Wieder haben sich die Agenten in Als Büro versammelt, jedem kann man die Sorge aus dem Gesicht lesen. Was ist mit dem Mädchen passiert? Hat sie sich nur verlaufen oder ist doch was Schlimmeres passiert? Nur Emmet, Noesy und Zoe konnten die Akademie noch nicht erreichen, wurden aber benachrichtigt, dass Tibor nicht übergelaufen ist und sie jetzt Dominique suchen müssen. Schon seit einigen Minuten herrscht absolute Stille im Raum, während die Agenten auf die Ankunft Robinsons warten. Auch er wurde umgehend über das Verschwinden des Mädchens benachrichtig und hat Al angewiesen, mit jeder weiteren Aktion bis zu seiner Ankunft zu warten. Währenddessen liefern sich Al und Tibor ein stummes Duell, jeder scheint zu ahnen, dass zwischen den beiden Agenten noch viel ausgesprochen werden muss.
»Verdammt noch mal was ist hier los?«
Erschrocken sehen die anderen Julius an, der wütend auf den Schreibtisch geschlagen hat.
»Ich halt es hier nicht mehr aus. Entweder ihr sagt jetzt was los ist oder ich prügle es aus euch raus!«
So etwas hat Julius noch nie gesagt, aber nicht mal Al –sein Vorgesetzter- nimmt es ihn übel.
Delilah versucht ihren Partner zu beruhigen. »Wir machen uns alle sorgen. Beruhige dich, du brauchst auch einen klaren Kopf.«
Doch Julius schüttelt den Kopf. »Darum geht es nicht. Irgendetwas stimmt hier nicht, und ich rede hier nicht von Dominiques Verschwinden. Was verschweigt ihr uns?«
Dabei sieht er seinem Bruder direkt ins Gesicht, aber der starrt weiter Al an. Dieser tauscht einen schnellen Blick mit Scarlett.
»Ich glaube es wäre besser, wir lassen die beiden erst mal allein. Ich gehe ins Labor, falls ihr mich sucht. Al und Tibor haben noch eine Menge zu besprechen.«
Ohne Widerworte verlassen die vier den Raum, danach ist es für einige Sekunden absolut still.
»Du willst wissen warum ich dir nie etwas erzählt habe.«
Al hat diese besondere Gabe, das Anliegen eines Menschen direkt zu durchschauen. Tibor antwortet nicht, trotzdem fährt Al fort.
»Es ist ganz einfach: Hätte ich dir erzählt, dass sie noch am Leben ist hättest du sie und dich in größere Gefahr gebracht als du sowieso schon bist. Du weißt doch: Tot Geglaubte leben länger.«
»Du weißt genau, dass es mich in all den Jahren verfolgt hat. Du hast mich schon von meinem Bruder fern gehalten und dann das auch noch? Ich wurde schon vom Projekt angelogen, und dann ihr auch noch? Nicht nur du, auch unsere Eltern haben mir in den letzten neun Jahren Vorwürfe gemacht, sie haben mich verstoßen! Und lass mich raten: Sie wissen ganz genau, dass sie noch am Leben ist.«
Al braucht nichts zu erwidern, er weiß ganz genau, was er Tibor damit angetan hat. Keine Entschuldigung von ihn, Scarlett oder Aiden und Isabelle –Tibors Eltern- könnten jemals den Schaden an den jungen Agenten wieder richten.
»Ich erwarte nicht, dass du mir oder deinen Eltern verzeihst, aber du sollst es verstehen. Hätten wir es nicht getan, wäre jetzt jeder von euch tot. Ich weiß, dass du es manchmal lieber gewesen wärst.«
Für einige Augenblicke schweigt Tibor, dann sagt er: »Weißt du was passiert ist, als ich endlich herausgefunden habe was im Projekt läuft? Ich bin nach Hause gelaufen und habe mich meinen Eltern gestellt, sie um Verzeihung für mein Versagen gebeten. Mein Vater ließ mich noch nicht mal ins Haus, er sah mich an und fragte mich, wie ich es wagen könnte auch nur einen Fuß in ihre Richtung zu setzten. Durch meine Feigheit und Arroganz hätte ich ein Mädchen getötet und ihre Mörder, die ich hätte stellen sollen, haben meinen Bruder ermordet. Dann sagte er mir, wer das Mädchen war und warum ausgerechnet ich auf sie aufpassen sollte. Meine Mutter stand weinend daneben und sagte, sie hätte durch mich alle ihrer Kinder verloren. Sag du mir wie sich das für einen siebzehnjährigen, dummen Teenager anfühlen muss Al.«
»Ich kann das nicht mal ansatzweise erahnen. Aber deine Eltern wussten, dass du stark bist und nicht zerbrechen wirst.«
Bitter lacht Tibor kurz auf. »Ach, das ist ja mal nett von ihnen. Und würden sie sich einmal melden? Einmal an ihre Kinder wenden?«
»Sie haben es sich auch nicht ausgesucht!« Zum ersten Mal ist Al wirklich wütend, er schreit fast. »Glaubst du es ist leicht, seinem Kind das anzutun? Glaubst du es war leicht für sie, ihren Tod vorzuspielen und sich bei keines ihrer Kinder zu melden? Gib mir die Schuld an der ganzen Sache, aber deine Eltern konnten nichts dafür. Sie MUSSTEN den Befehl befolgen.«
»Das weiß ich, aber erwarte nicht, dass ich es ihnen verzeihe. Glaube mir: Hättet ihr Julius das Gleiche angetan, würdest du dein Lebtag nicht mehr glücklich werden. Aber das Schlimme ist: Er war all die Jahre ahnungslos, er weiß noch nicht mal alles von Nicky! Eins will ich aber noch wissen: Wie konnte sie es überleben?«
Nicky war der Name des Mädchens, nie hat man sie anders gerufen oder genannt. Deswegen schöpfte Tibor auch erst keinen Verdacht, als Dominique auftauchte. Al lässt sich Zeit mit seiner Antwort. »Sie wäre uns fast gestorben, aber mit viel Glück konnten wir sie rechtzeitig ins Krankenhaus bringen. Dort haben wir die Reste ihrer Erinnerung gelöscht, was aber nach dem Trauma kaum mehr nötig war. Woher wusstest du, dass Dominique Nicky ist?«
»Sie erzählte mir letzten Abend, dass sie eine Narbe an ihrer linken Schulter hat und nicht weiß, woher sie kommt. Dann ihr Alter und ihr Name. Und als Max und Ashley sagten, dass sie die Leiche des Mädchens nie gesehen hätten, wurde mir alles klar.«
Al nickt. Etwas anderes hat er nicht erwartet, was das Finden und Kombinieren von Hinweisen anbelangt ist Tibor noch um einiges erfahrener als sein Bruder. »Und was hast du jetzt vor?«
Tibor braucht nicht lange zu überlegen. »Egal was heute noch geschieht, ich werde Julius heute noch die Wahrheit erzählen. Delilah ebenfalls, ich werde das Vertrauen der beiden nicht noch einmal riskieren. Du kannst mich davon nicht abhalten.«
Stumm nickt Al. Robinson wird davon zwar gar nicht begeistert sein, aber das wird wohl für alle das Beste sein. »Unter einer Bedingung: Falls sie überleben sollte: Dominique erfährt gar nichts, verstanden?«
Tibor hat keine Zeit mehr zum Antworten, denn schon platzt Scarlett mit den Anderen in das Büro.
»Ich habe Neuigkeiten von Dominique. Sie hat dich gesucht und wurde dabei von Giulia und ihrem Komplizen entführt. Sie wurde in eine Hütte im Wald verschleppt.«
Tibors und Als Gesicht werden auf einen Schlag kreidebleich. »Geht es ihr gut? Wo ist sie jetzt?«
Scarlett winkt hastig ab. »Keine Panik, sie hat es irgendwie geschafft zu fliehen. Übrigens mit deinem Auto. Sie ist auf den Weg zur Akademie, Robinson ist auch gerade angekommen. Er und ich fahren ihr jetzt entgegen, bevor sie noch einen Unfall verursacht.«
Erleichtert atmet Tibor auf, doch irgendetwas scheint ihn zu stören. »Moment: Wie hat sie es geschafft, Giulia zu entkommen? Normalerweise erschießt sie ihre Opfer sofort oder foltert sie zu Tode.«
Wieder schüttelt Scarlett den Kopf. »Das erklärt sie uns später, wir müssen sie jetzt abholen.« Zu Tibor und Julius gewandt fügt sie noch hinzu: »Ihr bleibt besser hier, ich glaube ihr habt sowieso noch eine Menge zu klären. Wir sind in spätestens einer Stunde zurück.« Mit diesen Worten verlässt sie das Büro, einige Augenblicke später hören die Agenten das Abfahren von Robinsons Wagen im Hof. Tibor atmet einmal tief durch, bevor er sich an die verbliebenen drei Agenten wendet. »Gut, ich werde euch drei viel erklären müssen. Max weiß das meiste zwar schon, aber trotzdem wird ihn das Neuste auch interessieren.«
Julius scheint kein bisschen überrascht. »Dominique ist das Mädchen von damals, oder?«
Tibor nickt. »Ja das stimmt, aber es gibt noch weit mehr was ihr wissen solltet. Vor allem du, Julius. Ich werde dir nun etwas erzählen, was sowohl Al als auch unsere Eltern Jahre lang vor dir geheim gehalten haben.«
