Kapitel 28

An diesem Abend sahen sich William und Elizabeth nicht mehr. Elizabeth hatte sich mit Jane und Charles verabredet und die drei waren alleine losgezogen, ohne die beiden Cousins. Es wurde ein netter Abend. Zuerst gingen sie im Hotel Venetian essen, dann überraschte sie Charles mit Tickets zur „Blue Man Group" Show, die im gleichen Hotel stattfand. Im Anschluss daran verzockten sie noch ein paar Dollar und gegen halb zwei war Elizabeth wieder in ihrem Zimmer. Ob William in seinem Zimmer war, wusste sie nicht. Es war auf alle Fälle sehr ruhig in der Suite. Wahrscheinlich verbrachte er die Nacht mit der Blonden, dachte sie wütend.

Als Elizabeth nach Hause kam lag William schon seit über einer Stunde im Bett. Er war mit Richard und dessen „Begleitung" essen gewesen, hatte darauf verzichtet, sich ebenfalls eine „Begleitung" zu organisieren – den Zettel der Blonden vom Pool hatte er schon längst weggeworfen – und war stattdessen ins hoteleigene Fitneßstudio gegangen, um sich ein wenig körperlich zu verausgaben. Es hatte ihm gutgetan, und nach einem kleinen Spaziergang im Garten des Hotels war er auf sein Zimmer gegangen. Alleine.

Am nächsten Tag sollte dann endlich das Turnier stattfinden. Charles, Jane und Elizabeth schliefen lange und gingen entsprechend spät nach unten, und so sahen sie die Cousins nicht beim Frühstück. Elizabeth war ein bißchen enttäuscht, dass sie William nicht noch viel Glück hatte wünschen können vorher. Sie grämte sich, dass zwischen ihnen wieder ein so dummes Missverständnis hing und fragte sich, ob sie jemals einen normalen Umgang miteinander pflegen würden.

So richtig los mit dem Turnier ging es sowieso erst am frühen Nachmittag. Charles, Jane und Elizabeth brauchten einige Zeit, um die beiden zu finden. Die Cousins hatten ihre ersten drei Spiele souverän gewonnen und spielten im nächsten Match bereits um den Einzug ins Finale. Eine kleine Tribüne war aufgebaut worden, auf der sich ein paar Leute niedergelassen hatten, weitere Zuschauer verteilten sich rund um die Sandplätze auf Stühlen oder Decken. Einige hatten Picknickutensilien dabei. Aber auch sonst musste niemand auf Verpflegung verzichten – Hotelangestellte liefen mit Tabletts herum und verteilten kostenlose Getränke und nahmen Bestellungen für Sandwiches oder andere Kleinigkeiten auf.

Die drei englischen Schlachtenbummler suchten sich Plätze auf der Tribüne mit guter Sicht aufs Feld. Richard und William hatten sie noch nicht gesehen, sie spielten sich ein paar Bälle zu und wärmten sich auf – in wenigen Minuten würde es losgehen. Elizabeth schaute sich neugierig um. Sie fuhr zusammen, als sie neben sich die blonde Frau vom Pool erkannte, die William gestern ihre Zimmernummer gegeben hatte. Sie war in Begleitung einer Freundin und beide waren in ein angeregtes Gespräch vertieft. Elizabeth hörte zunächst nicht zu, doch dann sprachen sie offensichtlich über William.

„Ich habe ihn gestern am Pool kennengelernt", schwärmte die Blonde. „Sieht er nicht einfach zum Niederknien aus? Was für ein Traumbody! Er wollte meine Zimmernummer haben, stell dir vor!"

„Und? Hat er dich besucht?"

„Ich war nicht da, als er es versucht hatte", log die Blonde. Elizabeth zog skeptisch die Augenbrauen hoch und die andere Frau lachte hämisch.

„Na klar, Laetitia! Das kannst du deinem Briefträger erzählen."

Elizabeth verdrehte die Augen. Hatten diese amerikanischen Frauen allesamt so seltsame Vornamen? Sie glaubte keinen Augenblick, dass William die aufgedonnerte Tussi wirklich aufgesucht hatte.

„Musst es mir ja nicht glauben", schmollte „Laetitia" und wandte ihren Blick wieder dem Mann auf dem Sandplatz zu.

Wie zum Beweis, dass sie William tatsächlich kannte, winkte sie ihm zu, da er gerade in ihre Richtung sah, doch er reagierte nicht. Elizabeth wusste nicht, welches Teufelchen sie in diesem Moment ritt, als sie beschloss, eine Probe aufs Exempel zu machen und ihrerseits William zuwinkte, der sie gerade eben auf der Tribüne entdeckt hatte. Ein erfreutes Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus und er winkte zurück. Elizabeth grinste die beiden Frauen an, deren Blicke wahrhaftig hätten töten können und aus einer spontanen Laune heraus stand sie auf und lief nach unten zum Sandplatz.

William und Richard schauten sie erstaunt, aber nicht im geringsten unfreundlich an.

„Ich wollte euch nur viel Glück wünschen", murmelte sie verlegen, erschrocken über ihre eigene Kühnheit. Richard grinste, zog sie kurz an sich und küsste sie auf die Wange.

„Danke, Lizzy. Wir tun unser bestes. Und egal wie es ausgeht, heute abend gehen wir ausgiebig feiern!" Sie lächelte und wandte sich seinem Cousin zu, doch William starrte sie bloß stumm an und rührte sich nicht. Als es ihr langsam peinlich wurde und sie sich schon enttäuscht umdrehen wollte, verpasste Richard William einen Stoß, der ihn fast in ihre Arme warf. Elizabeth musste ein Grinsen unterdrücken. Kurzerhand umarmte sie ihn, wünschte ihm viel Glück und küsste ihn flüchtig auf die Lippen. Dann eilte sie mit rotem Kopf nach oben auf die Tribüne zurück, einen perplexen William und einen feixenden Richard zurücklassend.

Die beiden Damen auf der Tribüne, die die Szene ungläubig beobachtet hatten, warfen Elizabeth einen giftigen Blick zu, Jane starrte sie mit offenem Mund an, Charles grinste. Da das Spiel in diesem Moment begann, zuckte Elizabeth bloß mit den Schultern und konzentrierte sich auf die beiden Männer auf dem Sand, die Blicke ignorierend, die sich in ihren Rücken bohrten.

Es begann wider Erwarten äußerst schlecht für die beiden Cousins. Nicht, weil das gegnerische Team so überlegen war, sondern weil William seine Gedanken ganz woanders hatte. Für ihn gab es im Augenblick nichts unwichtigeres als Beachvolleyball. Elizabeth hatte ihm Glück gewünscht. Sie hatte ihn geküsst! William schwebte wie auf rosaroten Wolken. Er konnte es nicht fassen. Erst als sie den ersten Satz deutlich verloren und er sich einen sehr, sehr zornigen Anschiss von Richard hatte anhören müssen, riss er sich endlich zusammen.

Elizabeth, Jane und Charles beobachteten das Spiel und vor allem einen überraschend unkonzentrierten William mit Schrecken. Sie sahen, wie Richard leise, aber sichtlich wütend auf ihn einredete und sich das Spiel danach fast sofort wandelte. Elizabeth – und nicht nur sie – konnte ihren Blick kaum von William Darcy abwenden. Schon so oft hatte sie ihn mit nacktem Oberkörper gesehen, auf der Baustelle, auf dem Sandplatz, und es war immer wieder ein erregender Anblick. Anders konnte man es gar nicht nennen. Elizabeth war sich zwar immer noch nicht richtig im klaren darüber, was sie von William als Person halten sollte, aber sein Körper war einfach nur anbetungswürdig. Sie hätte ihn den ganzen restlichen Tag anschauen können.

Andererseits fand sie es irgendwie unfair, ihn bloß auf seinen Körper zu reduzieren. Er war die meiste Zeit über nett zu ihr gewesen, und dass er was im Kopf hatte war auch nicht zu übersehen. Dass sie sich zu ihm hingezogen fühlte, konnte sie nicht ganz abstreiten. Aber er spielte ganz einfach in einer anderen Liga. Die Liga der Schönen, Reichen und Berühmten – auf ihn traf das alles drei zu, da war kein Platz für eine kleine Buchhändlerin, und sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass ein William Darcy ernste Absichten mit ihr hatte. Eine kleine, angenehme Herausforderung, bis er sie im Bett gehabt hatte. So wie es aussah, hatte er irgendwo eine feste Freundin sitzen und war auch hier den willigen Damen nicht ganz abgeneigt. Aber für ein kleines Abenteuer war sich Elizabeth ganz einfach zu schade. Verwirrend, das ganze! Am besten, sie hielt Abstand und ließ sich nicht auf solche Kindereien ein wie ihren Einsatz eben unten auf dem Platz. Was würde er schon wieder für einen Eindruck von ihr haben!

Schweigend verfolgte sie den Rest des Spiels. Das gegnerische Team hatte sich offenbar bereits mit einem schnellen Sieg im Finale gesehen, doch im zweiten Satz lief William zu Höchstform auf. Im Bewusstsein, dass Elizabeth ihm zuschaute, gab er sein Bestes. Er wollte den Sieg, er wollte ins Finale, er wollte das Turnier gewinnen. Er wollte, dass sie stolz auf ihn war, so abgedreht diese Vorstellung auch im Moment war. Er spielte für sie allein.

Und er wurde mit einem – wenn auch etwas scheuen – Lächeln seiner Angebeteten belohnt, als er den Matchball souverän verwandelte.

William hatte heimlich gehofft, dass er ein kleines Siegesküsschen bekommen würde, aber er hoffte vergebens. Elizabeth hielt sich im Hintergrund, als die drei nach unten gingen um das siegreiche Team zu beglückwünschen, außer einem schmalen Lächeln und einem fast geflüsterten Glückwunsch kam nichts von ihr. William löste seit neuestem eigenartige Gefühle in ihr aus und sie hielt es für besser, Abstand zu halten. Sie wusste, sie würde diesem Blick aus dunklen, warmen Augen nicht lange standhalten können. Aber es durfte, es konnte einfach nicht sein. Und es war grausam von ihm, sie so unbewusst anzubaggern, wenn er doch keine ernsten Absichten mit ihr hatte.

William war enttäuscht und verwirrt. Verstehe einer die Frauen, dachte er frustriert. Erst nahm sie ihn in die Arme, küsste ihn sogar, dann tat sie fast so, als würde sie ihn nicht kennen. Musste man das verstehen? Er nahm sich fest vor, bald ernsthaft mit ihr zu reden. So konnte das nicht weitergehen! Glücklicherweise ließ Richard ihm keine Zeit für Grübeleien. Er zog ihn mit sich ins Hotel zurück, wo sie sich bis zum Finale ausruhen würden. Ein bisschen Massage, ein kleines Schläfchen. Keine Frauen. Und auch kein Gedanke an sie!

Als das Finale dann endlich losging, war William zwar etwas enttäuscht, dass Elizabeth nicht noch einmal zu ihnen kam, aber er war schon froh, dass sie wieder auf der Tribüne saß und ihnen zusehen würde. Als er ihr zuwinkte, winkte sie zurück. Das reichte, um ihn zu motivieren.

Der Endspielgegner verlangte ihnen dieses mal alles ab. Richard hatte seinem Cousin noch einmal in aller Ruhe klargemacht, dass er sein Liebesleben im Anschluss an das Turnier so lange er wollte würde ausleben können, sich doch aber zunächst bitteschön auf das Spiel konzentrieren sollte.

„Elizabeth läuft dir so schnell nicht weg, Darce", hatte er gutmütig gefrotzelt.

William wollte den Sieg natürlich auch. Er war wild entschlossen, den Rest des Abends mit Elizabeth zu verbringen und er würde ihr deutlich machen, wie sehr ihm an ihr lag und dass er hoffte, sie würde ihm eine Chance geben. Sie konnte doch nicht ernsthaft an Wickham interessiert sein, oder? Wenn er es sich genau überlegte, war sie zwar meistens nett und freundlich zu ihm gewesen, doch es gab keinerlei Anzeichen dafür, dass sie größer an ihm interessiert war. Ihre kleine Einlage von vorhin machte ihm jedoch ein klein bißchen Hoffnung.

William hatte während des Spiels kaum Zeit, an etwas anderes außer an das Match zu denken. Ihre Gegner waren ebenfalls ungeschlagen ins Endspiel gekommen und erwiesen sich als harter Brocken. So lieferten sich die vier Männer einen heißen Schlagabtausch, sehr zur Freude der Zuschauer, vor allem der weiblichen. Man bekam schließlich nicht alle Tage vier durchtrainierte, gutaussehende Kerle in kurzen Hosen und nacktem Oberkörper zu Gesicht!

Und so bekam William gar nicht mit, dass Elizabeth auf einmal von der Tribüne verschwunden war.

Elizabeth war der Meinung, dass sie William wenigstens aus der Ferne heimlich ein wenig anschmachten konnte, auch wenn es nie etwas ernstes mit ihnen werden würde. So versunken war sie in seinen Anblick, dass sie erschrocken zusammenzuckte, als ihr Mobiltelefon plötzlich losklingelte. Die Nummer im Display war ihr unbekannt und nur zögernd nahm sie den Anruf an.

„George!" rief sie überrascht und ganz und gar nicht erfreut, als sich Wickham am anderen Ende meldete. Als sie Janes alarmierten Blick sah, stand sie schnell auf und verließ die Tribüne. Wickham! Wie konnte er es wagen! Elizabeth war wütend und fest entschlossen, sich nicht wieder von ihm einlullen zu lassen. Und wie sie vermutet hatte, drang sofort eine sehr zerknirschte Stimme an ihr Ohr.

„Wenn du mich nie mehr wiedersehen willst, kann ich es dir nicht verdenken, Süße", sagte er reumütig. „Aber ich hoffe, du gibst mir die Gelegenheit zu erklären…"

„Was gibt es da noch zu erklären!" fuhr Elizabeth hitzig auf. „Eindeutiger geht es kaum, oder? Lass mich einfach in Ruhe, okay?"

„Du hast ja vollkommen recht, Baby", nahm Wickham ihr den Wind aus den Segeln. „Ich weiß, dass ich mich wie ein Stück Scheiße benommen habe und dass du jetzt einen absolut beschissenen Eindruck von mir hast. Ich verlange auch gar nicht, dass du mir verzeihst, Süße. Ich will nur wissen, ob ich es jemals wieder gutmachen kann. Ob du mir irgendwann eine neue Chance gibst."

Elizabeth schäumte. Der Mann hatte Nerven!

„Bitte, Kleines. Ich weiß, im Augenblick willst du nichts von mir wissen, kann ich verstehen. Aber bitte nimm mir nicht meine ganze Hoffnung. Ich habe Mist gebaut, ja, aber ich war einfach nur neugierig. Ich wollte einfach nur eine Phantasie ausleben, verstehst du, und…"

Elizabeth schloss die Augen. Sie wollte nichts davon hören, es ekelte sie an. Allein die Erinnerung daran, wie sie in sein Zimmer trat und diese drei Frauen…

„Lass mich einfach zufrieden, George, okay? Du kannst deine Phantasien gerne ausleben, so oft und so lange du willst, aber bitte lass mich dabei aus dem Spiel."

„Süße! Bitte! Ich weiß, du bist sauer, aber ich bitte dich doch nur, noch einmal drüber nachzudenken. Ich werde die Mädels nie wiedersehen, ich schwöre! Bitte, Mäuschen, sag, dass du drüber nachdenkst." Elizabeth konnte gar nicht sagen, wie sehr sie das ankotzte. Auch diese inflationäre Überhäufung mit Kosenamen… bäh.

Wickham ließ sich nicht locker.

„Ich hab hier übrigens noch etwas von dir, zwei Haarklammern. Was meinst du, ich könnte doch grade bei dir vorbeikommen und sie dir bringen? Vielleicht…"

Elizabeth hatte die beiden Klammern schon vermisst, aber nicht so sehr, als dass sie deswegen George noch einmal wiedersehen musste. Die Dinger waren leicht zu ersetzen.

„Nein", unterbrach sie ihn. „Außerdem bin ich nicht zu Hause."

„Dann komm ich morgen. Nur auf einen kleinen Kaffee! Wir können reden und…"

„Ich bin nicht zu Hause."

Wickham schwieg einen Moment. „Bitte, Elizabeth. Es ist nur für fünf Minuten und…"

„Ich bin in Las Vegas, George." Wickham schluckte.

„Las Vegas? Doch nicht etwa mit Darcy?"

Elizabeth hatte ihm erzählt, dass Jane und Charles mit Richard und William nach Las Vegas fahren würden.

„Doch. William ist auch hier."

Am anderen Ende der Leitung ertönte plötzlich ein sehr gehässiges Kichern.

„Ah ja? Na dann ist es ja kein Wunder, dass du so herumzickst. Mit William „Superman" Darcy und seinem unerschöpflichen Reichtum kann ich natürlich nicht mithalten. Hast du schon die Beine für ihn breitgemacht? Natürlich, was für eine Frage. Er hat ja einiges mehr zu bieten, nicht wahr? Dafür kann man schon mal das Röckchen heben." Es lachte hässlich aus dem Telefon. „Nimm dich nur in acht, Miss Elizabeth, und denk an meine Worte! Er wird dich genauso eiskalt abservieren, wie er es schon mit tausend anderen gemacht hat, sobald er deiner überdrüssig ist. Und glaub mir, das geht schneller, als dir lieb ist! Darcy spielt in einer anderen Liga als Du, Süße. Du hast nichts zu bieten, was ihn auf Dauer halten könnte. Aber das wirst du auch noch merken."

Bevor Elizabeth irgendetwas sagen konnte, hatte er aufgelegt.