A/N: Ginny allein zuhaus... das Leben im Grimmauldplatz kann einsam sein - wenn man die Einzige ist, die niemals rauskommt. Wie ergeht es Ginny Weasley, wenn der Rest unterwegs ist? Wir begleiten sie heute mal an einem einsamen Abend... und bei einer kleinen Diskussion mit ihrem Freund über "Ordenskram".
28. Verfolgungswahn und Ordenskram.
„Und warum schon wieder du?" fragte sie in anklagendem Ton. „Harry, weshalb musst du denn jedes Mal mit raus, wenn der Orden ein Einsatzteam braucht?"
Harry seufzte. „Ginny…"
Sie wusste, er würde ihr jetzt dasselbe sagen wie jedes Mal, wenn sie das Thema anschnitt – und ihr war unangenehm bewusst, dass er mit jedem seiner Worte Recht hatte. Doch manchmal konnte sie ihn eben nicht einfach so gehen lassen, ohne Diskussion.
Die Wahrheit war: sie hatte Angst um ihn. Und sie fürchtete sich ein wenig in dem riesigen leeren Haus, wenn er nicht da war. Vor allem, wenn er mit den anderen vom Orden abends oder nachts loszog und sie allein und voller Sorgen hier zurückbleiben musste.
Schweigend, mit vorwurfsvoller Miene musterte sie ihn, bis er weiter sprach: „Ginny, du weißt doch genau, dass wir verzweifelt wenig Leute haben. Und die meisten von ihnen sind wesentlich öfter draußen als ich. Frag Ron, frag Hermine oder George, wie oft sie zum Einsatz gehen. Sogar dein Dad, Bill und Fleur sind öfter dabei als ich. Es ist zur Zeit eben nicht so einfach. Kingsley, Mo und Luna sind mit den Auroren noch nicht komplett durch. Wir wissen immer noch nicht genau, ob bei denen in der Zentrale nicht doch noch ein oder zwei Verräter sitzen. Und bis im Ministerium alles so läuft wie es soll, muss der Orden eben aushelfen."
„Ich weiß", sagte sie und konnte einen gewissen gereizten Unterton nicht ganz unterdrücken, „aber ich hab einfach das Gefühl, dass es immer dieselben Leute sind, die spät abends gerufen werden. - Was ist mit Snape? Kann er nicht mal an deiner Stelle gehen?"
„Sieh ihn dir an", gab Harry ruhig zurück, „sieh ihn dir genau an, und dann sag mir, ob du glaubst, dass er dafür schon bereit ist. Ginny, der Mann muss erst mal mit seiner neuen Situation klar kommen, bevor er fest ins Team geholt werden kann. Wenn überhaupt. Mo meinte, er war mit diesem einen Einsatz schon überfordert… und ich glaub, unsere Leute haben Wichtigeres zu tun, als auch noch auf ihn aufzupassen, wenn der Trupp tatsächlich auf Todesser trifft. – Er ist gut in dem Job, ich weiß", fügte er schnell hinzu, als sie etwas erwidern wollte, „und er wär sicher ein erstklassiger Auror geworden, daran besteht nicht der kleinste Zweifel. Kingsley sagt das auch. Aber er ist erst vor kurzem schwer verletzt worden. Meinst du wirklich, er ist nach den paar Wochen schon wieder komplett fit? Nie im Leben, Gin, das weißt du. Außerdem: ist es wirklich notwendig, Leute wie ihn komplett zu verheizen, bevor sie die letzten Jahre überwunden haben? Muss man den Mann jetzt schon mit seinen ehemaligen Kameraden konfrontieren? Lassen wir ihn doch erst mal zur Ruhe kommen, er hat fast zwanzig Jahre lang den Kopf für uns alle hinhalten müssen."
„Dann lass mich mit euch gehen", bat sie, obwohl sie wusste, dass es sinnlos war, „ich ertrage es nicht, allein hier zu hocken und darauf zu warten, dass ihr irgendwann nachts oder am frühen Morgen wiederkommt… und bis dahin weiß ich nicht, ob du noch lebst oder ob was passiert ist, oder was auch immer! Nicht mal Luna ist heut Abend hier…"
„Ginny, bitte…" Harry griff nach ihrer Hand und zog sie ganz nahe zu sich heran. „Du weißt, deine Mum würde uns beide eigenhändig umbringen, wenn ich dir das erlauben würde. Du bist zu jung, du bist noch kein offizielles Ordensmitglied..."
„Ich bin werde in sieben Wochen volljährig, Harry Potter!"
„…und außerdem hab ich das gar nicht zu entscheiden."
Mit großen Augen sah sie ihn an. Das war neu! Er hatte es nicht zu entscheiden? Wer dann? Wer hatte die Verantwortung übernommen, wer fasste die Entschlüsse für sie alle?
„Der Orden hat also gewählt?" fragte sie gedehnt und vergaß über ihrer Neugier ganz, wütend auf ihn zu werden, weil er sie wieder einmal zur Untätigkeit verdammt hatte. „Wer steht ganz oben?"
Harry lächelte. „Wir haben uns für McGonagall entschieden, mit Aberforth als Stellvertreter. Von uns, also aus der neuen Generation, kam niemand in Frage, Snape hat sich mit Händen und Füßen gewehrt… und die beiden haben eine Menge Erfahrung und die nötigen Verbindungen. Also, wenn du dich nach dem nächsten Schuljahr für den Orden bewerben willst, dann musst du dich an die zwei wenden."
„Es sind wirklich nicht mehr viele da, nicht wahr?" fragte Ginny traurig und sah zur Wand, an der einst der weit verzweigte Stammbaum der Blacks zu sehen gewesen war; Severus Snape hatte es mit Unterstützung von Monica Lupin geschafft, das hässliche Ding verschwinden zu lassen. Es war vor ihren Augen verwelkt, verdorrt und dann ziemlich unzeremoniell von der Wand geblättert.
Nun hingen stattdessen eine Menge unterschiedlich großer Bilder an der Wand, alle mit goldfarbenen, altmodisch verschnörkelten Rahmen: jedes verstorbene Mitglied des Ordens sowie von Dumbledores Armee hatte hier seinen Platz gefunden.
„Nein", gab Harry tonlos zurück, „leider." Er zog Ginny an sich, schlang seine Arme um sie und flüsterte in ihre Haare: „Ich verspreche, ich werde auf mich aufpassen, okay? Und auf die anderen auch. Und du solltest versuchen, dich daran zu gewöhnen. Wenn ich wirklich Auror werde, kommt so was sicher ständig vor, ab und zu muss ich dann vielleicht sogar auf Auslandseinsätze. Ich will nicht, dass das irgendwann zwischen uns steht. Meinst du, du kannst dich auf einen Mann mit so einem Job einlassen?" Sanft streiften seine Lippen ihren Hals.
Ginny nickte und war froh, dass er ihr Gesicht in diesem Moment nicht sah; als sie sich nach ein paar langen Sekunden voneinander lösten, hatte sie die Tränen schon wieder hinuntergeschluckt und ein tapferes Lächeln aufgesetzt. „Ich werde auf euch warten", sagte sie leise.
Zehn Minuten später war das Einsatzteam in der Eingangshalle versammelt und holte sich die letzten Informationen von Kingsleys Patronus, dann brach die kleine Gruppe auf.
Ginny sah ihnen nach, schloss mit einem frustrierten Schnauben die Tür und machte sich auf in die Küche. Sie wollte wenigstens einen Imbiss für die anderen vorbereiten, wenn sie schon sonst nichts tun konnte oder vielmehr durfte. Bei Merlins Sockenhalter, ich werde schon wie meine Mutter!
Hätten sie sie nur mitgehen lassen! Es wäre viel einfacher für sie gewesen, mit dem Team hinter diesem Greyback her zu jagen, als hier allein in der viel zu großen Küche herumzusitzen und sich um sie alle zu sorgen.
Jedes Mal war es dasselbe: sie bereitete etwas zu essen für alle vor, dann ging sie ziellos durchs Haus, in Gedanken permanent bei der gefährlichen Mission, die die Mitglieder des Phönixordens zur gleichen Zeit erledigten. Und irgendwann fand sie sich dann immer allein vor dem Kamin in der Küche wieder, wo sie in die Flammen starrte und beim kleinsten Knarzen der uralten Treppenstufen und Deckenbalken des alten Hauses hochschreckte.
Heute war es noch stiller als sonst im Haus am Grimmauldplatz. Luna war mit Neville im St. Mungo, um gemeinsam mit seiner Großmutter seine Eltern zu besuchen. Sie würden bei Mrs Longbottom übernachten. Harry war mit Ron, Hermine und George auf dem Einsatz dabei, Monica war bei Verwandten eingeladen, und Snape hatte sich vermutlich wieder in seinem Arbeitszimmer vor der ganzen Welt verkrochen.
Mit einem bedauernden Seufzen dachte Ginny an Luna. Ihre positive Art, solche Abende zu überstehen, und sei es bei einer langweiligen Partie Koboldstein, fehlte ihr heute sehr. Wäre wenigstens Kreacher da gewesen, dachte sie sehnsüchtig, dann hätte sich nicht jede einzelne Minute so elend lang dahin gezogen. Doch der Hauself befolgte mit Begeisterung und Tatendrang Harrys Anordnung, Hogwarts ab jetzt sein Zuhause zu nennen und dort zu helfen, wo er könne.
Als ein Holzscheit im Kamin ein wenig verrutschte, fuhr die rothaarige junge Frau erschrocken hoch, doch im Haus blieb alles ruhig. Seufzend stand Ginny auf, ging zum Herd und rührte ein paarmal lustlos die Gemüse- und Rindfleischsuppe durch, bevor sie sich wieder auf einen der Stühle am großen Tisch fallen ließ und nach dem Tagespropheten langte.
Als sie die Zeitung nach dreimaligem Lesen weglegte und stattdessen widerwillig eine uralte Ausgabe der Hexenwoche durchblättern wollte, meinte sie in der Eingangshalle ein Geräusch zu hören. Klopfte da jemand an die Haustür? Ginny sprang hoch und eilte die schmalen Steinstufen hinauf; sie hatte keine Lust darauf, dass Mrs Black die Ruhe im Haus mit ihren Beschimpfungen vertrieb – so schlimm war die Stille dann auch wieder nicht, dass sie sie unbedingt gegen den nervenden Krawall des gemeinen Porträts eintauschen wollte!
In der Halle war alles friedlich. Hatte sie sich getäuscht? War es nur das Ächzen eines der alten Dielenbretter gewesen? Oder war doch jemand eingedrungen und hielt sich nun in den Schatten versteckt?
Obwohl ihr das Herz bis zum Hals schlug, zwang sich Ginny ruhig und leise zu atmen. Vorsichtig zog sie ihren Zauberstab aus der hinteren Tasche der alten Cordhose und ließ den Blick durch die Eingangshalle wandern, in die dunklen Ecken und Winkel und die Schatten unter der Treppe.
Da war niemand. Die Tür war immer noch fest verschlossen und mit Ketten gesichert; es konnte niemand eingebrochen sein.
Die Schritte durch den staubigen Teppich fast komplett gedämpft, schlich das Mädchen den schmalen Flur entlang zur Tür, eng an die Wand gepresst, und verfluchte wieder einmal die Ignoranz der Blacks, die es versäumt hatten, einen Türspion anbringen zu lassen. Bei Muggels wär das nicht passiert, dachte sie mit einem widerwilligen Schmunzeln.
Vor der Tür löste sie sich von der Wand, ging in die Hocke, um vor eventuell abgefeuerten Sprengflüchen einigermaßen sicher zu sein – verdammt, ich werde schon wie Moody – und legte das Ohr gegen das uralte dicke Holz, um zu lauschen. War da jemand vor der Tür?
Da war eindeutig jemand. Oder etwas. Undeutlich konnte Ginny hören, dass sich auf den Eingangsstufen etwas regte. Eine Katze? Ein Kniesel auf Futtersuche vielleicht? Tiere konnten manchmal auch getarnte Orte wahrnehmen, die Zauberern und Muggeln verborgen blieben, das hatte Minerva McGonagall im Unterricht mal erwähnt.
Wieder scharrte etwas direkt vor der Tür über die Stufen, Ginny hörte nur ein sehr schwaches Geräusch. Galten Animagi in diesem speziellen Fall als Tiere, und hatten die Todesser vielleicht einen der Ihren in seiner Tiergestalt geschickt?
Blödsinn, dachte Ginny und schüttelte genervt den Kopf, du kriegst schon bald Verfolgungswahn, das kommt von diesem ganzen Ordenskram!
Sie dachte kurz daran, Snape als Verstärkung zu rufen, doch sie verwarf die Idee sofort wieder. Zum einen würde er sicher ziemlich ungehalten über die Störung sein, und zum anderen hatten sie beide immer noch kein besonders herzliches Verhältnis zueinander.
Ginny hatte, da sie ja noch nicht aktiv im Orden tätig war, wenig mit ihm zu tun und hielt sich in seiner Gegenwart meist im Hintergrund; sie wusste den Mann nicht richtig einzuordnen und hätte die Frage, ob sie ihn nun mochte oder nicht, nicht einmal beantworten können. Und auch er schien ihr irgendwie aus dem Weg zu gehen, aus welchem Grund auch immer.
Zögernd tippte sie mit dem Zauberstab die Sicherungsketten an, die sich schlängelnd zurückzogen, und danach den Türrahmen. Es klickte ein paarmal, während die Schlösser eins nach dem anderen aufsprangen.
Dass Kingsley Shacklebolt ihr und Luna gestattet hatte, im Hauptquartier ihre Zauberstäbe zu benutzen, obwohl sie noch nicht ganz volljährig waren, erleichterte den beiden Mädchen den Alltag ungemein, und Ginny war wieder einmal sehr dankbar dafür. Ansonsten hätte sie dank der magischen Sicherungen nicht mal das Haus verlassen können.
Den Zauberstab im Anschlag und bereit, einen ihrer berühmten Flederwicht-Flüche auf einen eventuellen Angreifer loszulassen, drehte Ginny langsam den Türknauf und spähte auf den Grimmauldplatz hinaus.
