Disclaimer und A/N: Siehe erstes Kapitel.


Offenbarungen

Von Thea Potter

Kapitel 28

Hermine verbrachte eine quälend unruhige Nacht. Sie war übermüdet und gleichzeitig kribbelte ihr ganzer Körper vor Nervosität; so war kein tiefer, erholsamer Schlaf möglich. Unzählige Male schlief sie ein – und wachte ebenso oft wieder auf, zappelig und angespannt. Mitten in der Nacht lag sie schließlich da und heulte ins Kissen, einfach aus Wut, weil sie nicht richtig schlafen konnte.

Ab fünf Uhr morgens war es mit dem Schlaf endgültig vorbei. Trotzdem blieb Hermine noch stundenlang liegen und hörte mit geschlossenen Augen zu, wie ihre Mitschülerinnen den Schlafsaal verließen. Und dann gab es tatsächlich noch einmal ein paar Minuten der Ruhe. Fast wäre sie noch einmal eingeschlafen, wäre da nicht erneut dieser Gedanke in sie hineingekrochen, der sie schon die ganze Nacht quälte wie ein Virus.

Er ist so voller Wut auf mich. Er wird mir nie verzeihen ... niemals. Ich habe es mir mit ihm verscherzt, und zwar für immer.

Schließlich kapitulierte sie und stand auf, bereute diese Entscheidung aber sofort. Im Bett war die Existenz ohne Zauberstab gerade noch erträglich, aber kaum hatte sie die Füße auf dem Boden, kam sie sich schon wieder so ... amputiert vor. Das würde ein großartiges Wochenende werden, ganz toll. Es fing schon damit an, dass sie keinen Zauber für ihre Haare verwenden konnte.

Während sie sich auf dem Weg zum Badezimmer die Haare zu einem schiefen Turm zusammen band, wurde sie von den Erinnerungen an die letzten Tage regelrecht überrannt. Es waren Erinnerungen an eine alte Frau und an das Geräusch, das ein Zauberstab macht, wenn er in zwei Teile gebrochen wird, Erinnerungen an wutentbrannte Blicke aus schwarzen Augen und an Hände in ihren Haaren ... Finger an ihrem Mund und an noch empfindlicheren Stellen ihres Körpers ... und warme Lippen und ...

Hör auf damit!

Ah, wie sollte sie es nur anstellen, das alles zu vergessen? Sie konnte es immer noch nicht fassen, was da geschehen war. Sie strich über ihre Haare und ihren Hals und erinnerte sich an den unglaublichen Duft seiner Haut, an die Intimität seiner Berührungen ... Sie spürte, wie ihr Körper in Aufruhr geriet – die Erinnerung allein genügte, um Hermine in einen Zustand der Erregung zu versetzen. Sie war keine Jungfrau mehr, aber das, was im Krankenzimmer geschehen war, übertraf an Intensität bereits alles, was sie bisher erlebt hatte.

Das ist nicht erlaubt. Das ist sowas von verboten. Er würde von der Schule fliegen, wenn das rauskäme.

Irritiert stellte sie fest, dass sie diesen Gedanken ziemlich ... anregend fand. Und wenn sie diesen Gedanken weiter sponn, setzte ihre Phantasie Bilder frei, die sie ins Schwitzen brachten – Bilder von ihr und Severus Snape, die sich in einer Nische irgendwo in einem der weiten Flure von Hogwarts aneinander schmiegten, aneinander rieben; der Tränkemeister, der seine Schülerin nach der Stunde zurückhielt, die Tür des Klassenzimmers versiegelte und eine Hand unter ihren Rock schob und ---

Oh mein Gott.

Ja, sie wollte ... sie wollte dieses Gefühl wieder haben. Seine Nähe wieder spüren. Mehr davon. Und selbst wenn sie niemals zusammen sein würden, wollte Hermine doch zumindest diese eine Erfahrung nicht vergessen. Sie wollte sich in dieses Gefühl hineinsinken lassen, sich ins Bett verkriechen und sich erinnern, die Hitze und die Lust spüren, sich selbst berühren, wenn schon er sie nicht mehr berührte ...

Aber sie verbot es sich, schnitt die Gefühle ab und versuchte erneut, die betreffenden Erinnerungen weit von sich zu schieben.

Vergiss nicht, das alles hätte gar nicht passieren dürfen. Und er wird das nie wieder tun, nie wieder. Du mussst endlich aufhören, daran zu denken.

Der Blick in den Spiegel brachte sie in die doch eher unangenehme Wirklichkeit zurück, denn ihre Augen waren verquollen und verklebt. Und sie hatte Gedanken, die sie nicht haben durfte, also hatte sie gleich zwei Probleme auf einmal. Da half nur das berüchtigte Wechselduschen. Heiß, kalt, heiß, kalt. Sie hielt es lange durch, weil sie das Gefühl hatte, dass dies eine angemessene Strafe für sie sein könnte.

Als sie eine halbe Stunde später das Bad verließ, sah sie zwar annehmbar aus, und alle Lustgefühle waren zumindest vorübergehend von ihr abgespült worden – aber dafür hatte sie noch schlechtere Laune als vorher. Sie hasste Wechselduschen.

Mit ihrer miserablen Laune im Gepäck schlurfte Hermine in die Große Halle; am Tisch der Gryffindors suchte sie sich einen Platz, der möglichst weit von allen anderen entfernt war. Sie fragte sich, warum zur Hölle jeder Mensch auf dieser Schule dazu gezwungen war, seine Mahlzeiten in Gemeinschaft mit anderen zu sich zu nehmen. Welcher Idiot hatte sich das ausgedacht? Der bloße Gedanke, sich mit irgendwem zu unterhalten, ließ ihre Haut kräuseln. Ihre Stimmung war so mies, dass ihr kaum bewusst wurde, was sie aß und trank; man hätte ihr Elfenaugensuppe vorsetzen können, und sie hätte es nicht einmal bemerkt.

Die Große Halle war der einzige Raum in ganz Hogwarts, in dem alle Anwesenden der Schule zusammentrafen. Dementsprechend assoziierte Hermine unweigerlich den Raum mit allen Personen, mit denen sie noch Rechnungen offen hatte. Harry, Neville, Malfoy ... Snape. Wenn Hermine sich auch nur vorstellte, ihm jetzt zu begegnen, schien sich ihr Magen um ein paar Grad zu drehen.

Aber als sie schließlich zum Lehrertisch hinübersah, stellte sie fest, dass Snapes Platz am Lehrertisch leer war. Ihr Magen rumorte weiter, aber sie beschloss, seine Abwesenheit nicht bedenklich zu finden. Der Mann hatte schließlich einen ziemlich beschissenen Tag hinter sich.

Und du hast ihm das eingebrockt, Süße.

Sie hörte an dieser Stelle lieber auf, darüber weiter nachzudenken.

Neben ihr nahm jemand mit solchem Schwung Platz, dass die Holzbank ächzte.

„Harry, meine Güte", murmelte Hermine. „Die Bänke sind für solche Belastung nicht gemacht."

Harry saß neben ihr, die Hände unter seinem Umhang verborgen, und lächelte.

„Ebenfalls einen guten Morgen. Störe ich?"

Hermine schüttelte den Kopf. „Wobei denn? Im Gegensatz zu Ron kann ich essen und reden gleichzeitig, weißt du."

Sie bemerkte, wie missmutig sie klang, aber sie konnte in ihrer augenblicklichen Verfassung nichts dagegen tun. Mit einem unguten Gefühl bemerkte sie, dass es ihr gelungen war, Harrys Lächeln aus seinem Gesicht zu wischen.

„Huh", sagte er. „Da hat aber jemand gute Laune."

Vielleicht solltest du ihm wenigstens sagen, dass es dir nicht gut geht.

Sie warf ihm nur einen düsteren Blick zu, hob die Schultern und wandte sich wieder ihrem Essen zu.

Harry seufzte resigniert und begann ebenfalls zu essen. Während der nächsten Minuten sprach er sie nicht mehr an und machte ein betont unbeteiligtes Gesicht. Er versuchte offensichtlich einen Streit zu vermeiden. Aber seine bloße Gegenwart machte Hermine wütend; sie wusste nicht warum, aber etwas in ihr war angriffsbereit und wollte ein wenig von dem Ärger loswerden, der in ihr steckte. Also fixierte sie Harry und ging sie zum Angriff über - einfach so, weil niemand anders da war, mit dem sie streiten konnte.

„Ich hatte gestern ein Gespräch mit Draco Malfoy", sagte sie gepresst. „Es war ziemlich mysteriös. Voller Anspielungen und so ... Dein Name ist dabei auch gefallen." Harrys Augen wurden größer, wie sie mit grimmigem Vergnügen feststellte. „Das Gespräch war wirklich ... überhaupt nicht aufschlussreich", sprach sie weiter. Sie schluckte ihren Bissen Brot hinunter und drehte sich zu ihm hin. „Hast du eine Idee, worum es in dem Gespräch ging?" fragte sie süßlich. „Ich selber bin mir nämlich nicht so sicher."

Harry starrte sie an, ohne etwas zu sagen, und senkte dann den Blick. Sie kannte das schon von ihm; er reagierte einfach nicht auf das, was sie sagte, und hoffte offenbar, dass sich das Problem dadurch einfach in Luft auflöste. Sie hatte Lust ihm den Hals umzudrehen, wenn er das tat, und er tat es oft. Viel zu oft.

„Harry, verdammt", sagte sie gereizt. „Sieh mich an, wenn ich mit dir rede!"

Er seufzte und sah sie direkt an, ohne etwas zu sagen. Er sah ein bisschen unglücklich aus, fand sie, aber das war ihr egal. Sie hatte ein Recht auf Antworten.

Aber anstatt endlich mit ihr zu reden, ging sein Blick nun schon wieder an ihr vorbei. Hermines Stirnfalte vertiefte sich, und sie wollte ihm gerade die Leviten lesen, aber als sie seinen Blick verfolgte, fiel ihr nichts mehr ein. Harrys Blick war auf ... verdammt, er war auf den Slytherintisch gerichtet.

Auf Malfoy, genau genommen. Der saß dort drüben und sah unverhohlen zu ihnen herüber. Als Hermine ihn ansah, grinste er und hob in seiner siegesgewissen, spöttischen Art beide Augenbrauen.

Sie hasste es, wenn er das tat! Und jetzt stand Malfoy auch noch auf, ohne den Blickkontakt abzubrechen. Sie befürchtete, er würde herüberkommen – und vielleicht hoffte sie es auch, dann würde sich womöglich endlich klären, was hier los war.

Aber er kam nicht herüber, und es klärte sich gar nichts. Malfoy lief langsam die Tischreihen entlang, ging an ihnen vorbei, sah die beiden direkt an, zwinkerte - schaute weg und war vorbei gegangen.

Hermine widerstand dem Drang, sich umzudrehen und zu sehen, ob Crabbe oder Goyle unmittelbar hinter ihr saßen. Nein, sie war mit Harry allein hier, aber ... das konnte nicht sein. Sie musste sich verguckt haben. Malfoy hatte unmöglich ihr oder Harry zugezwinkert, das eine war so absurd wie das andere. Überhaupt: Ein Malfoy zwinkerte nicht. Oder vielleicht doch?

„Harry", sagte sie gedehnt und spürte, wie die Wut in ihr hochkochte. „Was war das gerade? Sag mal, macht ihr euch über mich lustig?"

„Was? Wieso?", murmelte Harry und wurde tatsächlich ein wenig rot; Hermine konnte es nicht fassen. „Das ist, ich meine, es hat nichts ..."

Wag! Es! Nicht!", fauchte Hermine. „Versuch nicht mir einzureden, dass ich mir das eben eingebildet habe! Malfoy hat uns gerade zugezwinkert! Oder vielmehr dir, nehme ich an! Ist das etwa normal?"

„Naja, es ...", Er brach ab und begann noch einmal. „Ich würde nicht sagen, dass ..."

Hermines ohnehin hauchdünner Geduldsfaden riss.

Hör auf zu stottern, Harry! Komm zum Punkt oder lass es bleiben, ich bin ja inzwischen daran gewöhnt, dass du mir nichts erzählst! Ich meine ... ach verdammt! Dieses Gespräch mit Malfoy gestern, das war ... Er hat so getan, als wisse er etwas von dir, was ich nicht weiß! Ich habe kein Wort von seinen Andeutungen verstanden, aber das macht ja nichts." Ihre Stimme wurde lauter. „Im Gegenteil, ich finde es toll, wenn ich vor Malfoy wie eine Idiotin dastehe, die keine Ahnung hat, was bei ihren besten Freunden abgeht! Das ist super, echt!"

Auf Harrys Gesicht zeichnete sich eine Mischung aus Ärger und schlechtem Gewissen ab. Der Ärger gewann.

„Mann, Hermine, du tust gerade so, als ob ich das mit Absicht gemacht hätte! Es ist –"

„Ich weiß ja nicht mal", fiel sie ihm erneut ins Wort, „WAS du mit Absicht oder nicht mit Absicht machst! Ich weiß gar nichts! Ich kenne dich überhaupt nicht mehr!"

Ein Teil von ihr spürte, dass das jetzt nicht richtig war, dass sie sich selbstgerecht verhielt, aber sie war nicht fähig sich selbst zu stoppen.

„Ich meine, du verschanzt dich mit Neville, um weiß-ich-was zu tun, und du hältst es natürlich nicht für notwendig, mit mir darüber zu reden! Und dann hast du noch irgendwas mit Malfoy laufen!"

„Ich habe nichts mit ihm laufen!", erwiderte Harry hitzig. „Und du solltest deinen Mund lieber nicht so weit aufreißen, von dir ist doch seit Wochen nichts mehr zu sehen und zu hören! Ron hat schon den Verdacht, dass du irgendeinen Liebhaber hast!"

Wie bitte!" Hermine spürte, wie ihre Wangen sich verfärbten. „Was soll das heißen, IRGENDEINEN LIEBHABER? Redet ihr jetzt auch schon hinter meinem Rücken über mich? IST DAS JETZT DER NEUE STIL UNTER FREUNDEN, ODER WAS?"

Harry sprang auf und hob abwehrend die Hände. „Okay, Hermine, vergiss es. Ich wollte sowieso gerade gehen."

„JA TOLL, DANN GEH DOCH!", schrie sie ihm hinterher. „DU HAUST DOCH EH IMMER AB, SOBALD ES MAL STREIT GIBT!"

Sie spürte, wie ihre Augen feucht wurden. Glücklicherweise entfernte Harry sich schnell; Hermine hatte Worte auf der Zunge, die er ihr wirklich übel genommen hätte.

Zitternd vor Wut blieb sie am Tisch sitzen und wischte sich über die Augen. Als sie in ihrem Umhang nach einem Taschentuch suchte, fanden ihre Finger einen glatten, harten Gegenstand.

Der Stein.

Sie holte tief Luft, holte den Stein, den Madam Malfoy ihr gegeben hatte, aus der Tasche und hielt ihn gegen die Kerze vor ihr. Das Kerzenlicht ließ den blaugrünen Stein leuchten wie das Meer in der Karibik; Hermine seufzte leise und nahm den Stein fest in die Hand. Eine unerwartete Ruhe durchströmte sie, die mit jedem Atemzug zunahm; die Wut ließ nach und begann einem intensiven Gefühl von Traurigkeit Platz zu machen. In ihrer Brust wurde es unangenehm eng; sie schluckte und drehte den Kopf Richtung Ausgang, aber Harry hatte die Große Halle bereits verlassen.

Noch jemand, bei dem ich mich entschuldigen muss.

Schweren Herzens stand sie auf und lief aus der Halle; in der Hoffnung, Harry doch noch irgendwo zu entdecken, verließ sie das Schloss und suchte im Schnee nach Fußspuren, die sich weit vom Gebäude entfernten. Sie wusste, dass Harry nach Streitereien gern einen längeren Fußmarsch machte, um wieder einen klaren Kopf zu bekommen. Da war er ihr ganz ähnlich.

Das Spurensuchen im Schnee erwies sich als ganz unterhaltsam. Hermine konnte ein wenig Ablenkung gut gebrauchen; es war kein Zauberstab dafür erforderlich, und es war eine Herausforderung, all die verschiedenen Schuhabdrücke im Hof und weiter weg auseinander zu halten. Große Schuhe, kleine Schuhe; zierliche Absätze und klobige Treter. Die meisten bewegten sich mehr oder minder im Kreis, wenige führten aus dem Eingangsbereich heraus.

Na toll. Wenn Professor McGonagall mich das nächste Mal fragt, was ich nach der Schule vorhabe, werde ich sagen, dass ich Spurenleserin werden will.

Sie fand zwei Spuren, die sich in Richtung der Gewächshäuser entfernten. Eine Weile verfolgte Hermine diese Spuren, wobei sie nicht sicher war, ob sie hoffte oder befürchtete, dass die Spuren sie zu Harry und Draco Malfoy führten. Dann aber kam aus einem weiteren Ausgang des Schlosses eine weitere Spur, die sich zu den anderen beiden gesellte, und Hermine brach ihre Verfolgung ab.

Harry und Malfoy. Was für ein Witz. Ich halluziniere doch sowieso. Er ist sicher allein hinaus gegangen.

Nach einer Weile fand sie tatsächlich ein einzelnes Paar mittelgroße Schuhabdrücke, die geradewegs Richtung See führten. Da war er längs gelaufen! Während sie der frischen Spur folgte, begann sie zu bibbern und wickelte sich so eng wie möglich in ihren Umhang; sie spürte, dass sie dadurch das Pergament in ihrer Tasche heillos zerknitterte, aber das war im Augenblick nachrangig. Ihr war bitterkalt. Ihre Winterkleidung lag warm und trocken im Schlafraum, aber sie war jetzt nicht bereit umzukehren – sie wusste schon kaum noch, wo sie war und bezweifelte, dass sie diese Spur wiederfinden würde.

Harry hatte offenbar einen ziemlichen Vorsprung, und Hermine lief schneller, um ihn einzuholen. Der tiefe Schnee machte das Gehen immer mühsamer – aber seltsamerweise waren Harrys Fußspuren nach wie vor nicht sehr tief, nicht einmal bei Schneeverwehungen. Offenbar hatte Harry in letzter Zeit ein paar neue brauchbare Zauber gelernt.

Ein leichter Schneefall setzte ein, und sie zog sich ihre leichte Umhangkapuze über den Kopf. Aber nach einer Weile gab sie dem vertrauten Impuls nach, blieb stehen und sah nach oben, um die Schneeflocken aus der Froschperspektive fallen zu sehen. Sie spürte die Kälte nicht und auch nicht die Nässe an ihren Beinen und ihren Füßen. Sie liebte diesen Anblick des fallenden Schnees. Das und der Stein in ihrer Umhangtasche vermittelten ihr eine unverhoffte Zuversicht; es war, als fiele eine schwere Last von ihr. Sie atmete tief durch und setzte ihren Weg fort.

Es waren nur noch ein paar Schritte. Dann konnte Hermine hinter einer Baumgruppe nahe am See etwas erkennen. Einen dunklen Umhang. Sie war äußerst erleichtert; sie würde Harry sofort am Schlawittchen packen und mit ihm ins Schloss zurückkehren, denn jetzt bemerkte sie, dass sie inzwischen ernsthaft fror. Sie lief wieder schneller, was sich aber als echte Herausforderung herausstellte, denn an dieser Stelle lag der Schnee so hoch, dass sie fast bis zur Hüfte darin versank. Fast ärgerlich stellte sie fest, dass die Fußspuren neben ihr den Schnee nach wie vor nur ganz leicht eingedrückt hatten.

„Hey", rief sie, als sie sah, dass der Umhang sich bewegte. „Ich bin's, bitte entschuldige, ich war vorhin -"

Sie umrundete den letzten Baum und der Mann, den sie verfolgt hatte, wandte sich ihr zu und sah sie an.

Und natürlich war es nicht Harry.

Es war Snape.

Hermines Herz machte einen fast schmerzhaften Sprung. Unwillkürlich trat sie in dem tiefen Schnee einen Schritt zurück. Ihr Kopf fühlte sich seltsam leer an; sie konnte es nicht fassen, dass sie in dieser weitläufigen Winterlandschaft jetzt ausgerechnet auf Snape treffen musste. Sein bloßer Anblick verursachte Aufruhr in ihrem Innern. Er wirkte blass und müde, und sein Gesicht zeigte nur den Hauch einer Irritation über ihre Worte und ihr plötzliches Auftauchen; dann verschloss er sich wieder und sah sie ohne eine sichtbare Gefühlsregung an. Erst in diesem Moment war sie sicher, dass die Wirkungszeit des Emotionstranks vorüber war, und die Erkenntnis ließ sie beinahe auf die Knie sinken vor Erleichterung.

Er stand in einer tiefen Mulde, die offenbar mittels eines Wärmezaubers in den Schnee hinein gegraben worden war, und schien völlig trocken zu sein. Er trug schwarze fingerlose Handschuhe und umfasste etwas mit beiden Händen – es war ein dunkelgrüner Becher mit heißer Flüssigkeit, Hermine sah den Dampf in der kalten Luft.

Mit heftig klopfendem Herzen stand sie vor ihm und erwartete, dass er zum verbalen Angriff überging. Aber er sah sie einfach nur an. Es war, als sei diese ganze Situation völlig normal, als seien sie hier verabredet gewesen, um gemeinsam die Aussicht auf die riesige mit Schnee bedeckte Eisfläche zu genießen. Es war irreal, aber es war auch wunderschön, viel mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte. Zu gern hätte sie die Gunst des Augenblicks genutzt und etwas Versöhnliches gesagt, aber ihre Stimme streikte und ihr Verstand sowieso. Also blieb ihr nichts übrig als zu warten, bis er irgendetwas sagte.

Irgendjemand muss schließlich den ersten Zug tun. Den ersten Zug nach dieser langen Reihe von Katastrophen, die wir beide verursacht haben.

Schließlich bewegte sich in seinem ruhigen Gesicht eine Augenbraue nach oben.

„Ich nehme an", begann er langsam, „dass ich nicht derjenige bin, den Sie gesucht haben."

Sein zögerlicher, distanzierter Tonfall irritierte sie; sie wartete immer noch auf eine scharfe Zurechtweisung und den Befehl, kehrtzumachen und sie allein zu lassen. Aber offenbar hatte er nichts dergleichen vor.

Sie schüttelte den Kopf. „Nein, Sir. Ich ... ich habe eigentlich ..."

Er winkte ab. „Seien Sie still. Details bezüglich Ihrer ... zwischenmenschlichen Kontakte interessieren mich nicht besonders, Miss Granger."

Zwischenmenschliche Kontakte. Bei ihm hört sich an wie etwas ganz Widerwärtiges.

Sie wandte sich ab, um ihm nicht die Gelegenheit zu geben, ihr gekränktes Gesicht zu sehen. Also doch. Das war ja klar gewesen. Diese Gespräche zwischen ihnen liefen immer gleich ab, dachte sie. Und es würde nie anders sein, niemals. Der Mann konnte gar nicht anders, als seinen Mitmenschen das Gefühl zu geben, zertretene Zaubertrankzutaten unter seinen Schuhen zu sein. Zumindest gab er ihr dieses Gefühl, und sie spürte in diesem Moment so deutlich wie nie zuvor, dass sie damit niemals zurecht kommen würde.

Und sie wollte es auch gar nicht.

Neben ihr war eine Bewegung. Snape war näher gekommen – und die Mulde um ihn herum hatte sich deutlich vergrößert; Hermine stand jetzt ebenfalls darin, und der schmelzende Schnee tropfte von ihrem Umhang auf den nassen Boden und auf ihre Schuhe.

Er musterte sie von oben bis unten, ohne eine Miene zu verziehen. Hermine wurde unter seinem Blick feuerrot; sie konnte sich allzu gut vorstellen, was für ein klägliches Bild sie abgab.

„Ich dachte immer", murmelte er schließlich, „dass gescheite Menschen wissen, wie man sich gegen Erkältungen zu schützen hat."

Ja, du Scherzkeks, wenn sie ihre Zauberstäbe gerade griffbereit haben!

Er strich seine schwarzen Haare zurück, bückte sich und stellte seinen Becher auf dem Boden ab. Als er wieder neben ihr stand, kam seine Hand näher. Sie erschrak, aber ehe sie es sich versah, hatte er er ihr schon die Kapuze nach hinten gezogen, so dass ihre feuchten Haare in der Kälte offen lagen. Sie wollte protestieren, aber Snape sah sie gar nicht mehr an; er holte seinen Zauberstab hervor und murmelte irgendetwas Unverständliches.

Und dann war da Wärme. Wärme an ihrem Kopf, an ihren Beinen, in ihren Schuhen, an ihrem Rücken; überall. Es fühlte sich an, als halte jemand einen überdimensionalen, äußerst leistungsfähigen Fön über sie. Unwillkürlich schloss Hermine die Augen, und ein heftiger Schauer durchlief sie.

Im Nu waren ihre Kleidung und Haare trocken. Dann stieß Metall gegen ihre Hand. Snape schob ihr wortlos seinen Becher zu, und seine schlanken Hände vollführten die für ihn so typische gebieterische Bewegung, die sie anwies zu trinken. Nur langsam begriff sie, dass er tatsächlich weder Spott noch Wut über sie auskippen würde. Sie hielt die Nase über den dunkelgrünen Becher, sog frischen Kaffeegeruch ein und nahm einen großen Schluck. Es war schwarzer Kaffee, frisch und ungesüßt und voller Aroma. Noch mehr Wärme durchströmte sie und kräuselte erneut ihre Haut; in diesem Moment war sie dem Mann neben sich so dankbar, dass sie sich ihm am liebsten an den Hals geschmissen hätte.

Sie nahm einen weiteren Schluck. Warum musste sie nur immer eine solche emotionale Achterbahnfahrt erleiden, wenn Snape in ihrer Nähe war? Sie wagte einen kurzen Seitenblick – und konnte gerade noch seinen Blick erhaschen. Es war ein ganz und gar nicht unbeteiligter Blick, der auf ihr ruhte und sie mehr wärmte als alles zuvor. Einen Augenblick lang sah sie in seine schwarzen Augen; dann wandte Snape sich abrupt ab.

Die Beiläufigkeit, mit der er anschließend Schnee von seinem Umhang klopfte, wirkte ein wenig bemüht. Und es half sowieso nichts; okay, es war sehr kurz gewesen, aber Hermine wusste, was sie gesehen hatte. Sie wandte sich wieder dem Becher in ihren Händen zu und lächelte mit klopfendem Herzen in sich hinein.

Es ist nicht alles verloren.

Das war nicht nur ein Gedanke. Es war eine Erkenntnis. Und allein diese Erkenntnis hätte vermutlich schon gereicht, um den Schnee im Umkreis von zehn Metern um sie herum zum Schmelzen zu bringen.

t.b.c.

oOoOo

Malina: Hachje, wie süß. °seufz° Aber der Schluss ist ein bisschen kitschig geworden, meinst du nicht?

Thea: Du bist ja bloß neidisch. Außerdem, worüber beschwerst du dich? Hermine ist ein Teenager, die denken nun mal sowas.

Malina: Na Hauptsache, Snape wird jetzt nicht lieb und schenkt ihr Rosen.

Thea: Snape? Lieb? Rosen? Sag mal, hast du was genommen?

Malina: °Schneeball form° Pass bloß auf!