Kapitel 28
Meine Stimme war weg. Ich versuchte krampfhaft etwas zu sagen, aber ich brachte es nicht fertig wieder auszuatmen. Edward übernahm das Reden. „Victoria hat sich mit einem anderen Vampir verbündet und sie jagt." Niemand reagierte erschrocken und mein Blick wanderte zu Jasper. Endlich konnte ich wieder sprechen.
„Das ganze Blut, da war überall Blut... die Menschen, sie... sie kann sie doch nicht einfach umbringen." Erst jetzt schienen die Cullens zu begreifen, was das entsetzliche war und reagierten dementsprechend. „Ich hatte erwartet, dass sie Tierblut trinkt so wir ihr."
Carlisle wirkte betrübt. „Es scheint, als habe sie sich vollkommen von uns abgewandt. Ich hatte gehofft, sie würde zumindest auf die Menschenjagd verzichten." Ein bitteres Lachen kam aus meiner Kehle. „Offensichtlich tut sie das nicht." Emmett brach in schallendes Gelächter aus. „Mit dir könnte es echt lustig werden, Alice." Das ernste Thema war anscheinend beendet und alle wandten sich wieder ihren Alltagsbeschäftigungen zu.
Jasper spürte, dass mir noch immer nicht ganz wohl war und blieb neben mir sitzen. „Hast du meine Gefühle schon mal beeinflusst?" Er schien mit einer anderen Frage gerechnet zu haben, den er antwortete nicht sofort. Ich drehte den Kopf und schaute ihm in die Augen. Sie waren tief und dunkel. Ich konnte in ihnen eine Traurigkeit erkennen, die ich noch nie bei jemandem gesehen hatte. „Nur zweimal. Einmal im Auto und einmal heute, als du fast zusammengebrochen bist, habe ich dich beruhigt. Später empfand ich es als falsch dich nicht trauern zu lassen und da habe ich beschlossen, dass ich das überhaupt nicht mehr machen will. Es sei denn du bittest mich darum." Mit einem Nicken lehnte ich mich wieder gegen ihn. „Ich kann sie verstehen. Wenn wir die Rollen tauschen würden... ich wüsste nicht wie ich in dieser Situation handeln würde." Meine Gedanken sprangen in meinem Kopf durcheinander wie Gummibälle und wechselten sich immer wieder ab. Irgendwie musste ich mich ablenken, also griff ich nach der Fernbedienung und blieb bei einem griechischen Kriegsfilm hängen. Der Gedanke an das Blut kam mir gar nicht, erst als ich es sah wurde mir schlecht und ich dachte wieder an Victoria. Schnell schaltete ich um und machte bei einem Zeichentrickfilm halt. Hier würde ich höchst wahrscheinlich kein Blut sehen. Vom Film selber bekam ich nicht viel mit, aber das flackernde Licht des Bildschirms lenkte mich wenigstens ab. Jasper legte sein Kinn auf meine Haare und summte eine mir unbekannte Melodie.
Meine Gedanken schweiften umher, bis ich mich an Harry erinnerte. „Verdammt!" Erschrocken schaute Jasper mich an. „Was ist los?" „Nichts Wichtiges. Mein Dad macht sich wahrscheinlich nur Sorgen und fragt sich wo ich bleibe." Jasper stand auf. „Komm ich bring dich nach Hause." Dankbar ergriff ich seine ausgestreckte Hand und verabschiedete mich von seiner Familie.
Im Wagen versuchte ich mich zu entspannen, doch wenn Harry Jasper kennenlernen würde... Ich konnte mir nicht vorstellen, wie er reagieren könnte. Immerhin war ich seine Tochter, auch wen unser Vater Tochter Verhältnis nicht das beste war. Vor allem hatte er eine Waffe und ich war mir nicht ganz sicher, ob Jasper schusssicher war. Immer wieder schaute ich zu ihm auf, bis er einen Arm ausstreckte und um meine Hüfte legte.
„Beruhige dich. Dir wird schon nichts passieren." Er hatte mich nicht richtig verstanden, vehement schüttelte ich den Kopf. „Um mich mach ich mir weniger Sorgen. Du bist nicht zufällig kugelsicher?" Das brachte ihn zum Lachen. „Du machst dir ernsthaft Sorgen wie Harry reagieren wird, oder? Und zufälligerweise bin ich sogar kugelsicher. Es gibt also keinen Grund zur Panik."Bei dem Wort Panik musste ich wieder an Sams Reaktion denken und in meinem Magen zog sich etwas krampfhaft zusammen. Langsam strich mir Jasper über den Rücken, das half ein wenig.
Mittlerweile waren wir angekommen und Jasper stand nur eine Sekunde später neben mir und half mir aus dem Auto. Krampfhaft verschränkte ich meine Finger mit seinen und schaute ihn erwartungsvoll an.
Harry saß im Wohnzimmer auf der Couch und sah sich ein Spiel an. Gerade als wir das Zimmer betraten wurde das Programm durch eine Werbepause unterbrochen und er schaute auf. Allerdings kam er nicht weit, denn sein Blick blieb an unseren Händen hängen. Verwirrt schaute er zu mir und musterte dann Jasper. „Bist du nicht einer der Söhne von Dr. Cullen?" Jasper nickte höflich. „Ja. Mein Name ist Jasper." „Soso Jasper. Du willst also was von meiner Tochter." Das Missfallen war deutlich zu hören. „Dad!" So direkt musste er nun wirklich nicht sein. Besorgt schaute ich zu Jaspers Gesicht, aber er lächelte immer noch. „Wenn sie es so ausdrücken wollen." Harry starrte ihn noch eine Weile an, bevor er die Schultern zuckte. „Ich glaube nicht, dass ich da mitreden darf, aber wenigstens hat er Manieren." Das war eindeutig an mich gerichtet. Wütend starrte ich seinen Hinterkopf an, weil er sich wieder dem Fernseher zugewandt hatte. Jasper zog mich langsam Richtung Treppe und ich folgte ihm nur zu gerne.
In meinem Zimmer legte ich mich auf mein Bett und ließ meine Gedanken schweifen. Meine Vorstellung war eine ganz andere gewesen. Hier hatte Harry Jasper versucht den Kopf abzureißen, aber nichts der gleichen war passiert.
Ein belustigtes Kichern holte mich in die Realität zurück. Jasper saß neben mir auf dem Bett und betrachtete mein Gesicht. „Ich dachte er würde an die Decke gehen." Über meinen Versuch mich zu verteidigen lachte er nur. „Wenn du wüsstest wie er innerlich gekocht hat würdest du auch lachen. Vor allem bei deiner Raktion darauf. Er wird nicht zulassen, dass ich länger als fünf Minuten mit dir allein in einem Zimmer bin." Wie aufs Stichwort konnte ich die schweren Schritte von meinem Dad auf den Stufen hören. „Kommst du wieder?" Überrascht sah er mich an, doch ich deutete nur auf das offene Fenster. Er nickte, stand auf und verließ den Raum. Durch die offene Tür konnte ich sehen, wie Harry ihm verwirrt hinterherschaute und machte mich dann fertig fürs Bett.
