Kapitel 26
Hermiones Augen waren wie gebannt auf das flackernde Bild Sirius' im Spiegel gerichtet. Sein Bild sah genauso körnig wie bei Fernsehapparaten aus, wenn sie eine Störung hatten. Vor sich sah sie nicht den Sirius, mit dem Hermione vor einigen Minuten noch geredet hatte, sondern den, den sie schon seit vielen Jahren nicht mehr gesehen hatte.
Seltsame Geräusche waren vom Spiegel zu vernehmen. Genauso wie das Spiegelbild an eine Fernsehstörung erinnerte, taten es auch die Geräusche. Er gab ein sehr unangenehmes Rauschen von sich, das stetig von einem anderen undefinierbaren Klang unterbrochen wurde. Hermione hatte den Eindruck, dass Sirius ihr etwas mitteilen wollte.
Es dauerte einige Sekunden, eher sich Hermione aus ihrer Starre lösen konnte. Langsam ließ sie die Tür ins Schloss fallen und trat näher an den Spiegel heran. Vorsichtig, so als hätte sie die Befürchtung, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde.
„Sirius?", fragte Hermione unsicher. Natürlich erkannte sie ihn eindeutig als Sirius wieder, jedoch war es so unwirklich, ihn vor sich stehen zu sehen, dass es ihr schwer fiel, daran zu glauben.
Zögerlich berührte Hermione mit ihren Fingerspitzen das kalte Glas des Spiegels. In diesem Moment klärte sich das Bild vor ihr und nun war er deutlich auf der anderen Seite zu erkennen. Hermione war darüber so erschrocken, dass sie ihn reflexartig wieder losließ und erschrocken ein paar Schritte zurückstolperte. Daraufhin sah das Spiegelbild erneut so aus, als wäre es in eine Störung geraten. Das Rauschen wurde stärker und von Sekunde zu Sekunde unangenehmer.
Hermione betrachtete nervös den Spiegel und sah wieder zu ihrer Hand herab. Sie bekam den leisen Verdacht, dass die Berührung ihrer Hand den Empfang verbessern könnte. Dieses Mal wesentlich entschlossener, kam sie wieder näher heran und legte nun die ganze Hand auf den glatten und kalten Untergrund.
Tatsächlich hörte das Flimmern im Spiegel auf und das Rauschen verschwand. Sirius war nun klar zu erkennen und sah so aus, wie an dem Tag, an dem sie ihn zum letzten Mal gesehen hatte. Im ersten Direktvergleich mit seinem jüngeren Ebenbild konnte man erkennen, dass lediglich das Alter eine Veränderung in seinem Erscheinungsbild bewirkt hatte. Vielleicht unterschieden sich aber noch ihre Augen voneinander. Der Sirius in dieser Zeit war so unbeschwert wie es der Sirius vor ihr nicht mehr sein konnte, der sie jetzt mit seinen schwarzen Augen traurig musterte.
„Sirius!", rief Hermione erneut. Dieses Mal voller Unglauben und Entsetzen. Ob nun darüber, dass es tatsächlich geklappt hatte oder, weil Sirius wirklich hier vor ist stand, war Hermione nicht vollkommen klar.
Er lächelte sie von der anderen Seite an. „Hallo Hermione", begrüßte er sie.
Weitere Sekunden starrte Hermione ihn nur regungslos an. Bilder durchfluteten ihre Erinnerungen. Sie dachte daran, wie sie ihn damals hatte durch den Schleier fallen sehen. Daran, wie sie alle um ihn getrauert hatten. Hermione dachte an Harry und Ron, und an den Moment, als sie zum letzten Mal miteinander gesprochen hatten. Arglos, ohne zu wissen, dass es das letzte Mal sein würde. Die vergangenen Monate passierten plötzlich in ihrem Kopf Revue. Sirius. Remus. James. Lily. Peter. Sie alle fünf lösten die unterschiedlichsten Gefühle in ihrem Inneren aus. Hass. Wut. Liebe. Verzweiflung. Sehnsucht. Freundschaft. Reue. Wehmut. Angst. Hoffnungslosigkeit.
In diesem Moment schien Hermione eine unglaubliche Last von den Schultern zu fallen. Obwohl Sirius in ihrer Zeit bereits nicht mehr existierte, war er ein Zeichen und Hinweis dafür, dass es vielleicht einen Weg zurückgab und dafür, dass sie wirklich nicht vollkommen verrückt geworden war. Eine Welle der Erleichterung durchfuhr ihren Körper und zugleich überkam sie eine unangenehme Übelkeit. Hermione konnte sich nicht mehr länger auf den Beinen halten und verlor das Gleichgewicht. Sie sackte vor den Spiegel auf den Boden. Gerne hätte sie die aufkeimenden Tränen unterdrückt, es war aber nicht möglich sich gegen all diese Gefühle zu wehren. Hemmungslos begann Hermione zu schluchzen. War es aus Glück oder Verzweiflung? Selbst sie wusste das in diesem Augenblick nicht so genau.
„Ich kann nicht mehr, Sirius", brachte sie unter Tränen hervor. „Es ist zu viel. Ich vermisse mein Zuhause, Harry und Ron, meine Eltern. Einfach alle Menschen, die ich kenne. Ich glaube sogar, dass ich vor Freude schreie, wenn ich nur Draco Malfoy sehen würde."
Sie schluchzte weiter. Heiße Tränen rannten ihr über die Wangen. Noch nie hatte sie sich so hilflos gefühlt, wie jetzt. Hermione brauchte ihre Zeit, um sich wieder etwas zu fassen. Es gelang ihr jedoch nicht ihn auch anzusehen. Regnungslos kniete sie weiterhin vor dem Spiegel und hatte ihre Wange an das kalte Glas gepresst. Mit erschöpftem Blick starrte sie gegen die Wand.
„Warum das alles, Sirius? Warum hast du ausgerechnet mir das angetan?", flüsterte sie verständnislos. Es war ein Vorwurf und sollte auch wie einer klingen. Mit seinem Erscheinen, hatte sie den endgültigen Beweis, dass er sie hierher gebracht hatte und ihr war es unmöglich sich jetzt zurück zu halten.
„Es tut mir so leid, Hermione", murmelte Sirius zaghaft. Sie brauchte ihm nicht ins Gesicht zu sehen, um zu wissen, dass es es wirklich bedauerte. Genauso wenig wie sie ihn ansehen musste, um zu wissen, dass er sie bemitleidete. „Ich habe nicht gewollt, dass das passiert."
Langsam wischte sich Hermione mit der anderen freien Hand die Tränen aus dem Gesicht. Sie zwang sich dazu, ihr Gesicht vom Spiegel zu lösen und sah zu ihm hoch. Purer Unglaube lag in ihrem Blick.
„Dann warst das also wirklich du?", fragte sie zitternder Stimme.
„Ich denke schon."
„Du denkst?" Hermiones Stimme wurde hoch. „Du weißt es nicht einmal?"
„Auf dieser Seite ist es schwer Kontrolle zu bewahren", erklärte er ihr.
Lange sah Hermione ihn an. So viele Fragen schossen ihr in diesem Moment durch den Kopf. Sie wusste nicht, was sie ihn zuerst fragen sollte. „Wo bist du jetzt, Sirius? Bei den Toten?"
„Ich bin tot, allerdings weiß ich nicht genau, ob ich auch im Totenreich bin", erwiderte er. „Der Bogen ist eine Art Zwischenwelt. Hier ist es schrecklich. Überall ruhen ruhelose Seelen. Sie alle sind genauso wie ich."
„Dann hatte Dumbledore also recht", wisperte Hermione mehr zu sich selbst, als eigentlich zu ihm.
Sie erinnerte sich an die Worte, die Dumbledore über den Schleier im Ministerium gesagt hatte und in diesem Moment spürte sie Mitleid für Sirius in sich aufsteigen.
„Jede Regierung hat traurigerweise ihre Geheimnisse. Auch die der Zauberwelt, Miss Granger. Ich denke, Sie wissen worauf ich hinaus will."
„Wieso hast du mich in diese Zeit geschickt?", fragte Hermione verständnislos. „Ich kann nichts verhindern und ich weiß nicht mal, was ich eigentlich verändern soll! James und Lily müssen sterben, das weißt du ganz genau. Sonst würde Voldemort ewig weiter morden und Menschen quälen."
Sirius' Miene wurde noch leidvoller. Er nickte und Hermione wusste, wie schwer ihm das fiel. „Ich weiß, Hermione." Kurz machte er eine Pause. „Wie gesagt, ich hatte keine Kontrolle darüber. Es geschah einfach. Diese Welt, musst du wissen, ist so nah mit der Welt der Lebenden verbunden, dass es ein Leichtes ist, euch unbewusst zu erreichen. Ich leide hier und meine Botschaften haben Jahre gedauert, bis sie zu euch durchgedrungen sind. Es hätte jeden treffen können, den ich kannte, doch aus irgendeinem Grund warst es eben du. Vielleicht warst du die einzige, die für solche Dinge empfänglich ist. Plötzlich bist du dann in dieser Zeit gelandet. Es war eigentlich nicht beabsichtigt. Weder, überhaupt jemanden um Hilfe zu bitten, noch, dich durch die Zeit zu schicken."
Trostlosigkeit durchfuhr Hermione. Erneut spürte sie, wie Tränen in ihr aufstiegen. „Es gibt also gar keine Mission, sondern es war nur ein Versehen?", wiederholte sie mit bitterer Stimme. Das klang alles so vollkommen abwegig. Irgendeinen Sinn musste es doch geben! Sie schluckte und sah ihn verzweifelt an. „Das kann doch nicht sein!"
„Hermione-"
„Soll ich hier etwa tatenlos zusehen, wie alles einfach so seinen Lauf nimmt? Wie Peter euch alle verraten wird? Wie James und Lily sterben? Wie Sirius dafür verhaftet wird?"
Unbewusst sprach sie seinen Namen so aus, als wäre er eine ganz andere Person. In ihren Augen waren sie auch zwei verschiedene Menschen: Dem einen gehörte ihr Herz; der andere war ein vertrauter Freund, der ihr all das angetan hatte.
„Ich weiß, was du für ihn empfindest", wisperte Sirius zaghaft. Es fiel ihm schwer zu sprechen. „Ich hab euch gesehen. Die ganze Zeit war ich bei dir."
Erneut wurde Hermione von einer Welle der verschiedensten Gefühle mitgerissen. Alles was er ihr sagte, machte sie von mal zu mal wütender. „Dann weißt du ja auch, was du mir mit dieser Zeit angetan hast! Ich will zurück und gleichzeitig bricht es mir das Herz, bei dem Gedanken, ihn zurückzulassen, während all diese schrecklichen Dinge geschehen werden!" Kurz hielt sie inne und funkelte ihn zornig an. „Wenn du die ganze Zeit bei mir gewesen sein solltest, warum lässt du dich erst jetzt hier blicken? Ich bin schon seit vier Monaten hier gefangen!"
„Ich habe doch die ganze Zeit versucht mit dir Kontakt aufzunehmen, aber das ist nicht so einfach! Du musst auch empfänglich dafür sein und in den letzten paar Tagen war deine Not am größten und …" Sirius seufzte und schenkte ihr einen wissenden Blick. „Ich glaube, dass es im Grunde das Band ist, das du zu ihm entwickelt hast."
„Schön, dass ich jetzt wenigstens weiß, dass es nicht schlimmer kommen kann!", rief Hermione scharf. „Und was soll ich jetzt tun?"
Verzweifelt sah sie ihn an. Nicht zum ersten Mal war sie an einem Punkt angelangt, an dem sie nicht mehr weiter wusste, doch zum ersten Mal musste sie akzeptieren, dass sie auch nicht weitermachen durfte.
„Man darf die Vergangenheit nicht ändern." Es fiel Sirius wieder schwer diese Worte zu sprechen. „Glaub mir, ich würde es mir selbst mehr als alles wünschen. Das kannst du dir sicherlich vorstellen. Wie du bereits festgestellt hast, hat alles seinen Grund. Du darfst nichts ändern. Die Welt braucht die Dinge, die geschehen werden und du musst diese Zeit jetzt verlassen, Hermione. Ich bin hier, um dich hier raus zu holen."
Im Grunde wollte Hermione nichts sehnlicher als wieder nach Hause gehen. Genau nach diesem Moment hat sie sich die vergangenen vier Monate gesehnt und dennoch war es plötzlich so unendlich falsch, wenn sie einfach mit ihm wieder mitginge
„Wie stellst du dir das vor? Ich kann jetzt nicht einfach gehen und alle anderen im Stich lassen. Ich weiß genau, dass sie auf mich zählen."
„Es hat keinen Zweck", erwiderte er ihr. „Das weißt du genau."
Hermione schaffte es nicht, ihn weiter anzusehen. Traurig senkte sie ihren Blick auf den Boden. Natürlich wusste sie es. Wenn sie es nicht gewusst hätte, dann würde sie sich wenigstens mit Händen und Füßen dagegen wehren. Stattdessen konnte sie nur machtlos zusehen.
„Allerdings gibt es da noch eine Sache … Ich will ehrlich mit dir sein, Hermione", fuhr Sirius ruhig fort. „Du hast es nicht verdient, dass ich dich anlüge."
Hermione hob eine Augenbraue. „Ach, es kommt doch noch schlimmer?", zischte sie mit bitterer Stimme.
Sirius ernster Blick ließ sie aber sogleich ihre Bemerkung bereuen. Es konnte wirklich noch schlimmer kommen.
„Natürlich", spöttelte sie und sah wieder zu Boden. „Es kommt immer schlimmer."
„Hermione, wenn ich dich zurückschicke, dann weiß ich nicht, wie dein Leben dann aussehen wird", erklärte Sirius. „Es kann sein, dass alles so wie immer ist und dein gewohntes Umfeld auf dich wartet, oder, dass du ein vollkommen neues und anderes Leben führen wirst."
Erschrocken öffnete Hermione den Mund und wollte etwas erwidern, wurde aber von Sirius unterbrochen. „Was nicht schlimm sein wird, denn du wirst nie die Chance haben, dein altes Leben zu vermissen, weil du dich an nichts mehr erinnern kannst."
Sprachlos starrte sie ihn an. „Und das nennst du nicht schlimm?", fragte sie trotz der Bemühungen, sich zu beherrschen, aufgebracht. „Ein komplett neues Leben zu leben nennst du nicht schlimm? Warum muss das überhaupt sein und wie kommst du darauf?"
„Es tut mir so leid." Hermione hatte aufgehört Sirius' Entschuldigungen zu zählen. Inzwischen schien seine Stimme auch so weit weg, so dass seine Worte nur schwer an sie herandrangen. „Es sind die Auswirkungen auf dein Dasein in dieser Zeit. Alles hat Konsequenzen."
Schweigen trat ein. Es fiel Hermione schwer, das richtige Ausmaß zu begreifen. Nur nach und nach drang die Erkenntnis in ihr Bewusstsein durch, dass sie vielleicht bald nicht mehr die sein würde, die sie jetzt war.
Viele Mädchen in ihrem Alter würde viel dafür geben, jemand anderes zu sein und ein anderes Leben führen zu können. Hermione hatte sich nie zu der Sorte Mädchen gezählt. Schon immer war sie glücklich und zufrieden mit ihrem Leben gewesen. Was wünschte man sich auch mehr? Sie hatte die Chance bekommen die magischen Kräfte, die in ihr schlummerten, zu entfalten und nach Hogwarts zu gehen. Dort hatte sie wunderbare Freunde gefunden, Abenteuer erlebt, gute Note gehabt und die besten Zukunftsaussichten warteten auf sie. Sie hatte sich sogar verliebt, auch wenn diese Liebe gegen alle Gesetze verstieß und sie letzten Endes nur unglücklich machen würde, war sie doch da und hatte sie wenigstens für einige Augenblicke zu einem glücklicheren Menschen gemacht.
Das war mehr, als jedes andere Mädchen in ihrem Alter je zu hoffen gewagt hatte.
Und es war eine bittere Ironie des Schicksals, dass ausgerechnet diese Liebe sie vielleicht hierher katapultiert hatte. Vielleicht war Hermione gar nicht anfälliger als alle anderen auf Sirius' Botschaften hinter dem Schleier, sondern es gab von vornherein bereits eine Bindung zwischen ihnen. Die, die letztendlich auch dazu geführt hatte, dass sie endlich mit dem Sirius hinter dem Schleier sprechen konnte, nachdem sie mit seinem jüngeren Ebenbild geschlafen hatte.
Unwillkürlich presste Hermione ihre Lippen zusammen und merkte, wie sie leicht zu zittern begann. Wut kroch langsam in ihr hoch. Dieses Mal richtete sich ihre Wut jedoch nicht gegen Sirius, sondern gegen Voldemort. Wie sehr sie diesen Mann doch hasste, der sich in ihr aller Leben eingemischt hatte. Alles wäre anders und viel besser gelaufen, wenn es ihn nie gegeben hätte!
Plötzlich überkam Hermione eine flüchtige Idee, die sie noch gar nicht in Erwägung gezogen hätte. Zuvor hatte sie nicht mal den Glauben daran gehabt, dass es überhaupt möglich wäre.
„Das will ich nicht", sagte sie nach einigen Minuten entschieden, um Sirius verständlich zu machen, dass ein neues Leben für sie nicht in Frage kam. Langsam rappelte Hermione sich auf, hielt aber die Verbindung zum Spiegel, und damit zu Sirius, mit ihrer Hand weiterhin aufrecht. Hermione merkte, dass ihre Beine inzwischen taub waren. Sie versuchte jedoch krampfhaft den Halt zu bewahren und ignorierte das aufkeimende Schwindelgefühl. „Ich werde mich dafür nicht aufgeben."
„Aber Hermione, es geht nicht anders."
„Doch, das tut es", zischte sie hart. „Es gibt eine Möglichkeit, wie all das verhindert werden kann und ich werde es tun, mit oder ohne deine Hilfe. Mir bleibt mindestens noch ein Jahr Zeit. Ich werde einen Weg finden, wenn du mich nicht unterstützen möchtest und lieber dabei zusiehst, wie deine Freunde und du selber sterben werden, dann ist es mir auch recht."
Schmerzerfüllt verzog Sirius das Gesicht. Hermione wusste, dass sie einen wunden Punkt getroffen hatte. In Sirius' Augen würde sie sicherlich ein wahrhaftes Himmelfahrtskommando vorhaben, deswegen war jedes Mittel recht, seinen Widerstand zu brechen. „Mit deiner Hilfe werde ich in die Vergangenheit reisen und Voldemort töten. Noch eher er all diese schlimmen Dinge geschehen lassen kann."
Sirius betrachtete sie, als wäre Hermione verrückt geworden. „Das ist vollkommener Irrsinn!", rief er. „Ich kann nicht einfach nach belieben jemanden durch die Zeit schicken! Das kannst du nicht ernsthaft wollen. Hermione, wenn du erneut durch die Zeit reist und es dir tatsächlich gelingt, dann werde ich dich nicht mehr zurückholen können!"
„Wieso denn nicht?", fragte sie verständnislos.
„Solltest du Voldemort töten, dann werde ich vielleicht niemals durch den Schleier fallen. Demnach wird in diesem Moment auch niemand da sein, der dich wieder zurückholen kann. Einmal dort und es ist für immer!"
Diese Worte trafen Hermione wie ein Schlag ins Gesicht. Ihre schöne Idee zerbrach in tausend Scherben. Vorbei die Entschlossenheit und Euphorie. Es war ein schreckliches Gefühl, dass die Zukunft ihrer Freunde von ihrem Opfer abhing – und viel schrecklicher war der Gedanke, dass sie nicht dafür bereit war. Sie liebte sie, doch das konnte sie nicht opfern, eben weil sie sie liebte. Es wäre etwas anderes, wenn sie sterben würde, doch durchs Leben zu gehen, in dem Wissen, dass all ihre Lieben erst nach vielen Jahrzehnten geboren wurden? Nein, das würde sie nicht schaffen.
„Hermione", begann Sirius erneut, „lass gut sein. Du kannst nichts tun. Niemand kann das. Komm mit mir mit. Es muss nicht sein, dass sich dein Leben komplett ändert."
„Wie hoch ist aber die Wahrscheinlichkeit, dass es passiert?", fragte sie stattdessen mit harter Miene. „Sei ehrlich, Sirius."
Hermione sah, wie Sirius schluckte. Zum ersten Mal senkte auch er den Blick. „Sehr hoch."
Merkwürdigerweise nahm Hermione es ziemlich gelassen auf. Vielleicht, weil sie es insgeheim gewusst hatte. Alles zu vergessen, schien plötzlich viel verlockender, als in die Vergangenheit zu reisen und damit leben zu müssen, ihre Freunde nie wieder zu sehen. Gleichzeitig müsse sie aber auch damit fertig werden, dass es an ihr gelegen war und sie alles hätte verhindern können und jeder von ihnen würde ein glücklicheres Leben führen.
Vor allem er.
Für Hermione waren diese Worte selbst unbegreiflich, dennoch war es ihr Herzenswunsch. „Schick mich einfach in die Vergangenheit, bitte", sagte sie und ignorierte dabei, wie erschöpft sie klang.
„Hermione-"
„Versteh mich doch. Ich kann nicht einfach nur darauf hoffen, vielleicht zu vergessen. Was ist, wenn ich es nicht tue? Dann werde ich die ganze Zeit daran denken müssen, dass ich Harrys Eltern hätte retten können. Genauso wie das Leben so vieler anderer Menschen und das von Sirius. Nur weil ich zu feige war, sind sie aber alle gestorben. Das geht nicht."
„Gibst du dich etwa wirklich der naiven Vorstellung hin, dass du alle retten und die Welt damit besser machen kannst?", fragte Sirius düster.
„Was ist denn so falsch daran? Auf irgendetwas muss man doch hoffen. Für mich gibt es doch keinen Ausweg mehr."
Plötzlich und vollkommen unerwartet, öffnete sich die Tür zu Hermiones Zimmer. Hermione zuckte erschrocken zusammen und wirbelte herum. Beinahe hätte sie dabei die Verbindung zum Spiegel unterbrochen. Gerade noch rechtzeitig behielt sie ihre Fingerkuppen am kalten Glas und starrte dabei entsetzt eine wesentlich jüngere Ausgabe Sirius' an, der wie gebannt im Türrahmen stand und an ihr vorbei auf den Spiegel starrte.
„Bei Merlin!", rief er mit fast schon ehrfürchtiger Stimme.
Irritiert und erschrocken betrachtete er sein älteres Ebenbild. Hermione war sich sicher, dass er erst etwas gebraucht hatte, um sich selbst darin zu erkennen.
„Das hätte nicht passieren dürfen", meinte der Sirius im Spiegel hinter ihr mit ernster Stimme.
Schnell sah Hermione zu ihm zurück. Am liebsten würde sie loslassen, jedoch hatte sie Angst, dass der Kontakt zwischen ihnen dann vollkommen abbrechen würde. Jetzt war es sowieso bereits zu spät dafür. Sie wandte ihren Blick wieder dem anderen Sirius zu. Dieser war näher an den Spiegel getreten und blickte sich weiterhin einfach nur an.
„Eigentlich wollte ich mit dir reden", murmelte Sirius geistesabwesend an Hermione gerichtet. „Und nachsehen, ob alles in Ordnung ist. Du warst so schnell verschwunden."
Nun sah sie Sirius an. „Ist denn alles in Ordnung?", fragte er zaghaft, fast schon ängstlich. Sein Blick wanderte über ihre leicht geröteten Augen. Es war deutlich zu erkennen, dass sie geweint hatte. „Du wirst doch jetzt nicht etwa gehen, oder?"
„Sie kann nicht länger hier bleiben", erwiderte der Sirius aus dem Spiegel knapp.
Dafür kassierte er jedoch nur einen wütenden Blick von dem anderen Sirius. „Dich hat keiner gefragt. Natürlich kann sie hier bleiben. Ihre Mission-"
„Sirius, ich habe keine Mission", fiel Hermione ihm ins Wort. „Er hat recht. Ich kann nicht länger hier bleiben."
„Aber-"
„Ich weiß jetzt, wie ich euch retten kann, aber dafür muss ich gehen." Hermiones Stimme klang gefasst. In Wahrheit versuchte sie jedoch nicht erneut in Tränen auszubrechen. In den letzten Monaten hatte sie bereits zu viele Tränen vergossen.
Sirius trat einen Schritt zurück. Sein Blick verfinsterte sich und seine Augen blitzten ihr kalt entgegen. „Und so wie ich dich kenne, erwartest du nun von mir, dass ich das verstehen werde und dabei zusehe, wie du genauso schnell verschwindest, wie du gekommen bist – so, als wäre nichts gewesen."
„Sirius, ich-"
„Nein! Hör auf mit Sirius! Ich kann es nicht mehr hören", rief er aufgebracht. „Immer soll ich jeden Quatsch verstehen, den du mir erzählst. Du verlangst die ganze Zeit von mir, etwas anderes zu akzeptieren. Wenn du sagst, das ist so, dann ist das auch so. Basta. Aber Hermione, so läuft das nicht mehr. Du kannst nicht einfach auftauchen, mein Leben durcheinander bringen und dann einfach so wieder verschwinden!"
„Aber du warst es doch, der gemeint hat, dass du dich auf mich nicht einlassen willst!" Sirius Vorwürfe, brachten auch Hermione in Rage. Jeder versuchte ihr etwas anderes einzureden und jeder wollte, dass sie dies und das machte. In ihren Augen war es nicht fair, was Sirius ihr vorwarf. Er hatte kein recht, dass zu behaupten. Erst recht nicht, nachdem sie vor ein paar Stunden beide beschlossen hatten, sie würden nicht zusammengehören.
„Natürlich!", schrie Sirius. Zornesröte war ihm ins Gesicht gestiegen. „Was erwartest du auch von mir? Verdammt noch mal, ich liebe dich und du sagst mir, dass du mich bald wieder verlässt, wenn nicht sogar sterben wirst!"
Stille trat ein. Hermiones Augen hatten sich geschockt geweitet und Sirius fiel es sogar selbst schwer, zu glauben, dass er gerade zum ersten Mal jemandem seine Liebe gestanden hatte. Der Sirius im Spiegel betrachtete die Szene mit wachsamem Blick. Am liebsten hätte er sich abgewandt. Obwohl es sein jüngeres Ebenbild und somit er selbst war, kam es ihm doch so vor, als würde er hier nicht dazugehören.
„Du liebst mich?", wisperte Hermione fast schon atemlos.
„Erwarte nicht von mir, dass ich das jetzt auch noch bejahe. Ich denke, dass was ich bereits gesagt habe, war schon zu viel des guten."
Hermione ertrug seinen bitteren Blick nicht länger. Sie wandte sich von ihm ab und wieder dem älteren Sirius zu. Eigentlich änderten seine Worte nichts an den Tatsachen, dass sie inzwischen in keine Zeit mehr gehörte und nirgends ihre Daseinsberechtigung hatte. Stattdessen tat es ihr eher noch mehr weh, dass sie diese Zeit nun verlassen musste.
„Sirius", fuhr sie zu dem Älteren fort, so als wären die beiden nie unterbrochen worden, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Stimme dabei zitterte, „tu mir bitte den Gefallen. Du bist mir etwas schuldig, immerhin bist du derjenige, der mich in diese Zeit geschickt hat."
Hermione wusste, dass es nicht fair war, das auszunutzen, aber sie wusste sich einfach nicht mehr anders zu helfen. „Schick mich in die 20er Jahre. Ich töte ihn und alles wird besser. Für jeden von uns."
„Moment einmal", fuhr der andere Sirius dazwischen, noch ehe der Ältere darauf etwas erwidern konnte. „Du reist noch weiter in die Vergangenheit? Aber du hast mir doch selbst gesagt, dass Zeitreisen gefährlich sind!"
„Sind sie auch", bestätigte der Sirius im Spiegel.
„Tut nicht so, als würdet ihr euch gegen mich verbunden!", fuhr Hermione dazwischen. Eindringlich sah sie den Jüngeren an. „Es wird auch für dich besser werden, wenn ich es tue. Du sagst du liebst mich und wenn ich in die Vergangenheit reise, dann kann ich den Menschen töten, der uns jetzt alle so unglücklich macht und du wirst mich vergessen. Es ist ganz leicht."
„Oh nein, ganz sicher nicht." Kalt lachte Sirius auf. „Ich habe dir gerade gesagt, dass ich nicht mehr akzeptieren werde, was du ständig von mir verlangst. Gehst du durch diesen Spiegel, dann komme ich mit!"
„Nein!", protestierten in diesem Moment Hermione und der ältere Sirius fast zeitgleich.
Hermione sah ihn scharf an. „Wie stellst du dir das vor? Du gehörst in diese Zeit, wenn du mit mir dort hineingehst, dann wirst du nie wieder zurückkehren!"
„Das sehe ich genauso", erwiderte der Sirius aus dem Spiegel mit ruhiger Stimme. Seine Augen hatten sein jüngeres Erscheinungsbild verärgert fixiert und blickten ihn streng an. Es sah nicht so aus, als würde er mit sich selbst reden. Viel mehr hatte es den Eindruck, als würde soeben ein Vater seinem unvernünftigen Sohn etwas verbieten wollen. „Du würdest damit unsere ganze Zukunft durcheinander bringen."
„Und was soll daran bitteschön schlimm sein?", bellte der junge Sirius den älteren an. „Das wird ja immer noch besser sein, als in der Zukunft sein Leben in einem Spiegel zu verbringen!"
Hermione wollte beschwichtigend nach seiner Hand greifen, doch Sirius schüttelte sie ab. „Hör auf mit diesem Unsinn. Du wirst mich nicht umstimmen können. Ich komme mit dir und wenn es das Letzte ist, was ich tue. Du brauchst mich doch auch!"
„Ich brauche dich nicht", erwiderte sie. Natürlich war es gelogen. Sie brauchte Sirius mehr als alles andere an ihrer Seite.
„Du brauchst mich alleine schon deswegen, weil irgendjemand hier den Kopf bewahren muss. So wie ich dich kenne, wärst du einfach blind in die Vergangenheit gestürmt oder dir überhaupt auch nur irgendwelche Gedanken zu machen."
„Wie meinst du das?", fragte sie misstrauisch und hob dabei die Braue. Normalerweise war sie die Strategin, die immer einen kühlen Kopf bewahrte!
„Wenn du erst einmal dort bist und deine Aufgabe erledigt hast, wie denkst du, wirst du dann klarkommen, hm?" Erwartungsvoll sah er sie an. Hermione erwiderte nichts darauf. Sie wusste nicht genau, worauf er hinaus wollte. „Du brauchst dort Geld, Hermione. Für Essen, Kleidung, musst wo wohnen und irgendwie dein Leben meistern können! Du hast ja nicht einmal einen Knut!"
Hermione biss sich auf die Unterlippe. Es fiel ihr schwer zuzugeben, dass Sirius recht hatte. Diesen Punkt hatte sie noch gar nicht bedacht.
„Du hast auch kein Geld", erwiderte sie stattdessen trotzig. „Du bist von zu Hause abgehauen. Recht viel mehr hast du auch nicht."
„Aber immerhin noch so viel, um uns wenigstens ein paar Wochen lang über Wasser halten zu können", stellte er entschieden klar. „Entweder du gehst mit mir in die Vergangenheit und hast die Chance, auf ein einigermaßen schönes Leben oder, du gehst ohne mich und endest als arme Bettlerin, die sich von den verseuchten Ratten in den Gassen ernährt."
Bei dieser Vorstellung musste Hermione schlucken. Sie senkte den Blick und wandte sich wieder dem Spiegel zu.
„Hermione-", wisperte der Sirius dahinter ihr nun zu, wenn auch mit sehr missbilligender Miene. „Ich kenne mich, gib auf. Er wird sich nicht von dieser dummen Idee abbringen lassen. Außerdem hat er recht. Lass es einfach ganz bleiben."
„Ich kann aber nicht, das weißt du?", erwiderte sie ihm geknickt. Der hoffnungsvolle Ausdruck in dem Gesicht des älteren Sirius' verschwand. Hermiones Stimme bebte, als sie wieder mit dem jüngeren sprach. Sie schaffte es aber nicht, ihn dabei anzusehen. „Ich habe Angst, Sirius, dass, wenn du mit mir kommst, du mir das eines Tages zum Vorwurf machen könntest."
„Ich würde dir niemals auch nur irgendetwas zum Vorwurf machen", erwiderte er. „Lass uns gehen, Hermione. Du gibst uns damit auch die Chance, zusammen zu sein."
Fortsetzung folgt …
