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Schon seit Stunden lag Azad in sicherer Entfernung auf der Lauer und beobachtete das Treiben im Lager. Seine Tochter saß an der Seite des Mannes, den sie befreit hatte und somit hatte sie ihr eigenes Todesurteil unterschrieben. Azad wusste, dass er mit seinem Warten nur das Unvermeidliche hinauszögerte, aber sie war nun mal das Liebste neben seiner Frau, das er auf der Welt hatte. Tränen stiegen ihm in die Augen und leise sprach er ein Gebet. Bat um Stärke, damit er tun konnte was zu tun war. Vorsichtig spannte er einen Pfeil in seinem Bogen und zielte auf ihr Herz. Plötzlich bewegte sie sich und schien ihm mitten ins Gesicht zu blicken, ganz so als ahnte sie, dass er hier auf der Lauer lag und ihr Böses wollte. Langsam ließ er den Bogen wieder sinken. Er konnte es nicht. Azad erinnerte sich daran, als er sie zum ersten Mal in den Armen gehalten hatte. Wie winzig sie gewesen war, er hatte fast Angst gehabt sie zu berühren. Hatte Furcht gehabt, sie mit seinen großen, groben Händen zu verletzten. Elinja, seine Frau, hatte ihn ausgelacht und ihm entschlossen das kleine Bündel Mensch in die Arme gedrückt. Von diesem Tag an hatte er sie kaum eine Minute aus den Augen gelassen. Wollte bei jedem wichtigen Schritt und jedem wichtigen Ereignis dabei sein. Er war es, der sie auf ihr erstes Pferd gesetzt und ihr Reiten beigebracht hatte. Hatte für sie ihren ersten Bogen gespannt und ihr ein eigenes Schwert schmieden lassen. Und nun sollte er sie töten! Niemals.
„John, was hast du vor? Das ist doch nicht der Weg zurück zum Lager!", rief Marian aufgebracht. Noch immer war Guy nicht erwacht und das, obwohl sie schon seit mehr als einer Stunde durch den Wald unterwegs waren. „Ich werde dafür sorgen, dass er endlich seine gerechte Strafe erhält!" Alan und Will blieben schwer atmend stehen. Gisborne war ein großer Mann und verdammt schwer. Außerdem waren sie auch daran interessiert, welchen Plan Little John verfolgte. „Wir schicken diesen Bastard zu seinem Herrn zurück. Wenn der Bote recht behalten sollte, dann erwartet ihn dort seine gerechte Strafe!" Alarmiert riss Marian die Augen auf. „Das kannst du nicht tun! Der Sheriff wird ihn töten!" „Das hoffe ich!" Little John lehnte zufrieden an seinem Stock. „Will! Alan! Bitte! Wir sind doch Freunde! Ihr könnt Guy nicht diesem Monster überlassen!", redete sie den beiden zu. Unbehaglich wanden sie sich unter ihrem Blick. „Little John hat nicht ganz Unrecht. Gisborne ist ein Mörder!", wagte Alan einzuwenden, dabei wich er Marians Augen aus. Will schwieg, nur zu lebhaft erinnerte er sich daran, dass Gisborne ihn vor nicht allzu langer Zeit hatte hängen wollen. Tief holte sie Luft. Sie musste es schaffen die drei zu überzeugen, denn sonst würde sie Guy verlieren. Schmerzhaft krampfte sich ihr Herz zusammen. „Was würde Robin dazu sagen, wenn er wüsste was Ihr vorhabt?", fragte sie provozierend. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass, egal welche Fehler Robin sonst auch hatte, er einen Menschen einfach sterben lassen würde. Unsicherheit flackerte in Will und Alan auf. Niemals würde Robin einen Menschen so feige ausliefern, aber andererseits hier ging es um Gisborne. „Marian, sieh es ein, der da ist ein Verbrecher der schlimmsten Sorte, selbst Robin würde ihm nicht helfen!", stieß Little John grob aus. Niemals würde er vergessen wie Gisborne seiner Frau beinahe die Zunge herausgeschnitten hätte und seinen Sohn bedrohte hatte. Erneut packten Alan und Will Gisborne unter den Armen um ihn weiterzuschleifen. Zurück zum Sheriff. Wütend und verzweifelt zugleich stürzte Marian auf Little John zu und packte seinen Stock um ihn zu zwingen stehen zu bleiben. Zornig riss John an seinem Stock und brachte Marian damit zu Fall. Hart schlug sie mit dem Kopf auf einer Wurzel auf und verlor das Bewusstsein. Sofort plagte Little John das schlechte Gewissen. Sie konnte nichts dafür, dass sie dem falschen Mann vertraute. „Wir werden sie hier lassen und später abholen, wenn wir zu Robin zurückkehren!", schlug Little John vor und bettete sie auf weiches Gras, gut geschützt durch dicht stehende Bäume und kniehohe Sträucher.
Er war Engländer, ein Nichtgläubiger. Wie sollte sie ihm jemals vertrauen können? „Was habt Ihr jetzt vor?" Leicht zuckte Robin mit den Schultern. „Das Übliche – dem Sheriff das Handwerk legen. Immerhin hat er Prinz John ermorden lassen!" Gisborne mochte eine miese Ratte sein, aber er glaubte ihm, wenn er sagte er habe Prinz John nicht getötet. „Mein König wird eines Tages in sein Land zurückkehren. Sobald er erkennt, dass er hier gebraucht wird, statt in Eurem Land einen sinnlosen Krieg zu führen. Aber bis dahin kann es schon zu spät sein, denn der Sheriff strebt nach der Macht und ich bin mir nicht sicher wie weit er dafür gehen würde!", eröffnete Robin ihr. „Machthunger kann eine schreckliche Geisel sein, aus der sich so mancher Mann nicht mehr befreien kann!", kam es weise von Nasrin. Sie wusste, wie gefährlich Macht in den falschen Händen sein konnte. Shahmain hatte ihren Vater dazu gebracht ihm zu folgen. Ihre Mutter und sie waren mit dieser Mission nicht einverstanden gewesen. Hatten Azad gebeten bei ihnen zu bleiben, aber er hielt an seinen Befehlen fest und ging mit Shahmain in dieses kalte Land. „Er benutzt die Menschen nur und tut ihnen Schreckliches an. Er schreckt weder vor Mord, noch vor Verstümmelungen zurück und findet dabei genug Handlanger, die für ihn die Drecksarbeit verrichten!" Voller Leidenschaft brachen aus Robin die Worte heraus. Seine ganze Liebe gehörte dem Volk. „Ich wünschte, König Richard wäre wieder hier!", stieß er seufzend aus. Müde rieb er sich mit der Hand über das Gesicht, dabei entging ihm wie sich ihnen ein Mann näherte.
„Heute ist ein besonderer Tag für mich, Sir Edward! Denn ich benötige Euch nicht mehr länger!" Ängstlich sog Sir Edward die Luft in seine Lungen. Man hatte ihn mit Handschellen an die Decke gefesselt. Lediglich seine Zehenspitzen berührten gerade noch den Boden. Ihn schmerzten die Schultern, Arme und sein Nacken. „Bitte, tut meinem Kind nichts!", flehte er. „Leider ist mir das nicht möglich!" Keinerlei Bedauern schwang in seiner Stimme mit. „Weil ich mich vorerst mit ihm begnügen muss!" Der Sheriff gab den Blick frei auf den Mann, der gerade, eskortiert von zwei Soldaten, in eine Zelle geworfen wurde. Es war sein Eidam, Guy of Gisborne. Zufrieden legte der Sheriff die Hände auf seinen Rücken und ging vor Sir Edward auf und ab. „Morgen habt Ihr die außergewöhnliche Ehre an seiner Seite hängen zu dürfen!"
Ihn schmerzten sämtliche Knochen und seinen Hinterkopf zierte eine hässliche Platzwunde. Nur langsam kam er wieder zu Bewusstsein. Blinzelnd sah er sich um, und stellte fest, dass er sich im Kerker des Schlosses befand. Dieser verdammte Little John hatte ihn dem Sheriff zum Fraß vorgeworfen. Er konnte hinter sich eine Stimme hören. Morgen sollte er also sterben. Resigniert schloss er die Augen. Wenigstens war Marian in Sicherheit. Hart schlug ein Stock an seine Kerkertür. „Du hast versagt! Prinz John erholt sich prächtig und wird morgen deiner Hinrichtung beiwohnen. Es wird uns beiden ein Vergnügen sein, dich sterben zu sehen!" Guy konnte beinahe den giftigen Atem des Sheriffs auf seiner Haut spüren, während dieser diese Worte ausstieß. Guy stieß einen knurrenden Laut als Antwort aus. Er hatte nicht versagt. Andere würden kommen und das zu Ende bringen, das er im Begriff war zu beginnen. „Ihr vergesst eine Kleinigkeit, Mylord!", brachte er mühsam über die Lippen. Stechende Kopfschmerzen machten ihm das Reden schwer. „Und welche sollte das sein?" „Marian ist immer noch frei und sie kennt die Wahrheit!" Wut kroch gleich einer glühenden Fackel im Sheriff hoch. „Ein kleiner, unbedeutender Fehler der rasch korrigiert werden kann!" Langsam und mit Bedacht richtete Guy sich auf. Schwindel ergriff ihn und er hatte Angst sich übergeben zu müssen, aber diese Blöße wollte er sich vor dem Sheriff nicht geben. „Marian ist in Sicherheit, und Ihr werdet sie niemals in Eure dreckigen Hände bekommen. Sobald der König zurück ist, wird er ihr mehr glauben als Euch!" Der Sheriff brach in gackerndes Gelächter aus. „Der König", begann er und machte eine kunstvolle Pause. „Ich befürchte König Richard wird nicht sobald zurückkommen.", sagte er triumphierend. Guy runzelte alarmiert die Stirn. Der Sheriff wusste etwas, was ihm entgangen war. „Wie meint Ihr das?", hakte er rasch nach. „Nun ganz einfach. Unser geliebter König ist leider in Gefangenschaft geraten und wenn niemand das geforderte Lösegeld bezahlt, dann ist mit seiner baldigen Rückkehr nicht so schnell zu rechnen!" Es bereitete ihm eine gewisse Genugtuung, Gisborne diese Worte unter die Nase zu reiben. Er hatte gewonnen und Gisborne hatte verloren.
Stöhnend kam sie langsam wieder zu Bewusstsein. Ihr dröhnte der Kopf und ihr war schwindlig. Sie fühlte, dass sie getragen wurde. Blinzelnd öffnete sie die Augen, um sie gleich darauf wieder zu schließen. Grelles Licht stach ihr in die Augen und ließ sie stechende Schmerzen spüren. Schlagartig fiel ihr alles wieder ein. Rasch riss sie ihre Augen wieder auf und sah sich suchend um, aber er war nicht da. „Guy?", kam es krächzend über ihre trockenen Lippen. Will, der sie auf seinen Armen trug, hielt betroffen inne. Er wagte es nicht sie anzusehen, noch ihr die Wahrheit zu sagen. Ein Teil von ihm sagte ihm, dass das was sie getan haben, nicht richtig war. Der Sheriff hatte vor Gisborne zu töten. Sie hatten einen wehrlosen Mann ausgeliefert und das machte sie zu Mittätern. Mühsam schluckte er. „Will!" Erschrocken zuckte dieser zusammen. Er war mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen. „Will, bitte lass mich runter!", verlangte Marian von ihm. Langsam ließ er ihre Beine zu Boden gleiten. Zuerst musste sie sich noch an ihm festhalten. Ihre Knie waren ganz zittrig und sie glaubte nicht, dass sie lange stehen würde können. Ein paar Mal holte sie tief Luft, dann ließ sie Will entschlossen los. Mit unsicheren Schritten ging sie auf Little John zu. „Was hast du getan?" Auch Little John schaffte es nicht, ihr in die Augen zu blicken. „Nur meine Pflicht!", antwortete er trotzig. Dadurch, dass er sie nicht ansah, übersah er auch wie sie ihre Hand hob, ausholte und ihm kräftig ins Gesicht schlug. „Dafür hasse ich dich, Little John!"
„Eigentlich sollte ich dich fragen, was du dir dabei gedacht hast, mein Kind!" Wie müde und traurig er klang. Nasrin zerriss es innerlich beinahe das Herz. Ihrem Vater wehzutun, war das Letzte was sie wollte. Rasch erhob sie sich und blieb mit gesenktem Haupt vor ihm stehen. „Es tut mir leid, Vater!" Sie fasste nach seiner Hand, küsste sie und drückte sie an ihre Stirn. Damit gab sie ihm zu verstehen, dass, egal was er mit ihr vorhatte, welche Strafe er für dieses Vergehen als richtig erachtete, sie würde sie akzeptieren. „Man hat mich ausgeschickt … ich habe mich ausgeschickt, um nach unserem Gesetz über dich zu richten!" Nasrin sank auf die Knie. Wenn das ihr Schicksal war, dann würde sie heute durch die Hand ihres Vaters sterben. „Aber ich kann es nicht tun!" Robin verfolgte die Unterhaltung der Beiden mit widersprüchlichen Gefühlen. Einerseits wollte er eingreifen, aber auf der anderen Seite ahnte er, dass er hier nicht eingreifen durfte. „Warum hast du dich gegen mich gestellt?" Azad musste wissen, was Nasrin dazu getrieben hatte ihr eigenes Leben für Fremde zu riskieren. „Du hast mich gelehrt was richtig und was falsch ist. Es ist falsch Unschuldige zu töten." Bekümmert betrachtete Azad sie. Seine Tochter belehrte ihn über einen der wichtigsten Grundsätze des Lebens, den er ihr da einst beigebracht hatte. Azad spürte wie sich ein Kreis aus Männern um ihn schloss. Neben seiner Tochter stand der Mann, den er vorgehabt hatte zu töten. „Ich bin Robin Hood und das hier sind meine Männer!", stellte er sich vor und wartete. Seit er wusste wie Nasrin zu diesem Mann stand, fühlte er eine große Ehrleichterung in sich. „Ich bin Azad und das hier ist meine Tochter Nasrin!" „Azad, was bringt Euch hierher in mein Land? Ist es das was Gisborne gesagt hat?" Robin hatte die Arme vor der Brust verschränkt und betrachtete Azad vor sich genau. Azad war nicht nur ein einfacher Soldat, sondern ein Krieger. Unzählige Narben zierten seine Arme und auch sein Gesicht. Er hatte schon viele Wunden davongetragen, aber bestimmt noch nie einen Kampf verloren, denn sonst wäre er heute nicht hier. Azads Stirn legte sich in Falten. Wie viel durfte er verraten, um nicht selbst zum Verräter zu werden? Hatte er bereits zu viel gesagt? „Vater, bitte!" Eindringlich sah Nasrin ihn an. Sie wollte ihn nicht verlieren. „Es ist schrecklich zu sehen, wenn das Blut deines Freundes die Wüste tränkt. Dieser Krieg muss ein Ende haben!"
„Was habt Ihr jetzt vor?" Guy wischte sich gerade den Schmutz aus den Augen und tastete vorsichtig die Wunde auf seinem Hinterkopf ab. Little John, dieser Idiot, hatte ihn feige niedergeschlagen. Das würde er ihm noch büßen. Aber zunächst musste er hier rauskommen, ohne dabei gehängt zu werden. Eigentlich sollte ihn da Sir Edwards Frage nicht weiter überraschen und doch zuckte er unter seinen Worten zusammen. „Ihr habt meiner Tochter versprochen ihr beizustehen, in guten wie in schlechten Zeiten, und als ihr Vater fordere ich von Euch, dass Ihr genau das tut!" Guy kam langsam und schwerfällig auf die Beine. Im ersten Moment dachte er, kaum das er stand, er würde gleich wieder fallen, aber er zwang sich stehenzubleiben. Dabei dachte er über Sir Edwards Worte nach. Bisher war dieser ihm, trotz allem, immer wohl gesonnen gewesen. Sir Edwards Frage war durchaus berechtigt, aber er hatte keinen Plan. Er wusste nicht was er tun sollte. Aus dem Kerker gab es kein Entkommen, dafür hatte er selbst gesorgt, nachdem es Hood einmal gelungen war daraus zu entfliehen. Unbewusst schüttelte er leicht seinen Kopf und schloss resigniert die Augen. Sie würden morgen ihr Leben verlieren, nur konnte er Sir Edward das nicht sagen. Es würde ihm den Boden unter den Füßen fortreißen. „Vertraut mir, ich werde dafür sorgen, dass Ihr schon bald wieder bei Eurer Tochter sein könnt!" Fest sah er Sir Edward bei diesen Worten in die Augen, dieser sollte nicht merken, dass er log.
