Kapitel 28: Ein neues Jahr

„Meister? – Meister?", rief eine zaghafte Stimme, während sie sich durch das unbeleuchtete Nebenzimmer tastete. Voldemort machte nur noch selten das Licht an. Er konnte in dem dämmrigen Zwielicht des Mondlichtes, das durch die Fenster schien, exzellent sehen und das Umherstolpern seiner Diener belustigte ihn. Doch heute hatte er keine Zeit dafür, also antwortete er, „Hier, Bella." Vorsichtig folgte die Todesserin der Stimme und sah sich unbehaglich um.

Voldemort hatte sich diese Nacht für eine Sonderanfertigung von Madame Malkin entschieden, eine Robe deren geschickt angeordnetes Muster aus dunklen Grautönen den Träger unsichtbarer machte als das tiefste Schwarz. Er stand mitten im großräumigen Zimmer der Villa, die ihm als vorübergehendes Heim diente, mit dem Rücken zur Tür, in der Bellatrix wartete, und mit seinem schwarzen Haar war er für normale Augen tatsächlich nicht zu entdecken. Mit Schwung drehte er sich auf dem Absatz seiner Schuhe um und obwohl sie versuchte es zu verhindern, zuckte Bellatrix zusammen, als ihr Idol vor ihr erschien.

„Meister", hauchte sie überrascht, fing sich dann aber schnell wieder, „Scrimgeour ist neuer Minister." „Oh, das ging überraschend schnell, findest du nicht?", erkundigte sich Voldemort freundlich. „Eh, ja, Meister", stotterte die Frau und beeilte sich aus dem Weg zu gehen, als der dunkle Lord an ihr vorbei lautlos aus dem Zimmer glitt. „Meister?", rief sie ihm hinterher, als dieser sich gerade anschickte den Flur zu betreten und zuckte wieder zusammen als die schattenhafte Gestalt herumwirbelte. „Ja, Bella?", sagte Voldemort geduldig, wie der Lehrer zu seinem Lieblingsschüler.

„Wirkt sich das auf un… eure Pläne aus?", erfragte die Todesserin in einem jämmerlichen Versuch hintergründig Eifer auszudrücken ohne die eigenen Ambitionen zu verraten. „Sollte es?", stellte Voldemort mit geschmeidiger Stimme die Gegenfrage. „Nein?", riet die Todesserin ein wenig verzweifelt und Voldemort schloss die Tür hinter sich. Einerseits amüsierte ihn die Gegenwart dieser Person, doch andererseits war es ein ständiger Hinweis darauf von welcher Inkompetenz er umgeben war.

Im Gegensatz zu Harry Potter, dachte er mit einem Anflug von Nostalgie, während er die breite Wendeltreppe zur Eingangshalle hinunter ging. Der Junge hatte es geschafft sich mit Kämpfern zu umgeben, auch wenn es keine richtigen Zauberer waren. Die Kleine in der Winkelgasse hatte ihn zum Beispiel tief beeindruckt. Sie hatte genau gewusst, wem sie begegnet war und mit was sie zu rechnen hatte. Trotz ihrer Angst und der Verwirrung, die sein Verhalten ausgelöst hatten, war sie ihm trotzdem gefolgt und nicht in Kopflosigkeit verfallen. Sie hatte an ihre Pflicht gegenüber Harry Potter gedacht – seine Diener dachten immer zuerst an sich.

Deshalb wartete er auch. Er brauchte neue Diener und musste die Hinterlassenschaften von Harry Potter beseitigen, dann fiel die Macht in seinen Schoß. Das Ministerium und seine wertvollen Auroren waren nur Statisten, was weder diese noch seine Diener begreifen wollten. Harry Potter hatte es verstanden. Voldemort nahm sich vor, dass Leben und vor allem das Ableben seines Widersachers bei Gelegenheit näher zu betrachten. Es erschien ihm ein lohnendes Objekt seines Interesses.

Doch erst standen dringendere Dinge an, ermahnte sich Voldemort, verließ sein Domizil und betrat den weitläufigen Park, der sich daran anschloss. Der dunkle Lord sah hoch in den Himmel, der plötzlich von tausenden Feuerwerkskörpern erhellt wurde. Das dumpfe Dröhnen der Böller schallte von überall her und die ganze Insel wurde in den Dunst unbekümmerten Feierns gehüllt. Ein letztes Mal, freut euch noch ein letztes Mal, Muggelpack, dachte Voldemort, im nächsten Jahr werden es die Zauberer sein, die sich freuen, weil sie euch an euren angestammten Platz verwiesen haben. Dann verschwand der Mann in die Neujahrsnacht.


Ein kalter Wind umwehte Blaise und Neville auf dem Astronomieturm, als sie dem Schauspiel in der Ferne beiwohnten. Der gesamte Horizont schien blau, rot oder grün zu leuchten, gesprenkelt von den winzigen Supernovae brennenden Magnesiums. „Frohes neues Jahr", flüsterte Neville, der hinter seiner Freundin stand, und zog die wärmende Decke enger um sie. „Frohes Neues", flüsterte die Slytherin vom Schauspiel ergriffen zurück. „Ich sehe es mir zum ersten Mal wirklich an", fügte sie ein paar Minuten später hinzu und Neville hörte das Schuldeingeständnis heraus. Muggel waren ein heikles Thema für das Mädchen.

„Es sieht fast so aus wie Magie", erwiderte er, unsicher wie sie es aufnehmen würde. „Für mich ist es mehr als Magie", antwortete Blaise sofort, als hätte sie dieser Gedanke schon länger beschäftigt. „Die Magie verstehe ich. Das", sie deutete auf eine Fontäne aus goldenen Sternen, „verstehe ich nicht. – Ich frage mich, wie ich jemals so blind sein konnte, die Muggel für minderwertig zu halten." „Mach dir keine Vorwürfe. Wir alle sind erstmal das Produkt unserer Erziehung. Ich glaube, dass ist die Grundidee des Erwachsenwerdens: seine eigene Erziehung zu hinterfragen und sich selbst eine Meinung bilden", philosophierte Neville und Blaise lachte.

„Was ist?", wunderte sich der Junge. „Du klingst manchmal richtig altklug. Ich glaube, dass hast du von Harry. Er hat auf dich abgefärbt", lachte Blaise und wurde dann schlagartig ernst. Bis auf wenige Ausnahmen hatten die Menschen ihren Vorrat an Feuerwerkskörpern erschöpft und sich in die Wärme ihrer Häuser geflüchtet. Der Wind wurde schneidender und Dunstschwaden verdunkelten die Sterne und den Mond. „So ist die Kunst", flüsterte das Mädchen und presste sich stärker gegen Neville, „Dunkel und kalt und einsam."

„Aber du bist nicht alleine", erinnerte sie Neville sanft, doch sie schüttelte den Kopf. „Aber wir sind alleine. Man kann auch einsam zu zweit sein, weißt du?", widersprach Blaise und sah in die Dunkelheit hinaus. „Müssen alle Slytherin so Schwarzseher sein oder kommt das mit der Zeit vom Hausen in Kellern?", versuchte Neville das Unken seiner Freundin auf humorvolle Weise zu beenden. Sie stieß ihm den Ellbogen in die Rippen. „Das war mir ernst", fügte sie hinzu. Schweigend stand das Paar in der eisigen Nacht und warteten ohne zu wissen auf was.

Nach einiger Zeit hatten sich ihre Augen von dem grellen Licht des Feuerwerks erholt und Neville sagte in die Dunkelheit deutend, „Siehst du die Lichter? Die Nacht ist nicht so dunkel wie du denkst." Tatsächlich hatten sich die Dunstwolken verzogen und gaben wieder den Blick auf die schummrigen Lichtkegel der großen Städte frei. „Möglich, aber es ist noch kälter als ich dachte", erwiderte das Mädchen, „Lass uns reingehen." Gemeinsam flüchteten sie in das Treppenhaus und gingen die Stufen herunter.

Auf halben Weg kam ihnen Remus Lupin entgegen. „Frohes neues Jahr, Professor", begrüßte ihn Neville, der den Mann vor allem aus dessen Zeit als Lehrer für VgddK kannte. „Ah, da seid ihr ja. Dumbledore möchte euch sofort sehen. Frohes Neues", sagte der Werwolf, dem es nicht allzu gut zu gehen schien. „Jetzt, um diese Uhrzeit?", wunderte sich Blaise, die einfach nur in ihr warmes Bett wollte. „Sofort", wiederholte der ehemalige Lehrer. „Warum?", hakte die müde Slytherin nach. „lliw os se Rotua red liew", heulte der Mann, gefolgt von einer peinlichen Stille.

„Wie bitte?", erkundigte sich Neville verlegen. „Wie bitte?", erwiderte Lupin, dessen Gesichtsausdruck die Verwirrung des Paares widerspiegelte. „Sie haben gerade etwas … gesagt", erklärte Neville. „Habe ich nicht", kam es wie aus dem Zauberstab geschossen von dem Mann. Das Paar sah sich an. „Doch, haben Sie", bestätigte Blaise. „Oh", machte der Werwolf und kratzte sich hinter dem Ohr, „Ich habe gerade meine Medizin genommen. Vielleicht… – Es geht um die Horkruxe. Wir haben eins gefunden."

Plötzlich war Blaise hellwach und die Kälte vergessen, „Eins der Seelengefäße von Voldemort? Hier?" „Im Büro von Dumbledore", antwortete der Mann, erleichtert das Thema gewechselt zu haben. „Dass muss ich sehen", sagte die Slytherin, griff nach Nevilles Hand und schleifte diesen hinter sich her. Erst als sie das Büro erreichten, stoppte Blaise und fragte hastig, „Wo ist es?" Erst reichlich spät hängte sie noch ein wenig respektvolles, „Sir?" dahinter. Dumbledore, der gerade Fawkes fütterte, musterte sie über die Ränder seiner Halbmondbrille mit einer Mischung aus Faszination und Missbilligung.

„Wenn Sie sich auf das Horkrux beziehen, Miss Zabini, liegt es vor Ihnen", belehrte sie der alte Zauberer und wies auf einen unscheinbaren Goldring, dessen großer schwarzer Stein nicht den Eindruck eines Schmuckstückes erweckte, der auf dem Schreibtisch lag. „Doch auch wenn ich ihren Eifer bewundere, bleibt uns noch genug Zeit die elementaren Protokolle der Höfflichkeit zu befolgen, deshalb wünsche ich Ihnen einen guten Abend und ein frohes neues Jahr", rüffelte der Schulleiter die Slytherin, die soviel Anstand hatte vor Verlegenheit rot zu werden.

Doch die Verlegenheit hielt ihre Neugier nicht lange in Schach. „Darf ich?", fragte sie mit gedämpftem Enthusiasmus und streckte die Hand nach dem Kleinod aus. Dumbledore nickte nach kurzem Zögern und während das Mädchen ehrfürchtig den Ring hochhob und von allen Seiten betrachtete, erzählte er, „Der Ring ist sehr alt und mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Erbstück, das sich einmal in der Hand von Salazar Slytherin befand. Daraus würde sich die Bedeutung ableiten, die der junge Voldemort diesem Ring beimaß; und ich sage jung, weil ich denke, dass es sich hierbei um eins der ersten, wenn nicht gar dem ersten Horkrux handelt, das von Voldemort erschaffen wurde.

Anscheinend erinnerte ihn dieser, an sich wenig aufregende, Ring zu sehr an seine Familie für die er offensichtlich nur Verachtung empfindet, was sowohl für seinen Vater, einen Muggel, und seine Mutter, eine Hexe aus den ärmlichsten und unbedeutenden Schichten der Zaubererwelt." Dumbledore schickte sich an noch mehr zu sagen, doch Neville unterbrach ihn und Fawkes nutzte die Gelegenheit um zu seiner Stange zu fliegen, „Woher wissen Sie das alles, Sir?" „Oh, das meiste davon würde ich nicht als Wissen bezeichnen, es sind mehr begründete Schlussfolgerungen. Als ich Tom Riddle als Jungen aus dem Muggelwaisenhaus nach Hogwarts holte, stellte ich auch Nachforschungen nach seiner Familie an und behielt die Dinge im Auge. Nach den Ereignissen um die Kammer des Schreckens und den Mord an seinem Vater und dessen Eltern, beschlich mich der erste Argwohn, dass Tom nicht bloß der brillante Ausnahmeschüler war, den wir alle in ihm sehen wollten", gab der Schulleiter mit einem traurigen Lächeln zu.

„Wie dem auch sei, Remus hier, war so freundlich seine Zeit zu opfern und Spuren zu verfolgen, die ich zu lange vernachlässigt hatte", fügte er hinzu und nickte zu dem ehemaligen Lehrer herüber, der versucht hatte sich unauffällig im Hintergrund zu halten. Unter den Blicken von Neville und Blaise wand er sich und sagte dann gezwungen, „Es hat mich den ganzen Tag gekostet, die Hütte von Voldemorts anderer Familienseite und diesen Ring zu finden. Die Hütte fand ich nur, weil Freunde in der Aurorenzentrale noch Unterlagen über einen Fall von Voldemorts Onkel hatten. Den Ring zu finden war wiederum simpel, lediglich ein paar Täuschungs- und Ablenkungszauber. Nichts Aufregendes."

„Warum sollte Voldemort einen Teil seiner Seele so ungeschützt zurücklassen, Sir?", fragte Neville und wendete sich dabei wieder an Dumbledore. „Diese Frage habe ich mir auch gestellt und mir fallen viele mehr oder weniger plausible Erklärungen ein, aber ich kann keine belegen. Wichtig ist, dass wir einen weiteren Seelensplitter in unserem Besitz haben. Wir sollten uns der Frage zuwenden, wie wir es zerstören", beschloss Dumbledore und sah wie Neville zu Blaise, die beim Wort ‚zerstören' zusammengezuckt war. „Alles in Ordnung, Miss Zabini?", erkundigte sich Dumbledore leicht brüskiert.

Widerwillig löste Blaise den Blick von dem Horkrux und ihr träumerischer Gesichtsausdruck verschwand, „Ja, zerstören, sicherlich, ähm,…" „Haben Sie einen Vorschlag diesbezüglich?", hakte Dumbledore in dem Versuch nach, die Sache ins positive zu wenden. „Ich…, mein…– nein", stotterte Blaise und wisch dem durchdringenden Blick von Dumbledore aus. „In dem Fall, bitte", schloss Dumbledore das Thema ab und streckte die Hand nach dem Ring aus. Langsam, fast gezwungen, hob die Slytherin ihren Arm und öffnete die Faust damit das Kleinod in die runzelige Hand des Schulleiters fallen konnte.

„Hat Harry das Tagebuch nicht mit dem Basiliskenzahn zerstört?", fragte Neville in den Raum und zog damit die Aufmerksamkeit auf sich. „In der Tat", murmelte Dumbledore und strich sich über den Bart, „Horkruxe sind mächtige Artefakte, aber ein Zahn des Basilisken stellt eine formidable Waffe. Doch ich bezweifele, dass die Form diesmal dasselbe Werkzeug praktikabel macht. Außerdem wüsste ich momentan nicht, wo ein solches Utensil aufzutreiben wäre. Aber apropos Basilisk…", flüsterte der Schulleiter in Gedanken und stand auf.

Er ging zu einer gläsernen Vitrine auf der anderen Seite des Raums. Ein Zauber öffnete sie und er entnahm ihr ein glänzendes Schwert. „Dies hat Harry gute Dienste bei der Erlegung des Basilisken geleistet und man sollte meinen, dass Schwert Gryffindors kann auch einen Ring Slytherins zerbrechen", erklärte Dumbledore seinen Zuhörern, die seine Bewegungen gebannt verfolgten. Als nächstes legte er den Ring auf den Schreibtisch und hob das Schwert mit ungeahnter Vitalität in die Höhe. Die Klinge sauste schon herab, als Blaise aufschrie.

Zentimeter vor dem Schmuckstück gelang es Dumbledore den kraftvollen Schlag zu stoppen. „Sie haben Einwände?", fragte er diesmal mit drohender Stimme und warf dem Mädchen einen durchbohrenden Blick zu, dem sie diesmal offen entgegnete. „Haben Sie den Ring auf Schutzzauber untersucht?", wollte die Slytherin wissen, „Ich meine, nur weil der Ort keine offensiven Schutzmaßnahmen hatte, muss das Gleiche nicht für den Ring selbst gelten." Dumbledores Körperhaltung entspannte sich und sein Gesichtsausdruck zeigte für einen Augenblick eine Mischung aus Scham und Überraschung.

„Sie haben Recht. Wir sollten vorsichtig sein", gestand der alte Zauberer und legte das Schwert beiseite, um es gegen den Zauberstab auszutauschen. Dann vollführte er einige schwungvolle Bewegungen mit diesem, während er unverständliche Worte unter seinem Atem rezitierte. Der Stab begann in verschiedenen Farben zu leuchten und einige der Bewegungen schienen nicht von der Hand des Zauberers geführt zu werden. Nach einigen Minuten hielt der Schulleiter inne und sah in die gespannten Gesichter von Blaise, Neville und Remus. „Die junge Dame hat Recht. Der Ring ist geschützt, aber soweit ich feststellen konnte nur gegen Magie. Wir scheinen intuitiv die richtige Methode gewählt zu haben. Ich danke Ihnen trotzdem für ihre Umsicht", dankte Dumbledore der Slytherin, was wohl gleichzeitig eine Entschuldigung war.

Blaise nahm es nickend zur Kenntnis, aber in ihrem Gesicht kämpfe Enttäuschung gegen Erleichterung. Wieder nahm der alte Mann das Schwert zur Hand und mit einer behänden Bewegung holte er Schwung und ließ das polierte Metall auf den schwarzen Stein im Ring niederfahren.

Dann überschlugen sich die Ereignisse.

Der schwarze Stein explodierte mit einem ohrenbetäubenden Knall in tausende Splitter, die als glitzernder Schauer im Raum niedergingen. Dazu gesellte sich ein Regen aus Scherben von allem aus Glas, wie die Vitrine und die Fenster, und jedwedem Kristall. Blaise und Neville schlugen die Hände vor die Augen und ihre Haut begann zu brennen, als ob hunderte glühende Nadeln die oberste Hautsicht durchstechen würden. Lupin, der aus Neugier näher heran getreten war, wurde zwar nicht von den Splittern betroffen, musste sich aber unter dem heranwirbelnden Schwert hinwegducken um seinen Kopf zu behalten. Die Waffe war Dumbledore von einer unsichtbaren Kraft aus der Hand geschlagen worden und der alte Zauberer wurde wie eine Puppe nach hinten geschleudert. Mit großer Gewalt wurde er in einen der Schränke gedrückt, sodass das Möbelstück zusammenbrach.

„Alles in Ordnung?", fragte Remus heftig durchgeschüttelt von dem plötzlichen Chaos, nachdem er sich aufgerappelt hatte. Blaise und Neville nahmen die Hände herunter und sahen sich gegenseitig an. „Ohrensausen, aber wir sind okay", antwortete Neville stellvertretend, während sie sich im verwüsteten Büro umsahen. „Dumbledore!", rief Blaise als sie die leblose Gestalt inmitten der Trümmer ausmachte und alle drei eilten zu dem alten Zauberer. „Albus? Albus!", rief Lupin bestürzt als er das schmerzverzerrte Gesicht mit den flatternden Augenlidern sah und wollte den Anführer des Phönixordens schütteln, aber Neville hielt ihn mit sanftem Nachdruck davon ab.

Stumm deutete der Junge auf eine sich bildende Blutlache, die langsam unter Dumbledores linken Ärmel hindurchsickerte. Blaise, die auf dieser Seite kniete, hob behutsam den Stoff an und schnappte nach Luft als sie den silbernen Gegenstand gewahr, der sich in der Höhe des Herzens in die Brust des Schulleiters gebohrt hatte. Es schien eine Art Hebel zu sein, der von einem filigranen Apparat unersichtlichen Zweckes abgebrochen war. Die weiteren Teile kamen ebenfalls ramponiert ans Licht als Blaise den Arm noch weiter hob. „Bei Merlin! Wir müssen es rausziehen", sagte Neville impulsiv, doch diesmal widersprach Lupin. „Nein, nicht bevor wir nicht sofort die Blutung stoppen können", wandte der ehemalige Lehrer ein und Blaise Hände verharrten auf halben Weg.

In diesem Moment stieß Fawkes einen durchdringenden Ruf aus und die drei Zauberer intonierten gleichzeitig, „Phönixtränen!" Ohne weitere Worte rückten Remus und Blaise weiter nach oben und hielten Dumbledore an den Schultern fest und den linken Arm hoch, während Neville sich breitbeinig über Dumbledore stellte und seinen Zauberstab zog. Fawkes schwang sich von seiner Stange und landete an der Seite seines Besitzers, dessen Brust sich kaum merklich hob und senkte.

„Los", gab Neville das Kommando und die beiden anderen drehten den alten Mann leicht auf die Seite, damit Neville besser greifen konnte. Der Junge packte das unselige Ding, das an der Basis dicker als ein Daumen war, und zog es mit einem Ruck aus dem Fleisch gefolgt von einem Schwall Blut. Er warf die unbekannte Gerätschaft unbesehen weg und wartete bis eine Träne aus dem Auge des Phönixes kullerte. Kurz bevor das heilende Nass die blutende Wunde berührte, murmelte der Gryffindor, „Tergeo." Das Blut verschwand und gab für eine Sekunde den Blick auf Teile von weißlichen Knochen und einen merkwürdigem silbrigen Glanz frei, dann kam die rote Flut wieder. Doch die Träne stürzte ihr entgegen und zischend begann die potente Medizin ihre Wirkung zu entfalten.

Rasend schnell schloss sich die Wunde und die drei Helfer hielten den Atem an. Herzschläge wurden zu Ewigkeiten, in denen sich die Brust von Dumbledore weiter hob und senkte. Der Schulleiter war geschwächt und bewusstlos, aber allem Anschein nach am leben. „Habt ihr auch diesen silbernen Glanz gesehen?", fragte Neville schließlich, als Remus den Anführer des Phönixordens behutsam ablegte, während Blaise nach dem verhängnisvollen Gegenstand griff. „Nein, wo?", fragte der Werwolf uns sah sich fragend um. „Nicht im Raum, in Dumbledores Körper", konkretisierte der Junge und deutete auf die Wunde, die sich nur noch als rosa Fleck abhob.

„Oh, oh", brachte Blaise betrübt hervor und die Männer drehten sich zu ihr um. „Oh, oh? Ich glaube, ich will es nicht wissen", sagte Neville als er das Gesicht seiner Freundin sah. „Ich fürchte, die Spitze ist abgebrochen", verkündete das Mädchen und hob den länglichen Gegenstand empor, den Neville aus der Brust des Schulleiters gezogen hatte. Der Metallstab verjüngte sich zusehends bis sich unter der rötlichen Schicht Blut eine unregelmäßige Bruchkante von der sonst glatten Oberfläche abhob. „Du meinst… wir haben ein Stück von diesem… Ding in Dumbledores Körper eingeschlossen?", hauchte Neville, der es nicht glauben wollte.

„So sieht es aus", bestätigte Blaise und Remus' Miene wurde noch ernster, als ihm ein neuer Gedanken kam. „Dieser Schrank, darin bewahrt Albus seine besonders wertvollen Instrumente auf. Ich kenne dieses nicht im Besonderen, aber es ist bestimmt magisch", stellte der ehemalige Lehrer fest. Für einen Moment schwiegen alle und überdachten die Konsequenzen. „Das ist … schlecht", fasste Neville mit einem betrübten Blick auf das leichenblasse Gesicht von Dumbledore zusammen. „Ich glaube, ich gehe Madame Pomfrey holen", sagte Blaise zögerlich und eilte dann aus dem Zimmer.

„Ich suche Severus, vielleicht weiß er Rat. Halt die Stellung, Neville", verabschiedete sich Lupin und verschwand ebenfalls aus dem Büro. Damit blieb nur Fawkes zurück. „Ziemlich mieser Start ins neue Jahr, nicht wahr?", fragte Neville den Vogel, der ihn ansah und eine schaurigschöne Note anschlug. „Ja, so kann man es auch sagen", erwiderte der Junge mit einem bitteren Lachen und warf einen verzweifelten Blick auf den Ring, der unscheinbar auf dem Schreibtisch lag.