Kapitel 28
Severus sah entgeistert dem davon stürmenden kleinen Jungen hinterher und fuhr sich müde übers Gesicht.
Er legte Warmhaltezauber übers Essen und folgte schließlich seinem Sohn.
Harry war in sein Zimmer gelaufen und lag weinend mit dem Teddy im Arm unter dem Bett.
Severus seufzte, er hatte gehofft, dass Harry zumindest das Bett als eines seiner Möbel, die er nun definitiv benutzen dürfte, akzeptiert hatte.
Doch das aufgebrachte Kind hatte den engen Raum unter dem Bett bevorzugt und sich gegen die Wand zusammengerollt.
Severus kniete sich vor das Bett und schaute seinen Sohn darunter mit selber traurigem Blick an: „Komm bitte unter dem Bett hervor, Kind."
Harrys grüne, in Tränen schwimmenden, Augen richteten sich langsam auf das Gesicht seines Vaters und zögernd krabbelte er in dessen Richtung.
Als das Kind in Reichweite kam, zog Severus den kleinen Jungen vorsichtig ganz hervor und schloss ihn sanft in die Arme und versuchte das aufgebrachte Kind zu beruhigen.
„Harry, ich weiß nicht, was dein Onkel dir gesagt hat, aber du bist nicht dumm, Kind.", versuchte Severus auf den weinenden Jungen einzureden.
Schluchzend erzählte Harry, dass ihm sein Onkel ein ähnliches Spielzeug, was Dudley nicht mehr gewollt hatte, weggenommen hatte und ihn angeschrien hätte, dass er ohnehin viel zu dumm dazu wäre.
Severus strich ihm beruhigend durch die Haare und redete ihn ruhigem Ton auf das aufgelöste Kind ein, bis Harry sich wieder einigermaßen beruhigt hatte.
Er trug Harry wieder zurück in die Küche und setzte ihn wieder auf seinen Stuhl.
Nachdem er die Serviette des Kindes wieder aufgehoben hatte und sie Harry wieder über den Schoss gelegt hatte, ging er neben dem Kind in die Hocke.
„Harry, du bist alles andere, als ein dummes Kind und dein Bild ist sehr hübsch, wenn du möchtest, hängen wir es später auf?", schlug Severus vor, um dem Kind die verdrehten Ansichten auszutreiben.
Harry blickte ihn misstrauisch an: „Aber warum hast du es dann so angesehen?"
Severus seufzte: „Nun, du hast es wohl geschafft, tatsächlich eine Farbauswahl zu treffen, in der es ziemlich sicher keine Drachen gibt."
Als Harrys Miene sich verdüsterte und die Unterlippe verdächtig zu zittern begann fuhr Severus beschwichtigend fort: „Aber das heißt nicht, dass mir dein Bild nicht gefällt. Du musst nicht nur Dinge so malen, wie sie tatsächlich aussehen. Beim Malen geht es vor Allem anderen um Fantasie und daran mangelt es dir offenbar nicht."
Harry sah ihn einen Moment weiterhin skeptisch an und schien erst einmal verstehen zu müssen, was sein Vater gesagt hatte, eh langsam wieder ein zaghaftes Lächeln auf sein Gesicht zurückkehrte.
Sanft wischte Severus dem kleinen Jungen die Tränen von den Wangen und gab ihm einen Kuss auf die Stirn: „Wir hängen es auf, wenn es fertig ist. Jetzt iss aber bitte deine Nudeln, Harry."
Harrys Lächeln war wieder deutlicher ausgeprägt und er nahm artig sein Besteck und begann die Spaghetti zu essen.
Wobei er eine Heiden Sauerei versaute, denn er bekam die langen Spaghetti nicht richtig auf die Gabel und verteilte überall Soße.
Severus schritt schließlich ein: „Harry, versuch die Spagetti mal auf die Gabel zu drehen. Schau, wie ich es mache."
Und Severus machte es vor, indem er die Gabel auf dem Löffel und drehte und erst aß, als die Nudeln nicht mehr viel zu lang hinunter hingen.
Doch Harry schaffte das nicht so richtig und die Nudeln fielen trotzallem noch von der Gabel.
„Ich schätze wir schneiden sie dir lieber kleiner.", schlug Severus vor und als er den niedergeschlagenen Ausdruck des Kindes bemerkte, setzte er noch nach, „keine Sorge, Harry. Ich konnte das in deinem Alter auch noch nicht."
Das restliche Essen verlief schweigend, währenddessen sich Severus fragte, ob die nächsten Wochen genauso verliefen. Ein ständiges Auf und Ab, von Lachen zu Tränen innerhalb von nicht einmal einer Minute.
War das nur so, weil Harry so wenig Selbstvertrauen hatte und panische Angst davor hatte, etwas falsch zu machen, oder waren alle Kinder so empfindlich?
Severus konnte sich nicht recht daran erinnern, ob Draco auch so schnell in Tränen ausbrach.
Es würden wohl noch lange anstrengende Wochen werden, bis es dem Kind besser ging und er sich an einen normalen Alltag gewöhnt hatte.
Dabei fiel Severus ein, dass er noch dringend Briefe an Albus und Lucius schreiben musste. Sie mussten schließlich wissen, welche Version er erzählt hatte, wieso er plötzlich ein Kind hatte und dann musste dringend überprüft werden, ob Mr. Andrews eine Meldung abgegeben hatte.
Er hoffte inständig, dass er den jungen Zauberer überzeugt hatte, dass er nicht die Quelle der Verletzungen des Kindes war und der Zauberer keinen Bericht ans Ministerium gab. Denn, wenn er es tun würde, hätte er bald unangenehme Fragen zu beantworten und es würde sehr viel früher als sie alle gehofft hatten, heraus kommen, dass nun er der Vater des Jungen war.
Severus konnte sich den Aufschrei in der Zaubererwelt förmlich schon bildlich vorstellen, wenn bekannt wurde, dass er Vater von Harry Potter. Lilys Name würde unweigerlich in den Dreck gezogen werden. Sie mussten sich dringend etwas überlegen, wobei ihm selber keine Möglichkeit einfiel, dieses Ereignis komplett abwenden zu können.
Irgendwann würde es heraus kommen, wer sein Sohn war. Schließlich war die Narbe durch die Adoption nicht verschwunden.
Doch er würde sich zusammen mit Albus und Lucius Gedanken machen müssen, auch, die sie verhindern könnten, dass eine komplette Inspektion angeordnet würde.
Denn eine komplette Inspektion würde bedeuten, dass sie ihm den Jungen zumindest für ein paar Tage wegnehmen würden, eh man sicher war, dass er als Vater nicht komplett versagen würde. Das einzig Positive war, dass sie ihm das Kind zurückgeben müssten, da er nun der leibliche Vater war.
Harry hatte seine Portion zwar nicht vollständig aufgegessen, aber doch schon eine annehmbare Menge verspeist.
„Möchtest du dein Bild fertig machen, Harry?", fragte Severus das Kind, während er das Geschirr abräumte.
Harry schien von der Idee nicht mehr allzu überzeugt zu sein und klammerte sich stumm an seinen Teddy fest, der eben auf dem Stuhl gesessen hatte.
„Wenn du es nicht fertig machst, kann ich es nicht aufhängen, Kind.", versuchte Severus Harry dazu zu bewegen, sein Bild zu beenden.
„Du willst es wirklich aufhängen, Daddy?", fragte Harry schüchtern mit leicht hoffnungsvoll schimmernden Augen.
Severus nickte seinem bestätigend zu und deutete auf die Kühlschranktür: „Und genau da, wird es dann hängen."
Harry lächelte und ergriff wieder einen der Stifte, wobei er den Teddy in dem anderen Arm festhielt, und meinte in leiser Stimme: „Tante hat auch Bilder von Dudley an den Kühlschrank gehängt."
Nun verschwand Severus Lächeln nahezu gänzlich aus seinem Gesicht, denn er konnte sich denken, dass an dem Kühlschrank der Dursleys niemals ein Bild von Harry gehangen haben wird und, wie sehr er sich das vermutlich gewünscht hatte.
Er machte den Abwasch per Hand, damit Harry in Ruhe sein Bild zu Ende malen konnte.
Als er gerade das nun wieder trockene Geschirr wegräumte, legte Harry die Stifte weg und betrachtete prüfend sein Bild: „Ich glaub, ich bin fertig."
„Na dann, zeig mal, Harry.", schlug Severus vor.
Und Harry kam mit dem Buch zu ihm herüber und hielt ihm das fertig ausgemalte Motiv zögernd hin.
Harrys Drache hatte nun nicht nur giftgrüne Streifen, sondern auch noch gelbe und rote Füße.
Severus lächelte, nein, so einen Drachen gab es tatsächlich nicht. Doch er nahm das Buch aus der Hand des Kindes und trennte vorsichtig die Seite heraus.
Er befestigte es mit einem kurzen Zauber zentral auf der Kühlschranktür und trat einen Schritt zurück, um zu sehen, wie es aussah.
Severus lachte, hätte ihm vor ein paar Tagen jemand gesagt, dass er ein Kind haben würde und ein selbstgemaltes Bild an den Kühlschrank kleben würde, hätte er denjenigen ohne zu zögern für völlig verrückt erklärt.
Und auch wenn das Bild an sich mit Sicherheit nicht das Schönste war, war er dennoch stolz, es dort hängen zu haben.
Lächelnd wandte er sich wieder zu Harry um, der seinen Vater mit ängstlichem Blick beobachtet hatte, und ging neben ihm in die Hocke.
„Ich würde sagen, das ist genau das Bild, was dem Kühlschrank gefehlt hat.", sagte Severus zu dem kleinen Jungen und streichelte ihm sanft über die Wange, „das hast du sehr schön gemacht, Harry."
Harrys Gesicht erhellte sich nach dem Lob wieder mit einem strahlenden Lächeln und überschwänglich umarmte er Severus.
„Ich hab dich lieb, Daddy.", hauchte er Severus ins Ohr.
Severus schloss ihn kurz in eine feste Umarmung: „Ich hab dich auch lieb, Harry."
Als er Harry wieder los ließ, fiel ihm auf, dass der kleine Junge mühsam versuchte ein Gähnen zu verstecken.
Harrys Körper war immer noch total entkräftet, er würde also die nächsten Wochen noch mehr Schlaf brauchen, als gesunde Kinder.
Mit einer raschen Bewegung hob er Harry in seinen Armen hoch, was Harry einen überraschten Laut entlockte, und ging mit ihm in Richtung von Harrys Zimmer: „Ich glaube, da kann jemand einen kurzen Mittagsschlaf gebrauchen."
Doch Harry sah ihn entsetzt an: „Ich bin kein Baby, Daddy."
„Ich weiß Harry und das hat nicht damit zu tun, ob man ein Baby ist. Mein Patensohn Draco macht auch noch einen Mittagsschlaf und er ist genauso alt wie du.", berichtete Severus amüsiert, von der plötzlichen Aufmüpfigkeit des Jungen.
Und tatsächlich hielt Draco an dieser Gewohnheit fest und wehrte sich vehement gegen die Versuche seiner Eltern, es ihm abzugewöhnen. Severus hatte Draco zwar schon Monate nicht mehr gesehen, aber das musste er Harry ja nicht erzählen.
Harry sah ihn überrascht an: „Echt?"
„Ja, Harry.", antwortete Severus lächelnd und legte den kleinen Jungen sanft unter die Bettdecke und nahm ihm die neue Brille ab und legte sie auf den Nachttisch.
Harry gähnte wieder leicht und kuschelte sich enger in die Decke.
Severus lächelte und gab ihm sanft einen Kuss auf die Stirn, als er Harrys beinah panischen Blick bemerkte, setzte er sich auf die Bettkannte: „Ich bleibe, bis du eingeschlafen bist."
Harry sah ihn einen Moment dankbar an, eh er die Augen schloss und wenige Minuten später auch schon eingeschlafen war.
Lächelnd betrachtete Severus sein schlafendes Kind, hauchte ihm erneut einen Kuss auf die Stirn und verließ leise das Zimmer des Jungen und lehnte die Tür beim Hinausgehen an, damit er hören könnte, wenn Harry wieder aufwachte.
