Kapitel 28


20. August, London

Lieber Herr Professor Snape,

als ich den Tagespropheten las, blieb mir mein Frühstück quer im Halse stecken.

Diese unglaubliche Verdrehung der Tatsachen sorgte dafür, dass ich mein Brötchen weit von mir schob und den Tag lieber nüchtern begann.

Natürlich wird es hier niemanden scheren, wie die Dinge tatsächlich abgelaufen sind...dennoch erscheint es mir wie ein wahrer Höllentrip, dass die Malfoys hier wie Opfer beschrieben werden - ganz davon zu schweigen, in welches Licht man Sie stellt!

Ich spüre Zorn in mir und weiß doch, dass ich diesen zurückdrängen muss, da wichtigere Aufgaben auf mich warten.

Sie haben richtig vermutet, dass ich Harry für heute Abend um Hilfe gebeten habe. Ich brauche jemanden, der die Augen mit aufhält. Sobald ich Hadass in meine Räume gebracht habe, werde ich mich bei Ihnen melden.

Es macht mich fast wahnsinnig, dass ich frühestens morgen Ausschau nach den Zutaten halten kann - doch eine ist mir bereits sicher. Harry hat keine Einwände sein Blut für Ihre Frau zu geben.

Wie ich Ihnen bereits sagte, ist er mir etwas schuldig...so glaubt er jedenfalls und unter diesen Umständen lasse ich ihn nur allzu gerne in dem Glauben.

Es hat mich tief bewegt, dass Sie sich scheinbar Sorgen um mich gemacht haben. Mein gestriger Abend verlief völlig anders, als ich es erwartet hatte...und ich bin mir wirklich nicht sicher, ob Sie es überhaupt hören möchten.

Ich darf vorwegnehmen, dass mir nichts Unangenehmes zugestoßen ist.

Harry hatte mich am frühen Abend abgeholt, damit wir in einem Restaurant auf seinen Freund Joe treffen konnten.

Joe war...nett...nett und unsäglich langweilig.

Er begann unsere Konversation damit, dass ich seiner Mutter ähneln würde...nein, dies stammt nicht aus einer Kömodie...er sagte: "Es ist verblüffend...Sie haben die gleichen Haare wie meine Mutter - damals - als sie noch jünger war - jetzt ist sie grau - aber sie ist ja auch älter als Sie."

Ich glaube Harry trat ihm unter dem Tisch gegen das Bein - jedenfalls ließ Joe sein Weinglas vor Schreck fallen und versaute die Tischdecke. Er zog seinen Zauberstab hervor und stieß hastig einen Spruch aus, der die Decke in Brand setzte.

Nachdem wir uns alle etwas beruhigt hatten, fragte ihn Harry nach seinem Job. Joe sah ihn verwirrt an und Harry erklärte mir sichtlich genervt, dass Joe ebenfalls im Ministerium arbeiten würde. Er sei dort im Bereich der Schadensbegrenzung durch verfehlte Zauber zuständig...dies löste leider bei mir einen Lachanfall aus, den ich erst nach geraumer Zeit eindämmen konnte.

Das Essen verlief schweigsam und ich war sehr dankbar dafür. Meine Gedanken liefen zu diesem Zeitpunkt schon Amok. Als Harry sich noch vor dem Dessert verabschieden wollte, sprang ich ihm fast auf den Schoß, um ihn zum Bleiben zu überreden.

Joe eröffnete mir beim Dessert, dass er mich gerne wiedersehen würde, er mich aber dann gerne seiner Mutter vorstellen würde, da er auf ihre Meinung viel Wert lege.

Sie können sich sicher denken, dass ich selbst in größter Geilheit (Verzeihung) keine Chance gehabt hätte, diesen Mann als OneNightStand in mein Bett zu bekommen.

Harry, dem das Fiasko sichtlich leid tat, sah mich achselzuckend an, worauf ich Joe klipp und klar sagte, dass aus uns niemals etwas werden würde.

Schließlich begleitete mich Harry nach hause - und jetzt kommt der Teil, der Sie wahrscheinlich weniger amüsieren wird.

Nachdem wir meine Wohnung betreten hatten, musste ich wieder beginnen zu lachen. Harry entschuldigte sich wortreich bei mir, doch dann stimmte er in mein Lachen ein und wir konnten uns kaum noch halten.

Wir haben schon so oft nah beieinander gestanden - wir haben all die Jahre wie Bruder und Schwester gelebt - aber Gestern ist es plötzlich anders gewesen.

Ich habe ihn geküsst. Es war das erste mal überhaupt. Harry war anfangs verwirrt. Doch Sie können mir glauben, dass er nicht abgeneigt war. Wir schafften es nicht einmal bis in mein Schlafzimmer. Ich glaube, ich habe Harry noch nie so außer Kontrolle erlebt - und dabei kenne ich ihn nun schon so lange...es war fast so, als habe auch er sich immer gefragt, wie es wohl sein mochte...

Ich werde Ihnen die Details ersparen, denn ich befürchte, dass Sie meine Wahl nicht gutheißen werden...dennoch, es war ein Befreiungsschlag in vielerlei Hinsicht.

Jedoch bin ich mir sicher, dass Harry nicht ahnt, dass ich genau so etwas geplant hatte. Er sucht die 'Schuld' bei sich, denn die Ernüchterung kam bei ihm um einiges heftiger als bei mir.

Er sagte mir noch in der selben Nacht, dass er mich nicht lieben würde. Ich versicherte ihm, dass es eine einmalige Sache war, die wir nicht zerreden sollten, da auch ich ihn nicht liebe.

Dennoch hat er wohl das Gefühl, mir etwas schuldig zu sein. Wenn ich nun seine Hilfe fordere, so weiß ich genau, dass er sie mir nicht verwehren wird. Er ist über die Dinge so weit informiert, dass er versteht, dass ich Hadass aus Überzeugung helfen möchte.

Wenn der Trank tatsächlich funktionieren sollte, so wird mir Harry auch helfen einige formelle Dinge zu...ändern.

Hadass wird eine neue Identität bekommen. Sie kann so lange bei mir bleiben wie sie möchte. Doch noch kann ich nur beten, dass es überhaupt zu diesem Fall kommt.

Ich weiß was vor mir liegt, und ich will Ihnen nicht verhehlen, dass ich Angst habe. Aber ein gesundes Maß an Angst ist wohl nötig, um sich mit der nötigen Sorgfalt an die Arbeit zu machen.

Es hat mich sehr gerührt, wie Ihre Angestellten den Verlust von Lady Hadass ebenfalls betrauert haben - und irgendwie erleichtert es mich, dass man Ihnen in Ihrem eigenen Hause die Hochachtung zukommen lässt, die Ihnen gebührt.

Es muss schrecklich sein, das Haus nun ohne diesen guten Geist zu wissen.

Bitte verzeihen Sie, aber ich spüre jetzt wie die Nervosität mich erfasst. In wenigen Stunden werde ich Ihre Hadass zum ersten mal leibhaftig zu Gesicht bekommen und die Umstände könnten wohl kaum schrecklicher sein.

Doch ich bin dankbar für Ihre Beschreibungen von ihr, denn so ist mir immer bewusst um was es geht und ich weiß, dass ich es schaffen werde.

Sie wissen sicher, dass ich Ihnen für Ihre finanzielle Großzügigkeit gar nicht genug danken kann. Die Sorge um meine finanzielle Situation ist einer Sorge gewichen, die eindeutig noch schlimmer zu ertragen ist.

Die Sorge um Sie!

Ich habe Angst um Sie, Severus.

Angst davor, was aus Ihnen wird.

Bislang war ich es, die die Fragen stellte und Sie derjenigen, der Bedingungen fordern durfte. Ich möchte nun gerne die Rollen vertauschen.

Ich habe eine Bedingung von der ich hören muss, dass Sie sie erfüllen werden.

Diese Bedingung erwächst aus der Sorge, dass Sie sich selbst aufgeben könnten, wenn Hadass nicht wiederkehren kann - oder wenn Sie sie endgültig in Sicherheit wissen. Sie wird Ihnen dennoch entrissen sein.

Daher möchte ich, dass Sie mir versprechen, mir immer mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, so gut es Ihnen möglich sein wird.

Ich hoffe, Sie sind bereit, mir dieses Versprechen zu geben.

Ihre Hermine Granger