Zaubererbruder
Die Mühle liegt still im Abendrot. Die erste Neumondnacht nach Ostern bricht an. In der Meisterstube sitzen Krabat und Juro am Bett ihres Meisters. Sie sprechen nicht, sondern halten sich an den Händen und nehmen einen stillen Abschied voneinander. Die letzten Stunden haben sie im Gespräch miteinander verbracht. Juro und Krabat haben schließlich erfahren, wer das letzte Kapitel im Koraktor verfasst hat: Der Müller selbst. Es sind Sprüche, die damals von Jirko zusammengetragen worden waren, aus reiner Neugier. Der Müller hat sie bewahrt, als Andenken an seinen Freund zunächst, doch bald ist ihre Anwendung für ihn zur Notwendigkeit geworden. Eine Notwendigkeit, die ihm letztendlich mehr Schaden als Nutzen eingetragen hat.
Der Meister hat Krabat die Mühle vermacht, mitsamt dem Koraktor und dem Land, auf dem sie steht. Juro hat ein Erbe ausgeschlagen, er will zurück in die Heimat gehen und sehen, was von seiner Familie noch übrig ist. Alles weitere wird sich zeigen.
Sie warten darauf, dass sich die Nacht endgültig über den Koselbruch legt und das Fuhrwerk des Gevatters zum letzten Mal auf den Mühlenhof fährt. Krabat spürt, wie der Meister mit jeder Minute, die vorüberstreicht, unruhiger wird. Er legt ihm beruhigend eine Hand auf die Schulter, ein Lächeln wärmt seine Züge.
"Komm, Freund", sagt er leise und sanft. "Lass uns hinausgehen und auf die Nacht warten."
Der Müller sieht ihn nur mit seinem undeutbaren Blick an, nickt aber nur stumm und steht auf, um sich anzuziehen.
Er tut es mit Bedacht, lässt sich von Krabat beim Anlegen der Kleidungsstücke helfen. Als er die Knöpfe des Rockes schließt, hält er plötzlich inne und blickt für einen Moment sinnend in die Ferne. Als er schließlich spricht, ist seine Stimme ganz weich und wehmütig.
"Dieses Leben wäre vergeudet gewesen, hätte ich es nicht genauso gelebt, wie ich es getan habe. Es ist gut, wie es ist."
"Ja, das ist es. Das ist es in der Tat", antwortet Krabat. "Und jetzt komm, lass die Nacht nicht auf dich warten." Er lacht und hält dem Meister die Hand hin. Der ergreift sie lächelnd und gemeinsam, Hand in Hand, treten sie hinaus auf den Hausflur, wo Juro auf sie wartet.
"Meister", hebt er an. "Meister, hier trennen sich unsere Wege. Ich werde dich jetzt verlassen."
"Ist gut, Juro. Ich danke dir von Herzen für alles, was du für mich getan hast. Nimm den Segen eines alten Mannes und mach daraus das Beste, zu dem du fähig bist. Mehr als meinen Glauben an deine Fähigkeiten vermag ich dir nicht auf den Weg zu geben."
"Danke, Meister. Das weiß ich zu schätzen." Und nun macht er einen Schritt nach vorne, fasst den Kopf des Müllers mit den Händen und küsst ihn auf die Stirn. "Komm gut nach Hause."
Mit einem letzten, schalkhaften Blitzen in den Augen wendet er sich um und geht davon. Der Müller sieht ihm noch nach, als er schon lange unter dem Türsturz verschwunden ist. Krabat weiß, ohne ihn anzusehen, dass Juro ihn tief genug berührt hat, um ihm von Neuem die Tränen in die Augen zu treiben. Ja, wenn es auf dieser Teufelsmühle je auch nur einen Menschen gegeben haben sollte, der den Mann hinter der Maske des Schwarzen Müllers wirklich gemocht und verstanden hat, dann muss es Juro gewesen sein.
Krabat drückt die Hand des Müllers noch einmal, dann geht er hinaus auf den Mühlenhof. Er will dem Meister Zeit geben, sich von seinem Heim zu verabschieden. Auf dem Hof umfängt ihn das kühle Dämmerlicht eines Frühlingsabends. Die Luft ist würzig und lau, friedlich liegt das Land da, während am allmählich dunkler werdenden Firmament die Sterne erscheinen. Von fern ist das Plätschern des Baches zu hören. Lange wird es nicht mehr dauern.
Hinter ihm ertönen die Schritte des Müllers auf dem Kies. Er bleibt neben Krabat stehen. Wortlos, reglos nebeneinander auf dem Hofe stehend sehen sie zu, wie sich der schwarze Schleier der Nacht tiefer über den Koselbruch senkt. Schließlich ist es nur noch das bleiche Licht der Sterne, das den Mühlenhof erhellt. Es wird kalt, doch sie frieren nicht. Die Kälte kann ihnen in dieser Nacht nichts anhaben.
"Wo auch immer ich jetzt hingehen mag", sagt der Meister leise in die Stille hinein. "Wenn du mich brauchst, bin ich hier."
Krabat nickt nur. "Ich werde dessen gedenken."
Der Meister fasst Krabats Hand und ohne ihn anzusehen sagt er: "Du hast das Zeug zu einem wahrhaft weisen Mann. Was du hier gelernt und getan hast, hat das bewiesen. Aber deine Reise zur wirklichen Weisheit hat gerade erst begonnen. So wie du mir geholfen hast, kannst du auch noch vielen weiteren helfen, sprichwörtlich über ihren Schatten zu springen."
Er dreht sich zu Krabat um und sieht ihn ernst an. "Krabat, ich danke dir. Deine Liebe war mir ein Leuchtfeuer in der Finsternis. Du hast mir aus dem Leid herausgeholfen und mir eine Freude gezeigt, die größer ist als diese Welt. Ich wünsche dir, dass die Quellen deiner Kraft nie versiegen mögen."
Er umarmt seinen Meisterschüler noch einmal. Im selben Moment rollt unter donnerndem Hufschlag und Peitschenknallen der Karren des Gevatters auf den Hof. Er ist leer, doch ansonsten ist alles wie in allen anderen Neumondnächten zuvor auch. Das Gefährt kommt neben ihnen zum Stehen.
Die beiden Männer lösen ihre Umarmung. Ein letztes Mal noch sieht der Meister Krabat an. Ein neues, frisches Feuer glüht in seinen Augen auf. Dann springt er neben dem Gevatter auf den Kutschbock.
"Endlich", raunt der Tod mit einer Stimme wie glühende Kohlen und klirrender Frost. "Endlich kommst du."
Bevor der Wagen anfährt, dreht sich der Meister noch einmal zu Krabat um. Er lächelt, als er sagt: "Leb wohl, Zaubererbruder."
Ende
So reitet der Gevatter
Am Ende auch zu mir,
Geht, öffnet ihm die Gatter
Und öffnet ihm die Tür!
Ich bin von Herzen müde.
Das Ende ist erreicht.
Der Schnitter, wie im Liede,
Macht alle, alle gleich.
So will ich von dem Bösen
Und Schlechten, das mich trieb.
Mich in der Hoffnung lösen,
Dass man mir noch vergibt.
Drum werft den Höllenzwang nun
In einen See so tief!
Ich will den letzten Gang tun,
Zu dem der Schnitter rief.
