Kapitel 28: Ein ungewisser Pakt

In den nächsten Wochen erreichte die Feindschaft zwischen Severus Snape und James Potter ihren absoluten Höhepunkt. Immer öfter fielen sie ohne ersichtlichen Grund übereinander her. Sicher, sie hatten sich schon immer gehasst, doch wurde ihnen nun das eigentliche Motiv dieses Zwists stetig klarer vor Augen. Es ging um Lily. Schon in ihrem ersten Jahr ging es um sie. Und nun war sie fort, mit all den anderen. Unerreichbar für sie beide.

Wen es mehr um den Verstand brachte, dass sie nichts für sie tun konnten? Ihn oder James? Tatsächlich hatte er Potter noch nie so aufgekratzt und aggressiv erlebt. Der Gryffindor war sonst immer mit Freude auf ihn losgegangen. Sonst wollte er ihn immer nur eins auswischen, ihn vor der Schule lächerlich machen. Sie hatten sich schon öfter geprügelt, doch noch nie mit so viel inbrünstigem Hass. Lily hatte sie beide immer gebremst, aber jetzt gab es kein Zurück mehr. Sie hatten sich offen den Krieg erklärt und weder die Gryffindors noch die Slytherins konnten ihn ignorieren.

Bis Mitte Oktober schafften sie es ihren Häusern eine gar phänomenale Zahl an Punkten abzuziehen und immer wieder gemeinsam im Krankenflügel zu landen, wo es dann eifrig weiterging. Wahrscheinlich hatte die gute Madam Pomfrey in ihrem Leben noch nie so viele obszöne Schmähungen durch ihre geheiligten Hallen klingen hören, wie in jenen Tagen, an denen sie James und Severus wegen ihrer Fehde verarzten musste.

Schließlich riss auch den Hauslehrern der Geduldsfaden und die beiden wurden zu einer Unterredung geladen, an der neben den Professoren Slughorn und McGonnagal auch Graysmith als stellvertretender Direktor teilnahm.

Severus und Potter standen sich gegenüber und blickten sich mit der größtmöglichen Verachtung an. Wären McGonnagal und Slughorn nicht anwesend gewesen, dann hätten sich die beiden wohl einmal mehr zügellos die Fresse poliert.

Es dauerte fast eine halbe Stunde bis Graysmith endlich in den Raum eintrat. Sie saßen an diesem Nachmittag in Graysmiths Büro. Es war das ehemalige Büro von Professor Trademark neben den Unterrichtsräumen für Verteidigung gegen die Dunklen Künste. Die Schränke und Vitrinen waren wie üblich voller Anschauungsmaterialien und der Schreibtisch quoll vor Papierkram über. Zudem fiel auf, dass Graysmith eine ziemlich unordentliche Ader hatte. Die meisten Lehrer hielten ihre Büros geradezu klinisch rein oder verpassten ihnen einen gutbürgerlichen Touch. Für Graysmith war dieser Raum offenbar nur das, als was er konzipiert war: Eine Arbeitsstätte. Und es machte ihn offenbar nichts aus, wenn andere sein Chaos sahen.

„Entschuldigen Sie die Verspätung. Ich musste noch ein paar Dinge mit dem Schulleiter klären.", sagte Graysmith und ließ sich hinter seinem Schreibtisch nieder, wo er sogleich damit begann seine Papiere zu einem Haufen zusammen zu schieben.

„Nun, Mr Potter und Mr Snape, ich denke, Sie wissen warum Sie hier sind?", sagte Graysmith. James und Severus ließen sich zu keiner Aussage diesbezüglich hinreißen.

„Ihr beider Verhalten ist, um mich klar auszudrücken, unter der Würde dieser Schule. Und wie es scheint bringen die üblichen Disziplinarmaßnahmen Ihnen gegenüber auch nichts mehr. Nicht zuletzt, weil Sie an den Strafarbeiten nur teilnehmen, wie Sie gerade Lust und Laune haben." Graysmith sah die beiden, jungen Männer durchdringend an, doch sie reagierten nicht. Severus und James starrten die Wand an und vermieden jede Art des Augenkontakts mit Greeds Stellvertreter.

„Nun, da Sie beide offensichtlich irgendein tiefgehendes Problem miteinander haben, wäre es jetzt vielleicht der richtige Augenblick mich und Ihre Hauslehrer darüber aufzuklären."

Severus und Potter blickten Graysmith an, jedoch wollte keiner von beiden das Thema anschneiden.

„Wollen oder können Sie es mir nicht sagen?", hackte Graysmith nach.

„Er ist ein Wichser!", platzte Potter los.

„Er ist ein Wichser? Verstehe, und was sind Sie?", fragte Graysmith. James antwortete nicht. „Und Sie, Snape, denken Sie das Selbe von ihm?"

„Ja, Sir.", sagte Severus wahrheitsgemäß.

„Und warum sind Sie beide gottverdammte Wichser?" Graysmith lehnte sich zurück. „Ihr geht aufeinander los wie tollwütige Köter. Ich hoffe, ihr habt keine Tollwut, sonst müsste ich euch erschießen lassen." Severus wusste nicht so recht, ob sein Lehrer es als Scherz meinte oder ernsthaft. „Nun gut, Professor Slughorn, Professor McGonagall ich bitte Sie das Büro zu verlassen." Die beiden Hauslehrer sahen Graysmith an, als sei er verrückt geworden.

„Keine Angst, Sie bekommen Ihre Schüler in einem Stück wieder.", sagte Graysmith, woraufhin Slughorn und McGonagall zögernd den Raum verließen.

„Und jetzt zu euch; was habt Ihr für ein dämliches Problem miteinander? Ich kann Euch nicht weiter so herumtoben lassen. Und irgendwann würde der Fall sicherlich vor General Greed publik. Ich schätze, ich muss Euch nicht erzählen, was dann wohl passieren würde."

Severus und James sahen sich an. Diese Geschichte vor einem Offizier der Todesser auszubreiten wäre ebensolcher Selbstmord gewesen, wie es Greed persönlich zu erzählen.

„Was ist?", fragte Graysmith.

„Er ist ein Wichser.", wiederholte Potter.

„Oh, vielen Dank, ich schätze, das wissen wir jetzt alle.", kommentierte Graysmiths die Bemerkung trocken. „Eines sage ich Ihnen, Sie kommen hier nicht eher weg, bevor ich eine zufrieden stellende Antwort habe."

„Es geht um ein Mädchen.", überwand sich Severus schließlich.

„Und wer ist Sie?", fragte Graysmith.

„Sie ist nicht mehr hier. Ihre Kameraden haben sie mitgenommen, als sie die Muggelstämmigen von den anderen getrennt haben.", erklärte Severus. Potter schwieg, dennoch spürte er dessen Nervosität.

„Das beantwortet meine Frage nicht.", sagte Graysmith. „Wer ist sie?"

„Lily Evans.", antwortete Severus.

„Verstehe." Graysmith lehnte sich nun nach vorn und stützte sich mit den Ellenbogen auf den Schreibtisch. „Hört zu, es ist mir scheißegal, dass ihr einer Muggelstämmigen hinterschaut, aber es kann verdammt noch mal nicht sein, dass ihr euch wegen ihr aufführt wie die Irren!"

„Wissen Sie, wo sie ist?", konnte sich Potter nicht zurückhalten. Warum konnte dieser Volldepp nicht einfach die Fresse halten? Wusste er nicht in welche Lage er sie brachte?

„Selbst wenn ich es wüsste dürfte ich es euch nicht sagen. Theoretisch dürfte ich nicht einmal diese Unterhaltung mit euch führen! Sollte ich spitz kriegen, dass ihr irgendjemanden außerhalb dieses Büros davon erzählt habt, dann könnt ihr euch auf was gefasst machen! Ein Rauswurf sollte dann wohl eure geringste Sorge sein!"

„Ja, Sir.", antworteten Severus und James kleinlaut.

„Und sollte ich mitbekommen, dass ihr euch wegen diesem Mädchen auch nur noch einmal schief angesehen habt, dann sorge ich dafür, dass ihr dieses Schloss von oben bis unten schrubbt bis ich mich in den Steinplatten spiegeln kann, ist – das – klar?!"

„Ja, Sir.", antworteten sie und wurden immer kleiner.

„Gut, und jetzt raus hier! Ich will euch hier nie wieder sehen, es sei denn, es betrifft meinen Unterricht!", sagte Graysmith ausdrücklich. Sie nickten eifrig und verschwanden aus dem Büro. Geradezu mickrig kamen sie sich vor, als sie an ihren Hauslehrern vorbei in den Flur bogen.

Eines musste man Graysmith lassen; seine militärische Autorität wusste er auch als Lehrer bestens einzusetzen.

Severus blieb stehen und sah Potter hinterher. Es ging ihnen um das Selbe und doch hatten sie verschiedene Ziele. James wollte seine Lily, seine Freundin, zurück. Severus wollte einfach nur, dass sie nicht tot war, dass sie lebte und er wollte sie nicht für immer verlieren. War das auch eine Art der Liebe? Sich verpflichtet zu fühlen?

Er hatte keinen Schimmer.

Resigniert schlug er den Weg auf die Ländereien ein. Severus ging an den Verteidigungsanlagen vorbei und sah in die Gesichter der erschöpften und angespannten Männer. Die Todesser; einige von ihnen lagen in den Gräben oder hinter Wällen und schliefen, lasen in einem Buch oder redeten ausgelassen mit ihren Kameraden. Andere hingegen hielten Wache und langweilten sich auf ihren Posten.

Waren sie wirklich alle wie Greed? Machte ihnen das Töten Spaß? Oder packte Severus nur die Angst davor, dass diese Männer allesamt Menschen waren? Die Angst davor, dass sie nicht die furchtbaren Monster waren, zu denen sie die Propaganda des Phönixordens werden ließ? Und doch dienten sie dem Dunklen Lord. Oder waren sie bloß Sklaven, die er ohne Bedenken in den Tod trieb?

Ja, Severus fürchtete sich vor der Armee. Er fürchtete sich vor dem, was der Dienst womöglich aus ihm machen würde.

„He, Junge, bist du eingeschlafen?", rief plötzlich einer der Todesser zu ihm hinüber.

Severus schreckte zusammen und sah zu einem Mann, der einige Meter neben ihm kauerte. Er rauchte und saß auf seinem Stahlhelm. Die Helme der Todesser unterschieden sich kaum von denen der Muggel, außer, dass sie mit Schutzbannen belegt waren. Die Uniform sah auch nicht sehr viel anders aus, als die eines Muggelmarines, nur, dass sie eben schwarz war. Der durch die vielen Füße aufgewühlte Staub klebte an ihr.

„Doch nicht eingepennt, was?", sagte der Todesser. Er war noch jung. Vielleicht Achtzehn oder Neunzehn. Sein Gesicht war zerschrammt, dreckig und müde. Die Haare waren, wie bei den Todessern üblich, kurz geschoren.

„N-nein, natürlich nicht.", antwortete Severus.

„Würde hier nicht zu lange rumstehen. Bei der Hitze und dem Staub verklebt es einem ruckzuck die Nase. Dann musst du den ganzen Dreck rausrotzen und am Ende dauert es keine Viertelstunde und der Mist ist wieder drin."

„Werd's mir merken.", meinte Severus darauf.

„He, hast du Kippen? Das hier ist meine Letzte und Wachtdienst schieben ohne Kippen ist verdammt scheiße."

Severus zögerte.

„Greed wird euch doch wohl nicht die Kippen verboten haben? Dann wäre er ein größerer Unmensch, als ich dachte."

„Nein, nein. Rauchst du Marlbaro?"

„Ist mir mittlerweile scheißegal. Hauptsache es ist Nikotin drin."

Severus kramte seine halbvolle Schachtel Zigaretten aus der Hosentasche und gab sie dem jungen Soldaten.

„Danke, Alter, du rettest mir das Leben. In dem Saftladen hier kriegt man ja nicht mal 'ne heiße Schokolade geschweige denn Tabak, der auch welcher ist."

Severus sah zu wie der Todesser die Packung Marlbaros nahm und in die Tasche seine Uniform steckte. Zum Glück gab es am Bahnhof von Hogsmead einen Magier der unter der Hand Muggeltabak verkaufte. Von dem wussten die Todesser offenbar nichts, sonst wäre der Typ jetzt wahrscheinlich Millionär.

„Kann ich dich was fragen?", sagte Severus. Er wusste, dass es riskant war, aber er musste es wissen.

„Klar doch."

„Was habt ihr mit den Muggelstämmigen gemacht?"

„Üble Geschichte, Mann. Greed wollte, dass die armen Schweine ihm die Verteidigung aufbauen. Wir sollten dafür sorgen, dass sie arbeiten. Es war echt zum Kotzen. Die Meisten der Jüngeren haben in den ersten, paar Wochen den Löffel abgegeben. Unterernährung, Krankheiten und so'n Scheiß. Greed hat sie behandelt wie Tiere. Einige hat er selbst umgebracht und andere sollten als Abschreckung sterben." Severus zog sich der Magen zusammen. „Er wollte, dass wir sie pfählen. Ich hab das nicht fertig gebracht. Einige von denen waren noch nicht mal richtig tot, als wir damit angefangen haben. Die haben dann immer noch stundenlang geschrieen und ihre Innereien rausgekotzt, wenn die Jungs mit der Arbeit begonnen haben. Und gestunken hat das! Die Leichen sind in der Sonne verwest. Glaub mir, den Geruch kriegst du in 100 Jahren nicht wieder los!"

„H-hat jemand überlebt?", fragte Severus zögernd.

„Nich' viele. Und die haben wir für das Massengrab im Wald abgestellt. Wenn ich du wäre würde ich da aber nicht hingehen."

„Wieso nicht?", fragte Severus.

„Ist Ekelhaft. Die haben die Leichen in die Grube reingehauen, aber wir brauchten den Dreck für die Anlage hier. Jetzt fressen da die Tiere dran rum und über den Gestank will ich gar nicht reden!"

„Und die Gefangenen?", fragte Severus.

„Die sind noch hier. Greed hat sie in den Kerker gesperrt. Tz, als würden die noch abhauen können."

„Wie meinst du das?", fragte Severus.

„Die sehen nicht besser aus, als die Leichen. Unterernährt, können kaum auf allen Vieren kriechen. Wäre Greed nicht so 'ne Drecksau hätte er denen den Gnadenschuss verpasst."

Severus nickte.

„War'n da Kumpels von dir dabei?"

Severus schüttelte energisch den Kopf. Er drehte sich um und ging davon.

„Danke, für die Kippen!", rief ihn der Todesser noch hinterher, doch er hörte es nicht mehr.

Severus rannte in Richtung des Waldes. Der Verbotene Wald war groß, doch schon nachdem er ein kurzes Stück in dessen Inneres zurückgelegt hatte roch er wovon der junge Soldat gesprochen hatte. Der Verwesungsgestank war bestialisch und je näher er der Stelle kam, an denen sie die Muggelstämmigen „gelagert" hatten desto schlimmer wurde es.

Severus begann zu würgen. Ob er es bis zum Grab schaffen würde, ohne zu kotzen?

Schließlich zog er sich den Pullover über die Nase.

Mit jedem Schritt, den ihn seine Füße näher an die Stelle brachten, wurde er unsicherer, ob er tun könne, was er sich vorgenommen hatte. Der Geruch wurde immer unerträglicher und hielt sich Nase und Mund zu.

Als er endlich am Grab ankam konnte er sich nicht mehr beherrschen und übergab sich. Die Leichen in der Grube sahen genauso aus, wie der junge Todesser gesagt hatte. Zu großen Teilen von Vögeln und Raubtieren angefressen verwesten sie da nun schon seit Wochen. Die meisten Leichen waren kaum noch zu identifizieren.

Severus wandte sich ab und verließ den Wald. Seine einzige Hoffnung bestand jetzt in den Muggelstämmigen im Kerker. Sollte Lily noch am Leben sein, dann war sie dort.

Er bahnte sich seinen Weg zurück ins Schloss und machte sich auf den Weg in die Kerker. Sicher würden einige Todesser die Zellen bewachen. Sobald er einmal wusste, wo man die Muggelstämmigen festhielt konnte er sich einen Plan überlegen, aber alleine würde er es nicht schaffen. Wer wäre wohl bereit seinen Hals für dreckige Schlammblüter zu riskieren?

Sofort fielen ihm Potter und Black ein.

„Halt!", sagte ein rüstungsbewehrter Todesser. Er hielt vor einem der stillgelegten Klassenzimmer Wache. Die Zimmer waren durch die Feuchtigkeit der Kerker schon vor Jahren mürbe geworden. Dumbledore hatte sie schließen lassen, da Wasser aus dem Erdboden immerzu eindrang. Die Natur forderte ihren Tribut an das Schloss.

„Ja, Sir?", sagte Severus.

„Dieser Teil der Kerker ist für Schüler verboten."

„Seit wann?", fragte Severus.

„Willst du mich verarschen, Junge? Das steht schon seit Anfang des Jahres in der Schulordnung!", zeterte der Todesser. „Und jetzt verschwinde!"

Severus machte kehrt und ging die Kerkertreppe wieder nach oben. Auf dem Gipfel ebenjener Treppe erwartete ihn Graysmith, der mit vor der Brust verschränkten Armen auf ihn herab sah.

„Was hast du dort unten zu suchen?", fragte er barsch.

„Ich …"

„Komm mit!" Graysmith sagte es leise, aber dennoch sehr ausdrücklich. Severus folgte ihm in sein Büro. Unsicherheit machte sich in ihm breit. Hatte er etwas gemerkt? Ahnte er etwas von seinem waghalsigen Unterfangen?

„Setz dich!" Severus folgte dem Befehl sofort. „Unglaublich, da rede ich mir vor knapp einer Stunde noch den Mund fusselig, dass ich dich hier nie wieder sehen will und dann …"

„Ich habe nichts getan.", wandte Severus ein.

„Du warst beim Massengrab und jetzt spazierst in den Kerkern herum, die Schülern eigentlich untersagt sind.", sagte Graysmith mit eiserner Strenge.

„Woher …?"

„Ich habe meine Quellen. Und du solltest vorsichtiger werden bei dem, was du tust."

Wie bitte?

Graysmith lehnte sich zurück. Er wirkte nun traurig, ja, fast schon verbittert, wie er da vor ihm saß.

„Willst du was trinken?"

Severus blickte seinen Lehrer mit vollkommener Verwirrung an.

„Was?"

„Du warst auf der Suche nach ihr, hab ich Recht?", sagte Graysmith und beugte sich nach vorn. „Und ich weiß, dass sie nicht unter den Leichen ist."

„Sie lebt?", fragte Severus. Eigentlich war es überflüssig, aber er wollte irgendetwas sagen damit er hier nicht die ganze Zeit nur rumsaß.

„Du warst ihr sehr nahe gekommen, aber allein wirst du sie nicht retten können. Selbst wenn du die Wachen ausknockst und in die Zellen kommst, dann … Die meisten Muggelstämmigen sind zu erschöpft, um zu arbeiten. Greed behält sie nur hier, um seine Launen an ihnen auszulassen."

„Wie?", fragte Severus reflexartig, obwohl er es eigentlich lieber nicht wissen wollte.

„Ich schätze, es ist für unser beider Gemüt nicht unbedingt förderlich, wenn ich dir das erzähle."

„Foltert er sie?"

Graysmith schwieg sich darüber aus und Severus' Phantasie malte sich unnennbare Gräuel aus, die Greed seinen Opfern antun könnte.

„Melden Sie mich?", fragte Severus, der wusste, dass er seinem Gegenüber nichts vormachen konnte.

„Warum sollte ich? Du hast nichts Unrechtes getan. Ich verstehe, was dich antreibt dieses Mädchen zu finden, aber du kannst ihr nicht helfen.", sagte Graysmith.

„Ich nicht.", stimmte Severus ihm widerwillig zu.

„Du nicht, genau." Graysmith hielt kurz inne. „Aber ich."

Er glaubte nicht, was er da hörte.

„Sie … Warum?"

„Sagen wir einfach, dass ich mit Greed noch ein Hühnchen zu rupfen habe." Graysmith erhob sich und schritt nachdenklich durch den Raum. „Das bleibt aber unter uns, verstanden? Solltest du das Verlangen verspüren es Mr Potter mitzuteilen, dann werde ich dir nicht helfen."

„Was wollen Sie tun?", fragte Severus.

„Ich habe die Befugnisse, um Gefangene verlegen zu lassen, aber ich kann nicht alle retten."

Severus nickte. Er verstand das. Graysmith könnte einen Häftling ohne weitere Probleme verlegen lassen, aber nicht alle. Das wäre zu auffällig.

„Sie hassen sie, oder?", fragte Severus unvermittelt.

„Ich habe meine Gründe ebenso wie du deinen, schätze ich.", sagte Graysmith.

„Woher weiß ich, dass Sie ihr Wort halten?" Severus wusste, dass er sterben würde, wenn dieser Mann ihn anlog.

„Das weißt du nicht, ebenso wenig wie ich.", sagte Graysmith nüchtern.

„Na schön, nehmen wir an Sie halten ihr Wort und Greed erfährt nie etwas davon, wohin bringen Sie Lily dann?"

„Weit genug weg, damit sie disapparieren kann.", sagte Graysmith.

„Wenn es soweit ist, können Sie ihr etwas von mir sagen?", fragte Severus. Sein Gegenüber nickte. „Sagen Sie ihr, dass es mir Leid tut. Alles tut mir leid."

„Du liebst Sie, oder?"

Severus schwieg. Ja, ein Teil von ihm liebte sie noch, aber ein anderer hätte ihm am Liebsten das Herz aus der Brust gerissen und dafür gesorgt, dass Lily Evans nie wieder in seinen Gedanken auftauchte.

Er erhob sich und gab Graysmith die Hand.

„Wenn Sie das tun, dann stehe ich ewig in Ihrer Schuld."

„Nein, tust du nicht.", sagte Graysmith. „Ich werde nur alles unternehmen, um so viele Menschen wie möglich vor diesem Wahnsinn zu bewahren."

Severus nickte. Er wusste, was sein Gegenüber meinte. Graysmith wollte nicht zusehen, wie Voldemort und seine Schlächter unzählige Menschen ermordeten. Und er würde so viele retten wie möglich.

„Ich danke Ihnen.", sagte Severus und wandte sich um und verließ das Büro.

Die Zeiger der Standuhr im Büro des Schulleiters bewegten sich bereits auf Mitternacht zu, als Maximus Greed auch seine Arbeit als beendet ansehen konnte. Sich um die Schule und seine Truppen zu kümmern war in letzten Wochen mühselig geworden. Und alles nur wegen diesem Graysmith! Er demoralisierte seine Männer und stachelte sie auf, doch wusste er auch, dass er nicht einfach einen seiner Offiziere töten konnte – so gern er das auch getan hätte. Graysmith war ein elender Separatist! Ihn in die Schule zu verbannen würde ihm zwar nicht auf ewig Ruhe verschaffen, aber so konnte ihn besser überwachen.

Maximus erhob sich, zog seine Robe und das Jackett aus und hing diese über den Stuhl. Er ging zur Vitrine, in welcher das Schwert Godric Gryffindors lag. Ein wundervoll gearbeiteter, rubinbesetzter Einhänder, der einst den Kobolden gehört hatte. Die Waffe eines Eroberers und das war Gryffindor ohne Zweifel. Maximus beteiligte sich nicht am Kampf der Häuser von Hogwarts. Ihm war ihre Zugehörigkeit gleichgültig solange sie dem einen, wahren Herren über die Zaubererschaften ewige Treue schworen. Er selbst war während seiner Schulzeit ebenfalls ein Gryffindor gewesen. Schon damals wusste er, dass er es zu mehr bringen würde, als jene, die in das Haus eingeteilt wurden und nicht mehr zustande brachten, als die gryffindorischen Tugenden nachzuquasseln: Mut, Tapferkeit, Ritterlichkeit!

All diese Tugenden hatte Maximus in sich vereint. Er war wie Gryffindor selbst geworden: Ein Eroberer, ein Feldherr, der keine Gnade für seine Feinde kannte. Mit diesem Abschaum, der den wahren Herren dieser Welt entgegentrat, konnte man nicht anders verfahren.

Er nahm das Schwert aus der Vitrine und wog es in der Hand. Es lag ungewöhnlich leicht in der Hand. Maximus schwang es umher. Dieses Schwert fühlte sich an, als wäre es ein Teil seines Selbst. Sehr wahrscheinlich hatten ihm die Kobolde Magie eingeflößt, um es mit dem Körper desjenigen zu verknüpfen, der es gerade führte. Zu gern hätte er gewusst, wie viele Unwürdige dieses einzigartige Schwert mit ihrem Blut getränkt hatten. Wahrlich, Gryffindor hatte viele Kriege geführt und nicht wenige Männer selbst getötet. Die Waffe eines Helden!

Es klopfte an der Tür und Maximus legte das Schwert zurück.

„Herein!", rief er. Es trat ein voll gerüsteter Offizier ein. Seinen Helm trug er unter dem Arm. Er verbeugte sich vor dem Schulleiter.

„General Greed, das Heer ist formiert und bereit."

„Sehr gut, rücken Sie sofort aus und … keine Gefangenen.", sagte Maximus. „Erstatten Sie mir regelmäßig Bericht."

„Jawohl, Sir." Der Offizier salutierte vor ihm und verschwand sogleich wieder durch die Tür.

Heute Nacht würden die kläglichen Reste des Phönixordens ihr Ende finden. Und er hoffte, seine Feinde würden nicht allzu rasch ihren Tod finden.

Severus Snape konnte einfach nicht schlafen. Das Gespräch mit Graysmith hatte ihn aufgewühlt. Es nagte eine grausame Ungewissheit an ihm. Was, wenn der Todesser sein Wort nicht hielt? Was, wenn er ihn verriet? Gleichzeitig wusste er jedoch, dass er keine Wahl hatte. Er musste Graysmith vertrauen, denn allein würde er Lily wohl nicht retten können. Dennoch überlegte er sich einen alternativen Plan, falls der Offizier es sich anders überlegte.

Severus zog an seiner Zigarette. Er saß auf der Toilette der Gemeinschaftsräume. Um diese Zeit schliefen die meisten Schüler, doch er wollte es nicht riskieren mit den Kippen im Gemeinschaftsraum erwischt zu werden. Slughorn würde ihm ansonsten kräftig die Leviten lesen!

Plötzlich fiel ihm etwas ein. Er steckte die Hand in seine Hosentasche und holte Jennifers Glücksbringer heraus; die Halskette mit dem indischen Tigerzahn. Ob er hielt, was er versprach?

Severus steckte sich die Zigarrete in den Mund und hing sich die Kette um. Schaden konnte es wohl kaum.

Seine Gedanken waren wirr, ebenso wie seine Gefühle. Lily, Jennifer, die Angst vor einem Verrat Graysmiths ... All das wirbelte in seinem Kopf herum, wie die Schneeflocken in einem Sturm. Er konnte nicht klar denken, sondern nur hoffen und darauf vertrauen, dass das Nikotin ihn irgendwann beruhigte. Aber danach sah es im Moment nicht aus.

Er lehnte seinen Kopf gegen die Wand.

Hilflosigkeit übermannte ihn, so wie damals als seine Mutter gestorben war. Es war die Selbe nagende Hilflosigkeit. Er spürte wie sich ein Kloß in seinem Hals bildete und er mit sich kämpfen musste, um nicht in Tränen auszubrechen. Doch diesen Kampf konnte er nicht gewinnen. Leise weinte er vor sich hin und wünschte er könnte irgendetwas tun, außer zu warten.

Das Warten! Es raubte ihm den Verstand! Ein Teil von ihm wäre am Liebsten losgezogen und hätte sich den Weg in den Kerker freigekämpft, doch sein gesunder Menschenverstand hielt ihn zurück! Er hielt ihn zurück und es zerriss ihm das Herz, die Seele oder was auch immer diesen Schmerz verursachte.

Severus warf die brennende Zigarette ins Klo, spülte und er verließ die Toilette.

Auf ein Neues! , dachte er, doch er glaubte kaum, dass er Schlaf finden würde. Nicht, wenn ihn seine Gedanken und Gefühle wach hielten. So, wie sie es immer taten.

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