Kapitel 28

Ein Truck von außerhalb

Kelly starrte ihren Chilitopf an und probierte etwas davon. Sie überlegte gerade, ob sie noch etwas mehr Gewürz oder Kümmel hinzugeben sollte, als sie von Jennys Stimme erschreckt wurde. Sie blickte auf und sah sie mit einer Dose Cola in der Hand vor sich stehen. „Ich dachte, du hast bestimmt Durst.", sagte sie und hielt Kelly die Dose hin. „Schmeckt das Chili?"

„Ich glaube schon.", sagte Kelly. „Allerdings hab ich das Gefühl, dass ich mit meinem „Vegetarischen Chili mit zwei Sorten Bohnen" keine großen Chancen habe. Ich hab ganz verdrängt, dass wir in Texas sind, dem Land des Rindfleisches."

Jenny grinste. „Es gibt verschiedene Kategorien… Daddy hat mich gestern Abend gefragt, ob ich nicht Zertifikate entwerfen könnte. Vielleicht kann ich ihn überzeugen, die Kategorie des besten vegetarischen Chilis hinzuzunehmen. Dann hast du sicher eine Chance…"

„Weil ich die Einzige bin, oder?", lachte Kelly. „Was machen die für eins?", fragte sie und nickte hinüber zu Billy und Scott am Nachbartisch.

„Chili mit roten, schwarzen und weißen Bohnen sowie Würstchen. Sieht gut aus."

„Hört sich auch lecker an."

„Scott hat mir erzählt, dass er eigentlich etwas mit chinesischer Note machen wollte, aber in der chinesischen Küche hat man von Chili wohl noch nie etwas gehört. Deshalb ist er zu einer eher patriotischen Variante übergegangen…"

Kelly grinste. „Er ist süß. Und sie sind ein süßes Paar."

„Ja, das sind sie. Billy sieht echt glücklich aus. Scott ist etwas schüchterner."

"Ich vermute, dass das alles ein bisschen erschlagend für ihn ist... wenn man sein Coming Out auf einer großen Familienfeier hat und es nicht einmal die eigene Familie ist…"

„Ja und es hört sich nicht so an, als würde seine Familie in nächster Zeit etwas Ähnliches veranstalten."

„Du meinst, sie sind nicht sonderlich angetan von der Situation?"

„Das wollte ich sagen, genau."

„Manchmal vergesse ich, was wir für ein Glück haben… naja, abgesehen von deiner Mom natürlich…"

„Wo wir davon reden, Daddy hat heute Morgen mit ihr gesprochen und ich werde sie Morgen anrufen…"

Kelly hob eine Augenbraue. „Ehrlich?"

"Ja, ehrlich. Wir fahren wohl nach Riverton, Süße."

„Naja, das hatten wir ja auch so vor. Ich hab nur nicht gedacht, dass es wirklich so kommt."

„Ich bin nun mal fürchterlich optimistisch…"

Kelly lachte. „Ja, das ist mein Mädchen, immer sieht sie die Welt durch ihre roserote Brille." Sie starrte wieder ihr Chili an und ließ Jenny probieren. „Sag mir, was du denkst. Mehr Kümmel? Mehr Koriander?"

Jenny schmeckte es ab und sagte: "Ich finde, es ist perfekt, muss nur noch kochen. Los, ich stelle dich Billy und Scott vor. Vielleicht kannst du mal bei der Konkurrenz kosten…"

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Ebenso wie Kelly, hantierte auch Jack mit seinem Chili herum, schmeckte es ab und fragte sich, ob er noch etwas Gewürz hinzugeben sollte. Dann nahm ihm Ennis den Löffel aus der Hand. „Jetzt hör schon auf damit, Jack, du verdirbst es noch."

„Wann hab ich je Chili verdorben?"

„Noch nie, aber du hast auch noch nie so darin herumgematscht. Schmeiß die Zutaten rein und lass es kochen. Los, wir holen uns ein Bier."

Jack wischte sich die Hände an einem Handtuch ab und deckte den Topf halb zu. „Na gut, Cowboy. Hört sich gut an."

Sie wollten gerade gemeinsam losgehen, als Jack aufsah und einen weiteren Wagen bemerkte – dieses Mal einen großen schwarzen Truck – der in die Einfahrt einbog. „Herrje, was denn jetzt? Wir erwarten doch keinen mehr, oder?"

„Ich glaube nicht.", sagte Ennis. „Nur Bobby. Aber das ist nicht sein Truck."

"Ich weiß, Ennis, es war auch nicht sein Cadillac."

Sie gingen über das Gras und erreichten den Truck, als dieser gerade anhielt. Jack beugte sich in das offene Fenster und sah einen großen, bulligen Mann mit langem grauen Haar, das er zu einem Pferdeschwanz gebunden hatte, sowie einem Kopftuch. „Kann ich Ihnen helfen?", fragte er. Er hatte keine Ahnung, wer dieser Mann war.

„Sie müssen Jack sein.", begann der Mann, als er aus seinem Truck stieg. „Und Sie sind dann wohl Ennis." Er reichte Jack eine Hand, die dieser zögernd schüttelte.

„Bin ich.", sagte er. „Und wer sind Sie?"

"Ich bin Bad-Ass Bruce und das ist mein Partner Paul, der Chili King. Paul, komm raus, Mann!", rief er dem anderen Mann zu, der aus der Beifahrerseite stieg.

„Schön, Sie kennen zu lernen, Bruce.", sagte Jack. „Aber das hier ist eine Privatveranstaltung…"

„Wir hörten, dass hier ein Chili-Kochwettbewerb stattfindet und sind hergekommen, um das Ding zu gewinnen.", erklärte Bruce. „Der Chili King und ich, wir reisen jeden Sommer durch ganz Texas und setzen den Leuten das beste verdammte Chili des ganzen Staates vor…"

„Also, das ist ja alles sehr interessant, Bruce.", sagte Jack. „Aber wie gesagt, das ist eine Privatveranstaltung, kein öffentlicher Kochwettbewerb."

Bruce redete einfach weiter, als habe er Jacks Worte überhört. „Ich hörte, Sie sammeln auch Geld für den Hospizservice bei dieser kleinen Zusammenkunft."

Jack sah ihn nun ehrlich verwirrt an. Er war absolut nicht erbaut über diesen Störenfried, der mehr über die Party wusste, als er eigentlich sollte. „Ja, aber nicht offiziell. Wir haben den Leuten gesagt, dass sie was geben können, wenn sie wollen… aber das ist nicht verlangt."

„Und Sie und Ennis sammeln die Spenden?"

Jack nickte.

„Gut dann hier.", sagte Bruce, zog etwas aus seiner Hosentasche und reichte es Jack. „Vielleicht zeigt Ihnen das, wie ernst es uns ist. Wir wollen für Sie Chili kochen."

Jack besah sich das Papier, welches Bruce ihm gegeben hatte und erkannte, dass es sich um einen Scheck handelte. Er entfaltete ihn und sah, dass er über 1000$ auf den Hospizservice des Hardman County ausgestellt war.

Er hielt inne, dann merkte er, dass sein Ärger stieg. „Hören Sie, ich weiß nicht, für wen Sie sich halten, dass Sie hier einfach in eine Privatparty platzen und sich mit einer Scheißspende einkaufen wollen, aber Kumpel, ich muss Ihnen sagen, so läuft das nicht!"

Bruce sah ihn wenig beeindruckt an und wartete scheinbar darauf, dass sein Ärger verflog.

Ennis legte Jack eine Hand auf den Arm. „Ist schon gut, Jack."

Jack wandte sich, immer noch wütend, zu ihm um. „Was redest du denn da, Ennis? Weißt du, was hier läuft?"

Ennis nickte. „Ja, weiß ich. Schau dir den Scheck an, Jack, schau genau hin."

Jack sah sich erneut den Scheck an, dieses Mal aber achtete er auf Name und Adresse. „Bruce Roberts, Paul Prescott, 1832 Spruce Street, Austin, Texas…", las er mit leiser Stimme. „Austin? Sie sind den ganzen Weg von Austin hergekommen?"

Bruce nickte.

"Ennis, warum kommt mir diese Adresse so bekannt vor? Ich steh total auf dem Schlauch."

„Tom lebt in der Spruce Street. Tom Lawrence."

Jack ließ diese Informationen eine Weile auf sich wirken, dann dämmerte es ihm langsam. „Heilige Scheiße!", rief er aus. „Sie sind Toms Nachbar, Bruce, Bruce, der Kerl, von dem er dauernd redet!"

Bruce lachte. „Über mich redet er? Sicher nicht halb so viel, wie er über Sie beide redet."

„Ich muss sagen, Bruce, so hab ich mir Sie nicht vorgestellt. Sie sehen aus wie ein Biker.", grinste Ennis.

Bruce lachte dröhnend, so laut, dass man ihn quer über den Hof hören konnte. „Eigentlich bin ich Elektriker.", sagte er. „Aber wenn die Chili Saison vorbei ist, haben Paul und ich auch einige Bikes, die wir fahren können…

Jack hob eine Hand und hielt sie zwischen die beiden. „Also, ehe ihr zwei mir hier so gute Freunde werdet, muss ich erstmal wissen, Bruce, was zur Hölle Sie hier tun."

„Hab ich doch gesagt, Jack… Paul und ich wollen Ihnen unser preisgekröntes Chili kochen… vielleicht ein wenig Ihre Gastfreundschaft genießen, wenn wir Ihnen keine zu großen Partykiller sind… und dann, wenn wir fertig sind, fahren wir nach Lubbock und besuchen ein paar Freunde… wo wir dann nächstes Wochenende an deren jährlichen Wettbewerb teilnehmen."

„Okay… aber ich verstehe immer noch nicht, warum zum Teufel Sie zu einer Party mit einem Haufen Fremder kommen wollen… selbst wenn wir hier Chili kochen…"

„Es ist unsere Religion, Jack…", begann Bruce, doch Paul trat hinzu und unterbrach ihn.

„Mein Partner hier, so sehr ich ihn auch liebe, schießt manchmal etwas übers Ziel hinaus." Er grinste Jack und Ennis breit an. „Tom sagt schon seit Jahren, dass er es schön fände, wenn wir uns mal besuchen… da dachte er, wir könnten ja herkommen."

Ennis nickte. „Das hat er mir gegenüber auch schon erwähnt…"

"Und er wollte echt gerne dieses Jahr zu eurer Party kommen und fragen, ob er uns mitbringen kann, dann kam ihm aber diese andere Familiensache dazwischen..."

„Er hat angerufen, Jack.", sagte Ennis. „Deswegen wusste ich, wer die beiden sind."

„Okay, aber Tom ist doch gar nicht hier.", erwiderte Jack.

„Jetzt kommt der Teil mit dem Hospizservice ins Spiel.", unterbrach Bruce ihn. „Wir wollten schon absagen, als Tom erwähnte, dass Sie Geld dafür sammeln… und naja, Hospizservice liegt mir sehr am Herzen und da wusste ich, dass ich einfach herkommen musste."

„Kennen Sie denn jemand, der vom Hospizservice betreut wird?", fragte Jack.

Bruce nickte. „Meine ehemaliger Partner vor Paul. Durch den Hospizservice konnte er zu Hause sterben mit mir an seiner Seite."

„Ich hatte noch nie davon gehört, bis Hal gestorben ist.", sagte Ennis. „Es war wirklich etwas Besonderes." Er sah Jack an und schenkte ihm ein wissendes Lächeln, welches Jack auch erwiderte.

„Okay, versauen wir uns nicht die Stimmung, indem wir über Hospiz reden. Bruce, Paul, ich denke mal, sie haben Ihre Chilifertigkeiten schon unter Beweis gestellt… wenn Sie also wirklich eine Party mit einem Haufen Fremder feiern wollen, nun, dann sollten wir einen Tisch für Sie finden."

„Ich sag Ihnen was, Jack.", erwiderte Bruce. „Normalerweise bleiben die Leute nicht lange Fremde für mich."

Jack lachte. „Warum überrascht mich das nicht?", sagte er.

Paul ging zur Ladefläche des Trucks und holte einen großen Topf. „Ich hoffe, Ihre Regeln sind nicht allzu streng…"

Ennis sah ihn an. „Ich bin der Juror und ich mache die Regeln… bis jetzt haben wir noch keine, außer, dass es Chili sein muss. Sie können auch Bohnen rein tun, ich mag Bohnen nämlich."

Paul lachte. "Nun, gut zu wissen. Aber trotzdem wird es in unserem Chili keine Scheißbohnen geben. Bei echten Kochwettbewerbe, den wirklich ernsthaften meine ich, darf man vorher nichts vorbereiten, aber ich hab schon zu Hause angefangen… es muss eine Weile köcheln und ich wusste, dass wir zu spät kommen würden. Wann findet denn die Bewertung statt?"

Ennis hob die Schultern und sah auf seine Uhr. „Ach, ich weiß nicht. Vielleicht in einer Stunde. Halb fünf?"

Jack sah ihn an. "Ja, hört sich gut an. Dann haben die Leute sicher Hunger." Er wandte sich an Bruce. „Wenn Sie ein Profi sind, dann haben Sie doch sicher Ihre eigene Ausrüstung dabei."

„Aber sicher. Hier im Truck."

"Na, dann holen wir Ihr Zeug und ich stelle Sie überall vor. Wir haben viele Gäste, Familie und Freunde…"

Sie überquerten die Wiese und fanden einen freien Platz zwischen Cecilia und Lureen, die beide an ihre Tische zurückgekehrt waren und eifrig kochten. „Und Sie machen wirklich preisgekröntes Chili?", fragte Ennis.

Paul nickte. „Na klar. Dieses hier hat letzten November in Terlingua den ersten Platz geholt. Dieses Jahr hab ich's noch optimiert."

„Ich war noch nie bei einem echten Kochwettbewerb.", sagte Ennis. „Wir wollten auf der Party nur etwas Abwechslung reinbringen…"

„Und das war eine gute Idee. So kochen Ihre Gäste das Essen und haben auch noch Spaß dabei."

Ennis grinste. „Ja, das stimmt wohl." Er wies in eine Richtung. "Da ist das Buffett... soll ich Ihnen ein Bier holen?"

Bruce lachte. „Wir sind schon groß, Sie müssen uns nicht bedienen. Los, haben Sie nicht Gäste, mit denen Sie sich unterhalten können? Der King und ich müssen mit unserem Chili anfangen…"

„Eigentlich sollte ich auch mal nach meinem Chili sehen.", sagte Jack. „Kommst du mit, En?"

„Klar… Bruce, Paul, fühlen Sie sich wie Zuhause. Ich komme später wieder."

Als sie fort gingen, wandte sich Jack an Ennis. „Ich weiß nicht, ob ich böse sein soll oder nicht. Es ist etwas seltsam, dass sie einfach so in die Party platzen… aber sie scheinen in Ordnung zu sein."

„Ach, Jack, reg dich nicht auf."

„Und du wusstest davon? Warum hast du nichts gesagt?"

Ennis zuckte die Achseln. "Hätte ich fast ein paar Mal, aber Tom und Bruce wollten, dass es eine Überraschung wird..."

„Hmmph. Vielleicht mag ich keine Überraschungen."

Ennis kicherte. "Ich hab die Sache mit den Ballons, der Torte und dem peinlichen Gedicht überlebt, da kannst du auch Bad-Ass Bruce und den Chili King aushalten."

„Ich denke schon… aber ich hoffe, das war's dann für heute mit Überraschungen."

„Ja, ich auch.", sagte Ennis. „Aber du weißt ja, alle guten Dinge sind drei…"

Jack sah ihn scharf an. „Weißt du da vielleicht etwas, was ich nicht weiß?"

Ennis schüttelte den Kopf. „Ehrlich nicht, Jack… ich sag ja nur..."

Jack nahm seinen Löffel und rührte sein Chili, dann zwinkerte er Ennis zu. „Vielleicht besteht die letzte Überraschung des Tages ja darin, dass mein grandioses Chili den ersten Platz holt."

Ennis lachte. „Vielleicht hast du Recht, Jack… vielleicht hast du Recht."