Verschwunden oder Tot?

Edwards POV - Reguläres Universum

(Reguläres Universum)

Ich rannte und rannte. Ich rannte schon seit Tagen, um Victoria zu finden. Nur eine leise Spur ihres Geruchs aufzuschnappen. Aber nichts. Ich war in England, Brasilien und nun bin hier. In Texas. Ich hatte alles Mögliche versucht. Auf meiner Reise habe ich viele Vampire getroffen. Ich sah jeden in den Kopf und las die Gedanken, ob sie vielleicht eine rothaarige Frau gesehen haben. Auch kam ich mit einigen ins Gespräch, die mich zuerst immer komisch ansahen wegen meiner Augenfarbe. Doch auch sie konnten mir nicht helfen. Konnten mir auch nicht den kleinsten Hinweis geben.

Ich war – oder bin – ein miserabler Jäger. Ich war langsam am Verzweifeln. Seit ich SIE verlassen hatte, war ich zu Nichts mehr imstande. Nicht einmal jene zu jagen, die eine Gefahr für SIE waren oder noch werden könnten. Niemand sollte IHR Leben bedrohen. Nicht einmal ich selbst.

Ich hatte SIE nun vor 45 Tagen verlassen. Ich hatte SIE verlassen, um SIE vor mir und meiner Welt zu schützen. SIE sollte nicht mehr in einer Welt voller Monster leben. SIE gehörte nicht in die ewige Verdammnis, in die ewige Nacht. SIE war so ein reines unschuldiges Mädchen. SIE war ein Wesen, das auf der Seite der Sonne und des Lichts wandeln sollte. SIE hatte es nicht verdient in die Finsternis gezogen zu werden. SIE verdiente ein Leben. Ein ganz normales Menschenleben. Ohne Vampire. Ohne seelenlose Monster. SIE sollte mich vergessen und IHR Leben weiterleben, als hätte es mich nie gegeben.

Es schmerzte in meiner Brust und mein kaltes stummes Herz drohte zu zerspringen, als mir – wieder zum tausendsten Mal – klar wurde, dass ich nicht mehr ein Teil IHRES Lebens sein konnte – sein durfte. Die Vorstellung, dass SIE mit einem anderen Mann glücklich wird, zerfetzte mein Herz. Warum konnte ich nicht dieser Mann für SIE sein? Ich würde SIE beschützen vor allem und jedem, der IHR körperlichen oder seelischen Schmerz zufügen wollte.

HALT! Ich musste damit aufhören.

Ich konnte dieser Mann nicht für SIE sein. Niemals! Ich bin kein Mensch. Ich bin eine seelenlose Kreatur, die tötet um zu überleben. Ich habe SIE nicht verdient. Das hatte ich nie! Trotzdem tat es mir unendlich weh, meine Seelenverwandte verloren zu haben. SIE war die einzige, die ich jemals wollte. Doch ich durfte SIE nicht haben. Das stand mir nicht zu.

Deshalb war das Schicksal von Anfang an gegen uns. Alles ging schief, was schief gehen konnte. Als ich SIE zum ersten Mal sah, hätte ich SIE töten können. Als SIE Zeit mit mir verbrachte, hätte ich sie töten können. Als wir uns küssten, hätte ich SIE töten können. Als ich das Gift von James aus ihrem Körper heraus saugte, hätte ich SIE töten können. Und an ihrem Geburtstag hätte Jasper SIE fast getötet. Natürlich war das nicht seine Schuld. Wir sind, was wir sind. Doch all diese Sachen zeigten mir, dass wir Monster waren. Und Monster durften etwas Reines wie SIE nicht besitzen. Das wollte mir das Schicksal von Anfang an sagen.

Doch ich egoistische Kreatur hatte nur mein Verlangen im Sinn und hatte nicht an SIE gedacht. Immer wieder gewann meine Selbstsucht die Oberhand. Meine Selbstsucht, die SIE ständig in Gefahr gebracht und schließlich fast getötet hatte. Also hatte ich es schweren Herzens doch geschafft sie zu verlassen, damit sie nie wieder in solche Gefahr geraten konnte. Nein. Damals hatte ich es geschafft an ihr Wohl zu denken und nicht meiner Selbstsucht nachzugeben.

Aber mit jedem weiteren Tag der verging, wurde der Schmerz stärker, oder er hörte nie auf. Seine Intensität war konstant. Ich wusste es nicht. Aber ich konnte nicht mehr. Ich war in Texas irgendwo im Wald und verkroch mich. Ich hatte es nicht geschafft, Victoria zu finden. Ich hatte keine Kraft mehr, um nach ihr zu suchen. Die Verfolgungsjagd hatte nicht mehr die Macht, mich von meinem Schmerz abzulenken. Kein Stück mehr.

Der Schmerz zerstörte mich jeden Tag, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde mehr. Aber eigentlich machte das kein Unterschied mehr. Schließlich war ich schon seit 45 Tagen tot. Seit diesem Tag war ich nur noch eine Hülle. Ich hatte meine Seele verlassen. Ich hatte SIE verlassen. Ohne SIE war mein Leben – meine Existenz – völlig sinnlos. Was sollte ich ohne SIE tun? Doch ich zahlte diesen Preis sehr gern, wenn SIE dadurch wieder ein normales Leben führen und glücklich sein kann.

Doch tat ich das wirklich?

Ich konnte ohne SIE nicht existieren, nicht ohne SIE leben. Keinen Tag mehr. Die Qual fraß mich von innen auf. Es war schmerzhaft. Nein. Ich konnte nicht mehr. Ich musste zu IHR. Auch wenn ich es mir verboten hatte. Aber ich hatte keine Kraft mehr. Ich war nicht mehr stark genug, um ohne SIE zu sein. Doch halt.

Was sollte ich IHR sagen, wenn wir uns gegenüberstehen? Wollte SIE mich noch? Würde SIE mich zurück haben wollen, nachdem ich SIE so sehr verletzt hatte? Oder die andere Möglichkeit. Mein Herz zog sich vor Qualen zusammen.

Wenn sie IHR Menschenleben bereits mit einem anderem Mann teilte. Vielleicht jener, der IHR in dieser schweren Zeit beistand? Ich hoffte es nicht, und doch wünschte ich es mir so sehr. Für SIE. Sie verdiente einen Mann, der sie glücklich machen konnte. Der ihr all das geben konnte, was ich nicht konnte. Ich brüllte innerlich vor Schmerzen, als ich mir das vorstellte. Es wäre durchaus denkbar.

Ich rannte und rannte weiter. Zum Glück war es Nacht. So musste ich nicht besonders aufpassen. Ich rannte immer schneller. Ich wollte so schnell wie möglich bei IHR sein. Aber zuerst würde ich sie beobachten. Ich musste erst sehen, wie sich ihr Leben nach meinem Weggang entwickelt hat.

Ich stellte mir ihr Gesicht vor. Ihr blasse Haut, die von ihrem braunen Haar wunderschön umrahmt wurde. Ihre wunderschönen roten Lippen, wie sie sich einladend öffneten und meine Lippen sanft berührten. Was wenn diese Lippen nun einen anderen berührten? Wieder durchzuckte mich erneut ein heftiger Schmerz.

Ihre wundervollen schokoladenbraunen Augen, wie sie mich ansahen, als wäre ich IHRE Welt. Ich sah IHRE Augen genau vor mir. Dieses Braun, in das ich immer tiefer und tiefer versank. Die Liebe, die sie ausstrahlten. In mir breitete sich ein warmes Gefühl aus. Doch das wurde sofort wieder erstickt. Was, wenn diese Augen jetzt jemand anderen so ansahen? Einen anderen, dem SIE ihre Liebe geschenkt hat. Der Schmerz kehrte zurück und wurde noch stärker – wenn das überhaupt möglich war –, als mir ein weiterer Gedanke in den Sinn kam.

Ich sah wieder das Bild vor Augen, das ich so gut wie immer sah. Wie das Licht, die Liebe, die Verbundenheit, das Vertrauen in ihren Augen erlosch, als SIE meinen Lügen geglaubt hatte. Wie konnte SIE mir nur glauben? Wie konnte ich SIE so leicht davon überzeugen, dass ich SIE nicht mehr liebte? SIE kannte doch die Wahrheit. SIE wusste doch, dass SIE alles war, was mich ausmachte. Ohne SIE würde ich aufhören zu existieren. Warum konnte ich so schnell IHR Vertrauen zerstören? Ich wusste die Antwort auf all diese Fragen nicht. Würde ich sie jemals bekommen? Diese Frage und die Angst vor den Antworten jagten mir einen weiteren tiefen Schmerz durch die Brust.

Es war erstaunlich, dass ich noch nicht zusammen gebrochen bin. Ich rannte immer weiter und versuchte alle schlechten Gedanken aus meinem Kopf zu vertreiben, oder sie wenigstens in die kleinste Ecke meines Gehirns zu verbannen. Es war Morgen. Der Morgen nach Halloween. Ich war in Forks angekommen.

Plötzlich vibrierte mein Handy. Natürlich war es Alice. Sie wusste natürlich, dass ich schwach geworden bin. Ich nahm den Anruf entgegen.

„Hallo Alice. Ich will jetzt nichts von dir hören. Ja, ich bin wieder in Forks, aber das bedeutet noch lange nicht, dass…" Ich konnte nicht weiterreden, denn Alice unterbrach mich. Ihre Stimme überschlug sich fast.

„Komm sofort nach Hause!", befahl sie.

Ich verstand sie nicht. Warum soll ich jetzt dorthin gehen? Ich muss zu Charlies Haus, um nach IHR zu sehen. Plötzlich fiel mir etwas an Alice Tonfall auf.

„Alice, sind die anderen auch alle da?", fragte ich.

„Natürlich, wir sind alle da. Und jetzt komm nach Hause, sofort und gehe nicht erst zu Charlie. Komm SOFORT!", sagte Alice genervt und wütend.

Dann wurde die Verbindung unterbrochen. Ich verstand ihren Befehl nicht. War irgendetwas zu Hause – hier in Forks – passiert? Vielleicht Esme oder Carlisle? Panik stieg in mir auf und ich rannte ohne Umwege zu dem Haus. Aber etwas stimmte nicht. Sie waren nicht im Haus, wie ich dachte. Alle standen draußen und starrten auf etwas. Auf was, das konnte ich nicht erkennen. Ich war noch zu weit weg.

°Was macht der hier?° Alices Stimme.

°Ich rieche nichts.° Das war Carlisle.

Ich war eine halbe Minute später bei meiner Familie angelangt. Sie sahen alle verwirrt und erschrocken aus, außer Rosalie natürlich.

„Was ist los?", fragte ich angespannt. Ich wurde immer besorgter.

„Dreh dich mal um.", sagte Alice leise zu mir.

Ich tat es und erstarrte zu Eis. Dort, ein paar Meter vor unserem Haus, stand IHR Transporter. Aber SIE war nirgends zu sehen. SIE war also hier gewesen. Wann war das? Wieso kam SIE hierher zurück? SIE sollte hier nie wieder sein. Was wollte SIE hier? Dachte SIE, es wäre noch jemand von uns hier? Ich verstand den Sinn ihrer Handlung einfach nicht.

Dann löste ich mich aus meiner Starre und sog die Luft ein. Ich roch SIE nicht. Aber IHR Transporter war hier. Warum roch ich SIE nicht? Wenn IHR Transporter hier noch steht, dann muss SIE doch in der Nähe sein. Ich müsste SIE also riechen. Ich konzentrierte mich voll auf meinen Geruchssinn und schmeckte die Luft. Aber nichts.

Kein Duft nach Lavendel oder Fresien war zu riechen. IHR Duft war nicht zu riehen. Warum nicht? IHR Transporter stand doch hier! Ich verstand das alles nicht. Ich merkte, wie mich die Sorge ergriff, die sich mehr und mehr in Angst umwandelte. Ich drehte mich zu meiner Familie um.

„Wo ist SIE?", fragte ich panisch.

Eine sehr dumme Frage. Natürlich wussten sie es auch nicht. Aber das war die erste Frage, die mir in den Sinn kam.

°Das wissen wir nicht. Wir sind genauso ratlos wie du.°, dachte Carlisle.

°Oh, mein Gott. Wo ist Bella nur? Hoffentlich ist ihr nichts passiert.°, dachte Esme.

Ihr Name stach mir ins Herz, auch wenn er nicht laut ausgesprochen wurde. Wie konnte sie IHREN Namen auch nur denken?

°Mist, wo ist unsere Kleine?°, dachte Emmett besorgt. Er liebte SIE inzwischen wie eine kleine Schwester.

°Seltsam. Ich kann nicht die winzigste Spur von ihr riechen.°, dachte Jasper.

°Toll, diese Göre macht doch nur Ärger.°, dachte Rosalie verächtlich.

Ich knurrte sie an. Doch sie erwiderte trotzig meinen finsteren Blick und Emmett legte einen Arm um Rosalies Schultern.

„Wir müssen Bella suchen.", sagte Carlisle bestimmt.

Wieder zuckte ich innerlich zusammen. Wir teilten uns alle daraufhin auf und suchten – und schnupperten – die nähere Umgebung ab. Auch Rosalie half mit, wenn auch äußerst widerwillig. Ich konnte aber nichts von IHR riechen. Absolut nichts. Ich ging wieder zurück. Die anderen warteten schon auf mich. Doch leider dachte jeder, dass er nichts riechen konnte. Die Sorge schnürte mir die Kehle zu.

„Tja, vielleicht wurde sie ja getötet.", sagte Rosalie ohne Nachzudenken.

Ich knurrte sie heftig an. Ich war kurz davor, ihr an die Gurgel zu springen. Doch Emmetts Stimme unterbrach mein Vorhaben.

„Rose!", fuhr er sie an. „Würdest du auch so darüber denken, wenn ICH an Bellas Stelle wäre?", fragte er.

Daraufhin wurde Rosalie so still und klein, dass ich – wenn die Situation nicht so ernst gewesen wäre – laut gelacht hätte. Sogar in ihrem Kopf war es daraufhin ziemlich still. Keine dummen Bemerkungen über SIE waren mehr zu hören. Ich wandte mich zu Alice.

„Alice, kannst du SIE nicht sehen?", meine Frage klang schon bissig, durch diese Sorge.

Doch Alice verstand mich und blieb ganz ruhig. Sie konzentrierte sich und ihr Gesicht wurde für einen kurzen Moment ausdruckslos. Dann schüttelte sie den Kopf.

„Tut mir leid, Edward. Ich sehe nichts. Absolut nichts. Fast so, als wäre Bella tatsächlich tot."

Diese 2 Worte „Bella" und „tot" raubten mir den Verstand und rissen mein Herz in tausend kleine Stücke. Der Schmerz pulsierte.

„NEIN!", schrie ich verzweifelt.

Das konnte nicht sein! Das darf nicht sein! SIE hatte mir doch versprochen, nichts Dummes oder Waghalsiges zu tun! Wo war SIE nur? SIE ist nicht tot! Das konnte – und wollte ich nicht akzeptieren. Dann spürte ich eine Welle der Ruhe über mich. Ich knurrte Jasper an. Das wollte ich jetzt auf keinen Fall. Wenn er das noch einmal machen würde, würde ich ihn umbringen.

Doch durch die Ruhe, die Jasper kurz in mir ausgebreitet hatte, konnte ich wieder einen klaren Gedanken fassen. Charlie! Charlie würde vielleicht wissen, was mit IHR passiert ist, auch wenn ich keine große Hoffnung hatte. Doch ich klammerte mich an jeden Strohhalm.

„Ich gehe zu Charlie.", sagte ich nur, bevor mich jemand aufhalten konnte.

Ich rannte los. Aber was sollte ich ihm sagen, wenn ich vor seiner Tür stand. Er hasste mich jetzt für das, was ich IHR angetan hatte. Er würde mir nie verraten, wo SIE ist, wenn er es denn tatsächlich wusste. Aber vielleicht konnte ich einen Hinweis in seinen Gedanken lesen. Ich wollte – ich musste – SIE sehen.

Sie ist nicht tot! Inzwischen war es Vormittag. Ich musste schon etwas aufpassen, um nicht erwischt zu werden. Doch das war mir egal. Naja, fast egal. Ich wollte das meiner Familie nicht antun und musste mich daher zusammen reißen.

Plötzlich hatte ich Charlies Geruch in der Nase. Er war sehr stark. Komisch. Er war also nicht zu Hause. Wo war er dann? Ich folgte der Spur und sah, dass er zu seinem Auto ging. Ich fragte mich, was er dort gerade zu suchen hatte. Als er wegfuhr, trat ich aus den Bäumen hervor. Es war sonst kein anderer Mensch hier. Ich ging zu dem Ort, von dem Charlie gerade gekommen war. Was wollte er hier? Ich hatte leichte Panik vor dieser Antwort.

Ich folgte seinem Geruch und blieb dort stehen, wo auch er stehen geblieben war, und das für lange Zeit. Ich starrte auf den Stein und wollte einfach nicht glauben, was ich da las. Aber letztendlich musste ich es doch tun. Die Buchstaben standen nun mal in dieser Reihenfolge dort. Ich war wie erstarrt und wollte nicht, dass das Geschriebene in mich einsank, aber es war zu mächtig für mich. Es war, als würde ich körperlich und seelisch zusammen brechen. Immer und immer wieder.

Isabella Marie Swan

13. 09. 1987 – 14. 06.1994

Das konnte nicht stimmen. Das war falsch. Die Schmerzen drohten mich zu zerstören. Diese Qualen der letzten 45 Tage waren harmlos, im Gegensatz zu dem Schmerz, den ich jetzt empfand.

Bella – jetzt konnte ich ihren Namen denken – soll tot sein? Und das seit über 11 Jahren?

Das war nicht möglich. Das musste falsch sein. Wenn Bella wirklich seit so vielen Jahren schon tot ist, wer war dann die junge Frau, mit der ich die schönsten Monate meines Daseins verbracht hatte? War sie ein Geist? Eine Illusion? Wollte mir der Himmel das zeigen, was ich brauchte, um vollständig zu sein? Es mir zeigen, obwohl sie schon längst tot war? Obwohl ich sie schon längst verloren hatte, bevor ich auch nur ahnte, dass sie die Eine für mich ist?

Wollte Gott – wenn es ihn überhaupt gab – mich verhöhnen? Wenn ja, dann hatte er wirklich seinen Spaß. Habe ich die schönste Zeit meiner gesamten Existenz nur mit einer „Erscheinung" verbracht? Wenn das stimmte, warum haben sie dann alle Menschen gesehen? Warum konnte meine Familie sie sehen, obwohl sie doch nur meiner Einbildung entspringen konnte? Das war alles ziemlich unlogisch und ich wandte mich schnell der zweiten Möglichkeit zu.

Das gab es wirklich und sie war keine Einbildung. Ich habe eine reale lebende Person in meinen Armen gehalten, sie geküsst. Aber ihr Name war nicht Bella. Wieso nicht? Der Name stand für all das Schöne in dieser Welt. Diese Frau trug nicht den Namen meiner Schönheit? Wie heißt diese Frau dann? Ich konnte sie mir mit keinem anderen Namen vorstellen.

Der Name „Bella" war perfekt für sie, wie alles an ihr. Auch hatte ich nicht das Gefühl, dass sie log, als sie mir damals bestätigte, dass ihr Name Bella Swan sei. Was hatte das alles zu bedeuten? Vielleicht glaubte sie, dass ihr Name „Bella" ist. Aber warum? Und selbst, wenn sie damals gelogen hatte, warum sollte sie mir ihren wahren Namen verheimlichen? Ich wusste keine Antwort auf diese Fragen.

Warum war Charlie hier? Er trauerte bestimmt um seine Tochter. Aber als ich in ihrer Wohnung war, hatte ich kein Foto mit einem anderen Mädchen, also mit „Bella" gesehen. Oh Gott, war das alles verworren. Es war, als wäre ich mitten in einen Alptraum gelandet. Wie hieß nur dieses Mädchen? Warum sagte sie, sie sei Bella? Ich empfand Wut, Trauer und Verzweiflung. Ich konnte nicht glauben, dass ich die Zeit mit einer Frau verbracht hatte, die nicht „Bella" hieß.

Nein. Das konnte nicht sein. Aber es gab keine andere Erklärung. Warum sonst sollte der Grabstein hier stehen. Aber wenn Bella wirklich tot war, warum haben wir dann am 13. September ihren Geburtstag gefeiert?

Naja, „gefeiert" war nun nicht das passende Wort. Hat sie sich deswegen erst so gegen ihren Geburtstag und der Party gestäubt? Weil es eigentlich nicht ihr Geburtstag war? Aber warum hat sie das dann überhaupt behauptet? Das waren für mich alles absurde Gedanken.

Für mich stand nur eins fest. Ich konnte nicht glauben, dass ich mit einer anderen Frau meine kostbare Zeit verbracht hatte. Ich hatte verloren. Wiedermal.

Der Schmerz verbrannte mich innerlich. Es war schlimmer als sie Hölle.

Nach einer gefühlten Ewigkeit riss ich mich von diesem Anblick los, der für immer in meinem Gedächtnis eingebrannt sein würde, und rannte zurück zum Haus. Ich wollte und konnte das nicht akzeptieren, verstehen oder gar verkraften. Bella und tot?

°Nein! Nein, nein, nein!°, hallten die Worte in meinem Kopf wider.

Die anderen warteten draußen auf mich. Sie hatten sich keinen Millimeter von der Stelle bewegt. Alle sahen mich an. Besorgt und Verzweifelt. Selbst Rosalie schaute etwas bedrückt.

„Alice hat uns alles erzählt.", sagte Carlisle ruhig. Ich schüttelte den Kopf und sah Alice an.

„Alice, bitte konzentriere dich noch einmal. Du musst sie doch sehen können."

„Ich habe schon versucht.", sagte sie, „Immer und immer wieder. Aber ich kann sie nicht sehen. Bella – oder diese Frau – scheint wirklich tot zu sein."

„Ihr Name ist Bella. Sie heißt so und nicht anders!", brüllte ich sie zornig an.

„Aber Edward…", setzte Esme an. Doch sie wurde unterbrochen.

Wir hörten Glas zersplittern. Dann rochen wir Menschenblut. Ich zögerte nicht und ging sofort rein um nachzusehen, was passiert war. Alle anderen folgten mir. Nur Alice und Jasper nicht. Ich roch 2 Menschen und sie rochen ähnlich, fast identisch. Den einen Geruch erkannte ich sofort.

Es war der Duft nach Fresien oder Lavendeln. Es war Ihr Geruch. Es war der Geruch meiner Bella. Für mich würde sie immer „Bella" heißen, ganz egal wie ihr wirklicher Name ist, wenn ich den eben heraus gefundenen Tatsachen wirklich Glauben schenkte, was ich nicht wollte. Ich war nur glücklich, dass ich Bella wieder riechen konnte.

Aber wie konnte das sein? Wie kam sie hierher? Sie erschien praktisch aus dem Nichts. Alice konnte nichts sehen. Und ich roch ihr Blut. Was ist mit ihr passiert? Wie kam es, dass sie durch unsere Glaswand geflogen kam? Und wer war die andere Person, die so ähnlich roch wie sie?

Der Geruch stimmte fast mit ihrem überein. Der Geruch war ebenfalls sehr köstlich, aber natürlich nicht so köstlich, wie der von Bella. Dieser Geruch war herber, aber nur eine kleine Spur. Seltsam. Dass es so etwas überhaupt gab. Aber das war jetzt alles nicht mehr wichtig. Nur Bella war jetzt wichtig und die Versorgung ihrer Wunden.

Carlisle und ich gingen den anderen voraus. Wir folgten den Gerüchen. In meinem Zimmer waren sie am stärksten. Ich riss die Tür auf. Und da sah ich sie. Auf den ersten Blick, sah es so aus, als würde ich doppelt sehen. Zwei Bellas. Dann trat ich zu den 2 Personen näher heran, die mit weit aufgerissenen Augen unbewegt da lagen. Nein – oder ja – es waren zwei Bellas. Irgendwo.

Ich erschrak leicht und riss die Augen auf, als ich sie näher betrachtete.

Sie sahen genau gleich aus. Die gleiche Haarlänge, die gleiche Haarfarbe, der gleiche Hautton und genau die gleichen schokoladenbraunen Augen. Nur die eine Person war größer und muskulöser als die andere. Dann traf mich die Erkenntnis wie ein Schlag.

Zwillinge. Eineiige Zwillinge, jedoch mit unterschiedlichem Geschlecht.

Soweit ich wusste, kam dieses Phänomen nur äußerst selten vor. Nun war mir klar, warum beide fast genau gleich rochen.

Bella hatte einen männlichen Zwillingsbruder. Erstaunlich. Aber jetzt waren andere Sachen wichtiger. Beide bewegten sich nicht und starrten mit weit aufgerissenen Augen an die Decke. Sie hatten Schnittverletzungen am Kopf und an den Armen.

„Edward, lass mich durch. Ich muss sie behandeln.", fuhr Carlsile mich barsch an.

An die anderen hatte ich gar nicht mehr gedacht. Selbst ihre Gedanken hatte ich nicht empfangen, weil ich zu sehr mit meinen eigenen beschäftigt war. Aber die Hauptsache war, was mich wenigstens etwas erleichterte, dass Bella nicht tot war. Und ich hoffte, dass das so bleiben würde.

„Emmett, trag diesen jungen Mann in mein Arbeitszimmer!", befahl Carlisle, während er Bella hinaus trug, auf dem Weg ins Arbeitszimmer.

Eigentlich hätte ich das gemacht, aber ich war einfach zu fassungslos. Ich konnte nichts machen. Ich musste das alles erst einmal verarbeiten.

„Wow. Jetzt gibt's Bella schon zweimal.", scherzte Emmett.

Er legte den männlichen Zwilling ebenfalls auf eine Liege, die neben der stand, wo meine Bella lag.

°Bitte stirb nicht! Jetzt wo ich dich doch erst wieder hab. Ich will dich nicht noch einmal verlieren.°, dachte ich verzweifelt.

„Zwillinge. Wer hätte das gedacht?", sagte Esme und klang besorgt.

Natürlich machte sie sich Sorgen um Bella und um ihren…Bruder. Komisch, das Wort im Zusammenhang mit Bella zu benutzen. Ich hatte keine Fotos von Zwillingen in ihrer Wohnung gesehen. Und auch keinen…weiteren…Grabstein.

Ich schüttelte den Kopf. Daran wollte ich nicht mehr denken. Alice stand nun neben mir.

°Ich habe sie nicht kommen sehen. Warum habe ich nichts gesehen? Woher kamen sie auf einmal? Wie kamen sie hierher? Als wären sie aus dem Nichts aufgetaucht.°

Diese Gedanken waren wohl eher für sie selbst bestimmt, dennoch antwortete ich: „Ich habe nicht die geringste Ahnung."

Alice verschwand wieder und ich sah in ihren Gedanken, dass sie Jasper auf den neusten Stand bringen wollte.

°Zwillinge?°, dachte Rosalie überrascht. °Na toll, noch eine Bella, die uns Ärger macht!°

Ich knurrte sie an. Doch sie achtete nicht darauf und schritt würdig hinaus. Ich blieb im Arbeitszimmer zusammen mit Carlisle und beobachtete ihn, wie er Bella und den Mann verarztete.

„Geh lieber, Edward. Quäle dich nicht.", sagte er besorgt.

„Nein. Es macht mir nichts mehr aus. Als ich vor dem Grabstein stand und begriff, dass ich sie für immer verloren hatte, irgendwo, da ließ die Wirkung ihres Blutes auf mich nach. Er hat jetzt nicht mehr dieselbe Macht über mich, wie früher. Es ist nicht anstrengend für mich hierzubleiben. Ich glaube fast, dass der Schmerz, den ich empfand, als ich glaubte sie sei tot, das Verlangen nach ihrem Blut geheilt hat. Mein Wesen schreckt jetzt vor allem zurück, was mir noch einmal so einen Schmerz bereitet. Der Geruch macht mir wirklich nichts mehr aus.", versicherte ich Carlisle.

Er machte große Augen, glaubte meinen Worten und widmete sich wieder seiner Arbeit zu. Ich nahm mir einen Stuhl, zog ihn an Bellas Liege heran und setzte mich. Ich nahm ihre Hand und sah sie an.

Natürlich war sie immer noch schön. Jedoch wirkte sie blasser und schmaler als vorher. In ihren Augen spiegelte sich ein sehr, sehr tiefer Schmerz. Sie wirkte traurig und verzweifelt. Selbst jetzt in dieser Situation.

Mein Herz zog sich vor Schmerzen zusammen. Ich hätte jetzt am liebsten geweint, wenn ich gekonnt hätte. Ich schluchzte leise.

„Bella, ich liebe dich. Ich werde dich nie mehr verlassen. Aber bitte verlasse mich jetzt bitte auch nicht. Das würde ich nicht verkraften. Nicht noch einmal.", flüsterte ich zu ihr.