Alternative Farbanalyse

„Wir sollten jetzt mit deinem Irrwicht beginnen", sagte Remus mit der altbekannten ruhigen Stimme und Draco verdrehte kaum merklich die Augen.

„Nur ein bisschen, bitte" ,quengelte er schon fast und lehnte sich ein wenig gegen den Schreibtisch um einen besseren Stand zu haben und auch um Remus besser ansehen zu können. Fast hätte er noch ein „Dann bin ich auch ganz brav und halte die Klappe" dazugesetzt, doch davon konnte er sich gerade noch abhalten.

„Was willst du denn noch von mir wissen?", seufzte Remus schon beinahe genervt, doch Dracos Wissensdurst war einfach unstillbar, als dass er da hätte Rücksicht drauf nehmen können.

„Erzähl mir von dem Koboldstein-Club", schlug Draco begeistert vor und Professor Lupin legte den Kopf leicht schief, als hätte er nicht verstanden was sein Schüler von ihm erfahren wollte. „Was haben Black und du gemacht, dass sie euch rausgeschmissen haben?", verdeutlichte Draco, der gerade wirklich eher den Eindruck vermittelte er wäre ein fünfjähriges Kleinkind, so wie er auf den Fußballen auf- und abwippte, als ein volljähriger Zauberer in seinem Abschlussjahr. „Ich kann mir das gar nicht vorstellen, dass du mal etwas gemacht hast, dass gegen die Regeln verstoßen hat", erklärte er weiter und hielt dann die Luft an, um auch Remus zu Wort kommen zu lassen. Der räusperte sich nur und hob darauf den Blick an, den Draco zögerlich erwiderte. So schöne blaue Augen, je nach Lichteinfall mal dunkel, mal hell und irgendwie ehrlich, zumindest fiel dem Jüngeren kein anderes Wort dafür ein. Trotzdem blickte er nach einem kurzen Moment wieder weg, warum wusste er nicht, aber er tat sich so unglaublich hart damit Remus und auch anderen in die Augen zu sehen.

Mit einem sachten Lächeln auf den Lippen begann Remus seine Finger auf der derben Holzplatte tanzen zu lassen, als würde er sich gerade an erneut an etwas Lustiges erinnern und Draco nicht daran teilhaben lassen wollen.

„Erzählst du es mir?" fragte der Slytherin erneut und legte seine Hand auf die des Pädagogen, die abrupt mit der Wanderung über die Arbeitsfläche stoppte.

„Ein Dummerjungen-Streich", erwiderte Remus verklärt grinsend und Draco konnte nicht im Geringsten nachvollziehen, was er damit andeuten wollte.

„Ich dachte immer, dass Gryffindor ‚gut' sein müssen, um anerkannt zu werden", flüsterte Draco und streckte die andere Hand aus, um sie auf Remus' Schulter abzulegen. Der Professor schenkte ihm einen irritierten Blick, bevor er sich dann auf Minor fixierte.

„Das kannst du doch nicht pauschalisieren", meinte er ernst und wahrscheinlich, weil er annahm, dass sie jetzt ein unverfängliches Thema angeschnitten haben, setzte er sich etwas gerader und musterte dann Draco, der perplex blinzelte.

Schulterzuckend meinte er: „Ist doch so, die Hufflepuffs können nichts, die Ravenclaws sind superklug, Gryffindors sind die Guten und die Slytherins die Bösen."

„Draco", murmelte Lupin und hörte sich dabei an, als wäre er der Meinung, er müsse da irgendwo von ganz vorne anfangen. „Du kannst das doch nicht in schwarz oder weiß einteilen."

„Tu ich auch nicht! Ich teile es in Gelb, Blau, Rot und Grün ein", gab Draco einen doch sehr fragwürdigen Kommentar zum Besten, während er die Beine überkreuzte.

„Denkst du das wirklich?", wollte Remus wissen und befeuchtete seine Lippen.

„Es stimmt doch irgendwo", erläuterte der Slytherin'sche Vorzeigeschüler knapp und streichelte Remus' Hand liebevoller, als man es Draco Malfoy zugetraut hätte. „Stell dir doch nur mal vor, Potter wäre in Slytherin; das würde niemals gut gehen. Bei dem was der so ablässt würde keiner mit ihm reden", führte er ein explizites Beispiel auf.

„Oder aber, Harry würde sich seiner Umgebung anpassen", schlug Remus vor und mit der freien Hand fuhr er sich über das Gesicht, um seine Mimik zu verbergen, die Draco überhaupt nicht einschätzen konnte.

„Hat Mutter auch mal gesagt", sprach Draco trocken. „Dass der Hut überflüssig ist, weil man nicht wissen kann, wie sich die Schüler in den sieben Jahren entwickeln werden. Gut, dass Vater das nicht gehört hat, der meint nämlich man solle nach dem Blutstatus einteilen", erzählte Draco pikante Details aus dem Nähkästchen des Hauses Malfoys.

„Und was glaubst du?", fragte Remus angespannt und machte Anstalten seine Hand unter Dracos hervorzuziehen, was dieser aber nicht zuließ.

„Dass es so richtig ist, wie es ist", erläuterte Draco, obwohl er da noch nie genauer drüber nachgedacht hatte. „Ich würde ungern mit Ronald und den anderen in einem Schlafsaal sein."

Remus nickte nachdenklich und wollte sich räuspern, doch sein Schüler unterbrach ihn. Selbst für Draco war das heute ein unwahrscheinlicher Redefluss, der ihn da übermannte. „Aber darum ging es überhaupt nicht", wollte er einlenken. „Was war das für ein Dummerjungen-Streich", benutzte er Remus' Wortlaut und legte den Kopf schief, um dann das Kinn seines Professors anzustarren.

„Nichts was der Rede wert wäre", sagte Remus und hätte sich wohl lieber wieder über die Farbeinteilung der Welt unterhalten, zumindest schloss Draco das aus den zusammengezogenen Brauen des Werwolfes.

„Aber… kannst du das denn nicht verstehen? Remus Lupin als Rebell, das kann ich mir einfach nicht vorstellen", wollte Draco seine Motivation erklären und Remus gluckste.

„Es war keine große Geschichte", erläuterte er schwach lächelnd und Draco hing an seinen Lippen, als würde der Professor für Verteidigung gegen die dunklen Künste ihm gerade eine Liebeserklärung machen.

„Aber doch nennenswert genug, sonst hätte man euch nicht rausgeschmissen", ergänzte der Blondschopf und beugte sich über, um Remus ein Küsschen auf die Schläfe zu hauchen. „Hat Black dich angestiftet oder war das deine Idee?", hakte Draco nach und stellte sich gerade einen dreizehnjährigen Remus vor, dem verwegen die braunen Haare ins Gesicht fielen, was einfach absurd war, denn Professor Lupin war Professor Lupin, und der war die Sanftheit in Person, der für jeden ein aufmunterndes Wort übrig hatte.

Draco konnte sich gerade nicht entscheiden wer wichtiger war Evans oder Black. Aber er konnte ja nicht mit beiden gleichzeitig anfangen, das würde Remus sicherlich verschrecken. Es wäre alles soviel simpler gewesen, wenn er einen von beiden hätte ausschließen können. Doch so wusste er nur, dass Remus in Lily verliebt gewesen war und wahrscheinlich mehr für Sirius Tätzchen – nein nicht James Tätzchen, wie er anfangs irrtümlicher Weise angenommen hatte – empfunden hatte. Vielleicht war Remus in seiner Schulzeit ja auch ein Aufreißer gewesen, aber nein, das passte überhaupt nicht. Draco befahl sich selbst seine Gedanken zu ordnen, und beschloss dann, sich so gut wie möglich bei Remus am heutigen Tag über Sirius Black und an einem anderen über Lily Evans zu informieren. Dann konnte er den gesammelten Input zusammentragen und versuchen Schlüsse zu ziehen, die er aber besser nicht aufschreiben würde, damit Remus sich nicht aufregen musste.

„Wir waren jung", erläuterte Remus wohlwollend lächelnd, während er seinen Ellbogen auf dem Tisch abstützte und sein Kinn in die Handfläche bettete. „Heute würde keiner mehr so etwas nur in Erwägung ziehen. Jeder wird mal erwachsen."

„Vater sagt immer, man wird nicht erwachsen, sondern wächst an seinen Verpflichtungen", belehrte Draco ihn altklug. „Aber das ist ja dasselbe", verbesserte er sich dann.

„Nicht ganz", meinte Remus und erschauderte kurz, als Draco ihm sacht über die Schulter fuhr und mit dem Handrücken über seine Wange streichelte.

„Also, jetzt erzähl schon", bat Draco ihn ungeduldig und Remus schüttelte abwehrend den Kopf.

„Nicht, dass du das später noch nachmachst."

Draco war inzwischen dazu übergegangen ihm die hellbraunen Haare zu verwuscheln, als wäre das seine persönliche Lebensaufgabe. „Aus dem Alter bin ich wirklich raus", meinte er pikiert und suchte noch ein wenig mehr Nähe, was darin endete, dass er schließlich seinen Kopf an Remus' Schulter schmiegte.

„Ach Draco, aus dem Alter ist man nie raus", erwiderte der Ältere lächelnd und Draco blickte nach oben, um sich das Kinn seines Professors von ganz nah zu betrachten.

„Dann bist du auch noch nicht erwachsen, wenn du das glaubst", raunte Draco und diesmal schmunzelte Remus, was den Slytherin wiederum dazu veranlasste die Halsbeuge seines Lehrers zu liebkosen.

„Du bildest dir da was ein", erwiderte Remus und drückte den Jungen sanft aber bestimmt zurück in die Ursprungsposition, was dieser natürlich mit einem enttäuschten Schnauben kommentierte.

„Remus am Dienstag…", begann Draco zögerlich, weil er endlich erfahren wollte, in wie weit sein Professor, das was er getan hatte auch gemeint hatte, doch wurde leider von einem Pochen unterbrochen. Beide Anwesenden drehten den Kopf irritiert umher, denn das Geräusch kam nicht von der Tür.

‚Tock, tock' machte es erneut und der junge Zauberer war der Erste, der die aufgedreht hüpfende Eule vor dem Fenster bemerkte.

„Du hast Post", sagte er, stieß sich vom Schreibtisch ab und ging zum Fenster.

„Draco, schon mal was von Briefgeheimnis gehört?". tadelte ihn Remus, doch der junge Mann, hatte bereits das Fenster geöffnete und die Eule schuhute. Das Federvieh sah aus, als hätte es eine lange Reise hinter sich. Die braunen Federn standen in alle Himmelsrichtungen ab und doch schien sie gut gelaunt zu sein. Draco griff nach dem Briefumschlag, der stark in Mitleidenschaft gezogen war. Verknittert, als wäre er mehrmals gefaltet worden und ein unappetitlicher, brauner, verkrusteter Rand zeugte davon, dass wohl eine Kaffeetasse die übergeschwappt war, einst darauf gestanden haben musste.

„Draco, das ist meine Post", meinte Remus streng, als dieser das Pergament von allen Seiten begutachtete.

„Ich will nur sicher gehen, dass der nicht wieder verflucht ist", verteidigte sich Draco ebenso herb, denn es machte ihm wirklich Sorgen, dass es auf Hogwarts wohl immer noch jemanden gab, der seinem Remus etwas antun wollte. So seltsam wie der nämlich Dienstag unterwegs gewesen war, hatte da sicher jemand seine Finger im Spiel gehabt. Draco wollte sich gar nicht ausmalen, was passieren würde, wenn derjenige den Werwolf noch einmal erwischen würden, denn der besagte Vorfall hätte sicher auch übler ausgehen können, wenn Remus das Bewusstsein verloren hätte, als er allein gewesen wäre.

„Du bist albern", ächzte Remus und stand nun ebenfalls auf, um mit festem Schritt auf den Blondschopf zuzugehen, der sich von ihm abwendete und das Papier zwischen seinen Fingern näher untersuchte. Die Eule zog inzwischen kreischend ihre Kreise unterhalb der Zimmerdecke, bevor sie sich dann erschöpft auf Minors Käfigdach niederließ.

„Bin ich nicht, sogar Potter hat gesagt du sollst vorsichtiger sein. Glaub mir, es fällt mir nicht leicht ihm zuzustimmen, aber du solltest wirklich Obacht geben", meinte Draco todernst und versuchte jetzt den Schreiber des Briefes auszumachen, was gar nicht so einfach war, den der Briefaufgeber hatte ziemlich geschmiert, sodass es sogar Notts Gekrakel Konkurrenz gemacht hätte.

„Draco, das ist kein Spaß", schimpfte Remus beinahe und legte die Hand auf die Schulter seines Schülers, der deutlich zusammenzuckte.

„Kennst du einen ‚Doro Tamks'?", wollte Draco misstrauisch wissen, nachdem er die Buchstabenaneinanderreihung entziffert hatte.

„Doro Tamks?", wiederholte Remus ratlos und versuchte ebenfalls einen Blick auf den Umschlag zu erhaschen, den Draco am liebsten zerknüllt und weggeworfen hätte, um sicher zu gehen, dass da nichts gefährliches drin war.

„Dora! Er ist von Dora", sagte Remus plötzlich und Draco konnte gar nicht so schnell gucken, wie ihm der Brief aus der Hand geschlagen und er unsanft aus dem Lehrerbüro geschoben wurde. „Tut mir leid, wir müssen deine Stunde verschieben", erklärte Remus und bevor der verdatterte Junge den Mund überhaupt öffnen konnte, wurde ihm die Tür vor der Nase verschlossen.

Was war das denn jetzt? Draco brauchte einen Moment um sich zu besinnen. Der hatte ihn aus dem Arbeitszimmer geschmissen, wegen… wegen einem Brief. Einen Brief von jemandem, dessen Handschrift man nicht mal lesen konnte. Das war doch jetzt ein schlechter Scherz, oder?

Wer war denn jetzt schon wieder Dora? Professor Lupin pflegte wohl doch mehr Kontakte, als sein Schüler angenommen hatte. Sirius, Lily, Dora, alles fremde Menschen, mit denen Draco nicht wirklich etwas anfangen konnte. Unruhig kaute er auf seiner Unterlippe und wartete noch einige Minuten vor der Tür, in der Hoffnung Remus würde es sich noch einmal anders überlegen, doch sie blieb unbarmherzig verschlossen. Zögernd ballte Draco seine Hand zu einer Faust und wollte anklopfen, unterließ es dann aber doch, weil er nicht so recht überblicken konnte, was genau denn jetzt auf einmal geschehen war.