfahrung sein."
Die Elbenkönigin erhob sich von ihrem Platz, lächelte Nefhithwen aufmunternd an, ließ aber trotz ihrer Erklärung eine ängstliche, junge Frau zurück.

Eine ganze Weile später ließ sich Legolas, erschöpft vom Training mit den Brüdern, ins Gras sinken und streckte sich lang aus. Verträumt blickte er in den Himmel. Nefhithwen ging zu ihm hinüber und ließ sich neben ihm im Gras nieder. Der junge Elb blickte in das Gesicht der geliebten Frau, zog sie zu sich heran und küßte zärtlich, nicht fordernd, eher tastend, behutsam erforschend ihre Lippen. In diesem Moment wußte Nefhithwen, was sie sich wünschte und wenn sie dazu Legolas verführen mußte, würde sie den ersten Schritt wagen.